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Full text of "Der Übergang vom Mittelhochdeutschen zum Neuhochdeutschen in der Sprache der Breslauer Kanzlei"

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NOTE  TÖ"  THE  READER 
FRAGILE 

THE  PAPER  l\  THIS  VOLUME  IS  BRIHLE 

PLEASE  HANDLE  WITH  GARE 

~ —  ^\ 


GernnistiSGlie  Abhandlungen 


bcgrändet 

Karl  V.^einhcld 

herausgegeben 

Ton 


XV.  Heft 


Der  Uebergang 


vom  Hittelhoehdeotsehen  zdid  Neohoehdentsehen 

io  der  Sprache  der  Breslauer  Kanzlei 


von 


Bruno  Arndt 


Bri'Hlan. 
Verlag  von  M.  &  H.  Marcus. 


Der 


Dberpng  m  litteMdeiiUeD  m 

iwkAUsAm 


in  der  Sprache  der  Breslauer  Kanzlei 


von 


Bruno  Arndt. 


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•  4 


Breslau. 
Verlag  von  M.  &  H.  Marcus. 

1898. 


Germanistische  Ahhandlungen 


begründet 

von 

Karl  Weinhold 

herausgegeben 
von 


XV.  Heft. 


Der  Uebergang 


vom  Mittelhoehdentsehen  zdid  NeDhoehdentsehen 

io  der  Sprache  der  Breslauer  Kanzlei 


von 


Bruno  Arndt 


Brf*8lau. 

Verlag  von  M.  &  H.  Marcus. 

1898. 


Der 


Sbergaog  vom  Hittelhoehdeukhen  zni 

NeuhoeMeDlsehen 


in  der  Sprache  der  Breslauer  Kanzlei 


von 


Bruno  Arndt. 


Breslau. 
Verlag  von  M.  &  H.  Marcus. 

1898. 


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I o591 5 


Vorwort. 


Die  DEchfolgenden  Untersachungen  über  die  Entwicklung 
der  Breslauer  Kanzleisprache  yom  Mittelhochdeutschen  zum  Neu- 
hochdeutschen entstanden  1896/7  und  wurden  nach  Ostern  1897 
Yon  der  Breslauer  philosophischen  Fakultät  als  Inaugural* 
Dissertation  genehmigt.  Als  solche  erschien  separat  gedruckt 
der  Abschnitt,  der  den  Vokalismus  behandelt  (Breslau  1897  bei 
M.  &  U.  Marcus). 

Die  Anregung  zu  diesen  Untersuchungen  gab  mir  Herr 
Prof.  Ür.  Vogt,  dessen  Ratschläge  mir  bei  der  Abfassung  der- 
selben Yorzttglich  von  Nutzen  waren,  und  dem  ich  auch  meinen 
besonderen  Dank  für  die  liebenswürdige  Nachsicht  ausspreche, 
mit  der  er  mir  beim  Druck  dieser  Arbeit  hilfreich  zur  Seite  stand. 

Ausserdem  danke  ich  Herrn  Dr.  Wendt,  Kustos  an  der 
Breslauer  Stadtbibliothek,  ftlr  die  schätzenswerten  Winke,  die 
er  mir  anlässlich  der  Benutzung  des  Handschriftenmaterials  zu 
teil  werden  Hess,  sowie  Herrn  Oeh.  Rat  Prof  Dr.  Orünhagen, 
der  mir  ftlr  das  Kapitel  »Wortschatz«  erwünschte  Nachweise 
aus  den  handschriftlichen  Wortregistern  des  Königl.  Staats- 
archivs zu  Breslau  zukommen  Hess. 

Ich  hoffe,  dass  meine  Arbeit  nicht  ohne  allen  Wert  für  die 
Kenntnis  der  Entwicklung  der  nhd.  Sprache  überhaupt  sein 
wird,  insofern  sie  manche  Schlaglichter  auf  das  Gesamtbild 
dieser  Entwicklung  fallen  lässt. 

Breslau  1898. 

Bruno  Arndt. 


Berichtigungen. 


S.  1,  Z.  9  u.  5  V.  u.  1.  Thime  st.  Thune. 

S.  34,  Z.  4  V.  0.  1.  au  st.  an. 

S.  57,  Z.  13  V.  0.  1.  marggrafen  (2)  st.  margrafen  (2). 

S.  69,  Z.  12  V.  u.  ].  iczunt  st.  iczundt. 

S.  71,  Z.  11  V.  o.  1.  dreisig  st.  dreissig. 

S.  82,  Z.  13  V.  o.  1.  umb  st.  umbe. 

S.  94,  Z.  3  V.  o.  1.  fromen  st.  formen. 


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•••     • 


im  Folgenden  handelt  es  sieb  am  eine  Untersnchang  des 
Überganges  der  Breslauer  Kanzleisprache  von  den  md.  Dialekt- 
formen ans  zn  der  nhd.  Schriftsprache.  Diese  Entwicklang  in 
ihren  einzelnen  Phasen  festzastellen,  ist  der  Zweck  dieser 
Arbeit. 

Die  Quellen,  die  ich  ftlr  die  Untersuchung  benutzt  habe, 
sind  Handschriften  aus  der  Zeit  von  1352 — 1560.  Sie  gliedern 
sich  nach  Zeit  und  Charakter  in  4  Gruppen:  A,  B,  C,  D. 

Unter  A  sind  2  Urkunden  aus  den  Jahren  1352,  1359  zu- 
sammengefasst. 

Sie  sind  dem  Copialbuch  (Breslauer  Stadtarchiv  D  2)  ent- 
nommen, das  um  die  Mitte  des  14.  Jahrhunderts  in  Breslau 
entstand.  Es  enthält  Originalurkunden  und  deutsche  Über- 
setzungen von  lateinischen  Texten,  wobei  die  deutschen  und 
lateinischen  Texte  nebeneinander  gestellt  sind.  Das  Copialbuch 
ist  eine  Pergamenthandschrifk  und  zeichnet  sich  im  Gegensatz 
zu  den  Signaturbttchern  durch  saubere,  schöne  Schrift  aus. 

Unter  B  sind  zusammengefasst  die  streng  md.  Urkunden 
des  Thune  von  Coldicz  und  der  Breslauer  SignaturbUcher  aus 
den  Jahren  1389 — 1447,  wie  sie  von  Stobbe  in  der  Zeitschrift 
fUr  Geschichte  und  Altertum  Schlesiens  Bd.  VI — X  heraus- 
gegeben sind. 

Die  Urkunde  des  Thune  von  Coldicz,  houptman  von  Breslow 
(Breslauer  Stadtarchiv  N  27  b — h  [M  9  c^]),  stammt  aus  dem 
Jahre  1370.  Über  die  Signaturbücher  vgl.  die  einleitenden  Be- 
merkungen Stobbes  in  der  Zeitschr.  f.  Gesch.  u.  Alt.  Schles.  B.  VF. 
S.  335  ff. 

Arndt,  Entwicklunfr  der  BreaUuer  Kanzleisprache.  1 


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•  _  •. 


•2 


•    • 


•  •    •  •       ,    • 

.  •  Der  Teit,"  den  Stobbe  in  jenen  Bänden  von  faistorücben 
/'•/••VV^^^^^^PU^i^^^Q  aus  yeröffentlicbt  hat,  ist  jedoch,  wie  aas  einer 
!\  :';.,.•'•'  Vergleichung  mit  den  Handschriften  (Breslauer  StadtarchiT  G  5) 
hervorgeht,  Air  eine  sprachliche  Untersuchung  sehr  fehlerhaft 
wiedergegeben.  Ich  habe  daher  nicht  den  Stobbescfaen  Text 
sondern  die  entsprechenden  handschriftlichen  Originale  untersacbt 

Es  erscheiot  verlockend,  die  Entwicklung  während  des  Zeit- 
raumes 1389 — 1447  nach  den  einzelnen  Stadtschreibem  za  ver- 
folgen, die  jene  Urkunden  geschrieben  haben,  znmml  da  der 
weiteren  Untersuchung  Eschenloers  Urkunden  vorgelegen  hmben. 

Dieser  Gesichtspunkt  lässt  sich  aber  nicht  festhalten. 

Wie  aus  der  Abhandlung  von  Alwin  Schulz:  Die  BresUaer 
Stadtschreiber  im  14.  und  15.  Jahrhdt.  fZeitschr.  d.  V.  £  Gewh. 
n.  Alt  Sehles.  B.  X,  S.158  ff.)  hervorgeht,  sind  stets  zwei  Stadt« 
Schreiber  angestellt  gewesen.  Ausserdem  aber  folgten  sich  die 
einzelnen  Schreiber  im  Amte  nicht  so,  dass  der  Nachfolger  erst 
beim  Tode  bezw.  Amtsaustritt  des  Ersten  eintrat  sondern  die 
Thätigkeit  des  einen  griff  in  die  des  andern  über. 

Um  dies  deutlich  zu  machen,  will  ich  im  Folgenden  die 
Parallelreihen  der  Stadtschreiber  nebeneinander  stellen. 

Die  eine  Reihe  wird  ausgefüllt  von  Paul  Lynke  1384  bis 
1489  und  Jacobus  Haselberg  1408—1463. 

Die  zweite  Reihe  bilden  Erasmus  1370—1391.  Von  1391 
bis  1400  ist  eine  Lücke,  während  der  Lynke  allein  angestellt 
gewesen  sein  mag. 

Sodann  Nicolaus  Hubener  1400—1409. 
Jacob  Haselberg  1412—1427. 
Peter  1417—1424. 
Johannes  Lozak  1422—1437. 
Vincencius  Bela  1424-1433. 
Peter  Heger  1431—1453. 

Diese  Parallelreihen  erklären  daher  die  Unmögliefakeit,  die 
einzelnen  Texte  nach  den  Autoren  zu  sichten.  In  den  Hand- 
schriften stehen  auch  unvermittelt  nebeneinander  Texte  von 
verschiedener  Hand,  und  wir  haben  keinen  Anhalt  daf&r,  wem 
der  eine,  wem  der  andre  zuzuweisen  ist.  Auch  handelt  es  sieb 
ja  bei  unserer  Untersuchung  nicht  darum,  die  Sprache  der 
einzelnen  Schreiber,  jede  für  sich,  zu  betrachten,  sondern  es  soll 


ein  Bild  der  Entwicklung  der  Breslaaer  Kanzleisprache  im 
grossen  nnd  ganzen  gegeben  werden.  Anf  etwaige  fremde  Ein- 
flüsse, die  ihren  Omnd  in  der  HerlLunft  der  Stadtschreiber 
haben  können,  habe  ich,  soweit  sie  Überhaupt  mit  Sicherheit 
sich  nachweisen  lassen,  in  der  Untersuchung  selbst  aufmerksam 
gemacht 

Als  nächste  Etappe  der  Entwicklung  wurden  Eschenloers 
Urkunden  nnterancht,  soweit  sie  in  den  Script,  rer.  Silesiac. 
B.  XII  Yon  Dr.  Kronthaler  und  Dr.  Wendt  veröffentlicht  sind. 
Sie  führen  in  unsrer  Untersuchung  den  Buchstaben  C  und  um- 
fassen die  Jahre  1470—1477,  stammen  also  aus  der  letzten 
Zeit  Yon  Esch.  Thätigkeit  und  geben  darum  ein  festes,  ab- 
geschlossenes Bild  seiner  Schreibweise. 

Eschenloer  selbst  ist  zwar  Nürnberger  Kind,  ist  aber  schon 
in  seiner  Jugend  nach  Schlesien  gekommen.  Sein  Vater  Nikolaus 
Hess  sich  in  Görlitz  nieder;  Peter,  der  zweite  Sohn,  erhielt  eine 
gelehrte  Erziehung,  erwarb  die  Magisterwttrde  und  wurde  wahr- 
scheinlich 1453  Rektor  der  Görlitzer  Stadtschule. 

1455  übernahm  er  an  Stelle  des  verstorbenen  Peter  Heger 
das  Amt  eines  Stadtschreibers  zu  Breslau,  das  er  bis  1481 
inne  hatte. 

Über  Esch.  Leben  nnd  Thätigkeit  vgl.  A.  Schultz:  Einige 
biograph.  Nachrichten  über  den  Breslauer  Stadtschreiber  Peter 
Eschenloer  (Zeitschr.  d.  V.  f.  Gesch.  u.  Alt.  Schles.  B.  V,  S.  57  ff.) 

—  ganz  besohders  aber  die  Einleitung  zu  der  Historia  Wratis- 
laviensis  von  Magister  Peter  Eschenloer,  herausgegeben  von 
Dr.  H.  Markgraf  in  Script,  rer  Silesiac.  B.  V,  Breslau  1872. 

Esch.  Sprache  ist  die  der  Breslauer  Kanzlei.  Die  Unter- 
suchung zeigt,  dass  sie  sich  ohne  weitere  Besonderheiten  in  die 
sprachliche  Entwicklung  glatt  einordnet. 

Aus  der  Zeit  nach  Esch.  sind  die  SignaturbUcher  nicht  aus 
allen  Jahren  erhalten.  Es  fehlen  die  Jahre  1480—1489  und 
1495 — 1500.  Der  sprachlichen  Untersuchung  wurden  daher  unter 
dem  Buchstaben  D  zu  Grunde  gelegt  die  Handschriften  aus  den 
Jahren  1490,  1494,  1507,  1510,  1515,  1520,  1524,  1580,  15/ 
1640,  1545,  1550,  1655,  1560.  —  Stadtschreiber  ans  ^ 
Zeit  sind:  Gregorius  Morenberg  1494—1518.  —  S.  Pr&fl^ 

—  Laurentius  Corvinus  t  1528.   —   Vipertus  SA^ 


I 


830. ff 
G373 


1 


12.  H.  Rückert:  Entwarf  einer  systematischen  Darstellung  der 
schlesischen  Mundart  im  Mittelalter.  Mit  einem  Anhange 
von  P.  Pietsch.    Paderborn.    (Rück.  Entw.) 

13.  6.  Waniek:  Zum  Vokalismus  der  schlesischen  Mund- 
art.    (Wa.) 

14.  K.  Weinhold:  Mhd.  Grammatik.  2.  Aufl.  Paderborn  1883. 
(W.  mhd.  Gr.) 

15.  K.  Weinhold:  über  deutsche  Dialektforschung.  Wien  1853. 
(W.  Dial.) 

16.  Wilmanns:  Deutsche  Grammatik.     2.  Aufl.     1897. 

17.  Wilmanns:  Kommentar  zur  Preussischen  Schulorthographie. 
Berlin  1880. 


Ich  wende  mich  nun  zu  der  Untersuchung  der  Gruppen 
A,  B,  C,  D. 

Vokalismus, 
a. 

a  =  mhd.  a  bietet  keine  Besonderheiten. 

Über  umlautloses  a  vgl.  e  =  mhd.  e. 

Sehr  selten  tritt  o  für  a  ein.    Nur  in  vorfollen  1437;  jormorgt 

1476  —  verochten  1473. 

Ausser  diesen  3  Worten  ist  belegt  Olbrechte  1437  — 
Olbricht  1520  (2).  Doch  ist  dieser  Name  in  dieser  Gestalt  auch 
ins  nhd.  übernommen. 

Schliesslich  ist  noch  zu  nennen  dor  (in  Zusammensetzungen 
z.  B.  doran,  dorumbe,  dorczu  etc.).  A  13ö2  (2),  1359  (2). 
B  1370,  1389,  1393  (4),  1396,  1399,  1403  (5),  1408  (9),  1410, 
1411,  1413(2),  1414(2),  1417(25),  1418(6),  1420(3),  1421(8), 
1423(6),  1424(11),  1426(2),  1427,  1428(5),  1429(2),  1431(4), 
1433,  1437  (6),  1438  (2),  1440  (3),  1442  (4),  1445,  1447  (8). 
C  1470  (10).   1471  (14),   1472  (8),  1473  (3),  1474  (6),  1476  (4), 

1477  (9).     D  1490,    1507  (3),    1510  (2),    1515  (2),    1524  (5), 
1530  (3),  1534  (2),  1540,  1545  (2). 

Nach  1545  ist  mir  dor  nicht  mehr  begegnet.  Bei  der 
Verdunklung  des  a  zu  o  hat  in  diesem  Falle  die  Tonlosigkeit 
des  Wortes,  sowie  die  Analogie  von  do  mitgewirkt,  dem  mhd. 
da  und  do  zu  Grunde  liegen,  vgl.  S.  8,  9. 


Au  allen  Beispielen  geht  betror,  dass  o  nur  rot  r  und  I 
erscheint  Vgl  W.  mhd.  Gr.  §  30.  -  Wa.  §  20,3.  —  Rttck. 
Entw.  S.  31*. 

a  =  mhd.  a. 

Neben  dieses  a  tritt  als  md.  Eigentflmliehkeit  o,  das  sieb 
sehr  zih  hält  and  spit  rerschwindet  a  ist  an  nnd  fbr  sich  im 
l'bergewicbt.  doch  währt  es  geraome  Zeit,  ehe  es  allein  herrscht. 
Das  Nähere  wird  die  Statistik  xeigen.  W.  mhd.  Gr.  §  90.  — 
Rttck.  Entw.  S.  39.  —  Bahder  S.  50. 

Über  den  Lantwert  des  d  Tor  bestimmten  Konsonanten  vgl. 
Wa.  §  18. 

Beispiele  ans  schlesiscben  Denkmälern  späterer  Zeit  bringt 
Drechsl.  S.  2ö.  —  über  das  heutige  Schlesisch  Tgl.  W.  Dial. 
S.  28. 

hat  A  1352.  B  1370  (3),  1389  (2),  1392,  1393  (15), 
1394  (4),  1396  (3>,  1399  (3),  1403  (2),  1407  ^o),  1408  (14), 
1409,  1410  2),  1411(3),  1412(2),  1413(6),  1415(4),  1417(35), 
1418  (15),  1419  (6),  1420  (6),  1421  (9),  1422  ^6),  1423  (9), 
1424  (35),  1425  (S),  1426  (13),  1428  (2),  1429  (2X  1430  (4), 
1431  (8),  1433,  1434,  1436  (7),  1437  (2),  1438  (2),  1439  (3), 
1440  ^12),  1442  (24),  1444  (4),  1445  (19),  1446  (17),  1447  (2). 
C  1470  (2),  1471  (15),  1472  (25),  1476  (4),  1477  (11).  D  1790 
aOj,  1494(10),  1507(7),  1510  (8X  1515(7),  1520(4),  1524(14), 
1530  (19),  1534  (5),  1540  (2),  1550  (12),   1555  (6),  1560  (10). 

bot  B  1421,  1430,  1432  (4),  1435,  1437  (3),  1440,  1441  (3), 
1443  (4),  1445,  1447  (2).  C  fehlt.  D  1490  (4),  1507.  —  Seit 
1530  ist  die  gekürzte  Form  hott  belegt:  1530  (5),  1534  (6), 
1540  (13),  1545  (2),  1550. 

Beachtung  verdient,  dass  in  C  die  o-Form  fehlt 

Nach  1550  ist  mir  o  nicht  mehr  begegnet. 

rat  B  1389  (3),  1407,  1417  (3),  1419, 1420,  1421, 1422  (2), 
1423  '4),  1424  (S),  1426,  1428,  1429  (4),  1430,  1447  (2). 
C  1471  (2).  0  1494,  1510,  1515,  1524.  ratt  D  1530. 
rath  B  1417  (2),  1424  (6),  1436,  1446.  C  fehlt  D  1494 
1524,  1534. 

rot   B  1435.     C  fehlt.     D  1490  (3), 


rate  A  1352,  1359.  B  1389  (4),  1393,  1413  (2),  1417  (2), 
1421,  1424  (3),  1428,  1430,  1447.  C  1470  (2),  1471  (4), 
1477  (2).  D  1494,  1515,  1520. 

rote  nar  B  1389. 

rates  B  1417  (2),  1439,  1447.  C  fehlt.  D  1510  (3), 
1515,  1520  (2). 

rathis  D  1520.  ratbman  A  1352.  ratbmannen  A  1352. 
rathsfrund  D  1494,  1520.  ratsfrenndt  D  1530.  ratbsfrennd 
D  1540.  ratbe  D  1494.  raten  C  1471,  1472  (2).  A  1359. 
ratende  C  1471.    geraten  C  1471. 

Za  all  den  letzten  Formen  sind  die  o- Formen  nicbt  belegt. 
Aber  bansrotb  D  1520  —  ungerotben  D  1494. 

nach  B  1393  (4),  1394,  1396  (2),  1399,  1403  (5),  1414  (3), 
1417  (4),   1418  (4),    1419  (2),    1420,  1421  (2),    1422,  1423  (2), 

1424  (9),  1426  (3),  1428  (3),  1429  (2),  1430  (3),  1433  (2), 
1436,  1437  (5),  1439  (2),  1442  (8),  1445  (3),  1447  (6). 
C  1477  (3).  D  1490.  (6),  1494  (6),  1507  (5),  1510  (9),  1515  (8), 
1520  (3),  1524  (20),  1530  (21),  1534  (7),  1540  (9),  1545  (5), 
1550,  1555  (11),  1560  (5). 

noch  B  1370  (3),  1394,  1407,  1408  (6),  1410,  1411  (2), 
1413  (2),  1415  (2),  1417  (7),  1418  (3),  1419  (2),  1430  (3), 
1432  (5).  1433,  1436  (3),  1440,  1441  (4),  1444  (2),  1446  (5), 
1447.  C  1470  (2),  1471  (16),  1472  (5),  1473  (3),  1477  (5). 
D  1490  (2),  1507,  1510  (2),   1515  (2),  1520  (9),  1630  (3),  1550. 

Bemerkenswert  ist  die  Häufigkeit  von  noch  in  C.  Im 
Übrigen  ist  das  Zorücktreten  in  D  auch  ersichtlich. 

lassen  (lasen,  lazin)  B  1370,  1393,  1396,  1399,  1403  (3), 
1408,    1412,    1413,  1414,   1421,   1422  (2),    1423  (5),   1424  (4), 

1425  (2).  1426  (3),  1428,  1431,  1433  (3),  1437  (4),  1438, 
1439  (3),  1442  (2),  1444  (4),  1445,  1447  (3).  C  1471,  1477. 
D  1490,  1494,  1515  (2),  1524,  1530  (6),  1560. 

lossen  A  1352.  B  1417  (3),  1419,  1421,  1425,  1530  (2), 
1433,  1436  (2),  1441  (3),  1445,  1446.  C  1470,  1471  (5), 
1472  (2),  1476,  1477  (2).  D  1490,  1494,  1515,  1524  (2), 
1530,  1534,  1540,  1555. 

gelassen  B  1418,  1424,  1433, 1445  (3).  C  fehlt.  D  1494  (2), 
1515  (5),  1520,  1524  (7),  1530  (8),  1534  (8),  1540  (2),  1545  (4), 
1550,  1555  (3),  1560  (5). 


geloBsen  B  1430,  1431  (2),  1436,  1440  (3),  1443,  1444, 
1447  (2).  C  1470,  1472,  1476.  D  1490  (2),  1510,  1515  (3), 
1520  (4),  1530  (3),  1534  (2),  1540  (5),  1550,  1555. 

Das  Anwachsen  der  a- Formen  in  D  im  Gegensatz  zu  B,  C 
verdient  Beachtung. 

lasset  C  1476,  1477.    losset  C  1471,   1477.    losse  C  1471. 

gefraget  B  1393  (2).  aber:  frogen  B  1413  (2).  frogeten 
B  1413.    froge  B  1427. 

abende  B  1393  (2),  1396,  1417  (2),  1408,  1409,  1424, 
1429,  1437.  C  fehlt.  D  1490.  abnnde  B  1393  (3),  1396, 
1397,  1446.    abnnd   B  1399,  1433. 

owande  B  1399.  obinde  B  1419,  1420,  1421,  1426,  1431, 
1434  (2),  1442,   1446  (5).     C  1470,  1476  (2).      D  1515,   1524. 

Ein  abschliessendes  Urteil  Über  diese  Fälle  lässt  sich  nicht 
geben.  Es  sind  zn  wenig  Beispiele  belegt,  besonders  aas  der 
späteren  Zeit. 

jar  B  1370,  1407,  1408  (2),  1415,  1418,  1426  (2),  1428, 
1435,  1443,  1447.  C  fehlt.  D  1490,  1494  (2),  1510,  1620  (2), 
1524  (4),  1530  (5),  1534,  1540  (2),  1545  (3),  1555  (4),  1560  (2). 

ior    B  fehlt.    C  1472,  1476  (3).    0  1515  (2),  1530. 

Bemerkenswert  ist,  dass  Eschenloer  nur  die  o- Formen  kennt. 
Im  Übrigen  ist  das  Verhältnis  klar. 

iare  A  1352.  B  1370,  1408  (3),  1421,  1423,  1436  (2)» 
1445.     C  fehlt.     D  1510,  1524. 

iore    B  fehlt.    C  1471  (3),  1472,  1477.    0  fehlt. 

jares   B  1417,  1426  (2).     C  fehlt.     D  1530,  1534  (2),  1540. 

iores    B  fehlt.     C  1472.     0  fehlt.     Vgl.  oben. 

Auch  hier  also  ist  nur  die  o-Form  in  C  vertreten. 

iaren   B  fehlt.     C  1477.     D  1530,  1534,  1540. 

ioren  B  fehlt.  C  1472.  D  1530  (2).  Das  Verhältnis 
ist  klar. 

da  B  1399,  1413,  1446.  C  1471,  1473.  D  1490  (4), 
1494,  1507  (5),  1510,  1515  (2),  1520  (2),  1524  (8),  1530  (22), 
1534  (5),  1540  (4),  1545  (5),  1550  (6),  1560  (3). 

do  A  1352.  B  1370,  1389,  1393  (7),  1399  (2),  1403  (5), 
1407,  1408  (5),  1409  (3),  1410,  1411  (3),  1413  (3),  1414, 
1417  (8),  1418  (10),  1419  (2),  1420,  1421  (7),  1423  (6), 
1424   (10),    1426   (4),    1427    (6),    1428   (6),    1429    (4),    1430, 


1431  (3J,  1433  (6),   1434  (4),   1437,  1438  (3),  1441  (4),  1443, 

1446   (4).  C    1479   (8),    1471   (12),     1472   (26),    1473   (14), 

1474  (6),  1476  (6),    1477  (7).     D   1490  (4),   1494  (2),    1510, 

1515  (5),  1520,  1524  (3),  1530  (5),  1524  (4),  1540  (2). 

Das  Zurückgehen  von  do,  sowie  das  Anwachsen  von  da 
ist  aogenscheinlich.  Der  Charakter  von  do  ist  insofern  nicht 
ganz  klar,  als  es  nicht  nnr  mhd.  da  laaUich  vertreten,  sondern 
aach  dnrcb  das  temporale  dd  beeinflusst  sein  kann. 

getan  B  1418,  1421,  1424  (5).  1428,  1433,  1442,  1446. 
C.  1470  (3),  1471  (4),  1472  (4),  1473  (3),  1476,  1477-  (3). 
D  1560.  gethan  B  1476.  C  fehlt.  D  1490  (4),  1494  (2), 
1515,  1530,  1540,  1555  (7),  1560.  gethanen  D  1540,  1560. 
gethaner  D  1550. 

geton  B  1417,  1418,  1434,  1446.  C  fehlt.  D  fehlt,  gethon 
B  fehlt.     C  fehlt.     D  1534.    gethoner  0  1520.    gethoncn  D  1530. 

Die  o-Formen  erlöschen  vor  der  Mitte  des  16.  Jahrhdts. 

genaden  A  1352  (2),  1359  (2).  B  1370,  1421.  C  fehlt. 
D  fehlt  gnaden  B  1421  (3),  1424  (11),  1426,  1433,  1434, 
1437,  1443,  1446.  C  1471  (5),  1477  (4).  D  1530,  1534. 
gnoden  B  1408.    C  fehlt.    D  fehlt. 

gnade  B  1421,  1424  (2),  1439,  1446.  C  1470,  1471  (3), 
1477  (5).     D  1510,  1524.      gnode  B  1412.     C  fehlt.      D  fehlt. 

Das  Verhältnis  ist  also  auch  hier  klar. 

gedachte  D  1515  (2).  gedachter  D  1524,  1530  (5), 
1534  (2),  1550.  gedachten  D  1530,  1534,  1540,  1545.  ge- 
dachtem D  1530  (4),  1534  (2).  nnverdacht  B  1424.  obgedacht 
D  1530.    gedacht  D  1534.    unbedachten  0  1550. 

gedocht  C  1472.  gedochte  D  1490,  1507  (4),  1515  (3). 
gedochten  D  1530.  unbedocht  D  1540,  1550.  A  1352.  ge- 
dochter  D  1540  (2).      wolbedochtem    B    1417.     A   1352,  1359. 

Die  a- Formen  überwiegen. 

bracht  B  1397  1424  (2).  C  fehlt.  0  1530.  furbrachten 
D  1550. 

brecht  B  1408,  1417,  1424,  1427,  1433  (2),  1436,  1443  (4), 
1447  (2).  C  1470  (2),  1471  (3),  1472  (2).  D  fehlt,  brochten 
D  1490,  1515,  1520. 

Die  0- Formen  werden  also  von  den  a- Formen  abgelöst. 


10  

masse  B  1399  (2),  1403,  1408,  1409,  1414,  1417,  1419, 
1423  (2).    moBse  B  1419,  1421, 1432,  1436, 1445.    D  1490, 1510. 

mala  (in  Komposition  z.  B.  vormals  etc.)  A  1352.  B  1418, 
1424,  1426,  1432,  1444.      C   fehlt.     D   1494  (2),   1515,    1520. 

mols  A  1359.  B  fehlt.  C  1471,  1476,  1477.  D  1490, 
1520.     mol   B  fehlt.     C  1470  (2),  1473,  1476.     D  1534,  1540.^ 

Hervorzuheben  ist,  dass  C  nur  die  o- Formen  aufweist. 

waren   B  1417,  1429.    C  1470.     D  fehlt,  aber:  wahr  1534. 

woren  B  1417,  1424  (2),  1437,  1444.  C  1470  (2),  1471, 
1477.  (4).     D  fehlt. 

Nur  in  C  ist  belegt  worheit  1470  (2);  worhaftiglich  1477; 
worhaftiglichen  1471.     Dagegen:   warlich    1477;   worlioh  1471. 

Die  0- Formen  reichen  über  das  15.  Jabrhdt.  nicht  hinaus. 

gaben  D  1534.  goben  B  fehlt.  C  1472.  D  fehlt  gobe 
D  1510. 

strafen   B  fehlt.    C  fehlt.    D  1534.     straffe. D  1545. 

strofen  B  1421,  1435  (2).  bestrofe  B  1411.  C  1471, 
1477  (3).     D  fehlt. 

Das  Verhältnis  ist  auch  hier  deutlich  ersichtlich. 

Es  schliessen  sich  hier  die  Fälle  an,*  wo  a- Formen  und 
0- Formen  ohne  Korrelate  vertreten  sind. 

a- Formen:    bla    1313    —    saffran    1393    —    undirtanen 

1471  (4),  1473  (2),  1477  (3)  —  undirtanig  1477  —  undirtani- 
keit  1472  —  taten  1472  —  tat  1472  (2)  —  gehat  1424  (2), 
1426  —  goltschlaer  1530  —  dromelschlaer  1530. 

0- Formen  sind:  woge  1352  (2)  —  nedirloge  1359  — 
swoger  1408,  1436,  1445  (2),  1490,  1515  (2)  —  schwoger  1507, 
1524  -  schwogers  1507  —  yo  1393,  1414,  1424  (2),  1471  (4) 
—  voriochen  1473  —  Strosse  1423,  Strossen  1436,  1443  — 
strosplackerey  1476  —  bobist  .1470,  1471,  1472  (2)  —  hobst 
1470,  1471,  1472,  1477  —  bobistes  1471  (3),  1472  —  smocheit 
1435,  1470,  1471  —  nockborschaft  1471  —  nockboren  1471  (2), 

1472  —  nockweren  1477   —  nohen  1472. 

Die  Mehrheit  der  Beispiele  stammt  also  aus  C.  Nur  sehr 
wenige  reichen  in  den  Anfang  des  16.  Jahrhdts.  hinein. 

Es  zeigt  sich  also  auch  hier,  was  als.  Resultat  der  all- 
gemeinen Statistik   ausgesprochen   werden   kann^    dass   um   die 


_    11 

Mitte  des  16.  Jahrhdts.  die  a- Formen  herrscbeDd  geworden  sind. 
Möglieberweise  erscheint  noch  nach  diesem  Zeitpankt  hier  and 
da  eine  yereinzelte  o-Form,  an  der  Thatsache  an  sich  kann  das 
nichts  ändern. 

Die  Länge  des  a  beruht  bisweilen  auf  Kontraktion. 

ä  <  abe:   han  1852  (2),  1393;   hat  (vgl.  oben). 

ä  <  ahe:   beslan  1393;   emphan  1408  etc. 

ä  <  age:  betadingen  1507,  1510,  1524  etc.  Vgl.  W.  mhd. 
Gr.  §  33. 

a  =  mhd.  ä,   nhd.  ö. 

ane  A  1342.  B  1396  (2),  1401,  1403,  1407,  1411, 
1413  (2),  1414,  1417  (6),  1418  (3),  1419,  1420  (2),  1423  (3), 
1424  (3),  1428  (2),  1429  (2),  1430,  1432  (2),  1436,  1437, 
1440  (2),  1440,  1446  (2).  C  1471  (7),  1472  (2),  1473  (5), 
1476,  1477  (6).  D  1490  (2),  1494,  1507,  1510,  1515  (2), 
1524  (5),  1530  (2),  1560.  ahne  D  155ö,  1560. 

Daneben  erscheinen  die  o- Formen: 

oue  B  1421,  1433.  C  fehlt.  D  1507,  1534  (2),  1540  (2). 
ohne  D  1507. 

Nhd.  0  ist  durchaus  durchgedrungen  in  wo  1417,  1424, 
1427,  1437,  1471  (3),  1476  (2)  etc. 

Ferner  sind  belegt  montag,  monat  (in  allen  Jahren);  aber 
schon  mhd.  stehen  nebeneinander  mäntac,  möntac  —  mänöt, 
mönöt. 

a  =  mhd.  e. 

bekart  1477  —  widerkart  1471. 

Über  diese  Erscheinung  vgl.  Weinhold  mhd.  Gr.  §  101. 
—  Drechsl.  S.  21. 

a  =  mhd.  e. 

salb  1444  —  salbander,  salbdritte  1444. 

Also  nur  in  B.  In  der  Regel  tritt  a  ein,  wenn  c  vor  ge- 
decktem 1  (und  r)  steht.  Dieser  Vokalwechsel  ist  selten. 
Rück.  Entw.  S.  24.  —  W.  mhd,  Gr.  §  49. 

a  =  mhd.  o. 

gesprachen    B  1389,  1393  (2),  1443. 
Diese  Form  stirbt  ab.    Nach  1443  ist  nur  noch  gesprochen 
belegt.    Dagegen  ist  sehr  zäh: 


12 

nach  B.  1385,  1393,  1394,  1414,  1421,  1424  (21),  1426  (3), 
1428  (4),  1443.  C  1476.  D  1490  (2),  1494  (5),  1510  (5), 
1515,  1520,   1524  (11),  1530  (8),  1534  (6),  1555  (2),  1660  (2). 

Nnr  1530  ist  noch  belegt,  doch  kann  »ach  ein  Schreibfehler 
vorliegen. 

adir  B  1370,  1399,  1401,  1403,  1413,  1417,  1424  (6), 
1426,  1428  (2),  1429,  1431,  1435  (2),  1439,  1441  (3),  1445, 
1447  (2).     C  1470,  1471  (2),  1472  (3),  1473  (4),  1476.     D  fehlt. 

ader  B  1399  (23,  1403  (2),  1407,  1411,  1414,  1420  (3), 
1421,  1422,  1424,  1426,  1430,  1435  (2),  1436,  1439,  1441, 
1442,  1444.  C.  1470  (3),  1471  (8),  1473,  1477.  D.  1490,  1494, 
1507  (3),  1510  (3),  1515  (3),  1520  (2),  1524,  1534. 

Sehr  spät  erscheint  die  obd.  nnd  nbd.  Form: 

oder    0  1530  (3),  1534,  1540,  1545  etc. 

ap  B  1399,  1411,  1417  (3),  1418  (2),  1419,  1420  (2), 
1421  (2),  1425,  1428  (2),  1430,  1432  (3),  1435,  1436,  1439  (2), 
1442,  1447  (3).  C  1470,  1471  (11),  1472  (3),  1473  (2),  1476, 
1477  (6).     D  1490,  1494,  1515,  1520  (3). 

ab  B  1393,  1396,  1399,  1401,  1403,  1408,  1413,  1417, 
1421,  1423,  1424  (2),  1429,  1437,  1445.     C  1476.     D  fehlt. 

Auch  hier  erscheint  die  o-Form  ziemlich  spät: 

op    C  1471.     ob   D  1534,  1545. 

Die  a-Formen  erlöschen  demnach  im  Beginn  des  16.  Jahrhdts. 

tachter  B  1417.  C  fehlt.  D  1490  (2),  1507  (5),  1610  (2), 
1515  (3),  1520  (4),  1524  (5),  1555  (2),  1560.     tachtere  D  1490  (2). 

Im  16.  Jahrhdt.  werden  die  a -Formen  durch  die  o -Formen 
verdrängt: 

tochter    0  1530  (4),   1534  (2),  1540  (3),  1555  (2),  1560  (2). 

dach    B  1421.     C  fehlt.     D  1490  (2),  1494,  1620. 

Die  gewöhnliche  Form  ist  doch. 

mitwachen    B  1424,  1426  (2).    C  fehlt. 

mitwach    D  1490  (3). 

Die  o-Form  ist  das  gewöhnliche  und  ist  im  16.  Jahrhdt. 
allein  belegt. 

aben    B  1396,  1443.     C  fehlt.     D  fehlt. 

Ausser  den  2  Beispielen  ist  nur  die  o-Form  vertreten. 

Über  a  in  den  angefahrten  Fällen  vgl.  Rttck.  Entw.  S.  25, 
26.  —  W.  mhd.  Gr.  §  67.  —  Bahder  S.  50. 


13 

Noch  andere  Fälle,  in  denen  a  =  mhd.  o  ist,  bleiben  für 
die  Besprechung  übrig. 

sal  A  1359  (2).  B  1389  (3),  1390,  1393  (2),  1396  (6), 
1399  (4),  1403  (9),  1407  (2),  1408  (3),  1409  (4),  1411  (4), 
1414,  1417  (10),  1418  (4),  1419  (2),  1421  (2),  1422  (5), 
1423  (7),  1424  (7),  1425  (2),  1426  (4),  1428  (2),  1430,  1432  (3), 
1433, 1435, 1436  (2),  1439,  1441  (2),  1445, 1447  (3).  C  1471  (9), 
1472,  1476  (2),  1473  (3).  D  1490,  1494,  1507  (3),  1510  (5), 
1515  (3),  1520  (2),  1524  (5).    salt   B  1426. 

Seit  C  erscheint  die  o-Fonn  and  wird  im  16.  Jahrhdt. 
herrschend. 

sol  B  fehlt.  C  1477.  D  1530  (5),  1534  (2).  soll 
D  1530  (7),  1534  (8). 

Seit  1534  ist  die  o-Forro  durchgedrungen. 

bevalen    B  1-394.     C  fehlt.     D  fehlt. 

Die  o-Form  ist  herrschend. 

derhalen    B  1419. 

Ebenso:  van  B  1403,  1426,  1437,  1442.     C  fehlt.     D  fehlt. 

Die  gewöhnliche  Form  ist  von. 

Über  a  in  den  letztgenannten  Fällen  (von  sal  an)  vgl.  W. 
mhd.  Gr.  §  30.  —  Wa.  §  22,  10.  -  Bahder  S.  50. 

Ich  schliesse  mich  in  der  Trennung  bezw.  Nebeneinander- 
stellung von  gesprachen  etc.  und  sal  etc.  der  Auffassung  Wein- 
holds  an,  der  im  ersten  Falle  in  der  Schreibung  a  die  Neigung 
erkennt,  o  offener  nach  a  hin  auszusprechen,  im  zweiten  Falle 
die  Abneigung,  die  gemeindeutsche  Senkung  des  a  zu  o  im  md. 
wirken  zu  lassen.     Vgl.  W.  mhd.  Gr.  a.  a.  0. 

e. 
e  =  mhd.  e  ist  sehr  zahlreich  belegt  während  der  ganzen  Zeit. 

helse,  mechtig,  gesellen,  gefenknis,  veter,  genczlich,  kerling, 
eldisten,  nemlich,  entlichen,  veterlichen,  spenne,  gelestert;  schetzer, 
mentler  etc.  etc. 

Seit  dem  Ende  des  15.  Jahrhdts.  erscheint  der  jüngere  Um- 
laut, der  durch  ä  bezeichnet  wird. 

Frangk,  S.  98,  setzt  diese  Schreibung  als  die  regelmässiger 
an:  »Das  a  |  mit  dem  kleinen  e  {  odder  zweien  pUnktlin  ;  wie 
obenuermeldt  j  bezeichnet  |   wird   gebraucht  |  jnn    deriuatiuis   < 


14 

das  ist  {  juD  den  Worten  {  so  ir  ankunfflt  von  andern  nehmen  ' 
als  die  namen  |  so  jnn  die  gemehrte  zal  |  oder  auch  aduerbia 
treten  und  absteigen  {  darinne  das  a  braucht  wird  etc.« 

väterlich  1494;  väterlichen  1494,  1524,  1560  (2);  väterliche 
1507;  tochscbilser  1510. 

Oft  fehlt  der  [Tmlani  ganz.  Im  älteren  Schlesisch  sind 
solche  Formen  verhältnismässig  selten.  Vgl.  Rück.  Entw.  S.  23, 
24.  —  W.  mhd.  6r.  §27:  Dem  Umlaut^ widerstrebt  das  md.  etc. 

—  Bahder  S.  4,  50. 

Über  den  jüngeren  Umlaut  ä  und  sein  Verhältnis  zum 
älteren  e  vgl.  Bahder  S.  104.  -  Wilm.  Deutsch.  Gr.  §  192  ff., 
§  198  flf. 

über  den  Stand  im  heutigen  Schlesisch  vgl.  Wa.  §  21.  — 
W.  Dial.  S.  22. 

Beispiele:  gewartig  1439;  geschatzet  1423;  harmbalge 
1440  (5);  harmbalgen  1440;  geschanckt  1441;  nämlich  1515  (2); 
vaterlichs  1520;  geschaczt  1520  (2);  schaczung  1520;  vater- 
lichen 1530  (2),  1534;  vaterlich  1530;  onschadlich  1530; 
taglich  1534,  1520;  unnlanngst  1545;  Unterhändler  1560. 

Analogie  wirkt  Umlaut  in  stathelder  1429  (4),    1471,    1507 

—  beheldet  1408  —  schumecher  1428  —  Stellemecher  1417  — 
denne,  wenne  (sehr  zahlreich).     Vgl.  W,  mhd.  Gr.  §  28. 

Als  unechten  Umlaut  bezeichnet  dort  W.  auch  erbeit 
1424,  1436. 

Im  Verlaufe  des  16.  Jahrhdts.  erlischt  dieser  Umlaut  und 
die  a- Formen  treten  ein;  z.  B.  tuchmacher  1530  —  stad- 
halters  1530. 

Dehnung  des  e  findet  sich  nur  in  C. 

beere  1470,  1472  (4),  1477  —  heeris  1477  —  beeren  1477 

—  gescheege  1477. 

Die  Doppelschreibung  bezeichnet  hier  die  Länge. 
Vgl.  Rück.  Entw.  S.  101. 

e  =  mhd.  ö. 

begern,  ledig,  recht,  gegeben,  nemen,  vorfechtin,  recht,  ferre, 
vormeser,  lebit  etc.  etc. 


16 

Über  die  Verschiedenlieil  der  Lautwertc  von  e  =  nihd.  e 
and  mhd.  =  (5  vgl.  W.  mhd.  Gr.  §  41.  —  Grdriss.  §  26.  — 
Femer  vgl.  S.  14.  —  Über  die  weitere  Entwicklung  vgl. 
Drecbsl.  S.  12. 

Darob  Eonsonantenausfall  and  Vokalzasammenziehang  er- 
giebt  sieb  e  in  Formen  wie  czen,  gesen,  gescben,  gen 
«  gegen)  etc.    Vgl.  W.  mbd.  Gr.  §  52. 

e  =  mbd.  ». 

were,  weren,  teten,  ongerete,  neme,  nebst,  nest,  sebet  (mbd. 
ssejen,  ssewen),  stete ,  vorreter,  kweme,  gedecbtnis,  begebe, 
jerlicb,  Tbome,  Marie,  gesmebit,  gnedig,  brecbte  etc. 

Weitere  Beispiele  bei  Drecbsl.  S.  22.  —  Über  die  6e- 
scbicbte  dieses  Umlaates  vgl.  Grdriss.  §  32. 

md.  ist  ancb  freigrefe  1442;  freigrefen  1442.  Vgl.  bierza 
W.  mbd.  Gr.  §  93.  (greve  <  grävio.)  In  späterer  Zeit  sind 
diese  Formen  nicbt  mebr  belegt. 

Scbreibang  ä  nur  bawsgerätbe  1515  —  jhärigen  1560  -— 
neunjärieges  1560. 

Dagegen  feblt  der  Umlaut,  und  zwar  aucb  nur  in  der 
späteren  Zeit  (16.  Jabrbdt.)  in  saliges  1515,  salige  1524,  jarlicbs 
1494,  1510,  1515,  1524  —  jarlicb  1534  —  gnadiger  1634.  — 
W.  mbd.  Gr.  §  94. 

e  =  mbd.  e. 

mer,  czwene,  elicb,  stet,  get,  ewiglicb^  eren,  erwirdige, 
erbam,  ersamen,  erste,  keren,  eb,  sere  etc.  etc. 

Vielfacb  findet  sich  die  Schreibung  ee;  vgl.  Rück.  Entw. 
S.  101  —  Babder  S.  5. 

Analogiebildung  oder  nur  graphische  Bezeichnung  liegt  vor 
in  folgenden  Fällen: 

steen   1417,    1424,    1447,    1470   (2),    1471    (3),    1472   (3), 

1473  (2),  1474  (2),  1476  (5),  1477  (6),  1507,  1530  (2)  — 
steet  1471,  1477  (2),  1530,  1540  —  geen  1424  (2),  1434,  1470, 
1471,  1472,  1530,  1534  (2)  —  geet  1520  ~  gescheen  1433, 
1442   (2),    1447   (2),    1470   (3),    1471   (9),    1472  (2),    1473  (6), 

1474  (2),  1477  (9),  1490,  1494,  1510,  1515,  1524  (2),  1530, 
1550  —  gescheenem  1634  —  geschee  1473,  1477,  1510  — 
eegelde  1445  —  eelichen  1524, 1530  —  eelich  1540  —  meer  1472. 


16 


In  allen  diesen  Fällen  findet  sich  auch  tremiCBdes  k 
Keftcheben  1490,    1530,    1550   —  geh«  1494    2,  1534  - 

«tehen  1490   —   meher  1494  —   ehe  1534,  1555  —  eheweibc« 

ir>l5,  lf)40  (2)    -    eheweib  1540    2),  1530   -    ebewuui  1520, 

'•'>24  -   Htohet  1530. 

Andere    Fälle   sind:   czwec  1494    2,  1507.  1524   —  xwe« 

\:f:U)   (2)    —    czween    1440,    150L    1510,    1520,    1524   ,2i 

fy.f^vn  1494  (2).     Vgl.  Rück.  Entw.  S.  102. 

Anrli   in  diesen   letzten  Fällen  ist  ee  wohl  weniger  Voka 
/^rdfJiniinK,  aI**  vielmehr  Bezeichnnng  der  Liage  darch  Do|) 
A<'lir#*ihiirif(.     Denn   neben   den  ee-Formen  stehen  die  dnCiehe —    ^ 
'■  i^*fffupu\  %.  B.  czwen  1438  —  czwehn  1520 —  exwe  1423,  14 
»^HM;;;^   f./i.|,n  1417,  1446,  1490,  1510  s\\  1524  i4>  etc. 

//Md#«rri    jAt   in  wees   1471   sicher  nnr  die  Länge  durch 

Drirrh   Kontraktion    entsteht   e   in   Lenhnrden    1415  ^2) 
'ffU^\p   \YM),   \\?A  (nihd.  nrvehede  . 

'•  rnhd.   i,  v^l.  i. 

^         rnlid.  üi. 

'hfUfusiuic/'A  bewirkt  den  (bergang  Ton  ei  m  e  in  enande 
H  \'\%',    2  ,  1414,  1417  (2),  H24  (2\  142S  .4).  1435,  1436(2)^ 
A//i     1442  4.  1444^2;,   1415^2),  1446.21.    C   1470,  1471(3), 
\Vr%    Wil  f?pj.     D  149(J  2;,  1494,  1507  .2>,  1510(3),  1515(2), 

r^H  ':%, 

1/,*:  F'/rtii  'einander  bricht  sich  erst  spät  Bahn  nnd  ver- 
M\^^'  m  Ifß.  Jahrbdt.  die  geschwächte  Form:  D  1535  (3), 
,'Af/  '♦)    1545,  1555  etc. 

*   :r   #3  iD  der  Tonsilbe. 

w^s^  1471.  —  Renold  1540. 

Jj»  *atw*  1423.  1494,  1510  '3>  —  czwen  1438  —  czwehn 
y/jfß  —  wird  aoefa  nihd.  zwcne  eingewirkt  haben. 

^f0lt0tm:lglfX.  betedioget  1423  —  betedingt  1534  —  bete- 
^m^m  14M.  1530.  1550.  —  Daneben  findet  sich  die  Schreibung 
hlilffimtlfsi   alkrdings^  nnr  1524    6i. 

\:h09  e  =r  »bd.  ei  rgl.  W,  mbd,  Gr.  §  9*.  —  W.  Dial,  S.  32. 

i  ygi  vfgtbni  in  Henrich  1422.  1424  i^)  —  Henrichen 
1414  -*  uwcrrii:  13£«6  «T^u 


t  Diese  Formen  bleiben  demnach   auf  die  früheste  Zeit  be- 

"        schränkt.     W.  mhd.  Gr.  §§  102,  124.  —  Grdriss.  §  87. 

e  =  mhd.  t. 

czwetracht  1477  (2),  1507  —   czwetrechte  1471,  1473  (2), 
1477  —  Swedniez  1424.   W.  mhd.  Gr.  §  107  —  Rück.  Entw.  S.  32. 

e  =  mhd.  ö. 

mechte  1407.     W.  Dial.  S.  33. 

Doch  kann  mechte  aach  zu  mhd.  mehte  gestellt  werden. 

e  =  mhd.  ce. 
hechste  1477. 
Nur   dieses  eine  Beispiel  ist  belegt.    W.  mhd.  Gr.  §  116. 

—  W.  Dial.  S.  35. 

1. 

Die  Schreibung  ist  i,  j,  y  flir  kurzes  und  langes  i.  j  und 
y  Mrerden  im  16.  Jahrhdt.  seltener.  Nach  Drechsl.  S.  23  setzt 
Scherffer  y  für  t;  diese  Beschränkung  trifft  flir  unsere  Denkmäler 
niott  zu. 

i  =2  mhd.  i. 

Dieser  Lautwert  ist  der  gewöhnliche  und  überaus  häufig 
l^^l^gt  Einige  Beispiele:  sint,  wirde,  sigel,  wider,  gerichtet, 
^i^%^  diser  (dises  etc.),  frid,  spil^  bringen,  ligen,  geschriben,  wirt, 
ni^cr,  vil  etc.  etc. 

Md.  Charakteristikum  ist  e  flir  i.    Vgl.  W.  mhd.  Gr.  §  56. 

—  Bahder  S,  3.  —  Wilm.  Deutsch.  Gr.  I»  §  222,  1. 

Das  e  herrscht  yor  in  B,  in  C  sind  mir  nur  zwei  Beispiele 

begegnet;   in  D  sind  ausser  den  Formen  en,   em,   er^   ehm  etc. 

tttkd  brengen  (vgl.  unten),  die  allein  von  allen  in  das  16.  Jahrhdt. 

hU^überreichen,  nur  vier  andere  Beispiele  belegt:  sebenczig  1490 

—   bieben  1490   —   wedir  1490  —   domete  1490.   —   Zudem 

stammen  dieselben  insgesamt  aus  einem  der  ersten  Jahre  von  D. 

Das  Resultat  ist  also,  dass  die  i- Formen  nach  dem  16.  Jahr- 
bundert  zu  immer  mehr  anwachsen,  bis  sie  im  16.  Jahrhdt.  selbst 
die  Herrschaft  inne  haben. 

Beispiele  für  e  zunächst  in  B:  weder  1389  (2),  1393  (2), 
1401,  1403  (3),  1407,  1408,  1411,  1413,  1414  (3),  1417  (3), 
1420,  1423  (2),  1426  (3),  1429  (3),  1431  (2)  etc.  —  geschreben 

Arndt,  Entwicklung  der  Breslauer  KanzleiBpraehe.  2 


18 


1359,    1389,    1398,    1408  (4),    1409,   1411  etc.   -   neder  1359, 
1408,  1411,    1417,  1419  (3),  1420,  1426  (2)  cic.  -  mete  1393, 
1399  (2),  1403,  1409,  1411  (2;  etc.  —  bieben  1399,  1409,  1415, 
1417  (2),   1423   etc.   —   Ferner:   desen,  wert,  rorewegen,  frede, 
Hincdc,  gcsneteO;  speien,  gebil,  Legnicz,  gent,  Fredridi,  braigeo  etc. 
C   czemet   1470  —  brengen  1471  (5),  1473,  1477. 
(Zu    brengeii    lässt    sieb   *brangjan    ansetzen,    wozu    aaeh 
prät.  bracbte  sehr  gut  stimmen  würde.) 
D   (vgl.  oben). 

brengen  1510,  1534,  einprengen  1524. 
Schliesslicb: 

cn    B    1403.       C    feblt      D    1490  (2),    1494  (7),    1507, 
1510  (Oj,  1515  (7),  1520  (2),  1524. 

cm    B    feblt.       C    fehlt.      D    1490,    1494  (8),     1507   (4), 
1510  (3j,  1515  (2),  1520  (2),  1524. 
cren   D  1507  —  er   D  1510. 

e    liegt    vor   in    elim  1520  (2),  1524  (4)  —   ehn  1507  (9^ 
1510,  1515  (:m,  1520  (2),  1524  (4),  1530  (2)    -   ehr  1530  (2). 
Die  e- Formen  nterben  also  vor  der  Mitte  des  16.  Jahrhdta. 
Hb.     Drccbul.  H.  23.  —  W.  Dial.  S.  36. 
i   —  mbd.  ö. 

in  i;}59,  1389,  1396,  1403,  1434,  1437,  1471  (6),  1472,  1510. 
dinjKit   1471.     W.  mhd.  Gr.  §  47.  -  Rück.  Entw.  &  34. 
i   -^  rnbd.  ie. 

Kellt  md.  int  auch  die  Monophthongierung  von  rnbd.  ie  zn  L 
Kn  nMuui  beide  Hebreibungen  nebeneinander,  und  es  ist  der  un- 
geheuren Anzahl  von  Beispielen  wegen  unmöglich,  alle  Fälle 
HtatiMtimib  zuiianimcn  zu  stellen.    A  hat  nur  i-Fonnen. 

Das  Auftreten  des  i  neben  ie  ist  auch  fllr  die  Aussprache  des  ie 
von  Wichtigkeit:    die  ie- Formen,  neben  denen  i- Formen  einher 
gehen,  wurden  Mieherlich  auch  monophthongisch  gesprochen.    Aus- 
drücklich bezeugt  ist  diese  Aussprache  schon  durch  Fab.  Frangk. 
Das  geht  aus  seiner  Kegel  (S.  98)  hervor:  »Desgleichen  wie  das  h  | 
algo  lengt  auch  das  e     wenns  nach  dem  i  |  am  End  eines  Worts 
odder  Silben   |   gesatzt  wird   |   als  hie   |   die  |  diebe  !  hiebey 
i^  I  etat     Diese  monophthongiseho  Aussprache   gilt   natürlich 
1  fllr  ie,  das  fllr  mhd.  i   gesetzt  wird.     Vgl.  unten  S.  20 
«V  mhd«  L 


19 

Dass  die  MoDopbthongierong  in  Schlesien  schon  im  14.  Jahrhdt. 
▼orhanden  war,  vgl.  Grdriss.  §  33.  Sodann  vgl.  Rück.  Entw. 
S.  37.  —  Wa.  §  34. 

Beispiele : 

dinen  B  1393  (2),  1396,  1408,  1417,  1420.  D  1494. 
dienen  B  1407,  1408  (3),  1409,  1417,  1442  (3),  1446.  D  1530, 
1545  (2),  1534. 

dinst  A  1352  (2),  1359.  B  1423.  C  1471  (3),-  1472  (2), 
1476.  0  fehlt,   dinstage  B  1393,  1394,  1399,  1403,  1413  (5), 

1417  (2),  1418,  1419,  1421,  1424.  dinetags  0  1530.  dienst- 
magt  0  1534. 

briff  B  1393, 1396, 1903,  1407,  1408,  1417,  1424.  D  1530. 
brieff  B  1393  (2),  1403,  1408,  1418  (3),  1422  (3),  1423  (2), 
1428,  1436,  1442, 1447.  D  1490  (2),  1507,  1515, 1530, 1534  etc. 

brife  B  1408,  1411,  1417  (3),  1418,  1424  (3).  C  1470  (2), 
1471  (2),  1471  (2),  1472,  1473  (3),  1476.  briffe  D  1494.  briefe 
B  1417,  1418  (2),  1421  (3),  1422,  1423,  1424  (3),  1428  (3), 
1428  (2),  1433,  1441. 

di  (dy)  A  1352  (7),  1359  (11).  B  1389  (11),  1393  (8), 
1394  (4),  1396  (5),  1397,  1399  (2),  1401,  1403  (5),  1424,  1445. 
C  fehlt.  D  1490  (5),  1494  (8),  1515  (4),  1530,  1540  (2). 

die  B  1389,  1393  (4),  1394,  1399  (5),  1403,  1407  (3), 
1408  (16),  1409  (8),  1410,  1411  (6),  1413  (7),  1420  (7),  1421, 
1422,  1423  (8),  1424  (19),  1427  (2),  1428  (2)  etc.  C  hat  die 
ganz  durchgeführt.  0  1490  (3),  1494,  1507  (2j,  1515  (3), 
1524  (10),  1530  (3),  1534  (5),  1540  (3)  etc. 

Jedenfalls  ist  die  die  weitaus  herrschende  Form. 

si  (sy)  A  1352  (5),  1359  (3).  B  1389  (6),  1390,  1393  (6), 
1396,  1401  (3),  1403,  1418  (2),  1429  (2),  1435.  C  fehlt. 
D  1494  (6),  1534  (3),  1540  (4). 

sie  B  1408  (5),  1409  (3),  1413  (7),  1414  (6),  1415, 1417  (12), 

1418  (4),  1419  (6),  1420  (6),  1421,  1422,  1423  (4),  1424  (10), 
1426  (3),  1428  (21),  1429  (3).  C  hat  sie  durcbgefUlirt. 
0  1490  (2),  1507  (6),  1510  (3),  1515  (8),  1520  (4),  1524  (6), 
1530  (5),  1545  (3),  1555  (5),  1560  (4). 

Es  gilt  dasselbe  wie  von  die. 


20 

virde  A  1350.     C  1477  (2).     D  1515.     vierde  D  1507,  1520. 

vir  B  1393,  1407,  1408  (2),  1411,  1420  (8).  C  1470, 
1471,  1476  (2).    D  1490. 

vier  D  1524  (2),  1530  (3),  1534  (4),  1540,  1560  (3).  fier 
B  1413  (2),  1399  (2),  1417,  1426  (2),  1438,  1445  (2).  C  fehlt. 
0  ebenso. 

Die  Zahl  der  Beispiele  Hesse  sich  noch  yergrössern.  Doch 
mag  es  genügen.  Ans  der  Znsammenstellnng  geht  heryor,  dass 
zwar  i- Formen  noch  vereinzelt  im  16.  Jahrhdt.  vertreten  sind, 
dass  aber  die  ie- Formen  entsprechend  der  nhd.  Schreibweise 
mehr  und  mehr  in  Kraft  treten. 

Die  Länge  des  i  ergiebt  sich  aus  der  Doppelschreibnng  ij 
in  hijs  1423.     W.  mhd.  Gr.  §  104. 

In  ny  1426  ist  das  diakritische  Zeichen  ohne  weitere 
Bedeutung.  Der  einfache  i-Laut  wird  bezeichnet.  Ebenso  A 
sy.  Rück.  Entw.  S.  54. 

Ich  schliesse  an  ie  =  mhd.  i. 

Sicherlich  dient  hier  e  hinter  i  als  Dehnungszeichen,  was 
schon  Fab.  Frangk  (S.  98)  hervorhebt.  Es  bezeichnet  dies  den 
Übergang  zum  nhd.  Sprachgebrauch. 

Doch  wird  dieser  sogar  überschritten,  da  auch  in  Suffixen 
ie  fUr  i  eintritt. 

ie  in  Tonsilben:  In  A  fehlt  jede  ie-Form.  —  diesen  1408, 
1420,  1433,  1446  —  diesem  1421  —  dieser  1418,  1420,  1507, 
1524  (2),  1530  (6),  1534  (3),  1540,  1545  (2)  —  diese  1437, 
1476,  1510  (2),  1530  —  dies  1420  —  dieses  1545  —  wieder 
1417,  1418,  1420  (2),  1421  (4),  1422  (2),  1423,  1424,  1429, 
1433,  1442  —  wiedir  1445  (2),  1446  -  wiederrede  1439  — 
wiedirrede  1440,  1446  —  geschrieben  1428,  1442  (3),  1524  — 
vorgeschrieben  1524  —  beschrieben  1560  —  vorliehen  1477  — 
geblieben  1507,  1524  —  viel  1520  —  Siegel  1530  —  sieben 
1555  (2)  —  siebenden  1530  (2)  —  siebenczig  1530  ~  schiedt 
1515  —  entschiedt  1520  (doch  stehn  mhd.  schit,  schiet  neben 
einander). 

Andrerseits  sind  ie- Formen  belegt,  in  denen  nhd.  einfaches 
i  zur  Herrschaft  gelangt  ist,  z.  B.  handschriefiUich  1507  —  be- 
grieflfen  1555,  1560  —  wierckliecher  1560. 


21 

über  ie  =  mhd.  i  vgl.  W.  mhd.  Gr.  §  48.  —  Rück.  Entw.  S.  108. 

Für  sich  zu  betrachteo  ist  geschiet  1446. 

Hier  steht  ie  für  ihe.  vgl.  W.  mhd.  Gr.  §  53.  —  Rück. 
Entw.  S.  108. 

ie  in  Suffixen. 

Diese  Schreibung  tritt  sehr  spät  auf,  und  es  ist  zweifelhaft, 
ob  sie  wirklich  eine  Dehnung  bezeichnen  soll. 

1555:  veterliechen,  mutterliechen,  ehliechen.  —  1560:  wierck- 
liechen,  mögliechen.  —  jhäriegen,  vollstenndieg,  bewilliegungk^ 
onmundieger. 

ie  in  selbien  1437,  Fenedien  1393,  Venedien  1397  (2), 
1399,  1409,  1410  (2),  1413,  1445,  1431  (2),  1444  (2).  —  Vene- 
dienynne  1445  —  ist  kein  echter  Diphthong.  Palatales  g  ist 
zwischen  i  und  e  aufgelöst  worden.  Diese  Auflösung  bleibt 
zudem  auf  B  beschränkt.     W.  mhd.  Gr.  §  225. 

i  =  mhd.  t. 

Der  Wandel  zu  ei  tritt  schon  so  stark  hervor,  dass  i  nur 
als  Ausnahme  und  in  verschwindend  kleiner  Zahl  belegt  ist.  — 
W.  mhd.  Gr.  §  108.  —  Grundriss  §  35.  —  Wa.  §  14. 

Der  Wandlungsprocess  schliesst  im  16.  Jahrhdt.  ab.  Das 
Verhältnis  der  Zunahme  bezw.  Abnahme  von  ei  und  i  wird  deut- 
lich werden  durch  den  Vergleich  der  verschiedenen  Perioden.  A 
hat  nur  i- Formen.  B  wise  1389  —  wys  1399  —  obirwiset 
1426  —  syn  (poss.)  1389  -  syner  1392  (2),  1394,  1397, 1424  (2) 

—  syme  1393  (2),  1394,  1424  (3)  -  synen  1393,  1396  (2), 
1424  (7)  —  syne  1393,  1396  (2),  1399,  1426  -  by  1389, 
1393  (2),  1397,  1403,  1407  (3),  1408,  1424  (2)  —  czit  1393  — 
frytage  1393,  1403  —  yteln,  itel  1393  —  schriben  1396  — 
statschriber  1403  —  drier,  dry,  drysig  1396  —  drivaldekeit  1399 

—  gewist  1403  —  bliben  1426  —  wynachten  1417,  1436  — 
finde  1421  —  fint  1423,  1436  —  Swydnicz  1396  —  Lipczk 
1408  —  Nyse  1397  —  yn  (in  Komposition  z.  B.  yngenommen 
etc.)  1407,  1409,  1417,  1426,  1431,  1432  (3),  1443. 

Doch  kann  in  letztem  Falle  analogischer  Einfluss  der  Prä- 
position in  vorliegen. 

C  bliben  1470  —  vorczihen  1470  —  lichnams  1472  — 
ynhalden  1471  —  glich  1472  (2)  —  richs  1477  —  Swidnicz 
1471,  1474  —  Osterrich  1472. 


22 

D  nur  yn  —  (in  yngelegit  1490,  intragk  1515,  yniitrag 
1524  (5)).     Vgl.  dazu  yn  unter  B. 

Das  Aussterben  von  i  liegt  klar  zu  Tage. 

Die  Schreibung  fUr  dieses  i  ist  auch  y,  i  in  by,  wynachteD 
1424  (2).  —  A.  czyten,  czit,  by. 

Der  Grund  fUr  diese  Schreibung  ist  ein  rein  graphischer, 
um  das  vokalische  i,  j  vom  konsonantischen,  und  wo  es  BicK 
um  i  handelt,  dieses  von  folgendem  n,  t  zu  unterscheiden.  Rttck. 
Entw.  S.  55. 

Im  Übrigen  sind  die  ei -Formen  durchgedrungen.  Ihre  Zahl 
ist  Legion.  Ich  begnüge  mich,  einige  Beispiele  summarisch  auf- 
zuzählen, bey,  seyn,  weyse,  schreiben,  czeit,  leyd,  freitage, 
bleiben,  treiben,  reich,  weyns,  weisen,  queit,  frey,  bleyes,  beidir- 
seit,  weinachten,  fleissige,  Sweidnicz,  Leipczk,  Neysse  etc.  etc. 

i  =  mhd.  e. 

irsten  1393  (2),  1403,  1420,  1427,  1433,  1440,  1442,  1447, 
1507,  1515  -  irstes  1440  —  irstlich  1510  —  irste  1520. 

Aber  erstlich  1555  (2). 

Ferner  hirren  1411,  1424  (3);   später  ist  nur  herren  belegt 

Girdrud  1417. 

Über  die  Verkürzung  des  i  vor  r  +  r  und  in  irste,  vgl. 
W.  mhd.  Gr.  §  99.    Über  den  heutigen  Dialekt  vgl.  W.  Dial.  S.  40. 

i  =  mhd.  ei. 

Diese  Erscheinung  ist  nur  in  C  belegt,    hilig  1472  —  hiligen 

1471  (2),   1472  (2),    1473  (2),   1476  (6)   —   hiligsten  1470  (2), 

1472  —  hilikeit  1470  (2),  1471  (2),  1472  (4)   —   W.  mhd.  Gr. 
§  99.  —  Rück.  Entw.  S.  38   (wo  auf  Esch.  hingewiesen  wird). 

0. 

0  =  mhd.  a   vgl.  a. 

0  =  mhd.  ä  vgl.  a. 

0  =  mhd.  0.     Sehr  zahlreich  belegt. 

Als  md.  Eigentümlichkeit  erscheint  u  für  o  vor  gedeckter 
liquida,  ch  (ck)  und  flf.  Vgl.  Rück.  Entw.  S.  43,  44.  —  W.  mhd. 
Gr.  §  63. 

Diese  Erscheinung  nimmt  aber  nach  dem  16.  Jahrhdt.  zu 
stets  ab,  und  um  die  Mitte  des  16.  Jahrhdts.  ist  u  ganz  ver- 
schwunden und  der  nhd.  Lautstand  erreicht.    A  hat  nur  u -Formen. 


snllen  A  1352,  1359.  B  1389,  1393,  1401,  1411,  1418  (2), 
1419,  1420, 1421  (2),  1423  (2),  1424  (8),  1428  (6),  1431,  1433  (3), 
1434,  1436  (2),  1439,  1440  (2),  1442  (3),  1445  (2),  1447. 
C  1470,  1471  (3),  1472,  1477.  D  1490  (3),  1494  (4),  1507, 
1510,  1515  (11),  1520. 

sollen  B  1433  (3),  1435,  1436  (5),  1437  (2),  1438  (2), 
1439  (13),  1440  (3),  1444  (6),  1445,  1446  (13),  1447  (3).  C  1477. 
D  1494,  1515  (2),  1524  (8),  1530  (5),  1534  (6).  .  . 

Von  1534  ab  ist  nur  noch  die  o-Form  belegt 

Sülle  B  1396,  1417,  1424,  1430.  C  1570,  1471(2).  D  fehlt. 

solle  B  1442  (2).  C  fehlt.  D  1530  (2),  1545,  1560  (3). 

solde  B  1394,  1387,  1420,  1423  (2),  1424,  1429  (2),  1431, 
1435  (2),  1437,  1440  (2),  1441,  1445  (2),  1447.  C  1470,  1472, 
1473  (3).  D  1490,  1494,  1507,  1515. 

solde  B  1430,  1442,  1447  (3).  C  1473.  0  fehlt,  solte  C  1476. 

solt  D  1507.       \ 

soltet  C  1476.  Die  u- Formen  sind  nicht  belegt. 

soltest  C  1477  (2). 

sulden  B  1394,  1426,  1443,  1447  (2).  C  1470,  1471  (6), 
1.472  (4).     D  fehlt. 

solden  B  1447  (3).  D  1507.  snlten  C  1471.  sollten  C 
1.472,  1477. 

sulchen  B  1399,  1414  (2),  1419  (2),  1423  (2),  1424  (2), 
1428  (2),  1435,  1443  (2).    C  1471  (2).    D  1515. 

snlchir  A  1359.  B  1399,  1421,  1428,  1433,  1447.  C  1470, 
1472.    D  fehlt. 

solcher  B  1430,  1435,  1436,  1437  (2),  1439  (2),  1446  (2). 
C  fehlt.    D  1490,  1520  (2),  1524(5),  1530  (4).  .  .  . 

Von  1530  ab  ist  nur  die  o-Form  belegt.  Bemerkenswert 
ist,  dass  C  nur  die  u-Form  kennt. 

snlchen  B  1414,  1423,  1427,  1432,  1439,  1444.  C  1470, 
1471  (2),  1472  (4),  1476.    0  1497,  1510,  1515.  1524. 

solchen  B  1417,  1418,  1442.  C  fehlt.  D  1490,  1515, 
1530  (2),  1545. 

Später  ist  nur  o  überliefert. 

solch  B  1417,  1424,  1426,  1432,  1439,  1444.  C  fehlt. 
D  1515  (5),   1524. 


24 

solch  B  fehlt  C  fehlt.  D  1490,  1507,  1520,  1530  (3), 
1534  (2) Später  nur  solch. 

Snlche  A  1359.  B  1421  (2),  1424  (3),  1428,  1437,  1441. 
C  1470  (5),  1471  (2),  1472  (4),  1476.    D  fehlt 

solche  B  1430,  1431,  1436,  1437,  1439,  1442  (2),  1444, 
1445  (2).    C  fehlt    D  1490  (2),  1524,  1530  (2),  1534 

Das  Absterben  der  u- Formen  ist  ersichtlich. 

halczes  B  1403,  1436. 

Sonst  ist  nur  die  o-Form  belegt.  —  Ebenso  bei  fardem 
B  1409  (2),  1411,  1418  —  furderange  B.  1417  —  ungefqrdert 
kl  1409.  — 

Diese  Formen  gehen  also  Über  den  Anfang  des  15.  Jahrhdts. 
nicht  hinaus.    Jedoch  vereinzelt  steht  dirfurdert  D.  1510. 

gehulfen  B  1423,  1431,  1437  (2),  1443.    C  und  D  nur  mit  o. 

guldcs  B  1423.  gnlt  B  1424  (4).  Sonst  golt,  goldes. 
Jedoch  vergulden  D  1520. 

fulgen  D  1494,  1510  (3).  fulgender  D  1510  (2).  folget 
D  1520  (2). 

Ganz  vereinzelt  ist  ful  1515. 

Auf  C  beschränkt  ist  herczuge  1471  (4).  1474.  —  herczugen 
1477. 

uffintlich  B  1389,  1370.     Sonst  nur  offintlich,  offenlich. 

uffte  B  1399,  1443  (4).     D  1490.    offte  B  1442.    D  1515. 

Die  o-Form  herrscht  im  16.  Jahrhdt 

muchte  B  1429,  1447.    muchten  B  1436,  1446. 

In  C  und  D  erscheinen  nur  die  o- Formen. 

Über  das  heutige  Schlesisch  vgl.  W.  Dial.  S.  56. 

Bemerkenswert  ist,  dass  mhd.  u  und  o  vereinzelt  mit 
Umlaut  erscheinen. 

ü  :  sülde  D  1507  (5). 

ö  :  söldenn  1507  — -  könndenn  1510  —  solchem  1555  — 
solche  1560. 

Rück,  und  W.  sprechen  von  diesem  Umlaut  nicht.  —  nhd. 
ist  er  nur  in  könnte  erhalten. 

ö  =  mhd.  ö. 

cöppe  B  1437. 

mochte  C  1477.  D  1494  (2).  —  mochten  C  1471,  1477  (2). 
D  1560.  —    Blosser  C  1476.   —   slossern  C   1477.   —   dorfem 


25 

C  1474.  1477.  —  rocken  D  1524.  —  geschösser  D  1524.  — 
Görlicz  D  1530. 

In  B  ist  also  nur  ein  einziges  Beispiel  vorhanden.  Der 
Umlaut  greift  erst  in  späterer  Zeit  um  sich.  Über  ihn  vgl:  W. 
mhd.  Gr.  §  66. 

Umlantlose  Formen  sind  demnach  natürlich  vielfach  in  den- 
selben oder  in  analogen  Beispielen  belegt,  z.  B. :  mochtet  1470  — 
mochten  1514, 1471(3),  1476  —  mochte  1389,  1390,  1471,  1473, 
1507  —  slosser  1471  —  topper  1530  —  Gorlicz  1421,  1471, 
1530  (2)  —  Gorlitsche  1426  —  Coln  1421  etc.    W.  mhd.  Gr.  §  66. 

0  =  mhd.  u. 

Dieser  Lautwandel  bezeichnet  den  Übergang  zum  nhd.  In 
vielen  Fällen  ist  aber  dieses  md.  o  im  nhd.  nicht  gewahrt,  viel- 
mehr ist  u  geblieben.  Zwischen  diesen  beiden  Fällen  muss 
unterschieden  werden. 

o  =  mhd.  u,  nhd.  o. 

sunabinde  B  1393  (2),  1396.  sunabunde  B  1397.  Da- 
gegen: sonnabinde  B  1408  (2),  1409,  1411,  1417  (2),  1425. 
soDnabund  B  1437,  1443.  sonneobinde  C  1470.  sonnobende 
C  1476.    Sonnabend  D  1490. 

Im  15.  Jahrhdt.  sind  also  nur  die  o- Formen  belegt. 

suntage  B  1417.    sontag  C  1471.    D  1510.    sontage  B  1438. 

sun  C  1477.  son  B  1418,  1437,  1442  (2),  C  1471  (12), 
1472  (5),  1474.  D  1494,  1510  (3),  1520  etc.  —  söhn  D  1530  (3), 
1534  etc. 

sunder  A  1352.  B  1394,  1409,  1413,  1418,  1419,  1423, 
1426,  1427,  1428  (2),  1429.  ....  C.  1470  (4),  1471  (11), 
1472  (6),  1476  (4),  1477  (3).  D  1524.  1530.  ungesundert 
B  1408,  1417,  1418  (4),  1421,  1422,  1428,  1430,  1444.  C  fehlt. 
D  1520,  1524,  1534  (2).  sunderlichen  A  1352.  B  1423,  1429, 
1435.  1443.  C  1471,  1477  (5).  D  fehlt,  sunderlich  B  1424. 
C  1470  1471,  1472  (2),  1476,  1477  (4).  D  1540.  besundern 
B  1417,  1442,  1444  (2).  C  und  D  fehlen,  sundern  B  1444. 
C  1471.     D  fehlt. 

Die  0- Formen  zu  diesen  6  Beispielen  erscheinen  erst  spät, 
verdrängen  aber  die  u- Formen  gänzlich. 

sonder  D  1424,  1534  (2),  1555,  1560.  ungesondert  D 
1530  (2).     ongesondert  D  1524.      sonderlich  D  1520,  1560  (2). 


26 

besonder  D  1530,  1555,  1560.  besondern  D  1530,  1534  (2). 
sondern  D  1545,  1560. 

snst  B  1424,  1428,  1429.  C  1471  (3),  1477.  D  1507, 
1524,  1530  (6).  808t  B  1422.  sonst  D  1524,  1534  (6),  1540, 
15^,  1555.    sonsten  D  1524  (4). 

Auch  hier  löst  die  o-Form  die  u-Form  ab. 

frommer,  frommen,  fromelich  ist  ohne  Korrelat  belegt 

Das  Resaltat  ist,  dass  im  16.  Jahrhundert  die  a-Fonnen 
durch  die  o- Formen  ersetzt  werden.  Die  nhd.  Laatstnfe  ist 
erreicht. 

Ich  wende  mich  nnn  zum  zweiten  Falle. 

0  =  mhd.  a,^nhd.  n. 

ons  1393  —  orteils  1417,  1494;  orteil  1418  (2),  1432, 
1443  (2),  1494  —  ortil  1446  (3),  1447,  1472,  1507  —  ortile 
1472  —  orteilen  1494  -  scholt  1442  (2)  —  tognntsamen  1507 

—  tognntsame  1515,  1515  —  notcz  1515  —  not  dorfft  1515  — 
on  (Präfix  in  Zusammensetzungen  wie  onmundig,  onbeweglich» 
onverbruchlich  etc.;  erst  im  16.  Jahrhdt.)  1524  (3),  1530  (3), 
1534  (4) 

Weitere  Beiträge  aus  dem  älteren  Schlesisch  bringt  Bttck. 
Entw.  S.  41.  Vgl.  auch  Grdriss  §  29.  —  W.  mhd.  Gr.  §  63. 
Bahder  S.  3. 

Über  das  heutige  Schlesisch  vgl.  W.  Dial.  S.  49,  50. 

In  der  Regel  bleibt  dies  o  noch  unnmgelautet: 

0  =  mhd.  U.  Sehr  zahlreiche  Beispiele:  widirsproche  1352, 
obel  1389,  1435  (2)  —  obil  1443,  1445  (2),  1470  (2),  1471, 
1507  —  obir  1352,   1359,   1389,   1393,   1396,   1417,   1418  (4), 

1421  (3),   1422  (6),    1423,   1424  (10),   1426 1471  (7), 

1472  (6),  1473,  1476  (2),  1477  (3),  1490,  1507,  1510,  1515  (3), 
1520  —  ober  1357,  1403.  1417,  1418  (3),  1421  (2),  1424.  .  .  ; 
bedorfen  1389,  1530  —  dürftet  1472  —  werde  1389, 1403,  1421 

—  konige  1396,  1429,  1436  (2),  1470,  1471,  1477  (3)  — 
konig  1423,  1443,  1470  (10),  1471  (15),  1472  (7),  1473,  1476, 
1477  (9)  —  konigis  1470(7),  1471,  1472  (5),  1473  (2),  1477  (2), 

—  konigk  1530  —  tochtigen  1403.  1423  —  obrigen  1411, 1417, 
1423  —  keiginwortig  1397  —  globde  1418  (2),  1419,  1428  (8) 

—  globden  1419  —  mögen  1359  (2),  1418,  1420,  1471  (7), 
1472,  1477,  1494,  1616  —  möge  1471,  1472  (2),  1530  —  mog- 


27 

Jichen  1471  —  vormogen  1471,  1490  —  montcz  1471  —  un- 
Torbrochlich  1494,  1524  (2),  1534  (2)  —  geboren  (1494)  - 
moncb  1530  (2)  —  geborlich  1534  ....  etc. 

Dieses  o  ist  cbarakteristiseb  fUr  das  md.     Docb  begegnen 
aucli  omgelantete  Formen: 

B  5bir  1424  (5),  1437  (2)  —  broebe  1434  —  mögen  1424. 
C  mögen  1477  (3)  —  möge  1474,  1477  (2)  —  konig  1470 
—  konigreich  1470.  D  mögen  1510,  1515,  1530  —  möge 
l&iO  —  ober  1524  —  nnvorbröchlich  1507  —  görteil  1510  (2) 
— -  bedörffen  1510  —  bonptkössen  1510  —  geboret  1515  — 
^möcke  1515  —  mögliechen  1560. 

Vereinzelt  stehu  C  sone  1476,  1477  (2)  —  D  sönen  1560. 

Bahder  S.  4. 

Der  Umlaut  ist  also  im  16.  Jabrhdt.  besonders  stark. 

Über  den  Lautwert  vgl.  Rück.  Entw.  S.  61.  Femer  W. 
nalid.  Gr.  §  66.  —  Grdriss  §  29.  —  Bahder  S.  50. 

0  -=  mhd.  6. 

Ion  1394,  1472  (2)  —  lone  1411  —  gehorsam  1489  .  .  .  , 

1-4=71, 1472,  1472  (2),  —  so,  also  (sehr  häufig)  —  gros  1407  .  .  ; 

l^^  1410,  1413,  1416  .  .  .  ,   1490,  1507,  1515,  1580,  1560   — 

»Och  1416  ...    —   not  1470,   1471  (2),    1472,    1477    —   trost 

^472  -   tode  1515,  1520  -  Ostern  1507,  1510,  1524  .  .  . 

Über  dieses  o  ist  nichts  weiter  zu  bemerken. 

0  =  mhd.  oe:  romischir  1352,  1359  —  ungehorik  1359  — ■ 
bozir  1389(2);  bosin  1403;  böser  1471;  böse  1472(2)  —  böses 

1471  -  bösen  1472,  1477  —  boren  1403,  1518,  1433,  1445, 
1507  —  gebort  1403,  1417  (2),   1440,  1470  -  angehört  1413 

—  geboren  1352, 1414  —  angehöre  1412  —  gehörende  1471  — 
zttgehorunge  1403, 1477, 1534  —  anhoreten  1524  —  ohem  1408 

-  Oheime  1423  —  losen  1421,  1423,  1435  (2),  1441,  1507, 
1510  —  gelost  1418  (2),  1424  —  dirlosunge  1477  —  hogesten 
1428  —  getröstet  1471   —   noten  1471   —   genotiget,   genötigt 

1472  —  vonnothen  1530  —  stören,  vorstorange  1472  —  schon- 
gewandt 1515  —  schonen  1515  —  Schonfeld  1534  etc. 

Der  Umlaut  fehlt  also  selbst  im  16.  Jabrhdt.  noch. 

W.  mhd.  Gr.  §  116.  -  Rttck.  Entw.  S.  111.    W.  Dial.S.  51 
bringt  nur  2  Fälle,  darunter  keinen  aus  dem  heutigen  Schlesisch. 


28 

In  unsem  Denkmälern  findet  sich  aber  aach  der  Umlaut 
des  6  bezeichnet,  wenn  gleich  nicht  sehr  häafig. 

B  Schön  1437.  C  trösten  1471  —  noten  1714  —  groste 
1476  —  angehorte  1474  —  storer  1474  (2),  1477  (2)  — 
romischen  1477  (3)  —  angehören  1477  —  hören  1477  (2)  — 
gehören  1477.  D  schönen  1515  —  lösen  1515  —  gehören 
1524  (2)  —  hören  1560. 

Die  Mehrheit  der  Fälle  ist  also  bei  C  belegt! 
Hierher   gehört  auch   als   einziges   Beispiel    fUr  e   hechste 
1477.  W.  Dial.  S.  35.  —  W.  mhd.  Gr.  §  116. 

0  =  mhd.  oa. 

In  A  fehlt  diese  Erscheinung,  ebenso  in  C. 

Im  Übrigen  tritt  sie  auf 

1)  in  Stammsilben  vor  einfachen  Konsonanten. 
B  logen  1408  —  tog  1442  —  erlobet  1443. 

D  och  1490  (2),  1507.  Doch  kann  diesem  Worte  auch  mhd. 
cht  zu  Grunde  liegen. 

2)  in  nebentoniger  Stellang. 

B  ufBofe  1417  —  ufflofs  1433  —  orlop  1431. 

3)  vor  Konsonantenverbindung. 

B  kofflnten  1433  (2)  —  koffmans  1433  —  koffslaen  1433 
—  Bomgarten  1445.     D  bomgart  1540. 

Das  Absterben  dieses  o  ist  klar. 

Vgl.  W.  mhd.  Gr.  §  112  —  Rück.  Entw.  S.  53.  Über  den 
heutigen  Dialekt  handelt  W.  Dial.  S.  53.  Über  die  Kürzung 
des  0  vgl.  W.  mhd.  Gr.  §  127. 

0  =  mhd.  e. 

wollen  1524  (6),  1530  (3),  1534  (2),  1560  (etc.)  ....  ist 
ins  nhd.  übernommen,     w  hat  hier  verdunkelnd  gewirkt. 

0  =  mhd.  i,  ä. 

wost,  wosten  1446. 

w  hat  auch  hier  verdunkelnd  gewirkt. 

Es  finden  sich  in  unsem  Denkmälern  auch  die  u- Formen: 
wüste  1413,  1445  —  gewust  1442  —  wüsten  1442  —  vorwust 
1494  (2)  —  wüst  1520. 


29 

Sie  überwiegen  der  Zahl  nach  und  sind  ins  nhd.  übergegangen. 

0  =  mhd.  no. 

Diese  Erscheinung  ist  auf  ein  einziges  Beispiel,  most  1423, 
beschränkt,  abgesehen  von  der  allgemein  gewordnen  Namensform 
Conrad. 

Conrad  1418,  1419,  1421,  1424  (6),  1427  .  .  .  .  ,  1471, 
1490  (3),  1630  (2)  etc.  —  Conrads  1418  —  Conradt  1515  (2) 
—  Conradth  1620  —  Conratswalde  1427  etc.  W.  mhd.  Gr. 
§  140,  141. 

0  =  mhd.  ü. 

Nur  in  nebentoniger  Silbe  and  nur  in  C:  nockboren  1471  (3), 
1472  —  nockborschaft  1471. 


u  =  mhd.  u. 

Sehr  zahlreich  belegt,  soweit  es  nicht  durch  md.  o  verdrängt 
tat.  Vgl.  0  =  mhd.  u.  burger,  schult,  schuldig,  Vormunde, 
junge  etc.  etc, 

u  SS  mhd.  ü:  vruchten  1352  —  dünken  1352  —  kunig 
1352  (2),  1359,  1389  (2),  1394,  1422,  1423  (2).  .  .  1471  (3)  — 
kunige  1352,  1359,  1389,  1421, 1423,  1424  (2)  .  .  .  wurde  1399, 
1403,  1411,  1417,  1420  (2),  1401  (2)  ...  1471  (9),  1472, 
1490  (2),  1494,  1507,  1510  (4),  1520  (2)  -  wurden  1420,  1424, 
1426,  1443,  1471  (3)  —  wurdet  1477  —  für  .  .  .  1403,  1407, 
1409  (2),  1413,  1415,  1417,  1426,  1428  (2),  1477  (4),  1494, 
1615  (2),  1524  (2),  1530  (6),  1334  (3),  1540,  1655  -  furder 
1411   —  furslen   1393  (3),    1418  (6),    1421,    1423,    1428  .  .  . 

1470,  1471  (6),  1472  (4),  1473,  1477  (2)  —  fürstlichen  1534  — 
ffurstentage  1610  —  bürgen  1411  (2),  1418  (2)  —  stucke  1424  (2), 

1471,  1520  (2)  —  hantbuchse  1515  —  glubden  1417,  1477, 
1515  —  glubde  1472  —  funflf  1417,  1494,  1507,  1510  - 
duncket  1470,  1471  —  über  1490,  1494  (6),  1510,  1B15  (3), 
1524  (3),  1530,  1665  —  schusseln  1515  (2)  —  schussel  1524 
—  brücke  1624  —  gepurlichen  1524  —  übel  1530,  1534  — 
kunfitig  1630,  1534  —  ansspruche  1534  —  nüchtern  1534  — 
Murenberg  1393  —  Numbergk  1530  —  Smidebrucken  1510  — 
Schubrucken  1560  etc. 


30 

über  das  Fehlen  des  Umlautes  im  md.  vgl.  Grdriss.  §  24. 
Feroer  W.  mhd.  Gr.  §  75.  —  W.  Dial.  S.  54. 

In  nnsem  Denkmälern  findet  sich  aber  der  Umlaut  auch  be- 
zeichnet,  nnd  zwar  besonders  seit  dem  15.  Jahrhdt.:  A  stücken  1352. 
B  Günther  1423  —  würde  1424  (2)  —  wfirden  1424  —  fursten 
1424  —  fiffirsten  1436  (2)  —  borgen  1424  —  ffir  1433  —  gurtil 
1434  —  stücke  1437  —  steynbüchsen  1438.  C  wurde  1471, 
1474  (3),  1477  —  wurden  1474,  1476  —  fursten  1474,  1476, 
1477  (2)  —  furste  1474  (3)  —  furstenthum  1474  —  fursten- 
thumer  1477  —  furstynne  1470  —  bedürfen  1471  -  kure  1477 

—  schüczen  1474  —  hinfüre  1474  —  für  1477  (4)  —  drücken 
1477  (2)  —  nüczlich  1477.  D  würde  1507  —  über  1507  — 
übrige  1507  —  ftirste  1534. 

Auffallend  ist  die  geringe  Anzahl  von  umgelauteten  Formen 
in  D  gegenüber  der  Fülle  von  Fällen  im  15.  Jahrhdt.  Über  den 
Umlaut  vgl.  Rück.  Entw.  S.  66.  —  Bahder  S.  4.  —  Über  seine 
Schreibung  vgl.  Rück.  Entw.  S.  48  ff. 

u  =  mhd.  uo. 

Ist  durchaus  durchgeführt;  uo  ist  nie  belegt. 

Beispiele:  czu,  zu,  tun,  thun,  gute,  gutes,  buch,  stulfeier, 
tuch,  mutter,  wuchern,  bruder,  schule,  geruch,  tut,  fru,  vorsucht, 
fus  etc.  etc.  —  Drechsl.  S.  18.  —  W.  mhd.  Gr.  §  108.  — 
Grdriss.  §  33. 

Doch  zeigt  sich  neben  u  auch  ue.     Vgl.  Bahder  S.  4,  8. 

fueter  1403  —  gueter  1408  —  guet  1411,   1420,  1433  (2) 

—  guetlichen  1415  —  tuen  1407,  1408,  1437  (3),  1439,  1440, 
1441,  1445,  1447,  1494  —  thuen  1524  (7),  1530(5),  1555,  1560 

—  guettem  1524  —  guetter  1524  —  frue  1417  —  zue  1524, 
1555  (6),  1560. 

Bemerkenswert  ist,  dass  ue  bei  C  sich  nicht  findet. 

tuen  (thuen)  ist  besonders  häufig  belegt 

Der  infin.  en  der  andern  st.  und  sw.  verb.  hat  sicherlich 
eingewirkt. 

Neben  czwue  1421  findet  sich  auch  czwu  1408,  1411  (2), 
1417,  1418,  1440  —  zwu  1408,  1524  (4),  das  ebenso  wie  jenes 
auf  mhd.  o  zurückgeht.     W.  mhd.  Gr.  §  139. 


31 

u  =  mhd.  tte. 

Diese  Monophthongierung  ist  dorehaas  dürchgedrongen  and 
steht  während  der  ganzen  Zeit  in  Kraft. 

füren  1394,  1399,  1417  ...  1471  (2),  1472  (2)  -^  gefuret 
1394  (2),  1421,  1472,  1476  (2)  —  gefurt  1472,  1476  (3)  — 
eingefurt  1471,  1472  —  gntlich  1394,  1396,  1401,  1515  (2)  — 
gutlichen  1413  (2),  1415  (2),  1417,  1420,  1424  —  gnter  1423, 
1471,  1476  (4)  -  gutter  1534,  1515  (2)  —  guttern  1534  — 
guther  1515  (3)  —  gathem  1515  —  gutikeit  1477  —  berurt 
1424,   1610,  1515   —  berurte  1470,  1471   —   obberurter  1530 

—  obbcrurt  1545  —  müssen  1471  (2),  1472  (2),  1476  (2), 
1580  —  brudem  1520  (2)  —  gebrudern  1530  (3)  —  geprudem 
1530  —  vergnügen  1515  (2)  —  gnuglich  1520  —  altpusser 
1520  —  etc.  etc.    Grdriss.  §  33  (S.  564).  -  Rück.  Entw.  S.  45 

—  Drcchsl.  S.  18. 

Ein  einziger  Fall  von  ue  ist  mir  begegnet  in  bruedern 
1560.  —  Bahder  S.  4,  8. 

Bisweilen  erscheint  u  =  üe  umgelautet: 

B  genüge  1424  —  gefurt  1433  —  fSget  1436  —  muste 
1436.  —  C  fuge  1470  —  muste  1476  --  müssen  1476  — 
obberurten  1474  —  betrüben  1474  —  czuge  1477  — •  begnügen 
1477  —  gebruder  1477  —  gutlich  1477.  —  D  gtttter  1494  (2) 

—  mütterlicher  1494  (2),  1507  —  mütterlich  1494  —  gebrUdern 
1494  —  brttdem  1507  —  mütterliche  1507  —  gnügen  1507  — 
früwol  1545. 

über  den  Umlaut  vgl.  Rück.  Entw.  S.  67.  —  IJber  ü  im 
späteren  Schlesisch  vgl.  Drechsl.  S.  19. 

Ebenso  wie  bei  u  =  mhd.  ü  (vgl.  oben  S.  29  f)  wird  auch 
hier  anzunehmen  sein,  dass  die  umlautlosen  Formen  wie  die  um- 
gelauteten  gesprochen  wurden,  sicherlich  in  den  Fällen,  wo  die 
umlautlosen  Formen  neben  den  umgelauteten  einhergehen. 

u  =  mhd.  iu. 

Der  mhd.  Laut  ist  in  unsern  Denkmälern  wiedergegeben 
durch  u,  u,  u,  eu  (aw  nur  in  bestimmten  Fällen).  Am  seltensten 
ist  u,  das  über  das  15.  Jahrhdt.  nicht  hinausreicht,  und  auch 
da  nur  sporadisch  auftritt  u  ist  gleichfalls  im  Aussterben 
begriffen  and  reicht  nur   in  dem  Worte   frund   (und  dessen  Ab 


32 

leitungen)  in  das  16.  Jahrhdt  hinein.  Doch  verschwindet  auch 
dieses  Wort  in  der  Mitte  des  16.  Jahrhdts.  Vielleicht  erschwerte 
die  Kürzung  des  u  in  frund  (vgl.  W.  mhd.  Gr.  §  132)  den 
Obergang  zu  eu. 

Über  u  vgl.  W.  mhd.  Gr.  §  132  —  Grdriss  §  41,2.  Über 
den  Laut  wert  des  Umlautes  ü  vgl.  Rück.  Entw.  S.  68  £f. 

lute  A  1359.  B  1389,  1403,  1417  (4).  C  1471  (2),  1473  (6), 
1474.  D  fehlt,  lute  B  1420,  1433,  1446,  1446.  lewte  B  1424, 
1436.  C  1471  (6),  1472  (2),  1473  (5),  1476  (2),  1477.  D  1607, 
1630  (2),  1546  .... 

luten  A  1352  (2),  1359.  B  1403,  1417, 1421.  luten  C  1477. 
lewten  C  1471,  1476,  1477.     D  1507  (3),  1515  .... 

crucz  B  1396,  1423.  crucz  B  1443.  crewcze  B  1422. 
D  1507  (2). 

geczuge  A  1359.  geczug  B  1421.  geczug  B  1370.  geczeuge 
B  1421,  1433.    D  1524. 

geczugnisse  B  1408,  1313.  C  1471.  geczugnis  C  1474. 
geczeugnis  B  1424.    obirczeugen  B  1421.    geczeuget  D  1507  (3). 

getruen  A  1352, 1359.    luchtenden  A  1352.   luchtinde  A  1369. 

hüte  B  1433.  hewte  B  1426.  C  1471  (3),  1477.  D  1490, 
1510,  1520  .... 

vrunde  B  1392.  frunde  C  1470,  1471  (4),  1476.  D.  1607, 
1524.  frunden  B  1409,  1414.  C  1470,  1471,  1477.  D  1607, 
1516.  frunt  C  1470  (2).  frund  D  1494,  1510  (2),  1615  (2), 
1620  (2).  frundt  D  1472.  fruntschaft  C  1471  (2),  1472.  D  1494, 
1516.  gefrundeten  D  1520.  fruntliche  B  1426.  C  1476.  D  1615. 
fründ  D  1494.  freund  D  1524,  1530  (2),  1445,  1650  (3)  .  .  .  . 
ratfreundes  D  1424  (2).  ratfreundes  D  1524  (2).  ratsfreundt 
D  1530.    freuntlich  D  1530,  1534.    freunden  D  1530. 

Von  1530  ab  ist  nur  eu  in  diesem  Worte  belegt. 

gebruwen  B  1396.  brewen  B  1421.  prewhaws  B  1429. 
Lubus  1421  (3).  —  Leubus  fehlt. 

Es  folgen  die  Fälle,  zu  denen  u  (ü)- Korrelate  nicht  mehr 
belegt  sind. 

rewen  1403  —  fewerwerk  1403   —   geewssert  1412,    1510 

—  euch,  euer  etc.  —  Preussen  1411  —  newns  1418  —  vornewet 
1472  —  newekeit  1428  —  deutschen  1471  (2)  —  czewhet  1471 

—  gebewt  1477   —    bedewtet  1472,  1477   —  newhn  1490  — 


88 

newn  1520  —   newnczig  1490  —   leachter  1515  —   leuchtem 
1515  —  ewsseraten  1515  etc.    Vgl.  W.  mhd.  Gr.  §  108. 

Der  Fall,  dass  mhd.  iu  neben  fi,  ew,  aneh  durch  aw 
wiedergegeben  wird,  betrifft  in  nnsem  Denkmälern  nur  mhd.  triuwe 
and  dessen  Ableitungen. 

Zar  Herrschaft  gelangt  auch  hier  schliesslich  eu,  doch  ist 
daneben  aw  noch  im  16.  Jahrhdt.  vertreten^  wenn  auch  selten. 
fi  findet  sich  nur  im  Beginn  der  Periode. 

Über  aw  vgl.  W.  mhd.  Gr.  §  133.    —   Rück.  Entw.  S.  91. 

getrulich  1439  —  trtte  1362, 1359  —  getrSen  1352  —  getrawer 
B  1412,  1446  (3).  C  1472.  D  1507  (2),  1515.  getrawir 
B  1446.  trawen  B  1423.  C  1471,  1474,  1477  (2).  D  1524. 
tränen  B  1440,  1442, 1444, 1445,  getrawen  B  1440.  C  1471  (2), 
1472  (2),  1473.  D  1490.  getrauen  B  1441.  ungetrauen  B  1430. 
getraw  B  1439.  getrawe  D  1510.  traw  C  1471  (5),  1472. 
trawe  C  1472.  vortrawen  D  1510.  vortrawet  D  1510.  —  traw- 
lich  D  1510,  1515. 

Nach  1524  ist  au  (aw)  nicht  mehr  belegt  und  ew  (eu)  wird 
die  alleinherrschende  Form. 

getrewlich  C  1474,  1477  (4).  D  1530,  1534.  getrewen 
C  1471.  getrew  C  1477.  trewlich  D  1490,  1507,  1510,  1515, 
1524  (2)  etc. 

a  =  mhd.  fi. 

Ist  im  Aussterben  begriffen.  In  der  Zeit  nach  Esch.  ist 
kein  Beispiel  mehr  belegt.  Fab.  Frank  (S.  106)  fordert  die 
Diphthongierung  des  u.  Er  stellt  sie  als  oberlendisch  im  Gegen- 
satz zum  Sprachgebrauch  der  Döringer  und  Niderlender  hin. 

Über  die  Diphthongierung  vgl.  W.  mhd.  Gr.  §  118.  — 
Grdriss.  §  35. 

hus  B  1403  (3),  1408,  1417  (2),  1421,  1423  (2),  1432,  1442. 
hase  B  1393,  1403.  lut  B  1418.  us  B  1403  (2),  1408  (3), 
1409,  1414  (2),  1417  (3),  1421,  1422,  1424,  1426,  1428,  1436, 
1433.  C  1470,  1471  (4),  1476  (3).  gebruchin  A  1352.  B  1403. 
tasunt  B  1403.    tusint  B  1445.    durchluchtigsten  C  1470,  1477 

-  durchluchtigster  C  1471,  1472  (2)  —  durchluchtikeit  C  1471  (2) 

—  irluchten  C  1477.    Dumloz  B  1389,  1393.    Damelos  B  1409. 

Arndt,  Bntwlcklang  der  Brealaucr  Kansleisprache.  3 


34 

Czudmar  1409  (3)  —  Czudmars  B  1893  —   Lusicz  C  1471  (3) 
—  Hugwicz  C  1471. 

In  A  ist  wegen  der  geringen  Anzahl  von  Urkunden  leider 
nur  eine  Beispiel  (gebruehin)  belegt;  an  findet  sich  in  A  über- 
haupt nicht. 

Die  Mehrzahl  der  Beispiele  für  n  =  mhd.  ü  stammt  also 
ans  B.  Sie  ist  aber  doch  im  Verhältnis  zu  der  Fülle  von 
diphthongirten  Formen  versehv^indend  klein.  Diese  einzeln  auf- 
zuzählen ist  nicht  möglich.  Auch  genügt  ja  die  Thatsache  völlig, 
dass  in  D  nur  au -Formen  noch  vorhanden  sind.  Dadurch  tritt 
der  Übergang  zum  nhd.  Sprachgebrauch  ins  hellste  Licht. 

Summarisch  mögen  einige  Beispiele  angeführt  werden: 

aws,  haus,  hawse,  lawte,  lauten,  awf,  lautende,  tawsent, 
kawme,  awssen,  gebrauchen,  mawer,  gedawcht,  grawsam, 
hawsunge,  prawt,  irlauchten,  hawt,  Daumoloz,  Hawgwicz, 
Czawdmer,  Sawpnig,  Pawer,  Hawnold  etc.  etc. 

u  =  mhd.  ö,  i. 

hülfe  1471  (8),  1472  (8),  1477  —  hulff  1494,  1515  — 
hulffe  1524  —  hulff  lieh  1510. 

wüste  1413,  1445  —  gewust  1442  —  wüsten  1442  — 
vorwust  1494  (2)  —  wüst  1520.  —  Letztere  Formen  sind  nhd. 
W.  mhd.  Gr.  §  50.  -  W.  Dial  S.  56. 

Zu  wüste,  gewust  etc.  vgl.  o  =  mhd.  e,  i. 

u  =  mhd.  i. 

czwusschen  1447,  1524  —  czwuschen  1510  (2),  1520,  1524, 
1530,  1534  (2)  —  zwuschen  1510,  1534  (2),  1540,  1545  (2), 
1555,  1560  (4). 

W.  mhd.  Gr.  §  57.  —  Rück.  Entw.  S.  47. 

w  hat  verdunkelnd  gewirkt.  Daneben  stehen  tiberwiegend 
die  i- Formen. 

u  =  mhd.  e. 

wulde  1507,  1515  —  wulden  1520. 

Auch  hier  hat  w  verdunkelnde  Kraft  geübt. 

Über  u  im  Präfix  zur  —  vgl.  Präfixe. 


35 


Dlphthongre. 
au. 

Belegt  sind  die  SchreibuDgeD  au  (aw)  UDd  ou  (ow).  In 
A  ist  Dar  ou  (ow)  vertreten,  an  bricht  sich  im  15.  Jahrhdt  Bahn. 
Das  letzte  Beispiel  für  ou  ist  ouch  1524  (2).  Von  da  ab  ist  mir 
nur  an  begegnet  Also  vor  der  Mitte  des  16.  Jahrhdts.  ist  an 
<aw)  durchgedrungen.  Innerhalb  des  Zeitraumes  steht  au  neben 
on,  doch  nimmt  naturgemäss  ou  nach  dem  Ende  zu  ab. 

Nur  aw  steht  ftlr  mhd.  iu  in  trawen,  getrawer,  getrawen  etc. 
vgl.  oben  S.  32. 

Ferner  ist  nur  ou  belegt  für  mhd.  o  und  mhd.  n  vor  b  in 
glonbten,  gloubt,  gloubden  etc.  vgl.  unten.  Diese  Diphthongierung 
selbst  ist  zeitlich  beschränkt,  wovon  weiter  unten  noch  ge- 
handelt werden  wird. 

Vgl.  über  die  Schreibung  W.  mhd.  Gr.  §  127.  —  Rück. 
Entw.  S.  89,  90. 

Die  Schreibung  an  bezw.  ihr  Vordringen  gegenttber  ou  ist 
auf  bayr.-östreich.  Einfluss  zurückzuführen.    (Rück.  Entw.  a.  a.  0.). 

au  =  mhd.  ou. 

Sehr  zahlreich  belegt  die  ganze  Periode  hindurch.  Gerade 
hier  stehen  die  verschiedenen  Schreibungen  nebeneinander. 

Einige  Fälle:  frau,  frowen,  frawen,  vorkauflft,  vorcouflft, 
auch,  ouch,  owgen,  vorlawfen,  glauben,  berowben  etc. 

Über  das  nicht  umgelautete  ou  im  Scblesischen  vgl.  W. 
Dial.  S.  60. 

au  =  mhd.  fi. 
vgl.  u. 

au,  ou  =  mhd.  u. 

beschauldigte  1389  —  gloubden  1428  (mhd.  glubde). 
W.  mhd.  Gr.  §  64.  —  Rück.  Entw.  S.  93. 

Diese  Erscheinung  ist  also  selten  und  nur  im  Anfang  belegt. 

au  =  mhd.  iu. 
vgl.  u. 

ou  =  mhd.  0. 

gloubte  1424  (3),  1426  (2)  —  gloubt  1424  (4),  1426  (2), 

1428  (6)  —  gloubende  1424. 

3* 


86 

Diese  Erscheinang  reicht  also  nicht  ttber  die  Mitte  des 
15.  Jahrhts.  hinaus.  Sonst  sind  nnr  die  o- Formen  belegt. 
Rück.  Entw.  S.  115.  —  W.  mbd.  Gr.  §  64.  —  Über  diesen 
Lant  im  späteren  Schlesisch  vgl.  DrechsL  S.  27.  —  W.  Dial. 
S.  61. 

ei. 

ei  =  mbd.  ei. 

Sehr  zahlreich  belegt 

Ober  g  =  mbd.  ei  vgl.  e. 

Das  alte  ei  wird  gegen  Ende  der  Periode  hin  stark  durch 
ai  zurückgedrängt.  Im  16.  Jahrbdt  steht  fast  aasschliesslich  ai. 
Aach  hierin  zeigt  sich  obd.  Einflnss.  In  A  ist  ai  nicht  belegt. 
B  Mayberg  1407.  —  Schiaispech  1413.  C  kaiser  1471  (3), 
1472  (12),  1477  (4)  —  kaisers  1471  (4),  1472  (3),  1477  — 
kaiserlich  1477  —  kaiserliche  1477  (2)  —  kaiserlicher  1477  — 
kaiserlichen  1471,  1472,  1477  —  raisigen  1471  —  laider  1471, 
1477  —  laisten  1472  —  geraicht  1477  -  nflFraichen  1515  — 
craissen  1474  (2)  —  craiscz  1474  —  craisses  1477.  D  kaisers 
1515  —  entschaiden  1490,  1510,  1515  —  beschaid  1507  (2), 
1510,  1520  —  zageaigent  1507  (2),  1510,  1530  —  beschaiden 
1507,  1510  —  hailigen  1507  (2)  —  gaistlichen  1507,  1510 
1515  —  gaistlicb  1530  (8),  1534  (2),  1540  .  .  .  —  tail  (toyl) 
1507,  1515,  1520  (5),  1524  (2),  1530  (2)  —  tails  1515  (2), 
1524  (3),  1530,  1534  —  teilen  1515  (2),  1524  —  aigen  1515  (2), 
1524  —  aigenthamb  1524  —  aigenen  1530,  1560  —  aigener 
1530  —  vorainigt  1520  —  czway  1520  —  baide  1520,  1524 
baiden  1524  (3)  —  baider  1524,  1530  (2)  —  arbait  1510  — 
arbaitten  1530  —  kayne  1524  (2),  1530  (4)  —  aine  1514  — 
ain  1530  —  ainander  1524  —  ainen  1524  —  angezaigte  1530, 
1540  —  geraichent  1524  —  raichnnge  1524  —  forraichen  1524 
—  gemaine  1524  —  pechstein  1530  —  klayder  1530  — 
maister  1534  —  gemaint  1534  —  stein  1534  —  ailflF  1540  — 
claydnngk  1540 

Beachtung  verdient  die  Seltenheit  des  ai  in  B  und  das  un- 
geheure Anwachsen  in  D. 

Freilich  ist  nhd.  ausser  in  Mayberg,  kaiser  (und  Ableitungen) 
sonst  ei  gewahrt. 


87 

Auch  in  den  Ableitnngssilben  -heit,  -keit  ist  ai  belegt. 

*hait.  D  sicherhait  1490  —  freihait  1510  —  sander- 
hait  1515. 

kait  C  gerechtigkait  1477  —  berlicbkaiten  1477.  D  ge- 
rechtigkait  1515,  1524,  1534,  1540,  1555  —  gerecbtikait  1530 

—  redlichkait  1530  —  darcblaachtigkait  1524. 

Über  ai  vgl  W.  mbd.  Gr.  §  124.   —   Rück.  Entw.   S.  84. 

—  Drecbsl.  S.  26.  —  Bahder  S.  4,  8. 

ei  <  mbd.  —  ege  ist  in  nnsern  Denkmälern  selten  and  nur 
im  Anfang  belegt  (vgl.  ai  <  —  age). 

weyne  1389,  1392  (2),  1394,  1396,  1397  —  wein  1393  — 
teidinges  1389  —  teydingen  1425  —  ümbeteidingt  1437  — 
leyt  1440  -  getreide  1403,  1445. 

Im  Übrigen  vgl.  Rück.  Entw.  S.  94. 

ei  =  mbd.  t 

▼gl.  i. 

ei  =  mbd.  e. 

Dieser  Dipbtbong  entstebt  nur  vor  g  nnd  nur  in  dem 
Worte  keigen. 

keigen  1393,  1394,  1447  —  keigin  1389  (2),  1394,  1398  (2) 

—  keigenwertikeit   1424  —   keigenwortikeit   1445    —   keigin- 
wortig  1399.  —  W.  mbd.  Qr.  §  29.  —  Rück.  Entw.  S.  99. 

In  nnsern  Denkmälern  ist  also  dieses  ei  selten  und  anf  den 
Beginn  der  Periode  besebränkt. 

ei  =  mbd.  6. 

orfeide  1418, 1428, 1433  —  feiden  1418, 1428  —  Heylias  1417. 

Seltene  Erscbeinung.  W.  mbd.  Gr.  §  100.  Beispiele  aus 
dem  älteren  Schlesiscfa  bringt  Rück.  Entw.  S.  99.  Über  ei  im 
heutigen  Schlesiscb  vgl.  W.  Dial.  S.  46. 

ei  =  mbd.  i. 

seint  1413,  1414,  1418.  1436  (2),  1446,  1490  (3)  —  seind 
1437  (2),  1438. 

Im  16.  Jabrbdt.  ist  diese  Form  ausgestorben,  welche  durch 
Analogie  zu  der  1.  nnd  2.  p.  pl.  ind.  praes.  beeinflusst  ist  W. 
mhd.  Gr.  §  48.  —  Rück.  Entw.  S.  99,  100. 


38 


ai  =  mhd.  ei  vgl.  ei. 

ai  <  —  mhd.  age. 

wayne  1389  —  waynfard  1417  —  besait  1393  —  be- 
taidingt  1477  —  betaidigunge  1477  —  Falkenhayn  1413  — 
Bergersbayn  1426  (2)    —    Kirchhayn  1436  —  Rosenhayn  1507. 

Über  die  Auflösung  des  g  bezw.  seine  Vokalisierung  zu  i 
vgl.  W.  mbd.  Gr.  §  33.  —  Rück.  Entw.  S.  85,  wo  noch  Bei- 
spiele gegeben  werden.  —  Bahder  S.  50. 

Im  16.  Jabrhdt.  ist  dieses  ai  ausser  in  —  bayn  nicht  mehr 
vertreten.  Ausserdem  steht  schon  mhd.  hain  neben  hagen.  Auch 
ist  hain  ins  nhd.  übernommen. 

F.  Frangk  S.  107  tadelt  ai:  »Auch  ist  zu  merken  das 
diese  duplirte  Stimmer  ;  ay  |  ay,  oy,  by  ;  wenn  sie  ausserhalb 
der  eigenen  Nahmen  befunden  |  werden  sie  zu  unrecht  an  stat 
des  ag  I  odder  age  |  braucht  |  wie  jnn  den  Worten  yait  hail  | 
erschlain  (beim  Schlesier)  zu  verstehenn  ist  i  weil  von  rechte  [ 
also  sehen  solt  {  jagt  {  hagel  I  erschlagen.« 

Er  gesteht  dem  ai  also  nur  in  Eigennamen  Berechtigung  zu. 

eo. 

eu  =  mhd.  iu,  vgl.  u  =  mhd.  iu. 

eu  =  mhd.  ou.  A  vorkeufen,  heubtmanne.  B  teufers  1411, 
1413,  1415   —   teuflfers  1444,  1445,   1446   —    vorkewfen  1418, 

1436,  1437  —  kewffen  1433,  1444,  1446  (2)  —  kcwfen  1437 
—    gleubebriefe   1421   (2)   —    gleuben  1440,    1441    —    dirleubt 

1437,  1439  —  reuflfen  1444  —  heuptman  1436  (2)  —  heupt- 
leute  1436.  C  heuptman  1473  —  heupt  1477.  D  vorkeuffen 
1490,  1507,  1515  —  keuffer  1540  (3),  1545,  1560  —  vor- 
keuflfern  1540,  1545  —  vorkeuflfer  1540  —  keuflichen  1540  — 
erlewbet  1490. 

W.  mhd.  Gr.  §  128. 

Von  diesen  Formen  sind  ins  nhd.  übernommen  die  Sub- 
stantive auf  -er  und  die  Adjektive  auf  -lieh. 

Der  Umlaut   des  ou  ist  als  berechtigt  anzusehen,    da  i  ur 
sprünglich  auf  den  Diphthong  folgte,  das  im  i^aufe  der  Sprach 
entwicklung   geschwunden    ist.      (heupt:  got.  haubith;    gleuben: 
got.  galaubjan  etc.)     Vgl.  Rück.  Entw.  S.  63. 


39__ 

Dnrcbans  ins  nhd.  ttbernommen  wurde  der  Umlaot  des  an, 
welchem  mbd.  fi  gegenttberBtebt 

rewmen  1403  (2),  1437,  1530,  1534  —  entrewmen  1429, 
1433,  1530  etc.  —  eingerewmet  1530  —   eingcreunibt  1540  (2) 

—  sewmen  1471   —  vorseumpt  1442  —  sewniig  1515. 

Die  n  bezw.  an- Formen  sind  wäbrend  der  ganzen  Zeit  mit 
keinem  Beispiel  belegt. 

Scbliesslicb  ist  zu  nennen  eu  als  Vertretung  von  mbd.  eu,  öu, 
wie  sie  sieb  findet  in  gedrewit  1434  —  drewer  1436  —  gleubigern 
1443  —  frewde  1471  —  gefrewet  1472  —  frewet  1477  — 
zustrewt  1476  —    lewfe  1477  —  czwelewftig  1477. 

Dieser  Umlaut  entspricht  durchaus  dem  nhd.  Sprach- 
gebrauche. 

Er  wird  stets  eu  (ew)  geschrieben.  Nur  ein  Beispiel  flir  öu 
ist  belegt:  gedröwbt  1417.  Über  die  Schreibung  eu  für  öu  vgl. 
Rück.  Entw.  S.  105. 

ie  vgl.  I. 

Dieser  Diphthong  ist  in  allen  seinen  Entwicklungsphasen 
unter  i  schon  behandelt,   weshalb   ich  hier  nur  auf  i  verweise. 

oe. 

oe  bezeichnet  nie  den  Umlaut,  sondern  immer  langes  o 
Es  entspricht 

1.  mbd.  6  in  Joes  1424.    W.  mbd.  Gr.  §  113. 

2.  mbd.  u  in  soen  1426.    Rück.  Ent.  S.  111. 

3.  mbd.  ä: 

a)  empfoen  1430,  1437,  1440  —  entphoen  1524  —  getoen 
1507  (2),  1510  (2),  1515  (3),  1520  —  getboen  1507. 

b)  pfoel  1510  —  gedoechter  1530. 

Bemerkenswert  ist,  dass  diese  Bezeichnung  in  C  unbekannt 
ist  und  dass  oe  für  ä  im  16.  Jabrhdt.  zunimmt.    W.  mhd.  Gr.  §  91. 

—  Rück.  Entw.  S.  111. 

Entsprechend  findet  sich  ae  für  ä,  in  koffslaen  1433  — 
gethaen  1524. 

In  er.sterem  Falle  ist  ursprüngliches  h  zwischen  a  und  e 
aasgefallen,    im   zweiten  Falle  liegt  Anlehnung  au  die  Bildung 


40 

der  andern  Partizipia   anf  —   en  vor.     So  natürlicb  auch  bei 
oe  3,  a.    Rück.  Entw.  S.  83. 

Ol. 

oi  <  mhd.  oge  durch  Konsonantenausstossung  bezw.  Vokali- 
sieruDg. 

foit  1403,  1439,  1474  (3),  1515  —  foyt  1474  (2),  1534  — 
voyt  1515,  1545   -  voitea  1437  ~   foytis  1474  —  foyte  1474 

—  Foytynne  1446.    W.  mhd.  Gr.  69. 

oi  =  mhd.  ö. 

grois  1507,  1515,  1524  —  groiste  1524  —  lois  1507  (4), 
1510  (8),  1515  (2),  1520  (4),  1524  (6),  1530  (7),  1534  (4), 
1540,  1550. 

Beachtung  verdient,  dass  oi  erst  im  16.  Jahrhdt.  aufkommt. 
Um  die  Mitte  des  16.  Jabrhdts.  treten  die  o- Formen  neben  die 
oi- Formen  wieder  ein.  W.  mhd.  Gr.  §  113.  —  Bück.  Entw. 
8.  113. 

ue. 

Vgl.  u  =  mhd.  no  und  mhd.  üe  S.  30  f. 

Sonst  ist  ne  nicht  belegt. 

Vokallsmus  der  Nebensliben. 

A.  Präfixe. 

In  Betracht  kommen  ge,  be,  ver,  ent,  er,  zer. 

ge  sehr  zahlreich  vertreten,  i  findet  sich  in  diesem  Präfix 
nie.  e  wird  elidiert  vor  I,  m,  n,  w.  z.  B.  globt,  glouben, 
glnbde,  gloubte,  unglouben,  glucke,  gleite  —  gmeyne  —  gnade» 
gnode,  gnediglich,  gnomen,  gnug,  obgnante  —  gwicze  (nur  1439). 

—  W.  mhd.  Gr.  §  79.  —  Grdrss.  §  55,  3. 

Diese  Elision  ist  noch  im  16.  Jahrdt.  in  voller  Kraft.  — 
Vgl.  aber  Bahder  S.  4. 

Häufig  fehlt  das  ganze  Präfix  in  part.  praet.  Wie  schon 
im  ahd.  und  mhd.  findet  sich  diese  Erscheinung  bei  komen, 
worden,  bracht,  vundin.  Sie  ist  aber,  wie  überhaupt  im  md., 
verallgemeinert  und  auch  belegt  bei  kaufft,  abegangen^  wolt, 
mocht,  czogen  etc.     Grdriss.  §  55,  3. 

Im  16.  Jahrhdt.  nimmt  diese  Erscheinung  ab,  doch  ist  ge 
nicht  allgemein  durcbgeflihrt,  worden  ist  ins  nhd.  übergegangen. 


41 

be.    i  ist  nie  in  dem  Präfix  belegt 

Vor  1  wird  e  elidiert:  bleiben,  blebin  etc.  W.  mhd.  Gr. 
§  79.  —  Grdriss.  §  55,  8.  —  Bahder  S.  4. 

Ter.  Dieses  Präfix  erscheint  sowohl  als  ver,  wie  in  den 
speziell  md.  Formen  vor,  für. 

Yor  ist  am  häufigsten  gebraucht,  für  am  seltensten. 

Im  16.  Jahrhdt  wechseln  ver  nnd  vor  gleichmässig,  so  dass 
fftr  diese  beiden  Formen  ein  bestimmtes  unterschiedliches  Ver- 
hältnis nicht  anzugeben  ist.    In  A,  B  und  C  überwiegt  vor. 

Grdriss.  §  55:  Präfix  vor  ist  wohl  eine  Anlehnung  an  die 
Präposition  vor.  W.  mhd.  Gr.  §§  83,  84.  —  Bahder  S.  50.  — 
Die  Ansicht  Rück.  (Entw.  S.  42),  dass  vor  erst  aus  vur  ab- 
geleitet sei,  erscheint  mir  unwahrscheinlich. 

F.  Frangk  S.  107  sieht  vor  als  das  ursprüngliche  und  ver 
als  Kürzung  an:  »Wenn  das  o  und  u  im  aussprechen  kurtz 
sein  !  werden  sie  auch  ettwan  jus  e  gewandelt  |  .  .  .  .  So  sie 
aber  langk  sein  im  aussprechen  !  Odder  ein  ander  Stimmer  (das 
ettliche  wollen)  jnn  der  nehstfolgenden  silben  nach  jaen  gehet  I 

bleiben  sie  un?erwechselt Also  wirds  auch  verstanden 

nnnd  gehalten  jnn  dem  wörtlin  (vor)  wenns  für  odder  an  |  ein 
ander  wort  gesatzt  {  und  gefuget  wirdt  {  als  verbnndenn  |  ver- 
wircken  etc.  1  für  yorbundenn  |  vorwircken.« 

ver:  verlorn,  vermachet,  verschreiben,  versigelt,  vememe- 
lichen,  vergangen,  verrichtet,  verdencken,  verdienen,  verbürgen, 
versagen,  verschulden  etc. 

vor:  verlorn,  vorantwort,  vorlobt,  vorczegen,  vorfaliin,  vor- 
raichen,  vormachen,  vorkaufft,  vorwesem,  vorretnis,  vorreter,  vor- 
cziehen,  vorsuchen,  vordencken,  vorsigelt,  vorwissen,  unvorczoge- 
lieh,  unvorbruchlich,  vorweiset,  vorpfendeu^  vorgeben  etc. 

Weitere  Beispiele  bei  Drechsl.  S.  17.  —  W.  Dial.  S.  61. 

für  B  furlon  —  C  furnemens,  furgibt,  furseczet  —  D  fur- 
andert,  furraichen,  furtragen. 

für  mag  auch  beeinflusst  sein  von  mhd.  vür. 

ent.  Dieses  Präfix  ist  belegt  als  ent,  en,  em.  en  steht  in 
der  ersten  Zeit  noch  vor  Labialis:  enpfremden  1389  —  en- 
pfohen  1407  —  eupfabn,  enphangen  1408  —  enpfangen  1417, 
1421.    Später  nicht  mehr. 


42 

Allmählich  wird  n  >  m  vor  Labialis:  empfangen,  empfohen, 
eraprochen,  emperen  etc. 

ent  ist  belegt:  entwerren,  entschulden,  entscheid,  entrewinen, 
entrichten,  entwenden,  entrittcu,  entfuren  etc. 

ent  steht  also  in  den  Fällen,    wo   nicht  eine  Labialis  folgt. 

er  ist  belegt  als  er,  der,  ir,  dir.  W.  mhd.  Gr.  §  81.  — 
Rück.  Entw.  S.  34,  35. 

Über  das  euphonische  d   handelt  Rück.  Entw.  S.   138,   139. 

er:  erfunden,  erczelen,  erkennen,  erhebin,  erfroget,  erlobet, 
erstatten,  erlanget,  erbotten,  erweckende,  ercleret,  erkoren,  er- 
dencken  etc.  etc.  —  er  ist  die  weitaus  herrschende  Form. 

ir:  jrkente  1421    -  irlauchten  1477  (3)   —   irluchten   1477 

—  irlauchte  1534  —  irkaut  1490  —  irdencken  1497  —  irwecken, 
irgangen  1359.  —  Im  IG.  Jahrhdt.  ist  nur  die  eine  Form  ir- 
lauchte belegt. 

der:    derhalen  1419  —  derbot  1429  —   derfaren  1417  (2). 

—  dir  B  dirfordert  1408,  1409  —  dirfaren  1414,  1417  (2), 
1421  (2)  -  dirholet  1417  —  dirkennen  1424,  1430  (2),  1431, 
1436,  1445,  1446  —  dirkant  1433  —  dirkentnis  1445  —  dir- 
funden  1433,  1442  —  dirlewbt  1437  —  dirlewbit  1439  —  dir- 
lossen  1440  —  dirmorden  1440  —  dirbietunge  1442  —  dir- 
gangen  1442  —  dirczalt  1442  —  dirboten  1442.  —  C  dirbotten 

1471  —  dirschrecken  1471  —  dirschrocken  1472  —  dirleschen 

1472  —  dirloubunge  1476  (2)  -  dirlosunge  1477.  —  D  dir- 
kentnis 1507  —  dirlossen  1507. 

Das  Absterben  von  dir  ist  deutlich  zu  sehen.  Im  16.  Jahrhdt. 
sind  mir  nur  die  zwei  Formen  begegnet. 

Falsche  Analogie  liegt  vor  in  dirniderligt  1476. 

zer.  Dieses  Präfix  erscheint  mit  unbestimmt  geschwächtem 
Vokal,  der  n  geschrieben  wird.  W.  mhd.  Gr.  g  84.  —  Rück. 
Entw.  S.  47.  -   Bahder  S.  50. 

Ausserdem  schwindet  r.   —  W.  mhd.  Gr.  §  214. 

Grdriss  §  55  erklärt  zu  <  zur  als  Anlehnung  an  die  Prä- 
position. 

Beispiele:  czubrochen  1434  —  zuhauen  1440  (2)  —  zurissen 
1472  —  zustrewt  1476.  —  Aus  dem  16  Jahrhfit.  sind  mir  keine 
l^eispiele  bekannt;  nur  zer  ist  belegt.  Weitere  Belege  bei 
Dreehsl.  S.  18.  —  W.  Dial.  S.  57. 


43 


B.  Mittel-  und  Endsilben. 

Die  md.  Schreibung  i  ftlr  e  in  geschwächten  Mittel-  und 
Endsilben  herrscht  in  B,  nimmt  in  C  und  D  ab.  Im  16.  Jahrhdt. 
ist  mir  nur  obinde  1524  als  letzte  Form  begegnet. 

Die  Zahl  der  einzelnen  Fälle  ist  so  gross,  dass  es  nicht 
möglieh  ist,  eine  Statistik  zu  geben.  Ich  beschränke  mich  daher 
auf  einzelne  Beispiele:  kegiu,  gebin,  blebin,  unsir,  schreibin, 
beczalin^  globit,  vorrichtit,  stehit,  erloubit,  lawfin  etc.  W.  mhd. 
Gr.  §  81.  —  Rück.  Entw.  S.  34    —  Bahder  S.  50. 

Ausser  durch  i  wird  der  tonlose  Vokal  durch  a  bezeichnet: 
nur  in  owande  1399.     W.  mhd.  Gr.  §  82. 

Eine  dunklere  Färbung  des  Vokals  ist  o  in  den  Eigennamen 
Hannos  1394  (2),  1409,  1414,  1417  (3),  1423  (2),  1424  (5), 
1447  (6)  —  Andres  1410  —  Jawor  1442—1471.  Im  IG.  Jahrhdt. 
existieren  solche  Formen  nicht  mehr.     W.  mhd.  Gr.  §  83. 

In  den  genannten  Fällen  ist  wohl  mit  Sicherheit  polnischer 
Einfluss  anzuoehmen. 

Eine  noch  dunklere  Färbung  ist  u: 

B  abund  1399,  1440  —  abunde  1393  (3),  1396,  1397,  1447 

-  obund  1421  —  obunde  1419,  1446  —  tusunt  1403  — . 
tawsund  1440  (3)    —  jogunt  1440    —    toguntliche  1445,    144G 

-  achczug  1442,  1445  —  harnusch  1393  —  Willusch  (3), 
Willuschynnc  1446  —  Oppnla  1442.  —  C  Oppuln  1171,  1477. 
D  toguntsameu  1507  —  toguntsame  1510,  1515.  -  Sodann  in 
der  Ableitungssilbe  —  nus  (schon  ahd.  —  nussi  neben  —  nissi) 
gefengknus  1520  —  hinderuus  1520  —  hindernuss  1524  (4)  — 
gedechtnuss  1520  —  bekentnus  1534  —  erkentnus  1545,  1555. 

-  Vgl.  Bahder  S.  50. 

Im  16.  Jahrhdt.  tritt  demnach  die  Verdunklung  der  Ab- 
leitungssilbe —  nis  besonders  hervor.  W.  mhd.  Gr.  §  268.  — 
Rück.  Entw.  S.  47. 

mhd.  xve  >  er:  dorffer,  schuler,  tewflfer,  wechseler,  ritter, 
worffeler  etc. 

Die  nhd.  Formen  sind  durchgedrungen. 

Ferner:    erber  1423,   1424,  1436  (2),  1440,  1444,  1471.  - 
erbern   1419,    1421,    1423,    1408,    1433,    1437,    1440  (2), 
1442,  1442,  1446  (2),  1447.  -  C:  erbern,  erberlich. 


44 

Daneben  steht  erbar  etc.  Im  16.  Jabrhdt.  ist  erbar  die 
herrschende  Form. 

Die  Entwicklmig  erbsBre  >  erber  ist  analog  alwsere  >  alber(n). 

ci  >  e  in  nebentonigen  Silben. 

B  ohem  1408,  1423  —  erbet  1424  (2)  —  firtel  1423  — 
virtel  1424  —  viertel  1426  —  ortil  1446  —  scholtis  1447.  — 
C  ortil,  ortile.  -  D  ortil  1607  -  virtel  1524. 

Im  16.  Jabrhdt.  also  nnr  zwei  Formen,  die  ausserdem  ins 
nhd.  übernommen  sind.    W.  mhd.  6r.  §  80.  —  Grdriss.  §  54. 

t  >  i  in  nebentonigen  Silben:  C  Schewrlin,  Fridrichs.  — 
D  Friderich  1520  (2). 

Schwächung  liegt  auch  vor  in  Eigennamen  wie  Andris, 
Andres,  Mathis.  —  So  noch  im  16.  Jabrhdt. 

ü  >  e:  nockweren  1477.    Dies  ist  das  einzige  Beispiel. 

Das  von  des  diu  aus  durch  die  Mittelform  desto  hindurch 
gegangene  destir  (C)  erklärt  sich  als  falsche  Nachbildung  des 
Komparativ.     W.  mhd.  Gr.  §  213. 

a  >  e:  amecht  1352  (2),  1426,  1439.  —  C  amechte  1426 

—  Czawdmer  1426  —  achtperkeit  1352. 

Zahlreich  ist  belegt  Hungern,  Ungern,  ungerisch,  hnngerisch. 
Im  16.  Jabrhdt.  tritt  aber  a  ein:  hungarisch  1530,  1534,  1540 
(3)  etc. 

0  >  e:  geantwert  1411  (2),  1413,  1417,  1418  (2),  1421  (2), 
1424  (3),  1440,  1442  (3)  —  antwerte  1411,  1442  —  antwerten 
1411  (2),  1413,  1418,  1421,  1424  (2),  1440  (3),  1442  (2),  1444, 
1445,  1446  (7),  1447  —  Gregersdorf  1428.  —  In  C  und  D 
fehlen  solche  Formen. 

Die  Qualität  des  Mittelvokals  ist  bisweilen  beeinflnsst  durch 
die  Vokale  der  Umgebung,     saffaran  1393   —   Daumoloz  1393. 

—  Daneben  stehen  safferan,  Dnmeloz. 

Im  übrigen  bleiben  diese  Fälle  auf  das  14.  Jabrhdt.  be- 
schränkt 

Der  Mittelvokal  filiit  manchmal  aus:  Dortea  1403  —  Yenedgin, 
Venedgen  1394  —  Margrit  1408  (2),  1417,  1419  —  Salmon  1428 

—  apteke  1422.    Daneben  stehen  die  nicht  synkopierten  Formen, 
wie  sie  im  16.  Jabrhdt.  allein  belegt  sind. 


45 

Über  das  Abschleifen  der  Endsilbe  -et  bezw.  die  Synkope 
Yon  e  im  part.  praet.  sw.  verb.  (Dentalstämme)  vgl.  unter  t  im 

Anslant. 

• 

Die  Endungssilbe  -en  der  Flexion  filllt  bei  part.  praet. 
st  verb.  und  Adjektiven,  die  auf  -en  endigen. 

B  eigen  (dat.)  1408  —  seyme  eigen  holcze  1420  —  die 
gefangen  (pl.)  1423  (2)  —  von  den  obgeschreben  marken  1428 

—  des  vorgesebrebin  geldis  1428  —  den  vergangen  tag  1420 

—  etc.   —   des  obgeschreben  hawses,  von  gesneten  delen  1428. 

—  C  die  gefangen  —  von  etlichen  gefangen  wegen  —  am 
nebst  vorgangen  tage.  —  In  D  treten  die  vollen  Formen  wieder 
ein.    Rflck.  Entw.  S.  214. 

Ebenso  ist  das  Verhältnis  im  gen.  sing,  der  st.  Flexion: 
B  bekentnys  (g.)  1370  —  des  gefenknis  wegen  1417,  1431.  — 
C  dis  tages.  —  D  fehlt.    Rück.  Entw.  S.  216. 

Konsonantismus. 
A.  Sonore  Konsonanten. 

w. 

Ober  den  Wechsel  von  w  und  b  vgl.  b. 

w  im  Anlaut  der  Relativpronomina  und  -adverbia  findet  sich 
durchaus,    sw  ist  nur  belegt:  swi  1352. 

Beispiele:  wer,  welcher,  was,  wo,  wen,  wenn  etc. 

Grdriss.  §  83,  4:  Dass  die  relativischen  wer,  welcher,  wo 
des  nhd.  unter  Abfall  des  s  aus  swer,  swelcher,  swä  des  mhd. 
entstanden,  ist  schwerlich  richtig;  es  liegt  im  nhd.  syntaktisehe 
Entwicklung  aus  dem  Frageprognomen  vor. 

enwire,  enwern  1436.  Nur  diese  zwei  Fälle  sind  belegt. 
Bflck.  Entw.  S.  130:  Der  Halbvokal  w  hat  wenigstens  eine  sehr 
leichte,  kaum  hörbare  Aussprache  in  solchen  Fällen  angenommen. 

Über  j  im  Anlaut  und  Wechsel  mit  g  vgl.  S.  54. 
Sonst  ist  j  nicht  belegt. 


46 


2.  ILiiquidae. 
r. 

Auslautendes  r  vor  vokalischem  Anlaut  des  folgenden  Wortes 
bleibt  gewahrt:  daran,  dorunibe,  darin  etc.     Vgl.  Grdriss.  §  75. 

Sonantisch  ist  r  in  donrstages  1418,  1419,  1445.  —  ewrs, 
ewrm  1470. 

1. 

Bietet  nichts  Bemerkenswertes.  —  über  11  vgl.  Gemination. 
Über  1  in  werlt  etc.  vgl.  Konsonantenverbindung. 

8.    IDTasale. 
m. 

Im  Suffix  -em  hält  sich  altes  m  in  besem  143G.  —    Weitere 

Belege  bei  Drechsl.  S.  30. 

..  .. 

Über  mm  vgl.  Gemination.  —  Über  mb  und  m  <  n  vor 
Labialis  vgl.  Konsonantenvcrbindug. 

n. 

n  bietet  nichts  Bemerkenswertes.  —  Über  nn  vgl.  Gemination, 
n  >  m  vgl.  Konsonantenverbindung. 

B.  Geräuschlaute. 

1.  Xjabiale. 

P 

p  anlautend  =  mhd.  p. 

Nur  in  Fremdworten :  pristern.  prelaten,  papir,  probist,  paten, 
pulver,  personen,  piper,  protestirten,  processen,  Privilegien,  preisen, 
Patriarch  etc. 

p  =  mhd.  b  vgl.  b. 

Auslautend  p  =  mhd.  p  vgl.  b. 

pf. 

Die  Affrikataverschiebung  des  p  ist  durchgeführt  ausser  in 
der  Gemination,  wo  unverschobenes  pp  wie  heute  in  der  Mund- 
art fortbesteht.  Nur  vereinzelt  zeigt  sich  hier  durch  obd. 
Einfluss  ppf. 

Die  Labialaffrikata  wird  geschrieben  pf,  ph,  ppf,  pph.  Am 
liäiifigsten  ist  pf.  Im  IG.  Jahrhdt.  ist  ph  nur  belegt  in  ver- 
plieutleu  1530  —  eutphoen  1524.    Sonst  steht  im  Anlaut  nur  pf. 


47 

ph:  phert,  phlichtig,  yorphenden,  gotsphennig,  verphenden, 
entphoen. 

pf:  pfund,  pfyngsteD,  pflager,  pfand,  pferde,  pflicht,  pflichtig, 
pfiogsten,  pfarrer,  vorpfenden,  pflegen,  pfennig  etc.  etc. 

Bemerkenswert  ist,  dass  kein  einfaches  f  im  Anlaut  wie 
jetzt  in  der  Mundart  belegt  ist.  Vielmehr  wird  nuter  Einiinss 
von  vorangehendem  n,  im  Präfix  eu-,  altes  v  zu  pf  (ph): 
CDpfremden  1399  —  enpfangen  1417,  1421  —  enphangen, 
enphan  1408. 

n  >  m  vor  p:  empfangen  1421,  1422,  1424  (3)  etc.  — 
empfnrt  1424. 

Weiterhin    tritt   wieder   ent-  für  en-   ein:    entpfangen  1417 

—  entphangen   1426,    1507   —   entphoeu   1524.     W.  mhd.  Gr. 
§   171. 

Die  Verdoppelungen  ppf  (pph)   erscheinen  nur  inlautend. 

ppf:    hoppfenhawze  1417  —  hoppfen  1417  —  hoppfe  1421 

—  oppfern  1444  (2). 

pph:  schepphin  1389  —  schepphen  1414.  —  Beispiele  für 
die  Verdoppelung,    die  schon  ahd.   häutig  war,   bringt  aus  dem 

14.  Jahrhdt.     Rück.  Entw.  S.  180. 

In  nnsern  Denkmälern  reichen  sie  nicht  über  die  Mitte  des 

15.  Jahrhdts.  hinaus. 

Im  Auslaut  ist  bemerkenswert  scharpif  1530.  obd.  Einfluss 
liegt  vor.     W.  mhd.  Gr.  §  171.  —  Bahder  S.  50,  52. 

Unverschobenes  pp  ist  bezeugt  in  scheppin  1393,  1447  — 
scheppen  1417,  1418,  1441,  1442  (4),  1447  (2),  1494  (2),  1507, 
1515   —   scheppenbriffe  1446    —    scheppeuschreiber  1530,  1560 

—  stadtscheppen  1540  —  freieuscheppen  1442  —  scheppe  1447 

—  copper  1440  —  coppers  1440  (2)  —  coppe  1437. 

Auslautend  topp  1515. 

Über  diese  echt  md.  Erscheinung  vgl.  W.  mhd.  Gr.  g  167. 

—  Rück.  Entw.  S.  178. 

b. 

b  entspricht  anlautend  mhd.  b. 

b  und  V  (w)  wechseln:  Vyndoff  1393  —  Byndoffynne  1417 
nockweren  1477  —  nockboreu  1471  (2),  1472.  —  Über  nockweren 


48 

vgl.  Bück.  Entw.  S.  132.  —  Im  Übrigen  siehe  Rück.  Entw. 
S.  123.  —  W.  mhd.  Gr.  §  161.  —  Ana  dem  heutigen  Schlesisch 
führt  W.  Dial.  S.  72  nur  ein  Beispiel  an.    Ebenso  Drechsl.  S.  28. 

Oft  wird  b  dnrch  p  ersetzt.  Die  Beispiele  hänfen  sich 
gegen  Ende  der  Periode. 

Über  die  Verhärtung  von  b  zu  p  vgl.  W.  mhd.  Gr.  §  166. 

Allgemein  md.  ist  sie  unter  dem  Einflnss  eines  unmittelbar 
vorangehenden  Konsonanten,  nach  dem  Präfix  en-  nnd  in  Zn- 
sammensetzungen. 

emperen  1436,   1472  —  empor  1438   —    emprechen  1445 

—  emprochen  1445  —  Wiltperg  1427  —  Hymperger  1440  — 
Regenspurg  1471  —  Eottenperge  1494  —  Schiltperg  1515  — 
achtpar  1515  —  achtparen  1507,  1510  —  altpusser  1510,  1520, 
1524  —  wiltpannen  1477  —  achtperkeit  1352  —  weichpildes  1530. 

Über  p  als  Anlaut  im  zweiten  Teil  eines  Kompositum  vgl. 
Rück.  Entw.  S.  125. 

Speziell  hessisch,  thüringisch,  ostdeutsch  ist  p  flir  b  vor 
dunklen  Vokalen  und  r  (1). 

B  prewhaws  1429.  —  C  praut  1473  —  prawt  1476.  — 
D  prüder  1507  (2),  1520  —  pruders  1507  —  gepruder  1507  (3), 
1510,  1520  (2)  —  gepruders  1507  —  prüdem  1524  —  ge- 
prudem  1530  —  geprauchen  1507,  1515  —  prauchen  1515  — 
einprengen  1524  —  pringen  1524  —  gepracht  1524  —  abpruch 
1524  —  unverpruchlich  1524. 

pleiben  1510,  1515  (2),  1530  —  pleibet,  plieben  1524. 

hochgepomen  1507  —  gepurlichen  1507  —  ungepurlich 
1524  —   gepuren  1510  —   purger  1510,  1515,  1520  (2),  1530 

—  mitpurger  1524,  1530  —  mitpurgern  1510  (2),  1515  (2)  — 
gepotten  1510  —  Pauer  1540  —  gepauer  1515  (2). 

Schlesische  Schriften  haben  dieses  p  im  14.  und  15.  Jahrhdt. 
auch  vor  hellen  Vokalen. 

B  periin  1418  —  Peyer  1440  —  par  1440  (2).  —  C  pabst 
1477  —  panne  1477  —  gepieten  1477  —  Pehem  1477.  - 
D  parem  1507,  1510,  1515,  1520  —  parschaft  1507  —  Parch- 
witz  1524    —    paren  1524  —  pechstein  1530  —  pestenn  1530 

—  pillich  1534. 


49 

Ober  den  Lautstand  im  heutigen  Schlesisch  vgl.  W.  Dial. 
S.  71.  —  Weitere  Beispiele  bei  Drechsl.  29.  -  Über  die  Er- 
scbeinung  im  allgemeinen  vgl.  Grdriss  §  95. 

Inlautendes  b  =  mhd.  b. 

b  wechselt  mit  w:  owande  1399. 

Der  Stadtschreiber,  dem  diese  vereinzelte  Form  zuzuweisen 
sein  wird,  ist  Paul  Lynke,  der  1391—1400  wahrscheinlich  allein 
angestellt  war  (vgl.  Einleitung).  Er  stammt  aus  Danzig.  In 
den  Signaturen  wird  er  gewöhnlich  nur  Paulus,  der  Stadt- 
schreiber^  genannt.  Im  Jahre  1384  trat  er  sein  Amt  an  und 
scheint  1397  vorübergehend  seines  Amtes  entsetzt  gewesen  zu 
sein.  Wirklich  verabschiedet  erscheint  er  erst  1409.  Er  starb 
1419.  Über  ihn  vgl.  A.  Schultz:  Die  Stadtschreiber  im  14.  und 
15.  Jahrhdt  (Ztschrft.  d.  V.  f.  Gesch.  u.  Alt.  Schles.  Bd.  X, 
S.  158.) 

Zu  der  sprachlichen  Erscheinung  vgl.  v.  d.  Hagens 
Germania  IX  (1850),  153—170:  E.  Förstemann,  Die  nd.  Mund- 
art von  Danzig. 

Hieran  schliesse  ich  den  Eintritt  von  b  flir  v  (w),  wie  er 
vorliegt  in  wittbe  1530,  1534,  1550.  —  vrebelichen  1350.  — 
In  unsern  Denkmälern  ist  diese  Erscheinung  also  nur  selten 
belegt  Sie  findet  sich  nach  W.  mhd.  Gr.  §  162  in  md.  Schriften 
des  12. — 15.  Jahrhdts.  und  zwar  besonders  im  stldlichen  Franken, 
Hessen  und  Thüringen.   —  Ferner  RUck.  Entw.  S.  127  b,    133. 

Auslaut,     b  ist  noch  nicht  allgemein  durchgeftlhrt.     p  ist 
nebenher  belegt,  doch  schwindet  es  gegen  Ende  der  Periode. 
Über  b  im  Auslaut  vgl.  W.  mhd.  Gr.  §  163. 

ab  B  1393,  1396,  1399,  1401,  1403,  1408,  1413,  1417, 
1421,  1423,  1424  (2),  1437,  1445,  1446.  C  1470,  1473,  1476. 
D  1490,  1494,  1507  (2),  1515,  1520,  1524  (2),  1540.  ap  B  1399, 
1411,  1417  (3),  1418,  1420,  1421  (2),  1425,  1428  (2),  1440, 
1443,  1446,  1447.  C  1470,  1471  (10),  1472  (3),  1473,  1476, 
1477.     D  1490,  1494,  1515,  1520  (3),  1524. 

Von  1524  ist  mir  ap  nicht  mehr  begegnet. 

leib  1408  (2)  —  leip  1408  —  leiplichen  D  1524  —  weyb 
B  1433.  D  1530  (6),  1534,  1540,  1550  (2),  lö60  (3).  —  wejp 
B  1442.    Hier  ist  das  Verhältnis  klar. 

Arndt,  Entwicklang  der  BresUner  Kanzleisprache.  4 


50 

rowb   C  1472,  1473   —   raup    B  1447. 

Die  p-Form  bleibt  auf  die  erste  Hälfte  des  15.  Jahrbdts. 
beschränkt 

Ebenso:  Hb  1471, 1477  —  Lyphart  B  1417  (2)  —  erpberren 
B  1433  —  erbherre  B  1447  —  erbherren  B  1447  (2). 

Nur  p -Formen:  orlop  1431  —  dyep  1432. 

Also  auch  nur  in  der  ersten  Hälfte  des  15.  Jahrbdts. 

Nur  b- Formen:  halb  B  1408  (2),  1426,  1429,  1439,  1444 
C  1471.  D  1530  (2).  —  gab  B  1442  (2),  1446,  1447  (4)  - 
selbschuldig  1433  —  salb  1444  (3). 

Das  Überwiegen  von  b  geht  aas  der  Statistik  heryor. 

b  ist  ausgefallen  in  undirgehat  1424  —  gehat  1426.  — 
Die  herrschende  Form  ist  gehabt. 

Vor  t  ist  in  der  Regel  b  gewahrt  im  praet  und  part  pra^ 
sw.  verb:  gehabt,  gloubt,  globte  etc. 

Ganz  vereinzelt  ist  gehapt,  allerdings  noch  im  16.  JahrhdL 
1524,  1530  (2). 

Nur  p  ist  stets  belegt  in  houpt,  haupt. 

b  bleibt  auch  gewahrt  im  Präfix  ab-,  z.  B.  abgesnyten, 
abgeteilt,  abgewant,  abgebeten  etc.  Ursprünglich  war  b  in- 
lautend:  abe,   und   trat  erst  nach  Abfall  des  e  in  den  Anslaat 

Ebenso  hält  sich  b  in  ob-:  obberurter,  obgenanter,  ob- 
genanten,  obgeschrieben  etc.  Auch  hier  war  b  nrsprttnglich  in- 
lautend: oben. 

f  und  Y. 

f  =  mhd.  V,  nhd.  f  im  Anlaut  wechselt  im  Beginn  der 
Periode  noch  mit  y.  Gegen  Ende  des  Zeitraumes  wird  y 
immer  spärlicher.  Alle  Beispiele  statistisch  anzuflihren,  ist  an- 
möglich. Es  mag  genügen,  anzugeben,  dass  im  letzten  Jahrzehnt 
vor  C  nur  noch  zwei  solcher  v  belegt  sind:  yolgen,  beyolen. 

In  der  Folgezeit  ist  mir  nur  vleis  1560  (2)  begegnet 

Darüber  spricht  F.  Frangk  S.  108:  »Man  findts  bei  den 
alten  {  das  für  hundert  jähren  und  knrtz  darnach  das  z  fürs  s  | 
b  fürs  u  und  v  und  das  Ib  für  w  gemeinlich  ist  braucht  worden 

desgleichen  das  y  fürs  f  wenns  1  odder  r  jm  znnehst 

folget  I   als  vleis,  yrluntlich  etc.    {    welches  mit  dem  yl  bey 
unns  I  und  den  Nyderlendern  mit  dem  vr  nach  die  ubnng  helt« 


61 

Im  Übrigen  irt  nhd.  f  fhr  y  seit  C  dnrcbgedrangen. 

Selbst  in  der  Zeit  vor  C,  als  f  und  y  noch  wechseln,  ist  f 
stets  Yor  n  geschrieben,  z.  B.  füren,  gefnrt,  befale,  furdem, 
fhrder,  fhnffczik,  Fachsil,  fheter,  geanfaget,  erfunden,  iursten, 
fiissen  etc.  etc. 

Einzige  Ausnahme,  noch  dazu  aus  sehr  frtlher  Zeit,  vundin 
1393. 

y  =  mbd.  y,  nhd.  y  sehr  zahlreich  yertreten,  z.  B.  yater, 
Vetter,  yol,  yor,  yier,  viertel  etc. 

y  ist  nur  andere  Schreibung  für  w  in  Yyndoff,  wo  es  mit 
b  wechselt,  vgl.  b  und  vgl.  F.  Frangk  S.  107. 

In  einzelnen  Fällen  findet  sich  f  auch  da,  wo  in  unserer 
Schriftsprache  mhd.  y  festgehalten  wird. 

Fenedien  1393  —  folkomen  1422  —  folkes  1423  — 
firczehen  1437  —  fier  1394,  1445,  1447  (2)  —  firden  1474  — 
firtel  1370  —  foyt  1393  —  Foytynne  1446  —  foUem  1442  — 
foUen  1524  —  fogelweide  1524  —  dorfon  1530  —  brachfogel 
1534  —  etc.  —  F.  Frangk  S.  107:  Darumb  das  sie  (d.  i.  die 
Mitstimmer)  einander  vast  ehnlichenn  |  aber  bei  der  schwacheit 
and  sterck  |  einer  für  den  andern  erkant  wird  |  odder  an  der 
gelindheit  und  scherpff  allein  unterschieden  sein  |  als  |  w  b  p  { 
d  t  I  y  f  ph  I  ch  g  k  ck  I  Welche  die  ungeübten  jnn 
diesenn  und  andern  werten  versetzen  (folgen  Beispiele).« 

Über  f  im  Anlaut  vgl.  noch  W.  mhd.  Gr.  §  174.  —  Bück. 
£ntw.  S.  128. 

ph  ist  Spirans  in  Philipp  1442. 
Inlautend  f  =  mhd.  f,  nhd.  f. 

bedorfen,  tewfers,  vorkewfen,  bestrofen,  lawfen,  kaufe, 
lulfe  etc. 

Die  Schreibung  f  ist  regelmässig  durchgeführt. 

f  =  mhd.  v,  nhd.  f.  —  f  und  v  wechseln  im  Anfang,  all- 
mählich schwindet  v.  B  f:  briefes  1418,  1422,  1433,  1439,  1442 
—  brifes  1407,  1416,  1418,  1419(2)  —  brife  1411,  1417,  1418, 
1424(3),  1446  (2)  ~  briefe  1418,  1421,  1423,  1424  (12),  1425, 
1428  (2),  1431,  1433,  1434,  1440  (3),  1442,  1445,  1446  (2), 
1447  -  brifen  1409  —  briefen  1440  —  hofe  1408,  1413,  1417, 

1419,  1429  (2),  1437,  1442  (4)  —    ofen  1417  (3),  1418,  1423, 

4* 


52 

1429,  1433  —  ofyn  1417  (2)  —  freigrefe  1442   —   freigrefen 
1441   -  bischofe  1424  (3)  etc. 

v:  brive  1393  (2),  1396,  1420,  1434  —  brives  1393  — 
briues  1352  —  briuen,  grauen,  gronen  1359. 

C  nur  f. 

D  hat  f  in  weitaus  überwiegender  Zahl  belegt;  v  nur  in 
briue  1550,  1555.  —  Spirantisch  ist  ph  in  Fremdworten  wie 
Stephan,  Sophia. 

über  ff  vgl.  Gemination.  —  Über  f  im  Inlaut  vgl.  noch 
W.  mhd.  Gr.  §  175.  —  Rück.  Entw.  S.  127.  —  Bahder  S.  5. 
—  Über  die  stimmhafte  Spirans  im  heutigen  Schlesiach  vgl. 
W.  Dial.  S.  74. 

V  =  mhd  V,  nhd.  v:  frevil,  frevillichen  etc.  Die  Beispiele 
sind  nicht  gerade  häufig. 

Verschärfung  des  v  liegt  vor  in  freffelichen  (D).  —  W.  mhd. 
Gr.  §  175  c. 

über  das  Wort  frevel  handelt  genauer  Rttck.  Entw,  S.  133 
und  S.  127  b. 

Auslautend  f  =  mhd.  f.    Nichts  zu  bemerken. 

f  =  mhd.  b. 

ofgenannte  1428.  —  Nur  dieser  Fall  ist  belegt  Die  Spirans 
ist  besonders  ripuarisch,  aber  auch  dem  fränkischen  und  thürin- 
gischen Dialekt  eigen.    W.  mhd.  Gr.  §  177. 

2.   GKitturale. 
k. 

k.    Anlautend  ist  es  belegt  als  c  und  k. 

c  in  Fremdworten  und  vor  1  und  r  die  ganze  Periode  hindurch. 

Über  den  Gebrauch  von  c  in  lateinischen  Worten  spricht 
F.  Frangk  S.  100:  »Das  c  (und  q)  haben  im  deutschen  nicht 
statt  noch  rauhm  sondernn  das  k  heldt  jrre  statt  inne  .... 
Ausgenohmen  wo  latinisch  ,  odder  vom  latein  herschliessend 
worter  braucht  wurden  ,  Als  denn  bleibets  auch  jnn  den  selben 
unverwandelt     als     Clemens     Contz     caution  .  contract  ,  .  . .  c 

Beispiele  aus  unsem  Denkmälern:  Caspar,  cancelley,  com- 
missarieu,  cardinalen  etc.     Ferner  vor  1:  clagen  deinen,  eleinot, 


63 

ercleren  etc.  Vor  r:  craft,  crone,  cristen,  crewcz,  crige  etc. 
Bisweilen  vor  a:  becant. 

k  =  mhd.  k.    Sehr  zahlreich  belegt, 
konig,  kaufen,  kaiser,  keren,  kindt  etc. 

k  =  mhd.  g  vgl.  g. 

Inlautend  k  =  mhd.  k. 

Rein  graphisch  ist  ck  flir  k  nach  n  und  r. 

nck:  gefencknis  1431,  1432  (2),  1433,  1442  (7)  —  danckte 
1437  —  gedanckt  1441  —  dancke  1445,  1490,  1494,  1520  (2), 
1530  (4)  —  danck   1470,    1530,    1545,    1560  —   undancksam 

1471  —  undancksamkeit  1472  —  dancket  1472  —  schenckunge 
1441  —  erczschenckenamecht  1477  —  geschanckt  1441  — 
trancke  1447  (2)  —  trincken  1515,  1530  (2),  1555  —  duncket 
1470,  1471  —  beduncken  1477  —  junckfrauen  1540  —  be- 
denckende  1470    —    erdencken  1477  (2),   1490    —   gedencken 

1472  (2),  1474,  1476,  1477  (2)  —  irdencken  1494  —  be- 
denckenns  1560  —  geczenck  1476,  1515  —  orspruncklich  1471 
bencken  1520  —  fleischbanck  1520  —  Franckreich  1473  — 
Bancke  1444,  1447  (6)  —  Bancken  1442  (2),  1445  —  Banckau 
1446  —  Jenckewitcz  1436  —  Franck  1534. 

rck:  marcke  1447  —  marck  1530  (7),  1534  (2),  1540,  1545 

—  merckliche  1471   —   merckten  1477  —  wercken  1471,  1472 

—  wercke  1471  —  handtwerck  1507,  1530  —  werck  1560  — 
perckwercken  1477  —  sylberwerck  1540  —  starck  1472  — 
gesterckt  1472,  1477  —  stercken  1474  —  Turcken  1471, 
1472  (4),  1477  (2)  -  turckischen  1477  (2).  —  rck  ist  also  in 
B  selten,  tritt  erst  in  C  hervor.     Rttck.  Entw.  S.  184. 

ck  =  mhd.  ck  natürlich  auch  zahlreich  belegt;  z.  B.  ge- 
schickt, befleckt,  verstockt^  decken,  sticken,  underdrucken,  brücke, 
stucke  etc. 

ck  =  mhd.  h  +  g- 

nockboren  1471  (2),  1472  —  nockborschaft  1471  —  nock- 
weren  1477.  Also  nur  in  C;  in  der  späteren  Zeit  ist  dieses 
Wort  nicht  belegt.  W.  mhd.  Gr.  §  229.  —  Rück.  Entw.  S.  160, 
161.  —  Drechal.  S.  39.  —  Über  den  heutigen  Dialekt  vgl. 
W.  Dial.  S.  86. 


64 

gk  =  mhd.  k« 

dangkte  1494,  1507  (3)  —  dangke  1507,  1510  (2),  1520, 
1524  (2).  —  margkte  1515  —  Neuenmargkte  1507,  1530.  - 
Über  diese  seltene  Erscheinong  vgl.  Rttck.  Entw.  S.  .200. 

gk  =  mhd.  ck. 

Schmidebrugken  1555  —  Knigkebeyn  1446.  —  Ebenso  im 
Anslaut  geschigkt  1545. 

Auslautend  k  =  mhd.  c. 

Sehr  zahlreich  belegt:  bank,  mark,  trank,  werk  etc. 

Über  k  in  ferlikeit,  selikeit  etc.  vgl.  g. 

gk  =  mhd.  k,  nhd.  k. 

margk  1507  (2),  1510  (6),  1515  (6),  1524,  1530  (2),  1545  (2), 
1555  —  handtwergk  1507,  1545,  1556  —  hantwergk  1524, 
1530  —  silberwergk  1510  —  dangk  1555  —  fleischbangk  1520. 

—  Dieses  gk  ist  nur  nach  r  und  n  und  nur  im  16.  Jahrhdt. 
belegt,  es  vertritt  also  das  ck.  W.  mhd.  Gr.  §  232.  —  Bück. 
Entw.  S.  200. 

q. 

Es  findet  sich  die  Schreibang  qu,  kw.  chw,  welches  auf 
obd.  Einfluss  zurttckzufllhrcn  ist,  findet  sich  im  Wechsel  mit  k 
nur  im  Eigennamen  Chwal  1440  —  Chwalen  1446.  —  Daneben 
Kai;  Kaien  1450.  —  Seit  1446  ist  chw  nicht  mehr  belegt. 

qu  und  kw  findet  sich  gleichmässig  in  Fremdworten:  quart, 
kwittung  etc.,  in  queit,   kweit  dringt  kw  im  16.  Jahrhdt  durch. 

—  queit  1530  (3),  1550.  —  kweit  1524  (5),  1550  (8),  1545  (3), 
1555  etc. 

F.  Frangk  S.  100  will  q  nur  in  lateinischen  Worten  und 
deren  Ableitungen  gestatten.  In  unsern  Denkmälern  findet  sich 
qu  besonders  in  Präteritalformen  von  komen:  quam  1426,  1440, 
1442  —  queme  1429,  1471  —  quomen  1442  (2),  1472  — 
quome  1471  (2),  1472  —  aber  kweme  1510. 

Nur  k  steht  im  part.  praet.  komen. 

Schliesslich  ist  zu  nennen  bequemer  1472  (2).  —  Dagegen 
bekweme  1510. 

Im  16.  Jahrhdt.  drängt  sich  kw  vor.  —  Rück.  Entw.  S.  158. 

—  W.  mhd.  Gr.  §  229.  Im  heutigen  Dialekt  hat  sich  q  vor  a 
und  i  erhalten:  quimt,  quoam.  —  W.  Dial.  S.  86. 


55 

eh. 

Im  Aul  au  t  ist  die  obd.  Yerschiebong  k  =  ch  sehr  selten 
und  nur  in  einem  Namen  belegt  Ghutten  1471  —  Chattenberg 
1471,  1473.  —  Also  nur  bei  Esch;  er  ist  von  Haus  aus  Nürn- 
berger. —  W.  mhd.  Gr.  §  235.  —  Rück.  Entw.  S.  163.  — 
Bahder  S.  5,  8. 

Obd.  Einfluss  ist  auch  anzunehmen  in  den  folgenden  Fällen, 
wo  kh  für  md.  einfaches  k  gesetzt  wird.  Diese  Erscheinung 
tritt  erst  gegen  die  Mitte  des  16.  Jahrhdts.  auf. 

bekhannt  1545  —  bekhant  1555,  1560  (2)  —  bekhanntenn 
1555  (ö)  —  bekhentnus  1555  —  khauff  1555  -  kheuffer  1555 
—  khumftigen  1555  —  gekhornen  1555  —  erkbomen  1560  — 
khommen  1560. 

ch  sodann  im  Fremdwort  Christo  1477  (5). 

8k. 

Ober  sk  vgl.  Konsonantenverbindung. 

Anlautend  entspricht  g  reinem  mhd.  g  in  sehr  vielen 
Fällen.  Palatalen  Charakter  zeigt  es,  wo  es  mit  j  wechselt,  im 
Fremdwort  Gorge  B  1408,  1413,  1417,  1418,  1426,  1433  - 
Gorgen  B  1418. 

j  ist  belegt  in  Jorge  B  1433,  1439,  1440  (10),  1442, 
1446  (2)  —  Jörg  D  1530  (5),  1534  (3),  1540,  1550  —  Jörgen 
B  1442,  1446,  D  1534. 

Über  den  Wechsel  von  palatalem  g  und  j  vgl.  Grdriss. 
§  74,  1.  -  W.  mhd.  Gr.  §§  222,  240. 

Verhärtung  zu  k  zeigt  sich  nur  in  gegen  (gen). 

keigin  B  1389  (2),  1394,  1397,  1399.  —  keigen  B  1393, 
1394,  1424,  1447.  —  kegen  B  1411  (2),  1399,  1408  (2),  1417, 
1427,  1429,  1444,  1446  (2).  C  1470,  1472  (3),  1477.  D  1490  (2), 
1494,  1507  (2),  1515  (4). 

kegin  A  1352.  B  1370  (3).  C  1470  (4),  1471,  1472,  1474, 
1477  (4).  —  ken  B  1417,  1418  (2),  1420,  1424,  1430,  1434, 
1436,  1440  (2),  1444, 1447  (2).  C  1470,  1471  (2),  1472, 1477  (2). 
D  fehlt 

In  das  16.  Jahrhdt.  reicht  also  nur  kegen  hinein  und  auch 
diese  Form  erlischt  schon  im  Anfang  des  Jahrhdts.    Seit  1520 


56 

ist  mir  nur  gegen  begegnet.  Ober  das  k,  das  aueh  obd.  beliebt 
ist,  vgl.  W.  mhd.  Gr.  §  229.  —  Drechsl.  S.  36.  —  Bttck.  Entw. 
8.  159.  —  Babder  S.  52. 

Inlautend  g  =  mhd.  g. 

Grammatischer  Wechsel  liegt  vor  in  geschege  1417  (2), 
1418,  1442,  1473,  1474,  1476,  1477  (3)  —  gescheege  1477  — 
geschoge  1421  —  gelegen  1440  —  verczegen  1443.  —  Hier 
ist  also  g  <C  h. 

Im  16.  Jahrhdt.  ist  demnach  keine  derartige  Form  mehr 
belegt. 

W.  mhd.  Gr.  §  224.  —  Beispiele  aus  dem  älteren  Schlesisch 
bringt  Bück.  Entw.  S.  155.  —  Über  den  heutigen  Dialekt  vgl. 
W.  Dial.  S.  84. 

g  =  mhd.  h. 

hogesten  1428. 

Nur  diese  eine  Form  aus  der  ersten  Hälfte  des  15.  Jahrhdts. 
ist  belegt.  —  W.  mhd.  Gr.  §  224. 

Über  die  Palatalisierung  des  g  vgl.  ie,  oi. 

Auslautend  g  =  mhd.  c  nhd.  g. 

Diese  Schreibung  ist  in  der  ganzen  Zeit  belegt,  doch  steht 
k  (c)  und  gk  daneben,  k  (c)  erlischt  mit  B,  in  C  ist  nur  noch 
g  geschrieben,  in  D  steht  g  und  sehr  häufig  gk.    Beispiele  itir  gk: 

A  fehlt.  B  mannedyngk  1445  —  Heryngk  1439  (2)  — 
Schonegesangk  1439.  —  Crigk  1445  (2).  —  In  B  ist  also  gk 
ziemlich  selten.  C  fehlt.  D  Magdeburgk  1494  —  Hartenbergks 
1507  —  czwenczigk  1507  —  Harnigk  1507  —  Ludewigk  1507 

—  willigk  1507  —  schuldigk  1510,  1534  —  Hedwigk  1510  — 
bedingk  1510  —  ledigk  1510,  1520,  1534,  1655  —  zustendigk 
1515  (2)  —  dreissigk  1515,  1534  —  magk  1515  —  intragk 
1515  —  funffezigk  1515  (3),  1560  —  pflichtigk  1515  —  zu- 
gegenwertigk  1515  —  mennigklich  1534,  1540  —  goltbergk  1534 

—  scheitnigk  1550  —  langk  1555  —  irrungk  1560  —  be- 
williegungk  1560  —  narungk  1530  —  tagk  1530  —  konigk 
1530  —  claydungk  1540  —  etc. 

Aus  den  angeHihrten  Beispielen  ergiebt  sich,  dass  gk  ==  g, 
ebenso   wie  gk   und    ck  =  k   besonders  nach  n,   r,   aber  auch 


57 

nach  a  und  in  der  Bildongssilbe  -ig  steht.  —  W.  mhd.  6r.  §  232. 

—  Bahder  S.  52. 

Ober  das  sonstige  Vorkommen  von  gk  vgl.  k. 

g  =  mhd.  c,  nhd.  k,  nach  r. 

werg  B  1403,  1444,  1445.  D  1530,  1534  (3)  —  marg 
B  1418,  1423,  1424,  1434,  1438,  1440,  1446  (7),  D  1524  (5), 
1580,  1540  (2)  —  fischmargte  B  1417  —  hnnermargte  B  1438, 
1446  —  rosmargte  B  1447  —  Nenenmargte  C  1471  —  Nenmargt 
D  1530  —  Nenmargtschen  D  1524  —  iormargto  C  1476  — 
iormargt  C  1476  —  iormorgt  C  1476  —  iarmargt  D  1524,  1530 

—  mergliche  B  1441  —  marggraffen  B  1439  —  C  marggraf- 
thum  1471,  1477  (3)  —  marggrafe  1473  —  marggrafthums  (2), 
margrafen  (2),  marggrafschaft,  marggrafs  1477. 

Ausser  nach  r  nur  noch  schog  1417.  —  W.  mhd.  Gr. 
§  226  —  Drechsl.  S.  39. 

Hier  reihe  ich  an  die  Bildung  der  Substantive  auf  -heit  von 
Adjektiven  auf  -ie  aus.  Schlesisch  wird  c-h  meist  zu  k  ver- 
schmolzen. 

A  stetekeit  1352  —  bedechtekeit,  umwirdekeit  1359.  B 
mechtikeit  1413  —  dreivaldekeit  1399  —  keginwortikeit  1408 

—  kegenwortikeit  1417,  1427  —  gegenwortikeit  1421  (2)  — 
keigenwertekeit  1424  —  selikeit  1423  —  newekeit  1428. 
C  torstikeit,  einikeit,  wirdikeit,  hilikeit  etc.  D  gerechtikeit 
1510  (3),  1515,  1524,  1560  —  gerechtikait  1530  —  gerechti- 
keiten  1507. 

Beispiele  aus  späterem  Schlesisch  giebt  Drechsl.  S.  37.  — 
W.  Dial.  S.  84. 

Öfter  ist  auch  schon  wie  nhd.  gk  eingetreten  und  zwar  in 
den  späteren  Denkmälern  recht  häufig. 

B  gerechtigkeit  1446  (2).    C  hiligkeit  1471. 

D  gerechtigkeit  1494(2),  1515,  1530(2),  1555  —  gerechtig- 
kait  1524,  1534,  1540  (2),  1555  —  gegenwortigkeit  1494  - 
Seligkeit  1507  —  durchlauchtigkeit  1524. 

Aus  der  Statistik  geht  hervor,  dass  gk  im  16.  Jahrhdt.  be- 
deutend anwächst  und  k  tiberwuchert. 

Ähnlich  verläuft  die  Entwicklung  von  -likeit  aus  -lichkeit 

C  ferlikeit  neben  ferlicbkeit  1470. 


58 

Sodann  aber  redlikait  D  1530. 
Dagegen  redligkait  1540  (2). 

In  letzterem  Beispiel  ist  offenbar  eine  Analogiebildang  zn 
jenen  erstgenannten  Fällen  zu  sehen. 

eh. 

Inlautend  eh  flir  g:  manchem  1434  —  manchirley  1470 

Über  diese  md.  Erscheinung  vgl.  W.  mhd.  6r.  §  235. 

ch  =  mhd.  h  vor  Vokal. 

hocher  1446,  1494.  Nach  W.  mhd.  6r.  §  236  schliesst  sich 
hier  die  Schreibang  der  vulgären  Aussprache  an.  Weitere  Bei- 
spiele bei  Drechsl.  S.  40. 

ch  =  mhd.  h  vor  t 

recht,  macht,  siecht,  richten,  nicht,  eintracht,  furbrocht,  ein- 
dechtig  etc.    So  auch  nhd. 

Auslautend  ch  =  mhd.  ch. 
euch,  reich,  fluch,  buch,  tuch  etc. 

ch  =  mhd.  c,  nhd.  g. 

Hamburch  1423  (5),  1424  (3). 

Diese  Erscheinung  bleibt  auf  die  erste  Hälfte  des  15.  Jahr- 
hundert beschränkt. 

Weitere  Beißpiele  für  diese  md.  und  obd.  Erscheinung  bei 
Drechsl.  S.  39.  —  W.  mhd.  Gr.  §  237. 

Auslautend  ch  saugt  anlautendes  h  auf:  Stricholcz  1393  — 
kirchofe  1426  —  frecheit  1472  —  schwacheit  1530. 

b. 

Anlautend  h  =  mhd.  h. 

Inlautend  vor  Vokalen  bleibt  h  gewahrt,  z.  B.  sweher 
1408  —  anslahen  14^8  —  Behem  etc.  Hierher  gehört  auch 
nehst,  da  ursprüngliches  e  hinter  h  ausgefallen  ist.  Neben 
nebst  ist  auch  z.  B.  nehist  belegt.  Die  Belege  für  nehst  sind 
sehr  zahlreich. 

e  hinter  b  ist  ferner  ausgefallen  in  czehn  B  1417,  1446  — 
C  fehlt  —  D  1490,  1510  (4),  1524  (5),  1530,  1534  (2)  .  .  .  . 
geschehn  B  1419  —  D  1490,  1504  ....  seh  C  1471  — 
behmische  C  1471  —  behmischen  C  1472  —  versehlich  C  1471 
fehde    C    1471,    1472,    1476,    1477    —    gefehdet    C    1472    — 


69 

Torsmeht  C  1472  —  smehliehen  C  1477  —  Lehnhaws  C  1476  (2) 
—  Lehnschaften  C  1477  etc. 

Vor  Konsonanz  steht  ch  Air  mhd.  h  vgl.  eh. 

Anslantend  ist  nar  ch  belegt 

md.  Eigentflmlichkeit  ist  die  Voranftigang  von  h  an  voka- 
lischen  Anlaut,  namentlich  e. 

Besonders  hänfig  ist  im  15.  Jahrhdt.  her  —  nebenher  geht 
freilich  er,  eine  Form,  die  im  16.  Jahrhdt.  allein  herrscht. 

Andere  Belege  sind  heischen  1417  —  Heylias  1417  — 
Helyas,  Helye  (2)  1417  —  Helias  1418  —  Helyas  1419. 

nhd.  hat  sich  nnr  heischen  erhalten.  Die  andern  Formen 
kommen  für  das  nhd.  nicht  in  Betracht.  Sie  sind  in  unsem 
Denkmälern  auch  nur  in  früher  Zeit  belegt. 

Neben  Ungern,  angerisch  steht  Hongam,  haDgerisch.  Hier 
bat  sicherlich  die  lateinische  Form  Hangaria  eingewirkt.  Die 
h- Formen  finden  sich  noch  im  16.  Jahrhdt.  —  Über  md.  h  vgl. 
W.  mhd.  Gr.  §  243.  —  Rück.  Entw.  S.  166,  wo  noch  andere 
Beispiele  genannt  sind.  —  Ober  das  spätere  und  heutige 
Schlesisch  vgl.  Drechsl.  S.  40.  —  W.  Dial.  S.  86. 

md.  Eigentümlichkeit  ist  es  ferner,  dass  in  unsem  Denk- 
mälern h  schwindet  vor  t,  s  und  nach  1. 

h  schwindet  vor  t:  geschit  1437. 

Nur  dieses  Beispiel  ist  belegt,  das  indessen  auch  so  auf- 
gefasst  werden  kann,  dass  i  fUr  ie  steht,  das  in  diesem  Worte 
für  —  ihe  —  belegt  ist;  vgl.  oben  S.  21. 

h  schwindet  vor  s:  nest  1396,  1417  (5),  1424  (4),  1433, 
1437,  1473,  1494  (4),  1507  (3),  1510  (6),  1515  (4),  1520  (3), 
1524  (4),  1530,- 1634,  1540  (2)  etc. 

Nach  1:  bevolen  1394,  1417  (3),  1422,  1424  (2),  1442  — 
bevalen  1394  —  befolin  1441  —  befule  1390  —  bevelunge 
1408  —  bevelen  1424. 

Der  Ausfall  des  h  nach  1  bezeichnet  das  Erreichen  der 
nhd.  Sprachstufe;  vgl.  Grdriss.  §  87,  3. 

Zwischenvokalig  ist  h  geschwunden:  wyenachten  1418  — 
Hoenberg  1422  —  koffslaen  1433.  —  Sodann  in  Fällen,  wo 
Yokalkontraktion  stattfand:  empfan,  slan  etc.  Rück.  Entw. 
S.  169,  267  Anm. 


» 


Im  I5l  Jbkr&iL  bc^xHit  k  ab  Dfhamgneidien  zu  wirken. 

F.  Fraadk  S.  '^z   »Weaa  du  k  kcr  odder  nach    einem 
rannt  wird       do  es  uekt  tekcrpfft       und  also  seins 
ks£  ftekc     ü»  cfieagt  «id  erkodt  es  Aett  be^gesatzten 
ab  akm       aakm       ticfSckBÜdi      jkm  '  jhn  |  jhr  j 
Teraibn     oJieni    -  ,iii  Iimi     tkva     Bikae     ete.« 


Tfl  obett  S.  >S  £e  FIDe.  wo  arepflagiidies  e  binter  h 
axsnn&Hes  £$t.  Doct  ickicB  k  aacik  Toraaaxasetzeiider  Dehnung 
de«  ronn^ebeBdem  Vokab  die  FvaktioB  eiaes  Dehniingszeichen 
ttbenowBftem  xs  kalwB.  S»>  wiid  es  dam  lediglieh  als  solches 
aagewan^it  ao^h  1.  bei  allem  Liagca: 

$teht  B  l44o  —  sseka  B  1424  —  C  fehlt  —  D  1490, 
1510.  15»  2  .  1524.  1530  i3>.  1554  (3)  .  .  .  —  Torstehn 
D  1510.  1520  —  mehr  B  1445  —  G  fehlt  —  D  1494  (3),  1507, 
1510.  1515,  15o0  —  eh  C  1471,  1472,  1473  (2)  —  ehlichen 
D  1555  —  ehweib  D  1530  *2  .  1534  (4),  1550  —  ehweibes 
D  1530  :2>  —  ehwribe  D  1534.  1560  -   oimhde  C  1477. 

2.  bei  Jungeii  Läo^n: 

becxalhet  B  1413  —  czalh  D  1530  —  cialhgelt  D  1515  — 
ihr  C  1470  —  D  1555    5     lofii^  i3*. 

Nur  D  geheuren  die  folgenden  Fälle  an:  ehn  1507  (4), 
1510  .2  .  1515^,21  1520  .3,  1524  4\  1530(3)  —  ehm  1520(2), 
1524  (4>  —  ehn  1530.  1555  —  yhnenn  1545,  1560  (3)  — 
yhne  1545  —  ihnen  1545.  1555.  1560  —  ihmc  1560  —  ihrer 
1555,  1560  —  ihren  1555  —  benehmen  1507.  1510,  1524  (2) 

—  einnehmen  1507  —  annehmen  1510,  1524  —  nahmen 
1515  (2)  —  annahm  1515  —  nehmen  1524  —  annohmen  1530 

—  annahmen  1540  —  ohne  1507  —  wahr  1515,  1530  — 
ahne  1555,  1560  (2>  —  nabmng  1515,  mnhmen  1515  —  ge- 
wöhnet 1530  —  wohnnng  1534  —  söhn  1530  (3)  —  ehren 
(kMores)  1534, 1545  —  mnhe  1560  —  nbnn  1560  —  Tohrmunden 
lftB5(4). 

Die  Dehnung  ist  in  B  Terhiltnismissig  selten,  in   D  da- 
schon  weit  vorgedrungea   —   W,   mhd.  Gr.  §  245.  — 
k»  Stttw*  S.  166.  —  Wilmanns  Kommentar  §  18. 
HiBttrkenswert  ist  h  in  awsgenohmen  141K),  1530  (2). 


61 

F.  FraDgk  S.  99:  »Wie  wol  das  o  (und  u)  sonst  gemein- 
lich mehr  langk  denn  knrtz  sein  {  wird  jnen  dennoch  weilunds  | 
umb  Sicherung  willen  sie  zu  erlengem  |  odder  auch  zierd  halb  { 
das  h  zngefagt  |  doch  mehr  wolstehens  denn  nothalben  |  Und 
dis  geschiet  |  wo  kein  erhoben  bachstab  als  b,  d^  f  etc.  |  nach 
da  bey  stehet  {  als  vemohmen  |  etc.c 

nhd.  ist  hier  die  alte  Kürze  durchgedrungen. 

In  th  ist  h  nicht  eigentliches  Dehnungszeichen.  Im  all- 
gemeinen ist  th  nur  andere  Schreibung  für  t.  Doch  ist  th  in 
yielen  Fällen  ins  nhd.  übergegangen. 

thume  1417  —  thumherren  1421,  1424  —  thum  (Ab- 
leitungssilbe; sehr  zahlreich,  z.  B.  heiligthum,  kaiserthum,  marg- 
grafenthum  etc.)  —  rath  (aliein  und  in  Zusammensetzungen) 
1427  (2),  1424  (4),  1436,  1446,  1494,  1507,  1520  (2)  etc.  — 
rathsfrund  1494,  1520  —  rathe  1494  —  rathis  1520  —  gerethe 
1421,  1423  (2),  1424,  1434,  1447  (3)  —  hausgeräthe  1515  — 
hausroth  1520  —  gethan  1426,  1490  (2),  1494  (2),  1524, 
1530  (6)  —  zuthunde  1478  —  thun  1471,  1524  (2),  1490, 
1494  (3),  1515,  1580  (4),  1540  —  thue  1471,  1476  (2)  - 
genugthuunge  1473  —  gethoner  1520  —  gethonen  1530  — 
thom  1438  (2)  —  thore  1438,  1439,  1445  —  thoren  1440  — 
ongerothen  1494. 

In  allen  diesen  Fällen  entspricht  th  dem  nhd.  Gebrauche. 
Dagegen  ist  th  dem  nhd.  fremd  geblieben  in  den  folgenden 
Fällen: 

guth  1507,  1615  —  guther  1515  (2),  1530  —  guthem  1515 

—  muther  1515  —  borthen  1510  —  parth  1515  —  warth 
1520  —  worthe  1520  (2)  —  antworthen  1520  —  bekanth  1494, 
1515,  1520,  1524  (3),  1530  —  erkanth  1520  -  frunth  1515  — 
withwe  1530  (2)   —   steth  1530   —  ethwan  1534  (3),  1540  (2) 

—  mith  1540. 

Die  Hauptmasse  der  Beispiele  stammt  aus  dem  16.  Jahrhdt. 

F.  Frangk  S.  102  spricht  sich  hauptsächlich  über  th  am 
Wortende  aus:  »Wenns  h  ans  t  jnn  der  Endung  einer  silben  | 
odder  worts  gesatzt  wird  |  sonderlich  |  Wenn  ein  |  odder  mehr 
lang  überreichend  buchstaben  noch  dabei  stehen  |  so  ists  ein 
missestant  unnd   für  mussig  geacht  |   als   (fürs  erst)  jnn   den 


62 

obberurten  Worten  |  gansthig  |  freandthlich  |  zam  andern  [  jnn 
denen  |  mith  {  guth  |  math  |  etc.  gesehenn  wird.€ 

Doch  sieht  er  h  in  Rathmann  »far  ein  zierd  an  |  da  kein 
lang  ttberreichend  buchstab  |  im  selben  wort  (odder  jhn  nicht 
nah  da  bey)  stehet.« 

Im  Übrigen  vgl.  W.  mhd.  Gr.  a.  a.  o.  —  Rflck.  Entw. 
a.  a.  0.  —  Drecbsl.  a.  a.  o.  —  Wilmanns  Kommentar  S.  136  ff. 

In  Eigennamen  vertritt  th  nicht  allein  griech.  lat.  th,  sondern 
es  wird  auch  gelegentlich  für  t  gesetzt:   Anthonins,  Thymotens. 

Auch  hierin  zeigt  sich  die  regellose  Verwendimg  von  t 
und  th,  ein  Beweis,  dass  th  nar  andere  Schreibung  ftt  t  ist, 
ohne  weiteren  Einfluss  auf  die  Yokalqnantität. 

Ober  th  in  Fremdwörtern  vgl.  Wilm.  Kommentar  S.  137,  138. 

W.  mhd.  Gr.  §  245:  h  begegnet  als  diakritisches  Zeichen 
zwischen  Vokalen  seit  dem  14.  Jahrhdt.  nachweislich. 

Vgl.  e  =  mhd.  6.     S.  16. 

Beispiele  aus  unseren  Denkmälern:  gehen  1407,  1436,  1439, 
1442  (2),  1444  (2),  1474  (2),  1494  (2),  1534  —  gehende  1417 
—  stehen  1428,  1436,  1440,  1442,  1446  (3),  1490  —  stehende 
1417,  1444  —  stehit  1442,  1444  —  stehet  1446,  1530  —  ehe 
1426,  1534,  1555  —  ehemann  1520,  1524  —  muhe  1442  — 
meher  1445,  1446,  1494  —  eheweib  1630,  1540  —  eheweibes 
1515  —  freyhen  1418  —  gefreyhet  1418  (3)  —  freyhete  1419, 
1423  —  czewhet  1530,  1540  —  beschawhunge  1445. 

Der  nhd.  Gebrauch  dringt  also  durch. 

Über  die  h  losen  Formen  vgl.  e  =  mhd.  6.    S.  15. 

Andere  Beispiele  dieses  hiatustilgenden  h  bringt  W.  mhd. 
Gr.  §  245.  —  Vgl.  noch  Rück.  Entw.  S.  166,  167.  —  Drechsl. 
S.  40. 

Durch  die  Analogie  von  gedröwhet  ist  zu  erklären  ge- 
dröwht  1417. 

Dentale, 
t. 

Anlautend  t  ==  mhd.  t. 

Sehr  häufig  belegt,  z.  B.  tuch,  tranck,  tag,  trincken, 
tewffer  etc. 


63 

t  =  mhd.  d. 

techant  1424  —  techand  1411  —  techands  1418.  —  W.  mhd. 
Gr.  §  198. 

Diese  Erscheinimg  bleibt  auf  den  Anfang  des  15.  Jahrhdts. 
beschränkt. 

In  nottnrft  1555  (2)  ist  tt  durch  Assimilation  za  erklären. 

Echt  md.  ist  t  in  vorterbnis  1470^  1471  (2)  —  vorterbt 
1471  (2)  -  vorterben  1430,  1471,  1476  —  vorterbten  1472  — 
Yorterber  1474  (2).  »  Ans  dem  16.  Jahrhdt  ist  mir  kein  Bei- 
spiel, weder  füv  t  noch  ftlr  d  begegnet  W.  mhd.  Gr.  §  198. 
—  Rück.  Entw.  S.  140.  —  Drechsl.  S.  31.  —  W.  Dial.  S.  75. 

Inlautend  t  =  mhd.  t,  soweit  es  nicht  durch  d  vertreten 
ist    Vgl.  d. 

Im  16.  Jahrhdt  tritt  Air  t  auch  dt  ein,  z.  B.  bekhanndte 
1555* —  benanndten  1555  (2)  —  furgewandter  1560. 

Auch  diese  Erscheinung  ist  ein  Beleg  für  den  regellosen 
Gebrauch  yon  t  und  dt. 

Auslautend  t  =  mhd.  t,  nhd.  d  vgl.  d. 

t  =  mhd.  t,  nhd.  t 

Sehr  zahlreich  belegt,  z.  B.  bekant,  gesaut,  got,  stat,  gewalt, 
not,  alt,  czeit,  solt,  prawt,  ynnehalt,  weltlich  etc. 

Auch  hier  steht  dt:  bekanndt  1555;  weldtlich  1545. 

Bemerkenswert  ist  stadbuch  1515,  1530  (2),  1540  —  stad 
1530,  1540  —  stadhalters  1530  —  stadgerichten,  stadgerichte 
1530.  — 

Diese  Formen  finden  sich  nur  im  16.  Jahrhdt 

Die  Schreibung  d  erklärt  sich  wieder  nur  aus  dem  regel- 
logen Gebrauch,  der  bei  t,  dt,  d  herrscht. 

Denn  auch  die  nhd.  Form  ist  belegt  in  Stadt  1414,  1471, 
1507  (3),  1510  (3),  1515,  1520  (2),  1524  (2),  1530,  1540  - 
Stadtbuchs  1515,  1530  —  Stadtschreibers  1515  —  stadtschreiber 
1530,  1560  —  Newstadt  1530,  1534. 

Aber  ebenso  wird  auch  Stadt  (fUr  mhd.  stat,  nhd.  statt) 
gebraucht  1507  (2),  1510,  1515,  1520  (2),  1545. 

-et  in  der  Flexion  sw  verb.  wird  nach  Dentalstämmen  ab- 
geworfen: Vorantwort  1389  —  geantwort  1394  (2),  1408  (2)  — 
geantwert  1417,  1418  (2),  1421  (2),  1424  (3)  -  vorricht  1396 


64 

—  gericht  1410,    1419,    1423,   1424,    1446  —  osgericht,   aus- 
gericht  1424  —  bewt  1430  —  gestat  1442  —  uberantwart  1524. 

e  wird  ausgestossen:   aasgerichtt  1446  —  ausgerott  1472. 

d  -)-  t  werden  zn  t  yerschmolzen:  wirt  1403,  1408,  1470, 
1471  (2),  1472,  1476  (2),  1477,  1494,  1507,  1510  (2),  1515, 
1520,  1530,  1545,  1550,  1560  (2)  etc.  -  gerat  1417,  1423  — 
innehelt  1427  —  verscholt  1442  —  behelt  1442  (2)  —  ver- 
melt  1534. 

Auch  hier  erscheint  dt:  wirdt  1520  —  geredt,  beredt  1442. 

—  In  C:  beredt,  vorknndt,   entcznndt.  —   Femer:  obgemeldt 
1530  —  gemeldt  1534  (2),  1540. 

Über  t  im  Auslaut  der  Flexion  vgl.  Rück.  Entw.  S.  194, 
195.  -  W.  Dial.  S.  78.  —  Drechsl.  S.  33. 

Im  16.  Jabrhdt.  hält  sich  nur  wirt  bezw.  wird,  wirdt  Diese 
verkürzte  Form  ist  auch  ins  nhd.  übergegangen.  Die  anderen 
Formen  verschwinden.    Die  vollen  Flexionsendungen  treten  ein. 

t  im  Auslaut  und  Anlaut  verschmelzen;  z.  B.  acbtage 
1417  (2),  1430. 

t  +  d  >  tt  >  t:  notorflft  1431,  1439. 

Enklitisches  du  >  tu  in  soltestu  1477  (2)  —  hastu  1477. 

Die  Beispiele  sind  also  spärlich  und  reichen  nicht  in  das 
16.  Jahrhdt.  hinein.  Rück.  Entw.  S.  215.  —  Zahlreiche  Bei- 
spiele bei  Drechsl.  S.  33. 

z. 

Sehr  lange  hält  sich  die  Schreibung  cz.  Sie  ist  in  A,  B 
herrschend,  ebenso  in  C.  Dagegen  beginnt  ihr  in  D  im 
16.  Jahrhdt.  z  den  Rang  streitig  zu  machen. 

F.  Fraugk  S.  103  eifert  gegen  cz:  »Die  weil  das  z  viel 
mals  bei  den  altenn  am  s  und  auch  das  c  bey  jme  {  zur  uber- 
mass  befunden.  Ist  zu  mercken  |  das  maus  jtzunt  alleine  {  on 
das  0  im  anfang  |  und  das  tz  am  end  eines  worts  |  odder 
Silben  an  seiner  statt  braucht  |  als  jnn  den  worten  und  anndern 
mehr  zu  sehen  ist  |  Zimlich  |  nützlich  |  unnutz  |  nicht  |  czimlich  | 
nuozlich  |  etc.« 

Diese  Forderung  F.  Frangks  ist  im  16.  Jahrhdt  nur  erftlllt 

^  I  in  zu,  fUr  tz  am  Wortende  allgemein.    Erst  nach  1545  ist 

r  oz  nicht   mehr    begegnet,    vorher  noch    z.   B.    czwuschen. 


65 

ezwUy  canse,  leczten,  czal,  czween  —  1540:  ozwischen,  czal, 
czins.  Ob  wie  Rück.  (Entw.  S.  149)  meint,  cz  nach  Länge  und 
Diphthong  nur  Schreibfehler  ist,  ist  doch  recht  fraglich,  z.  B. 
Qlocz  1394,  1414  —  Gloczinne  1426  (vgl.  noch  heut  Glatz, 
Glatze)  —  Gzeicz  1408  —  crewcze  1422  —  Crewczburg 
1426  etc. 

czc  ist  in  nnsem  Denkmälern  gleich  ozk;  z.  B.  Heinczco 
1393  —  Franczco  1393,  1397  —  Cunczco  1393. 

Daneben  stehen  Hanozko  1408  —  Franczko  1418  — 
Franczke  1424,  1433,  1434,  1436,  1439,  1440,  1445  (3),  1447. 

Über  die  Bildung  der  Kosenamen  mit  z  und  k  -|-  o  vgl. 
Stark  S.  75. 

Hinfällig  ist  fbr  unsere  Denkmäler  auch  die  Behauptung 
Rfick.  (Entw.  S.  147),  dass  z  nie  vor  und  nach  Vokal  erscheint; 
z.  B.  zu  (sehr  zahlreich;  im  16.  Jahrhdt  allein)  —  bezalen 
1413  —  Zeidlicz  1445  —  Zynzeberg  1445. 

Neben  z  und  tz  ist  auch  tcz  belegt  Doch  ist  diese  Ver- 
bindung auf  das  15.  Jahrhdt.  beschränkt.  Im  16.  Jahrhdt.  ist 
mir  nur  eine  Form  begegnet  1524  uffsetczet. 

c  steht  in  Fremdworten:  Laurencien,  nacio,  recepte, 
crucisigneten,  recesbriefe  etc. 

Über  die  Schreibungen  z,  tz,  tcz,  cz,  c  vgl.  W.  mhd.  Gr. 
§  205.  —  Rück.  Entw.  S.  147  flF. 

d. 

d  enspricht  anlautend  mhd.  d:  dank,  ding,  der,  das,  du, 
durch,  dencken  etc.    In  diesen  Fällen  entspricht  d  altem  th. 

Altem  d  entspricht  es  in  dorste  1472. 

tr  wird  zu  dr  in  Girdrud  1417.  Vgl.  W.  mhd.  Gr.  §  187. 
—  Drechsl.  S.  32. 

Über  t  =  mhd.  d  vgl.  t. 

Inlautend  d  =  mhd.  d. 

d  hält  sich  in  den  Verbindungen  Id,  ud,  rd  bis  in  das 
16.  Jahrhdt.  hinein.     Seit  Esch.  erscheint  It,  nt. 

Id  (It): 

weiden  1389,  1393,  1399  ....  1470,  1472  (2),  1473, 
1510  (2)  -  weiten  C  1471  —  weide  B  1393,  1421  (2).  1423, 

Arndt,  Bntwicklang  der  BreaUner  KanileUprache.  5 


66 

1429  (2),  1434  (3),  1442  (5),  1446.  C  1471  (2),  1472  (3), 
1473,  1474  (2),  1476.    D  fehlt.  —  weite  nicht  belegt 

wolde  B  1413,  1418,  1421,  1433,  1443  (3).  C  fehlt. 
D  fehlt  —  wolden  B  1433,  1434,  1447  (2).    C  fehlt    D  fehlt. 

weiten  B  fehlt  C  1472  (3),  1473  (2),  1476  (2),  1474, 
1477.     D  1534,  1560. 

Das  Verhältnis  liegt  klar  zu  Tage. 

snlde  B  1394,  1397,  1420,  1423  (2),  1424,  1429  (2), 
1440  (2),  1442  (2).  C  1470,  1472,  1473  (3).  D  1490,  1494, 
1507.  —  sulden  B  1394,  1426,  1434,  1443  (4).  C  1470, 
1471  (4),  1472  (4).  D  fehlt  —  sulten  C  1471.  —  solde 
B  1403  (2),  1408,  1413,  1430,  1433,  1442,  1447  (3).  C  1473. 
D  fehlt  —  solte  B  fehlt  C  1476.  D  1530.  —  solden  B 
1447  (3).  C  fehlt  D  1507.  —  jsolten  C  1472,  1477.  D  1530. 
soltest  C  1477  (2).  —  soltet  C  1477. 

Die  d-Formen  sterben  demnach  im  Beginn  des  16.  Jahr- 
hunderts aus. 

eldisten  B  1403,  1424,  1433  (3),  1436,  1438,  1442  (5), 
1444.  C  fehlt  D  1490,  1507,  1510(3),  1520,  1530,  1534, 
1560.  —  eldesten  B  1417.  —  eldiren  C  1477.  —  eidern  D 
15U7  (2).  —  eider  D  1530.  —  alden  B  1417  (3),  1418,  1421, 
1440,  1442  (2).  C  1472,  1474.  D  1494,  1515,  1524,  1555  (2). 
—  alders  B  1403,  1417,  1440.  —  aide  B  1417,  1437,  1438. 

In  diesen  Wörtern  hält  sich  d  besonders  zäh.  Nur  alten 
1534  ist  belegt. 

halden  A  1359.  B  1411,  1413,  1417,  1418  (2),  1421  (2), 
1423  (2),  1433,  1434,  1436,  1440,  1442  (2),  1444  (2),  1445  (3), 
1446  (2),  1447.  C  1470  (2),  1471  (11),  1473  (3),  1477  (3). 
D  1490  (2),  1494,  1510  (2),  1515  (2),  1520  (4),  1524  (2), 
1530,  1534  (2),  1540  (2).  —  halten  B  fehlt  C  1477  (2). 
D  IfjOT,  1524  (2),  1530  (3),  1534,  1540  (2),  1560.  —  gehalden 
B  1417,  1424  (2),  1446.  C  1471,  1472  (2),  1477.  D  1494, 
1507,  1510.  —  gehalten  B  fehlt  C  1472,  1477.  D  1524  (3), 
1530,  1534,  1545,  1555  (2),  1560  (2).  —  behalden  B  1424  (2), 
1440  (2),  1442  (3).  C  1474.  D  1510  (2),  1524  (2),  1530.  — 
vorhalten  0  1560. 

Im  allgemeinen  gebt  aus  der  Zusammenstellung  hervor, 
dass  die  t- Formen  durchdringen. 


67 

stathelder  B  1429  (4).  C  1471.  D  fehlt.  —  stathalters 
B  fehlt    C  fehlt    0  1530. 

Das  Ergebnis  ist  hier  dasselbe. 

Es  sind  noch  einige  Fälle  von  Id  belegt,  zu  denen  ent- 
sprechende It- Formen  nicht  vorhanden  sind. 

behilde  1403  —  beheldet  1408  —  gelden  1424  (2),  1515  (2) 

—  scheiden  1428  —  kalden  1472  —  Kaldenborn  1510  (2)  — 
vorgeweldiget  1472  —  gewalde  1472. 

Fassen  wir  alle  Fälle  zusammen ,  so  ergiebt  sich  als 
Resultat,  dass  die  Entwicklung  von  Id  zu  It  fortschreitet,  aber 
noch  nicht  völlig  abgeschlossen  ist 

Zäher  haftet  d  hinter  n  und  r. 

nd.  under  B  1408,  1410,  1423,  1424  (2),  1428,  1433, 
1436  (2),  1437,  1438,  1442.  C  1472,  1476.  D  1494,  1507  (2), 
1620,  1530,  1534,  1540,  1550. 

nndir  A  1352.  B  1370,  1424,  1428  (2),  1433,  1434,  1444. 
C  1471  (9),  1472  (5),  1473,  1476  (3),  1477  (6).    D  fehlt 

unter  B  1432.    C  fehlt     D  1560. 

nd  ist  also  bei  weitem  in  der  Mehrheit 

hinder  B  1414,  1419,  1437,  1444,  1445,  1447.  C  1471. 
D  1520,  1530  (2),  1534,  1545.  —  hinter  nicht  belegt.  — 
newnden  1473  —  konden  1428  —  könden  1510  —  künden 
1429  —  künde  1429. 

nd  ist  demnach  noch  herrschend. 

rd. 

fierdehalbhundert  B  1423.  —  virde  A  1359.  C  1471,  1472, 
1477  (2).    D  1515.   -   virden  C  1473  (2).   —   firden   C  1477. 

—  vierde  D  1515.  —  vierdehalb  D  1555. 

rt  ist  nicht  belegt  in  diesen  Formen. 

Über  diese  Erscheinungen  vgl.  W.  mhd.  Gr.  §  188.  — 
Bahder  S.  50.  —  Rück.  Entw.  S.  193.  —  Beispiele  aus 
späterem  Schlesisch  bringt  Drechsl.  S.  32.  —  Über  den  heutigen 
Dialekt  vgl.  W.  Dial.  S.  65,  66,  69. 

Aus  der  Analogie  der  Präsensformen  ist  zu  erklären  ge- 
leden  1440.    W.  mhd.  Gr.  §  188.  -  Rück.  Entw.  S.  137,  138. 

dt  ist  inlautend  nicht  belegt 

Auslaut:   d  =  mhd.  t,  nhd.  d. 

5* 


68 

d  ist  zahlreich  belegt  und  bricht  sich  im  16.  Jahrbdt.  Bahn. 
Doch  stehen  daneben  t  und  dt  Die  einzelnen  Perioden  ver- 
halten sich  verschieden.  .  A  hat  nur  t- Formen. 

In  B  handelt  es  sich  nur  am  den  Wechsel  von  d  und  t, 
and  zwar  ist  t  im  Obergewicht  dt  erscheint  erst  in  C.  Aach 
hier  überwiegt  noch  t.  Den  kleinsten  Raam  nimmt  dt  ein. 
In  D  tritt  t  noch  nicht  zarttck  and  streitet  mit  d  und  dt  um 
die  Vorherrschaft. 

F.  Frangk  S.  105  klagt  über  den  regellosen  Gebrauch  der 
drei  Laatzeichen  and  überlässt  es  schliesslich  resigniert  einem 
jeden,  so  zu  schreiben,  wie  er  will. 

Er  sagt  a.  a.  0.:  »Ettliche  wollen  aach  diese  und  der- 
gleichen worter  alleine  mit  dem  d  schliessen  \  als  I  werd 
wild  I  wird  |  word.  Item  {  weid  \  wird  !  werd  {  wald  j  weld 
wild  j  feld  etc.  Welches  aber  za  schwach  und  anverstendiglich 
ist  (nach  1538)  und  wer  derhalben  not  hie  einen  gewissen 
Unterricht  znthun  ;  wie  man  ein  jdlichs  (nach  dem  sie  jnn 
viel  weg  mögen  verstanden  werden)  auch  schreiben  sold  |  es 
will  aber  hie  zu  langweilig  und  weitleufftig  werden  |  der- 
halben ich  jnn  des  einen  jdern  bey  seinem  danken 
bleiben  las. 

Aus  dieser  angezeigten  Warnung  mochte  vielleicht  jemandes 
geursacht  werden  {  (wie  denn  sonst  vorhinn  bey  ettlichenn 
vermerckt  wirdt  j  das  sie  alleweg  das  dt  am  end  brauchen 
woldten  {  so  doch  am  d  genug  weer  |  als  hier  und  andern 
mehr  j  bald  i  sund  |  und  |  etc.  |  wo  das  t  darzn  gesetzt  | 
wurds  zuviel  und  überflussig  |  Und  zu  den  {  hart  |  hart  |  pfert  | 
walt  I  kalt  I  solt  |  munt  |  hunt  etc.  |  setzen  sie  unrecht  und 
ubermas  das  d  fürs  t  |  wo  also  stund  |  hardt  |  pferdt  |  etc.« 

Eine  Kritik  dieser  Bemerkungen  ist  nicht  unsere  Aufgabe, 
sollen  sie  doch  nur  die  Regellosigkeit  kennzeichnen,  die  in  dem 
Gebrauche  jener  Schriftzeichen  herrscht. 

Auch  hier  widerstreiten  sich  phonetische  Schreibung  und 
Systemzwang  und  verursachen  dadurch  die  Unsicherheit  in  der 
Orthographie. 

pfund  B  1393,  1445.  C  fehlt.  D  fehlt  —  pfunt  B  1438. 
D  1515. 


69  _ 

Dagegen  abnnd  B  1399,  1440.  —  obend  B  1426.  C  1470. 
D  fehlt  Die  t-Form  ist  nicht  belegt;  ebenso  nicht  dt. 

geld  B  1412,  1415,  1419,  1421,  1424,  1425,  1426  (4). 
C  fehlt.  D  1490,  1494,  1524  (2),  1555.  —  gelt  B  1394,  1408, 
1415,  1417,  1418  (4),  1427  (2),  1428,  1431,  1433  (2),  1434  (3), 

1436,  1437  (2),  1438,  1439  (3),  1440  (3),  1442  (6),  1446  (2), 
1447.  C  1471,  1472.  0  1490  (2),  1507,  1510,  1515  (3), 
1530  (2),  1540.  —  geldt  D  1494,  1530,  1534,  1545  (2). 

band  B  1412,  1417,  1418  (3),  1419,  1420,  1422,  1423  (2), 
1424,  1428  (2),  1445.  C  fehlt.  D  1490,  1515,  1524  (2), 
1530  (2),  1534.  —  hant  B  1408,  1442,  1446  (2),  1447.  C  fehlt. 
D  1510  (2),  1515,  1520.  —  handt  D  1507  (3),  1510  (3),  1540, 
1555  (2),  1560. 

land  B  1417,  1425,  1426,  1430  (2),  1431,  1435,  1436, 
1445,  1446.  C  fehlt  D  fehlt.  —  lant  C  1477.  —  landt 
C  1474.  D  1540. 

schnld  B  1418,  1433.  C  fehlt  D  1524  (3),  1530  (6), 
1540.  —  schult  B  1430,  1442,  1447.  C  1471,  1472,  1477. 
D  1490,  1494  (2),  1510,  1515,  1520,  1524,  1534  (3),  1540.  — 
Bchnldt  D  1515,  1530  (5),  1545,  1560. 

stund  B  1417,  1423,  1433.  —  stunt  B  1429,  1442.  — 
stnndt  D  1515. 

frand  B  1440,  1445,  1447.  C  fehlt  0  1494  (2),  1515. 
—  frnnt  C  1470  (2).  —  frunth  D  1515.  -  frundt  C  1472. 
D  1515.  1520.  —  icznnd  B  1423  (3),  1428,  1436,  1440,  1442, 
1445  (2).  C  1477.  —  iczundt  B  1396,  1418,  1421,  1424  (2), 

1437,  1445.  C  1477.  -  iczundt  C  1477.  D  1560.  —  nymand 
D  1515.  —  nymant  C  1477.  —  nymandt  D  1520.  —  feind 
C  1472.  —  feint  C  1477  (2).  -  feindt  C  1472. 

wird  D  1530.  —  wirt  B  1403,  1408.  C  1470,  1471  (2), 
1472,  1476  (2),  1477.  D  1494,  1507,  1510  (2),  1515,  1520, 
1530,  1545.  —  wirdt  D  1520. 

brandt  1472.  —  standt  1477,  1515,  1630  (2).  —  pfandt 
1490.  —  Schmidt  1510,  1530  (2),  1540  (2).  —  messegewandt 
1510,  1515.  —  gewandt  1530.  —  kindt  1515  (3),  1524.  — 
schiedt  1515.  —  entschiedt  1520.  —  abschidt  1560.  —  goldt 
1634  —  feldt  1530  (2).  —  Oonradt  1520  (2)  etc. 


JO 

über  d  bezw,  t  vgl.  W.  mhd.  Gr.  §  190.  —  DrechsL  S.  31. 

—  Bahder  S.  50.  -  Über  dt  vgl.  Rück.  Entw.  S.  194.  — 
Drechsl.  S.  32. 

d  bleibt  im  Auslaut  natttrlich  gewahrt,  wenn  es  ursprünglich 
inlautend  war  und  nach  Abfall  von  e  in  den  Auslaut  trat, 
fnd,  gnad  etc. 

d  ==  mhd.  t,   nhd.  t 

becand  1423  (2).  -  vorsigeld  1423.  —  wagenfard  1424  (2). 
sand  (sehr  zahlreich;  lateinisch  sanctus  liegt  zu  Grunde).  — 
fordan  1534. 

Diese  Erscheinung  lässt  sich  also  nur  noch  1,  n,  r  kon- 
statieren. 

s  und  seine  Nebenformen« 

Im  Anlaut  s  =  mhd.  s. 
Naturgemäss  sehr  zahlreich  belegt. 

Daneben  steht  auch  z:  zenftleben  1408  —  zak  1423  (3) 
alzo  1352,  1417  —  gezellin  1428  (3)  ~  zelemessen  1445,  1446 

—  zelen  1446  —  zune  1447  —  zaflFrans  1433  (2)  —  zaffiran 
1433  (3).  —  Vgl.  Rück.  Entw.  S.  153. 

Von  C  ab  ist  dieser  Gebrauch  nicht  mehr  belegt.  Weitere 
Beispiele  bietet  der  Inlaut. 

Im  Inlaut  s  =  mhd.  s,  daneben  auch  hier  z. 

Gegen  Ende  der  Periode  tritt  z  immer  spärlicher  auf. 
Esch.  kennt  es  nur  noch  in  Eigennamen  und  nach  Esch.  ist  es 
nicht  mehr  belegt. 

B  bozir  1389  —  gewezin  1393  —  dezin  1403  —  lazura 
1399  (3)  —  weize  1417,  1440,  1442,  1445,  1446  —  weyze 
1446  —  Weizen  1419  —  hoppfenhawze  1417  —  rathawze  1438 

—  rathuze  1437  —  vorwezern  1438  —  abeczulozen  1446, 
1438  (10)  —  lozen  1433,  1440  —  Pozenow  1408  (3)  — 
Elyzabeth  1413  —  Elizabeth  1419,  1440  —  Elizabet  1413  — 
Lazan  1415   —   Gnizen,   Cloze  1417   —   Rozenfeld  1417,    1424 

—  Rozenczweig  1436  —  Rozenfang  1445  —  Slezia  1443  — 
Glazer  1440  —  Balthazar  1445  (2).  C  Kazimirus  (2)  — 
Kazimiri  (2)  —  Kazimiro  —  Pozen  —  Gnezen  —  Baltazar. 

Rück.  Entw.  S.  152  flF :  Der  Ursprung  der  Schreibung  z 
für    s    ist    deutlich    in    niederrheinischen    und    niederdeutschen 


71 

Mastern  zu  sehen,  von  wo  aus  sie  sich  weit  in  Mitteldeutsch- 
land verbreitet  bat.  Ein  Grund,  der  dem  Laute  selbst  ent- 
nommen, ftr  die  Schreibung  massgebend  wäre,  lässt  sich  nicht 
angeben.  —  Vgl.  auch  F.  Frangk  S.  108:  »Man  findts  auch  bei 
den  alten  |  das  für  hundert  jähren  und  kfirtz  darnach  das  z 
fürs  8  .  .  .  .  gemeinlich  ist  braucht  worden  etc.t 

Als  Beispiel  führt  er  an  erzam. 

öfter  steht  s  =  mhd.  z  nach  langem  Vokal  oder  Diphthong, 
wo  SS  zn  erwarten  wäre  (s.  unter  ss  =  z).  lasen  1393,  13v9, 
1424,  1434  (6),  1436  —  lasin  1396,  1434  —  drysig  1396  — 
dreissig  1423  (2)  —  geheise  1408  —  grosem  1421  —  Grosen 
1442  (2)  —  awsin  1423  —  mesiger  (C)  —  geewsert  1510.  — 
Ins  16.  Jahrbdt  reicht  also  nur  eine  einzige  Form  hinein. 

Über  diese  ältere  Schreibung  s  vgl.  Rück.  Entw.  S.  141. 
—  Beispiele  bringt  Drechsl.  S.  34,  35. 

SS  =  mhd.  s. 

Inlautend:  weisse  1424  —  schultissey  1417  —  speisse 
1431  —  buchssen.  buchsse  --  Stuchsse  1426  —  wechssil  1444, 
1446  —  kursse  1421  —  bochssen  1440  (2)  —  hewsser  1510 
weifTe  1520. 

SS  =  mhd.  SS. 

zelemessen,  gedechtnisse,  gefenknisse,  rosse,  missetat, 
messingsloher,  messegewandt  etc. 

mhd.  SS  wird  auch  vereinzelt  durch  cz  wiedergegeben,  nur 
im  Beginn  des  Zeitraumes. 

Broczil  1393  —  gwicze  1439. 

SS  =  mhd.  z  nach  langem  Vokal  und  Diphthong:  mosse, 
Strossen,  lossen,  lassen,  aussen,  genossen,  stossen,  gemessen, 
weissen,  geheisse,  fleisse,  fleissig,  bussen,  hiessen,  grossen, 
müsse,  geewssert,  eussertc,  blutyorgissen,  fussen,  dreissig  etc.  etc. 

z  ist  nicht  belegt.    Die  nhd.  Lautstufc  ist  hierin  erreicht. 

SS  =  mhd.  zz  nach  kurzem  Vokal. 

beslossen,  essen,  slosser,  y orgessen,  hassen,  gesessen, 
wissentlich,  Wissenschaft,  wasser,  besser,  fessel,  fasse  etc. 

Auch  hier  ist  die  nhd.  Schreibweise  durchgedrungen. 


72 


Aaslant. 

8  =  mhd.  8. 

al8,  hus,  haw8,  los,  was  (praet),  vasnacht,  es  (gen.)  etc. 

88  =  mhd.  8. 

hinderniss  1396,  1417  —  vorretniss  1413  —  gefenkniss 
1428  etc.  —  czinss  1437,  1438  (2),  1440,  1446,  1446  — 
Swinssberger  1389.  —  In  C  and  D  stirbt  dieses  ss  ab. 

8  ==  mbd.  z. 

Diese  Schreibung  ist  in  unsern  Denkmälern  so  gut  wie 
durchgeführt.  Nur  daz  1389,  1393  (7),  1394  (2),  zeigt  altes  z. 
Rück.  (Entw.  S.  141)  macht  mit  Recht  darauf  aufmerksam,  dass 
dieses  z  seit  dem  Ende  des  14.  Jahrdts.  zu  den  grössten  Selten- 
heiten  gehört. 

In  unsern  Denkmälern,  freilich  auch  nur  in  den  letzten 
Jahren  des  14.  Jahrhdts.,  findet  sich  auch  z  =>  mhd.  s. 

alz  1352,  1389  (2),  1390,  1393,  1399. 

Ober  die  Gleichheit  der  Laute  vgl.  W.  mhd.  Gr.  §  205. 

Beispiele  fUr  s  =  mhd.  z  überaus  zahlreich:  das,  was,  bis, 
es,  aws,  furbas,  fleis,  lis,  dis,  blos  etc. 

SS  =  mhd.  z. 

awss  1393  (2)  —  gross  1417  —  geschoss  1445  —  bifs 
1524,  1530. 

ß  für  mhd.  s. 

Anlaut:  alßo,  ßo  1490,  1507  -  ßalige  1420. 

Hier  steht  ß  vor  Vokal.  Weit  häufiger  vor  Konsonanz,  wo 
es  nhd.  gesprochnem,  teilweise  auch  geschriebenem  seh  ent- 
spricht. 

zußpruch,  ßwestern  1507  —  ßmidt,  ßneider,  ßlesischen, 
geßnitten,  geßtellen,  zußtendig,  ßtiifvater,  vorßtorbener  1520  — 
anßprechen,  anßpruche,  zußpruche,  verßtorbenen  1524  etc. 

Inlaut:  czinße  (2),  lößen,  hawßes,  vorweßir,  weiße,  unßers, 
sechße  1490  —  dyße,  taußent,  czinßes  1507. 

Auslaut:  geczeugniß  1507  —  loiß  1507  (6),  1520  (4)  — 
loß  1607  —  alß  1507  —  hawß  1507,  1520,  1534,  1555  — 
vormalß  1507  —  baß  1507  —  beweißlich  1607  —  faßnacht 
1507  -  hinderniß  1520,  1524  —  hindernuß  1520  (2),  1524  (3) 
—  gedechtnuß  1520  —  anderßwo  1520  —  weß  1534. 


ß  fttr  mhd.  z. 

awß  1490  (4),  1607  (9),  1620  -  weiß  1490,  1507  (2)  — 
biß  1607  (4),  1520,  1524  (4)  ~  diß  1507  (6),  1520  —  daß 
1507  (2),  1534,  1555  —  waß  1534  -  groß  1560. 

IB:  lafßen  1507  (3)  —  grotßen  1507. 

8z  =:  mhd.  8  nur  in  czinsze  1437. 

8z  =  mhd.  z  nur  in  craisz  1474 
Drechal.  S.  36.  —  Rück.  Entw.  S.  164. 

z  =  mhd.  z  vgl.  8  s  mhd.  z  an8lautend. 

Es  herrscht  also  grosse  Regellosigkeit  im  Oebranche  der 
verschiedenen  Schriftzeichen,  doch  ist  es  klar,  dass  ss  und  ß  in 
den  meisten  Fällen  den  stimmlosen  Laut  bezeichnen.  Die 
grOsste  Verbreitung  hat  im  16.  Jahrhdt.  ß,  der  Vorläufer  des 
nhd.  ß. 

seh. 

scb  entspricht  anlautend  mhd.  seh:  schone,  Schreiber, 
beschemen,  schenken,  scheppen,  scheiden  etc.  etc. 

sc  für  seh  nur  seot  1408  (2).    W.  mhd.  Gr.  §  210. 

Ober  die  Verbindungen  sl,  sm,  sn,  sw  und  ihre  Korrelate 
schl,  schm,  sehn,  schw  vgl.  unter  Konsonantenverbindung. 

Inlautend  seh  =  mhd.  seh. 

zwischen,  groschen,  bischoffe,  hungerische  etc.  etc. 

Daneben  findet  sich  die  Schreibung  ssch,  die  in  unsern 
Denkmälern  nur  ftlr  seh  gilt.  Rück.  (Entw.  S.  144)  weist  ssch 
auch  flir  ss  nach. 

zwisschen  1396,  1426  (2),  1428, 1490  —  czwisschen  1399  (2), 
1409,  1418,  1418,  1421,  1423  (3),  1424,  1426,  1427,  1445  (2), 
1446,  1447  —  czwusschen  1447,  1524  —  zwusschen  1510  — 
bysschoff  1392  —  bisschoflf  1421,  1422  (2),  1423  (2),  1424  (5), 
1427  —  bisschofs  1417,  1424,  1427  —  bisschoflFs  1421,  1423, 
1424,  1427  —  fisscherynne  1417  —  heisschen  1417  —  falssche 
1433  —  falsschen  1442  —  fleisscbern,  fleissches  1445  —  ge- 
drasschen  1445  —  grosschen  1445  (5),  1446  (8),  1610  (3), 
1515  (3),  1624  (3),  1530. 

Die  gewöhnliche  Schreibung  ist  seh;  nur  wenige  Beispiele 
von  ssch  reichen  in  das  16.  Jahrhdt.  hinein. 


74 

8ch  =  mbd.  8. 

bischtumes  1446  —  Mathiasch  1440  —  Mathiaschen  1477  (2) 

—  marschtalle  1534. 

Über  diese  seltene  Schreibung  vgl.  W.  mhd.  Gr.  §  210.  — 
Rück.  (Entw.  S.  144)  nimmt  an,  dass  bei  bischtam  auf  bischof 
zurückgegangen  wurde. 

tsch  gebt  zurück  auf  cz  (tcz)  in  Nymptsch  1433,  1435  — 
Gorlitsche  1426  —  Proitsch  1441  —  pitschil  1408.  —  Daneben 
stehen  die  cz- (tcz) -Formen:   Nympcz  1431  (3)  —  Gorlicz  1446 

—  pitczil  1408. 

Gemination. 
A.  Sonore  Konsonanten. 

Über  w  und  j  ist  nichts  zu  bemerken. 

1.   Xjiq.uldlae. 
rr. 
rr  gegenüber  mhd.  einfachem  r  in  jrre  1359,  1417,  1423, 
1436,   1444    -   jrrer   1424,   1426,    1433,    1445   (2),    1446    — 
unsirre  1352. 

Diese  Erscheinung  geht  also  nicht  über  die  Mitte  des 
15.  Jahrhdts.  hinaus.  Rück.  Entw.  S.  175.  —  Viele  Beispiele 
ftlr  diese  rr  in  der  Flexion  bei  W.  mhd.  Gr.  §  213,  unter  denen 
auch  irre  genannt  ist. 

rr  vor  Konsonanten  liegt  nur  vor  in  DorrmdorflF  1403  (3). 

11. 

Altes  11  in  gesellschaft  1393,  1421  .  .  .  .;  daneben  gesel- 
schaft  1394,  1421. 

Im  16.  Jahrhdt.  erscheinen  soll,  will  in  Analogie  zu  den 
Pluralformen. 

8.   XTasale. 
mm. 

mm  <  mb.:  dorumme,  umme.  Sehr  zahlreich  belegt.  — 
Weitere  Beispiele  bei  W.  mhd.  Gr.  §  162,  §  183.  —  Vgl.  auch 
Rück.  Entw.  S.  177  —  Neben  dieser  Assimilation  ist  aber 
auch,  und  im  16.  Jahrhdt.  vorwiegend,  mb  belegt,  besonders 
im  Auslaut.     Vgl.  Konsonantenverbindung. 


76 

mm  f&r  einfaches  m  im  part.  praet.  von  komen,  oemen  ist 
im  Beginn  (B)  selten.  Bei  C  ist  mm  schon  stark  verbreitet. 
Im  16.  Jahrhdt.,  von  1520  c.  ab,  ist  nnr  mm  belegt.  —  Bahder 
S:  8.  —  Regelmässig  steht  mm  im  Fremdwort:  snmme,  snmmen. 

nn. 

nn  <  nd. :  ynnewennig  1428  —  nswennigen,  awswennig  (C). 
W.  mhd.  Gr.  §  189.  —  Rück.  Entw.  S.  178. 

Vereinfachung  von  nn  im  Anstaut  ist  nar  in  der  ersten 
Zeit  zn  beobachten:  wen,  et  wen  ....  —  Johan  1392,  1394  etc. 
Daneben  stehen  die  nn- Formen. 

Seit  Esch.,  aber  ganz  besonders  im  16.  Jahrhdt.,  nimmt  nn 
stark  zn  und  tritt  selbst  dort  anf,  wo  niemals  eine  Gemination 
stattgefunden  hat. 

Dieses  Doppel -n  zeigt  schon  A.  Im  16.  Jahrhdt.:  unnd, 
nnns  —  dorann,  habenn,  entphangenn,  groschenn,  vonn,  inn, 
gnldenn,  teilenn,  werdenn,  lannde,  bekannth,  kynnder  etc.  etc. 
Vgl.  Bahder  S.  8. 

Dass  diese  Eonsonantenhäufungen  wesentlich  Sache  der 
Schreibermode  seiner  Zeit  waren,  hat  schon  F.  Frangk  bemerkt. 
S.  102  erklärt  er  nn  am  Wortende  Hlr  einen  Schmuck,  der  auch 
ganz  gut  fehlen  könnte:  »Auch  wird  von  ettlichen  |  als  notig 
und  fnr  ein  Regel  gehalten  {  das  sie  die  wort  |  so  im  n  aufs- 
gehen  mit  duplirtem  n  schreiben  |  als  denn  Ersamenn  weisenn 
Herimn  etc.  Welches  |  als  zuachtenn  mehr  schmucks  |  denn 
nothalben  geschiet  |  Weils  der  gestalt  bey  denen  |  die  solch 
gleissenn  nicht  ansehenn  |  mehr  als  überflüssig  |  und  mit  einem  | 
denn  mit  zweien  geschrieben  |  gemerckt  wird.« 

Weiterhin  schilt  er  die  »Modisten  odder  Stuelschreiber«, 
die  auch  in  der  Mitte  von  Worten  nn  (bezw.  mm)  schreiben, 
um  ihren  Proben  und  Formularien  ein  »tapfers  ansehen c  zu  ver- 
leihen, >so  doch  solches  on  den  mussiggang  {  eine  unlesliche 
schrifft  I  dar  zu  des  Schreibers  unverstant  und  gleissnerey 
klärlich  wird.« 

Dagegen  will  Frangk  dem  auch  in  unseren  Denkmälern 
vielfach  belegten  Gebrauch  des  nn  vor  Konsonanten  eine  Be- 
rechtigung zugestehen:  »Wenns  aber  zwiischen  einem  styramcr 
und  mitstymmer  gefordert   |   wirds  gemeinlich    (die  weils  starck 


76 

lautet)  daplet  gezogen  |  als  |  bannden  |  bennder  I  Hannfs 
flannder  etc  Aas  dem  kommets  auch  das  diese  wortlinn 
(unnd  I  UDOS  |  etc.)  sampt  all  jrem  anbang  and  nacbkommlingen 
I  mit  zweyen  nn  billicher  denn  mit  einem  geschrieben  werden'  ' 
als  I  Unns  I  annser  {  annserthalben  |  wegen  etc.  I  Unnd  { 
annden  |  unnderthan  |  unndanck  .  .  .  .  |  Wie  wols  der  brauch 
beiderseits  heldt  |  das  (unnd)  doch  mehr  mit  einem  |  denn  mit 
zweien  schreibt.« 

Letzteres  stimmt  auch  für  unsere  Denkmäler,  und  ist  häufiger 
als  unnd.  nhd.  ist  der  ausgedehnte  Gebrauch  von  nn  zorttck- 
gegangen. 

B.  Geräuschlaute. 

1.   Xjabiale. 

pp. 

Vgl.  pf.  S.  47. 

bb. 

Ist  nicht  belegt. 

ff. 

Diese  Schreibung  ist  überaus  häufig  und  findet  sich  im 
Anlaut  und  Inlaut  und  Auslaut  nach  Kürze,  Länge  und 
Diphthong.  Rück.  (Entw.  S.  179)  ist  der  Ansicht,  dass  ff 
für  f  nach  unzweifelhaften  Längen  geschrieben  wurde,  um  die 
harte  und  energische  Aussprache  des  f  gegen  das  so  häufig  bis 
zum  w  herabsinkende  y  zu  markiren. 

Ich  bin  der  Ansicht,  dass  ff  nur  aus  Freude  an  der  Kon- 
sonantenhäufung, die  das  15.  und  16.  Jahrhdt  besonders 
charakterisiert,  geschrieben  wurde.  Darum  hat  auch  ff  keinen 
Einfluss  auf  die  Vokalqnantität. 

Anlautend  ff  nur  in  B:  ffrawen,  ffraw,  fiursten.  In- 
lautend: briffe,  kauffe,  liffe,  Seyffenmacher,  Steffan,  dorffer, 
straffen,  helffte,  lewffer,  greiffen  etc.  Auslautend:  uff,  hoff, 
brieff,  eylff,  bedarff,  biscboff,  funff,  Joseff,  schriefft,  behelff, 
warff  etc. 

Im  16.  Jahrhdt.  ist  diese  Gemination  noch  in  voller  Kraft. 
ff  =  mhd.  ff.    Nichts  zu  bemerken. 


77 

8.  GKutturale. 
Ober  ck  und  gk  rgl.  k. 

3.   Dentale. 

tt. 

tt  flir  einfaches  t  ist  sehr  stark  vertreten,  und  zwar  nach 
nrsprttnglichen  Längen  and  Kürzen.  Die  Kürzung  der  ersteren 
wird  als  sicher  anzusehen  sein.  Nur  graphisches  Zeichen  da- 
gegen ist  tt  nach  Diphthongen.  Rück.  Entw.  S.  181.  —  W. 
mbd.  Gr.  §  199.  —  Ordriss.  §  23.  —  Bahder  S.  8. 

hatte  B  1393,  1394.  1397,  1399,  1408  (3),  1413,  1417  (4), 
1418  (4),  1419  (3),  1421  C3),  1422  (2),  1423  (4),  1429,  1431, 
1433  (2),  1439  (3),  1440  (2),  1442  (6),  1445,  1446.  C  1470, 
1472  (4),  1473.  D  1490,  1510,  1520  (2),  1524,  1530  (2)  .  .  .  . 
—  hatten  B  1417  (3),  1418  (3),  1424  (2),  1433  (2),  1439, 
1442  (5),  1444.  C  1472  (9),  1477  -  hette  B  1389  (2), 
1393  (4),  1394,  1413  (3),  1417  (4),  1421  (4),  1424  (4),  1429  (2), 
1430,  1432,  1434  (3),  1440  (2),  1442  (16),  1446,  1447. 
C  1471  (3),  1472  (5),  1473  (4),  1474,  1477.  D  1494  (5),  1507, 
1524  —  hetten  B  1389,  1413  (3),  1428,  1442  (6),  1445, 
1447  (2).  C  1470  (2),  1471,  1472,  1473  (2),  1476,  1477  (2). 
0  1490,  1507,  1515,  1524  (2)  —  hettist  C  1471  (2)  —  hott 
D  1530  (3),  1534  (7),  1540  (14),  1545  (2),  1550  —  hattet 
C  1477  (2). 

matter  B  1445.  D  1515,  1520,  1524  (4),  1540  -  gros- 
mutter  D  1515  —  mütterlichen  0  1534. 

Zu  den  bisher  genannten  Formen  sind  entsprechende  Bei- 
spiele mit  einfachem  t  ausser  bei  hott  nicht  belegt.  Nicht  so 
bei  den  folgenden  Fällen. 

gutter  B  1424,  1446.  D  1494,  1510,  1515,  1520  (2),  1530, 
1534  —  gutte  B  1425.  D  1490  (3),  1494,  1510  —  gutt 
D  1520,  1530  —  guttem  D  1490  (2)  —  gutten  0  1524  — 
gnttes  D  1494  —  guttem  D  1494,  1524,  1530,  1534,  1540  — 
ratt  D  1530. 

In  C  ist  also  tt  ausser  in  den  Formen  von  haben  nicht 
belegt    Die  Beispiele  häufen  sich  in  0. 


78 

tt  nach  alten  Kürzen: 

fetter  B  1418,  1424  —  vetter  B  1399,  1437  —  fettem 
D  1490  —  vettern  D  1534  —  mitt  B  1414,  1424,  1428,  1437, 

1442  (2) —  mitte  B  1421.    D  1494  (2).     (Vielleicht  liegt 

Einfluss  von  mitte:  medius  vor,  neben  dem  auch  mite  belegt 
ist!)  entritten  B  1430  -  ettliche  B  1434  —  spittal,  spittals 
B  1438  —  capittels  B  1438  —  erstatten  B  1445  —  betteln 
B  1446  —  gestatten  C  1472  —  gestatte  C  1477  —  sendebotten 
C  1470,  1471,  1472  (2),  1474  (2)  —  widerstattunge  C  1471, 
1472  —  bitten  C  1471  (3)  —  gestritten  C  1472  (2)  —  aws- 
rottunge  C  1472,  1477  —  wortt  D  1507  —  statt  D  1507  — 
gott  D  1530  (2)  —  vatterlichen  D  1534  —  abtrettnng  D  1540 
—  wittwe  D  1545. 

tt  nach  Konsonanten  in  rentten  D  1490. 

tt  nach  Diphthongen  ist  selten  und  erst  nach  C  belegt. 

weitter  1490,  1494  (2)  —  lawttende  1490  —  hewtte  1510, 
1524  —  czeitt  1530  —  voitt  1545. 

Der  Vergleich  mit  dem  nhd.  Sprachgebrauch  zeigt,  dass  tt 
in  zahlreichen  Formen,  wo  es  sich  nm  nrsprtingliche  Längen 
und  Kürzen  (Diphthonge  sind  ausgeschlossen)  bandelt,  ins  nhd. 
übernommen  wurde. 

Über  dt  s.  unter  t. 

zz. 

Über  zz  und  cz  vgl.  s. 

dd. 

Für  einfaches  d  wird  dd  gebraucht  nach  kurzen  Vokalen 
in  odder  1370  —  widderrede  1490  —  widder  1494  (2),  1524, 
1530.  Rück.  Entw.  S.  180.  —  W.  mhd.  Gr.  §  188.  —  Bahder 
S.  50. 

Diese  Gemination  ist  also  ziemlich  selten.  Die  d- Formen 
haben  die  Herrschaft.  Über  diese  Gemination  äussert  sieb 
F.  Frangk  S.  100:  Ettliche  brauchen  das  duplet  dd  {  etwann 
wenns  zwuschen  zwenn  Stimmer  gesatzt  wird  j  als  odder  | 
Widder  |  redden  etc.  \  Welchs  on  notig  und  ein  überaus  sein 
mag  I  Weils  nicht  stark  lautet  {  darzu  das  widderspiel  mehr 
gesehen  wird.  Doch  ich  wil  umb  dis  mit  niemands  zancken  |  weils 
illeicht  beiderseits  mag  gehalten  werden.« 


79 

Konsonanten- Vor  blndungen. 

Ich  handle  zunächst  von  sl^  sm,  sn,  sw  im  Anlaut.  Diese 
Verbindungen  reichen  bis  in  das  16.  Jahrhdt.  hinein.  Seit  1524 
ist  mir  aber  ausser  in  Slesien  nur  seh  in  jenen  Verbindungen 
begegnet.  Bei  Slesien  mag  lat.  Silesia  bestimmend  gewirkt 
haben.    Alles  Nähere  wird  die  Statistik  ergeben. 

Zu  F.  Frangks  Zeit  wurde  noch  sl,  sw  geschrieben,  wie  aus 
dem  Passus  S.  104  hervorgeht:  »Wenns  p  odder  t  nach  dem 
seh  I  von  rechte  gefordert  |  so  wirds  ch  vermieden  |  und  das 
p  odder  t  schlechts  zunehst  ans  s  gesatzt  |  wie  jtzt  gesehen. 
Desgleichen  haldens  ettlich  auch  {  mit  dem  1  und  w  wenn  sie 
nach  dem  seh  gehen  |  das  sie  das  h  meiden  |  und  schreiben 
also  Slesier  |  Sweidnitz  {  Sweitzer  {  für  Schlesier  |  Schweidnitz 
,  Schweitzer  etc.  |  Welches  aber  nicht  so  vasst  als  Jens 
jnn  ubung  ist.« 

Ober  das  Verhältnis  von  s  und  seh  in  diesen  Verbindungen 
vgl.  Rück.  Entw.  S.   144.  —  Bahder  S.  50. 

Noch  bei  Opitz  erscheint  slange,  vgl.  Drechsl.  S.  34. 

Im  heutigen  Dialekt  herrscht  die  aspirierte  Aussprache, 
vgl.  W.  Dial.  S.  80. 

Ober  die  Schreibung  ßl,  ßm,  ßn,  ßw  vgl.  unter  ß  S.  72. 

sl  A  fehlt.  B  beslan  1393  —  geslagen  1393,  1417  — 
nfslag  1417  —  totslages  1423  (2)  —  todesslages  1433  — 
todslages  1439  —  vorsinge  1436  —  siege  1440  (3)  —  beslossen 
1442  (2)  —  slossil,  slussil  (4)  1442  —  slosser  1418,  1442  - 
Blossen,  slosse  1442  —  Slichting  1417  etc.  C  beslossen,  Slesien, 
beslissen^  uffgeslagen,  slosser,  slos,  beslissungen  etc.  D  Slesien 
1534  (2),  1555  (2). 

schl  A  fehlt.  B  Schiaispech  1413.  C  schlossern  1474. 
D  beschlossen  1524    —    Schlosser  1530  (3)   —   anscblege  1530 

—  geschlagen  1530  (3),  1534  —  Dromelschlaer  1530  — 
goltschlaer  1530  —  schlegen  1534  —  schütten  1555  (2). 

schl  gewinnt  demnach  im  16.  Jahrhdt.  die  Herrschaft. 

sni   A  fehlt.    B  goltsmed  1417,  1424  —  goltsmede  1424  (2) 

—  grobsmede  1428  (2),  1444  —  smedeknechte,  smedeknechten 
1428  —  Helmsmed  1426  —  Smylo  1420  —  gesmehit  1433, 
1442  —  smocheit  1534  —  gesmeide  1445  etc.    C  smerczlichen, 


80 

smeblichen,  Yorameher,  smocheit,  yorsmohen  etc.  D  smid  1507, 
1510  —  Smidebrucken  1510  —  gesmöcke  1515. 

8chm    A  fehlt.     B  fehlt    C   fehlt.    D   Schelnschmydt  1510 

—  Schmidt  1530  (5)  —  schmid  1524  (3),  1530  (3),  1540  (4), 
1550  —  schmehlichen  1550  —  Schmidebracke  1524  —  Schmide- 
brngken  1555. 

Auch  hier  ist  das  Erreichen  der  nhd.  Lautstafe  dentlich. 

SQ    A  fehlt.    B  Ledersnyder  1389   —   sneider  1408,    1440 

—  besneiden  1434  —  gesneten  1438.  C  abgesnyten,  snodiglich. 
D  nur  sneiders  1520. 

sehn  A  fehlt.  B  fehlt.  C  fehlt.  D  Schnabel  1507  — 
Schneider  1507  (2),  1510,  1520  (3),  1524  (3),  1530  (9),  1534  (3), 
1540,  1545  (2)  etc.  —   Schneiders  1520  —   schneiderinn  1520 

—  geschnitten  1530  —  Schueckenbach  1534  —  Schnolcz  1490 

—  Schneweis  1534. 

Das  Verhältnis  ist  klar. 

sw  A  swerlich  1352,  1359  —  sweren  1359.  B  swoger 
1370,  1408,  1440  —  swarcze  1413  —  geswisterde  1399, 
1446  (9)  —  Swidnicz  1396  —  Sweidnicz  1423  .  .  .,  Swinss- 
berger  1389  —  Swebischin  1408  —  sweren  1423,  1439  — 
swere  1439  —  geswornen  1424  (2),  1444,  1445,  1447  - 
gesworn  1424,  1436,  1438  (2)  —  gesworen  1433,  1442  — 
beswerunge  1425,  1433  (2)  —  vorswegen  1431,  1442  — 
vorswigen  1442  —  sweigen  1434  —  swestir  1436  —  sweger 
1436  —  vorsweigen  1442  —  swertern  1446.  C  swerheit, 
beswerunge,  swere,  gesworne,  Swidnicz,  gesweigen,  swerlich^ 
besweret,  swerer  etc.  D  geswisterden  1490  (3)  —  geswisterde 
1490  —  swoger  1490,  1515  (2)  —  geswistem  1494,  1515  — 
swester  1494,  1510,  1516,  1520  —  Sweidnicz  1515  —  Swobe 
1510,  swarczen  1510  —  swur  1520  —  gesworn  1520  — 
besworn  1520. 

schw  A  fehlt.  B  fehlt.  C  fehlt.  D  schweingelt  1494  — 
schwoger  1607  (4),  1524  —  schwiger  1530  —  schwein  1524  (3) 

—  Schweine  1624  —  schwere  1624,  1630  —  schwerer  1530  — 
schwogers  1507  —  geschwisters  1507,  1624  —  Schwester  1490, 
1507  (2),  1620,  1624  (6),  1630  (3),  1650,  1655  -  schwarcze 
1607    —    schwartzbach  1630  (2)   —   Schwarcz  1530,    1534   — 


81 

achweineDem  1510  —  geBchwisterden  1507  —  Schweidnicz 
1520,  1540  —  Scbweidnitzen  1524  (2),  1530  —  geschworn 
1530  —  geschworner  1555  —  schwacheit  1530. 

Ancb  hier  ist  die  nhd.  Lantstufe  erreicht. 

Wie  schon  bemerkt,  ist  nach  1524  nur  noch  sl  in  Slesien 
belegt,  sonst  ist  seh  darchaus  darchgedmugen. 

Neben  Skopp  1445  (2),  1446  (2)  steht  Schkoppe  1447.  — 
k  wird  in  diesem  sonst  nicht  mehr  belegten  Beispiel  yon  Einfluss 
auf  die  Entwicklang  gewesen  sein.    Drechsl.  S.  34. 

ßp,  ßt  s.  unter  ß. 

tw  hat  sich  erhalten.  Beispiele  fär  kw  oder  zw  sind  mir 
nicht  begegnet. 

ebintwer  1393,  1394. 

ambetwangen  1417,  1420,  1424  (2),  1440  —  nnbetwangen 
1418,  1434  —  betwungen  1471  (2),  1472  (2),  1477  —  betwinget 
1472.    In  D  fehlen  Beispiele  hierftlr. 

Ober  die  Entwicklang  dieser  Verbindang  vgl.  Grdriss.  §  97. 

—  Der  heatige  Dialekt  bevorzugt  qu  vgl.  W.  Dial.  S.  85. 

Häufig  tritt  t  hinter  n  zwischen  Kompositionsglieder:  uffent- 
lich  1370,  1389   —   öffentlich  1477,  1540  —   öffentlichen  1424 

—  allinthalben  1473  —  allenthalben  1417,  1418,  1421,  1423, 
1424,  1425,  1428,  1490,  1524,  1530  (4),  1534  (2),  1540,  1560 

—  wissentlichen  1421,  1442  —  wissentlich  1442  (2),  1472  — 
unwissentlichen  1442  —  wissentschaft  1471  —  eigentlichen 
1421,  1440  .  .  . ;   eigentlich  1471  —  etc.     W.  mhd.  Gr.  §  199. 

—  Drechsl.  S.  33. 

Ebenso  nach  r:  anderthalb  1530  (2). 

Im  Auslaut  tritt  t  bezw.  d  an  n  an  in  ymant  (ymand)  — 
nymant  (nymand)  —  iczunt  (iczund)  —  etc. 

Formen  ohne  t  (d)  sind  nicht  belegt.     W.  mhd.  Gr.  §  200. 

t  tritt  an  s  an  in:  sust  1428  (2),  1429,  1437,  1442,  1445, 
1446,  1471  (3),  1477  —  sunst  1477,  1524,  1530  (6)  —  sonst 
sonsten  .  .  .;  —  doselbist  1417,  1426,  1427,  1429  etc.  W.  mhd. 
Gr.  §  200. 

1  schwindet  vor  t  in  wertlich  1409,  1417,  1418,  1424, 
1437,  1446,  1471,  1477  (2),  1490,  1494,  1507  (2),  1510, 
1515  (3),  1524  (2)    —    wertlichen  1418,    1424,   1428,  1471  (2), 

Arndt,  Entwicklung  der  Breslaaer  KanzlelsprAohe.  6 


82 

1477   (3),    1494   (2),    1515    —    wertliche    1424.    W.   mhd.   Gr. 
§  212.  —  Rück.  Entw.  S.  194. 

n  tritt  für  1  ein  in  werntlich  1524  (3).    W.  mhd.  Gr.  §  218. 

Sehr  seltene  Erscheinung  und  erst  spät  belegt.  Ebenso 
welntlich  1524,  das  auf  eine  Vermischung  von  weltlich  und 
werntlich  zurückzufllhren  ist.  —  Die  nhd.  Form  weltlich  be- 
hauptet die  letzte  Stelle:  1524,  1530  (7),  1534  (4)  etc. 

mb  hält  sich  neben  mm  sehr  zäh. 

umbe  1389  (2),  1394,  1403,  1409,  1417  (2),  1418,  1424(2), 
1428,  1432,  1433  (3),  1434  (3),  1437,  1438,  1439,  1440  (4), 
1442  (2),  1444,  1445,  1447.  —  1471  (9),  1472  (9),  1473, 
1476  (2),  1477  (5).  —  1490  (3),  1510,  1515  (3),  1520  (4), 
1524  (6),  1530  (6),  1534  (5),  1540  (3),  1555  (3).  —  umbe 
(gleichfalls  zahlreich  vertreten). 

p  entwickelt  sich  als  Übergangslaut 

1.  zwischen  m  und  t:  mitsampt  1401,  1440,  1470,  1477, 
1524  —  sampt  1413  (2),  1418,  1421,  1530  —  gesampter  1408, 
1417,  1418  (4),  1421,  1422,  1423,  1428  (3),  1445,  1507  — 
samptlich  1534, 1560  —  zusampt  1534  —  (In  ampt  1352,  1439(3), 
1534  —  ampte  1524  eigentlich  wurzelhaft)  —  nympt  1471  — 
vordampten  1472  —  vordampte  1472  —  vordamptis  1477  — 
Yordampt  1477  —  vorseumpt  1442;  —  2.  zwischen  m  und  n: 
sampnunge  1444,  1447, 1470  (2)  —  Dompnik  1440  —  zusampne 
1471  (4)  —  Donipniks  1476;  —  3.  zwischen  m  und  s:  Dompslaw 
1445  (2)  —  Nampslow  1507.  Rück.  Entw.  S.  191;  -  4.  zwischen 
m  und  1:  samplung  1507. 

Auch  b  erscheint  als  Übergangslaut 

1.  zwischen  m  und  t:  sambt  1524,  1530,  1540,  1545  — 
mitsambt  1524,  1545  —  (ambten  1530)  —  obbestimbter  1534 
—  eingereumbt  1540  (2);  —  2.  zwischen  m  und  d:  frembden 
1507  —  frembder  1524;  —  zwischen  m  und  1:   nemblich  1490. 

Über  p  und  b  vgl.  Rück.  Entw.  S.  192.  —  W.  mhd.  Gr. 
§  162.  —  Drechsl.  S.  29. 

In  der  Ableitungssilbe  -thum  (tum)  tritt  im  16.  Jahrhdt. 
b  an:  aigenthumb  1524  —  heiligthumb  1524,  1534,  1560. 

Über  die  Entwicklung   von  p,   b   zwischen  Konsonanz  und 
iLfBgierung  von  b  an  m  spricht  sich  F.  Frangk  S.  105  aus: 


83 


>Idd  diesen  werten  |  Amtmann  |  samtlich  |  Heotman  ,  Tamherr  \ 
Tnmprobst  j  etc.  Wie  wol  sie  one  mangel  scheinen  anch  sein 
mochten  j  helt  doch  jtznnt  der  gemeine  branch  gleich  für  ein 
gewisse  Regel  |  Wenns  m  t  {  odder  auch  das  m  ein  wort  odder 
gilben  schlicssen  |  wird  das  b  odder  p  zwuschen  sie  ein  I  odder 
hinzugesetzt  {  Und  schreibts  also  |  Amptman  |  samptlich  |  Haupt- 
man  |  Tnmbherr  {  umb  |  widdemmb  |  darnmb.« 

n  >  m  Yor  Labialis. 

Kuremberg  1407,  1415,  1426  —  Reichembach  1417  (3), 
1418  (2),  1424  —  umbetwnngen  1417,  1420,  1424  (2),  1440  — 
ombeteidingt  1437  —  kumfftig  1490  —  fumffczig  1494  (3), 
1445  (3)  —  fumffczik  1438  (3)  —  vornumfft  1437  —  fumflf 
1441,  1442  (2),  1444  —  offembar  1444,  1470  —  znkumfftigen 
1444.  —  Rück.  Entw.  S.  186.  —  W.  mhd.  Gr.  §  183.  —  Im 
16.  Jahrhdt.  ist  diese  Assimilation  nicht  mehr  belegt. 

Nasaliert  ist  sunst  1477,  1507,  1524,  1530  (6)  —  sunste 
1515  (2)  ~  sonst  1524,  1534  (6),  1540,  1546,  1555  —  sonsten 
1524  (4)  —  doselbinst  1424  (4).  —  Andere  Erweiterungen 
mit  n:  iczunt,  iczunder  —  lichnams  1472  —  leichuam  1439  — 
leichnams  1447.  —  Rack.  Entw.  S.  189. 

Interessant  ist  die  Doppelbildung  stynkindinge  1417,  ein 
partizipiales  Adjektiv,  das  durch  Einschiebung  von  n  vor  g  noch 
erweitert  ist.  Nur  dieses  eine  Beispiel  ist  belegt.  —  Rück. 
Entw.  S.  186.  —  Ober  den  heutigen  Dialekt  vgl.  W.  Dial. 
S.  109. 

Umstellung  von  n  und  r:  dornstage  1419.  Nur  dieses 
Beispiel.     W.  mhd.  Gr.  §  214.  —  Rück.  Entw.  S.  185. 

Aus  lat.  sanctus  ist  c  stets  geschwunden,  und  es  stehen 
zahlreich  nebeneinander  sand,  sant,  sande,  sante,  in  Ton- 
schwächung sente,  sent. 

ch  ßillt  vor  t  in  nit  (C),  1560  (3).  Ripuarische  Erscheinung. 
—  W.  mhd.  Gr.  §  238.  —  Beispiele  aus  späterem  Schlesisch 
bei  DrechsL  S.  39,  40.  -  Bahder  S.  5. 

Deklination. 

Es  sollen  hier  nicht  vollständige  Schemata  der  einzelnen 
Wortklassen  gegeben  werden,   sondern   nur   die  Formen  sollen 


84 

henrorgeboben  werden,  die  ftlr  die  EntwicklaDg  der  Sprache  von 
Bedeatang  sind. 

St.  Deklination. 

W.  mhd.  Gr.  §  442  ff. 

Masculina. 

In  diese  Deklination  sind  entsprechend  dem  nhd.  getreten 
die  mbd.  sw.    herczoge,  licbname. 

herczogis  1393  —  den  weissen  berczog  1440  —  der 
berre  ....  berczog  1440  etc. 

leicbnams  1447  —  licbnams  1472. 

Von  berczog  sind  in  B,  C  ancb  sw- Formen  nocb  vor- 
banden, docb  erlangen  die  st.  im  16.  Jabrdt  die  Herrschaft. 

Umgekehrt  sind  von  son,  mhd.  sun,  allerdings  nur  in  C, 
ancb  vereinzelte  sw- Formen  belegt:  g-s:  sonen  —  a-s:  sonen. 

Im  16.  Jahrbdt.  ist  der  nhd.  Gebrauch  dnrchgedrangen. 

Feminina. 

Die  fem.  auf  -ung  wahren  zunächst  e  der  Endung  in  allen 
Kasus  des  Singular:  betzalunge,  berichtnnge,  zugeborange, 
winnunge,  sperrunge,  furdernnge,  beswerange,  obilhandelunge, 
werbnnge,  beschirmunge  etc.  etc. 

Die  Zahl  dieser  Beispiele  ist  sehr  gross.  In  B  sind  solche 
Formen  durchaus  herrschend.  In  C  finden  sich  schon  Werbung 
(n.  s.),  erwelung  (d.  s.),  awsrichtung  (a.  s.). 

Die  nhd.  Formen  gewinnen  immer  breiteren  Raum.  Im 
16.  Jahrbdt.  ist  mir  in  raichunge  (n.  s.)  1524  die  letzte  Form 
mit  e  begegnet.  Nach  diesem  Jahre  ist  der  nhd.  Gebrauch 
herrschend. 

Unflektiert  ist  der  nom.  acc.  pl.  von  mark. 

In  den  andern  cas.  pl.  tritt  Flexion  ein.    So  besonders  in  B. 

Neutra. 

Flexionslose  Plural-Formen  finden  sich,  auf  die  erste  Hälfte 
des  15.  Jahrdts.  beschränkt,  alle  unser  gebot  1430  —  die  recht 
1442  —  tuch  1440  (10). 

Die  pl-Endnng  —  er  fehlt  bei  weih  nur  in:  mit  iren  weihen 
und  kindem  1431.    Später  nicht  mehr. 


86 

Bemerkenswert  ist  der  n.  pl:  gattere  1446  —  gatere  1446 
—  IciDdere  1420  —  geswistere  1446. 
W.  mhd.  6r.  §  454. 
Diese  Formen  überschreiten  nicht  die  Mitte  des  15.  Jahrhdts. 

Von  den  sabstant.  Partizipien  ist  frand  in  der  ersten 
Hälfte  des  15.  Jahrhdts.  noch  flexionslos  gebraucht:  gute  frnnd 
1440  —  vor  frand  nnd  erber  late  1445.  —  Daneben  greifen 
die  flektierten  Formen  Platz,  die  vom  Ende  des  15.  Jahrhdts. 
herrschend  sind:  lieben  frande  1442  —  die  gekoren  frande 
1446  etc.  etc. 

W.  mhd.  Gr.  §  465. 

Sw.  Deklination. 

W.  mhd.  Gr.  §  456. 

Mascnlina. 

Entsprechend  dem  nhd.  flektieren  stets  schwach  her,  farste. 
Der  mhd.  n.  s.  herre  findet  sich  nicht  mehr;  überall,  als  Titel 
Yor  Eigennamen  oder  in  selbständiger  Stellang,  ist  nar  her 
belegt. 

farste  tritt  aaf  z.B.  1419;  in  C  aber  schwindet  schon  e  im 
n.  8.  dieses  Wortes.  Im  übrigen  werden  beide  Worte  nar  sw. 
flektiert 

Yormande,  herczoge  schwanken  schon  in  B  (1418:  d.  s. 
herczog  —  a.  s.  herczog).  In  C  tritt  dieses  Schwanken  immer 
mehr  herYor.  Nar  sporadische  Erscheinungen  sind  in  C  wege, 
monde,  cardinale.  In  D  (16.  Jahrhdt.)  finden  sich  keine  Ab- 
weichangen  Yom  nhd.  Sprachgebrauche  mehr. 

Feminina. 

Stets  sw.  flektieren  in  B  die  Eonkreta  Yrauwe,  kirche,  ecke, 
gasse,  Sache,  summe,  z.  B.  g.  s.:  der  kirchen  1424. 

d.  8.:  Yon  frauwen  E.  1422  —  in  einer  summen  1422  etc. 

Schwankend  ist  woche  in  mitte woche,  mitewoche,  auch  in 
Bezug  auf  das  Geschlecht.  Schon  als  msc.  ist  es  belegt  in:  am 
mitwachen  1426.  So  später  öfter,  im  16.  Jahrhdt.  durchaus. 
In  B  ist  das  Wort  sonst  nur  fem.  und  Yorwiegend  sw.  flektiert. 

st:  d.  s.  an  der  mittewoche  1418,  1420.  —  sw:  d.  s.  an 
der  mitwochen  1420,  1422,  1424  —  an  der  mittewocben  1421, 
1422,  1423,  1427  ...   —  an  der  mitwachen  1424,  1426. 


86 


In  C  begegnet  schon  der  g.  s.  kirche  —  a.  s.  fraw. 

Im  16.  Jahrhdt.  sind  die  sw- Formen  vereinzelt.  1524:  zu 
dieser  sachen  —  1524:  der  Sachen  (g.  s.)  —  1560:  der  gassen 
(d.  s.).  —  W.  mhd.  Gr.  §  460. 

Abstrakta  sind  mir  nicht  anfgestossen. 

Über  die  Neatra  ist  nichts  zu  bemerken. 

Die  nhd.  Mischdeklination  ist  in  einer  Form  vertreten: 
C  des  gloubens. 

Rück.  Entw.  S.  234. 

Die  Eigennamen  flektieren  st,  sw.,  oder  lateinisch.     Die 
sw.  -  Deklination  herrscht  vor. 
W.  mhd.  Gr.  §  468. 

Der  st.  d.  s.  wahrt  mit  Vorliebe  das  e  der  Endung:  vom 
Brige,  von  Präge,  gen  dem  Eibinge,  herrn  Andrisse,  zu 
Rome  etc.  md.  Erscheinung. 

Behem  flektiert  sw.  oder  ist  flexionslos. 

Adjectiva. 

Vor  dem  subst.  ohne  Artikel  tritt  die  st.- Flexion  ein:  irstes 
kouffes  1440. 

In  späterer  Zeit  sind  mir  Beispiele  fUr  solche  Genetive 
nicht  aufgefallen. 

Im  voc.  pl.  tritt  die  sw.- Flexion  ein  während  der  ganzen 
Periode:  lieben  herren,  lieben  frunde,  liben  sone,  edilen  herrn, 
namhaftigen  herrn,  ersamen  herrn,  ersamen,  liben,  getrewen  etc. 

W.  mhd.  Gr.  §  517. 

Erstarrt  ist  all,  alle:  all  des  teils  1393  —  mit  alle  irem 
gute  1408  —  alle  das  obgeschreben  gelt  und  silber  1408  — 
alle  seines  gutes  farnde  und  unfarnde  1437  —  alle  ir  gut  farnde 
und  unfarnde,  von  alle  solchem  gute  1437  etc. 

W.  mhd.  Gr.  §  508. 

Adverbia. 

Sie  endigen  1.  auf  -e  (alte  Endung  o)  —  z.  B.  gerne,  neste, 
alleyne,  dorynne  etc.  etc.  —  2.  auf  -en  (eigtl.  dat.  pl.):  allent- 
halben^ eigentlichen,  wissentlichen,  mechticlichen  etc.  —  3.  auf 
den  blossen  Stamm.  —  Die  Endung  e  überwiegt. 

Adverbiale  genetive  sind  anders,  selbis  (z.  B.  doselbist). 


87 

Pronomina. 

Sehr  beliebt  ist  die  Kontraktion  im  d.  8.  der  Possessiva 
nnd  ein,  kein,  z.  B,  seyme,  syme,  eyme,  keyme  etc.  So  be- 
sonders in  B.    Im  16.  Jahrbdt.  erscbeinen  die  nbd.-Formen. 

er  flektiert  das  ganze  15.  Jabrhdt.  hindarch  wie  mhd.  Im 
16.  Jabrhdt.  sind  mir  die  ersten  Beispiele  für  die  nbd.  Flexion 
begegnet  in:  g.  pl.  ihrer  1555,  1560  —  d.  pl.  yhnen  1545, 
1560  —  ihnen  1545,  1555,  1560. 

der,  das  flektieren  nach  mhd.  Regel,  also  g.  s.  des  — 
g.  pl.  der.  So  in  überaus  häufigen  Fällen.  Erst  1560  ist  mir 
begegnet:  wegen  derer.  Der  d.  s.  lautet  in  B  vorwiegend  deme. 
Daneben  steht  dem.  Diese  Form  ist  seit  dem  Ende  des 
15.  Jahrhdts.  herrschend. 

W.  mhd.  Gr.  §  483. 

Ebenso  verhält  es  sich  mit  wer,  was. 

selb  in  seinen  Flexionen  wird  in  B  noch  vom  Artikel  ge- 
trennt geschrieben.  Seit  dem  Ende  des  15.  Jahrhdts.  sind  die 
nbd.  Formen  durchgeführt. 

Der  st.  n.  s.  selber  ist  mir  nicht  begegnet,  wohl  aber  in  B 
selbis,  der  eigentlich  eine  Oenetivform  ist,  die  durch  Anfügung 
von  t  zu  seibist,  selbst  erweitert  ist.  Der  st.  g.  s.  steht  sogar 
in  Verbindung  mit  dem  Artikel:  desselbis  erbis  1442,  ferner 
dnrcbweg  in  dem  Ortsadverb  doselbiste,  doselbist. 

Eine  erstarrte  Genetivform  ist:  ymands,  nymands  bezw. 
ymandes,  nymandes.  Sie  ist  in  B,  C  ausserordentlich  häufig, 
im  16.  Jabrhdt.  aber  verschwindet  sie. 

W.  Älem.  Gr.  §  322,  §  410.  -  W.  B.  Gr.  §  353. 

Das  ebenso  entstandene  nichtis,  nichts  erhält  sich  während 
der  ganzen  Zeit  und  ist  ins  nbd.  übergegangen. 

CoDjugratlon. 

Vor  enklitischem  wir  ist  n  gefallen  in  habe  wir  1359  (2), 
1396,  1413  —  welle  wir  1352  —  froge  wir  1427  —  schatzce 
wir  1440  (6)  —  W.  mhd.  Gr.  §  369.  —  Nach  der  Mitte  des 
15.  Jahrhdts.  sind  die  nbd.  Formen  Regel. 

St.  verba. 

Von  komen  sind  die  qu- Formen  bemerkenswert  vgl.  S.  54. 


88 

Merkwürdig  ist  die  2.  p.  s.  iod.  praet.  von  lassen:  liste 
du  1470. 

Schon  mhd.  nahm  die  2.  p.  s.  ind.  praet  nach  Analogie 
des  coniunct.  und  des  praes.  die  Endang  es,  est  an,  besonders 
im  md.  —  H.  Panl  §  155,  7.  —  Danach  wäre  zu  erwarten 
lissest,  list.  Nun  wurde  in  Analogie  zu  der  regulären  Form 
lisse  noch  e  angefllgt:  liste.  Vgl.  jedoch  auch  dieselbe  Form 
bei  sw -Verben.  W.  mhd.  Gr.  §  402.  In  unsern  Denkmälern 
ist  von  solchen  sw- Verben  nur  hortste  1470  belegt. 

Wie  schon  liste  du  als  merkwürdige  Bildung  Esch.  zu- 
gehörte, so  auch  die  Beispiele  für  die  3.  p.  s.  ind.  praet.:  lisse 
1471  —  als  Qirsik  ....  quome  1472  —  das  ....  einquome 
1471  —    der  andir  sun  hübe  sich  in  Hungern  einczuczihen  1472. 

W.  mhd.  Gr.  §  374.  -  H.  Paul  §  165,  6. 

Analogie  zu  den  sw -Verben  ist  anzunehmen.  Sie  tritt  bis- 
weilen schon  mhd.  in  Kraft. 

Für  die  Unterschiede  des  Ablauts  im  sg.  und  pl.  praet 
sind  wenig  Beispiele  belegt,  da  diese  Zeitform  überhaupt  in  der 
Aktensprache  selten  ist  Nur  zwei  Formen  sind  belegt,  in  denen 
der  nhd.  Ausgleich  vollzogen  ist:  blib  1530  —  standen  1550. 
—  Dagegen  schreib  1408  —  stunt  1442,  1445,  1505,  1520, 
1525,  1530  (2)  —  stunden  1429,  1472  (3)  —  hülfen  1472. 

In  entscheiden  1440,  1471  —  bescheiden  1442,  den  part 
praet  ehemaliger  reduplizierender  Verba,  ist  der  alte  Diphthong 
gewahrt  Im  16.  Jahrhdt  aber  dringt  der  nhd.  Gebrauch  durch: 
entschieden  1560. 

Sw.  verba. 

Wie  im  mhd.  so  sind  auch  in  unsern  Urkunden  sw.  praet. 
der  Verben  schaffen,  rufen  belegt:  geschaft  1447,  1470  — 
ruften  1472  —  anrufete  1472  —  wiedirruft  1445  —  widerrufft 
1524.  Ebenso  kommen  auch  ftlr  unsere  Denkmäler,  wie  im 
mhd.,  die  sw.  part  praet  von  weisen,  preisen  in  Betracht.  — 
geweist  1405  —  geweiset  1413  —  beweist  1410  —  vorweist 
1417  —  gepreiset  1472. 

W.  Dial.  S.  127. 

Bttckumlaut  liegt  vor  und  hält  sich  bis  ins  16.  Jahrhdt. 
liinein:  gesaozt,  erozalt,  entsaczt,  geschanckt,  dirczalt,  entwant  etc. 


89 

Im  16.  Jahrhdt  BtAen  nar  gescbaczt  1524.  —  fargestalt 
1530.  — 

Jedenfalls  nimmt  dieser  Vorgang  bedeutend  ab. 

Bück.  Ent.  S.  263,  264.  —  W.  mhd.  Gr.  §  392.  —  W. 
Dial.  S.  128. 

Über  das  Abschleifen  der  Endung  des  part.  praet.  von 
Dentalstämmen  vgl.  t  im  Auslaut  S.  63. 

Das  part.  praes.  von  st.  und  sw.  verb.  endigt  noch  auf  e, 
wenn  es  flexionslos  gebraucht  ist. 

Beispiele:  helfende,  ratende,  farnde,  unfarnde,  gebietende, 
bekommende,  besuchende  etc. 

Noch  im  16.  Jahrhdt.  stehen  farnde,  unfarnde  1524. 

Rück.  Entw.  S.  263.  —  W.  mhd.  Gr.  373.  -  W.  Dial. 
S.  126. 

Yerba  praet  praesentia. 

wost,  wosten  1446  —   wüste  1413,  1445   —  wüsten  1442 
—  wüst  1520  —  gewust  1442  —  vorwust  1494  (2). 
W.  mhd.  Gr.  §  419.  —  Bahder  S.  60. 
Die  md.  u- Formen  dringen  ins  nhd. 

gegunst  1437  ist  eine  spezifisch  md.  Form  für  mhd.  ge- 
gonnen,  gegunnen. 

W.  mhd.  Gr.  §  412.  —  Rück.  Entw.  S.  265. 

Über  die  Einftlhrung  des  euphonischen  s  vgl.  W.  mhd. 
Gr.  §  208. 

Weitere  Beispiele  sind  mir  nicht  begegnet. 

torsten  1447;   dorste  1472. 

0  steht  obd.  und  md.  fest,  n  ist  in  unsern  Denkmälern  im 
praet.  nicht  belegt. 

W.  mhd.  Gr.  §  415. 

Es  sind  dies  die  beiden  einzigen  Formen. 

sal,  Salt  —  solde,  sulde. 

Vgl.  a  S.  13.  —  0  S.  23.     W.  mhd.  Gr.  §  411. 

mochte,  mochten  —  muchte,  muchteu. 
Vgl.  S.  24.     W.  mhd.  Gr.  §  410. 

wellen. 

Die  Formen  wellen,  weide  sind  auf  den  Beginn  des  Zeit- 
raums beschränkt. 


90 

Über   die   verdiukelteii  Fonnen  #olle&,   wolde  —  walde 
vgl.  0  S.  28.  —  u  S.  34. 
W.  mhd.  Gr.  §  421. 

haben. 

Sehr  zahlreich  sind  die  kontrahierten  Formen,  z.  B.  inf.  han 
1393.  —  2.  and  3.  p.  8.  ind.  praea.  steta,  praet  ebenso. 

Part,  praet.:  gehat  1424  ^3),  1426,  1440  (3).  —  Die  ge- 
wöhnliche Form  ist  aber  gehabt,  die  seit  der  Mitte  des  15.  Jahr- 
hunderts dnrehdringt. 

Darchgedrnngen  sind  anch  die  verkUnten  Formen  hatte, 
hatten,  hette,  betten. 

Vgl.  Gemination  S.  77. 

über  haben  vgl  W.  mhd.  Gr.  §  394. 

sein. 

W.  mhd.  Gr.  §  363  ff. 

Im  praes.  sind  die  Formen  von  der  Wnrzel  es  abgeleitet 
Das  pari  praes.  lautet  aber  wesende. 

Die  3.  p.  pL  ind.  praes.  ist  yorherrschend  sint  (sind),  selten 
md.  sent,  und  zwar  im  Anfange  der  Periode.  Auf  das  15.  Jahr- 
hundert beschränkt  ist  seint,  vgl.  ei  S.  37. 

Die  3.  p.  s.  ind.  praet.  ist  stets  was. 

Das  part.  praet.  lautet  in  erdrückender  Mehrheit  gewest 
Noch  im  16.  Jahrhdt:  1524,  1530  (3),  1540,  1550. 

Erst  1560  beginnt  gewesen  (3)  einzudringen. 

tun. 

In  tun  ich  1424  (2)  ist  altes  n  «  m)  erhalten.  —  W.  mhd. 
Gr.  §  362.  —  H.  P.  §  174. 

Wortschatz. 

Bei  der  Behandlung  des  Wortschatzes  lassen  sich  zwei 
Gruppen  von  Wörtern  unterscheiden. 

Die  eine  setzt  sich  zusammen  aus  Wörtern,  deren  Be- 
deutungsveränderung vom  mhd.  zum  nhd.  in  den  einzelnen 
Tarloden  deutlich  ersichtlich  ist.  Hierher  gehören  Konjunktionen 
HImI  Hatzpartikeln  (als,  wie,  so,  wann,  wenn,  dann,  denn,  ab, 
M|i,  aclor,  aber,  da,  wo,  Negation). 

DI«  zweite  Gruppe  besteht  aus  Subst.,  Adject.  und  Verben, 
illi«  In   der  lautlichen  Gestalt  oder  Bedeutung,  in  der  sie  von 


91 

mhd.  Boden  aus  in  unsern  Urkanden  noch  belegt  sind,  nhd. 
schon  yeraltet  sind. 

Ich  wende  mich  zunächst  zu  der  Behandlung  der  ersten 
Gruppe,  d.  h.  der  Konjunktionen  und  Satzpartikeln. 

Von  vornherein  verweise  ich,  um  Wiederholungen  zu  er- 
sparen, auf  Grimms  D.  W.-B.,  Lexers  mhd.  Handwörterbuch, 
Stobbes  Mitteilungen  aus  Breslauer  Signaturbüchern  (B)  in 
Bd.  VI—X  der  Zeitschr.  f.  Gesch.  u.  Alt.  Schlesiens,  und  die 
handschriftlichen  Wortregister  des  Kgl.  Staatsarchivs  zu  Breslau. 

I. 

a)  als  allein  stehend. 

als  in  der  Funktion  des  nhd.  wie,  mhd.  als:  Paul  mhd.  Gr. 
§  317;  §  342,  1. 

Neben  diesem  als  steht  auch  so,  und  daneben  bricht  sich  wie, 
das  mhd.  in  dieser  Funktion  unbekannt  ist,  Bahn,  wie  ist  im 
16.  Jahrhdt  am  häufigsten  und  lässt  darum  gleichfalls  das  Er- 
reichen der  nhd.  Sprachstufe  deutlich  erkennen.  Im  15.  Jahrhdt. 
ist  als  herrschend,  aus  dem  16.  Jahrhdt.  sind  mir  nur  be- 
gegnet: als  erbegeldes  recht  ist  1507,  1510  (2).  alß  mit  dem 
iren  ....  1520. 

Beispiele  aus  B:  alz  her  selber  1390,  1392  —  alz  her 
yn  gebeten  hat  1393  —  alz  abengeschreben  stet  1396  —  als 
vor  geschreben  stet  1421  —  bei  seinem  namen  bliben  als  her 
sich  in  der  Stat  buch  hat  schreiben  lassen  1426  —  als  sich 
das  geboret  1430  .—  als  hernoch  geschreben  stehit  1440  — 
und  sollen  den  montag  erbeyten  als  ander  werkiltage  1444 
—  in  allirmosse  als  die  gescheen  ist  1447  —  etc. 

Beispiele  aus  C:  als  das  gancz  vor  owgen  und  offembar 
was  1471  —  als  schire  ....  als  andir  1471  —  als  euch 
wissentlich  ist  1472  —  in  sulchir  forme  als  ...  .  begriffen  ist 
1473  —  glich  halten  als  dieselben  lewte  1474  —  als  er  fur- 
gibt  1476  —  als  das  vormals  ....  gewest  ist  1477  —  sovil 
swerer  als  vil  ir  seit  irrende  1477. 

Zum  Vergleiche  mag  so  in  dieser  Funktion  folgen.  Es  er- 
scheint erst  spät,  erst  in  C. 

und  so  denn  unsire  meynunge  gancz  gut  ist  1471  —  so 
adir  wenig  bedewtet  1472  —  so  sie  sehen  1477. 


92 


D  so  em  uff  hewte  nffgereicht  ist  1507  —  so  er  em  uff 
hewte  vor  unns  uffgereicht  1510  —  so  jerlich  beim  erwerb 
wechselt  1560. 

Schliesslich  folgen  die  Beispiele  ftar  wie. 

B  in  solchirwys  wie  1396. 

C  wie  entlich  bliben  wirt  1471  —  wie  is  uf  dem  tag  ab- 
scheidlich  bleiben  wirt  1471  —  wie  ir  schreibet  und  claget 
1471  —  wie  wir  wellen  1476  —  wie  euch  zustet  1476  — 
wie  sich  das  finden  mochte  1477  —  wie  obberurt  ist  1477  —  etc. 

D   und  suste  wie  dasselbe  1510    —    wie  oben  1520,   1560 

—  wie  obberurt  1520  —  wie  recht  ist  1520,  1560  —  wie  das 
alles  ....  benant  oder  unbenant  sein  mag  1520  —  solche 
rinnen  wie  die  vor  alder  gewesen  sein  1530  —  wie  sie  es  ge- 
habt und  besessen  1540  —  sollen  do  pleyben  wie  lang  sy 
wollen  1540  —  wie  wir  es  im  werck  also  befunden  1560  — 
und  wie  sie  uns  berichtet  1560  —  wie  uns  selber  zum  teil 
bewust  1560  —  wie  erbegeldes  recht  ist  1560. 

Dieses  wie  ist  also  erst  eine  nhd.  Erscheinung. 

Stets  und  nur  wie  ist  belegt  nach  Verben  des  Sagens  und 
Denkens  und  ähnlichen,  d.  h.  dort,  wo  wie  einen  indirekten 
Fragesatz  einleitet. 

Hier  schliesseu  sich  an  Sätze,  die  von  Verben  des  Sagens 
abhängen  und  mit  wie  das  eingeleitet  werden: 

B  und  haben  uns  gesaget  wie  das  sie  eynen  ....  betten 
gehabit  1413  —  und  haben  becant  wie  das  sie  ...  .  1414  — 
sulch  bekenntnis  wie  das  jm  wissentlich  were  1417  —  die 
sprechin  also,   wie  das   sie  nymands  ausin  lassen  wellin  1423 

—  und  hat  bekant  wie  das  her  ...  zu  halden  geben  hatte  1423 

—  hat  umbetwungen  bekant  wie  das  her  .  .  .  vorrichtit  sey  1424. 

C   wir  bekennen,  wie  das  wir  ....  1471. 
Diese   Erscheinung   stirbt   also   gegen   Ende   des   15.  Jahr- 
hunderts ab. 

b)   als  in  Verbindungen. 

1.  als  ap.  =  nhd.  als  ob. 

Diese  Funktion  ist  während  der  ganzen  Zeit  belegt. 
Vereinzelt  ist   sam  1471:    sam   sie   nicht   woste  von    den 
scheden.  —  Paul  mhd.  Gr.  §  347,  5. 


98 

Daneben  steht  glichsam  1473:  glichsam  sie  alle  do  weren. 
Im  Übrigen  ist  als  ap  darcbgeftlbrt. 

2.  Bei  Adverbien  =  so. 

B  als  vil  als  er  des  doreza  bedarf  1403  —  als  verre  jm 
got  ....  beheldet  1408  —  als  lange  bis  er  ... .  1415. 

als  lange  das  das  urteil  ....  die  Scheppen  ....  sehreiben 
werden  1418  —  als  lange  als  ...  .  1430  —  als  lange  als  die 
1000  gülden  ....  beczalit  werden  1440. 

C  als  ofte  der  konig  zu  Behemen  ....  seine  sendebotten 
hatte  1470  —  als  laug  er  lebet  1471  —  als  ferre  unsir  macht 
wendet  1472  —  als  vil  an  im  ist  1473  --  als  vil  er  hat  ge- 
macht 1477. 

D  fehlt. 

Ins  16.  Jahrhdt.  reicht  diese  Bedeutung  nicht  mehr  hinein. 

Vgl.  so  in  diesen  Fällen: 

B  fehlt 

C  wievil  der  bebstlich  stnl  .  .  .  arbeit,  sovil  mer  .  .  .  1477 

—  sovil  swerer  als  vil  ir  seit  irrende  1477. 

B  so  lange  bis  gemeldt  sein  1507  —  so  balde  got  über 
mich  gebewt  1520  —  so  lang  bis  das  kyndt  mondisch  wirf 
1540  —  so  oflft  die  wandelbar  wurde  1540  —  so  lang  wir  . . . 
1540   ~    doch  so  fern  er  solches  bey  dem  hern  apt  .  .  .  1540. 

Neben  so  fern  steht  vereinzelt  1540  wofern. 

3.  Selten  ist  als  =  ebenso  in  als  wol: 
her  were  als  wol  unser  vorreter  als  her  1413. 
als  schire  als  andir  1471. 

Diesem  als  entspricht  einfaches  so: 

so  woll  auch  der  unmundiegen  Vormunden  als  den  . .  .  1560. 

so  wol  auch  die  vorlegen  1560. 

4.  Pleonastisch  steht  als  vor  Präpositionen,  Adverbien, 
haben  globt  ....  vor  Jungehans  vor  Orfede  als  von  den 

des  gefenknis  wegen  ....  als  von  pferde  wegin  1430. 

als  nemlichen  1444  —  als  nemlich  1520,  1530,  1540,  1560 

—  als   itczunder  obir  ein  jar  1510   —   als  dann  sol  und  mag 
der  herczog  ansprechen  1529. 

Die  Formen  ohne  als  sind  bedeutend  in  der  Mehrheit.  Die 
Verbindung  alsdann  ist  ins  nhd.  übergegangen. 


94 

Während  der  ganzen  Zeit  steht  als  wie  nhd.  gewöhnlich 
als  Einleitung  za  einem  appositionalen  Satzgliede,  z.  B.  als 
eigne  schult  zu  czalen  —  als  formen  Vormunden  —  als  vor- 
keufifer  eines  teils  —  als  keufferin  andern  teils  etc.  etc. 

Ebenso  ist  als  in  temporaler  Funktion  in  der  ganzen  Zeit 
belegt. 

so. 

so  in  relativer  Funktion,  mit  Beziehung  auf  ein  einzelnes 
Wort,  erscheint  erst  im  16.  Jahrhdt.: 

von  wegen  des  hauses,  so  er  em  vorkaufft  1507  —  die 
drei  gülden  hung.,  so  fraw  Hedwig  ....  schuldig  ist  1507  — 
in  der  macht,  so  sie  an  nnns  beiderseit  uffgetragen  1510  — 
forderunge,  so  er  gehabt  hat  1520  —  trew  nnd  muhe,  so 
Hedwigis  meine  eliche  hausfraw  mit  mir  gehabt  1520  —  bei 
den  aiden  so  sie  ...  .  gethan  1530  —  den  vier  kindern  so 
sie  ...  .  geczeuget  hat  1530  —  der  erben  geld  so  sie  in  Ver- 
waltung gehabt  1540  —  bey  allen  jren  rechten  nnd  gerechtig- 
kaiten  so  sie  haben  ld40  —  alle  und  jede  mengell  so  darinnen 
möchten  befunden  werden  1560  —  wegen  derer  so  die  zeit 
daher  unmündig  gewesen  1560  —  etc.  etc. 

Eine  bemerkuns werte  Verbindung  von  so  als  in  causaler 
Funktion  ist  Eschenloer  eigentümlich;  weder  in  B,  noch  in  D  ist 
sie  mir  begegnet: 

und  so  als  die  nicht  bey  mir  sein  1470  —  so  als  deine 
k.  gn.  villeichte  meynet  gerechtikeit  zu  haben  1471  —  so  als 
ir  .  .  .  .  vorsmehen  seit  1471  —  so  als  von  den  von  Breslow 
erkannt  ist  1471  —  darumb  so  als  wir  sulche  brife  .  .  .  haben 
suUen  brengen  1477  —  so  als  der  bebstlich  stul  dorynnen  bette 
richten  sullen  1477  —  so  als  die  beere  cz wischen  euch  wüten  1477. 

Die  Bedeutung  dieses  so  als  wird  am  besten  durch  da 
wiedergegeben. 

wann,  md.  wenne,  wen. 

Über  die  md.  Formen  vgl.  e  S.  14.  —  Paul  mhd.  Gr.  §  348. 
—  W.  mhd.  6r.  §  332. 

Das  kausale  wann  ist  in  B  selten,  am  häufigsten  in  C, 
in  D  fehlt  es. 


95 

B  wenne  her  weide  gerne  off  bindin  1393  —  wen  her 
selber  .  .  .  fertigen  und  entschalden  weide  1421  —  wen  dovon 
vil  zuschreiben  were  1423. 

C  wann  nns  dorczn  beweget  ...  die  berurte  clausula  1470 

—  wann  wie  mag  der  eynikeit  machen  .  .  .  1471  —  wann  wir 
können  nicht  boten  bekommen  1471  —  wann  offenbar  ist  1471 

—  wann  den  turckischen  kaiser  haben  wir  .  .  .  getriben  1472 

—  wann  vil  liber  wolten  wir  1472  —  wann  durch  ire  lande 
die  kouflute  czihen  1474  —  wann  wir  ...  zu  schaden  kommen 
1476  —  wenn  ye  der  groste  schade  unsir  sein  muste  1476  — 
wann  als  .  .  .  der  bebstlich  stui  hoffende  was  1477  —  wann 
nymant  czweifilt  1477  —  etc. 

D  fehlt. 

Schon  in  C  erscheint  denn  in  gleicher  Bedeutung. 

denn  nichtis  libers  ist,  denn  .  .  .  1471  —  denn  von  stat 
an  derselb  furste  .  .  .  sal  ufsein  1474. 

Die  gewöhnlichste  Konjunktion  ist  in  dieser  Bedeutung 
do,  da. 

Nach  dem  Komparativ  ist  denn(e),  dann  gebraucht  =  als. 
Noch  niemals  erscheint  als  in  dieser  Funktion.  Nach  negiertem 
Komparativ  und  anders  sowie  nach  einfacher  Negation  erscheint 
wenn  (Paul  mhd.  Gr.  §  319),  nur  in  Fällen,  die  auf  den  Beginn 
des  15.  Jahrhdts.  beschränkt  sind. 

liffe  er  aber  nicht  verrer  wenn  bis  .  .  .  1411  —  anders 
nicht  wüste  wen  alles  gut  1424  —  anders  nichtes  wenne  gut 
1442  —  er  nicht  wüste  wen  alles  gut  1424. 

In  späterer  Zeit  erscheint  auch  denn  unterschiedslos  in 
dieser  Funktion 

ab. 

a)  ab,  ap  =  mhd.  obe,  ob  —  nhd.  wenn  in  konditionaler 
Funktion  ist  dem  gesamten  15.  Jahrhdt.  eigen.  Die  Beispiele 
sind  äusserst  zahlreich. 

Einzelne  Fälle:  ab  her  das  nicht  tete  1396  —  ap  das  nicht 
geschege  1417  —  ap  er  mit  ymands  zu  schaffen  hat  1425  — 
ap  es  im  not  tuen  wurde  1435   —   ap  got  wil  1470,  1471  (2) 

—  ap  es  geschege  1473  —  ap  er  woste  1473  —  ap  ymandis 
ein  storer  sein  .  .  .  weide  1477  —  etc.  etc. 


96 

Im  16.  Jahrhdts.  ist  ap  in  dieser  BedeutuDg  nicht  mehr 
belegt.  Dafür  treten  ein  wenn  nnd  so.  wenn  ist  in  der  ganzen 
Zeit  belegt: 

B  nnd  wenn  die  400  golden  .  .  .  beczalt  werden,  do  sal 
.  .  .  1393  —  wenn  her  (sie)  doramme  gemanet  wirt  1417  — 
und  sprach  das  wenn  er  mit  jm  gerechente  1420  —  und  wenn 
er  jn  des  obirczeugen  und  obirkomen  wurde  1421  —  wen  er 
dorumme  gemanet  wirt  1423  —  auch  wenn  sie  den  gezellin 
schenken  wellin  1428. 

C   wenn  die  unsiren  die  koufen  wolten  1476. 

D  wenn  sie  der  bedorffen  wirt  1507  —  wenne  sie  czu 
mundigen  iaren  komen  1507  (2)  —  wenne  sie  erwuchsen  1507 

—  wenne  wir  sie  fordern  lossen  1510. 

so  erscheint  in  der  Bedeutung  des  nhd.  wenn  erst  in 
C  und  hier  hauptsächlich. 

B  fehlt. 

C  sunder  so  wir  .  .  .  zusampne  kommen  1470  —  und  so 
der  Pole  stille  sitczet  1471  —  und  so  du  im  bettest  geoffem- 
baret  1471    —   so  ir  houpte  Girsik  nicht  were  gestorben  1472 

—  so  adir  sulch  roub  .  .  .  gescheen  wurde  1474  —  so  es  not 
wurde  tun  1474  —  so  er  .  .  .  vermant  wurde  1474  —  so  es 
von  dem  andern  teil  erfordert  wirt  1477  —  so  ir  fortan  wurdet 
gehorsam  sein  1477. 

D  und  so  dis  allis  .  .  .  ausgericht  wirt  1520  —  so  sie 
bekhommen  möchten  1560. 

so  tritt  also  in  D  später  an  die  Stelle  von  wenn. 

b)  ap  =  nhd.  ob,  vgl.  als  ap. 

Ferner:  ab  dem  obgenan.  herrn  Johannes  . . .  usgericht  und 
worden  sey  1421  —  ader  apeuch  alle  worden  sein  1471  —  etc.  etc. 

ap  in  dieser  Bedeutung  ist  während  der  ganzen  Zeit  belegt 
und  ja  auch  ins  nhd.  eingedrungen. 

Seltner  ist  ap  . . .  wol  (stets  durch  andere  Worte  getrennt), 
und   ap   wir   es  wol  .  .  .  sulden   gesweigen   1472   —   der 
kaiser  ap  er  wol  uns  dorczu  glucke  gewunschet  1472. 

Häufiger  ist  wiewol,  das  erst  in  C  erscheint. 
C   wiewol  .  .  .  antwort   gegeben    ist  1471    —   wiewol  wir 
uns  dowider  vil  tage  saczten  1472  —   wiewol  mit  smerczlichen 


herczen  1472  —  die  bnrde  des  bebstlichen  stals  die  wir  wiewol 
nnwirdiglich  tragen  1477. 

D  nnd  wiewol  der  aide  brieff  1510  —  und  wiewol . . .  1560. 

Im  16.  Jahrhdt.  erscheint  ap  (op)  nar  in  der  Bedeutung  ob, 
die  es  auch  ins  nhd.  hinübergerettet  hat. 

ader  und  aber. 

ader  (adir)  =  nhd.  aber. 

B  ader  was  jr  doran  nicht  beczait  ist  1420. 

C  adir  sulche  antwort  nicht  angesehen  1470  —  ader  was 
die  gewest  ist,  kann  ich  nicht  wissen  1471  —  ader  ap  euch 
alle  worden  sein  1471  —  ader  der  gutige  got  hat  seyne  gnad 
gegeben  1471  —  so  adir  sulch  roub  .  .  .  gescheen  wurde  1474 
—  wer  ader  aus  eygenwillen  .  .  .  lest  ligen  1474  —  weide 
ader  seine  kon.  gn.  .  .  .  anrichten  1476  —  geschege  adir 
ymandis  zu  kurcz  1477  —  adir  uns  hat  unser  beduncken  ge- 
feiet  1477  —  adir  laider  .  .  .  1477  —  ir  adir  irrende  von  dem 
rechten  wege  1477. 

D  fehlt. 

Im  16.  Jahrhdt.  ist  ader  =  nhd.  aber  nicht  belegt. 

aber  =  nhd.  aber. 

B  behilde  er  aber  das  hus  1403  —  were  aber,  das  .  .  . 
1412  —  queme  er  aber  .  .  .  nicht  1412  —  liffe  er  aber  nicht 
yerrer  wenn  bis  .  .  .  1411  —  geschoge  aber  das  nicht  1421. 

C   fehlt. 

D  hat  durchaus  aber  durchgefllhrt. 

Bemerkenswert  ist  C.  —  Im  Dialekt  ist  ader  für  aber  heute 
noch  lebendig.  Die  der  Mundart  gleichfalls  geläufige  Ver- 
wendung von  aber  für  oder  ist  in  unseren  Quellen  nicht  belegt, 
die  Form  ader  herrscht  in  dieser  Bedeutung  allein. 

aber  =  nhd.  wieder. 

B  domach  bette  her  in  aber  nach  Essins  gefraget  1393  — 
domach  hat  Patricius  abir  abekamft  1393  —  dornach  santten 
sie  .  .  .  aber  zu  jm  1413. 

C  haben  wir  euch  abir  .  .  .  wellen  vormanen  1477. 

D  fehlt. 

aber  stirbt  im  15.  Jahrhdt.  in  dieser  Bedeutung  ab.  wider 
(wieder)  tritt  au  seine  Stelle. 

Arndt,  Entwicklang  der  Breslauer  Kanslelaprache.  7 


Ö6 

da,  dar  und  wo,  wor. 

Belativisch  gebranchtes  da,  dar  (do,  dor),  das  im  Beginn 
der  Periode  vorherrscht,  macht  in  späterer  Zeit  wo,  wor  Platz. 

B  dorynne  ytel  safferan  were  gewest  1393  —  doran  sie  jn 
sollen  .  .  .  genügen  lassen  1394   —   dovor  er  .  .  .  globt  hatte 

1418  —  dorober  czwene  brife  gewest  sein  1418  —  dovor  er 
vor  Ichel  Inden  globt  hatte  1418  —  dovor  sie  .  .  .  Bargen  sein 

1419  —  dorczQ  jn  ir  vater  gekom  hat  1420  —  doruber  sie 
den  gotsphennig  genomen  1421  —  dorafif  her  jm  ein  Wechsel 
gemacht  1422  —   dommbe  her  .  .  .  gehalden  ist  gewest  1424 

—  domite  .  .  .  begnadet  sein  1440  —  dovon  sie  jm  jerlich 
pflichtig  und  schuldig  ist  zageben  1444. 

C  dowider  1473  —  doraff  1473  —  dodarch  unsir  jormorgt 
dimiderligt  1476  —  dodarch  her  ans  abgewendet  1477  —  do- 
darch er  menniglichen  gebewt  1477  —  dodarch  sie  ans  er- 
manten  1477  —  domit  wir  dich  vormanet  haben  1477. 

D  doran  em  wolgenagte  1507  —  dogegin  er  Barbaran 
seyner  ßwester  geben  sal  1507  —  dagegen  obgemelte  Dorothea 
.  .  .  hat  gantz  kweit  frei  .  .  .  gesagt  1507  —  davor  er  sich 
and  jnn  .  .  .  globte  1510  —  doran  er  im  allezeit  .  .  .  aus- 
gericht  habe  1510. 

Die  Formen  mit  wo,  wor  fehlen  noch  in  B. 

C   wodurch  1474. 

D  woran  die  gewest  weder  dein  noch  gros  1507  (2)  — 
woran  das  alles  sey  1507  —  woran  das  sey  keinerley  aws- 
geczogen  1510  —  woran  die  gewesen  sein  1530  (2)  —  woran 
es  gewest  1540. 

Das  Verhältnis  der  Formen  sowie  die  Entwicklung  zum 
nhd.  ist  deutlich. 

Ich  schliesse  wo  =  wenn  in  konjunktionaler  Funktion  an. 
Der  Übergang  der  lokalen  Bedeutung  in  die  konditionale  ist 
meist  noch  ersichtlich,  besonders  in  den  Beispielen  aus  dem 
15.  Jahrhdt. 

B  das  er  sie  . . .  nemen  mag  ...  wo  er  das  bekomen  mag  1413. 

C  wo  man  bey  uns  .  .  .  placken  solte  1476  —  wo  es 
lenger  also  sal  vorhangen  werden  1476. 

D   und  wo  er  eynen  dyßer  tage  nicht  halden  wurde  1507 

—  wo  auch  ein  teil  .  .  .  vormeiuet  1507   —   und  wo  ich  euch 


99 

doran  zu  nohe  gewest,  bit  ich  euch  1507  —  and  wo  vater 
Wisener  .  .  .  nicht  hilde  1520  —  sal  Agatbis  Becke,  wo  sie 
•  .  .  wurde  nemen  1520  —  wo  aucb  dieselb  Ottiiia  .  .  .  neme 
1520  —  wo  sy  sieb  .  .  .  nicbt  vortragen  1540  —  wo  aber 
nicht,  das  ber  (so  soll  .  .  .)  1540  —  wo  sy  sieb  aber  .  .  . 
nicbt  vortragen  1540  —  etc. 

Beacbtung  verdient,  dass  wo  in  dieser  Bedeutung  im  16.  Jabr- 
hundert  stark  verbreitet  ist,  im  Gegensatz  zum  15.  Jabrbdt. 

en  und  nicbt. 

en  =  nicbt:  nicbt  ensey  1412,  1413.  Nacb  1413  ist  en 
(ne)  nie  mehr  belegt. 

nicbt  neben  kein  und  niemand:  keine  nachrede  nicht .  .  . 
1417  —  jn  noch  nymands  forbas  me  nicbt  anczusprechen  1421 
—  keine  briefe  nicbt  mer  .  .  .  1424  —  kein  .  .  .  nicbt  tragen 
1433  —  keine  feier  nicbt  haben  .  .  .  1436  —  kein  geleite 
.  .  .  noch  der  stat  geleite  nicht  komen  sal  1438.  —  Paul 
mbd.  Gr.  §  312. 

II. 

A. 

algereit,  alsbald  1471,  1472. 

alreit,  alsbald,  schon  1540. 

angewinnen,  einem  abgewinnen:  die  guter,  die  uf  beiden 
teilen  anenander  sint  angewonnen  1471. 

anneme,  angenehm:  die  der  hobst  nicbt  alleyne  anneme  gehabt 
hat,  sunder  die  erweler  sere  gepreiset  1472. 

ansehen,  in  Betracht  ziehen:  adir  sulcbe  antwort  nicbt  an- 
gesehen 1470  —  ansehende  unsire  frnntschaft  1472  —  an- 
gesehen das  .  .  .  1477  etc. 

ansprechen  noch  anlangen  eines  dinges:  wegen  eines  Dinges 
belangen.  —  Diese  Verbindung  kehrt  stets  wieder  und  ist 
überaus  häufig  in  allen  Jahren. 

anstaut,  Waffenstillstand:  bestendiger  frid  und  anstaut  .  .  . 
1473  —  fridlicber  anstaut  1473  —  gütlichen  anstant  1477. 
Also  nur  bei  Esch. 

antworten:    überantworten.    —    Überaus   zahlreich    die   ganze 

Periode  hindurch. 

7* 


100 

sieh  aneziehen  eines  dinges:  Ansprach  machen  aof . . .:  welcher 

macht  er  sich  anesoch  1510,   1530  —  der  macht  sie  sich 

anezogen  1550. 
auflassen f  feierlieh  anheben:   solch  hans  abzutreten,  einfini- 

rewmen  and  an&nlassen  1540. 
awsrichten:  1.  bezahlen:  awsgerichtt  and  beczalet  lOOOgalden 

1446  —  beczalt,  awsgericht  and  yoi^den  habe  1510,  1515 

—  awsgericht  and  beczalit  1530.  —  2.  rersorgen,  mit  dem 
Nötigen  rersehen:  das  wir  in  der  cancelley  wol  sint  aws- 
gericht 1471. 

awBrichtnngCf  Bezahlang,  Yergtttigang:  rechnang  und  awß- 
richtnnge,  es  sey  an  gelt  .  .  .  1507. 

awswendigf  aosserhalb:  awswendig  allen  behelff  nnd  Wider- 
rede 1530. 

B. 

becrndenf  hindern,  stören:  die  eynikeit  becraden  nnd  czweyen 
1470  —  niederl.  bekroeden.  —  Vgl  md.  krot  Beschwerde, 
Bedrängnis. 

begrifen:  als  oben  begriffen  ist  1445  (=  sapra  memoratns). 

sich  behelfen,  als  Hfllfe  brauchen:  sich  behelfen  mit  eyme 
forsten,  houptman  etc.  1474. 

beide  —  und:  sowohl  —  als  auch:  beide  bouptgut  and  yer- 
sessene  czinse  1440  —  beider  clager  und  antworter  wiile 
1447.  —  Später  erscheint  nur  als  wol  —  als  oder  so  wol 

—  als.    Vgl.  als,  so.  —  Paul  mhd.  Gr.  §  315. 
beyfrid,  Waffenstillstand  1473. 

beredung,  Verabredang  1540. 

berichtung,  Anstrag,  Schlichtung  1399  —  das  wir  eine  frunt- 
liehe  berichtunge  gemacht  haben  1426  —    1494. 

bescheiden,  einrichten,  bestimmen:  j uns  erste  hat  er  beschaiden 
funff  margk  1515. 

besem  und  briefe:  Peter  Stronichin  hat  lassen  frede  schreien 
eyme  manne,  des  namen  her  nicht  weis,  der  im  besem  und 
briefe  gehangen  hat  1425.  Vgl.  Ztschrft.  f.  Gesch.  u.  Alt. 
Schi,  Bd.  VII,  S.  356  Anm.:  »Den  Besen,  als  Zeichen,  dass 
er  des  Stanpenschlags  werth  sei;  die  Briefe  waren  jedenfalls 
Scheltbriefe,  Pasquille,  wie  sie  Gläabiger  gegen  ihre  säumigen 


101 

Scbnldner  Teröffentlichen  zn  dürfen  sich  häufig  ansbedang'en.'t 
Vgl.  brende  nnd  besem. 

besetczen,  festsetsen,  abmachen:  and  haben  vor  uns  becant 
und  besaczt  einen  kauff  1445. 

bestelniSy  Anordnung,  Besorgnng:  den  nachfolgenden  erben  ane 
bestelnisse  verlossen  1507. 

betadingen,  nnterhandeln ,  vertragsmässig  feststellen:  1510, 
1515,  1520.  —  Andere  Formen  sind:  bethadingen  1530  — 
betaidingen  1540  —  betedingen  1494,  1540  —  bethadingen 
1507.    Vgl.  teydingen. 

be willen,  einwilligen  1507. 

brende  nnd  besem:  der  do  brende  nnd  besem  uff  seyme  gute 
gehangen  hat  1431  —  der  do  besem  und  brende  uff  dem 
gute  doselben  gehangen  bot  1436.     Vgl.  besem  und  briefe. 

broch  (mhd.  bruch),  Bruch  des  Gesetzes,  Rechtes,  Friedens,  der 
Treue  (Tgl.  D.  W.-B.  s.  v.  14):  solche  broche  und  obirtretunge 
bessern  und  busse  dorobir  empfoen  1430.  —  Femer  1434, 
1440,  1442,  1444  —  vgl.  auch  1317  all  die  bruche  nnd  werre, 
Schles.  Beg.  3649  —  gesunet  um  alle  broche  1329,  Grün- 
hagen u.  Markgraf,  schles.  Lehnsurkunden  I,  302. 

brotesse,  Diener,  Gesinde:  mit  iren  weihen  und  kindern  und 
allen  brotessen  1431  —  vgl.  auch  1399  Jocob  zum  Brige  alle 
seyne  diner,  dyneryn  und  Schulmeister  und  alle  ere  brotessen 
(leider  aus  Versehen  das  Gitat  ausgelassen)  —  1499  Schulden 
der  Glogauer  brotessir;  Weingarten,  fasc.  jur.  II.  Beilagen  77. 

C.  vgl.  K. 

D. 

dankneme  (angenehm,  willkommen),  dankbar:  ich  wil  alleczeit 
dankneme  sein  1470. 

ding  tag,  gerichtstag  1447. 

dingstorunge,  Störung  der  GerichtssitzuDg  1433. 

sieh  dirfaren,  sich  erkundigen^  sich  Rats  erholen  1413,  1414. 
Hierher  gehört  auch:  uff  ein  dirfaren  1417.  Vgl.  Ztschrft. 
f.  Gesch.  u.  Alt.  Schi,  Bd.  VII,  S.  176  Anm.:  »uff  ein  dir- 
faren ist  eine  sehr  häufige  Klausel;  ihr  Sinn  ist,  dass  die 
Strafe  auf  den  Fall  zu  bezahlen  ist,  dass  der  Angeschuldigte 
wirklich  das  Vergehen  begangen  hat.     Es  scheint,   dass  auf 


•    ••••      *         •• 


i02' 


•  • 


•  • 


';•  V.*/di^*^i^s<^h^l<lig^i^g  hin  der  Rat  als  Polizeibehörde  sogleich 
die  Strafe  verhängte;  erhob  der  Angeschuldigte  keinen 
Widerspruch,  so  erfolgte  kein  weiteres  gerichtliches  Ver- 
fahren; leugnete  er  oder  protestierte  sonst,  so  ergab  erst 
das  weitere  Verfahren,  ob  er  schuldig  sei  oder  nicht;  durch 
dasselbe  erfuhr  man  erst,  ob  die  Strafe  zu  erlegen  ist.  — 
Der  latein.  Ausdruck  ist  super  inquisicione.  < 

dorfen,  bedürfen  1422. 

dringen,  drängen:  gedrungen  und  genötigt  1472. 

droe,  Drohung  1471.    Nebenform  von  drowe. 

L 

eindechtig,  erinnerlich:  wir  wissen,  das  euch  eindechtig  ist 
1440  —  ich  meine,  das  dir  eindechtig  sey  1470. 

sich  entreden  eines  dinges:  sich  von  einer  Anklage  vor  Gericht 
durch  Beweis  frei  machen:  wo  sie  sich  an  geczeigter  be- 
schuldigung  nicht  entreden  .  .  .  wurde  1510. 

entrewmen,  befreien,  räumen:  hat  daruff  entrewmet  und  ab- 
getreten alle  der  schuldebriefe  .  .  .  1424.  —  Ähnlich  1437, 
1440. 

entrichten,  in  die  bessere  Lage  bringen,  schlichten,  bessern: 
ap  sie  die  selben  (d.  i.  gebrechen)  denne  nicht  entrichten 
konden  1428. 

entsagbrif,  Fehdebrief:  do wider  von  dem  houptman  zu  Ostro 
entsagbrife  awsgangen  sint  1473. 

entscheitlewte,  Schiedsleute,  Schiedsrichter  1446. 

entschichter,  Entsoheider:  was  also  durch  die  entschichter 
adir  korrichter  vorricht  ader  awsgesprochen  wirt  .  .  .  1473. 

entschulden,  von  der  Schuld  befreien,  freisprechen:  fertigen 
und  entschulden  1421. 

enttragen,  wegtragen:  enttragen  und  entwant  1520. 

erbegeldt,  Erbschaft  1515,  1530. 

erbfall,  Anfall  einer  Erbschaft  1540. 

erb  Schichtung,  hereditatis  divisio  perpetua  1540. 

ergehn,  geschehn:  waß  billich  und  Recht  ist,  wir  wuUen  ergehn 
lassen  1515. 

erstkumftig:  von  data  dis  briiis  bis  uf  sand  Bartholomes  tag 
erstkumftig  1477.  —  Wörtliche  Übersetzung  der  in  Urkunden 


103 

80  bänfigen  Termin  -  Bezeichnnng :   proxime  ventarus,   wie   af 
S.  Walpnrgis  tag  nebste  anezohebin.   Sebirmaeher,  Liegnitzer 
Urkundenboch  220  (1388). 
ertzsteiy  Heilkunde  1422. 

F. 

farnde  und   unfamde   gnt:   stereotype,   unzäblige  Mal   wieder- 

kebrende  Verbindang  in  A— F. 

Dieselbe  Bedentnng  bat  stebende  und  gebende  1417  — 

beweglieh  nnd  onbeweglieb  1530.  —    Doeb  noeb  naeb  1530 

erscbeint  farnde  nnd  nnfamde  sebr  oft. 
fertigen,  fertig  macben,  abfertigen,  entlassen  fertigen  and  ent- 

scbnlden  1421:  reebtfertigen  and  .... 
fewerwerk,  Brennmaterial  1403. 
firdang,  Viertel  eines  Masses  oder  Gewichtes,  namentlicb  eines 

Pfandes  (Geldmass)  1419,  1437,  1445,  1490,  1520  .... 
freyenstnl,    Freigericbt:    in   das  beymlicbe   gericbte   vor   den 

freyenstnl  1441. 
freienscbeppen,  Beisitzer  desselben  1442. 
freigrefe,  Vorstand  des  Freigericbtes  1442. 
fnrnemen,   Vorhaben:   von  dem  löblichen  fumemen  wider  die 

angloabigen  Tarcken  1477. 

G. 

geen  uff,  dazukommen,  steigen:  so  sollen  die  obgeschr. 
530  mark  gr.  steen  bis  uflf  .  .  .  und  das  bynnen  der  selben 
czeit  30  mark  doruff  geen  sollen  .  .  .  1417. 

geistlich  noch  wertlich  (weltlich).  Stehende  Bedensart 
in  A— F. 

gerechtikeit,  Anrecht,  Anspruch:  so  als  deine  k.  gn.  .  .  . 
villeicbte  meynet  gerechtikeit  zu  haben  zu  dem  konigreiche 
zu  Behem  1471  —  von  wegen  aller  und  ider  gerechtikeit, 
so  an  sie  khomen  ist  1510  —  all  und  ides  recht  und 
gerechtigkait  so  sy  gehabt  haben  (so  er  gehapt)  1540  — 
bey  allen  jren  rechten  und  gerechtigkaiten  so  sie  haben 
1540  —  recht  und  gerechtikeit  so  sie  gehabt  1560. 

gerone  (mhd.  gerüne),  umgehaune  Baumstämme  1437. 

geschefftiger,  Testamentsvollstrecker:  testamentarien  und  ge- 
schefftiger  1520. 


104 

gescbefftnis,  testamentariscbe  Anordnung:  leczten  willen  and 
gescbefftniß  1494  —   testament  und  geschefftniß  1494. 

geschos,  Abgabe:  der  sein  gescbos  nicbt  geben  bat  1403  — 
ber  babe  denne  sein  gesebos  gegeben  1403  —  das  er  seyn 
gesebos  der  stat  Hebten  sal  1417  —  frey  von  allem  ge- 
sebosse  nnd  von  aller  beswerunge  1425  —  des  gesaczten 
gesebosses  1445  —  1515. 

gewalttrager,  Bevollmächtigter  1507. 

gewarti-g,  dienstbereit:  geborsam  and  gewartig  1439. 

gleubebriefe,  Beglaabigangsscbreiben  1421. 

gotspbennig  1421.  —  Vgl.  Stobbe,  Ztscbrft.  f.  Gescb.  n.  Alt 
Scbles.,  Bd.  VII,  S.  346,  Anm.  2:  »Bei  Abscbliessang  von  Eon- 
trakten warde,  am  die  Perfektion  des  Vertrages  reebt  deatlicb 
zu  bezeicbnen,  eine  Samme  an  die  Armen  gegeben,  Gottes- 
pfennigy  denarias  sancti  spiritas,  and  ein  Mabl  aasgerttstet, 
an  welcbem  aacb  die  Zeagen  des  Gescbäftes  Tbeil  nabmen. 
Der  allgemeine  Name  flir  dieses  Mabl  oder  Gelage  ist  Wein- 
kanf,  lit  cauf  mercipotus,  in  Schlesien  beisst  es  wissebier. 
Diesen  Ausdruck  finde  icb  aucb  in  einigen  Scböffenurteilen 
in  Wasserscbleben,  Sammlung  deutscb.  Recbtsquellen  etc.  I, 
S.  317,  318,  347.  —  In  dem  Braunscbweiger  Stadtrecbt 
Anfang  des  15.  Jabrbdts.  §  518  (Braunscbw.  Urkund.  Bucb  I. 
S.  114):  myt  goddes  penningbe  unde  beerkop.c 

H. 

bals:  undir  strecken  ire  belse  dem  geborsam  1477  —  umb  die 
belse  brengin  1389  —  das  er  sieb  an  jm  und  an  seyme 
balse  recbin  weide  1434  —  ander  gefangen,  di  do  eins  teils 
uf  den  bals  und  eins  teils  umb  scbulde  sossin  1434. 

hals  wird   also  oft  in  Verbindungen   gebraucht,  wo  es 
sich  um  Leben  und  Tod  bandelt.  —  D.  W.-B.  Bd.  IV,  247,  248. 

baut,  zahlreich  in  Verbindungen  wie:  mit  gesampter  baut  1418, 
1420,  1422,  1428  etc.  —  mit  getrauer  baut  1446  etc.,  wo  der 
Begrifif  des  Adjektiv  hervorgehoben  werden  soll. 

hanthaben,  schützen,  erhalten:  schirmen  und  hanthaben  von 
allen  feintschaften  1474. 

hantyrunge,  Eaufhandel:  koufmanschacz  und  hantyrunge  1421. 


106 

harmbalge,  Hermelinpelze  1440. 

hansen,  beherbergen:  and  wer  einen  salchen  hauset  ader  hofet 

.  ..  .  1474  —  bansen  noch  hofen  1477. 
hofen,  in   den   Hof  anfnehmen,    beherbergen   1474,    1477.   — 

Vgl.  hausen, 
houptbrief,  Originalurkunde,  Schuldbrief  1520.  —  Vgl.  Grimm, 

IV,  609. 
huffnitzen,  Haubitzen:  item  czwu  Steynbuchsen,  die  man  nennet 

huffhitzen  1438.   —  houfenicze,  XV.  Jahrhdt.  Ss.  rer.  Siles. 

oder  Grünhagen,  VI,  56,  168.  -  Vgl.  D.  W.-B.  IV  (2),  S.  567. 

I. 

jnne  gehalt  1610.  —  Sonst  jnhalt. 

innemen,  verhören,  vernehmen:  item  als  uns  sulche  Sachen  und 
breche  vormeldet  wurden,  haben  wir  jn  lasen  innemen  1434. 
ynnern,  erinnern:  geynnert  und  jnne  worden  1442. 
irne  (mhd.  iergen),  irgend:  ime  ein  laut  1474. 
irnisse,  Hindernis,  Störung  1607. 

J. 

iowort,  Bejahung,  Zusage  1470. 

K. 

kellirhals,  vorspringender,  gewölbter  Eingang  eines  Kellers  1438. 
koffslaen,    ein   koufslac  machen,   vom   Handschlag,  mit  dem 

der   Kauf  abgeschlossen   wird,   Handel  treiben:   mit   unsern 

eldisten  koffluten,  die  ken  Venedien  pflegen  czu  koffslaen  1433. 
kaglichen:  ire  kuglichen  recht  rucken  1471:  den  Kopf  zurecht 

rücken. 

kuglichen  <  kugel;  mhd.  gugele,  kugel,  kogel,  bedeutet 

die  Kapuze,   die  vom  Rock  oder  Mantel  aus  über  den  Kopf 

gezogen  wird.     Also  eigentlich:  Die  Kapuzchen  .  .  .  zurecht 

rücken. 

L. 
laube,  Erlaubnis  1444.  —  Vgl.  lowbe. 
ledig  und  los:  sehr  häufige  alliterirende  Verbindung;  z.  B.  ledig 

und  los  sagen  eines  dinges. 
leymat  (mhd.  Itnwät,  leimbat,  leimut),  Leinwand:    czween  baln 

leymat  1520. 


106 

leipgedinge,  Leibrente:  morgengabe  nnd  leipgediDge  1408  — 

leibgedinge  1540.  —  vgl.  D.  W.-B.  Bd.  VI,  S.  600. 
Iowbe,  Erlaubnis  1429,  1476. 

M. 

macht,  1.  Vollmacht:  in  macht  der  Stadt  Neisse  1440  etc.  — 
1446  —  1494  —  in  macht  Dorothee  —  1510  —  in  macht 
seines  eheweibes  1540,  1550.  —  2.  macht  haben  eines 
dinges:  das  ich  jrre  nymme  macht  habe  1424  —  wen  ich 
des  nicht  macht  habe  1424  —  etc. 

machtlute,  machtlewte,  Bevollmächtigte  1473. 

machtman  1507,  ebenso. 

marter,  Kracifix:  eine  martir  setczen  1440,  1445,  1446. 

manerczins  1444:  Mauerzins  für  die  an  die  Stadtmauer  stossen- 
den  Grandstttcke. 

mechtigen,  ermächtigen,  Vollmacht  geben:  den  sie  dorczu 
mechtigen  wurden  1426  —  1494. 

m  echt  ig  machen  eines  dinges:  ebenso.  1390,  1397,  1407,  1408, 
1408,  1418  .  .  .  1507  etc. 

miserisch:  ein  misrisches  leben  1472.  —  miserich  oder  mistrich 
verkümmert,  dürftig  von  Kindern,  Tieren  und  Pflanzen, 
Schlesien  und  Oberlausitz.  Weinhold,  Beiträge  zu  einem 
schlesischen  Wörterbuche,  S.  62. 

D.  W.-B.  und  Lexer  kennen  das  Wort  nicht. 

mitnamen,  namentlich  1444. 

mitsamkeit:  ane  mitsamkeit  und  keginwortikeit  1477  —  mit 
den  sere  hesslich  ist  einirley  mitsamkeit  zu  haben  1477.  — 
In  diesen  Beispielen  hat  das  Wort  nicht  sowohl  die  bei 
Lexer  und  im  D.  W.-B.  allein  belegte  Bedeutung:  »Umgänglich- 
keit, Freundlichkeit«  als  vielmehr  die  von:  »Beisein,  Verkehr, 
Gemeinschaft«. 

0. 

obir:  do  er  .  .  .  obir  tische  sas:  als  er  bei  Tische  sass  1471. 
obirkomen,    überzeugen,    überreden:    obirczeugen    und     obir- 

komen  1421. 
offbindin,   im  Sinne   von:    zur  Last  legen:   wenue  her   weide 

gerne  offbindin  1393.  —  D.  W.-B.  I,  622. 
offenbar,  öffentlich:  die  offenbaren  Strossen  1474. 


107 

ODgerete   (mhd.  UDgeraete)   böser   Rat:   wein  ongerete   gesehen 

wer  ezn  dem  gute  1393. 
ort,   der  vierte  Teil  von  Mass,  Gewicht,  Münze,   besonders  von 

einem  Gulden.  —   (ort  =  ferto,  vierdung  =   V4  Mark,  Cod. 

dipl.  Siles.  XIII,  S.  2  nnd  dazu  Anm.  1.)  —  4  gülden  minus 

1  ort  1440  —  311  guldin  1  ort  1440  —  6334  guldin  1  ort  1440. 
ortilgelt,  Gerichtsgeld  1446. 

P. 

pflichtig,  verpflichtet  1474  etc. 

pitczil,  pitschil,  Petschaft  1408.  —  Ztschrft.  f.  vgld.  Sprach- 
forschung I,  429:  das  Wort  ist  slavischen  Ursprungs. 

placken,  Strassenraub  üben  1476.  —  D.  W.-B.  VII,  1873. 

strosplackerei,  Strassenraub  1476.  —  D.  W.-B.  VII,  1875. 

possatke:  das  fortan  nymant  sulche  possatken  ader  newe 
festen  sal  anrichten  1474.  —  (vgl.  posädka:  czechisch  Festung, 
urkundlich  häufiges  Vorkommen  aus  dem  XV.  Jahrhdt.  in 
den  Ss.  rer.  Siles.  VI  ed.  Grttnhagen  nach  dem  Sach- 
register S.  190.) 

provent  (mlat.  provenda,  Nf.  z.  praebenda  —  mhd.  phrttende, 
phruonde),  Unterhalt,  Einkünfte:  1507  czinse  und  provent. 

Q  (kW). 

quit,  queit  ist  ein  Fremdwort:  frz.  quitte;  mlat.  quitus;  lat 
quietus.  Lex.:  vielleicht  mit  Anlehnung  an  das  deutsche 
wette.  Die  Bedeutung  ist:  ledig,  los,  frei.  —  Es  erscheint 
stets  in  der  Verbindung  queit  ledig  und  los;  in  A — F. 

quytbrive,  Quittung  1396. 

R. 

recht  haben   czu  .  .  .:   Anrecht   haben   auf  1422    ~    als   wer 

dorczu  recht  haben  wirt  ...  —  Noch  im  16.  Jahrhdt.  belegt, 
rechtfertikeit,   Gerechtigkeit:   das   wir   in  unsir  rechtfertikeit 

bisher  sint  bestanden  1471. 
reichunge,  Schenkung  1442. 
richten,  1.  in  Ordnung  bringen,  vergüten:  richten  den  schaden 

1399,  1401.  —  2.  bezahlen:  gelt  richten  und  beczalen  1413. 

-  Weitere  Beispiele:    1415,   1417,   1418,  1419,  1420,  1421, 

1423,  1424  etc.  etc. 
ricbtunge,  Ausgleich  1445, 


108 

S. 

schelunge,  Zwist  1436,  1440.  —  D.  W.-B.  VIII,  2532. 
schid,    richterliche    Entscheidung:    sulchen    schid    beide    pari 

lobten  1515. 
schuldig:  schuldig  rechter  und  redlicher  schulde  1413,  1415  etc. 
scot,   bestimmte  Anzahl  von  Stücken:   andirhalb  hundert  mark 

und  czwey  scot  silbirs  1408  —  2  scot  guetes  Grocawischen 

Silbers  1408.  —  Sodann  1417. 
sele warter,  TestameütvoUstrecker  1494  —  zelwarten  1411.  — 

Noch  im  16.  Jahrhdt. 
selewarterey,  Testamentvollstreckung  1494. 

synuig,   bei  Verstände,   verständig:   der  nicht  wol  synnig  noch 

bey  guter  vornunfft  was  1437. 
sintemal  1520  =  sint  dem  male, 
smocheit,  Schmach:  schände  und  smocheit  1471. 
sperren,  in  Beschlag  nehmen:  als  er  gesperret  hat  50  mark  1407. 
sperrnnge,  Beschlagnahme  1407. 
sticken,   heften,   pfählen:   die  sal  er  sticken  mit  seime  eigen 

holcze  1438. 
stickeholcz  1438;  vgl.  sticken, 
steyde,  Nebenform  von  stsete;  md.  stSte,  stede,  steite:  aws  vil 

und  steyder  ermanunge  1471. 
sunderheit:  in  sunderheit:  besonders.  —  Sehr  zahlreich  belegt, 
sunder  lieh,  desgleichen. 

sunlewte,  Schiedsleute,  Schiedsrichter  1446  —  suulute  1507. 
swerheit,  Schwere,  Bedeutung:  amb  swerheit  willen  der  Sachen 

1471. 

T. 

te dingen,  verhandeln,  Gericht  halten  1424. 

teiding,  Gericht:  dy  teidingis  lute  1389. 

teydingen,  verhandeln,  Gericht  halten  1435. 

teilen,    1.  zuteilen:    do  wart  jn  die  frist  geteilet  1447    —    das 

wart  jn  gcteilet  1447.   —   2.  urteilen,  entscheiden:  do  teilte 

der  scheppe  1447. 
torstikeit,  Kühnheit  1471,  1477. 

trankgeld,  Geldbusse,  die  nachmals  vertruncken  wird:   Veffler 
mit  synen  gesellen  hat  besait,  Walich  der  ein  elich  man  ist, 


109 

das  si  den  vnndin  ban  bey   ejner   frawen,   unde  des  habin 
si  genomen  öVt  f.  ezn  trankgelde  1393. 

U. 

nfbeben:  erbeben:  snlch  geld  nfcznhebende  1426. 

nflassen,  hinterlassen,  feierlich  aufgeben,  in  eines  andern  Hand 
übergeben:  .  .  .  nffgelassen  nnd  abegetreten  .  •  .  alle  die 
macht  .  .  .  1437. 

ufreichen,  darreichen,  übergeben  1436,  1439. 

nffrichten,   bewilligen:    .  .  .  hat  nffgericht  .  .  .  ir  bans  1446. 

nffslahen:  das  ein  jor  ein  frid  nfgeslagen  nnd  gemacht  wurde 
1471.  —  Grimm  kennt  » aufschlagen c  im  Sinne  von:  be- 
ginnen: frid  nffslahen  nnd  machen  =  Friedensnnterhandlungen 
eröffiien  und  zustande  bringen. 

nfaein:  so  snilen  beide  teile  wider  dieselben  ungehorsamen 
nfsein  als  wider  feinde  1473  —  denn  von  stat  an  derselb 
forste  ader  landt  ader  creisz  sal  nfsein  ane  sewmen  1474. 
—  Ähnlich  1477. 

nfczog,  Aufschub,  Verzug:  ane  lengeren  ufczog  und  beswerunge 
1473. 

nmbslag:  item  primo  86  stregener  tucb  zu  47,  guldin  und 
102  gorliczer  tuch  und  2  umbslege  zu  4  guldin  minus  1  ort 
1440.  —  Bei  Lexer  II  1739  eine  Stelle  vom  Jahre  1486, 
wo  umbschlag  ein  nicht  näher  zu  bestimmendes  Quantum 
oder  Gewicht  von  Wolle  bezeichnet. 

amfangin  =  entf.,  annehmen:  habe  wir  umfangin  meystir 
Niclos  .  .  .  czu  eyme  dyner  der  stat  Breslow  1396. 

nndancksamkeit,  Undankbarkeit  1472. 

nndersessen  (mhd.  undersäze  —  sseze  —  sezze),  Untergebenen, 
Unterthanen  1424,  1446. 

nndirseheit,  Unterschied  1472,  1477. 

nndirstän,  bewirken,  erreichen:  wir  haben  es  uf  dismol  undir- 
standen,  das  .  .  .  1476. 

sich  undirczihen  eines  dinges:  in  Besitz  nehmen:  sich  des 
konigreiches  u.  1471. 

angelt,  Zehrsteuer,  Accise:  item  es  ist  ungelt  doruffe  ge- 
gangen .  .  .  1440. 

nsrichten,  bezahlen:  her  jnn  das  gelt  usrichtet  und  beczalet  1439. 


110 

nsrichtunge,  Bezahlung;  nsrichtünge  und  recbennnge  1437.  — 
Im  D.  W.-B.  verschiedene  Stellen  im  Sinne  Ton  Berichtigung, 
Ausgleichung,  Bezahlung,  z.  B.  einer  Schuld. 

V. 

verdenken,  Übles  denken,  verargen:  nicht  hassen,  feyden  noch 

vordenken  1418,  1428. 
verhenng,   Einwilligung,   Erlaubnis:   gutten  beschaid  und  ver- 

henng  gethan  1520. 
Verheugen,   geschehen   lassen,   gestatten:   einem   sulchen    sein 

eigen  willen  nicht  v.  1477. 
vergewissen,  mit  Gewissheit  kund  thun  1473. 
vergewissunge  1473. 
verlassen,   zu  Ende  bringen,   vereinbaren:   es  ist  also  beredt 

und  verlossen  mit  Hans  Popplen  1445. 
verschreiben,   schriftlich  abmachen,   zuerkennen:   andir  czinse 

keuffen  und  verschreiben  1446  —  seinen  erben  verschreiben, 

das  .  .  .  1446  -  1473. 
verschreibung,  schriftliche  Festsetzung  oder  Zusicherung:   er* 

manete    uns    der    fimntschaft,    glubde    und    verschreibunge 

zwischen  seyner  kaiserlichen  mai.  und  uns  gestift  .  .  .  1472. 
vorander  weiten,    wiederholen:    in    Schriften   ....  vorander- 

weitet  1471. 
vorantwerten,  erklären  als,  verteidigen:  item  so  bot  der  selbe 

Kussiel  lüde  .  .  .  di  vorantwertet  vor  eyne  ludynne  1434. 
vordechtnis,   Verdacht:   in  Ungunst  und  vordechtnis  1424.  — 

Ferner  1442. 
Vorgang,   Fortgang,  Fortschritt,   Erfolg:   so  sal  dese  richtunge 

entczwei  sein  und  nicht  Vorgang  haben  1445.  —  Femer  1474. 
Torhalden,  1.  vorenthalten:  das  er  mir  mein  vatirlich  erbe  mit 

rede  vorbilde  1436.   —   2.  verschliessen,  versperren:  jm  den 

weg  an  czween  Strossen  vorhalden  und  vorlegt  1440. 
Yoriohen,  bejahen  1472. 
Torkisen,  nicht  beachten,  verzeihen:  solche  missetat  ist  wurden 

vorgeben  und  vorkoren  1434.  —  Ähnlich  1444. 
urolcren,  erläutern:   noch   lawte  und  usweiannge  des  reces- 
«  vorderen  1442. 
mgO)  Erklärung  1442. 


111 

* 

Torreichen,   gerichtlich  übergeben,  vermacheD:   400  mark  vor- 

reichen  und  vormachen  1399.  —  Ahnlich  1408,  1419. 
vorrichten,    versöhnen:    das   er  gutlichen   sich   vorrichtet   hat 

mit  ...  1417.  -  Zahlreiche  Belege,  so:  1419,  1423,  1424, 

1436,  1439,  1446,  1490. 
▼orrichtnnge,  Vergleich,  Vertrag:   vorrichtunge  und  entscheid 

1423.  —  Femer  1424,  1445,  1473  .  .  . 
▼orricht,  Ausgleich:  vorricht  und  schidt  1515. 
vorsehen,  übersehen,  nachsehen:  vorkjsen  und  vorsehen  1444. 
sich  vorsehen,   erwarten,   fürchten   1471 — 1472:   das  wir  von 

nymandis  uf  erden  uns  fehde  adir  crige  dorften  vorsehen, 
versessen,    rückständig:    vorsessens    czinse    1437.    —    Femer 

1440,  1444. 
versitzen,   versäumen,   ausser  Acht  lassen:   und  nu  her  denne 

solche  unser  gebot  frevillichen  vorsessin  .  .  .  1439. 
versorgen,  sicher  stellen  vor:  und  bat  uns,  das  wir  jn  dorumme 

Vorsorgen  sulden,  das  .  .  .  1442. 
vorstorunge,   Verwirrung,   Zerstömng:   wie   der  kaiser  unsire 

vorstomnge  wartende  und  begerende  ist  gewest  1472. 
sich  vortragen,  Vertrag  schliessen.  —  Sehr  zahlreich  in  allen 

Jahren  belegt, 
vorwillen,  sich  freiwillig  verpflichten.  —  Desgl. 
vorwissen,  fbr  unschuldig  halten:  und  sal  sy  allir  bosir  dinge 

vorwissen  1389.  —  Ferner  1421,  1442. 
vorczeyunge,  Verzichtleistung:  doran  vorczeyunge  tun  1446. 

W. 

waDdilgeld,  Strafgeld,  Ersatzgeld:  so  sal  her  .  . .  drysig  Schock 
gr.  geben  czu  wandilgelde  1396.  —  Vgl.  wendilgeld.  —  wandel- 
bnsse  1358  erwähnt  Filla,  Gesch.  v.  Striegau,  S.  54,  auch 
blos  wandel:  die  tuchmacher  haben  das  wandel  genomen 
von  den  sneidem,  von  eynem  tuche  3  gr.  1471  Laus. 
Magazin  LXV,  166. 

wandeln,  1.  ändern:  so  mag  nichts  gewandilt  werden  1471  — 
das  sich  hat  gewandelt  1471.  —  2.  wechseln,  vertauschen: 
ire  Sendeboten  wandiln  und  andire  an  ire  stelle  seczen  1473. 
—  3.  ändern,  ersetzen:  sulchen  schaden  uff  ire  eigene  kost 
selbst  wandeln  wuUen  1510. 


113 

. I . 

^^H^ii  <idiM  ^Kig«8^  Acht  haben  auf,  sorgen  fttr,  wahrnehmen: 

ar^  rKltlfi«^  warten  1428. 
w^^^U^U.  Strafgeld:  in  den  30  Schocken  Wendilgeldis  1396. 
w^rl^«r|r#%  Oewährleister :  werbargen  desselbin  erbis  1419. 
w^rf^U.  Geldbnsse  1417,  1445. 
wi4^rk^rea>  ins  Gegenteil  kehren :  das  den  nnsiren  ire  scheden 

abf<4^  und  widerkart  werden  1471. 
wiU^rkauff,  Rttckkanf,  Wiedereinlösnng  eines  Pfandes  1Ö30. 
wiU^rrede»  Antwort  des  Beklagten;  rechtliche  Replik  1446. 
wiü^rteU,  Gegenpartei  1446. 
wiü^rwertig,   feindlich,   entgegengesetzt:   der   des  yatirlandes 

iHd  und  gemach,  des  konigreiches  zu  Behem  widerwertig  ist 

1470  —   deiner  schrifte  und  werten  gancz  widerwertig  und 

antormelich  1470. 
wideraame,  nnlieb,  verhasst,  Feind  1472. 
wi**ebyer  1421,  1447.  —  Vgl.  gotsphennig. 
w^»t»  wast,  Wissen:  mit  irer  beider  teile  wost  nnd  willen  1446 

-^  mit  wüst  nnd  willen  der  kynder  1520. 

Z. 

^«ewg,  Ausrüstung,  Gewaffen:  yil  raisigen  czewgis  1471. 

»ii^h   oaiehen   an,   sich   berufen   auf:    und   czoch   sich   des   an 

Bernhard  Skal,  der  jm  das  gesagt  hett  1442. 
»u»pruoh,  Anspruch  1446. 
osweien,  sondern,  trennen:   die  eynikeit  becrnden  nnd  czweien 

1470. 
oiwelewftig,  zwistig,  zwieträohtig  1477. 
ovwelewftigkeit,  Zwietracht  1507. 

Schluss. 

Indem  ich  zum  Schluss  die  gewonnenen  Resultate  zusammen- 
tk8«e,  sei  zugleich  die  Frage  nach  dem  Einfluss  der  böhmischen 
Kantlei  des  14.  Jahrhunderts  auf  die  Breslauer  wenigstens  in 
aller  Kürze  erörtert.  Burdach  (Vom  Mittelalter  zur  Reformation, 
Halle  1893,  Heft  I,  S.  36)  hat  die  Meinung  geäussert,  dass 
Uiethmar  y.  Meckebach,  Notar  Karls  IV.,  der  1351 — 57  die 
Kantlei  der  Königl.  Landeshauptmannschaft  zu  Breslau  leitete, 
diesen  Eünfluss  yermittelt  habe.  Aber  dem  stehen  gewichtige 
bedenken    entgegen.      Zunächst    sind   deutsche    Urkunden    aus 


113 

MeckebaehB  EaDzlei  überhaupt  nicht  yorhanden,  wie  ja  auch 
da«  sogenanDte  I^andbneh  von  Breslau,  das  yod  Diethmar  yer- 
fasst  ist,  lateinisch  ist.  Nur  die  Namen  von  Dörfern  und 
Städten  sind  deutsch.  Sie  kommen  jedoch  flir  eine  Unter- 
siiehnog  der  Sprache  im  allgemeinen  nicht  in  Betracht.  Das 
Landbueh  ist  ediert  im  Jahresbericht  der  Schlesischen  Oesell- 
schaft  1842,  S.  47  ff. 

Allerdings  ist  im  Breslauer  Stadtarchiv  Parit.  II,  62,  53 
eine  Übertragung  einer  lateinischen  Urkunde  aus  dem  Jahre  1357 
vorhanden,  die  dem  Conrad  von  Falkenhayn,  houptman  zu 
BreslaWy  zuzuweisen  ist  Aber  diese  deutsche  Übertragung,  die 
obd.  Gepräge  hat,  stammt  der  Schrift  nach,  aus  weit  späterer 
Zeit:  aus  dem  15.  Jahrhdt.  Sie  kommt  daher  ftlr  unsern 
Zweck  nicht  in  Betracht. 

Die  Breslauer  Urkunden  des  14.  Jahrhdts  aber  tragen  ein 
wesentlich  anderes  Gepräge  als  die  Böhmischen.  Wie  die  Unter- 
anehnng  gezeigt  hat,  trägt  A  streng  md.  Charakter. 

Es  fehlt  noch  die  bayr.- österreichische  Diphthongierung  von 
i>  ei,  u  >  au,  iu  >  eu;  ferner  wahrt  A  altes  ei,  während  erst 
das  15.  Jahrhdt.,  besonders  in  seinem  Ausgange,  obd.  ai  dafUr 
einsetzt;  schliesslich  ist  in  A  nur  ou,  nie  au,  das  erst  im 
15.  Jahrhdt  erscheint,  belegt. 

A  weist  aber  ferner  alle  spezifisch  md.  Erscheinungen  auf: 
u  fllr  uo,  e  ftlr  ffl,  i  für  ie  (M.  S.  Denkm.»  Vorrede  XXV).  Das 
Gleiche  gilt  von  B,  soweit  diese  Gruppe  noch  nicht  ins  15.  Jahrhdt 
hineinreicht  Die  Diphthongierung  erscheint  in  B  zum  ersten 
Male  in  folgenden  Fällen:  1.  mhd.  1  >  ei:  1393  bey,  seye  — 
1396  seyn.  —  2.  mhd.  ü  >  au  (aw):  1393  herausse,  aws- 
genomen  —  1413  aws  —  1417  lawte.  —  3.  mhd.  iu  >  eu 
(ew):  1408  prewssisch  -—  1411  prewsisch,  Prewssen  —  1412 
geewssert,  ewer. 

Zum  Vergleiche  mit  dem  Lautstande  von  A  mag  eine  Über- 
sicht der  charakteristischen  Eigentümlichkeiten  mehrerer  obd. 
Urkunden  folgen,  die  aus  der  Prager  Kanzlei  Karls  IV.  stammen. 
Sie  umfassen  die  Jahre  1350 — 1377  und  befinden  sich  in  dem 
Breslauer  Stadtarchiv  unter  den  Signaturen:  F3,  Fn,  Hoa,  F9, 
EG4,  E9,   EEsa,  EEi,   EE7,   EE9,  F4,   EE12,   Eu,  Visr.     Ver- 

Arndt,  Entwicklang  der  Breslauer  Kanzleisprache.  8 


siit    kt*titaa<:r  Urkundenbuch  von  Kom. 

ii»4    «'II  ier  bayrisch-österreichischen   Di- 
-^  jiL  la  >  ea. 


.>,         :ÄiCea  :3T2  —  Zeiten  1359,  1377  —  czeiten 
"!>.v      o:    ,•  .  I>i0  i3»,  1371,  1372,  1373  (2),  1374  ^2 

•c  -i<?*'  1367. 

...>     Ä'     -<&*.  13«1   —  kunigrichs  1370  (2)  —    kouig- 
,     ,.-.         ^*:tf#  1366,  1367  (2),  1370  (2).  1372  (2),  1373, 
,»^     •:  *        -Tficü«  1363  —  kunigreichs  1374. 

s.x    J&v\  :3S»?  —  kunigriche  1374  —  reiche  1363,  1366, 
HS     :  .   li-:«.'    ?^  1371,  1372  (2),  1373,  1374,  1377. 
%^«  :ä^^  —  weis  1363,  1366. 

S.U  iJ^x'   S    —   »taer  1377   —  sein  1359  (3),  1363,  1366, 
*;•     57?.  U^TT  v.ä)  —  seiner  1363  —  seyne  1359  —  seynes  1359. 
^'jc*  L?öS  —  weyp  1359,  weip  1359. 
>w:u2itwi  1363,  Swidnicz  1373  (2)  -  Sweidnitcz  1363  — 

<^\ritJl:i4CJ  1366. 

Sir  V  Formen  sind  belegt;  wiset  1350,  1359  —  bliben  1359 
^a\t  1361  i,2),  1371  —  quit  1370  -  glich  1351). 

Sur  ei-Formen  sind  belegt:  sey  1363  (4),  1366  (3),  1377 
-  »d  IS66  .2)  —  bey  1367  —  bei  1359  —  drei  1359  (2), 
;?66.  IS72  —  drey  1366,  1367  (2),  1370,  1371,  1372  (2), 
ISTS,  1374  —  dreisigsteu  1363  —  fleissige  1363,  1366  — 
irt^viÄS«  1367  (2),  freytag  1372  —  freiheiten  1374  —  trey- 
heiion  1374  —   deinen   1373   —    leichnams   1363    —   Reichen- 

l^Äoh  1367. 

Hör  obd.  Charakter  ergiebt  sich  aus  dieser  Statistik  ohne 
weitert*8.  Die  wenigen  i- Formen  kommen  gegen  das  bedeutende 
Tbergowicht  der  ei-Formen  nicht  auf. 

2.   u  =  mhd.  ü. 

uf  (w«)  1366,  1367  (2),  1370  (2),  1371,  1372  (3),  1374, 
1377     -  aufif  1363,  1366. 

nzgelegt  1367,  ussgegeben  1367  —  awß  1366. 

Nur  u- Formen  sind  belegt:  Budissin  1350  —  gebruches 
1369  —  gebruchen  1373. 


115 

Nur  an  ist  belegt  in  Unsent  1372  (2). 

Nach  den  Belegen  zu  urteilen,  scheint  au  hinter  n  nach* 
znstehen.  Indessen  sind  flir  beide  Erscheinungen  zu  wenig  Bei- 
spiele vorhanden,  als  dass  ein  klares  Bild  über  das  gegen- 
seitige Verhältnis  zu  gewinnen  wäre. 

S.   n,  ü  =  mhd.  in. 

getrwen  1350,  getruwen  1359  (2),  1366  (2),  1371  —  ge- 
tr*en  1370  —  getrewen  1367  (2),  1370,  1372  (2),  1374  (2), 
1377  (2)  —  getrewn  1372  —  getrewlich  1374  —  trewen 
1373  (2),  1373. 

amptlaten  1374  —  Ifiten  1350,  Ifit  1350  -  Batlewten  1370. 

unfrantschaft  1359,  vrantschaft  1359,  yrunden  1359  — 
frenntlichen  1372. 

Nur  eu  (ew)  ist  belegt:  neun  1359  —  newn  1367,  1374  — 
newnden  1363  —  newnczenden  1373  —  geezeuge  1363  —  euch 
1377  (2)  —  Newenmarkt  1367  (3),  1372  —   Neunmarkt  1371. 

aw  ist  nur  belegt  in  getrawin  1363  (2). 

Die  Diphthongierung  ist  hier  in  so  offenbarer  Weise  durch- 
geftlhrt,  dass  der  obd.  Charakter  augenscheinlich  ist. 

Ich  wende  mich  nun  zu  den  Schreibungen  der  Diphthonge 
(alte8>  ei  und  ou,  die  gleichfalls  für  das  obd.  entscheidend  sind. 

Altes  ei  wird  ai  geschrieben  schon  in  2  Fällen:   ain  1367 

—  ayn  1371.  —  Daneben  ist  belegt  ai  <  age:  Hayn  1366  (2) 

—  Hainrich  1367. 

ou  (ow)  bezw.  au  (aw)  ist  belegt: 

vrouwe  1359,  vrouwen  1359  —  frawen  1373,  1374  (2). 

ouch  1359,  1367,  1370,  1371    —   auch  1350  (3),   1363  (3), 

1366  (4),  1374. 

kouffen  1370,  kouffmanschaft  1363  —  kauffmanschafft  1366 

—  kawfmanschafft  1373  --  gekaufft  1370  —  vorkauffen  1370. 

Breßlow   1363    —    Bresslaw    1350   (2),    1359    (3),    1363, 

1367  (2),  1372  (4),  1374  (2)  —  Breslaw  1370  (4),  1377  — 
Breczlaw  1359,  1366  (2)  —  Breßiaw  1313  (2)  —  Brezlaw  1367 
.—  Brezslaw  1367  —  Bretslaw  1371  (2). 

Nur  ow  ist  belegt  in  Nampslow  1371. 

Nur  au  (aw):  hauptman  1350  —  hawptmanne  1377  -^ 
Sittow  1374. 


116 

Die  SchreibuDgen  ai  (aj)  und  aa  (aw)  treten  als  obd. 
Charakteristika  genügend  hervor. 

Von  md.  Eigentümlichkeiten  treten  folgende  anf: 

e  =  mhd.  ae. 
Streng  durchgeführt. 
Ebenso  n  =  mhd.  no. 

i  =  mhd.  ie. 

si  (sy)  1350  (8),  1363  (2)  —  sie  1359  (3),  1366  (2),  1367  (4), 
1371  (3),  1372  (3),  1373,  1374,  1377. 

dy  1363  (5)  —  die  1350  (7),  1359  (2),  1357  (6),  1370, 

1371  (7),  1372  (6),  1373  (3),  1374  (3),  1377  (3). 

vir  1363,  1370,  1372  —  vier  1367,  1374  —  virden  1357 

—  vierden  1350. 

briue  1363  —  briues  1363  (2),  1373  —  brife  1370  — 
brifes  1370  (2)  —  brieue  1367,  1372,  1374  —  brieues  1370, 
1374  -  briefe  1359,  1366,  1367,  1371,  1372  —  briefes  1359, 
1367,  1372  (2)  —  briefs  1350,  1367,  1371,  1374  —  brieflfa 
1366  (2)  —  brief  1350  (2),  1359  —  brieff  1366. 

(dinstage  1366,  dinstag  1372  (2)  —  dienste  1374.) 
liben    1363   (2),    1373,    lip    1363    —    lieben    1350,    1359, 
1366  (2),    1367,    1370,  1371  (2),   1372  (4),    1374  (2),   1877  (2) 

—  liep  1366. 

wy  1363  -  wie  1350  (3),  1366. 

embiteu  1373  —  embieten  1370,  1377  —  gebieten  1363, 
1366,  1373,  1377  (2)  -  vorbieten  1374. 

Nur  i- Formen  sind  belegt  von:   krig  1359  —  prister  1370 

—  nymands  1370. 

Diese  Statistik  beweist,  dass  die  nhd.  Schreibung  ie  über- 
wiegt, wobei  das  Nebeneinhergehen  der  i -Formen  die  mono- 
phthongische Aussprache  dieses  Diphthonges  darlegt. 

ie  ist  sogar  vorgedrungen  und  steht  für  mhd.  i.  In  A  ist 
diese  Erscheinung  unbekannt. 

versiegelt  1359  —  ingesiegel  1359  —  diesem  1366,  1367  (3), 

1372  (3)    —   diesen  1366   —   diessis    1366   —   dies   1366    — 
diese  1367. 

Zum  Schluss  verdient  Erwähnung,  das  i  =  mhd.  i  durch- 
aus durchgeführt  ist     md.  e  ist  nie  belegt. 


117 

Ans  diesem  Vergleiche'  des  Laatstandes  der  Urknnden- 
grappe  ans  der  böhmiBchen  Kanzlei,  die  ich  Ai  bezeichnen  will, 
mit  demjenigen  von  A  ergiebt  sich  die  Verschiedenheit  des 
einen  vom  andern.  A  ist  darchaas  md.  nnd  ist  noch  weit  yom 
nhd.  Sprachgebrauch  entfernt.  Ai  zeigt  jene  Verbindung  von 
bayr.-öster.  und  md.  Dialekteigenheiten,  aus  denen  die  nhd. 
Schriftsprache  hervorgeht. 

Ein  Einfluss  der  böhmischen  Kanzlei  auf  die  Breslauer  ist 
also  zur  Zeit  Diethmars  von  Meckebach  und  Karls  IV.,  überhaupt 
nicht  erkennbar.  Die  Breslauer  Kanzleisprache  nimmt  erst  lange 
nach  Diethmars  Amtszeit  allmählich  und  im  Zusammenhang  mit 
der  Entwickelung  der  Mundart  jene  Züge  an,  die  für  die  nhd. 
Schriftsprache  charakteristisch  werden. 

B  schliesst  sich  an  A  an,  so  zwar,  dass  stellenweise  schon 
die  Kette  der  md.  Merkmale  durchbrochen  wird.  Die  Diphthon- 
giemng  der  alten  Längen  i,  ü,  iu  beginnt,  wird  in  C  fortgesetzt 
nnd  erlangt  in  D  die  Herrschaft.  B  und  C,  zum  Teil  auch  D, 
können  als  Gruppen  der  Übergangsperiode  angesehen  werden, 
d.  h.  im  15.  Jahrhdt.  und  Beginn  des  16.  Jahrhdts.  geht  die 
Entwickelung  vom  mhd.*zum  nhd.,  der  Kampf  um  die  Herrschaft 
m  sich,  ein  Kampf,  der  im  16.  Jahrhdt.  zu  Gunsten  des  nhd. 
entschieden  wird. 

Er  lässt  sich  besonders  klar  verfolgen  an  der  Entwickelung 
der  Konsonanten-Verbindungen  sl,  sm,  sn,  sw. 

In  B  überwiegen  die  s- Formen  bedeutend,  nur  zwei  seh- 
Formen  sind  belegt.  In  C  ist  sogar  nur  eine  seh -Form  ver- 
treten. In  D  dagegen  wird  das,  was  in  BC  Ausnahme  war, 
Begel.  Von  der  Mitte  des  16.  Jahrhdts.  ab  herrscht  seh  in 
diesen  Verbindungen. 

Dass  die  Diphthongierung  zu  ei,  au,  eu  in  D  durch- 
gedrungen ist,  braucht  nicht  weiterer  Ausführung. 

Doch  nicht  nur  die  Entwickelung  von  md.  zu  obd.  Lautformeu 
fbbrte  den  nhd.  Sprachgebrauch  herauf.  In  manchen  Punkten  basiert 
die  nhd.  Lautstufe  auf  md.  Fundamenten.  Hierher  gehört  md. 
0  für  u,  die  Monophthongierung  von  ie  zu  i,  von  uo  zu  u,  üe 
zu  ü  (e),  und  die  Dehnung  ie  ftlr  kurz  i. 


118 

Einen  Gradmesser  fllr  den  Stand  der  Entwickelang  im 
16.  Jahrhdt.  haben  wir  in  der  Orthographie  des  F.  Frangk. 
Vgl.  S.  4. 

Tm  allgemeinen  deckt  sich  der  Sprachgebrauch  unserer 
Denkmäler  des  16.  Jahrhdts.  mit  den  Regeln,  die  der  Magister 
aufstellt.  Einzelne  Besonderheiten  fallen  nicht  weiter  schwer 
ins  Gewicht,  herrschte  doch  damals  noch,  in  so  vieler  Be- 
ziehung Willkür  im  Schreibgebrauche  vor.  Wie  gross  diese  war 
und  wie  schwer  es  gewesen  sein  mnsste,  bestimmten  Normen 
zu  folgen,  erhellt  daraus,  dass  F.  Frangk  oft;  selbst  seinen 
eigenen  Regeln  zuwider  handelt  bezw.  schreibt. 

Deklination  und  Konjugation  zeigen  entsprechende  Er- 
scheinungen. Im  Anfang  unserer  Periode  herrscht  Schwanken 
zwischen  Altem  und  Neuem  —  im  16.  Jahrhdt  aber  ist  der 
nhd.  Sprachgebranch  vorherrschend. 

Im  Wortschatz  ist  besonders  zu  beachten  die  Entwickelung 
von  als  und  wie,  die  gleichfalls  auf  der  nhd.  Sprachstufe  an- 
gelangt ist.  Im  übrigen  verweise  ich  auf  die  einleitenden 
Bemerkungen  zu  den  Wortschatzgruppen. 

Kurz,  auf  allen  Gebieten  des  Sprachkomplexes  ist  um  die 
Mitte  des  16.  Jahrhdts.  die  Entwickelung  vom  mhd.  zum  nhd., 
sei  es  auf  obd,,  sei  es  auf  md.  Grundlage,  zum  Abschluss  ge- 
kommen. 


^  <;>  »• 


Druck  der  Breslauer  Oenouenschaftfl-Buehdmekerei,  E.  Q.  m.  b.  H. 


Germanistische  Aliliandlongen 


begründet 
von 

Karl  Weinhold 

heraoBgegeben 
von 

Friedrioli  ^Vogt 


XVI.  Heft 


Die  Jakobsbrüder 


von 


unz  JbiLi 

herausgegeben 

von 

Karl  £nliiig 


Breslau 

Verlag  von  M.  &  H.  Marcus 

1899 


Die  Jakobsbrüder 


von 


Kunz  Kistener 


herausgegeben 


von 


Karl  Euling 


Breslau 

Verlag  von  M.  &  H.  Marcus 

1899 


Freifräulein  Clara  von  Dineklage 


zum  geburtstag. 


Vorwort. 


Die  romanhafte  kleine  legende,  die  hier  züiq  ersten  mal  in 
wissenschaftlicher  bearbeitung  erscheint,  mag  am  ende  des  neun- 
zehnten jahrhanderts  den  leser  vielleicht  zunächst  etwas  fremd- 
artig anmuten.  Doch  zweimal  schon,  als  in  schwerer  zeit  das 
deutsche  volk  sich  auf  sich  selbst  besann,  hat  diese  rührende 
geschichte  manches  herz  getröstet  und  erhoben:  zur  zeit  der 
blute  deutscher  mystik  und  der  geislerf ahrten ,  und  wiederum 
als  der  deutsche  geist  seine  in  der  tiefe  schlummernden  kräfte 
za  der  grossartigen  bewegung  der  reformation  zusammenraffte. 

Die  treue  ist  es,  deren  preis  auch  diese  verse  eines,  aller- 
dings beschränktem  lebenskreise  angehörenden  Strassburgers 
kfinden  wollen,  eine  treue,  die  menschensinn  und  menschen- 
geschicke,  natur-  und  weltordnung,  himmel  und  heilige  in  den 
bann  ihrer  geheimnisvollen  idealen  macht  zwingt,  die  den  tod 
überwindet  und  die  toten  erweckt.  So  reiht  sich  unser  gedieht 
zahlreichen  charakteristischen  kundgebungen  deutschen  geistes 
an,  der  in  treue  und  untreue  das  edelste  und  das  gemeinste 
unsers  wesens  sieht. 

Auch  für  die  geschichte  unsrer  alten  litteratur  und  beson- 
ders für  die  anfange  unsrer  modernen  bürgerlichen  dichtung 
ist  Kunz  Kisteners  legende  von  den  Jakobsbrüdern  nicht  ohne 
interesse;   sie  ist  geradezu  ein  problem  geworden. 

Der  erste  herausgeber  Kisteners,  der  treffliche  Karl  Goedeke, 
der  das  gedieht  absichtsvoll  Jakob  und  Wilhelm  Grimm  zu  ihi-em 
geburtstage  gewidmet,  hatte  unglücklicherweise  und  ohne  dass 
man  den  methodischen  fehler  bemerkte,  den  fragwürdigen  Heinrich 


vm 


Ton  Unoawe  znm  dichter  des  ursprfinglicheii  Werkes  gemacht  und 
damit  die  forschnng  bis  heate  in  falsche  bahDen  gelenkt.  Beein- 
flosst  TOD  Goedekes  hjrpothesen  nnd  der  übertriebenen  annähme 
grandsätzlicher  minderwertigkeit  aller  erzengnisse  der  spät- 
mittelhochdeutschen poesie,  hat  man  dann  die  Vorzüge,  welche 
unser  gedieht  auszeichnen,  der  spatzeit  mittelhochdeutscher  poesie 
überhaupt  absprechen  zu  müssen  geglaubt. 

So  schwebte  das  gedieht,  noch  nicht  einmal  aus  dem  rohen 
herausgearbeitet,  bisher  sozusagen  in  der  luft;  es  mit  den  mittein 
der  Überlieferung  herzustellen  und  ihm  den  in  der  litteratur- 
geschichte  gebührenden  platz  anzuweisen,  wird  hier  Tersucht. 

Die  arbeit  war  bereits  vor  fast  5  jähren  fertig,  nachtrage 
also  unvermeidlich.  Die  wertvollsten  verdanke  ich  dem  ver- 
ehrten heransgeber  dieser  Sammlung  und  der  beneidenswerten 
gelehrsamkeit  Johannes  Boltes.  Auf  herrn  prof.  Vogts  rat  habe 
ich  die  negation  ne  (en),  wo  ich  sie  gegen  die  handschriftliche 
Überlieferung  in  den  text  gesetzt  hatte,  überall  bis  auf  vers  741 
gestrichen.  Was  sonst  herr  prof.  Vogt  dieser  arbeit  hat  zu  gute 
kommen  lassen,  findet  sich  au  den  betreffenden  stellen  bemerkt; 
besonders  sei  auf  den  nachtrag  verwiesen.  Die  während  des 
druckes  erschienene  Publikation  Konrad  Häblers,  Das  wallfahrts- 
buch  des  Hermannus  Künig  von  Vach  und  die  pilgerreisen  der 
Deutschen  nach  Santiago  de  Compostela,  Strassburg  1899,  ver- 
mehrt die  historischen  Zeugnisse  namentlich  für  die  spätere  zeit 
(s.  41  ff.),  ohne  etwas  von  unsem  ausführungen  übei*flüssig  zu 
machen. 

Münster  in  Westfalen,  Juli  1899. 


Karl  Enllng. 


Inhalt. 


Seite. 

Einleitung XI 

I.  Stand  der  frage 1 

n.  Heimat  des  gedichtes 13 

Zeit ;    .    .  27 

Knnz  Kistener    .     .    .     .     • .  28 

ni.  Überlieferung  und  herstellung 30 

IV.  Der  Stoff  und  seine  behandlung 36 

Analyse  des  gedichtes 36 

Der  Stoff 41 

Behandlung  des  Stoffes 48 

V.  Charakteristik 62 

Text 61 

Nachtrag  von  F.  Vogt 

Zum  WallsBre 126 

Septimunt 126 

Berichtigungen , 128 

Begister 129 


Einleitung. 


stellen  daraus  ab;  an  eine  derselben,  wo  der  name  des  klosters 
Gnadau  in  der  form  gnode  ouwe  erwähnt  wird,  knüpft  der 
lierausgeber  der  Germania  unter  berufung  auf  HMS  4,  273 
einen  verfehlten  hinweis  auf  Hartmann  von  Aue,  seinen  Armen 
Heinrich  und  dessen  ungefähren  Zusammenhang  mit  einigen  dich- 
tungen  verwandten  Inhalts. 

Die  meisten  Verdienste  um  unser  gedieht  hat  sich  dann  Karl 
Goedeke  erworben.  Er  Hess  zunächst  die  handschrift  A  buch- 
stabengetreu, wenn  auch  nicht  ohne  versehen  (z.  b.  v.  225  seines 
abdrucks  fragte  für  fregete,  1046  von  für  den  u.  s.  w.  sieh 
die  lesarten)  als  manuscript  in  100  exemplaren  abdrucken  (Kunz 
Kistener,  Hannover  1855)  und  widmete  es  Jakob  und  Wilhelm 
Grimm  zum  4.  Januar  und  24.  Februar  1855.  In  seiner  1856 
erschienenen  monographie  über  Pamphilus  Gengenbach  wieder- 
holte er  dann  einen  teil  des  Kistenerschen  textes  und  suchte 
s.  629  bis  640  Gengenbach  durch  reichlich  ausgehobene  stellen 
Kisteners  und  mehrere  wertvolle  nachweise  zu  erläutern. 

Dabei  sind  ihm  leider  manche  zum  teil  folgenschwere  Irr- 
tümer untergelaufen.  Da  die  Überlieferung  des  Kistenerschen 
gedieh tes  in  hs.  A  recht  schlecht  ist,  eine  andere  handschrift 
unbekannt  war  und  Goedeke  auch  nicht  einmal  den  versuch 
einer  herstellung  oder  philologischen  bearbeitung  machte,  da  er 
ferner  mehrfach  die  bearbeitung  Gengenbachs  und  Kisteners 
gedieht  verwechselte,  so  gelang  es  ihm  nicht,  von  dem  stücke 
eine  richtige  Vorstellung  zu  geben. 

Die  s.  630  bis  636  gedruckte  analyse  ist  reich  an  missver- 
ständnissen,  die  ich  nicht,  wie  die  seines  Vorgängers  Hermes 
und  seiner  nachfolger  übeigehen  darf,  weil  sie  die  aufFassung 
und  beurteilung  des  ganzen  werkchens  bis  heute  nicht  wenig 
beeinflusst  haben.  Missverständnisse  begegnen  ihm  auch  in  den 
analysen  des  Grundrisses,  z.  b.  verlegt  er  I  *  225  in  der  analyse 
der  ausgezeichneten  novelle  Dietrichs  von  Glezze  den  Vorgang 
in  die  nacht  (vgl.  GA  XX,  709  ff.),  indem  er  wahrscheinlich  den 
fehler  v.  d.  Hagens  GA  1,  453  kopiert. 

So  versteht  Goedeke  lehenbere  (124)  wie  Gengenbach  für 
lebendig;  lässt  die  Wöchnerin  wie  eine  rose  im  bett  ruhen, 
während  Kistener  von  erröten  spricht  (206);  lässt  den  Schwaben 
bei  der  heinikehr  auf  der  bürg  seines  freundes  hinter  der  thür 


stehen  und  die  arm  gewordene  rittersfrau  s.  637  den  söhn  im 
hemde  empfangen  (es  ist  nur  das  hauskleid  gemeint;  Heyne  im 
DWB  IV  2,  980.  sitzen  und  spinnen  in  einem  hembdt: 
Über  spräche  und  verskunst  Heinrich  Kaufringers  s.  12). 

Er  verwechselt  Kistener  mit  Gengenbach  und  hält  die  beiden 
fassungen  nicht  auseinander.  S.  631  sagt  er:  „freudig  beschenkt 
ihn  der  herr  mit  10  gülden,  die  er  anlegt  und  ein  biderbe 
man  wird",  Kistener  „ein  selig  man"  (158).  S.  632  lässt  G. 
aus,  dass  der  grafensohn  sich  verirrt  (Kist.  372  ff.);  seine  trauer 
und  seine  thränen  entbehren  damit  der  richtigen  begrün  düng. 
Auch  bei  erzählung  der  ankunft  in  Compostella  berichtet  Goedeke 
nach  Gengenbach,  nicht  nach  Kistener. 

Einen  noch  lange  fortwirkenden  fehler  beging  Goedeke  in- 
dem er  s.  634  und  637  die  sache  so  verstand  und  darstellte,  als 
habe  der  graf  sich  nach  angäbe  des  einsiedlers  längst  vermählt 
und  seine  frau  habe  ihm  eben  damals  einen  knaben  geschenkt. 
Davon  steht  in  den  quellen  nichts;  Kistener  lässt  den  waldbruder 
sagen,  dass  er  sich  mit  einer  Jungfrau  verlobt  habe;  gemahelt 
nahm  Goedeke  eben  nur  für  vermählt,  was  es  garnicht  vor- 
wiegend heisst  (Hildebrand  im  DWB  IV,  1  s.  3154  f.  Schmeller, 
Bayerisches  wb.  1^,  1579.  Heyne  im  DWB  VI  s.  1455);  und 
daraus  ergab  sich  dann  auch  das  missverständniss  in  betreff  der 
zu  frühen  geburt  des  kindes  *)  und  in  betreff  des  festes  auf  der 
bürg,  das  Goedeke  s.  635  allerdings  nach  den  vorher  begangenen 
irrtümern  unklar  erscheinen  musste,  von  dem  aber  Kistener 
798  deutlich  sagt,  dass  es  das  hochzeitsfest  der  braut  gewesen 
sei.  Das  kind  wird  ja  dann  auch  geboren,  ehe  das  erste  jähr 
nach  der  Vermählung  endet  (870). 

So  sind  Unklarheiten  und  missverständnisse  ohne  grund  in 
das  gedieht  hineingetragen  und  dem  dichter  aufgebürdet. 

Auch  die  lokalisierung  der  sage,  wie  sie  Goedeke  gab,  war 
irrig.    Er  lässt  das  gesuchte  kloster  Gnadau  bei  Pfaffenhofen 
in  Bayern  liegen  und  den  Theatinernonnen  in  München  gei^ 
Daraus  erschliesst  er  als  grundlage  des  gedichtes  eine  bi 


')  An  der  stunt  (v.  770)  heisst  alsbald,  nicht  ^ebenjeti 
hier  nur  von  einem  Zeitpunkte  überhaupt  verstanden  werden. 
nächst  ferre  und  gignere,  nicht  in  lacem  edere.  8eki 
wb.  1*,  259. 


lokalsage :  Pampliüus  Gengenljach  s.  630.  So  hat  denn  J.  N.  Sepp 
die  erzähiung  in  seinen  Ältbayerischen  sagenschatz  zur  be- 
reichernng  der  indogermanischen  mythologie  (neue  ausgäbe  1896 
s.  657)  eingereiht  und  mit  mehr  partikalar-patriotismus  als  kritik 
für  Bayem  in  anspruch  genommen  (vergleiche  zu  Kistener  407). 
Nun  aber  heisst  rtas  bei  Pfaffenbofen  in  der  Obevpfalz  gelegene 
kloster  Gnadenberg,  nicht  Gnadau  —  ein  solches  gibt  es  in 
ganz  Bayern,  and  gab  es  nach  Österleys  histoiisch-geographischeni 
Wörterbuch  auch  im  ganzen  milteialter  nirgends  —  und  (Jnaden- 
bergist  erst  1426  gegründet:  Germania  17,56 ').  Damit  wird  auch 
dieser  ganze  versuch,  die  sage  in  Bayern  zu  lokalisieren,  hinfällig. 

Die  grösste  Verwirrung  hat  Goedeke  durch  seine  Waller- 
hypotheae  veranlasst.  Den  schiefen,  etwas  übertriebenen  gegen- 
satz,  den  manche,  vou  Goedeke  fein  empfundene  Vorzüge  des 
gedichtes  mit  der  anscheinenden  roheit  und  formlosigke,it  der 
überliefe  i'uug  bilden,  glaubte  der  forscher  am  besten  durch  die 
annähme  aufzuheben,  dass  Kunz  Kistener  sich  ein  gedieht  der 
blütezeit  mittelhochdeutscher  poesie  und  zwar  den  Wallaere  des 
Heinrich  von  Linonwe  mit  einigen  änsserlichen  Veränderungen 
angeeignet  habe.  Geugenbach  s.  637  f. ;  s.  XXIV  spricht  Goedeke 
nur  von  einer  entlehnten  episode  des  Wallaere. 

Äbnlicli,  wie  Goedeke  in  diesem  falle,  verfuhr  Engelhardt, 
der  berausgeber  des  Peter  von  Staufenberg.  als  er  Hartmann 
von  Aue  für  dessen  Verfasser  nahm  und  den  Widerspruch  dieser 
annähme  mit  der  überlieferten  gestalt  des  gedichtes,  durch  die 
fiktion  einer  späteren  Umarbeitung  heben  zu  können  glaubte; 
ein  Irrtum,  der  selbst  in  Wackernagel  -  Martins  Litteraturge- 
schichte  1,  28:-t  erwähnung  fand  und  dessen  metliudischen  fehler 
Paul  im  Grundriss  1,  169  erläutert. 

Die  hypothese  Goedekes  sucht  folgenden  erwägungen  ge- 
recht zu  werden.  „Das  ältere  gedieht",  sagt  er,  „war  so  fein 
und  durchdacht  motiviert,  da.ss  es  der  Verbesserung  in  wesent- 
lichen dingen  nicht  fähig  war.  Ich  will  dem  älteren  dichter 
keine  lobrede  halten,  sein  werk  gewinnt  bei  genauerer  be- 
trachtung  mehr  und  meiir  und  kann  in  der  feinen  seelenmalerei 


>)  Wülcker  gibt  hier  iiRch  unziiTerlilssiger  quelle  1486  an;  die  bericbtignng 
r  der  ßararin  II  ■  (1863)  ,i1D  zu  cntucbmeu. 


J 


mit  den  besseren  gedichten  der  guten  zeit  wetteifern.  Ja  eben 
die  feine  behandlnng  des  Stoffes,  die  mit  dem  sichersten  geschick 
die  zartesten  raotive  zu  handhaben  weiss  und  weder  dem  XV. 
noch  dem  XIV.  jh.  zugetraut  werden  kann ,  dringt  eine  Ver- 
mutung auf,  mit  welcher  ich  den  manen  Kisteners  ungern  zu 
nahe  trete" :  s.  637  f.  Nun  folgt  die  schon  oben  vorgetragene 
hypothese;  vgl.  Gengenbach  s.  XXIV.  In  einer  anmerkung  wird 
zur  stütze  dieser  annähme  noch  darauf  hingewiesen,  dass  sich 
bei  Kistener  bezüge  auf  frühere  im  gedieht  selbst  nicht  weiter 
dargestellte  begebenheiten  fänden:  Gengenbach  rede  vers  622 
von  einem  aufenthalt  des  Schwaben  in  Frankreich;  dieser  komme 
aus  Lamparten;  20  jähre  sei  er  der  heimat  fern  gewesen;  die 
guten  rate,  die  der  vater  dem  auf  die  wallfahrt  ziehenden  söhne 
mitgibt,  hätten  in  der  erzählung,  die  sonst  genau  zu  sein  pflege, 
nicht  ihr  entsprechendes  correlat,  so  dass  hier  wol  ein  sprung 
gemacht  sei;  der  Wolfenbütteler  hs.  fehle  auch  nach  v.  195  ein 
reim  (s.  637,  a.  12).  In  der  neuen  bearbeitung  seines  Grund- 
risses I  s.  233  fasst  Goedeke  diese  erwägungen  so  zusammen: 
„Die  un verwischte  feinheit  der  darstellung  und  hindeutung  auf 
nicht  ausgeführte  umstände  lassen  auf  benutzung  einer  älteren 
quelle  schliessen". 

Verfolgen  wir  den  zweiten  punkt  zuerst,  so  wird  den  kom- 
binationen  Goedekes  durch  die  herstellung  des  gedichtes  der 
boden  entzogen.  Der  nach  v.  195  der  hs.  A  fehlende  reim  ist 
dadurch  ausgefallen,  dass  zwei  zeilen  in  eine  zusammengezogen 
wurden,  wie  andrerseits  v.  303/4  der  plattesten  Verständlichkeit 
zuliebe  zwei  zu  dreien  ausgeweitet  und  verballhornt  sind.  Nach 
C  Hess  sich  in  v.  195  der  wahrscheinlich  ursprüngliche  Wortlaut 
herstellen.  Eine  lücke  in  der  darstellung  aber,  die  auf  andere 
nicht  ausgeführte  umstände  deutete,  liegt  hier  dem  zusammen- 
hange nach  in  keinem  falle  vor. 

Der  in  Gengenbachs  Überarbeitung  v.  622  gegebene  hinweis 
auf  einen  aufenthalt  des  Schwaben  in  Frankreich  und  an  meh- 
reren andren  orten  erledigt  sich  durch  feststellung  folgenden 
Sachverhalts. 

Im  gedichte  heisst  es  nach  A: 
730.   Do  woltents  ime  klagen. 

der  suon  sprach  ,lant  mich  sagen: 


6 

ir  süUent  wol  gehaben  fich. 

ich  wil  fleh  wider  machen  rieh*. 
Gengenbach  hat  dafür  folgende  verse: 

616.  Do  wolt  eins  dem  andern  klagen 

Der  sun  sprach  jch  will  euch  sagen 

Ir  sond  euch  wol  gehaben 

Ich  mag  eüwer  armüt  nit  me  vertragen 
620.  Ich  will  euch  machen  wider  reich 

Darumb  hab  jch  gearbeit  meich 

In  franckreich  und  wo  jch  was 

Vnd  das  jch  alle  zeit  ewer  not  entsass. 
Die  3  Schlussverse  des  Baseler  druckes  halte  ich  für  unecht.  Bei 
den  erweiterungen  Gengenbachs,  an  denen  vielleicht  schon  seine 
(vermutlich  handschriftliche)  quelle  teil  hatte,  bietet  sich  zur 
entscheidung  der  echtheit  oder  unechtheit  vor  allem  als  kenn- 
zeichen  der  umstand  dar,  dass  die  unechten  erweiterungen  in 
der  regel  keinen  einzigen  neuen  gedanken  und  keinen  neuen 
reim  bringen,  sondern  nur  matt  die  im  älteren  gedieht  vorhan- 
denen variieren.  Vgl.  Gengenbach  101  ff.  mit  Kistener  163  f., 
Gengenbach  235  f.  mit  Kistener  299  und  295  f.  u.  s.  w.,  Zfd. 
A.  38,  106  f.  So  spinnt  Gengenbach  mit  dem  bei  Kistener  völlig 
unmöglichen  reime  gehaben  :  vertragen  618/9  den  vorange- 
gangenen echten  reim  klagen  :  sagen  weiter  aus  und  schliesst 
sich  in  dem  reime  was  :  entsass  622/3  an  den  unmittelbar 
folgenden  reim  was  :  daz  734/5  des  Originals.  Dazu  kommen 
andere  zeichen  der  unechtheit.  Gengenbach  oder  seine  quelle 
konnte  hier,  wie  522,  den  alten  reim  üch  :  rieh  nicht  mehr  ge- 
brauchen, deshalb  griff  er  zur  paraphrase  mit  dem  neuen  un- 
echten reim  reich  :  meich.  Gengenbachs  v.  623  ist  stark  über- 
laden, das  steht  für  , deswegen  weir,  wie  sonst  nicht  bei  Kistener. 
Der  Stil  des  verses  619  fällt  aus  dem  rahmen  des  alten  gedichtes. 
Das  hier  eingeschwärzte  vorgeben  des  Schwaben,  er  hätte  in 
Frankreich  und  in  andern  fremden  ländern  aus  besorgnis  um 
die  not  seiner  eitern  seinen  reichtum  erworben,  steht  in  direktem 
widersprach  mit  der  unzweifelhaft  echten  früheren  erzählung, 
nach  der  es  der  graf  ist,  der  ihn  reich  macht  652,  688;  ferner 
im  Widerspruch  mit  dem  umstände,  dass  der  rittersohn  von  der 
eingetretenen  Verarmung  seiner  eitern  vorher  gar  nichts  weiss, 


sondern  erst  durch  einen  boten  davon  benachrichtigt  wird  (669). 
Infolge  seines  Zusatzes  sah  sich  Gengenbach  auch  veranlasst, 
die  20jährige  abwesenheit  des  Schwaben  in  eine  30jährige  zu 
verwandeln,  wodurch  ein  altersunterschied  von  etwa  14  jähren 
(für  den  Bayern)  und  45  bis  50  jähren  (für  den  Schwaben)  sich 
ergeben  würde:  ein  unding. 

Dass  nun  der  aufenthalt  des  Schwaben  in  Italien,  wovon 
zweimal,  397  und  663,  die  rede  ist,  an  und  für  sich  unwahr- 
scheinlich wäre  oder  einer  aufklärung  an  einer  anderen  stelle 
des  gedichtes  bedurft  hätte,  diese  annähme  ist  doch  recht  will- 
kürlich. Der  verkehr  Süddeutschlands  mit  Italien,  besonders 
mit  der  Lombardei,  war  im  laufe  des  XIV.  Jahrhunderts  unge- 
mein lebhaft.  Riezler,  Geschichte  Bayerns  3,  771  If.  Manfred 
Mayer,  Bayerns  handel  s.  19.  Italiener  zogen  häufig  nach  Deutsch- 
land, ja  Hessen  sich  dort  germanisieren.  Andrä  der  Zutich  von 
Venedig  wird  1365  als  bürger  zu  Regensburg  genannt.  Riezler  3, 
772.  Giovanni  Boccaccio  kam  im  Dezember  des  jahres  1351  selbst 
als  florentinischer  diplomat  nach  Bayern  (Riezler  3,  32).  Über 
beziehungen  Tirols  zu  Italien  spricht  Oswald  von  Zingerle  ADB 
40,  7.  Vgl.  Wackernell,  Montfort  s.  XI  anmerkung.  Schon  die 
Alpen  heissen  in  den  glossen  der  Metzer  hs  203:  „Daz  lam- 
partsche  gebirge"  (Strassburger  Studien  III,  21,  141).  Der 
reichtum  der  italienischen  Staaten  war  auch  im  Elsass  sprich- 
wörtlich. (Colins  Parz.  518,  19.  Schmidt,  Wörterbuch  der  Strass- 
bui^ger  mundart  s.  54  u.  d.  w.  Idaliäner.  StüB  V  1086  u.  d. 
w.  Italien). 

Dasselbe  ist  gegen  die  forderung  geltend  zu  machen,  der 
rat  des  vaters  345  tf.  hätte  in  der  späteren  erzählung  kein  rechtes 
correlat.  Zunächst  bezieht  sich  der  rat  nur  auf  die  wähl  eines 
treuen  freundes.  Besondere  freundschaftsproben,  wie  in  andern 
zweigen  der  Überlieferung  dieses  sagenstoifes  vorkommen  (Paulus 
Cassel,  Symbolik  des  blutes  s.  77  ff.,  Reinhold  Köhler,  Aufsätze 
Über  märchen  und  Volkslieder  s.  24  ft'.,  ferner  im  Dit  des  trois 
pommes  p.  p.  Trebutien.  Paris  1837  und  in  der  prosalegende 
Pfeiffers,  Altdeutsches  Übungsbuch  s.  191),  werden  hier  nicht 
verlangt.  Kistener  folgte  eben  einer  andern  quelle,  als  den  von 
Goedeke  hierbei  ins  äuge  gefassten. 

Demnach  können  wir  nicht  anerkennen,   dass  in  Kisteners 


gedichte  hindeutungpii  auf  andere,  jetzt  verloren  gegangene 
stellen  eines  älteren  ausführlicheren  Originals,  sei  es  nun  der 
Wallaere  oder  ein  anderes  epos,  vorhanden  sind.  Eine  genauere 
analjse,  wie  sie  später  hier  versucht  wird,  beweist,  dass  Kistenei« 
gedieht  nicht  nur  ein  bruchsttick  des  Stoffes  darbietet  (Goedeke, 
Gengenbach  s.  637,  12),  sondern  in  sich  abgerundet  ist. 

Nimmt  man  ein  älteres  gedieht  eines  ritterlichen  dichters 
aus  der  klassischen  zeit  als  original  unserer  legende  an,  so  ver- 
kennt man  doch  auch  Charakter  und  geist  des  werkchens  völlig. 
Inhalt,  Schilderung  und  empfindung  sind  nichts  weniger  als  böfiach- 
ritterlich:  der  söhn  des  schwäbischen  ritters  verdient  sich  in 
einer  subalternen  Stellung  so  viel,  dass  er  seine  ganz  verarmten 
eitern  unterstützen  kann,  und  wie  bürgerlich  ehrbar  ist  der  graf 
geschildert,  seine  erziehung,  seiue  ausröstung  zur  reise!  wie  un- 
höfisch die  feste,  wie  kleinbürgerlich  das  idyll  der  heimkehr  in 
Heigerloch!  Ein  ritterlicher  dichter  hätte  sich  doch  auch  die 
ritterlichen  thaten  der  Jacobuslegende  (Garns,  Die  kirchenge- 
scliichte  von  Spanien  11  2,  370  ff.)  und  den  ritterorden  von 
San  Jago  di  Compostella  (St.  Jacob  de  Spada,  Jakob  vom  Schwerte) 
nicht  entgehen  lassen,  der  1 16!  entstand  und  dessen  grossmeisterei 
1493  mit  der  kröne  Spaniens  vereinigt  wurde.  In  dem  ganzen 
RUfbau  und  in  der  ausfllhruug  des  gedichtes  prägt  sich  ein  mo- 
derner bürgerlicher  sinn  aus,  der  den  ritterlichen  feudalismua  der 
älteren  zeit  nicht  mehr  versteht  und  nicht  mehr  verstanden  weiss. 

Was  Goedeke  ausserdem  noch  bestimmte,  hier  an  ein  älteres 
muater  zu  denken,  waren  gewisse  Vorzüge  des  gedichtes,  die 
ihm  mit  dem  häufiger  beklagten,  als  untersuchten  verfall  der 
dichtung  im  XIV.  und  XV.  jh.  nicht  vereinbar  schienen.  Dieser 
fllr  die  litteraturgeschiclite  nicht  unerhebliche  gesichtspunkt  ver- 
dient in  der  that  volle  beaclitung,  und  er  ist  es  auch,  der  mich 
im  zusammenhange  mit  Studien  über  die  poesie  des  XIV.  Jahr- 
hunderts zu  einer  prüfung  unseres  gedichtes  veranlasst  hat. 
Nach  meiner  ansieht  beruht  Goedekes  schluss  auf  zwei  unrich- 
tigen oder  nur  halb  richtigen  Voraussetzungen :  der  Voraussetzung 
von  einer  fast  idealen  vortrefflichkeit  des  angenommenen  Wallaere 
und  der  Voraussetzung  von  der  prinzipiellen  minderwertigkeit 
der  spätmittelhochdentschen  poesie.  Keine  von  beiden  darf  als 
zutreffend  gelten.    Goedeke  übeisielit  bei  starker  hervor 


hebung  J 


der  licbtseilen  des  gedichts  manche  tnängel,  nicht  blos  foruialer 
art,  deren  erkenntnis  sieb  aiicb  editorenvorliebe,  wie  sieb  unten 
zeigt,  nicbt  verschliesst.  Dann  aber  ist  auch  inbetreff  der  poesie 
mindestens  des  XIV.  jbs.  entschieden  zu  betonen,  dass  sie  viel- 
fach besser  ist  als  ihr  ruf.  Vor  allem  sind  es  die  kleineren 
epopöen.  die  gattmig  der  novelle  nnd  legende,  welche  iiocb  von 
den,  durch  die  ejdgoncn  der  grossen  metster  vermittelten,  er- 
rungenschftften  der  klassischen  poesie  des  XIII.  jbs.  zehren. 
Ich  war  im  stände,  dies  für  Kaufringers  verskunst  nachzuweisen; 
es  gilt  ebenso  für  die  epische  tecbaik  und  die  epische  kunst  im 
allgemeinen.  Die  kleiukunst  der  epopiie  verfügt  noch  um  die 
mitte  des  XIV.  jbs.  Über  ganz  ansehnliche  leistungen,  wie  Der 
schtiler  von  Paris  oder  Fressants  novelle  Von  den  ledigen  wiben 
beweisen;  andrerseits  zeugen  prosa  und  lyrik  der  deutschen 
mystiker,  sowie  Volkslied  nnd  einige  legenden  davon,  dass  tiefe 
und  feinheit  der  empKndung  keineswegs  ausgestorben  oder 
monopol  des  XIII.  jhs.  waren.  Auch  in  der  auffassnng  des 
XIV.  jhs.  wird  es  sich  darum  handeln,  die  älteren  unkritischen 
Werturteile  durch  ein  wirkliches  Verständnis  der  geschichtlichen 
entwiüklung  zu  ersetzen.  Wenn  sicli  überdies  nun  noch  heraus- 
stellt, dass  Kistener  von  Konrad  von  Würzburg,  Ulrich  Boner 
und  elsässischen  dichtem  des  XIV.  jbs.  abhängig  ist,  so  kann  doch 
von  einer  dichtung  ans  dem  anfang  fies  XIII.  jhs.  wohl  keine  rede 
mehr  sein.  Das  nähere  wird  sich  im  laufe  der  Untersuchung  ergeben. 
Jene.s  gesuchte  gedieht  sollte  nach  (Joedekes  ausicbt  kein 
anderes,  als  der  Wallaere  des  Heinrich  von  Linouwe  sein,  den 
Rudolf  von  Ems  dreimal  erwähnt,  zweimal  im  Wilhelm,  einmal 
im  Alexander.  Die  kontroverse,  ob  der  Waller  eine  Ecke-  oder 
Erekdicbtung  gewesen  sei,  bleibt  unentschieden,  bis  ein  kritischer 
text  des  Wilhelm  von  Orlens  gewisäheit  über  die  lesart  schafft. 
Soviel  aber  ist  jetzt  schon  gesichert,  das  Rudolf  den  Waller 
mit  Ecke  oder  Krek  in  Verbindung  tiringt,  was  dann  eine  pilgfr- 
legende  als  inbalt  des  verlorenen  gedichtes  vollkommen  aus- 
schliesst.    Jakob  Baechtold,  Geschichte  der  deutschen  litteratur 

in  der  Schweiz.     Frauenfeld  1892.     Af       ' "  s.  31.    Vogt 

in  Pauls  Grundriss  2,    1,   S2'i.     H  *>4t  die 

gute  mich    auf  seine  untersuchall 
ZfdPbil.  25,  6  ff.  und  auf  Zeidlw 


fl 


Ems  Wilhelm  s.  141  zu  verweisen.  Vgl.  AfdA  21,  242,  [S. 
den  Naclitrag  Vogt.] 

Zehn  jalire  nach  dem  eracUeinen  des  Pamphilus  Geugenbach 
von  tioedeke  behandelte  Reinhold  Kühler  in  der  Germania  10, 
447  ff.  die  romaniHchen  Versionen  unserer  legende.  Bei  sonst 
gegebenen  Übersichten  über  die  formen  der  frenndschaftssagen 
ist  unsere  überlieferuug  regelmässig  ausgelasseu  oder,  wie  bei 
Cassel,  übel  weggekommen.  Es  sind  lauter  romanische  Versionen, 
die  Köhler  vergleicht  und  denen  gegenüber  die  deutsche  er- 
zähluug  eine  ausgesprochene  Selbständigkeit  behauptet.  Köhler 
lägst  sie  ohne  genauere  Untersuchung  aus  der  Äraicus-  und 
Ameliusdichtung  entstanden  sein  (s.  455).  Übrigens  entspricht 
dev  französischen  version  im  Dil  des  trois  pommes  am  meisten 
die  im  folgenden  jalire  1866  von  Pfeiffer  im  altdeutschen  ttbungs- 
buche  s.  191  abgedruckte  prosalegende. 

In  dei-selbeu  Zeitschrift  [Germania  17,  55  ff.)  veröffentlichte 
dann  im  jähre  1872  Richard  Wülcker  die  Frankfurter  fragment« 
(B).  Sie  befinden  sich  anf  dem  Stadtarchive  zu  Frankfurt  am 
Main,  jetzt  unter  der  Signatur  Chroniken  iir.  ^2,  im  eisernen 
schrank  der  gohlenen  bulle,  und  enthalten  93  zeilen  des  Kiste- 
nerschen  getlichtes.  Die  liaudsclirift,  welcher  die  beiden  zu- 
sammenhängenden papierblättu'  in  iguart  angehörten,  hatte  die- 
selbe grosse  wie  A  und  wird  am  ende  des  XIV.  oder  am  anfang 
des  XV.  jhs.  entstanden  sein.  Die  bearbeitung  ist  fränkisch. 
Eine  nähere  bestimmnng  ihres  dialektes  gestatten  die  spärlichen 
bruchstücke  kaum,  da  das  stets  zu  z  verschobene  auslautende  t 
und  die  meisten  übrigen  sprachlichen  erscheinnngen  zwar  auf 
einen  (dem  oberdeutschen  nahestehenden)  rheinfränkischen  dialekt, 
aber  die  nasalierte  endung  der  3.  sg.  in  warten  (v.  59  der  frag- 
mente),  wenn  es  nicht  verschrieben  ist,  auf  niederfränkischen 
oinfluss  (Köln)  zn  deuten  scheint  (Weiwliold,  Mhd.  gr.  s.  434). 
Die  verdumpfung  des  a  zu  o,  wie  in  noch  (v.  71  fragm.),  ist 
durch  zahlreiche  Frankfurter  belege  bezeugt.  Weinhold,  Mhd. 
gr.  8,  33.  Dass  man  sich  gerade  in  Frankfurt  a,  M.  für  die 
Jacubuslegende  interessierte,  erklärt  schon  die  auch  für  deu 
pilgerverkehr  nach  dem  sttden  wichtige  centrale  läge  der  Stadt 
und  das  Vorhandensein  einer  pilgerherberge ,  des  Compostells 
(Kriegk,  Deutsches  bürgertiiia  im  mittelaller  nach  urkundlichen 


Einleitung. 


12 

sein.  Nach  seiner  aiisiclit  weist  der  stil  des  gedictites  auf  die 
scheide  des  XIII.  und  XIV.  jhg.  Diese  annähme  ist  ja  willkürlich, 
lä^st  aber  vielleicht  erkenne»,  dass  Bartsch  die  Abhängigkeit 
Kisteners  von  der  epigonendichtung;  gefühlt  hat.  Jedenfalls 
kommt   seine  datiernng  der  Wahrheit  näher  als  die  Gocdekes. 

Paulus  Cassel,  der  in  seiner  schrift  über  die  Symbolik  des 
blutes  (Berlin  1882}  s.  184,  einen  teil  von  Kisteners  dichtung 
bespricht,  Kühlers  ergebnisse  aber  nicht  kennt,  stellt  nicht 
einmal  den  hergang  richtig  dar.  Zu  den  alten  miss Verständnissen 
Goedekes  kommen  neue,  die  aufiiuzählen  sich  nicht  der  mühe  lohnt. 

Die  ersten  versuche  einer  textkritischeu  herstellung  machte 
Rudolf  Hildebraud  in  den  Zitaten  des  Deutschen  Wörterbuches 
bd,  V,  indem  er  eiuen  ins  'gute'  mittelhochdeutsch  übertragenen 
normalisierten  text  konstruierte.  Doch  schon  die  dialektischen 
reimeigen  hei  ton  stellen  eine  solche  rekonstruktion  völlig  in 
frage  und  weisen  auf  eine  spätere  epoche  hin,  wo  der  dialekt 
wieder  in  seine  rechte  trat.  Alsdann  ist  wiederholt  in  seminar- 
übungen  versucht,  das  vermutete  alte  gedieht  zu  rekonstruieren. 

Der  letzte,  der  sich  mit  Kisteners  dichtung  beschäftigt  hat, 
ist  Wolfgang  Golther  in  seiner  geschichte  der  deutschen  litte- 
ratur  bis  zum  ausgange  des  mittelalters  s.  354  (DNL  168,  1). 
Er  setzt  die  erzählung  in  den  anfang  des  XV.  jhs ,  weist  aber 
zugleich  wieder  die  annähme  nicht  ab,  dass  ein  verlorenes  werk 
des  XIII.  jhs.  zugrunde  liege.  Über  die  heimat  des  dichtcrs  drückt 
er  sich  unbestimmt  aus,  er  nennt  ihn  nur  eiuen  Oberdeutschen  '). 

So  haben  bis  heute  hypothesen  fortgewirkt,  die  eine  wirklich 
historische  aufTassung  und  Würdigung  des  kleinen  Werkes  hin- 
derten. Man  ist  dabei  von  einem  der  wichtigsten  grundsätze 
aller  forschuug  abgewichen,  erst  dann  hypothesen  eintreten  zu 
la.ssen,  wenn  die  resultate,  die  sich  aus  dem  wirkHeh  vorliegenden 
inaterjal  gewinnen  lassen,  erschöpft  sind.  Im  folgenden  soll  nun 
der  versuch  gemacht  werden,  die  hypothesen  durch  thatsacheu 
zu  ersetzen. 

')  Wenn  ich  vou  der  nusgabe  in  den  Erzählenden  dichtimgen  des  spä- 
teren mitieUlters  {DNL  11;  LitMraturblatt  für  germ.  iinrt  rom.  Phil.  1887, 
.508)  schweige,  ist  dem  heraiiageber  nnd  der  sache  damit  ain  besten  gedient. 
Aach  von  kürsereu  erwähnungen  nnderswo  iat  abKeBehen. 


13 


II 

Heimat  und  Entstehnngszeit  des  Gedichtes. 

Heimat. 

Weder  auf  Bayern,  wie  Goedeke  annahm,  noch  auf  Schwaben, 
wie  Wülcker  meinte,  sondern  auf  das  Elsass,  und  zwar  auf 
Strassburg  als  heimat  des  gedichtes  weist  die  Überlieferung. 

Zunächst  kommt  hierbei  als  entscheidend  der  dialekt  in 
betracht,  der  durchaus  den  sprachstand  der  Strassburger  denk- 
mäler  um  die  mitte  des  XIV.  jhs.  wiedergibt,  wie  er  im  allge- 
meinen am  bequemsten  in  den  Strassburger  Chroniken  (Städte- 
clu'oniken  bd.  8  und  9)  zu  tibersehen  ist.  Die  von  Hegel  hinzu- 
gefügten urkundlichen  beilagen  und  das  von  Carl  Schröder 
ausgearbeitete  glossar  leisten  hierftir  gute  dienste,  obgleich  in 
Schröders  glossar  der  unverkennbare  wichtige  unterschied  ver- 
wischt ist,  welcher  im  Sprachstande  der  einzelnen  gattungen 
von  dcnkmälern  obwaltet.  Und  zwar  ist  nicht  nur,  wie  schon 
Schulte  und  Haendcke  fttr  die  Urkunden  hervorgehoben  haben, 
hinsichtlich  der  Zulassung  von  mundartlichen  Vulgarismen  zwischen 
politischen  und  privaten  beurkundungen  ein  unterschied  wahr- 
zunehmen, sondern  die  spräche  des  Strassburger  rathauses 
verhält  sicli  der  mundart  gegentiber  bei  ihren  offiziellen  auf- 
zeichnungen  auch  weit  zurückhaltender,  als  in  den  ratsprotokollen 
und  dem  teils  hieraus  entnommenen  sogenannten  „Heimlichbuch*', 
wovon  Hegel  9,  1019  proben  mitteilt.  So  unerschöpflich  reich 
der  inzwischen  erschienene  5.  band  des  Urkundenbuches  der 
Stadt  Strassburg  in  sachlicher  beziehung  ist,  dem  sprachbilde 
jener  zeit  fügt  er  wesentlich  neue  züge  nicht  hinzu.  Gelegentlich 
ist  auf  das  aus  dem  nachlasse  Schmidts  herausgegebene  Wörter- 
buch der  Strassburger  mundart  bezug  genommen.  Die  förderung, 
die  bald  jeder  durch  das  Wörterbuch  der  Elsässischen  mundarten 
von  Martin  und  Lienhart  erfahren  wird,  musste  ich  noch  ent- 
behren. Um  jenen  sprachstand  unseres  gedichtes  zu  charak- 
terisieren, bedarf  es  nur  der  hervorhebung  der  bezeichnendsten 
erscheinungen,  indem  regelmässig  auf  Weinholds  darstellung  des 
Elsässischen   in  der  Alemannischen   grammatik  und  Schröders 


14 


glossar  im  9.  bände  der  Städtechroniken,  aber  auch  auf  Erwin 
Haendckes  schrift  über  die  mundartliclien  demente  in  den 
elsässischen  Urkunden  des  Strassburgcr  Urkundenbuclies  (Alsa- 
tische  Studien  heft  5;  vgl.  Francks  anzeige  im  AfdA  XXII  12), 
sowie  auf  die  beiden  wichtigsten  poetischen  denkmäler  aus  der 
ersten  hälfte  des  jhs.,  Egenolfs  Peter  von  Staufenberg  und  den 
Rappoltsteiner  Parzifal  hingewiesen  wird.  Dabei  sind  schon 
in  der  regel  diejenigen  zahllosen  grobmundartlichen  formen  der 
hs.  A  ausgeschieden,  die  dem  Dichter  abzusprechen  waren,  und 
reimbelege  an  erster  stelle  ausgewählt. 

Das  alte  in  van  festgehaltene  a  (Weinhold  s.  92)  erscheint 
1092  getan  :  van  und  1101  dervan  :  an.  (Vgl.  Egenolfs  Peter 
von  Staufenberg  31  davan  :  man); 

e=a  (Weinhold  s.  93)  in  der  :  s wer  433,  468,  526,  532,  616. 
Schröder  s.  1088a.  Rappoltsteiner  Parz.  79,  15  der  :  s per. 
311,  14  der  :  wer  u.  ö.; 

i  =  li  in  minne  :  gewinne=gewünne  503.  Weinhold  s.  94. 
Schröder  s.  1107  b,  1125  b; 

ü  =  i  in  würt524.  Weinhold  s.  97.  zwtirne  178.  Schröder 
s.  1134b; 

e  =  ö  in  vert:dört  585.  Weinhold  s.  96.  Schröder  s.  1117a. 
möchte  :  vurbrehte  890.    Haendcke  §§  4,  5; 

u  =  o  in  wuchen  370.  Parz.  43,  37  u.  ö,  kumends  600, 
Gumpostelle  127,  479.  Parz.  822,  3  gunpleten.  Weinhold 
§  118.     Schröder  s.  1125  b.     Haendcke  §  8. 

Das  zu  6  (o)  verdumpfte  elsässische  ä  (a)  dessen  hauptblüte 
im  XIV.  jh.  liegt  (Haendcke  s.  6  und  47),  ist  häufig:  noch  :  zoch 
51.  not  :  rot  57.  wören  :  geboren  87.  not :  missetot  236. 
st6t:not  257.  tröste  :  begoste  365.  vrogte  :  ingenote  718, 
672.     verlor  :jör  736.     gröve  :  hove  884.     Weinhold   §  124. 

ä  =  ü  erscheint  in  län  :  hon.     Weinhold  s.  97 f; 

U  =  iin  üch:rich732.  mengelich  :  üch522.  Weinholds.99; 

die  Verengung  des  ei  in  e  in  beder  89.  Weinhold  s.  98. 
Schröder  s.  1083  a.    Haendcke  §  15. 

e  für  ae  ist  durchgedrungen ;  Pfeiffer  im  Vorwort  zu  Boners 
Edelstein  s.  XL  Weinhold  §  122.  Schröder  s.  1090  b.  Haendcke 
§  3;  desgleichen  ü  für  in,  und  die  pronominalendung  iu  beseitigt. 
Edward  Schröder,  einleitung  zu  Peter  von  Staufenberg  s.  LI  f. 


16 

Deutlicheres  gepräge  zeigt  der  konsonantismiis,  der  in  der 
hs.  A,  besonders  etwa  von  der  mitte  des  gedicktes  ab,  sich  als 
grobmundartlich  geltend  macht,  während  der  rekonstruierte  text 
in  manchen  punkten  natürlich  darauf  verzichten  musste  dies 
alles  wiederzugeben.  Hinzuweisen  ist  auf  das  häufig  anlautende 
jüngere  d  (Weinhold,  s.  142.  Haendcke  §  43,  der  aber  mit  un- 
recht von  völliger  Willkür  im  gebrauch  von  d  und  t  redet),  die 
Umstellung  des  r  in  burne  (1052,  1120)  einre,  ginre  (Wein- 
hold  s.  165)  die  Vereinfachung  der  gemination  rr  in  here 
(heren  :  eren  535)  und  vere  (Weinhold  s.  167.  Schröder 
vermutet  schon  für  das  XIV.  jh.  ein  v6re;  für  später  ist  es 
gesichert;  s.  DWB  III,  1527),  die  teilweise  Verdrängung  des 
mhd.  auslautgesetzes  in  tag,  lag,  sag  u.  s.  f.  (Schröder,  glossar 
s.  1099  a.  Weinhold  s.  181.  Strassburger  Studien  III  257.  Edward 
Schröder  zu  Peter  von  Staufenberg  s,  LH.  Haendcke  §  48), 
den  tausch  von  g  und  w  in  tuwent  321  und  ruogen  350,  be- 
schiegeut  1144  (Weinhold  s.  184.  Schröder  s.  1099a.  Schmidt, 
Wörterbuch  der  Strassburger  mundart  s.  87  b),  den  ausfall  des 
g  in  vrogteringnote  671,  717,  (Parz.  17,  1.  511,  40.  39,  36; 
genote  :  frote  Stauf.  617.  Merswin,  Neun  felsen  s.  89  frote); 
vuogte  :  guote  383  (Weinhold  s.  180.  DWB  IV  1,  1110. 
Schmidt,  Wörterbuch  s.  2  a). 

Eben  dahin  deuten  auch  der  unbestimmte  vokal  der  endung 
in  wannan  402  (Parz.  106,  18.  107,  7  u.  ö.  Haendcke  §31, 
Weinhold  s.  92.);  das  praeteritum  satte  407  (Weinhold  s.  139, 
136.  Mhd.  grammatik  s.  186.  Schröder  glossar  s.  1122  b),  das 
nur  elsässische  reduplizierte  praeteritum  beschiegent  1144 
(DWB  VIII,  2310),  die  elsässische  form  giner  (ginre)  389, 
506,  1185  (Weinhold  s.  292.  Schröder  s.  1099  a.  DWB  IV,  2, 
2304),  üt,  nUt,  sü  (Weinhold  s.  299.  Schröder  s.  1129;  in 
Schröders  Peter  von  Staufenberg  lies  auch  199  und  1119  sü; 
nur  für  570  hat  Schröder  ZfdA  38,  110  gebessert;  freilich 
herrscht  in  den  handschriften  [Strassburger  Studien  III  300,  304] 
und  Urkunden  hierin  keine  volle  konsequenz,  aber  für  einen 
Wechsel  hätte  der  herausgeber  wieder  gar  keine  norm),  die 
gesamten  sonstigen  allgemeinen  flexionserscheinungen,  ausdrucks- 
weise und  sprachgut,  aus  dem  beispielsweise  hervorgehoben 
werden  mögen  minne(:  dinne  700)  für  mutter  (DWB  VI  2241. 


Zanicke  im  Miid  WB  11  1,  182a.  Konrad  von  Dangkrotzlieini, 
Namenbuch  139,  324),  malotz  736  (Mhd  WB  II  1,  28b. 
Scliiöder,  glossar  s.  1113  a.  Strassburger  studieu  III  54. 
Schmidt,  Wörterbuch  s.  721).  Heyne  im  DWB  VI  1514),  e 
549,  725  (Weinhold  s.  313)  und  das  mit  seiner  Sippe  auf  Strass- 
burg  und  dessen  nähere  Umgebung  beschränkte  grit28.  (Martin, 
Strassburger  Studien  I  381  tf.  Flohr  in  den  Studien  III  130. 
Schmidt,  Würterbuch  s.  44  b,     Schröder,  glossar  s.  1104  b), 

För  Strassbuig:  als  heiinat  des  gedichtes  zeugt  zweitens 
die  auch  äusserlich  beglaubigte  herknnft  der  haudschrift  A  und 
der  vorläge  von  C.  Die  hs  Ä,  eine  sammelhaudscfarift,  Aug.  16, 
17,  4",  stammt  aus  Strassburg,  Hinter  blatt  98  findet  sich  eine 
lilcke,  während  die  blaitzählung  von  98  auf  102  überspringt; 
bl.  98  ist  mit  einem  folgenden  zusammengeklebt,  auf  dem  notizen 
und  federprobeu  stehen.  Man  list,  wenn  man  die  verklebten 
blattev  gegen  das  licht  hält,  noch  unter  anderem  von  etwas 
jüngerer  band  folgendes: 

0yss  buoch  Ist  junckfrow  Salniggin  (?)  *  (?) 
Wetziarin  von  Strossburg. 

Bestätigt  wird  diese  herkunft  durch  den  gleichmässig  strass- 
burgischen  dialekt  und  den  Inhalt  der  hs.  Bl.  1  bis  44a  enthält 
nämlich  das  ende  und  das  register  der  chronik  Jakob  Twingers 
von  Königehofen,  und  bl.  83  ein  reimgebet  an  den  h.  Christof, 
der  auch  in  Strassburg  Verehrung  genoss.  Vgl,  Pickel  zu  Eonrad 
von  Dangkiotzheim  v.  222. 

Auch  tiengenbachs  vorläge  hat  die  meisten  der  oben  ange- 
führten eigen  tum  lichkeiten  treu  bewahrt  und  deutet  damit  nach 
Strassburg.  Goedeke  Gengenbach  s.  637,  13  setzte  sie  nach 
äengeubach.  Abtei  und  Stadt  Gengenbach  gehörten  seit  1340 
zum  Strassburger  bistum.  (Guedeke,  Gengenbach  s.  X.  t'losener 
38,  25.  93,  14.)  Bischof  Lambert,  der  von  1371  bis  1374  re- 
gierte, war  abt  von  Gengenbach.  Städtechroniken  9,  1059. 
Auch  die  Ortenau  rauss  als  elsässisch  gelten.  (Weinhold,  AI.  gr, 
§§  3,  5.     Schröder,  Bitterniferen  s.  LI.) 

Selbst  die  prosalegende,  die  Pfeiffer  in  seinem  altdeutschen 
Übungsbuche  abdrucken  liess,  stammt  aus  Strassburg.  Das  be- 
zeugt ihre  mundart.     Germania  3,  408  ff. 

Sudann    weist   der    uanie    des    dichters    nach    Strassburg. 


J 


17 


Kistener  ist  dort  die  alte  bezeichnung  des  tisclilers  oder  Schrei- 
ners, anderswo  kästner,  käst  enm  acher,  kistler,  kister,  kisteumacher 
u.  s.  w.  genannt,  dessen  band  werk  1332  in  Strassburg  zünftig 
ward.  Closener  erzählt  124,  18:  Man  mäht  ouch  vil  lutes 
zu  nüwen  antwerken,  die  vormols  kunstofeln  worent, 
alse  schüfelute,  kornkeufer,  seiler,  wagener,  kisti- 
nere.  Die  letzeren  beiden  bildeten  eine  zunft.  Hegel  z.  d.  st. 
anra.  3.  Hildebrand  im  D  W  B  V,  859  f.  Lexer,  Mhd.  Hand- 
wörterbuch s.  V.  u.  nachtr.  Strassburger  Urkundenbuch  V,  register 
s.  1112  und  besonders  nr.  618  s.  502  f.,  wo  unter  dem  17.  Jan. 
1365  der  amtierende  und  sieben  alte  ammeister  einen  streit 
zwischen  wagnern  und  kistnern  einer-  und  hauszimmerleuten 
andrerseits  schlichten.  Im  St  ÜB  III  225,  13  erscheint  ein 
Wernher  der  kistener,  hausbesitzer  in  der  Kordewangasse, 
2.  März  1313.  StUB  III  287,  38  heisst  derselbe  mann  Wern- 
herus  dictus  Kistener;  21.  Januar  1321. 

Es  fehlt  auch  nicht  an  beziehungen  Strassburgs  zum  h.  Ja- 
cobus.  Nach  Karl  Hoebers  mitteilung  gab  es  dort  ausser  der 
s.  Jakobskapelle  in  der  ehemaligen  Sporergasse  (der  heutigen 
Spiessgasse,  Städtechroniken  9,  889,  8.  Weissandts  Stadtplan 
nach  Specklins  modell  137)  noch  eine  zweite  s.  Jakobskapelle 
an  dem  alten  weinmarkt  (Stadtplan  74/75),  an  deren  stelle  später 
eine  herberge  trat.  Bischof  Heinrich  I.  von  Hasenburg  (1180 
bis  1190)  hat  diese  am  13.  Dezember  1189  dem  h.  Jacobus  ge- 
weiht; ihr  erbauer  war  Rudolf  schultheiss  von  Strassburg. 
Königshofen  erwähnt  diese  herberge  zweimal  in  seiner  chronik 
718,  11  und  739,  24.  Die  letzte  stelle  giebt  von  einer  andern 
pilgerherberge  kenntnis,  die  dann  auch  nach  dem  weinmarkt 
verlegt  wurde.  Königshofen  erzählt  739,  18:  „Do  men  zalte 
1360  jor,  do  ving  her  Ottelin  ein  priestere  zum  munster 
ane  zu  heischende  gelt  zu  stüre  zu  einre  eilenden  her- 
bergen,  do  men  arme  bilgerin  inne  gehielte,  also 
samelte  er  zu  hant  also  vil  geltz,  das  er  eine  eilende 
herberge  stifte  uf  sant  Elsabetgasse  (Stadtplan  27),  und 
wan  es  nu  armen  bilgerin  nüt  wol  do  gelegen  was, 
derumb  zoch  er  die  eilende  herberge  an  den  Win- 
merket  do  sü  ignote  ist".  Vgl.  jedesmal  Hegel  z,  d.  st. 
Volkskundige  forschung  würde  an  ort  und  stelle  wohl  ebenso, 

Euling,  Kistener.  '^ 


18 

wie  iD  Bayern  /'Sepp,  Altbayerischer  sageoschatz  s.  65?  ff.>.  noch 
Zeugnisse  fnr  die  bedeatnng  finden,  welche  die  jakobsfahrten 
aach  f&r  das  Elsass  gehabt  haben  müssen.  Die  wallfahrten 
nach  Compr/stella  worden,  seitdem  das  h.  land  wieder  verloren 
war,  immer  hiLofiger.  bis  1478  der  papst  Sixtos  IT.  das  gelübde 
einer  wallfahrt  nach  Compostella  sogar  dem  gelübde  einer  wall- 
fahrt nach  Rom  oder  Jerosalem  gleichstellte  und  die  dispens 
dem  päpstlichen  stuhle  vorbehielt.  Wetzer  and  Weite.  Kirchen- 
lexikon a.  d.  w.  Jakobns.  Über  die  Pilgerfahrten  zum  h.  Jakob 
wird  bei  erörterong  des  Stoffes  noch  mehr  die  rede  sein.  Im 
Elsass  ist  das  interesse  an  den  jakobsfahrten  noch  im  XVI.  jh. 
sehr  rege  (Paoli,  Schimpf  und  ernst  213;.  and  als  die  refor- 
mation  sich  in  bewnssten  gegensatz  za  der  praxis  der  wallfahrten 
stellte,  da  war  es  wieder  ein  Elsässer,  Jörg  Wickram,  der  in 
seinem  Jrr  reitend  bilger',  Strassbarg  1556,  das  neue  lebens- 
ideal dem  alten  in  aosführlichem  lehrgedicht  entgegenhielt.  Un- 
gewiss  bleibt  es,  ob  Wickram  auch  sein  versprechen  aasgetnhit 
hat,  ein  erzählendes  gedieht  ,yon  getreaen  knechten'  zu  ver- 
fassen, die  anf  einer  jakobsfahrt  gestorben  ^). 

Für  Strassbarg  zeugt  endlich  die  mehrfach  wörtliche  ab- 
hängigkeit  Kisteners  von  Strassbnrger  litteratur,  besonders  ans 
der  ersten  hälfte  des  XIV.  Jahrhunderts,  von  Egenolfs  Peter 
von  Staafenberg  nnd  dem  Rappoltsteiner  Parzifal.  Dass  diese 
werke,  ebenso  wie  unsere  legende,  die  epigonendichtung  des  vor- 
angegangenen jhs.  zur  notwendigen  Voraussetzung  haben,  ver- 
steht sich  von  selbst,  nnd  ist  ja  auch  schon  für  den  Peter  von 
Staufenberg  zum  teil  von  Jänicke  und  dann  ausführlich  von 
Jäckel  in  seiner  dissertation  Egenolf  von  Staufenberg  ein  nach- 
ahmer  Konrads  von  Würzburg,  Marburg  1898,  nachgewiesen. 
Davon  mag  also  hier  zunächst  abgesehen  werden.  Auch  in  un- 
serm  falle,  wo  die  abhängigkeit  von  Egenolfs  Peter  von  Staufen- 
berg wahrscheinlich  gemacht  werden  soll,  ist  natürlich  die  ver- 
raittelung  durch  gemeinschaftliche  Vorbilder  und  Zwischenglieder 
von  vornherein  nicht  ausgeschlossen.  Wer  aber  solche  etwa  für 
Egenolf  und  Kistener  gemeinsame  Vorbilder  annimmt,   hat  sie 


*)  Auch  von  einem  zweiten  Jakobsbiich  Gengenbachs,  das  Goedeke  s.  XIV 
ans  einem  liolzschnitte  erscbliessen  wollte,  haben  sich  keine  spuren  gefunden. 


19 


nachzuweisen,  wenn  er  seiner  annähme  einige  Wahrscheinlichkeit 
verleihen  will.  Dass  Kistener  Eonrad  von  Würzburg,  den  in 
Strassburg  beliebtesten  epigonendichter,  kannte,  wird  sich  später 
zeigen;  die  gemeinsame  abhängigkeit  Egenolfs  und  Kisteners 
von  Konrad  reicht  aber  bei  weitem  nicht  aus,  um  alle  jene  Über- 
einstimmungen zu  erklären.  Dazu  kommt  ferner,  dass  der 
dichter  des  XIY .  Jahrhunderts  sich  geradezu  einer  ,unendlichkeit' 
fest  ausgeprägter  formen  gegenüber  befindet,  wodurch  die  er- 
kenntnis  der  individuellen  leistnng  bedeutend  erschwert  wird. 
Die  technischen  errun genschaften  der  dichtung  sind  eben  schon 
bis  zu  einem  gewissen  grade  gemeingut  der  poeten  geworden. 
Gewöhnliche  volkstümliche  ausdrücke  der  elsässischen  mundart, 
in  denen  natürlich  grosse  Übereinstimmung,  besonders  zwischen 
den  Rappoltsteiner  dichtem  und  Kistener  herrscht,  kommen  hier 
nicht  in  frage,  ausser  wenn  sie  eine  spezielle  färbung  erhalten 
haben.  So  möge  nun  eine  reihe  von  entsprechungen  folgen,  die 
keineswegs  alle  einzeln  beweiskräftig  sind,  in  ihrer  gesamtheit 
und  im  verein  mit  den  in  den  anmerkungen  angezogenen  remi- 
niscenzen  und  übereinstimmenden  Stileigenheiten  (besonders  bei 
so  wenig  umfangreichen  werken  wie  Peter  von  Staufenberg  und 
Kisteners  Jakobsbrüdem)  den  zufall  ausschliessen  und  beweisen, 
dass  Kistener  von  der  poetischen  litteratur  des  Elsass  aus  dem 
XIV.  jh.  abhängig  ist.  In  den  anmerkungen  sind  die  stellen 
meist  ausgeschrieben. 

Peter  von  Staufenberg  13  oo  Kistener  97 ;  415  (>o  248;  310 
00288;  326;  339  =  buchstäblich  414;  439 f. oo 447 f.;  4B7cv> 741; 
888cv)513;  860 f. cv) 808 f.;  199(>ol008;  1110(>ol231a.  Vergleiche 
ferner  die  anklänge  273 f. cv) 483 f.;  317f.ooi53f.;  678d  — 868cv> 
108;  695cv)964;  717dcv)290;  751  f.cv>498f.;  1041  oo 375; 
1106  cv^  1154;  1127  cv^  454;  1133  f.  cv)  1021  f.;  1135  cv^  780; 
1144 cv^ 329. 

Parzifal  283,  8  oo  Kistener  205;  243,  10oo228  (vgl.  657,  35. 
632,  20.  48,  17.  In  dieser  Verbindung  ist  ungevuog  sonst  un- 
belegt); 651,  42cv)259  (im  Diocletian  vers  22  und  7614  kehrt 
dann  die  Verbindung  wieder);  663,  20oo357  (vgl.  Boner  48,  100. 
59,  53);  775,  21oo454;  107,  46oo479  (vgl.  17, 19  im  hintergrunde 
steht  Eugelliard  1762,  5695,  6355.    Rudolf  von  Ems  bei  Krüger, 


20 

Stilistische  antersnchmigen  über  Rudolf  von  Ems  als  nachahmer 
Gottfrieds  von  Strassburg  s.  15.  Vgl.  später  Diocletian  4121, 
7411).  676,  6<>o610;  785,  26cv:995;  507,  26  ck^  1054  (vgl. 
Engelhard  3410);  667,  14  oo  1067.  Vielfache  moDdartliche  an- 
klänge an  den  Rappoltsteiner  Parzifal  geben  die  anmerkangen. 
Man  sieht,  wie  Kistener  nicht  zu  seinem  schaden  sich  in  stil 
und  technik  enger  an  Egenolfs  Peter  von  Stanfenberg  als  an 
die  Rappoltsteiner  reimschmiede  Wisse  and  Colin  anschliesst. 

Dass  ein  älterer  Strassbnrger  dichter  von  einigem  künst- 
lerischen geschmack  Gottfrieds  Tristan  kennt,  ist  eigentlich 
selbstverständlich.  Kistener  hat  ihn  mehrfach  benatzt  und  sich  an 
ihm  gebildet.  Bnchstäblich  sind  dem  Tristan  vers  30  (=  Tristan 
9839;  vgl.  12912)  and  vers  358  (=  Tristan  14494;  vgl.  9836, 
12766,  13216)  entnommen.  Denselben  vers  entlehnte  aach 
Rndolf  von  Ems  im  gaten  Gerhard  v.  906,  3821  (vgl.  6780) 
seinem  vorbilde.  Kisteners  vers  61  entstammt  der  Tristanfort- 
Setzung  Ulrichs  von  Türheim,  vers  22,  =  Heinrichs  von  Freiberg 
Tristan  vers  84,  die  sich  wieder  an  Gottfried  11483  anlehnen. 
Vgl.  Wisse,  Parz.  Schorbach  s.  XLIX:  ,So  ich  beste  kundeS 
aber  auch  Erec  1603. 

Im  übrigen  entsprechen  sich  aus  Gottfrieds  Tristan  und 
Kisteners  gedieht  mehr  oder  weniger: 

Kistener  96  cv)  Tristan  9362 ;  153  f .  cv)  1 8  227  f . ;  1 74  cv)  351 9 ; 
230 f. cv)  1975 f.;  310cv)3183;  312cv^3132;  512cv>9467;  677 cv) 
5125;  689 f. CV) 4181  f.;  951cv>l744;  964cv>2028;  1017cv^l283; 
1087  CV)  9350,  11695;   1 103  cv>  9409. 

Zahlreiche  anklänge  geben  die  anmerkungen.  In  der  reim- 
häuf ung  und  in  der  Verwendung  der  anapher  schwebte  dem 
epigonen  wohl  neben  Konrad  von  Würzburg  (Jäckel,  Egenolf 
von  Staufenberg  s.  30)  der  ältere  meister  vor.  Kisteners  leb- 
hafte art  der  erzählung  mit  ,wol  dan,  wol  her,  balde'  u.  s.  f. 
war  bei  Gottfried  vorgebildet.  Vgl.  Tristan  2910,  16015  ,wol 
baldeS  2987  ,nu  wol  her  balde*,  3077  ,wol  hinS  5449  ,üz!'  7654 
,wol  hinS  9319  ,wol  üf. 

Auch  mit  entschiedenen  nachahmern  Gottfrieds,  wie  Rudolf 
von  Ems  (Krüger,  Stilistische  untersuclmngen  über  Rudolf  von 
Ems  als  nachahmer   Gottfrieds  von  Strassburg.     Lübeck  1896) 


21 

trifft  Kunz  Kistener  zusammen.  Bekanntschaft  mit  Rudolf  machen 
folgende  entsprechungen  wahrscheinlich: 

Rudolf  von  Ems.  Guter  Gerhard  Iff.,  6844  ff. cv>  Kistener 
19f.;  6876 (N^  1217 f.;  171cv)l08;  906,  3821,  4911cv>358  (ge- 
meinsame quelle  ist  in  letzter  linie  die  feine  höfische  ausdrucks- 
weise, wie  sie  im  Tristan  erscheint;  s.  oben);  2855f.cv>593; 
4896cv:>659;  6438  =  863  (Tristan  1117);  644Bf.,  4465f.,  1973f. 
cv:>715f.;    4466  =  715,  6463 ff. cv^ 661  f.;  6607 f. <n5  1203 f. 

In  Strassburg  war  es  auch  mehr  als  (ausser  in  Basel) 
irgendwo  anders,  einem  dichter  möglich,  sich  solche  kenntnisse 
der  werke  Konrads  von  Wtirzburg  anzueignen,  wie  sie  Kistener 
besass.  Allerdings  übertrifft  ihn  darin  noch  Egenolf,  der  Ver- 
fasser des  Peter  von  Staufenberg  (Schröder  s.  L,  Jäckel  s.  4); 
aber  auch  Kistener  verdankt  Konrad  viel.  Sein  Engelhard  war 
nicht  nur  formell,  sondern  auch  inhaltlich  Kisteners  Vorbild. 
Buchstäblich  entlehnt  ist  dem  Engelhard  (2345)  Kistenei*s  vers 
1041,  anklänge  sind  zahlreich.  Prolog  und  epilog  Kisteners 
haben  mit  denen  Konrads  manche  berührungspunkte.  Wie  Konrad 
von  Wtirzburg  dichten  will  ,von  höher  triuwe*  ,daz  ich  von 
hoher  triuwe  sage*,  so  erklärt  Kistener:  ,von  groszer  trttwe 
ich  sagen  wiP  (v.  2)  und  ,von  getrüwen  lüten  wil  ich  sagen' 
(v.  58).  Treue  und  Wahrheit  verbindet  Kistener  wie  Konrad, 
dieser  in  der  form :  ,triuwe  und  innecliche  wärheit*  (v.  6472  und 
115,  wozu  Haupt  zu  vergleichen),  jener  in  den  werten  »trtiwe 
warheit'  (v.  35);  vgl.  Boner  73,  6.  ,milte*  und  ,trüwe*  stellt 
Egenolf  5,  23  wie  Kistener  1177,  ,milte,  triuwe,  diemtiete*  Gott- 
fried Tr.  5048  ganz  wie  Kistener  zusammen.  Die  wamuug  vor 
der  untreue  führt  Kistener  mit  deutlichem  anklang  an  die  worte 
Konrads  ,daz  niemen  triuwe  braBche  an  in*  (v.  114)  ein,  wenn 
er  V.  37  fortfährt  ,Swer  aber  trftwe  briht  an  in'.  Beide  machen 
den  gegensatz  von  treuen  und  untreuen,  Engelh.  188 ff.  (vgl. 
Trojanerkr.  49655  ff.  der  fortsetzung),  Kistener  59,  1189  f.  Der 
übliche  ausdruck  der  bescheidenheit  (Engelh.  140  ff.,  Kistener 
13  ff.,  1217  f.,  Wackerneil  zu  Montfort  2,  144,  wo  Rudolf  von 
Ems  vergessen  ist)  und  der  typische  schluss  (Engelh.  6491  ,wan 
ez  nu  gar  ein  ende  hat*,  Kistener  1219  ,schier  hat  die  rede  ein 
ende*  =»  Herzemare  533,  Stauf.  1165  h.,  Jäckel  s.  94,  72)  sind  ein- 


22 


ander  verwandt.  Vgl.  noch  Konrads  Engelhard  39cv)Kistener  55. 
Über  die  technik  des  dichters  sprechen  beide  ganz  ähnlich: 
E.  213  ooK.  1208.  Vgl.  Haupt  z.  d.  st.  und  Barlaam  5,  16.  Viele 
zflge  und  Situationen  sind  Konrad  nachgebildet:  Kistener  309 ff. c^ 
Engelhard  326 ff.;  394 ff. ~ 614 ff,;  401  ff. ~ 616 ff;  blOfl.co 
1422 ff.;  675 ff. <N5 1432 ff;  733ff.cv:>5144ff ;  761  ff <n5 5443 ff.; 
799 ff. <N5 4230 ff;  877ff.(N^5840ff ;  934 ff <n5 6250 ff ;  975ff.cvD 
6300  ff.;    1145  ff.  <N5  6386  ff. 

Einige  stellen  Kisteners  weisen  auf  bekanntschaft  mit 
Konrads  Silvester  hin :  so  Jakobsbrüder  111  f.  (>o  Silv.  585  f. ;  916 
ist  mit  ausnähme  des  pronomens  buchstäblich  dem  v.  2389  des 
Silvester  gleich,  1110  cv^  Silv.  2367;   1228  cv>  1333. 

Mehr  ist  der  Partonopier  benutzt.  Fast  buchstäblich  ist: 
Part.  4456  =  Kist.  123;  12495  =  144;  6015  =  876;  11122  =  370. 

Dem  Part.  17675  ist  nachgebildet  Kist,  1179  f.  Anklänge 
sind  nicht  selten:  Part,  191  cv:> Kist.  16;  4378cv>77;  6634 oo 
326;  737800328;  9137 oo 361;  13187 f. cv) 666;  12161  oo889; 
9682 (>o 940;    1561  cv)  1041;    9866  (10031) cv)  1150. 

Von  einer  bekanntschaft  mit  andern  werken  Konrads  sind 
nur  undeutlichere  spuren  vorhanden,  insofern  man  nach  ent- 
lehnungen  und  nachbildungen  im  einzelnen,  als  den  stärksten  be- 
weismitteln  sucht.  Aber  das  sind  eigentlich  auch  nur  grobe  züge 
von  ähnlichkeit,  die  sich  allerdings  am  einfachsten  herausheben 
lassen,  um  Verwandtschaft  festzustellen.  Fast  noch  wichtiger 
ist  die  abhängigkeit  in  der  feineren  untermalung,  der  beim 
dichter  die  allgemeine  Stilisierung  entspricht;  denn  diese  ist 
weniger  vom  zufall  abhängig,  als  die  möglichkeit  einer  Über- 
einstimmung bei  einem  dutzend  zusammengelesener  verse. 

Darauf  lässt  sich  hier  auch  die  probe  machen.  In  Kisteners 
gedichte  finden  sich  unter  anderen  buchstäblich  zwei  Erecverse : 
Kistener  414  -=  Erec  3908.  K.  964  =  E.  3414:  und  doch  sind  wir 
deswegen  nicht  berechtigt,  auf  eine  unmittelbare  bekanntschaft 
mit  Hartmann  zu  schliessen;  denn  Kisteners  stil  ist  nicht  der 
Hartmanns,  sondern  der  Konrads,  und  die  entsprecliung  in  jenen 
beiden  fast  formelhaften  Wendungen  ist  als  mehr  oder  weniger 
zufällig  zu  betrachten.  Dabei  ist  nicht  ausgeschlossen,  dass 
auch  Kistener  z.  b.  die  fast  typisch  gewordenen  eingänge  Hart- 
nianus  gekannt  hat;   vgl.  zu  17. 


23 

Um  Kisteners  stil  als  im  allgemeinen  Konradisch  nachzu- 
weisen, bedarf  es  einer  heute  noch  ausstehenden  zusammen- 
hängenden darstellung  der  stilistischen  kunst  Eonrads  nicht. 
Seine  kunst  auf  ihre  formel  zurückzuführen,  mag  berufeneren 
überlassen  bleiben.  Für  unsere  zwecke  genügt  es,  die  Überein- 
stimmung mit  den  bis  jetzt  beobachteten  Stilgesetzen  Eonrads 
und  manche  andern  einzelheiten  hervorzuheben. 

Mit  Eonrad  teilt  Eistener  die  fülle  an  synonymen  (Joseph 
QF54,  28f.;  Wolflf,  Halbe  bir  s.  XXXI f.;  Elitscher,  Die  fort- 
Setzung  zu  Eonrads  von  Würzburg  Trojanerkrieg  und  ihr  Ver- 
hältnis zum  original  s.  42;  Jäckel  s.  7f.).  haz  unde  nit  27. 
heil  und  selde  40.  tiüwe  und  ernest  47.  ze  eren  und  zc  lobe 
63.  lihen  unde  geben  109.  liep  und  zart  259,  445.  lasz  ich 
wissen  dich  —  ich  wil  dir  sagen  292  f.  liep  unde  wert  318, 
813.  liep  unde  mer  606.  trost  unde  muot  419.  über  brück 
und  über  steg  556.  unbetwungelichen  ane  not  632.  wolte 
unde  hiesz  654.  ein  gedultigen  vesten  muot  783.  reine  und 
gesunt  904.  hie  bliben  und  bi  uns  sin  1062.  luogent  und  be- 
sehent  1140. 

Eistener  schwelgt  wie  Eonrad  in  den  ausdrücken  des  affektes 
(Q.F.  54,  28,  29.  Wolff  s.  XXXII):  sin  leit,  sin  jamer  932.  so 
jamerlich  936.  wie  we  daz  minem  herzen  tuot  937.  so  gininde- 
lose  klage  940.  er  brach,  er  want  sich  jamerlich  951.  mit 
groszer  widerwertikeit  und  mit  jamerhaftem  muot  968.  jamer 
unde  not  972.  von  schreck  er  viel  in  unmaht  975.  so  leide 
mer  992.  daz  sin  herze  mitten  brach  995.  von  jamer  allez 
daz  geschach  996.  so  wil  ich  iemer  haben  pin  998.  der  junge 
grave  hette  leit  1010.  beswert  von  gründe  was  sin  muot  1013. 
sine  swer  1024.  Er  führt,  wenn  auch  seltener  als  Eonrad 
(QF54,  29;  Wolff  s.  XXXIII  f. ;  Jäckel  s.  9;  vergleiche  unten) 
die  Personen  unter  wechselnden  bezeichnungen  ein.  Der  grafen- 
sohn  heisst  342  der  suon,  372  der  jungeling,  378  der  zarte 
Jüngling  miuneclicb,  403  des  herren  suon  uz  Peigern,  508  bruoder, 
1010  der  junge  grave,  1034  der  grave.  Auch  Eonrads  neigung 
für  gepaarte  ausdrücke  (QF  54,  29  f.  Wolff  s.  XXXV.  Elitscher 
s.  38  ff.  Jäckel  s.  10  ff.)  findet  bei  Eistener  nachabmung:  ritt 
ald  gat  50.  unküscheit  und  iren  grit  28.  werlich  unde  vri  78. 
reit  oder  gieng  268.   lip  unde  leben  304.    vuor  unde  ging  372. 


24 


getrüwe  unde  guot  381.  giengent  unde  ritten  411,  557.  zuht 
und  ere  542.  rittent  und  liefent  587.  juncher  unde  pilgerin 
689.  truog  und  vtierte  631.  ere  und  tugent  658.  kerte  und 
gieng  788.    schimpf  unde  spot  1155. 

Der  parallelismus  der  gedanken,  der  für  Konrad  so  be- 
zeichnend ist  (QF  54,  30.  Wolff  s.  XXXV ff.  Jäckel  s.  15), 
lässt  sich  nicht  minder  bei  Kistener  beobachten:  Swer  guoten 
werken  volget  noch  und  sich  zuo  den  besten  zoch,  der  mag  hie 
selig  alten  und  dort  sin  sele  behalten.  Swer  die  boesen  vliehet 
und  sich  zuo  den  besten  ziehet,  daz  vromet  vor  manger  not 
51  ff.    Ähnlich  335  ff,,  347  ff.,  411  ff 

Breite  der  darstellung  ist  auch  in  vielen  dingen  Kisteners 
eigenschaft  (QF  54,  31  ff.  Wolff  s.  XXXVIIff  Jäckel  s.  16  ff.) 
Er  scheut  keine  Wiederholungen :  2.5;  71.1176;  9.1195.1205 
17.63;  10.16;  14.1217;  44.49;  186.192;  202f.,  209f..233f. 
244 f.;  262. 270. 292 f.;  300.302;  332.335;  385 f.;  441.446 
449;  465.469;  459.475;  506. 508 f.;  552.555;  588.590;  735 f. 
746  f.;  848.859;  896.1127;  772  f.  .889  f. .  932  .  940  .  996  .  1010 
1013.1081;  982.1091:  gebraucht  behäbige  phrasen :  10,60,69,72, 
159ff.,  213 ff.,  248 ff,  258,  264f.,  933,  1165,  1189,  1195,  1203ff., 
1214 ff.:  wendet  sicli  mit  einer  apostrophe  an  die  zuliörer  und 
leser  (Wolff  zur  Birne  84):  2,  5,  15,  71,  1023,  1176,  1183, 
1190,  1192,  1197 f.,  12031,  1229:  sucht  durch  versichernde 
bemerkungen  glauben  zu  erwecken  ^)  und  macht  ungescheut 
seine  Persönlichkeit  geltend:  43,  253 ff.,  941  f.,  1164 ff.  (Klitscher 
s.  62f.). 

Die  Konradische  breite  im  einzelnen  ausdruck  zeigt  sich 
beim  epitlieton,  es  ist  bisweilen  recht  allgemeiner  art  und  formel- 
haft. Jedes  der  von  Kistener  gebrauchten  beiwörter  gehört  auch 
Konrad:  grosz  3,  980,  203,  376,  793.  triiwe  35,  116,  381. 
erlich  73,  223.  lobesam  82.  wolgetan  84.  stete  111.  schcbne 
132,  182,  473,  569,  771.  edel  143.  zart  143,  378.  liep  151. 
heilig  184,  1032.  minneclich  378,  869.  guot  38L  686,  914, 
1163.     wolgemuot  685.     tugeutlich   768.     kalt  911.     grundelos 


*)  Man  hat  in  jenen  versicherunjjen  wohl  den  zunehmenden  einlluss  der 
Volksdichtung  wahrzunehmen,  nicht  das  hestreben,  ^dcn  eindruck  des  gewissen- 
haften historikers  zu  machen"  (Jäckel  s.  22). 


26 

940,  Egenolfs  ähnliches  Verhältnis  zu  Konrad  hat  Jäckel  s,  38  fi\ 
nachgewiesen. 

Metaphern  und  vergleiche  (QF  54,  42  f.  Wolff  s.  XLIflf. 
Klitscher  s,  53f.  Jäckel  s.  27f.)  sind  bei  Kistener  nicht  ge- 
rade häufig,  da  seine  fantasie  nicht  reich,  aber  doch  gestaltungs- 
kräftig war.  Von  der  allgemeinen  bildlichkeit  der  älteren 
spräche  kann  aber  billig  abgesehen  werden.  Hier  mögen 
verzeichnet  werden:  150  den  lieben  gast.  206  als  ein  rose  wart 
sti  var,  die  von  roete  ist  enzunt.  361  sin  herze  wart  im  grosz. 
379  eilende  im  under  ougen  sluog.  644  reht  als  er  ein  heiige 
wer.  938  min  eigen  bluot.  1064  die  rede  was  ime  ein  troum. 
1087  als  ein  tote  wart  er  var.  1098  an  schänden  blint.  1226 
die  weit  git  werlich  boesen  lan. 

Endlich  gilt  auch  bei  Kistener  noch  das  von  Joseph  QF  54, 
43  ff.  verfolgte  Stilgesetz  Konrads  inbetreff  des  syntaktischen 
parallelismus  (Jäckel  s.  30 ff.).  Das  prinzip  der  kongruenz 
ist  regelmässig  gewahrt  535,  556,  610,  615,  653  f.,  749,  925, 
932,  951,  966  f.,  1015.  Daraus  ergiebt  sich  fftr  Kisteners  vers 
496  die  Verbesserung  ,und  vür'  (C)  statt  ,ouch*  (QF  54,  61  f.) 
und  für  1061  ,vrowe  unde'  statt  ,vrowe  und  die*  (Kistener  851, 
1157).  Leichte  fälle  einer  ausnähme  sind  569,  658  und  1221, 
immer  an  erster  stelle  im  verse.  Konrad  selbst  hat  schwerere 
fälle.  Joseph  s.  52  ff.  Der  grundsatz  der  Steigerung  wird  808  f. 
(Stauf.  268  f.;   Jäckel  s.  32),  914,   1014,  1042 f.,  1228  befolgt. 

Über  Kisteners  abhängigkeit  von  Konrad  in  andern  dingen 
siehe  die  anmerkungen  zu  649,  940,  1217. 

Den  Zusammenhang  mit  der  elsässischen  litteratur  befestigt 
die  Wahrnehmung,  dass  Hans  von  Bühel  den  Kistener  nachahmt. 
Kistener  86  cv:)Diocletian  3362,  131cv:>15  (Königstochter  1561  = 
5522);  288cv:)8472  (vgl.  8333,  8211);  414cv:>3340;  544cv:>9045; 
555c>o8193;  816cv:)1796  (Königstochter  2043 f.) ;  816cv)1749 
(vgl.  3342,  4127,  4611,  4965). 

Noch  stärker  ist  Hans  von  Bühel  in  seinem  erstlingswerke 
von  unserm  dichter  abhängig.  Nicht  nur  zahlreiche  Situationen 
und  einzelne  züge  der  Jakobsbrüder  schweben  dem  Verfasser 
der  Königstochter  vor,  sondern  oft  sind  es  auch  dieselben  oder 
fast  dieselben  worte,  in  die  er  sie  kleidet.   Allerdings  sind  buch- 


26 

stäbliche  entsprecliungen  schwerer  nachzuweisen;  schon  die  Über- 
lieferung der  Königstochter  macht  das  beinahe  unmöglich.  Der 
Grüningersche  druck  wollte  das  ältere  gedieht  eben  seiner  zeit 
geniessbar  bieten,  ohne  sich  um  die  echtheit  der  Überlieferung 
zu  kümmern  (Germania  36,  247).  Für  die  herstellung  der  ge- 
dieh te  des  Bühelers,  die  aber  nicht  eine  Umschreibung  in  das 
ältere  mittelhochdeutsch  werden  darf,  gewinnt  Eisteners  gedieht 
Wichtigkeit.  Hier  möge  nur  auf  folgende  stellen  hingewiesen, 
anderes  den  anmerkungen  überlassen  werden.  Königstochter 
686  cxD  Kistener  151;  785cxd732;  803  cxd  1107;  1027  cxd  60; 
1305 f. cxD  747 f.;  1307  cxd  434;  1403  cx^  192;  1411  ex:)  919  (als 
stilistischem  vorbild,  während  der  inhalt  des  ausdrucks  sehr 
abweicht);  1417,  4571f.  cxd  780;  1666,  3267  cx^  857;  1713, 
3220f.cxDl83;  1806cxd892;  2404cx^l081;  2861cx^ll33;  3071  cx^ 
258;  3076f.,  1865f.cx:)783f.;  3155cx:)3l0;  3212cx^l81;  3496cx^ 
453;  4353  cx^  375  (zugrunde  liegt  Boner  12,  5);  4580,  6052 cx^ 954; 
4707CVD388;  4831  ff. cvd  1218;  6007cx^711;  6337cx^329;  6364cx^ 
392;  6451  f. cxD 389 f.;  6496cx:)357;  6519cxD343f.;  6524cx^314; 
316,  6767  ff.  cx^  96  f. 

Auch  Kisteners  manier,  das  gedieht  durch  egoistische  wünsche 
zu  unterbrechen,  ahmt  Hans  von  Bühel  nach  (K.  4245)  und  über- 
bietet ihn  in  seinen  fehlem.  Absichtlich  sind  oben  auch  einige 
mehr  oder  weniger  formelhafte  Wendungen  berücksichtigt;  denn 
so  sehr  man  auch  mit  recht  von  der  volksmässigkeit  solcher 
kunstmittel  reden  kann,  ist  doch  festzuhalten,  dass  der  einzelne 
dichter,  besonders  der  anfänger  bei  seinem  bewussten  buch- 
mässigen  schaffen  immer  auch  zunächst  der  einwirkung  be- 
stimmter Vorbilder  nachgibt  und  alle  ausgebildete  volksdiclitung 
auf  kunstdichtung  zurückzuführen  ist.  Es  ist  unrichtig,  Hans 
von  Bühel  als  ganz  ohne  Zusammenhang  mit  der  älteren  dichtung 
hinzustellen,  und  der  hauptfehler  der  sonst  verdienstlichen  arbeit 
Seeligs  besteht  darin,  dass  er  Hans  von  Bühel  als  ganz  isolierte 
erscheinung  betraclitet  und  den  litteraturgescliiclitlichen  Zu- 
sammenhang nicht  gefunden  hat,  aus  dem  stil  und  kuustübung 
des  epigonen  ihre  eigentliche  erkläruiig  finden ').    Wie  Hans  von 


*)   Erhebliche   ergänzuugcn   zu   Seeligs   inouographie    liefert   Behaghel, 
üenuauia  36,  241  ff.;  insbesondere   macht   er  wahrscheinlich,    dass  Hans  von 


27 

Bfihels  litterar-historischer  Charakter  ganz  in  der  elsässischen 
litteratur  wurzelt,  sein  Verhältnis  zu  Eonrad  von  Würzburg  und 
zum  R.  Parzifal,  das  nachzuweisen  kann  hier  nicht  verlangt 
werden;  fttr  diese  Untersuchung  kam  es  darauf  an,  festzustellen, 
dass  Eunz  Eistener  der  elsässischen  litteratur  des  XIV.  jhs., 
insbesondere  der  Strassburgs  angehört. 

Zeit. 

Wenn  es  als  gesichert  gelten  kann,  dass  Eistener  Egeuolf 
und  die  Rappoltsteiner  Parzifaldichter  kannte,  so  muss  die  ent- 
stehungszeit  seiner  dichtung  der  mitte  des  XIV.  Jahrhunderts 
nahe  rücken,  ein  schluss,  der  durch  den  sprachstand  unseres 
denkmals  in  jeder  beziehung  seine  bestätigung  erhält. 

Schon  wegen  seiner  kenntnis  Eonrads  von  Wttrzburg  würde 
man  gut  thun,  in  der  ansetzung  nicht  allzuweit  hinabzugehen. 
Als  eine  wirkliche  ausschliessliche  stilcopie  Eonrads  kann  übrigens 
Eisteners  werk  doch  wohl  nicht  mehr  gelten;  starken  einwir- 
kungen  Eonrads  hat  sich  sogar  gegen  schluss  des  Jahrhunderts 
Heinrich  Eaufringers  technik  nicht  entziehen  können.  Zu  dieser 
ansetzung,  die  auf  die  mitte  des  Jahrhunderts  leitet,  stimmt  auch 
die  Wahrnehmung,  dass  Eistener  mit  dem  wahrscheinlich  rasch 
populär  werdenden  Edelstein  Boners  bekannt  zu  sein  scheint, 
der  erst  gegen  1349  abgeschlossen  wurde.  Ich  gebe  folgende 
stellen  der  erwägung  anheim:  Boner  12, 5  buchstäblich  =  Eistener 
375;  20,  330x^177,  585;  48,  141cv)415;  73,  9cvd1067;  77, 
14O0  565;  vgl.  ferner  die  anklänge  und  reminiscenzen :  Boner 
prol.  40  cx:>  Eistener  16;  epilog  41ff.cxDE.  20;  72,  58cxd145: 
94,  87  f.  ex:)  1228. 

Als  terminus  ad  quem  ergäbe  sich  aus  der  berücksichtigung 
der  Zeitverhältnisse  und  der  Voraussetzungen  des  gedichtes  spä- 
testens das  jähr  1365.  Seit  der  englischen  invasion  nämlich,  die 
unter  dem  hauptniann  Arnauld  von  Servole,  dem  sogenannten 
erzpriester  von  Verney,  und  Enguerrand  von  Coucy  stattfand 
und    die    das   Elsass   und    die    Schweiz   furchtbar   verwüstete, 


Bühel  aus  einem  badischen  geschlechte  stammt,  vergisst  aber  hervorzuheben, 
dass  auch  die  jetzt  badische  Orteuau  elsässisch  war.    S.  oben  s.  16. 


28 

massen  die  Pilgerfahrten  fast  ganz  aufgehört  haben.  Lorenz 
und  Scherer,  Geschichte  des  Elsass  I  99  ff.  Die  bennrnhignng 
des  Elsasses  dnrch  die  Engländer  beginnt  schon  1360:  St  ÜB  V, 
435,  Iff.  Etwa  nm  dieselbe  zeit  wird  in  Spanien  den  wall- 
fahrten nach  Compostella  znnächst  ein  ende  gemacht.  1366  be- 
mächtigt sich  Don  Pedro  der  Gransame  des  erzbistnms  von 
Santiago,  worauf  alle  kirchen  mit  dem  interdiet  belegt  werden. 
Gams,  Eirchengeschichte  von  Spanien  III  l.  388.  Das  gedieht 
aber  setzt  die  Pilgerfahrten  y.  23  ff.,  44  ff.  und  im  epilog  voraus. 

Kunz  Kistener. 

Was  nun  den  dichter  betrifft,  so  sei.  allerdings  mit  der 
entsprechenden  reserve,  auf  eine  zweimal  urkundlich  in  Strass- 
bürg  um  die  mitte  des  Jahrhunderts  und  etwas  später  bezeugte 
Persönlichkeit  seines  namens  hingewiesen. 

In  einer  Urkunde  vom  30.  April  1355  (StüB  V  295,  «r.  336 », 
in  welcher  die  geschworenen  des  weinrufer-  und  weinmesser- 
handwerks  bestimmungen  für  die  angehörigeu  ihrer  zunft  er- 
lassen, wird  zeile  36  Cfintze  Kistener  unter  den  meistern  und 
geschworenen  des  handwerks  der  winrSffere  und  winmesser  auf- 
geführt. Wahrscheinlich  derselbe  mann  verdankt  es  im  jähre 
1372,  also  offenbar  in  höherem  alter,  seinem  ungeratenen  söhne 
Andres,  dass  er  bl.  35a  im  ,Heimlich  buch'  des  Strassburger 
Stadtrates,  der  in  jenem  buche  besondere  straf  erkennt  uisse  zur 
künftigen  nachachtung  aufzeichnen  liess,  erscheint.  Es  heisst 
da  bei  Hegel,  Städtechroniken  9,  1022,  25:  ,Item  Andres, 
Cunzen  Kisteners  sun  des  winruffers,  und  ein  knabe, 
heisset  Michel,  waz  ein  pfalczgrave,  den  ire  oren 
wurdent  abgesnitten,  hant  dise  stat  und  eine  mile 
drumbe  naht  und  tag  iemerme  eweklich  versworn,  und 
wo  man  sie  darüber  in  der  mile  weges  ergriffet,  so  sol 
mau  sie  ertrencken,  umbe  daz  sie  Louwen  Mosunge  bi 
naht  und  bi  nebel  in  sin  hus  stigent  und  sine  mentel 
und  sine  rücke  verstulent'.  Über  das  ti-eiben  der  jeunesse 
doree  jener  zeit  vergleiche  Schnioller  QF  XI  20,  dessen  rede 
eine  vorzügliche  Charakteristik  des  Strassburger  bürgertums  im 
XIV.  jalirhundert  gibt.     Die  winrüffer  mögen  früher  diener  des 


29 

rates  gewesen  sein,  waren  später  um  die  mitte  des  XIV.  Jahr- 
hunderts allmählich  von  den  gewöhnlichen  winlttten  kaum  mehr 
zu  trennen  (StUBV209,  15)  und  im  XV.  Jahrhundert  bedeutet 
winrüffer  nach  ausweis  der  glossen  in  dem  vocabular  des  Niger 
Abbas  (Metzer  hs.  293.  Strassburger  Studien  3,  31)  nichts  mehr 
als  Schenkwirt,  caupo.  Über  die  befugnisse,  rechte  und  pflichten 
der  winrüffer  (Edward  Schröder  zu  Ingold  47,  24)  geben  Schröder 
im  glossar  der  Städtechroniken  1132  b,  Heyne  im  DWB  VIII, 
1407,  und  für  Strassburg  besonders  ausser  der  vorhin  erwähnten 
Urkunde  vom  30.  April  1355  zahlreiche  stellen  des  ürkunden- 
buches  (I  register  s.  584  u.  d.  w.  wein.,  IV,  2  register  s.  307  f. 
u.  d.  w.  weinrufer  u.  s.  w.  V  register  s.  1112)  auskunft. 

Der  Vollständigkeit  wegen  füge  ich  hinzu,  dass  ein  Dietrich 
Kystener  (St ÜB  V  s.  7,  z.  6)  in  dem  Protokolle  des  zeugenverhörs 
betreffend  das  geschelle  vom  20.  Mai  1332  vorkommt.  Die  stelle 
lautet:  Dietrich  Kystener  hat  geseit,  daz  er  sehe  dez 
Malerssune  einen  mit  einem  swerte  in  der  scheiden. 
Vielleicht  haben  wir  in  Dietrich,  Kunz  und  Andres  Kistener 
drei  generationeu  derselben  familie  vor  uns.  Häufig  nämlich 
scheint  der  name  Kistener  als  eigenname  auch  in  Strassburg 
damals  nicht  gewesen  zu  sein;  er  kommt  eben  ausser  an 
jenen  3  stellen  sonst  meines  Wissens  nicht  vor,  was  die  Wahr- 
scheinlichkeit, dass  jener  Kunz  unser  dichter  gewesen  sein  könne, 
nicht  mindert,  sondern  steigert.  Wenn  der  dichter  thatsächlich 
weinrufer  war,  so  empfing  er  ohne  zweifei  auch  äussere  an- 
regung  zu  seinem  den  h.  Jakob  verherrlichenden  gedichte  durch 
den  umstand,  dass  am  hauptplatze  seiner  Wirksamkeit,  am  alten 
Weinmarkte,  wie  oben  erwähnt,  eine  Jakobuskapelle,  später 
zwei  pilgerherbergen  sich  befanden.  Er  hätte  sein  gedieht  dann 
wohl  in  jüngeren  jähren  verfasst.  Im  übrigen  würden  Charakter 
und  zuschnitt  unseres  gedichtes  vortrefflich  in  einen  solchen 
lebenskreis  hineinpassen.  Mehr  als  wahrscheinlich  lässt  sich 
aber  diese  annähme  eben  nicht  machen. 


30 


m 

Überlieferung  und  Herstellung. 

Haben  die  bisherigen  erörterungen  ihr  ziel  nicht  völlig  ver- 
fehlt, so  ergibt  sich  für  den  bearbeiter  des  gedichtes  die  auf- 
gäbe, es  als  ein  Sprachdenkmal  der  Strassburger  litteratur  aus 
der  mitte  des  XIV.  Jahrhunderts  herzustellen.  Bevor  wir  dar- 
legen, wie  das  versucht  ist,  muss  erörtert  werden,  welche  mittel 
die  fiberlieferung  uns  hierzu  an  die  band  gibt. 

Über  dem  gedichte  hat  ein  unstern  gewaltet.  Wir  besitzen 
es  in  einer  recht  schlechten  handschrift  und  in  einer  Über- 
arbeitung Pamphilus  Gengenbachs;  dazu  kommen  93  auf  zwei 
zusammenhängenden  papierblättern  erhaltene  zeilen,  die  Frank- 
furter bruchstttcke.  Gengenbachs  Überarbeitung  allein  würde 
uns  nicht  in  den  stand  setzen,  die  herstellung  mit  einiger 
Sicherheit  zu  unternehmen,  wie  das  einem  ganz  anders  be- 
schaffenen drucke  gegenüber  Haupt  beim  Engelhard  mit  so 
glänzendem  erfolg  thun  konnte.  Auch  beim  Peter  von  Staufen- 
berg  ist  die  Überlieferung  der  drucke  d*  und  d"  nicht  so 
systematisch  geändert,  wie  das  bei  Gengenbachs  druck,  trotz 
Goedekes  teilweise  entgegengesetztem  urteil  („er  hatte  auch  kaum 
etwas  anderes  anzurühren  als  die  spräche"  s.  637),  leider  zu  oft 
festzustellen  war.  Obgleich  die  handschrift  A  nur  eine  recht 
schlechte  Überlieferung  darstellt,  ist  sie  dennoch  für  die  her- 
stellung verhältnismässig  am  wichtigsten.  Da  über  diese  hand- 
schrift mehr  falsche  als  richtige  angaben  in  uralauf  sind  und 
das  vortreffliche  Verzeichnis  der  Wolfenbütteler  handschriften, 
das  werk  des  hochverdienten  Otto  von  Heinemann,  bis  zu  der 
hier  in  betracht  kommenden  abteilung  noch  nicht  gediehen  ist, 
so  berichte  ich  kurz  darüber. 

A,  die  quarths.  Aug.  16,  17  ist  eine  sammelhandschrift,  die 
aus  Strassburg  stammt.  S.  o.  s.  16.  Ich  unterscheide  mindestens 
5  bände.  Die  erste  schrieb  bl.  1—44*  die  von  Hegel  nicht  be- 
nutzten bruchstücke  der  chronik  von  Königshofen,  bl.  45 — 48 
eine  prosa  über  die  Schöpfung,  bl.  48*— 50*  den  brief  lierzogs 
Friedrich  von  Osterreich  an  Sigisraund,  datiert  Constanz,  7.  Mai 
1416,  bl.  50* — 60*  eine  öde  reimerei  ,Von  dem  Juden  und  von 


31 

dem  cristen*:  die  zweite  bl.  60* — 80  die  legende  von  den  Jakobs- 
brüderu:  die  dritte  bl.  80*— 81*  ,Dis  ist  die  Schönheit  der 
frowen*,  ein  kurzes  gedieht,  bl.  81  das  gedieht  von  den  sieben 
färben,  190  verse,  also  noeh  22  verse  kürzer  als  bei  der  Hätz- 
lerin  s.  168  (vgl.  HMS  4,  95.  QF  77,  89),  bl.  83  ein  in  WKL 
fehlendes  lied  auf  den  h.  Christoph  (,0  Christophore  du  heiliger 
man*.  Chronik  des  Johann  Oldecop,  45,  30),  bl.  83*— 84 
das  apostolische  glaubensbekenntnis  in  deutscher  prosa,  bl.  84 
bis  85  ein  wieder  bei  WKL  fehlendes  mariengebet  (,Maria 
muoter  und  maget  Du  vil  werde  reine),  bl.  85 — 87  ,Dis  ist  der 
weite  Ion',  s.  oben  s.  1,  bl.  87* — 89*  eine  reimerei  über  die  be- 
wegliehen feste,  und  bl.  90 — 94,  95 — 96  eine  tafel  zur  bestimmung 
der  zeichen,  in  denen  sich  alle  tage  der  mond  befindet,  be- 
schreibung  der  12  zeichen  des  tierkreises,  gesundheits-  und 
kalenderregeln:  von  einer  vierten  hand  illhrt  die  prosa  ,Von 
dem  strite  zuo  Franckrich'  bl.  97 — 98  her;  über  die  dann  fol- 
gende lücke  ist  oben  s.  16  schon  gesprochen;  der  fünften  hand 
wären  die  küchenrezepte  zuzuweisen,  die  bl.  102 — 118  die  hand- 
schrift  beschliessen.  Die  Wasserzeichen  des  papiers  scheinen 
in  der  ganzen  hs.  dieselben  zu  sein.  Auch  der  dialekt  ist  im 
wesentlichen  der  gleiche.  Die  einzelnen  teile  der  hs.  sind  nicht 
alle  zu  gleicher  zeit  entstanden,  wohl  keiner  früher  als  im  an- 
fange des  XV.  jhs. 

Unsere  legende  beginnt,  mit  anderer  tinte  und  in  anderen 
buchstabenformen  geschrieben  als  das  vorhergehende  kampf- 
gespräch,  gleich  auf  dem  noch  leer  gebliebenen  teil  des  bl.  60*, 
ohne  Überschrift  mit  allen  spuren  der  eilfertigkeit  und  naeh- 
lässigkeit.  Die  rote  tinte,  mit  der  Verzierungsstriche  ausgeführt 
sind,  hat  der  Schreiber  nicht  einmal  trocknen,  sondern  oft  gleich 
auf  der  gegenüberstehenden  seite  abklatschen  lassen.  Kleine 
unbedeutende  federzeichnungen  sind  an  einigen  initialen  an- 
gebracht. 

B.  Inbetreff  der  Frankfurter  fragmente,  die  hier  mit  B 
bezeichnet  sind,  sei  auf  s.  10  f.  und  Wülcker  verwiesen. 

C.  Für  seine  reproduktion  des  Gengenbachschen  druckes  (C) 
benutzte  Goedeke  das  Wolfenbüttler  exemplar.  Das  Berliner 
exemplar  (Yg  6731,  aus  der  bibliothek  K.  H.  Gregors  von  Meuse- 
bach  entstammendj  gibt  genau  denselben  druck  wieder.    Fehler 


32 


Goedekes  sind  17  ordentlich  fiir  ordenlicli.  172  gefatterein 
für  gefatterein,  178  schlol'ften  für  schloufften,  206 
willens  für  willen,  270  letzti  für  letzi,  284  ruwen  für 
rftwen,  387  nemandt  iTir  nemendt,  505  begar  für  bgar, 
564  lomparten  für  lamparten,  567  zu  hinter  jnen  aus- 
gelassen, 686  lüt  für  leüt,  857  den  für  dem,  878  kymmel 
für  hyramel. 

A,  B,  (■  gehen  in  letzter  linie  allerdings  auf  eine  gemein- 
schaftliche quelle,  einen  bereits  stark  fehlerhaften  archetypus 
zurück.  A  und  C  gemeinsame  fehler  finden  sich  z.  b.  302,  867, 
1163;  B  und  C  gemeinsame  993,  944;  A  und  B  gemeinsame 
905,  920.  Aber  jede  einzelne  form  der  übeilieferung  hat  wieder 
so  viel  eigne  fehler,  dass  dadurch  eine  nähere  Verwandtschaft 
mit  einander  ausgeschlossen  wird  und  von  einer  grundsätzlichen 
bewertung  der  einen  dieser  drei  Versionen  einer  ^rweiten  oder 
dritten  gegenüber  kaum  überall  die  rede  sein  kann.  Dazu  kommt, 
dass  bei  der  geringfügigkeit  der  erhaltenen  fragmente  ein  urteil 
über  die  mitteldeutsche  Überlieferung  B  nur  teilweise  ermöglicht 
wird.  Wertvoll  sind  uns  die  Fiankfurter  fragmente,  weil  sie 
nicht  nur,  dem  mitteldeutschen  si)rachcharakter  gemäss,  die  wort- 
körper  ohne  erhebliche  Verstümmelungen  wiedergeben,  sondern 
weil  sie  vor  allem  vers  867 — 876  die  lücke  der  Überlieferung 
in  A  C  ausfüllen.  Ist  hier  B  im  vorteil  p:egen  A  C,  so  teilt  B 
andrerseits  wieder  mit  C  die  lücken  vers  943,  944. 

Gengenbach  hat  nicht  nur  die  spräche,  sondern  auch  den 
ganzen  bestand  des  gedichtes  seinen  zwecken  entsprechend  um- 
gemodelt; das  musste  er,  wenn  er  das  ältere  gedieht  seinem 
publikum  mundgerecht  machen  wollte'). 

Den  prolog  1 — 70  Hess  er  weg:  wollte  er  doch  nicht  gleich 
zu  anfang  sich  als  plagiator  darstellen,  wenn  auch  das  XVI.  jh. 
über  solche  erneuerungen  anders  dachte  als  wir.  Zudem  über- 
wog das  rohe  stoft'interesse  bei  seinen  Zeitgenossen:  die  harmonie, 
in  der  grundgedanken  und  stolf  in  den  besseren  leistungen  der 
alten  erzählenden  poesie  standen,  würdigte  man  nicht  mehr.  Im 


^  Lehrreich  ist  ein  vergleich,  den  in  ähnlichem  fall  A.  Bartsch,  Germania 
l£  anstellt.    Ea  handelt  sich  um  die  hand:>chrit'tlichon  bruchstücke  der 
r  WMxk  dmckeu  hekanntcu)  Königstochter  des  lUihelcrs. 


83 

epilog  ist  Gengenbach  dann  wieder  naiv  genug,  den  namen 
Eisteners  zweimal  stehen  za  lassen.  Die  sachlichen  änderangen, 
die  er  ferner  vornahm,  sind  zum  teil  nicht  ohne  Interesse.  Das 
im  XVLjh.  unmögliche  wort  minne  (501;  vgl.  jedesmal  die  in 
den  anmerkungen  gegebenen  lesarten  zu  dem  betreffenden  verse) 
musste  er  vermeiden  (Eaufringers  gedichte  s.  II;  Schmeller, 
Bayerisches  Wörterbuch  I»  1619;  QF  77,  25;  im  höheren  stil 
wie  in  der  rechtssprache  nahm  man  keinen  anstoss.  Zusatz  zu 
Eistener  1155).  ,zuht  und  ere^,  die  im  älteren  gedieht  542  ge- 
boten waren,  wurden  grobianisch  zu  essen  und  trinken,  was 
(541)  zwei  tage  dauert.  Das  alte  pflegeramt  war  wohl  schon 
überall  in  den  bänden  von  juristischen  beamten;  deshalb  änderte 
Oengenbach  jedesmal,  wo  es  vorkam  569,  652,  655.  Ritterliche 
aben  teuer  fahrten  waren  dem  Jahrhundert  der  reformation  eine 
sage ;  so  änderte  der  Baseler  drucker  682  ff.  Anderes  ist  oben 
besprochen  s.  5  ff.,  vgl.  164.  Die  lebhaften  wechselreden  des 
höfischen  epos,  die  ohne  langweilige  einführung  einander  folgten, 
kennt  6.  nicht  mehr;  regelmässig  setzt  er  hinzu:  ,Er  sprach^ 
und  dergleichen.  Die  meisten  änderungen  nahm  er  mit  der 
spräche  vor.  Fast  jede  alte,  nicht  mehr  verstandene  Wendung 
wird  zum  anlass  einer  ändcrung  oder  eines  schwalls  von  ver- 
hüllenden werten  wie  560,  1174  (trüwe :  nüwe)  oder  117,  379. 
Wenn  ihm  die  wiedergäbe  Schwierigkeiten  macht,  lässt  er  stellen 
aus  wie  809,  810.  Die  Umschreibungen  und  zusätze  dienen 
meist  der  plattesten  Verständlichkeit  348,  533,  795.  Mit  rohem 
unsinn  und  gedankenlosigkeit  nimmt  er  es  dabei  nicht  eben 
genau:  952,  993,  1055.  Oft  sprengte  die  prosaische  Wortfolge 
den  vers.  Ob  der  Überarbeiter  selbst  oder  seine  doch  wohl 
handschriftliche  quelle  vers  438  von  dem  reime  ,min'  zu  dem 
gleichen  in  vers  451  übersprang,  lässt  sich  nicht  entscheiden. 
Neben  einer  gewissen  eleganz  der  ausstattung  verraten  Gengen- 
bachs drucke  flüchtigkeit,  eilfertigkeit  und  beschränktheit  der 
mittel.  Goedeke  s.  XV.  Aber  trotz  aller  dieser  fehler  und  trotz 
aller  Willkür,  die  den  wert  der  bearbeitung  Gengenbachs  für 
unsere  zwecke  in  frage  stellt,  ist  die  in  ihr  erhaltene  form 
der  Überlieferung  doch  recht  wichtig,  weil  sie  ganze  in  A 
verlorene,  in  B  verderbte  und  verstümmelte  versgruppen  (be- 
sonders 934  ff.)  gerettet  hat.     Ausserdem  geht  C  lange  strecken 

Buling,  Kistener.  3 


34 

mit  A   nnd  gibt   anf  diese  weise  der  herstellnng  eine   noch 
sicherere  grondkge. 

A  steht  dem  dialekt  nach  and  wegen  ihrer  verhältnis- 
mässigen trene  der  überlieferong  dem  original  am  nächsten. 
Ihr  Schreiber  war  freilich  flüchtig  nnd  ungeübt,  verlas  sich  nicht 
selten  bei  flexionsendnngen ,  mit  denen  er  auch  onsanber  um- 
ging, achtete  nicht  immer  anf  die  Wortfolge  nnd  metrik  nnd 
liess  eine  anzahl  kleiner  Wörter  sowie  einige  versreihen  ans. 
So  sprang  er  vers  478  von  kam  zn  man  482  über,  indem  er 
yers  479—482  ansliess.  Ebenso  ging  es  935  (s.  die  anmerkung). 
Ähnlich  376,  378.  Zwei  verse  197,  198  sind  in  einen  zusammen- 
gezogen. Seine  vorläge  enthielt  wahrscheinlich  schon  einige 
dieser  lücken,  sicher  schon  viele  entstcUnngen  des  textes;  s.  an- 
merkung zu  V.  6. 

Vor  allem  brachte  der  Schreiber  der  hs.  A  unzählige  Vul- 
garismen seiner  mundart  in  den  text,  die  keineswegs  seine  vor- 
läge schon  hatte.  Vielmehr  zeigte  diese,  wie  manche  spuren 
beweisen,  eine  grössere  enthaltsamkeit  der  mundart  gegenüber. 
So  findet  sich  anlautendes  t=  mundartlichem  d:  tfit  29,  67. 
tag  206.  vntertan  74  u.  s.  w.  Rein  erhaltenes  a  =  ver- 
dumpftem  o:  gnade  128.  hau  gebracht  12.  nach  20. 
lasen  :  Strassen  25.  Jacop  227  u.  s.  w.  Gegen  die  mitte 
der  arbeit  scheint  bei  dem  Schreiber  der  widerstand  gegen  die 
mundart  zu  erlahmen.  Die  richtige  reihenfolge  der  verse  war 
sicher  schon  in  der  vorläge  von  A  mehrfach  gestört. 

Unechte  erweiterungen  hat  A,  wenn  man  den  (schon  in 
einer,  A  C  in  letzter  linie  gemeinsamen  vorläge)  nach  302  ein- 
geschwärzten vere  abzieht,  überhaupt  nicht,  nur  Verkürzungen ; 
ein  umstand,  der  die  glaubwürdigkeit  der  hs.  A  bedeutend  stützt. 

So  musste  hier  das  verfahren  geboten  erscheinen,  im  ganzen 
A  zu  gründe  zu  legen  und  aus  B  C  zu  berichtigen.  In  den  an- 
merkungen  sind  die  abweichungen  von  B  und  C  fast  vollständig 
mit  ausschluss  der  abweichenden,  in  bunter  mischung  wechselnden 
flexionsformen  verzeichnet;  waren  diese  von  einigem  belang, 
80  wurden  auch  sie  angegeben.  Um  eine  art  abschliessender 
beurteilung  zu  ermöglichen,  galt  es  eher  zu  viel,  als  zu  wenig 
zn  thun.  Die  unechten  erweiterungen  waren  in  den  meisten 
^len  wohl  kenntlich;   einige  bleiben  zweifelhaft.   Fehler  aller 


36 

art,  wie  in  den  versen  934  ff.,  lassen  im  einzelnen  falle  über 
ein  eklektisches  verfahren  nicht  hinauskommen. 

Welche  grenzen  der  herstellung  eines  denkmals  dieser  zeit 
gezogen  sind,  hat  E.  Schröder  in  der  Einleitung  zu  Peter  von 
Staufenberg  s.  LII  und  ZfdA  38,  106  ausgesprochen.  Hier 
kommt  als  erschwerender  umstand  noch  die  schlechte  Über- 
lieferung hinzu;  ausserdem  wird  man  sich  doch  wohl  auch  httten 
müssen,  die  bescheidenen  verse  Kisteners  allzu  sehr  zu  ver- 
schönen und  nachzuglätten. 

Im  allgemeinen  war  die  mnndart  nach  der  offiziellen  spräche 
des  Strassburger  rathauses  zu  regeln.  Auf  die  Schriftsprache 
deuteten  schon  die  über  die  raundart  sich  erhebenden  spuren 
eines  geläuterten  idioms  in  A.  a  für  o  wahren  die  Urkunden 
vorwiegend  noch  in  den  siebziger  jähren  des  Jahrhunderts  (vgl. 
auch  Haendcke  s.  46  f.),  bei  tuon  überwiegt  noch  immer  das  t, 
bei  giner,  einer  u.  s.w.  die  nicht  umgestellten  endungen;  wo 
und  wa,  do  und  da  werden  noch  geschieden,  ja,  sogar  in  be- 
wusstem  gegensatz  gegen  die  mundart,  man  möchte  sagen, 
hyperSchriftdeutsch,  vielfach  (StüB  V  251,  26.  265,  7.  256,  2. 
331,  21.  333,  22.  365,  6.  294,  23.  1021,  10  u.  ö.)  da  auch 
für  do  gebraucht.  Andere  einzelheiten  erläutert  E.  Schröder 
zu  Peter  von  Staufenberg  s.  LI  f.  Vgl.  zu  Kistener  612,  436, 
450,  513,  714,  724,  795,  883.  Dass  circumflexe  zur  bezeichnung 
alter  länge  nicht  mehr  am  platze  sind,  beweist  die  völlige  kon- 
fusion  der  Schreiber,  die  in  den  Urkunden  sich  ganz  ausnahms- 
weise diese  noch  gestatten.  StUB  V,  465,  29,  33.  466,  6,  9. 
501,  4  u.  s.  w.  Selbstverständlich  führt  die  dichtersprache  denn 
doch  wieder  über  die  mundartliche  Schriftsprache  hinaus  oder 
bleibt  vielmehr  hinter  der  weiterentwickelung  der  Schriftsprache 
und  mundart  zurück.  Vgl.  Haendcke  s.  46  f.  Es  war  also  immer- 
hin eine  etwas  ältere  formgebung  anzustreben.  Die  Rappoltsteiner 
dichter  Claus  Wisse  und  Philipp  Colin  stehen,  wie  in  der  technik,  so 
auch  in  der  spräche  abseits.  Die  poetische  technik  erhielt  durch  die 
benutzten  Vorbilder  wünschenswerte  erläuterung.  Einzelne  Ver- 
derbnisse waren  nach  den  stellen  älterer  gedichte,  die  Kistener  vor 
äugen  hatte,  zu  bessern.  Endlich  wurde  auch  durch  die  nachahnmng 
des  Bühelers  die  echtheit  einzelner  verse  bezeugt.   Siehe  zu  343. 


3* 


36 


IV 

Der  Stoff  nnd  seine  Behandlnng. 

Analyse  des  Gedichtes. 

Unter  anrafung  gottes  beginnt  der  dichter  mit  aufstellung 
seines  themas:  er  will  von  grosser  treue  zweier  freunde  dichten. 
Sein  gedieht  sei  ganz  neu.  Mit  stolz  nennt  er  seinen  namen, 
versichert,  dass  es  ihn  manche  nachtwache  gekostet  habe,  und 
bittet  um  nachsieht.  Nicht  um  schnöden  gewinn  habe  er  ge- 
dichtet, sondern  zur  ehre  gottes  und  des  h.  Jakob,  sowie,  um 
der  weit  damit  einen  dienst  zu  erweisen.  Wer  des  dichters 
absieht  anerkennt,  dem  lohne  der  h.  Jakob.     1—22. 

Beim  pilger  kommt  es  auf  die  gesinnung  an;  ist  diese  lauter 
und  treu,  so  wird  er  von  gott  erhört  und  nie  vom  h.  Jakob 
verlassen.    23 — 50. 

Gute  werke  und  rechte  gesinnung  verbürgen  ein  frohes 
alter  und  ewige  Seligkeit.  Den  treuen  werden  die  bösen  gegen- 
über gestellt.  Mit  einer  anrufung  Marias  schliesst  die  drei- 
teilige vorrede.    51 — 70. 

Herr  Adam,  ein  reicher  und  angesehener  bairischer  graf, 
lebt  schon  seit  zwölf  jähren  mit  einer  wackern  gemahlin  in 
kinderloser  ehe.  Der  wünsch  nach  einem  erben  bringt  den 
grafen  auf  den  gedanken,  sich  mit  diesem  anliegen  an  den 
h.  Jakob  zu  wenden.  Ein  ganzes  jähr  verbringen  beide  in  gott- 
seligem Wandel,  um  sich  der  gnade,  die  sie  erflehen,  würdig  zu 
machen.  71 — 119.  Die  frau  wird  schwanger,  und  der  über- 
glückliche vater  gelobt,  falls  ihm  ein  knabe  geboren  würde, 
ihn  zum  danke  auf  eine  jakobsfahrt  zu  schicken.  Der  wünsch 
des  ehepaares  geht  in  erfüllung,  wovon  ein  knecht  eiligst  und 
frohgemut  den  auf  der  jagd  abwesenden  herrn  unterrichtet. 
Mit  innigem  dank  gegen  den  heiligen  erneuert  der  graf  das 
vei*sprechen  einer  Pilgerfahrt  nach  Compostella.  Nachdem  der 
knecht  10  gülden  als  botenlohn  erhalten,  eilt  man  nach  hause, 
zu  vorderst  der  graf,  wo  alle  diener  die  freudenbo tschaft  wieder- 
holen und  reich  beschenkt  werden.     120 — 192. 

Mit  Ungeduld  bahnt  der  graf  sich  den  weg  zu  seiner  ge- 


37 


mahliu  und  Überhäuft  sie  mit  liebkosungen.  Der  söhn  soll  Jakob 
heissen.  193 — 216.  Bald  wird  die  kindtaufe  in  üblicher  weise 
gefeiert.  217 — 250.  Der  söhn,  an  dem  der  heilige  so  grosse 
wunderzeichen  tun  wollte,  genoss  eine  treffliche  erziehung,  der 
stolz  seiner  eitern,  der  liebling  des  gesindes.    251 — 273. 

Mit  sorge  gedenkt  der  vater  an  die  einlösnng  seines  ge- 
lübdes,  als  der  knabe  heranwächst.  Endlich  entdeckt  er  seinem 
12  jährigen  söhne,  der  ihn  liebreich  nach  dem  gegenstände  seiner 
häufigen  besorgnis  fragt,  sein  längst  bereutes  versprechen.  Der 
entschlossene  knabe  aber  ist  sofort  zur  fahrt  bereit,  und  nichts 
kann  ihn  zurückhalten.  274 — 314.  Er  wird  ausgerüstet  und 
nimmt  von  der  mutter  und  dem  gesinde  rührenden  abschied. 
315—331.  Der  vater  begleitet  ihn  einen  tag  lang  und  gibt 
ihm  beim  scheiden  ratschlage  über  die  wähl  eines  reisegefährten. 
Dann  trennen  auch  sie  sich.    332 — 368. 

Vier  Wochen  zieht  der  knabe  allein  weiter  und  veriiTt  sich. 
Da  ruft  er  den  h.  Jakob  um  hülfe  an,  und  dieser  sendet  ihm 
einen  treuen,  lieben  reisegefährten  in  gestalt  eines  Schwaben 
aus  Heigerloh,  der  aus  Italien  gezogen  kommt  und  ebenfalls 
nach  Compostella  pilgert.     369—410. 

Nach  etwa  vier  wöchentlicher  gemeinsamer  Wanderung  er- 
krankt der  grafensohn  in  einer  herberge;  wie  es  scheint,  tödlich. 
Vor  seinem  ende  bekennt  er  dem  freunde,  wer  er  sei,  nennt 
seine  heimat  und  seine  eitern  und  nimmt  ihm  schliesslich  das 
versprechen  ab,  ihn  wenigstens  tot  dahin  mit  zu  nehmen,  wo- 
hin er  hätte  ziehen  müssen,  nach  Compostella.  411 — 450.  Der 
Schwabe  vollzieht  den  letzten  willen  des  freundes,  birgt  die 
leiche  in  einem  ledernen  Überzug  und  trennt  sich  auf  seiner 
weiteren,  noch  zwölf tägigen  Wanderung  nicht  von  ihm;  er  lässt 
ihn  an  jedem  mahle  teilnehmen,  legt  ihn  jede  nacht  in  ein 
schönes  bett  und  trägt  ihn  auf  seinen  armen  vom  und  zum 
pfcrde,  bis  er  nach  Compostella  kommt.     451 — 478. 

Halb  froh,  halb  traurig  lässt  er  sich  die  kirche  des  h.  Jakob 
zeigen,  hebt  den  toten  vom  pferde,  überlässt  dies  einem  diener 
und  trägt  den  freund  hinauf  in  die  einsame  kathedrale.  Heisse 
gebete  entströmen  seinen  lippen,  auch  den  freund  schliesst  er 
ein.  479—504.  Und  sieh!  Gott  erhört  seine  bitten  und  be- 
lohnt seine  treue:   der  für  tot  gehaltene  freund  erhebt  sich, 


38 

streift  den  Überzug  ab  und  fragt,  allmählich  zu  sich  kommend, 
mit  sanftem  Vorwurf:  „Lieber  bruoder,  wa  bin  ich?"  Unerhörtes 
geschieht:  die  glocken  fangen  von  selbst  zu  läuten  an,  so  dass 
alles  Volk  zusammenströmt.  Man  findet  in  der  kirche  niemand 
als  die  beiden  Deutschen,  mit  denen  man  sich  aber  nicht  ver- 
ständigen kann.  Erst  ein  deutscher  wirt,  der  aus  der  Stadt 
hinzugekommen,  erklärt  den  umstehenden  das  wunder,  von  dem 
ihn  der  glückliche  Schwabe  alsbald  unterrichtet  hatte.  605 — 532. 
Nun  werden  ihnen  von  allen  seiten  bezeugungen  warmer  teil- 
nähme dargebracht,  man  hebt  sie  auf  den  altar,  preist  gott  und 
stellt  über  das  wunder  eine  besondere  Urkunde  aus.  Den  monat 
hält  man  sie  zurück  und  lässt  es  ihnen  an  nichts  fehlen.  533 
bis  545. 

Jetzt  rüsten  sie  sich  zur  heimkehr,  besuchen  zum  letzten 
mal  die  Wallfahrtskirche  und  beten  um  glückliche  rückkehr. 
Leichten  herzens  ziehen  sie  von  dannen.  Unterwegs  verspricht 
der  grafensohn  dem  treuen  Schwaben  unverbrüchliche  freund- 
schaft  und  die  hälfte  seines  erbes.    546—566. 

Sie  sehen  bald  das  Bayernland  wieder.  Stolz  zeigt  der 
grafensohn  im  vorüberziehen  dem  freunde  seine  bürgen  und 
Städte,  über  die  er  ihn  zum  pfleger  machen  will.  Vater  und 
mutter  sehen  endlich  den  heimkehrenden  söhn  von  der  zinne 
aus  und  eilen  ihm  entgegen.  567 — 590.  Herzlich  wird  er  em- 
pfangen, doch  sein  freund  steht  anfangs  unbeachtet  weinend 
abseits.  Da  wird  der  junge  graf  zornig  und  verlangt  für  ihn 
freundliche  begrüssung,  indem  er  seine  rettende  that  erzählt 
und  die  Urkunde  überreicht.  Alle  preisen  den  freund,  und  er 
wird  zu  ehren  und  würden  erhoben.    591—654. 

Als  ein  jähr  vergangen,  bittet  er,  zu  seinen  eitern  heim- 
kehren zu  dürfen;  diese  seien  verarmt,  er  habe  sie  seit  20  jähren 
nicht  gesehen.  Teilnehmend  erkundigt  sich  der  graf  nach  seinem 
vater,  Herrn  Hug  von  Heigerloh,  und  versieht  ihn  mit  reich- 
lichen mittein.     Nur  ungern  lässt  man   ihn   ziehen.    655—688. 

Niemand  kennt  ihn  mehr  in  seiner  schwäbischen  heimat. 
Als  er  nach  seinen  eitern  fragt,  weist  man  ihn  zu  einer  Wäscherin 
vor  der  Stadt.  Hier  hatten  die  eitern  eine  notdürftige  Unter- 
kunft gefunden.  Auf  den  ruf  der  Wäscherin  tritt  die  nmtter 
in   ärmlichem   kleide  aus   dem  hause,   ohne  in  dem  nach  ihr 


39 

frageuden  fremden  ilu*en  söhn  zu  erkennen.  Dieser  ruft  traurig, 
„e  muoter,  daz  si  gotte  leit,  sol  daz  sin  din  bestez  kleit**.  Ein 
herzbewegendes  wiedersehn  folgt  nun,  worauf  der  söhn  nach 
dem  vater  sich  erkundigt.  Der  isst  das  gnadenbrot  seiner  be- 
kannten in  der  Stadt.  Kaum  hat  die  mutter  den  wünsch  aus- 
gesprochen, dass  er  doch  jetzt  zugegen  sein  möchte,  als  er  er- 
scheint. Die  wehmütigen  klagen  der  eitern  endet  die  erklärung 
des  guten  sohnes,  dass  er  sie  wieder  reich  machen  wolle.  689 
bis  732. 

Das  glück  des  Zusammenseins  mit  den  hocherfreuten  und 
wieder  zu  ehren  gebrachten  eitern  wird  aber  jäh  unterbrochen. 
Der  söhn  wird  aussätzig  und  muss  von  aller  menschlichen  ge- 
sellschaft  abschied  nehmen.  733-^-752.  Mit  klapper,  hut  und 
gewand  eines  aussätzigen  durchwandert  er  das  land,  bis  er  zu 
einem  einsiedler  in  einem  walde  gelangt.  Der  fromme  mann 
erklärt  ihm,  er  solle  nach  Bayern  ziehn,  sein  freund  habe  sich 
verlobt;  wenn  seine  gemahlin  ihm  dann  ein  kind  geboren  habe, 
so  sollte  man  diesem  die  kehle  abschneiden  und  ihn  mit  dem 
blute  bestreichen :  alsdann  würde  er  rein  werden.  Der  Schwabe 
wendet  sich  entsetzt  davon,  der  einsiedler  ermahnt  ihn  zu  ge- 
duld  und  vertrauen.    753—786. 

Während  sein  freund  die  Vermählung  mit  seiner  braut  feiert, 
erscheint  der  unglückliche  am  thore  der  bürg.  Der  Wächter 
weist  ihn  ab  und  droht  ihn  zu  schlagen.  Verzweiflung  ergreift 
ihn,  sodass  er  beschliesst  sich  im  burggraben  zu  ertränken. 
Doch  gott  wendet  noch  einmal  seinen  entschluss.  Er  versucht 
in  das  thor  einzudringen  und  trifft  da  einen  mitleidigen  menschen, 
der  ilm  nach  seinem  begehr  fragt.  Er  verlangt  den  jungen 
grafen  zu  sehen.  Da  erkennt  ihn  der  mann  und  holt  den  grafen, 
der  sofort  alles  verlässt,  um  in  treuer  liebe  dem  freunde  ent- 
gegenzueilen. Es  hilft  kein  sträuben  des  armen,  er  wird  trotz 
seiner  furchtbaren  krankheit  in  den  kreis  der  familie  zurück- 
geholt und  in  sein  altes  amt  wieder  eingesetzt.    787 — 862. 

Vor  ablauf  des  Jahres  wird  das  kind  geboren,  von  dem  der 
waldbruder  prophezeit  hatte.  Der  Schwabe  aber  wehrt  sich 
staudhaft  gegen  den  gedanken,  dem  tode  dieses  knaben  seine 
rettung  zu  verdanken.  Als  sie  einst  zur  falkenbeize  ausgeritten 
sind,  fragt  der  graf  den  weitgereisten  älteren   freund,  ob  er 


40 


denn  nie  von  einem  heilniittel  seiner  kranklieit  geliöit  habe. 
Nach  standliafter  Weigerung  berichtet  dieser  dann  endlich  doch 
von  der  Weisung  des  einsiedlers,  mit  der  bitte,  das  mittel  nicht 
anzuwenden.  Doch  dem  grafen  lässt  der  gedanke,  sich  treu 
am  freunde  zu  erweisen,  keine  ruhe.     863 — 908. 

Es  ist  im  frllhüng,  als  der  junge  graf  ein  maifest  im  walde 
veranstaltet,  an  dem  alle  burgbewohner  mit  ausnähme  der  beiden 
freunde  und  des  mit  seiner  amme  zurückgebliebenen  kindes  teil- 
nehmen. Aach  die  amme  entfernt  der  graf  dann  unter  einem 
vorwande  und  beschliesst  die  schauderhafte  that,  Aber  er  kann 
in  seinem  jammer  das  ihm  aus  der  wiege  entgegeulächelude 
kind  nicht  töten,  bis  ihm  ein  engel  erscheint,  der  es  ihm  be- 
fiehlt. Der  innere  kämpf  seiner  gewaltig  erregten  gefühle  wogt 
auf  und  ab.  Die  freundestreue  kämpft  mit  der  vaterliebe. 
Endlich  ist  das  werk  gethan.  Er  ruft  den  freund  herbei,  der 
aber  vor  schrecken  über  die  blutthat  besinnungslos  niederstürzt. 
Unverzfiglich  bestreicht  ihn  der  vater  mit  dem  bUite  seines 
Sohnes,  und  der  freund  gesundet  auf  der  stelle.    909 — 982. 

Jetzt  aber  gilt  es,  das  eigene  leben  zu  retten.  Die  leiche 
des  kindes  wird  gereinigt,  die  blutspuren  auf  der  erde  ent- 
fernt, von  dem  kinde,  von  buig,  land  und  leuten  herzergreifender 
abschied  genommen,  die  pferde  gesattelt  und   beide  entfliehen. 


Indessen  ist  die  amme  zurückgekehrt  und  trägt  angstvoll 
das  kind  in  den  wald  zum  festplatz,  an  dem  die  flüchtlinge 
voriibermüsseu.  Als  sie  nahe  kommen,  vermag  der  graf  nicht 
ohne  einen  letzten  abschied  von  vater,  mutier  und  weib  vorbei- 
zureiten und  springt  trotz  der  gegenvorstellungen  des  gefährten 
vom  pferde.  Man  empfangt  ihn  wie  sonst,  und  fragt  nach  dem 
zweck  der  ganz  unerwarteten  reise.  Der  graf  versucht  eine 
notlUge.  Man  nütigt  ihn  freundlich  zu  bleiben:  da  sieht  er  die 
amme  mit  dem  kinde  ankommen  und  gluubt  sich  vernichtet. 
Zum  letzten  male  ruft  er  den  h.  Jakob  an  und  bricht  unter  der 
wuclit  der  auf  ihn  einstürmenden  gefühle  wie  tot  zusammen. 
Man  mft  ihn  wieder  zu  sich  und  reicht  ihm  das  inzwischen 
auf  fürbitte  des  heiligen  durch  ein  wnnder  gottes  wiederbelebte 
kind  zum  knsse.  Nun  kennt  seine  freude  und  sein  dank  gegen 
den  heiligen  keine  grenzen;    er  ruft  den  freund,  der  nur  zögernd 


41 


herankommt  und  über  dessen  genesung  man  sich  wundert.  1026 
bis  1124. 

Jetzt  berichtet  der  graf  alles  und  beweist  seine  angaben 
mit  den  blutspuren  und  dem  roten  streifen,  der  noch  am  halse 
des  kindes  sichtbar  ist.  Die  vorwürfe  der  mutter  werden  durch 
die  allgemeine  freude  erstickt.  Zum  danke  baut  man  das  kloster 
Guadeouwe.  Die  freunde  aber  leben  mit  ihren  angehörigen  ein 
heiligmässiges  leben  bis  zu  ihrem  tode.     1125—1175. 

Mit  einem  preis  der  treue,  hervorhebung  seiner  Verdienste 
um  dies  gedieht  und  Segenswünschen  für  den  leser  und  hörer 
schliesst  Kunz  Kistener.     1176—1230. 

Der  Stoff. 

Im  allgemeinen  gehört  der  stoff  der  ,Jakobsbrüder'  dem 
grossen  kreise  der  wandernden  freundschaftssagen  an,  und  zwar 
der  gruppe  der  Amicus-  und  Ameliussagen,  deren  gemeinsames 
motiv  ,gegenseitige  lebensrettung  eines  freundes  durch  einen 
freund*  ist,  ,von  welchen  der  erstgerettete,  um  seinen  aussätzig 
gewordenen  retter  mit  dem  blute  der  Unschuld  zu  heilen,  sein 
eigenes  kind  opferte  Vergleiche  zur  sage  Bächtold  in  den 
anmerkungen  zu  seiner  Geschichte  der  Deutschen  litteratur  in 
der  Schweiz  s.  37,  Dunlop-Wilson  I  317  f.,  Köhler,  Aufsätze  über 
märchen  und  Volkslieder  s.  34,  v.  d.  Leyen,  Indische  märchen 
s.  142  und  ausserdem  eine  meines  Wissens  noch  nicht  beachtete 
lateinische  version,  die  sich  in  einer  Wolfenbütteler  handschrift 
findet.  Diese  stammt  aus  dem  kloster  Sittich  in  Eärnthen  und 
ist  ihrem  hauptinhalt  nach  in  der  letzten  hälfte  des  XII.  Jahr- 
hunderts geschrieben:  Heimst,  nr.  206  (neue  nr.  239.  von  Heine- 
manns Katalog  I  1,  s.  186).  Bl.  129*— 30  und  fortgesetzt  auf 
dem  Unterrande  der  blätter  130* — 133  liest  man  von  einer 
hand  des  XIV.  jhs.  auf  leer  gebliebenem  pergament:  ,De  duobus 
sociis  sibi  consimilibus  curialis  legenda*;  anfangend:  ,Temporibus, 
orti  sunt  duo  pueri,  miro  (fehlt  in  dem  kataloge  s.  187)  modo 
sibi  consirailes'.  Es  ist  im  wesentlichen  die  von  Schönbach  aus 
einer  Grazer  hs.  WSB  88,  850  ff.  abgedruckte  prosaerzählung, 
die  der  im  Speculum  historiale  XXIII  162  ff.  des  Vincentius 
Bellovacensis  nahe  steht. 


42 


Was  nun  aber  unserer  legende  innerhalb  dieser  gruppe  der 
Ämicus-  und  Amelinssage  einen  besonderen  platz  anweist,  das 
ist  zunächst  die  darin  vollzogene  Verbindung  der  freundschafts- 
sage  mit  sagen  von  wundem  des  älteren  Jakobus. 

Wie  sich  die  fromme  fantasie  die  seit  dem  7.  jh.  behauptete 
wunderreiche  überkunft  des  heiligen  nach  dem  hauptort  seiner 
späteren  Verehrung  ausmalte,  zeigt  am  besten  eine  aus  dem 
kloster  Bergen  (nicht  Berge,  wie  der  katalog  angibt)  vor 
Magdeburg  stammende  handschrift  der  Herzoglichen  bibliothek 
in  Wolfenbüttel,  Heimst,  nr.  1115,  neue  nr.  1222,  (katalog  I,  3, 
s.  63)  die  dem  XII.  jh.  angehört,  bl.  74.  ,Incipit  liber  unus  (der 
katalog  liest  ,1?)  sancti  Jacobi  Zebedei,  patroni  Gallecie,  de 
XXII  miraculis  eins  argumentum  Kalixti  pape^  (der  katalog 
liest  ,argumento  cum').  Die  ausztige,  welche  Vincens  von  Beauvais 
im  Speculum  bist.  tom.  IV,  lib.  XXVII,  cap.  30  aus  diesem  (in 
der  Histoire  litt6raire  de  la  France  tom.  X  p.  532  dem  Calixtus 
abgesprochenen)  Libellus  de  miraculis  gegeben,  sind  in  der  Patro- 
logia  (Migne)  163,  p.  1370  ff.  abgedruckt.  Etwas  ausführlicher 
sind  die  Acta  Sanctorum  Juli  6,  45  ff.  Bl.  90*ff.  schliesst  sich 
in  der  Wolfenbüttler  handschrift  der  wunderbare  bericht  ,de 
translatione  s.  Jacobi'  an,  dem  im  wesentlichen  die  Legenda 
aurea  (Lombardica  historia.  Argentorati  1489)  cap.  XCIV,  das 
alte  Passional  220,  20  ff.  Hermann  von  Fritzlar  (Mystiker  I 
167,  8  ff.)  und  andere  heiligenleben  folgen.  Dem  geschichts- 
Schreiber  der  apostellegenden,  Lipsius,  ist  diese  handschrift  ent- 
gangen. Obwohl  nun  der  erzbischof  von  Toledo  Roderich  Ximenes 
auf  der  zwölften  allgemeinen  synode  im  Lateran  1215  die  nach- 
richten  über  Jakobus  in  Spanien  für  kindergeschichten  frommer 
weiber  erklärte  (Lipsius,  Die  apokryphen,  apostelgeschichten 
und  apostellegenden  II,  2,  s.  225  f.  von  Hefele  im  Kirchenlexikon 
III  774)  und  obwohl  u.  a.  auch  Toulouse  anspruch  auf  den  hei- 
ligen erhob,  der  in  der  kirche  des  h.  Saturnin  begraben  sein 
sollte,  wurde  doch  Compostella  schon  seit  dem  IX.  Jahrhundert  ^) 
vielbesuchter  Wallfahrtsort,   dessen   ansehen  sich  im  laufe  der 


*)  Geweilit  war  die  Jakobskirche  zu  Compostella  im  jähre  899  (Garns, 
Kircheugeschichte  von  Spanien  II  2,  3G2).  S.  X  der  Acta  Sanctorum  Juli  6, 
32  if.  werden  die  ,peregrinationes  ad  Compostellanas  s.  Jacobi  reliquias  anti- 
quitus  iustitutae*  behandelt. 


,* 


43 


Jahrhunderte  nur  noch  steigerte  (Lipsios  II,  2,  220  ff.,  der  bald 
trotz  aller  Weitläufigkeit  völlig  im  stich  lässt).  Der  listige  knecht 
des  pfaffen  Amis  erkundigt  sich  1245  ff. 

,wie  mauec  jär  des  wsere, 
daz  der  wirt  die  hfisvrouwen  nam, 
unt  wie  dicke  er  hin  ze  Röme  quam 
sante  Peter  ze  lobe, 
unt  ze  sancte  Jacobe*; 
und  die  zechenden  bürger  in  der  Wiener  mervart  erzählen  ,von  dem 
mer  unt  von  Sant  Jäkobes  wege*  144  f.  Bertholds  Warnungen 
(Pfeiffer  I  459,  26  ff.)  müssen,  wie  die  Geilers,  wenig  gefruchtet 
haben.  Man  spricht  von  über  100000  pilgern,  die  zuweilen  während 
eines  jahres  im  13.  und  14.  Jahrhundert  aus  allen  teilen  Europas 
in  Compostella  zusammenströmten.  J.  G.  Kohl,  Zeitschrift  für 
deutsche  kulturgeschichte,  n.  f.  II,  104.  Verwundungen  und 
tötung  der  pilger  beim  drängen  um  den  hauptaltar  waren  nichts 
seltenes,  und  ,daz  munster  wart  s6  wol  richende  also  iekein 
appoteke*,  wird  erzählt  Hermann  von  Fritzlar  167,  35.  ,Waz 
blinder  und  lammer  und  sieben  da  hine  quämen,  di  wurden  allo 
gesunt;  und  diz  palacium  wihete  man  ime  zu  einer  kirchen,  daz 
jö  noch  manig  pilgerin  sihet,  daz  iz  ein  gröz  bürg  gewest  ist; 
nu  ist  iz  ein  herlicher  tum'.  167,  36  ff.  ,Di  grösten  zeichen, 
di  kein  heilige  getun  mac,  di  tut  dirre  heilige,  wan'  (diese  be- 
gründung  ist  offenbar  sehr  triftig)  ,her  der  verreste  ist,  der  hie 
dise  Site  meres  lit.  dar  umme  so  suchit  man  in  aller  kristenheit, 
unde  vrowen  und  man  wägent  lip  und  gut,  das  zi  koment  zu 
sime  munsterc'.  169,  14  ff.  —  Hermann  ist  selbst  dort  ge- 
wesen. 123,  25.  König  Ordonno  11.  hatte  Jakobus  den  patron 
des  ganzen  erdkreises  genannt.  Gams  a.  a.  o.  382.  Den  be- 
schwerlichen, oft  gefährlichen  weg  beschreibt  das  bekannte 
ältere  Jakobslied 

,Wer  das  elent  bawen  wel, 
der  heb  sich  auf  und  sei  mein  gesel 
wol  auf  sant  Jacobs  Strassen!' 
Uhland  nr.  302  (vgl.  WKL  II  nr.  1246),  und  ein  jUngeres,   das 
manches  aus  diesem  entlehnt,  bei  Goedeke,  Gengenbach  s.  631. 
Anmerkung  4.     Vgl.   Heyne  im  DWB  IV  2,   2202  f.     Einiges 
historische  verzeichnen  Röhricht  und  Meisner,  Deutsche  pilger- 


44 

reisen  1880  s.  699  u.  d.  w.  Santiago.  Röhricht,  Deutsche  pilger- 
reisen, Gotha  1889,  s.  36. 

Die  wunder,  welche  man  dem  h.  Jakob  zuschrieb,  in  prosa 
und  Versen  wiedererzählte  und  häufig  plastisch  darstellte,  waren 
zahlreich ;  man  predigte  viel  darüber,  besonders  in  Compostella. 
Hermann  von  Fritzlar,  Heiligenleben  168,  2flF.  Eins  der  am 
meisten  tiberlieferten  kehrt  in  Kisteners  ,Jakobsbrtidern*  wieder, 
die  erweckung  *)  eines  pilgers  vom  tode.  Das  wird  berichtet  in 
zwei  legenden  der  Wolfenbtitteler  handschrift  neue  nr.  1222 
blatt  77  (vom  jähre  1108)  und  blatt  82  (vom  jähre  1090)  — 
letzteres  ist  die  auch  im  Spec.  bist.  (Patrologia  163,  1371), 
in  der  Legenda  aurea  cap.  XCIV  E  (der  Strassburger  ausgäbe 
von  1489)  im  alten  Passional  223,  38  ff.,  in  Hermanns  Heiligen- 
leben Mystiker  I  168,  2  ff.,  und  in  sechs  von  Goedeke,  Gengen- 
bach s.  638  ff.  angegebenen  fassungen  sich  wiederfindende  becher- 
geschichte*)  aus  Toulouse'),  —  in  der  Legenda  aurea  cap.  XCIVD, 
im  alten  Passional  225,  86  ff.  und  in  der  ersten  der  von  Kläden 
in  V.  d.  Hagens  Germania  7,  252  ff.  mitgeteilten  erzählungen  vom 
h.  Jacobus. 

Etwas  näher  auf  die  quelle,  aus  der  die  wundergeschichte 
in  Kisteners  gedieht  geflossen  ist,  führt  uns  die  schon  erwähnte 
lateinische  legende  vom  jähre  1108  in  der  Wolfenbtitteler  hs. 
neue  nr.  1222  bl.  77*ff.*).  Da  wird  von  einem  manne  aus  Frank- 
reich berichtet,  der,  wie  der  graf  Adam  bei  dem  Strassburger 
dichter,  mit  seiner  gemahlin  in  kinderloser  ehe  lebt,  vergebens 
einen  erben  wünschend.  Nun  pilgert  er  ad  limina  apostoli,  und 
seine  gattin  schenkt  ihm  dann  einen  söhn.  Als  der  knabe  15 
jähre  alt  ist,   zieht  der  vater  mit  seiner  gemahlin,   dem  söhne 


*)  tJbrigens  ist  die  Wiedererweckung  kein  specifisch  christliches  wunder, 
sondern  als  uralter  märchenhafter  zug  schon  aus  der  4.  erzählung  des  geistes 
in  Somadevas  Katha  Sarit  Sagara  zu  belegen. 

*)  In  mehreren  französischen  von  Köhler,  Germania  10,  451  zusammen- 
gestellten Versionen  der  Amicus-  und  Ameliussage  dienen  zwei  becher  als 
erkennungszeichen . 

•)  Vgl.  Sepp,  Altbayerischer  sagenschatz  s.  (552  flf. 

*)  Der  auszug  des  Vincens  von  Beauvais  lautet  a  a.  o.  p.  1372:  ,Anno 
domini  1108  in  oris  Galliae  vir  quidam  uxore  stcrili  filium  non  habens  sanctum 
Jacobum  propter  hoc  adiit  et.  rediens  iilinm  habuit,  cui  Jacob  nomen  imponens, 
cum  esset  annorum  XV,  cum  ipso  et  matre  adire  sanctum  Jacobum  et  ei  offerre 


46 

und  dem  gesinde  zum  dank  nach  Compostella  ^).  Unterwegs  aber 
stirbt  der  sobn.  Die  eitern  brechen  in  Jammer  aus,  die  mutter 
will  sich  töten ;  aber  durch  den  h.  Jakob  wird  der  söhn,  quasi 
de  gravi  somno,  vom  tode  erweckt.  Hierbei  entspricht  der  an- 
lass,  die  pilgerfahrt  des  sohnes,  der  allerdings  nicht  mit  einem 
freunde  reist,  sein  tod  und  seine  erweckung  dem  deutschen 
gedieht. 

Nun  verband  sich  mit  dieser  legende  die  sage  von  den 
beiden  treuen  freunden,  deren  keim  wahrscheinlich  orientalischen 
Ursprungs  ist,  die  aber  auch  zum  teil  in  der  abseits  stehenden 
lateinischen  legendenlitteratur  ihr  seitenstück  findet.  Acta  SS. 
6,  49Cff.  Patrologia  ed.  Migne  p.  1370.  Legenda  aurea  (Lug- 
duni  1516)  cap.  XCIV  ist  die  belohnung  eines  treuen  gefährten 
erzählt,  der  sich,  ,qui  fidem  non  promiserat',  eines  kranken  und 
alsbald  sterbenden  pilgers  angenommen  hat,  während  die  Übrigen 
fortgezogen  waren.  Die  quelle,  in  der  sich  jene  Verbindung 
beider  motive  zuerst  vollzog,  ist  bis  jetzt  nicht  bekannt;  predigt 
und  sonstige  mündliche  Überlieferung,  die  bei  der  fortpflanzung 
und  Weiterentwicklung  der  wandernden  erzähluugen  im  mittel- 
alter  die  allerwichtigste  rolle  spielt,  wird  auch  hier  thätig  ge- 
wesen sein.  In  den  überlieferten  fassungen  der  so  gestalteten 
sage  von  den  beiden  treuen  jakobsbrüdern  sonderten  sich  als- 
bald zwei  gruppen  von  einander  ab.  Den  Versionen  der  ersten 
gruppe  sind  die  freundschaftsproben  und  erkennungszeichen 
eigen  (Köhler,  Germania  10,  448 — 451);  dazu  gehört  ausser 
allen  französischen  fassungen  Pfeiffers  prosalegende.  Die  zweite 
gruppe,  der  Kisteners  vorläge  und  die  italienischen  erzählungen 
folgen,  hat  solche  proben  und  besondere  erkennungszeichen  nicht. 
Ein  nachklang  jener  proben  scheint  in  Kisteners  versen  341  bis 


proposuit.  Sed  in  medio  itinere  puer  aegrotans  exspiravit:  de  cuius  morte 
pareutes  valde  doleutes  quasi  araentes  totum  nemus  clamoribus  repleverunt. 
Mater  auteni  sie  sanctum  Jacobum  interpellavit:  quod  sl  filium  ei  non  redderet, 
se  vivam  cum  eo  facerct  sepeliri.  Interea  dum  puer  ad  tumulum  deferretur, 
quasi  de  somno  excitatus  revixit.  £t  qualiter  eum  sanctus  Jacobus  in  sinu 
suo  tenuerit  et  jusserit  ei  cum  parentibus  iter  incceptum  perageret,  cunctis 
astantibus  narravit'.  Näher  steht  der  Wolfenbtttteler  hs.  der  Acta  SS.  6,  48  C  ff. 
ex  ms.  monasterii  Marchianensis  abgedruckte  bericht. 

*)  Soweit  stimmt  eine  bayerische  legende  überein,  die  Sepp  als  verbürgte 
begebenheit  s.  656  berichtet. 


359  erhalten  zu  sein,  die  auf  eine  iiber  die  beiden  gesonderteu 
gruppen  liinausliegeude  gemeinsame  sageiiform  tiindeatet.  Einen 
liinweis  auf  slavische  sagen  unseres  kreises  verdanke  ich  Johanues 
Bolte:  „Lydia  SchischniänntF,  Legendes  religieuses  bulgares,  1896 
p.  255.  nr.  9J :  Les  trois  fr^res  et  le  vieillard.  Diese  slavisclic 
sage  will  nächstens  Dr.  J.  Jaworekij  in  Lemberg  behandeln; 
vgl.  Dragomanow,  Die  slav.  sagen  über  opfern  des  eignen  kindes. 
Die  Donauländev  hg.  von  Strauss.  1899.  1,1—12.  Sepp  3.660ft'.". 
Zur  äpfelprobe  s.  Laura  Gonzenbachs  Sicilianische  märchen 
nr.  90  und  Xeitschr.  f.  Volkskunde  6,  17B.  Auch  diese  beiden 
nachweise  hat  Boltes  umfassende  gelelirsamkeit  beigestenert. 
Inwiefern  die  einflihrung  des  scliwftbischen  ritters  aus  Heigerloh 
auf  eine  mit  Hartmanus  Armem  Ueinricli  zusammenhängende 
Überlieferung  sollte  schliessen  lassen,  wie  Goedeke,  Gengenbach 
8.  630  vermutet,  entzieht  sich  der  nachprüfung.  Es  liegt  wohl 
nur  wieder  ein  auf  ganz  vager  ähnlichkeit  der  schwäbischen 
lieikunft  beruhender  zweckloser  hinweis  vor.  Die  grafen  von 
Haigerloch  waren  im  Elsass  bekannt  genug:  königin  Anna,  die 
1278  verstorbene  gemahlin  Rudolfs  von  Habsburg,  war  eine  ge- 
borene gräfin  von  Hohenherg-Haigerloch.  Closener  44,  34  und 
Hegel  z,  d.  st.  Ein  graf  Albrecht  von  Hohenberg  und  Haigerloch 
war  die  hauptstiitze  des  herzogs  Albrecht  von  Österreich  in 
Schwaben.  Oiosener  58,  9.  In  einem  zusatz  zu  der  lateinischen 
erzählung  von  herzog  Ernst  kommt  ein  gi'af  Wetzilo  von  Haiger- 
loch vor.  Bartsch  s.  XLIV.  Leider  teilt  die  vorläge  Kisteners 
mit  Hartmanns  quelle  das  Schicksal,  uns  bis  jetzt  nicht  bekannt 
zu  sein. 

Kistener  selbst  bezeichnet  v.  1194  seine  vorläge  als  eine 
nicht  deutsche,  die  er  in  reimen  (v.  12  und  128)  umgedichtet 
habe,  Demnach  wäre  wohl  an  eine  lateinische  oder  französische 
zu  denken.  Wieder  ungenau  ist  es,  wenn  Goedeke  im  gnind- 
riss  I*  233  angibt:  , Kistener  will  das  gedieht  aus  dem  latei- 
nischen verdeutscht  haben'.    Dieser  sagt  vielmehr  vei-a  1193  flf.: 

,ders  uns  ze  liste  hat  gedalit 

und  ze  tiltsche  hat  gehraht, 

daz  tat  Kuonze  Kistener'. 
Gegen  eine  französische  vorläge  {nicht  quelle)  spricht  ausser 
dem    von    Scherer,    Geschichte    des    Elsasses  I '  ß4  hervorge- 


47 

hobenen  umstände,  dass  litterariscbe  einflfisse  Frankreichs  im 
XIV.  Jahrhundert  in  Strassburg  überhaupt  nicht  wahrzunehmen 
sind,  manches,  was  auf  eine  längere  Überlieferung  der  sage  in 
Deutschland  schliessen  lässt:  die  einführung  des  bayerischen 
grafen,  herrn  Hugs  von  Heigerloh,  des  deutschen  wirtes  in 
Compostella,  und  wohl  auch  das  intime  deutsche  lokalkolorit. 
Dass  der  elsässische  dichter  dies  alles  von  dem  eigenen  hinzu^ 
gethan  und  eine  in  diesen  punkten  ganz  abweichende  oder  farb- 
lose vorläge  so  völlig  um-  und  ausgearbeitet  haben  sollte,  ist 
kaum  anzunehmen.  Wir  werden  damit  also  allerdings  auf  eine 
lateinische  vorläge  geführt.  Ob  Kistener  selbst  latein  verstand, 
ist  trotz  vers214flF.  sehr  fraglich;  vers  72  beruft  er  sich  auf 
mündlichen  bericht  ,man  seit  mir',  wenn  man  dieser  formel  be- 
deutung  beilegen  darf.  Vgl.  v.  252  ff.,  wo  die  worte  ,sit  hau 
ich  gehoeret  sagen  .  .  .  von  lüten,  diez  mit  ougen  sahent'  nichts 
als  die  konventionelle  legendenphrase  sind.  Vgl.  den  schluss 
des  Volksliedes  Uhland  303.  Möglich,  dass  er  sich  das  latein 
übersetzen  Hess,  wie  die  elsässischen  Parzifaldichter  das  fran- 
zösische. 

Charakteristisch  für  den  aufbau  der  sage  von  den  jakobs- 
biildern  und  zugleich  ein  zeugnis  für  ihre  verhältnismässig  späte 
entstehung  ist  die  kontaminierung  meist  schon  verbrauchter 
typischer  motive.  Erfolgreiches  gebet  oder  gelübde  einer  kreiiz- 
oder  wallfahrt  bei  unfruchtbarer  ehe  erscheint  z.  b.  im  Alexius 
der  verschiedensten  Versionen,  im  Reinfried  von  Braunschweig, 
im  Zwölfjährigen  Mönchlein,  im  Wilhelm  von  Österreich  des 
Johann  von  Würzburg;  botschaft  von  der  geburt  eines  knaben 
wird  auch  im  Alexius  A  und  Reinfried  von  Braunschweig  ge- 
bracht; die  glocken  fangen  beim  wunder  von  selbst  zu  läuten 
an  im  Alexius  A  758  (vgl.  die  lateinische  quelle  s.  163  f.),  die 
heimkehr  nach  30  oder  20  jähren  ist  ein  uraltes  volksmässiges 
motiv,  z.  b.  im  alten  Hildebrandslied  50;  das  mitführen  einer 
leiche,  der  allerlei  ehren  zu  teil  werden,  erinnert  an  die  sage 
von  Karls  des  Grossen  gemahlin;  das  erscheinen  eines  als  bettler 
verkleideten  am  hochzeitstage  weist  schon  der  St,  Oswald  des 
XII.  Jahrhunderts  und  der  gute  Gerhard  auf;  viele  formen  der 
heilung  des  aussatzes  durch  blut  stellt  Cassel  in  seinem  buche 
über  die  Symbolik  des  blutes  s.  158  ff.  zusammen;  über  die  mi 


48 

fahrt  vgl.  Johannes  Bolte  zu  Schumanns  Nachtbüchlein  s.  411. 
Schon  Wttlcker  verwies  Germania  17,  57  auf  den  Busant  GA 
nr.  XVI,  V.  694  ff. 

Auch  den  grundgedanken  der  treue,  der  besonders  vers  2, 
37,  58,  1176  ff.  betont  wird  und  das  ganze  werkchen  durchzieht, 
fand  Kistener  bereits  in  Konrads  Engelhard  vorgebildet,  dem 
er  wahrscheinlich  die  nachhaltigste  anregung  verdankte. 

Behandlung  des  Stoffes. 

Da  die  vorläge  Kisteners  nicht  erhalten  zu  sein  scheint, 
ist  es  nicht  möglich,  den  grad  der  Selbständigkeit  sicher  zu  be- 
stimmen, mit  welcher  der  dichter  seiner  vorläge  gegenüber  ver- 
fuhr.   Wir  sind  hier  nur  auf  Vermutungen  angewiesen. 

Der  dreiteilige  prolog  und  epilog  sind  eigene  arbeit  mit 
anlehnung  an  Konrad  von  Würzburg.    Jäckel  s.  93. 

Als  erfindung  des  elsässischen  dichters  kann  das  kloster 
Gnadau  gelten.  Dass  ein  solches  im  mittelalter  nicht  nachzu- 
weisen ist,  wurde  schon  oben  erwähnt.  Auch  der  uame  der 
modernen  herrenhuteransiedlung  Gnadau  südlich  von  Magdeburg 
ist  frei  erfunden.  Hartmann  nimmt  im  Erec  7069  ,der  Gnaden 
sant'  an.  Auf  die  aus  der  vorläge  stammende  Versicherung 
Kisteners,  dass  das  kloster  ,jetzt  noch*  stände  und  dergleichen 
(v.  257,  1164),  ist  ebensowenig  etwas  zu  geben,  als  wenn  es 
z.  b.  im  R.  Parzifal  111,  31  heisst: 

,Büffoy  der  turn  geheissen  wart, 
und  allenthalben  durch  daz  laut 
ist  er  noch  Büffoy  genant'.  vgl.  s.  47. 

Vers  1165  spricht  Kistener  auch  nur  von  hörensagen  ,daz  wir 
beeren  sagen*;  gekannt  also  hat  er  kein  kloster  dieses  namens. 
Wenn  der  dichter  ferner  1171  f.  diesem  kloster  zugleich  männer, 
frauen  und  kinder  als  iusassen  verleiht,  so  trägt  diese  angäbe 
den  Charakter  der  erfindung^).  Bekanntlich  wurden  kloster 
derart  787  verboten.  Wie  kam  aber  Kistener  auf  jenen  namen? 
Diese  frage  beantwortet  die  topographie  des  Elsasses,   das  die 


*)  Allerding:s   waren    der   poetischen   erfindnng  durch  die  wunderliche 
schr>pfung  Ludwigs  des  Bayern  zu  Ettal  die  wege  gewiesen.  Z.  f.  d.  A.  38,  3(51  ff. 


49 


znsammensetzang  der  Ortsnamen  mit  ,owe'  ungemein  liebt:  allein 
im  Unterelsass  und  der  Ortenau  verzeichnet  die  dem  8.  bände 
der  Städtechroniken  beigegebene  karte  elf  in  der  nähe  des  Rheins 
gelegene  orte  dieser  art. 

Die  liebevolle  epische  ausmalung  der  meisten  Situationen, 
die,  besonders  familienscenen  auszeichnende,  oft  herzlich  an- 
mutende auffassung  und  die  durchdringung  des  ganzen  mit  der 
einheitlichen  idee  der  treue,  kurz  das  ,warme  leben  und  die 
deutsche  sele*.  die  dem  Stoffe  eingehaucht  sind,  werden  wir  wohl 
dem  dichter  als  verdienst  mehr  oder  weniger  zuschreiben  dürfen. 

So  ist  aus  der  legende  unter  seinen  bänden  ein  kleiner 
roman  geworden,  in  dem  erbauliches  und  unterhaltendes  ver- 
bunden:  der  weg,  den  Hartmann  der  legende  gewiesen. 

Bei  der  darsteliung  kam  ihm  mancher  Vorzug  des  immer- 
hin mit  diskretion  verwendeten  dialekts  zu  statten,  ,der  durch 
häusliche  tugenden  ersetzt,  was  an  äusseren  Schönheiten  fehlt, 
die  anmut  und  Unschuld  der  empfindung,  der  schmeichelnde  ton 
der  Vertraulichkeit  und  alle  die  verborgenen  reize,  die  jeder  an 
den  heimatlichen  lauten  besser  fühlt,  als  er  sie  schildern  kann\ 
wie  Scherer  so  treffend  von  der  neueren  elsässischen  mundart 
sagt.  In  der  that  ist  die  ausdrucksweise  oft  echt  volkstümlich; 
manche  Wendungen  derart  sind  in  den  anmerkungen  verzeichnet, 
hier  sei  nur  an  ausdrücke  wie  ,minne'  für  mutter,  ,sin  herze 
wart  im  grosz*  und  ,ellende  im  under  ougen  sluog'  erinnert.  Ein 
nachteil  dieser  Vorliebe  für  ungezwungene  volksmässige  aus- 
drucksweise zeigt  sich  in  der  Verbindung  and  xolvov  s.  zu  33. 

In  der  verskunst  verfügt  der  dichter  noch  über  die  errungen- 
schaften  der  besseren  mittelhochdeutschen  technik  und  unter- 
scheidet sich  dadurch  vorteilhaft  von  seinen  etwas  älteren  lands- 
leuten  Claus  Wisse  und  Philipp  Colin,  deren  arg  verwahrloste 
verse  oft  niclits  als  zerliackte  prosa  sind.  Kistener  baut  seine 
verse  regelmässig,  wenn  auch  nicht  immer  zierlich,  ohne  sich 
zweisilbige  Senkungen  zu  gestatten,  wie  man  es  bei  einem  schüler 
Gottfrieds  und  Konrads  nicht  anders  erwarten  kann.  Zweifel- 
haft bleiben  etwa  nur  209,  837.  Allerdings  fand  sich  für  Kon- 
radische feinheiten  kein  publikum  mehr.  Zu  5.  Die  Senkung 
fehlt  öfter  an  3.  stelle.  Klitscher  s.  20  f.  Auftakt  und  betonung 
weichen  von  dem,  was  gegen  ende  des  XIII.  jalirhunderts  bereits 

Euling,  Kistener.  '^ 


allgemein  erlaubt  war,  nicht  ab.  Allerdings  erscUeineii  bei  ibin, 
wie  schon  längst  allgemein  im  dialekt,  in  der  schriftprosa  und 
in  der  poesie  viele  verkürzte  {in  zweifelliafteii  fällen  immer 
durch  reime  erwiesene)  spracliforiuen ,  die  von  den  klassischen 
dichtem  vermieden  waren.  Dreihebige  verse  mit  stumpfem 
schluss,  über  die  Jänicke  zu  Peter  von  Staufenberg  s.  60  spricht, 
liegen  vor:  63  .  411  .  625  .  697  .  805  .  939  .  1165.  Durch  ent- 
sprechemle  betonung  zu  beheben  ist  729:  Dö  wöltents  ime  klagen. 
Dehnung  ist  wahrscheinlich  eingetreten  882,  112. 

Auch  der  immer  trostloser  werdenden  monotonie  der  kurzen 
reimpare  gegenüber  wahrt  Kistener  noch  anklänge  an  bessere 
muster,  wenn  er  z.  b.  reimhäufung  (31  Ö".,  35ff.,  45ff,  u.  s.  f., 
aber  auch  bisweilen  ohne  sinn  für  abwechslung  685  ff.  oder  aus 
notbehelf  845  ft".  Klitscher  s.  50)  verwendet.  Allerdings  macht 
er  im  reim  auch  von  den  freiheiten  gebrauch,  die  ihm  die  mnnd- 
art  gewährte,  überschreitet  sie  aber  auch  nicht.  So  reimt  er  19 
gemacht  :  nach.  Weinhold,  Alem.  gr.  s.  140,  (Es  kann  sich  hier 
nur  um  ergänzung  der  schon  oben  s.  14  f.  verzeichneten  reime 
handeln.)  35  im  :  dahin,  171  dran  :  kam,  478  u.  ö.  mau  :  kam, 
670  arm  :  vam.  724  stan  :  nam.  Weinhold,  Mlid.  gr.  §  216, 
229  wot  :  vor.  Alem.gr.  s.  162,  677  schier:  mir,  Mhd,  gr. 
§  45,   Vgl.  Jänicke  zu  Stauf.  s,  57  ff. 

Wie  sehr  Kisteuers  nachahmer  Hans  von  Bühel  wieder  die 
metrik  vergröberte,  ist  in  der  sclirift  Über  spräche  und  vers- 
kunst  Heinrich  Kaufringers  s.  16  in  anschluss  an  Seeligs  (aller- 
dings nicht  erschöpfende)  Untersuchungen  (Strassburger  Studien 
III  306  ff.)  hervorgehobeD.     Vgl.  aber  auch  oben  a.  26,  32. 

Die  epische  technik  des  dichters,  insbesondere  sein  poetischer 
Stil,  beruht  allerdings,  wie  wir  schon  sahen,  wesentlich  noch  auf 
tradition  der  kunst  Gottfrieds  von  Strassburg  und  Konrada  von 
Würzburg.  Insofern  ist  Kistener  epigone.  Doch  wenn  es  das 
merkmal  des  epigonentums  ist  ,durch  die  poesie  die  ideale  einer 
zeit  festzuhalten,  die,  zur  litterarischen  Vergangenheit  geworden, 
den  boden  der  gegenwart  verloren'  haben,  so  kann  er  als  epigoue 
in  diesem  sinne  eigentlich  nicht  gelten.  Die  aus  seinen  versen 
redende  gesinnung  hat  mit  den  hötischen  anachronismen  auf- 
geräumt, er  lebt  in  der  realen  gegenwart.  Er  predigt  nicht 
höfische  lügenden  wie  Konrad    von  Wiirzburg  (QF  54,  12  und 


51 

Egenolf  1  flf.  Vgl.  die  bornierten  Standesvorurteile  Part.  4690  ff. 
und  Troj.  6428  ff.),  sondern  allgemein  menschliche.  Aber  auch  die 
form  weist  der  Konradischen  kunst  gegenüber  eine  fortentwicklnng 
auf.  Die  poetische  floskel  wird  auf  ein  geringeres  mass  zurück- 
geführt, die  spräche  wird  weniger  bildlich,  die  konventionellen, 
durch  Umschreibung  des  begriffs  gebildeten  Wendungen  (QF  54, 
33  ff.  Jäckel  s.  23  ff.)  schwinden  mehr  und  mehr,  die  ermüdende 
Umständlichkeit  und  die  ausführlichen  Schilderungen,  in  denen 
die  höfische  dichtung  so  viel  gesündigt,  sind  geradezu  verpönt. 
Schon  der  fortsetzer  des  Trojanerkriegs  ersetzt  Konrads  über- 
mässige breite  durch  eilende  kürze  (Klitscher  s.  37f.);  schon 
Egenolf  meidet  das  ausspinnen  langer  reden  (Jäckel  s.  16).  Was 
die  kunst  hierbei  zum  teil  einbüsst,  wird  durch  andere  Vorzüge 
zu  ersetzen  versucht.  Die  handlung  wird  rascher,  mehr  leben 
und  empfindung  nähern  diese  poesie  im  gegensatz  zu  der  kon- 
ventionellen haltung  der  älteren  dichtung  der  volksmässigkeit. 
Häufige  ellipsen  wie  sü  uf  unde  854,  vrouwe  und  herre 
balde  der  615,  uf  hin  allez  daz  da  was  585,  sü  hin,  sü 
sazent  uf  ir  pfert  552,  lebhafte,  ohne  einleitung  ausbrechende 
ausrufe  wie  , balde  reichent  wasser  har!'  1094,  , balde, 
daz  wir  hin  abe  sini*  1030  (vgl.  oben  s.  20)  verleihen  der  dar- 
stellung  den  Charakter  drängender  entschiedenheit,  die  mehr  an- 
deuten, als  ausführen  will.  Auf  Übergänge,  die  bei  Konrad 
manchmal  (wie  Troj.  5764  ff.),  beim  Bühelcr  fast  immer  in  pein 
liches  geschwätz  ausarten,  wird  wenig  geachtet  521  ff.,  732 f., 
1030  f.  Der  junge  graf  erhält  nicht  einmal  einen  namen:  es 
bahnt  sich  der  Übergang  zu  jeuer  eutwicklung  an,  welche  typen 
an  stelle  der  individuen  setzt  und  in  die  volksballade  ausläuft. 
Unterstützt  wird  diese  eutwicklung  durch  die  neigung  des  alt- 
deutschen epischen  Stiles,  „die  Situation  der  Vorgänge,  ihre  ört- 
lichen und  zeitlichen  umstände,  undeutlich  zu  lassen".  Schön- 
bach, Über  Hartmann  von  Aue  s.  416.  Während  es  in  der 
höfischen  mhd.  poesie  eher  individuen  als  Individualitäten  gibt, 
werden  jetzt  allmählich  typen  geschaffen,  die  als  Individualitäten 
gelten  können,  ohne  konkret  benannte  wirkliche  individuen  zu 
sein.  Hier  beginnt,  wie  in  der  novelle,  die  individualisierung 
der  neueren  poesie  durchzubrechen.  Das  eigentlich  menschliche 
wird  von  Kistener  voll  und  kräftig  herausgehoben:   hier  ist  kein 

4* 


52 

schematisch  nach  dem  höfischen  ideal  konstruierter  ritter  mehr, 
sondern  ein  mensch  mit  leidenschaf ten ;  keine  modedame,  son- 
dern eine  mutter;  keine  konventionell  beschriebene  familie  mit 
den  unerlässlichen  sozialen  eigenschaften,  sondern  eine  in  wenigen 
strichen  meisterhaft  gezeichnete  familie  in  ganz  bestimmten  Ver- 
hältnissen, eine  familie,  die  ihre  frühere  soziale  Stellung  mit 
einer  kleinbürgerlichen  vertauscht  hat.  Bei  Kistener  hat  der 
alte  graf  noch  einen  namen  ohne  rechte  individualität ,  die 
andern  personen  sind  Individualitäten  ohne  namen :  beim  Büheler 
trägt  in  der  Königstochter  keine  der  handelnden  personen  eine 
nähere  bezeichnung,  da  gibt  es  nur  einen  könig  von  Frank- 
reich, einen  könig  von  England,  einen  papst,  einen  bürger 
von  Rom,  einen  marschall,  einen  königssohn,  eine  königstochter 
u.  s.  f.  Während  noch  Egenolf  in  höfischer  weise  verfährt, 
folgt  die  volksmässige  dichtung  durchweg  der  eben  bezeichneten 
richtung. 

Aus  einzelnen  partieen  des  gedichtes  endlich,  wie  der  heim- 
kehrscene  v.  689  ff.,  spricht  eine  art  von  lyrischer  Stimmung, 
welche  die  Situation  auf  kosten  des  ereignisses  bevorzugt  und 
manches  der  ausgestaltenden  fantasie  des  hörers  überlässt.  Vogt 
in  Pauls  Grundriss  II  1,  369,  371. 

So  hat  der  dichter  es  erreicht,  was  zu  seiner  zeit  so  schwer 
war  und  in  unserer  zeit  ihm  manche  warme  anerkennung  ver- 
schafft hat,  bis  zu  einem  gewissen  grade  individuell  zu  sein. 


V 

Charakteristik. 

Von  dem  glänze,  den  eine  ungemeine,  in  politik,  kunst, 
geschichtsclireibung  und  religiösem  leben  sich  ausprägende  kul- 
turelle regsamkeit  über  Strassburgs  vierzehntes  Jahrhundert 
breitet,  fällt  auch  ein  freundlicher  Widerschein  in  die  stube 
eines  einfachen  bürgers. 

Allerdings  umgibt  uns  hier  eine  ganz  andere  geistige  atmo- 
spliäre,  als  dort  auf  den   hohen  ritterburgen  mit  ihren   stolzen 


liallen  und  eiitzückeudeu  fernsicliten,  an  die  sinnige  betracbtiiiig 
weit  ausgreifende  ahnungsvolle  gedanken  kuüpft:  eng,  wie  die 
winkligen  gassen  und  die  dunklen  häuser,  ist  auch,  wie  ea  äusser- 
licber  beobachtung  scheinen  mnss,  der  gesicbtskreis  der  bewoiiner. 
Die  scböne  weit,  welche  die  reiche  fantasie  grosser  dichter  in 
das  ritterliche  leben  bineingezaubert  hatte,  war  ins  grab  ge- 
sunken, und  ihre  oft  mit  sagenhaftem  rulnn  bekleideten  gestalten 
spukten,  zii  blutlosem  Scheinleben  verurteilt,  meist  nur  noch  in 
dem  köpfe  eines  sprossen  aJtadliger  geschlecbter,  der  begann 
mit  velleitäten  die  leeren  seilen  des  Charakters  zu  tapezieren, 
oder  im  gehirn  biederer  bandwerker,  die  Apollo  im  zorn  zu 
versescbmieden  gemacht  hatte,  und  die  nun,  wie  ihre  unsterb- 
lichen znuftgenossen  im  Sonimernachtstraum,  in  langweilig  ehr- 
barer müsse  behagliche  karikaturen  schufen,  ohne  im  mindesten 
die  kluft  zu  ahnen,  die  ihre  nur  alljfu  bürgerliche  deukungsart 
von  den  ideen  fUr  immer  vergangener  zeiten  trennte.  Und  doch 
gehörte  diesen  leiiten  die  zukunft,  nicht  der  abgelebten  höfischen 
weit.  Unter  heissen  kämpfen  hatten  sie  sich  die  ihnen  ge- 
bührende anerkennnng  innerhalb  des  städtischen  gemeinwescns 
errungen;  und,  gestützt  auf  seineu  Jbm  immer  mehr  das  öber- 
gewicht  verbürgenden  Wohlstand,  hatte  der  bfirger  gelernt  mit 
grösserer  Sicherheit  und  allgemach  mit  breiter  würde  aufzu- 
treten. Eine  bürgerliche  kunst  und  bürgerliche  litteratur  be- 
gann sich  zu  entfallen.  Aber  schwere  zeiten  waren  ins  land 
gegangen  und  hatten  die  dauerbaftigkeit  der  damaligen  gesell- 
schaft  auf  eine  harte  probe  gestellt.  Grosse  epidemieen,  öber- 
schwenimnugen,  misswachs,  huugersnot  schufen  ein  soziales  elend 
von  kaum  übersehbarer  ausdehnung  und  gaben  dem  grübelnden 
geisle  eine  ernste  riclitung.  Und  als  nun  der  fürchterliche 
schwarze  tot  die  schwergeprüfte  meuschbeit  schrecklich  heim- 
suchte, da  entlud  sich  die  fieberhafte  Spannung  der  gemüter 
in  den  fmchtbareu  ausbrüchen  der  judeumorde  und  der  fana- 
tischsten Selbstpeinigung,  Während  auf  den  Strassen  die  ein- 
förmigen weisen  der  geissler  ertönten,  arbeitete  daheir 
einer  geistigen  kraft,  die  thatsächliuh  einen  höbenpuukt 
alterlichen  geisteslebens  bezeichnet,  die  mysüsche  phii 
an  der  lüsung  des  ewigen  welträtaela. 

Freilich  für  die  frömmigkeit  des  gemeinen  mat 


54 

ausgleich  zwischen  dem  christlichen  Spiritualismus  und  der  sünd- 
haft schwachen  natur  des  menschen  leichter  gefunden :  er  vollzog 
sich  für  ihn  in  etwas  derb -handgreiflichen  wundern,  an  deren 
Segnungen  teilzuhaben  man  andächtig  sich  bemühte.  Legenden 
und  legendäre  züge  begegnen  häufiger  in  den  mystischen  schriften 
und  erscheinen  auch  selbständig  im  südwestlichen  Deutschland, 
am  anziehendsten  in  der  geschichte  vom  zwölfjährigen  mönchlein, 
einer  weihnachtserzählung  von  zauberhafter  Innigkeit.  Kein 
wunder  also,  wenn  sich  der  bürgerliche  dichter,  der  sich  in  der 
litteratur  die  sporen  verdienen  wollte,  der  legende  zuwandte; 
einer  legende,  welche  die  uralte  freundschaftssage  mit  wundem 
des  h.  Jakobus  verband.  Es  ist  aber  auch  kein  zufall,  sondern 
vollkommen  ausdruck  der  zeitrichtung,  wenn  in  der  musterlegende 
Hartmanns,  im  armen  Heinrich,  durch  leiden  und  prüfungen  die 
reine  menschlichkeit  triumphiert  und  ein  glückliches  erdendasein 
der  preis  des  edelmutes  und  der  Selbstüberwindung  wird,  während 
in  Kistenei'S  Jakobsbrüdern  das  geschick  der  für  immer  ver- 
bundenen freunde  eine  fromm-entsagende  wendung  nimmt;  heilig 
zu  werden,  schon  hier  auf  erden,  ist  das  losungswort  der 
mystischen  frömmigkeit.     S.  zu  249. 

Der  dichter  der  Jakobsbrüder  ist  ein  bescheidener  mann, 
nicht  ohne  Selbstachtung,  der  keineswegs  für  geld  (17)  schreibt 
oder  gar  wie  seine  Rappoltsteiner  kollegen  mitten  in  den  epilog 
die  kostenrechnung  für  seinen  auftraggeber  einlegt.  Aber  neben 
der  ehre  gottes  und  der  Verherrlichung  des  h.  Jakob,  zu  dem 
er  grosses  vertrauen  hegt,  schwebt  ihm,  dem  weltkinde  (1202), 
doch  auch  etwas  von  recht  weltlichem  schriftstellerischen  ehr- 
geiz  vor;  am  urteil  der  weit,  die  sonst  so  bösen  lohn  gibt,  und 
an  der  guten  meinung  seiner  leser  und  hörer  ist  ihm  im  gründe 
nicht  wenig  gelegen  (8,  18,  1191  ff.).  Muss  er  es  sich  doch  sauer 
werden  lassen;  manclie  nacht  hat  ihn  an  seinem  werke  arbeiten 
sehen  (11),  und  neben  den  wünschen  für  sein  Seelenheil  findet 
auch  wohl  ein  naiver  seufzer  um  das  liebe  geld  den  weg  in 
seine  verse  (159,  68,  247  ff.). 

Solche  wünsche  stören  ja  allerdings  den  epischen  ton  und 
verletzen  teils  die  gesetze  feineren  geschmacks:  aber  man  darf 
mit  dieser  zeit  des  realismus  einer  aufstrebenden  gesellschaft 
nicht  zu  streng  ins  gericht  gehen  und  vergegenwärtige  sich  das 


datualige  iiiveaii  des  ästhetischen  geschmackes.  Da  gibt  es  viel 
schlimmere  beispiele  der  geschmacklosigkeit:  die  drollige  zettel- 
schule des  heiligen  geisles  bei  Rulraan  Merswin,  Neun  felsen 
jt.  127,  die  vielen  plattheilen  des  Rappoltsteiiier  Parzif'als!  Hier 
wird  z.  b.  mit  der  iniene  eines  rosskamras  berichtet,  wie  der 
bauer  das  pferd  Sagreraors  mit  einem  Strohwisch  säubert  645, 
45  ff.  Karados  macht  Witze,  die  höclistens  im  rauchcoupöe  er- 
laubt sind  63,  32  ff.  Die  begegnungen  mit  dem  teufel  werden 
zu  regelrechten  kaptizinaden ;  und  wer  Über  die  ohnmacliten  bucli 
fhhren  wollte,  die  der  dichter  verbraucht,  bekäme  ein  nettes 
stimmchen  zusammen,  das  nur  noch  Hans  vou  Bühel  erreicht'). 
Dieser  uachahmer  Kisteners,  ein  adeliger  laie  und  ein  in  seiner 
zeit  ausgezeichneter  dichter,  leistet  in  roheit  und  gesclimack- 
losigkeit  gelegentlich  beinahe  das  menschenmögliche,  so  dass 
der  einfach  bürgerliche  Kanz  Kistener  ihm  gegenüber  als  eine 
hocherfreuliche  erscheinung  absticht.  Für  die  albernheit  und 
Plumpheit  der  Übergänge,  die  dem  Biilieler  die  versnot  abpresst, 
ist  kaum  ein  tadel  scharf  genug.  Die  seelische  bewegung  der 
Personen,  trauer  oder  Überraschung,  finden  bei  ihm  bisweilen 
einen  hochkümischeu  ausdruck:  weinend  falten  häufig  die  Prin- 
zessin und  ihr  liebhaber  im  Diocietian  7980  vor  helrübnis  zur 
erde,  eine  körperlage,  die  auch  der  kaiser  sofort  einnimmt,  als 
er  erschrickt  (Diocietian  8ß90fl',);  trotzdem  der  dichter  ver- 
sichert, er  sei  wie  tot  zur  erde  gefallen,   fährt  er  gleich  fort: 

,0  we  der  groszen  not' 

sprach  der  keiser,  do  er  uf  kam. 

sine  kleider  er  do  nam 

und  zureisz  sti  alle  zu  male. 
Wie  psychologisch  unwahr  und  wie  grob  die  scene  Bflhelers  dar- 
gestellt ist,  als  Ludwig,  um  den  freund  zu  retten,  seine  kinder 
tötet  (Diocietian  8860  ff.),  lehrt  ein  vergleich  mit  Kisteners  ent- 
sprechender scliilderung.  Die  kaiserin  ,wütet  wie  ein  zorniger 
hund'  und  ,fnsKt  sieb  selbst  vor  zorn'  (Diocietian  ö7Sn  '"""'\. 
der  kbnig  von  England  sagt  seiner  mutter  (Koni 
sie  babe  ihm  mütterliche  treue  erwiesen,  wie 


']  Ob  traditionelles  ilahei   im  spiele  ist,  gähr 
>D  s,  161  zu  bedenken. 


66 

der  biedere  marschall  kündigt  der  unschuldigen  königin  (Königs- 
tochter 2371  fiF.)  den  tod  auf  dem  Scheiterhaufen  an,  indem  er 
ihr  die  angenehmsten  aussichten  im  jenseits  eröffnet. 

darumb,  gnedige  frowe  min, 

so  gebent  fleh  nun  glich  darin 

und  lident  es  gedulticlich : 

so  kumpt  ir  in  das  himelrich 

und  mit  fleh  flwer  liebes  kind. 

das  wflnschent  fleh  all  die  hie  sind. 

und  bichtent  und  gebt  (dolt?)  durch  got  ser, 

wann  ir  blibent  nit  lenger  mer. 

dann  unz  die  nacht  herfflr  gat; 

dann  helffe  uns  die  trinitat 

und  auch  flwerm  lieben  kinde. 
Wir  sehen,  die  ritterliche  gesellschaft  des  vierzehnten  Jahr- 
hunderts, fflr  die  der  Rappoltsteiner  Parzifal  bestimmt  war  und 
der  Hans  von  Bflhel  angehörte,  war  nicht  wählerisch,  nicht 
verwöhnt,  in  künstlerischer  beziehung  ohne  feingefühl,  beherrscht 
von  einem  verrohten  empfinden.  Wie  viel  erfreulicher  die  in 
der  maierei,  in  der  mystik,  in  der  litteratur  neu  aufstrebende 
bürgerliche  kunst  und  Wissenschaft! 

Beurteilen  wir  also  den  dichter  liistorisch,  so  müssen  wir 
ihm  hoch  anrechnen,  dass  er  sich  von  den  groben  Plattheiten 
und  roheiten  seines  Jahrhunderts  frei  hält. 

Unserm  dichter  erscheint  als  höchste  eigenschaf  t  des  menschen 
die  opferwillige  treue,  mit  der  er  gelegentlich  aufrichtigkeit,  be- 
scheidenheit  und  freigebigkeit  verbunden  wissen  will.  Werk- 
heiligkeit ohne  bekämpfung  der  leidenschaften  verwirft  er  (23  ff.). 
Durch  alle  äusserungen  eines  weltentrückten  Wunderglaubens  und 
alle  phrasen  des  kirchlichen  konventionalismus  scheint  ein  ge- 
sunder sinn  für  diesseitigkeit  erfreulich  hindurch.  Das  mensch- 
lich ergreifende  der  fabel  steht  im  mittelpunkte  seines  interesses, 
ohne,  wie  bei  Hans  von  Bühel,  in  rührseligkeit  und  ,nassen 
Jammer*  auszuarten.  Kisteuer  hat  sinn  für  freundschaft  und 
faniilie;  freud  und  leid  menschlicher  geschicke  haben  bei  ihm 
meist  angemessenen,  bisweilen  feinen  ausdruck.  Wie  diese 
st€ig:erung  des  gefühls  mit  den  allgemeinen  geschichtlichen  Vor- 
aussetzungen zusammenhängt,  hat  bis  jetzt  am  besten  Harnack, 


Dogmeiigescliiclite  III*  380  ff.  gezeigt.  Kistener  versteht  es,  die 
gestalten  der  diclitang  seinem  bürgerlichen  publikum  in  dessen 
weise  iiahezubringeu:  den  grafensohn  im  pilgergewande ,  arm, 
verlassen,  wie  er  stirbt  nnd  verdirbt;  den  rittersohn  als  un- 
bemittelten fahrenden  abenteurer,  den  die  mit  reichtum  nii-ht 
gesegneten  eitern  schon  früh  haben  in  die  weit  ziehen  lassen 
und  der  sein  glück  im  fremden  lande  sucht;  die  rittersfamilie 
zu  Heigerloh  in  einem  Vorstadtidyll  bei  einer  Wäscherin. 

Allerdings  eine  psychologische  losung  der  Verwicklung,  wie 
sie  Hartmann  gegeben  hatte,  lag  Kistener  zu  hoch  und  wider- 
sprach auch  den  anschauungen  des  mittelalterlichen  bHrgers, 
der  auf  intim  vertrautem  fusa  mit  den  gestalten  des  legenden- 
himmels  lebend,  deren  eingreifen  in  die  beschicke  ganz  uattirlich 
fand.  Dass  die  mystik  als  solche  die  nothelfer  und  den  ganzen 
apparat  äasserlichen  kii'chentums  gar  nicht  ausschliesst,  sondern 
vielmehr  fordert,  hat  sehr  richtig  Harnack,  Dogmengescliichte 
III*,  379  bemerkt.  Das  grässliche  geschieht  hier  aber  auch 
nicht  mit  unnattlrlicher  kälte,  sondern  den  Jammer  und  den  tief 
tragischen  konfllkt  in  der  seele  des  vaters  lässt  uns  der  dichter 
mit  erleben;  aber  wenn  sich  das  herz  müde  gerungen,  dann 
lässt  er  fromm  gott  und  seine  heiligen  eingreifen. 

Seinen  stoff  beherrscht  er  völlig,  um  eines  armutszeugnisses, 
wie  es  sich  Hans  von  Blihel  in  der  Königstochter  4246  ff,  aus- 
stellt, nicht  zu  bedürfen,  und  er  wahrt  durchweg  die  einheit 
des  Stoffes  und  der  idee.  Er  beobachtet  auch  mit  erfolg  das 
gesetz  des  klinstlerischon  kontrastes,  wenn  er  uns  von  den  fest- 
lichkeiten  der  bürg  an  das  totenbett  des  pilgers  in  der  reise- 
herberge,  von  dem  festlichen  gepränge  der  kathedrale  in  Com- 
postelta  in  die  einsame  bürg  und  die  gassen  von  Heigerloch, 
von  grossem  glück  zu  tiefem  elend,  von  aufregenden  scenen  zu 
glücklicher  befriedigung  führt.  Das  mag  auch  ein  Vorzug  seiner 
quelle  gewesen  sein.  Aber  man  vermisst  doch  den  sinn  für 
geschmackvolle  gleichmässigkeit  und  abwechslnng  in  der  aus- 
führung,  ein  mangel,  den  er  mit  der  volksballade  teilt.  Ebenso 
fehlt  ihm  natürlich  die  schwungvolle  fantasie  und  die  gedankeu- 
fülle  des  grossen  dichters,  der  die  schranken  seiner  zeit  und 
seines  volkes  überwindet.  Was  Görres  den  einfältigen  deutschen 
hausverstand  nannte,  wird  Liei'  oft  als  hausbackenheit  lästig. 


J 


Kompositionstalent  ist  unverkennbar;  wiedererkeniiungen  und 
gltkckswechsel  sorgen  für  Spannung.  Charakterisierungskunst 
zeigt  sich  mehr  in  der  Zeichnung  der  Situation  als  in  markanter 
dai'Stellung  der  personen.  Der  dialog  ist  lebhaft,  rednerischer 
schmück  volksmässig  sparsam.  Zu  dem  stoff  hat  der  dichter 
ein  wirklich  inneres  Verhältnis,  das  sich  in  vertraulichem  mit- 
gefühl  ausspricht. 

Was  Kunz  Kistener  im  übrigen  seinem  werke  mitgeben 
konnte,  verdankt  er  zum  grüssten  teile  der  lektüre.  In  Strass- 
burg  hatte  noch  lange  der  deutsche  Nonnus,  der  viel  nach- 
geahmte Konrad  von  Wiirzburg  den  geschmack  beherrscht,  ob- 
gleich man  sich  auch  gegen  andere  dichter  nicht  verscbloss. 
Wie  bei  Egeuolf,  dem  Verfasser  des  Peter  von  Staufenberg,  die 
lektüre 'des  Partonopier  nachwirkte,  so  bei  Kunz  Kistener  die 
des  EngelJiard.  Der  litterarischen  entwicklung,  welche  die 
dicUtung  in  bayerisch- österreichischen  landen  in  der  zweiten 
hälfte  des  Jahrhunderte  nahm,  als  sie  sich  in  bewnssten  gegen- 
satz  zu  der  Unselbständigkeit  der  höfischen  Ubersetzungspoesie 
stellte,  bleibt  er  ganz  fern.  Die  litteratur  des  Elsasses  und 
der  benachbarten  Schweiz  bot  ihm  die  beste  auregiing.  Gott- 
fried und  Konrad  sind  seine  hauptsächlichsten  Vorbilder.  Er 
kannte  ausser  Gottfrieds  Tristan  und  Konrads  von  Würzhiirg 
Engelhard,  Partonopier  und  Silvester  auch  das  fabelbuch  BoJiera, 
Egenolfs  Peter  von  Staufenberg,  die  Parzifaldichtung  von  Claus 
Wisse  und  Philipp  Colin  und  wahrscheinlich  noch  manches  ältere 
werk  der  epischen  diclitung. 

Scherer  bat  also  nicht  recht,  wenn  er  in  der  Geschichte 
des  Elsasses  I  64  dem  XIV.  Jahrhundert  abspricht,  das.s  man 
die  grossen  Schöpfungen  des  XIII.  Jahrhunderts  noch  zu  würdigen 
verstanden  oder  diesen  meistern  nachzueifern  sich  überhaupt 
nur  mühe  gegeben  habe.  Nichts  wäre  freilich  unbilliger,  als 
Kisteners  leistung  au  den  mustern  der  klassischen  zeit  zu  messen: 
er  besitzt  weder  Hartmauns  kunstvolle  klarheit,  noch  Gottfrieds 
glänzende  stilistische  kunst,  auch  nicht  Konrads  geschick  und 
lebendigkeit,  nicht  einmal  Egenolfs  glückliche  fertigkeit  als  nach- 
ahmer:  sondern  ein  individueller,  allerdings  äusserlich  beschei- 
denerer, aber  innerlich  vielleicht  wertvollerer  lebensgehalt  sucht 
hier  mit  anlehnuog  an   das  frühere  nach  entsprechender  ge- 


59 


staltung.  Auch  die  litteratur  dieser  zeit  zeigt  wie  die  maierei 
ein  doppelgesicht,  als  ruhepunkt  alter,  als  ausgangspunkt  neuer 
ent Wicklungen.  Lamprecht,  Deutsche  geschieh te  4,  293.  Dabei 
mangeln  Kistener  eigentümliche  Vorzüge  nicht:  nichts  mehr 
von  dem  blass  aristokratischem  ton  und  der  zwecklosen  Weit- 
schweifigkeit des  höfischen  epos,  sondern  gesunde  natürlichkeit 
und  sicheres  gefühl  entschädigen  für  den  mangel  eines  um- 
fassenden Weltinteresses.  Kisteners  leistung  steht  mit  allen 
ihren  fehlem  doch  beträchtlich  über  dem  niveau  der  ritterlichen 
dichtung  seiner  zeit,  hoch  über  dem  niveau  der  bürgerlichen 
kneipe,  das  bald  in  der  deutschen  dichtung  massgebend  wird. 
Die  Jakobsbrüder  beschliessen  nicht  ohne  glück  die  altdeutsche 
epoche  der  rein  epischen  dichtung  in  Strassburg. 

An  anerkennung  und  beifall  hat  es  ihm  nicht  gefehlt.  Ein 
in  seiner  epigonenhaften  zeit  mit  auszeichnung  genannter  dichter 
der  nächsten  generation  nimmt  ihn  sich  in  seinem  erstlingswerk 
zum  entschiedenen  Vorbild,  ahmt  ihm  eifrig  nach  und  entzieht 
sich  erst  in  seinem  späteren  reiferen  werke  dem  überwiegenden 
einfluss  seines  landsmannes.  Kisteners  fleissig  abgeschnebenes 
büchlein  findet  den  weg  nach  norden  und  Süden :  man  schreibt 
es  in  einen  andern  dialekt  um,  man  hält  es  nach  mehr  als 
anderthalb  Jahrhunderten  für  würdig,  im  druck  allgemein  zu- 
gänglich gemacht  zu  werden.  Die  anerkennung,  die  es  fand, 
erschwert  uns  die  herstellung;  sie  war  es,  die  hauptsächlich  die 
mannigfachsten  Verderbnisse  und  modelungen  verschuldete,  wo- 
von es  erst  gereinigt  werden  musste,  um  die  alte  Wirkung  wieder 
ahnen  zu  lassen. 


Text. 


In  gottes  namen  vahe  ich  an,        [A.  bl.  60a.] 
merkent  vrouwen  unde  man: 
von  groszer  trüwe  ich  sagen  wil, 
die  zwene  einander  tatent  vil. 
5  hoerent  diz  gedichte  an, 
ez  gehorte  nie  kein  man, 
wan  daz  ich  ez  han  geseit 
den  lüten  umbe  ein  häbescheit. 
ez  tet  Kuonze  Kistener. 
10  tuot  ez  not  daz  ichz  bewer? 


1.  Der  prolog  1—70  fehlt  in  C.  Über  seine  ähnlichkeit  mit  dem  prolog 
des  Engelhard  s.  einleitnng,  s.  21.   Suchenwirt  40,  1. 

2.  Die  entsprechenden  formen  der  apostrophe  bei  Konrad  stellt  Wol£f 
zur  Birne  84  zusammen.  Vergl.  unten  zu  649.  Beispiele  Konrads  für  den 
gepaarten  ausdruck  gibt  Jäckel,  Egenolf  von  Staufenberg  s.  12. 

3.  truwen  A.  Auch  Le  dit  des  trois  pommes  spricht  am  schlnss  den 
grundgedanken  der  treue  aus:  ,Par  essemple  vons  ai  en  ce  dit  racont^, 
comment  nous  devons  tous  garder  no  loiaut6\ 

ö.  gedichte  ir  Ittte  verstau  A.  Die  anrede  ir  Ittte  verrät  sich 
neben  vers  8,  den  lüten  umbe  ein  hübescheit  als  unechte  erweiterung. 
An  solchen  Verderbnissen,  die  in  der  regel  dem  streben  nach  breiter  deutlich- 
keit  oder  dem  bemühen  entspringen,  die  redeweise  des  Schreibers  mit  der  des 
Originals  auszugleichen,  ist  kein  mangel:  vergl.  zu  vers  302,  307,  520,  1038, 
1195  dz  wissend,  1210.  Konrads  gesetz.  der  sich  vor  der  letzten  hebung 
keinen  hiatus  erlaubt  (Haupt  zu  Engelhard  716),  gilt  bei  Kistener  nicht  mehr: 
39, 125,  243,  895,  468,  509,  528,  547,  691,  737,  919,  1023,  1112,  1229.  Jänicke 
ging  in  der  entfernung  des  hiatus  bei  Egenolf  zu  weit;  zu  Stauf.  20G.  Wie 
auch  der  fortsetzer  des  Trojanerkriegs  den  hiatus  zulässt,  zeigt  Klitscher  s.  23  f. 

7.  Wonne  A. 

8.  Rappoltsteiner  Parzif al,  prologus  217  ,durch  ere  und  durch  hübischeit'. 

9.  Cuutze  A.    —    10.   ich  es  A,  und  so  fast  immer. 


62 


ich  hau  gewachet  manige  naht, 

daz  ichz  ze  rinie  han  gebraht. 

si  üt  dinne  wandelbere, 

ich  wolte  daz  ez  besser  were. 
15  Nuo  hoerent  ez  luterlich,  [bl.  61.] 

ez  hat  bekümbert  dicke  mich. 

ich  meinte  got  din  (and  kein  gelt) 

sante  Jacop  und  die  weit. 

swem  ez  ze  hoeren  si  gemacht, 
20  der  spreche  mir  daz  beste  nach, 

daz  sant  Jacop  in  mache  rieh 

hie  ande  dort  eweclich. 

Swer  aplaz  von  gotte  gert, 
went  sü,  daz  sü  got  gewert, 
25  die  bilgrin  suUent  lazen 


11.  Eonrads  Alexius  1328,  ,ini  wart  gewachet  manage  naht^ 

12.  dz  ich  zA  rüme  A.    —    13.  Sige  ^t  do  wandelbere  A. 

16.  het  A.  Parton.  190  ,daz  min  tumbez  herze  sich  vil  kumbers  an  ge- 
nomen  hät^  Troj.  19605  ,swaz  nf  der  höchgezite  was  ougen  unde  sinne,  die 
wären  üze  und  inne  bekümbert  da  mit  sinem  lobe\  Boners  Edelstein  prolog  40: 
,dä  von  hab  ich,  Bongrius,  bekümbert  minen  sin  alsns*. 

17.  meinde  .  darine  .  A.  gelt,  nicht  gel  (Goedeke)  steht  in  der  hs. 
Im  allgemeinen  vergleiche  die  von  Schönbach,  Über  Hartmann  von  Aue 
8.  436  £f.  erörterten  eingänge  Hartmanns. 

19.  Dem.hoerende.A.  Rudolfs  guter  Gerb.  1.  ,Swaz  ein  man  durch 
guoten  muot  ze  guote  in  guotem  muote  tuot,  des  soI  man  im  ze  guote  jehen, 
wan  ez  in  guote  mac  geschehen,  swen  sin  gemüete  I§ret  daz  er  ze  guote 
keret  herze  sinne  unde  muot,  daz  er  daz  beste  gerne  tuot,  der  hüete  an  dem 
guoten  sich,  so  ist  ez  guot  und  Iobelich^  6844  ,swer  habe  s6  getriwen  lip, 
so  diemüeten  sin,  daz  er  des  mseres  kurzwile  ger,  der  läze  min  Ion  daz  wesen, 
ob  er  ditz  msere  hoere  lesen,  daz  er  mir  günne  alsölher  gunst,  genieze  ich 
inder  miner  kunst,  daz  ich  einen  danc  bejage  nach  dem  ich  warp  ie  mine 
tage*  u.  s.  w.    Zu  Kistener  1217.    ,gemach*?  Vogt. 

20.  Boner  ,von  dem  ende  diss  buoches*  41 :  ,und  der,  der  ez  ze  tintsche 
bräht  hat  von  latin,  des  müez  gedäht  iemer  ze  guote  werden  in  himel  und 
üf  erden*. 

23.  Der  appe los  A,  nicht  applas,  wie  Goedeke  drucken  Hess.  Passional 
in  V.  d.  Hageus  Germania  7,  271:  ,Er  tet  als  die  alle  tunt,  die  applaz  wollen 
erreichen;  diz  solde  im  wesen  ein  zeichen  umb  der  sunden  vergift*.  Jakobs- 
lied bei  Goedeke,  Gengenbach  s.  631  anmerkuug:  ,wer  gnad  vnd  ablass  haben 
will,  der  müss  sein  sünd  vor  bSsen*. 


63 


af  allen  gottes  strazen 

durch  got  Iiaz  unde  nit| 

anküscheit  and  iren  grit. 

Swer  gottes  Worten  also  tuot, 
30  die  sint  luter  unde  guot, 

swaz  der  jttngliug  guotes  gert, 

wissent  daz  in  got  gewert, 

swem  geverten  got  beschert, 

mit  dem  er  uzer  lande  vert 
35  und  trüwe  warheit  globet  im, 

er  welle  varn  mit  in  dahin. 

Swer  aber  trüwe  bricht  an  im, 

er  möhte  baz  daheime  sin. 

Swer  sant  Jacop  gerne  ert, 
40  des  heil  und  selde  wiirt  gemert. 

Der  vil  heiige  zwölfbotte, 

die  gnade  hette  er  von  gotte: 

ez  ist,  als  ich  üch  sage  hie :  [bl.  61  a.] 


28.  Im  Libellus  de  miracnlis  s.  Jacobi  (Patrologia  [Migne]  163  p.  1372) 
wird  erzählt,  ein  junger  mann  sei  wallfahren  gegangen,  ohne  vorher  seine 
unkeuschheit  gebeichtet  zu  haben.  Jacob  belehrt  ihn:  ,qaicunqiie  propter  me 
vult  peregrinari,  prius  debet  sna  per  confessionem  peccata  dicere  et  post  pere- 
grinando  eadem  commissa  poenitereS  Acta  Sanctorum  Juli  6,  46  B  £f.  54  £  £f. 
Legenda  aurea  (Lugduni  1516)  cap  XCIV.  Ähnlich  mahnt  Calixtus  II.  im 
Sermo  primus  in  vigilia  s.  Jacobi  Zebedaei  apostoli  a.  a.  o.  p.  1378  A.  Auch 
litteraturgeschichtlich  bemerkenswert  ist  eine  folgende  stelle  derselben  predigt 
p.  1.381  C:  „qui  .  .  .  jocos  joculatorum  diversos  fecerunt  vel  vidernnt,  vel 
cantilenas  mendosas  decantaverunt ,  nisi  rcsipueriut,  profecto  damnabuntur''. 
Gautier,  Les  6pop6es  frangaises  II  *  22.  Des  ,grites'  klagt  Merswin  vor  allem 
die  bürger  und  handwerker  au,  Neun  felsen  s.  38£f.   —   29  u.  ö.  wer  A. 

30.  buchstäblich  =  Gottfrieds  Tristan  9839.  Dieselbe  Verbindung  Konrad 
Troj.  4164,  5646,  7543,  14430. 

33.  gewerten  A.  Zum  ano  xoivov  vgl  Jänicke  zu  Peter  von  Staufen- 
berg  69,  Behaghel  zur  Eneide  s.  CVIII  und  Paul,  Prinzipien  der  Sprachge- 
schichte «  s.  114 f.,  265 f.,  Kistener  179 f.,  441  ff.,  631  ff.;  auch  140 f.,  eine  er- 
scheinung,  die  Behaghel  zur  Eneide  s.  CXXIf.  umschrieb. 

35.  in  A.    —   37.   brichet .  in  A.    —   38.   lieber  A. 

40.  vns  A,  über  den  ausdruck  ,heil  und  saelde  meren*,  Bartsch  zum  Turnei 
11,  wo  man  zahlreiche  belege  Konrads  hinzufügen  könnte. 

41.  vil  fehlt  A.  vgl.  98.  -  43.  ,als  ich  üch  sage'  R.  Parz.  255,  42. 
Im  allgemeinen  vgl.  Klitscher  s.  60  ff.,  Jäckel  s.  22  f. 


64 


sante  Jacop  nie  enlie 
45  verderben  uf  der  straze  sin 
von  hangers  not  kein  bilgerin. 
Swer  trfiwe  and  ernest  hat  dahin, 
der  sol  von  gotte  sicher  sin, 
daz  sant  Jacop  in  nfit  verlat, 
50  swer  uf  der  straze  ritt  od  gat. 

Swer  guoten  werken  volget  noch 

ond  sich  zuo  den  besten  zoch, 

der  mag  hie  selig  alten 

und  dort  sin  sele  behalten. 
55  Swer  die  boBsen  vliehet 

and  sich  zen  besten  ziehet, 

daz  vromet  vor  maniger  not. 

Die  boesen  gent  boesen  rot. 

von  getrüwen  IQten  wil  ich  sagen, 
60  wan  ichn  magz  lenger  nlit  vertragen. 

als  ich  allerbeste  kan, 

ein  rede  ich  getihtet  han 

ze  eren  und  ze  lobe 

got  unde  sant  Jacobe, 
65  die  bede  guot  zerende  sind. 


44.  yerlie  A. 

49.  in  fehlt,  enlat  A.  Stanf.  10,  411.  Eonrads  Herzemeere  328.  Den 
gedanken  führt  die  legende  in  v.  d.  Hagens  Germania  7,  263  f.  aus. 

50.  rittet  A. 

52.  der  sich  .  dem  A.  Troj.  49209  ,dar  nmh  ein  ieclich  saelic  lip  .  .  . 
sich  zem  besten  sol  gehän'. 

54.   R.  Parz.  272,  32;   737,  24;  Troj.  49809. 

55 f.  Roethe  zu  Reinmar  94,  9.    —    57.   von  A. 

6().  wan  ich  enmag  es  nüt  lenger  vertragen  A.  vertragen  wie 
verdagen  (von  Merzdorf  zur  Königstochter  1027  falsch  erklärt),  auch  Pyra- 
mus  und  Thisbe  (Zfd  A  6,  505)  46  ,si  woltenz  lenger  niht  vertragen'  und 
Hätzleriu  s.  116,  26  gebraucht:   ,der  herre  sprach:  der  red  vertragt*. 

61.  so  A.  buchstäblich  =  Ulrichs  von  Türheim  Trist.  22.  Heinrichs  von 
Freiberg  Trist.  84.  ,al8  ich  beste  kan':  Konrad  8ilv.  89.  Troj  19699.  Älteres 
bei  Radke,  Die  epische  formel  im  Nl.  33. 

64.  Passional  in  v.  d.  Hagens  Germania  7,  260  und  264.  ,lobe :  gote  und 
saute  Jacobe'.     Vgl.  Kistener  538. 


66 


Nu  helf  uns  Maria  and  ir  kint, 
daz  unser  ende  werde  gaot. 
gewiu  der  weite  sanfte  tuot. 
Die  vorrede  ich  han  geseit. 
70  got  mere  nnser  selikeitl 

Hoerent,  wie  ich  den  sin  gevant! 
men  seit  mir  daz  in  Peigernlant 
saz  ein  erlich  biderman,  [bl.  62.] 

der  lüte  und  lant  het  undertan. 
75  daz  er  ze  rehte  ein  yrum  man  hiesz, 
durch  liep  und  leit  er  schouwen  liesz. 
er  was  ie  dem  rehten  bi; 


66.  in  helfe  ist  das  schliessende  e  von  jüngerer  hand. 
68.  Zum  gedanken  vgl.  Engelhard  126  ,swaz  gnot  gewinnet,  daz  ist  wert'. 
Troj.  1984  £f.,  46222  £f.    Liedersaal  218,  385. 

70.  C  beginnt:  ,Wend  jr  hSren  wander  vnd  gross  lob  Von  dem 
gfiten  herren  sant  Jacob  Vnd  losent  wie  jch  die  sach  befand  Man 
lyset  das'. 

71.  gevant  A,  nicht  gewant,  wie  bei  Goedeke  zn  lesen.  Bühelers 
Diocletian  9444  ,Ein  gut  geselle  mir  sin  gedacht,  der  mir  den  synn  geschriben 
bracht^ 

72.  men  A;  nicht,  wie  Goedeke  druckt,  man.  Peigernlant  A,  nicht 
Peigerlant. 

74.  vntertan  A.  Dem  leüt  vnd  land  was  vnderthan  G.  Von 
allitterierenden  formein,  über  die,  soweit  sie  Gottfried  verwendet,  Preuss  in 
den  Strassburger  Studien  I  3£f.,  und,  soweit  sie  Konrad  gebraucht,  Haupt  zu 
Engelhard  3465  handelt,  finden  sich  bei  unserm  dichter  folgende:  lüte  unde 
lant  74,  648,  1015,  leben,  lüte  unde  lant  119,  liep  und  leit  76,  ze 
liebe  und  nüt  ze  leide  461,  von  liebe  und  von  leide  715,  leide  und 
liebe  merlll5;  auch  ausserhalb  solcher  formein  liebt  Kistener  allitterierende 
Verbindungen,  wie  lant  erbelos  90,  lant  mich  luogen  wie  sü  leben 
186,  er  sach  sü  an,  sü  nam  sin  war  205.  Über  allitteratiou  bei  Budolf 
von  Ems  Krüger,  Stilistische  Untersuchungen  s.  13.  Weniges  bei  Egenolf ; 
Jäckel  s.  14. 

75.  Durch  dz  er  frummen  hies  A.  Dar  zu  er  wol  fromm  hiess 
C.  ,ze  rehte'  ergänzt  nach  Troj.  45743  ,der  ir  man  ze  rehte  hiez'.  Über  zeit 
und  Veröffentlichung  der  fortsetzung  Jäckel  s.  85.  Auch  Kistener  benutzte 
wahrscheinlich  den  Trojanerkrieg  nicht  anders  als  mit  dieser  fortsetzung, 
deren  dichter  seinem  können  näher  stand  als  Konrad. 

76.  Durch  lieb  und  leid  er  nit  enliess  C.  Durch  liep  durch  leit  A. 

77.  78  umgestellt  in  C.  er  stand  alle  zeit  dem  rechten  by  C.  Die 
parallelen  Konrads  (Engelhard  4115  ,der  hie  stät  dem  rehten  bi',  Part.  4378 

Bniing,  Kistener.  5 


66 


sin  bürg  stuont  werlich  unde  vri, 

duf  er  vertreip  sine  zit 
80  daz  men  sin  lop  kündet  wit. 

er  was  genant  her  Adam, 

ein  guoter  grave  lobesam. 

er  lebete  alse  ein  cristenman 

mit  siner  vrouwen  wolgetan. 
85  sü  hieltent  ördelich  ir  e. 

zwölf  jare  oder  me 

sfl  vrüntlich  bi  einander  woren, 

daz  vruht  von  in  nie  wart  geboren. 

ir  beder  klage  die  was  ie  grosz, 
90  daz  ire  lant  erbelos 

nach  irme  tode  sölten  sin. 

Er  sprach  ,vernim  mich,  vrouwe  min, 

waz  ich  han  vor  manigen  tagen 


,denn  ich  dem  rehten  stttende  bi*)  würden  auf  die  lesart  von  C  führen,  die 
aber  wegen  des  ,8taont*  im  folgenden  vers  wahrscheinlich  nicht  echt  ist.  Ein 
ähnliches  lob  wird  Troj.  630  gespendet:  ,uureht  daz  vlöch  er  unde  meit^ 

78.  stet  A.    was  C.    unde  fehlt  C. 

79.  do  uff  A.  Dar  vff  hielt  er  eerlich  sein  zeit  C.  Der  ausdmck 
,8ine  zit  vertriben'  ist  bei  Konrad  häufig.    Z.  b.  Troj.  700,  20526,  27694  [41735]. 

80.  noch  kündet  C. 

81.  82  und  83 :  84  umgestellt  nach  C.  Es  folgen  in  A.  83,  84,  81,  82. 
81  geheissen  A.    Wolflf  zur  Birne  35  und  299. 

82.  ein  gross  here  A.  Part.  14344  ,zno  dem  gräven  lobesam'.  Über 
,lobe8am'  Haupt  zu  Engelhard  1185,  Jäckel  s.  51;  auch  das  volkstümliche 
wolgemuot  verwendet  Kistener  596,  685.  Schilling,  De  usu  dicendi  Ulrici 
de  Zazikoven  s.  24.    —   83.  also  A. 

84.  über  ,wülgetän*  bei  Konrad  Wolff  zur  Birne  102, 111,  415.  Jäckel  s.  43  f. 

85.  ördelichenA.  Die  mundartlichen  formen  bei  Lexer  im  DWB  7, 
1324.    gar  ordenlich  C. 

86.  By  zw8lff  jaren  vnd  dar  zu  me  C.  mer  A.  Hans  von  Bühel, 
Diocietian  3362  ,Sy  warent  bi  einander  drü  jar,  das  sy  nie  kein  kint  gewann 

88.  Das  kein  frucht  von  jn  C. 

89.  so  gross  A.    die  und  ie  fehlt  C. 

90.  jr  leüt  vnd  lant  C.    erbloss  AC.    —   91.   solte  A. 

92.  Herzm.  288  ,vemim  mich,  trüt  geselle  min*.  Silv.  793  ,vernim  waz 
ich  dir  welle  sagen*. 

93.  was  ich  von  m.  t.  so  rehte  wol  han  gehöret  sagen  A.  wie 
jch  han  C.   ,sü  rehte  wol*  Wolff  zur  Birne  411.  Silv.  3039  u.  o.  Jäckel  8.44. 


67 


so  rehte  wol  gehoeret  sagen, 
95  waz  sant  Jacop  zeichen  tuot! 

vrouwe,  dunket  ez  dich  guot, 

(wan  ich  so  gnoten  glouben  han 

an  den  vil  heiligen  man; 

er  lat  nieman  angewert, 
100  der  mügelicher  bette  gert) 

daz  wir  sin  bede  bittent  sint, 

daz  er  uns  beschere  ein  kint?' 

Der  rat  geviel  der  vrouwen  wol.       [bl.  62  a.] 

,her,  wise  mich,  wie  ich  sol 
105  sante  Jacop  rttefen  an, 

daz  er  ans  nüt  versagen  kanS 

er  sprach  ,wir  süUent  beide, 

als  ich  dir  na  bescheide, 

darch  got  lihen  ande  geben, 
110  boesen  werken  widerstreben'. 

Daz  hielt  die  vroawe  stete 


96.  euch  C.  Gottfrieds  Tristan  9362  ^danket  ez  dich  gnot^  Hans  von 
Bühel,  Königstochter  6757  ff.  ,er  sprach:  liebe  huszfrow  min,  will  es  ttch  auch 
dünken  guot,  so  sag  ich  üch  da  miuen  muot'.  Wolff  zur  Birne  204.  Troj.  3303 
,d&  von  so  dunket  mich  daz  guot^ 

97.  gar  gilt en  C.  Stauf.  13  ,wan  ich  sin  guoten  glouben  han^    Engel- 
hard 1360.    Kist.  1183. 

98.  an   den  heiligen  vnd  werden  man  C.    Alexius  A  1052  ,den 
yll  heiligen  man*  u.  o.  —  99.  Der  doch  niemandt  lot  vngewart  C. 

100.  mtlglicher  ding  von  jm  begSrt  C.  R.  Parz.  217,  13  ,ez  bit 
üch  mügelicher  dinge  doch'.  Merswin,  Neun  felsen  s.  122  ,wilt  du  bitten,  so 
solt  du  got  bitten  einer  mugelichen  bitte'.  Eistener  162.  Closener  69,  12. 
,mügelicher  und  zimelicher  dinge'.    —    101.  bittende  A.    ynbaideC. 

102.  vns  helffe  vmb  ein  kind  C.    —    103.  Wolff  zur  Birne  270. 

104.  Here  A.    Sie  sprach  nun  vnderwis  C. 

105.  Den  lieben  sant  C.    —    107.   Der  herr  C. 

108.  Dasjch  C.  ,nu'  fehlt  A.  hie  C.  ,als  ich  in  nü  bescheide'  Lach- 
mann zu  Iwein  2989  =  guter  Gerhard  171.  Troj.  48647.  Vgl.  Stauf.  678  d,  868, 
Jäckel  s.  23. 

109.  Allzeit  durch  gottes  willen  geben  C.  über  , lihen  unde  geben* 
stellt  Bartsch  zum  Turnei  28  einige  stellen  Konrads  zusammen.  Hans  von 
Bühel,  Königstochter  3549  ,ich  wil  üch  lihen  unde  geben'.    —    110.  Vnd  C. 

111.  hielte  A.    mit  willen  st^t  C.    Wolff  zur  Birne  126,  127.     ,diu 

5* 


68 


ein  ganz  jar  mit  gebette, 

daz  sQ  mettin  nie  yerlag 

noch  in  dem  jare  dheinen  tag, 
115  sie  bette  uf  iren  knfiwen 

sant  Jacop  dem  vil  getrüwen, 

daz  ir  ein  kint  beklibe, 

dem  nach  irme  tode  blibe 

ir  lehen,  lüte  nnde  lant. 
120  Got  gewerte  sü  zehant: 

die  vrouwe  eins  kindlins  swanger  wart. 

der  her  gelobete  die  vart, 

daz  ez  ein  knabe  were, 

würde  er  lehenbere, 
125  er  wolte  ie  gerne  in 

schicken  nf  die  verte  hin 

gen  GnmposteUe  in  die  stat, 

da  sant  Jacop  gnade  hat. 

sns  gelobete  er  die  yerte. 
130  Sant  Jacop  in  gewerte, 

die  vrouwe  in  dem  jar  genas 


TToawe  stsete'  Troj.  38272.    Herzm.  439.    ,daz  hielt  er  allez  stsBte  mit  rede 
und  mit  getsete'  Silv.  585.    Jäckel  s.  56.   —   112.  mit  irem  gebSt  C. 
113.  mettini  nie  A.    Das  sie  kein  mettin  G.  —  114.  nie  kein  0. 

115.  bettete  A.    bSttet  ernstlich  C. 

116.  dem  fehlt  A.    vil  fehlt  C. 

117.  Das  er  jnen  nit  yerzigi  Vnd  an  erben  nit  belibi  Vnd  jn 
hulff  vmb  ein  kindt  Das  gewSrt  er  sie  geschwindt  Das  von  jn 
arbte  leüt  vnd  laudt  C.   —   119.  lüten  A. 

120.  sie  do  C.  ,eins  kindes  si  swanger  wart  zehant'  R.  Parz«  47,  1. 
Über  ,zehant'  bei  Konrad  im  reime  Wolff  zur  Birne  300. 

122.  gehiesz  sant  Jacob  zart  C. 

123.  Dar  vmb  das  es  ein  knab  ward  C.  er  A.  ez  Eistener  135. 
Parton.  4455  ,der  uns  da  seite  masre.  daz  ein  knabe  w8Bre^ 

124.  Vnd  l&bent  blib  vnd  nit  starb  C. 

125.  in  gerne  in  A.    So  w8lt  er  jn  allein  schicken  do  hyn  C. 

126.  fart  A.    Des  gab  er  yn  die  trüwe  sein  C. 

127.  Gunponstelle  A.    —   128.  do  der  lieb  C. 

129.  also  A.    Also  verhiesz  der  herr  die  vart  C. 

130.  sie  jr  gewS,ret  wardt  C. 

131.  Hans  von  Bühel,  Diocl.  14 f.   ^darnach  fuogt  es  sich  also,  das  die 


69 


eins  kindes  schoBne,  ein  knabe  ez  was. 

die  vronwe  in  irme  mnote  hiesz,         [bl.  63.] 

daz  man  den  herren  wissen  liesz, 
135  daz  ez  ein  knabe  were. 

Ein  kneht  vernam  die  mere: 

er  saz  uf  und  reit  vil  bald 

zuo  dem  herren  in  den  wald. 

er  süochte  in,  da  er  jagete. 
140  die  botschaft  er  im  sagete, 

dem  herren  liebe  mere, 

daz  sin  vronwe  genesen  were. 

er  sprach  ,edeler  herre  zart, 

ich  sag  Qch  uf  dirre  vart, 
146  her,  ir  sulnt  kein  ungmach  haben: 

min  vronwe  ist  vrisch  und  hat  ein  knaben^ 

Do  wart  so  rehte  vro  der  man, 

sante  Jacop  rief  er  an 

,geIobet  du  lieber  heiige  sist, 
150  daz  du  min  vUrsprech  gwesen  bist 

unde  mir  den  lieben  gast 


fronwe  des  kindes  genas,  ein  schoaner  lieber  knabe  es  wasS    Königstochter 
1661  ,ein  hübscher  lieber  knab  es  was'  =  5522.    Vgl.  3327  f. 

132.  Eins  kindts  ein  schSner  C.   —    133.  jn  jren  nSten  C. 

134.  man  es  C. 

137.  balde  :  in  dem  walde  A.    Vff  ein  pf  Srd  sass  er  bald  C. 

138.  Vnd  reit  zum  C.    Zum  reime  vgl.  Wol£f  zur  Birne  159,  160. 

139.  in  fehlt  A  C.    Vnd  Iftget  C. 

140.  Dem  herren  er  frSlichen  C. 

141.  Das  wanderzeichen  vnd  guten  (!)  mSrC.  WoI£fz.Bime235f. 

142.  Daz  fehlt  A.  Troj.  41658  ,nü  mir  k&men  msere,  daz  min  vronwe 
genesen  weere  eines  8unes^ 

143.  144  fehlen  in  A.  [Vielleicht  nur  erweiterung  in  C  wie  nach  154.  Vogt] 
144.  Parton.  12495  ,als  ich  in  sage  üf  dirre  vart^  —  145.  Ir  sond  kein  vn- 
müt  C.  Boner  72,  58  ,vrouwe,  habent  kein  ungemach'.  Hans  von  Bühel, 
Königstochter  660  ,frowe,  nun  habent  guot  gemach^;  vgl.  784. 

146.  hat  fehlt  A.    hat  ein  schSnen   knaben    C.     ,vrisch*   B.  Parz. 
719,  4.   —    147.  war  A.    von  hSrtzen  C. 
148.  Er  rüff t  s.  J.  mit  ernst  an  C. 

150.  fürsprech  sist  A.    fürsprecher  gewesen  bist  C. 

151.  diesen  lieben  C.  Hans  von  Bühel,  Königstochter  686  ,aIso  kam 
mo  uns  der  liebe  gast^ 


70 


umbe  got  erworben  hast. 

got  si  gelobet!  ich  bin  gewert, 

des  ich  lange  han  begert*. 
155  der  kneht  hiesch  im  daz  botenbrot: 

zehen  gfildin  er  im  bot. 

die  güldin  leit  er  sider  an, 

damit  wart  er  ein  selig  man. 

Got  uns  oüch  beraten  sol: 
160  sante  Jacop,  tno  so  wol, 

du  wellest  alle  die  gewem, 

die  mfigelicher  bette  gern! 

Der  herre  do  sin  jagen  liesz, 

den  jeger  er  daz  wilde  hiesz 

165  schicken  uf  die  borg  hindan. 

die  hunde  hiesz  er  lonfen  lan.  [bi.  63  a.] 


152.  80  trewlich  C.   —  153.  so  si  A.    Got  sey  C. 

164.  dz  A.  Das  C.  jch  von  hSrtzen  C.  ,gewert  :  begert*  Tristan 
4907,  18227.  Guter  Gerhard  6173  u.  o.  Engelhard  667.  Welt  lohn  210. 
Wolff  znr  Birne  389.  Stanf.  317.  Jäckel  s.  77.  Formelhaft.  Es  folgen  nach 
154  in  C:    Des  herren  knecht  getrtiw  Sprach  gar  frClich  ane  rüw. 

155.  hisch  A.    Herr  jch  will  haben  C.   —   156.  Der  herr  jm  C. 

157.  Die  selben  g.  leit  er  an  C. 

158.  Vnd  ward  do  mit  ein  biderb  C.  Über  ,s8elic^  bei  Eonrad  han- 
delt Wol£f  zur  Birne  498.  Jäckel  s.  56.  Hier  steht  es  in  engerer  bedentung 
gleich  ,rich',  wie  auch  Hans  von  Bühel  in  der  Königstochter  827  beide  Wörter 
fast  tautologisch  verbindet  ,sie  wurden  selig  und  auch  rich^ 

159.  Ich   getrew  got  C.    Vgl.  Hans  von  Bühel,   Königstochter  4245. 

160.  Lieber  s.  J.  nun  thü  C.  Dass  die  wendung  ,tuo  so  woP  besonders 
für  den  Stricker  bemerkenswert  sei,  wie  Jensen,  Über  den  Stricker  als  bispel- 
dichter  s.  75  f.  annimmt,  kann  man  bei  der  Verbreitung  dieser  redeweise  nicht 
behaupten.  Vgl.  Erec  4802.  Wolframs  Parz.  620,  1.  Tristan  2718,  7608, 
8782,  14487.  Engelhard  1832.  Silv.  2684.  Parton.  1446,  2862,  4836,  9462. 
Herzm.  324.    Troj.  1864,  2352,  2694,  4410.    R.  Parz.  589,  19. 

161.  du  fehlt  C. 

162.  gerent  A.  mfigliche  ding  von  dir  C.  So  berat  vnss  auch 
dess  vnss  sey  not  In  dyser  zeit  vnd  nach  dem  todt  C. 

163.  Also  der  herr  C.     do  fehlt  C. 

164.  er  do  A.  Den  herren  vnd  knechten  ze  sal  er  bliess  vnd 
hiess  das  gewilde  do  Mit  guten  züchten  also  senden  C.  Über 
unorganisches  e  in  dieser  zeit,  das  in  ,wilde*  vorliegt,  spricht  Jänicke  zu 
Stauf.  54. 


71 


sine  diener  warent  alle  vro, 

heiles  bnttents  ime  do. 

er  dankte  in  allen  gemein: 
170  ,balde  lant  uns  riten  hein!^ 

einer  slaog  vür  den  andern  dran, 

der  herre  doch  ze  vörderst  kam, 

wan  er  was  geritten  wol. 

sin  herze  was  gemüetes  vol. 
175  er  reit  in  allensament  vor, 

er  was  der  erste  an  dem  tor. 

In  enpfieng  wol  allez  daz  da  was. 

er  dankete  in  zwürne  baz. 

den  hem  an  lachende  lief 
180  gemeine  daz  gesinde  rief 

,daz  botenbrot  wellent  wir  haben; 

her,  ir  hant  ein  schoenen  knaben, 

des  min  vrouwe  genesen  ist. 

des  si  gelobet  der  heiige  Crist*. 
185  Er  sprach  ,ich  sul  üch  gerne  geben; 

lant  mich  luogen  wie  sü  leben'. 

Zwene  vielent  an  daz  pfert, 


167.  wurden  C. 

168.  Vyl  gelückes  wunsten  C.    ,heiles  bieten*  unbelegt,    »batents?* 

169.  gemeine  A.    —    170.  Er  sprach  wir  send  C. 

171.  Einre  A.    Sie  schlagen  alle  frischlich  dran  C. 

172.  doch  fehlt  A  C.    ze  aller  C.    —    173.  wanne  A. 

174.   aller  frSiden  C.    Gottfrieds  Tristan  3519  ,sin  herze  daz  wart 
mnotes  vol*.   —    175.  alle  verre  C. 

176.  Darumb  was  er  C.     am  thor  C. 

177.  wol  fehlt  A.   Boner  20,  33  , allez  daz  da  was*.   —  178.  drystent  C. 

179.  Das  hoffgesind  gemeinlich  lieffC.   Tristan  3941,  5184,  11179. 

180.  gemeinde  A.    Mit  lauter  stimme  eir  zu  jm  rieff  C. 

181.  Hans  von  Bühel,  Königstochter  3216  ,das  bottenbrot  das  muosz  ich 
han*.    —    182.   habt  A. 

183.  Hans  von  Bühel,  Königstochter  1713   ,mein  gnedige  frow  genesen 
ist*.    3220  f.  ,die  loben  den  vil  werden  Crist,  das  mein  frow  küngin  genesen  ist*. 

184.  Darvmb  werd  gelobet  crist  C. 

185.  Er  sprach  fehlt  A.    sol  A.    es  gerne  C. 

186.  wie  die  frowe  lebe  A.    über  ,luogen'  s.  zu  192. 

187.  Zwen  knecht  C. 


72 


darnach  2wene  an  sporn  und  swert, 
balde  stt  im  ^rten  abe. 
190  er  sprach  ,nement  swaz  ich  habe!' 
den  mantel  gab  er  in  darzuo: 
,na  Inogent,  waz  die  vronwe  tno!' 

Vttr  die  vrouwe  er  do  lief. 

dem  kinde  er  da  Jacop  rief, 
195  als  er  ez  heiszen  wolle, 

so  man  ez  toafen  solte:  [bL64.] 

er  sprach  ,ir  solnt  got  wilknm  sin, 

lieber  sun  und  vrouwe  min!' 

stt  dankte  im  mit  vrSuden  wider: 
200  ,lieber  herre,  sitzent  nider*. 

er  saz  zuozin  uf  daz  bette, 

vil  liebes  er  mit  in  hette. 

vil  groszer  vröuden  in  beschach, 

daz  man  sfi  bede  weinen  sach. 
205  er  sach  stt  an,  stt  nam  sin  war; 

als  ein  rose  wart  stt  var, 

die  von  ixBte  ist  enzunt. 

er  kust  stt  vrttntlich  an  den  munt. 

vi'öude  ttber  vröude  was  do, 


188.  Die  andern  and  sporen  ynd  ans  C. 

189.  Das  garten  sie  jm  bald  ab  C.    —    190.    nun  n&mendt  C. 

192.  ,laogen'  bei  Eonrad  s.  Haupt  zu  Engelhard  932.  Joseph  QF  54,  72. 
Hans  von  Bühel,  Diocl.  8422  ,das  ich  luoge,  wie  ez  im  ge'.  Zu  ,waz  die 
yrouwe  tuo^  vgl.  Hans  von  Bühel,  Königstochter  1403  ,was  die  küngin  tuo*. 

193.  Der  herr  zÄ  der  frawen  C.    —    194.  da  fehlt  C. 

197/8  sind  in  A  in  einen  vers  zusammengezogen:  Wilkum  sün  ynd 
frJwe  min.    —   198.  Mein  lieber  C.    —    199.  mit  vroüden  fehlt  A. 

201.  zu  in  A.    zö  jr  nider  C.    —   202.   Liebi  vyl  C.    mit  ir  C. 

203,  204  fehlen  in  A.  —  205.  B.  Parz.  283,  8  ,er  saz  abe,  dez  nam 
sü  war*. 

206.  gefar  AC.  QF  54,  68.  42.  Preuss,  Strassburger  Studien  1,  47. 
Troj.  27917  ,wart  alsam  ein  rose  var*.    Jäckel  s.  44.    —   208.  frSlich  C. 

209.  do  was  C.  Die  anapher  (vgl.  347flf.)  ist  besonders  bei  Gottfried 
und  Hans  von  Bühel  (z.  b.  Diocletian  1300,  1315,  1492,  4360,  8505.  Königs- 
tochter 488,  497,  1722,  2134,  2142,  5376,  5461,  7933)  häufig,  wovon  Seelig, 
der  des  dichters  Stil  (Strassburger  Studien  3,  314  ff.)  behandelt,  schweigt.  Über 


78 


210  sü  wurdent  vröuden  nie  so  vro, 
als  do  und  darnach  mangen  tag. 
Got  uns  wol  gehelfen  mag, 
daz  wir  sin  vroBlich  hie  nnd  dort: 
daz  bitte  ich  durch  die  heiigen  wort, 

215  die  hfite  in  der  messe  las 

der  priester,  da  got  selber  was. 

Der  herre  sprach  ,wir  solnt  daz  kint 
tonfen  daz  wir  sicher  sint^ 
die  yroawe  sprach  ,man  ensol, 
220  daz  kint  ist  keg  und  lebet  wol. 
aht  daz  wir  gevattern  haut', 
er  sprach  ,ich  han  darnach  gesant^ 

Do  kam  ein  erliche  schar 
geritten  von  den  Ittten  dar. 
225  uf  maus  tor  an  den  angen  stiesz, 
vrüntlich  man  sü  wilkomen  hiesz. 
daz  kint  man  hin  ze  toufe  truog: 
dar  kam  weite  ein  ungevuog. 
der  pfaffe  segente  ez  gar  wol.  [bl.  64  a.] 


Gottfrieds  anaphern  Prenss,  Strassburger  Studien  1,  28  ff.   Ober  Egenolf  Jäckel 

8.  30.   Roethe,  Beinmar  295  £f.  —  210.   Do  was  vermitten  aller  hass  G. 

211.  als  do  fehlt  A  C.  manichen  A.  —  212.  auch  wol  helffen  C. 

213.  wir  frSlicb  sint  A.    wir  hie  s&lig  werden  vnd  dort  C. 

214.  durch  fehlt  A.  Des  bit  jchdie  heiligen  werck  vnd  wort  C. 
Zur  Sache  vgl.  Freidank  67,  7  ,disiu  wort  sint  als  ein  wint  wider  den,  diu 
in  der  messe  sint'.    Stauf.  944  ff.   Ein  stilistisches  Vorbild  Troj.  11348. 

215.  Die  der  priester  hüt  C.  —  216.  Vnd  got  selb  do  by  was  C. 
217.  Es  sprach  C.    kindelein  :  sein  C.    Über  die  kindtaufen  Eriegk, 

Deutsches  bürgertum  n.  f.  1871,  s.  188  ff. 

220.   frysch  es  lept  C.    —   221.  achte  A. 

223.  kam  gar  C.     Troj.  885  ,Der  kam  da  hin  ein  roichel  schar'. 

224.  geritten  fehlt  A.    Geritten  für  die  bürg  hin  dar  C. 

225.  diethorC.    angelA.    Vgl.  Engelhard  4301  ,biz  an  den  angen'. 

226.  früntlichen  A.   —   227.   man  do  ze  C. 

228.  V ff  die  stat  sein  füg  C.  B.  Parz.  243,  10  ,nach  ime  lute  ein 
ungefuog'.  657,  35  »starker  wunden  ein  ungefnog'.  632,  20  ,ir  waz  gegen 
im  ein  ungefuog'.    48,  17  ,vil  maniger  bände  ein  ungefuog'.   Einleitung  s.  19. 

229.  gar  fehlt  A.    der  pfaff  der  es  touffen  wolt  C. 


74 


230  er  vragete  sü  aber  vor, 

wie  des  kindes  name  solte  sin. 

des  seitent  im  die  pfetterin 

,man  sol  es  toafen  Jacop 

sante  Jacop  durch  sin  lop, 
235  der  mangen  menschen  nzer  not 

erloeset  hat  von  misse  tot'. 

So  man  daz  kint  getoufte, 

sin  gettelinz  dp  sloufte 

in  sin  westerhemdelin. 
240  do  hnlfent  in  die  pfetterin. 

sü  gabtent  ime  erlich 

cleinote  von  golde  rieh. 

den  gevattem  dankte  er. 

sü  sprachent  ,dAz  sint  liebe  mer 
245  and  hant  mit  willen  daz  getan. 

herre,  lant  ans  arlop  han'. 

do  vaorent  sü  in  gottes  segen. 

Der  welle  anser  iemer  pflegen, 

anze  daz  wir  heilig  werden, 
250  daz  wir  so  werben t  hie  af  erden. 

Das  kint  wart  uf  die  barg  getragen. 


230.  fregete,  nicht  fragte  (Goedeke)  steht  in  der  hs.  A.  Der  fragt 
wie  do  solt  C.  Gottfrieds  Tristan  1975  ,er  Mgete  ombe  daz  kindelin  wie 
sin  name  solte  sinS  —  231.  wie  nnd  solte  fehlte.  —  232.  gef&tterein  C. 

233.  nenne;i  C.    —   234.   Dem  guten  s.  J.  C. 

235.  manigen  A.    hilfft  auss  not  C. 

236.  Vnd  erlost  hat  vor  bSsem  todt  C. 

237.  Also  A.    Das  kind  thet  man  do  also  toufften  (!)  C. 

238.  Die  gSttel  es  C.   —   240.  Also  dann  jst  der  gStten  sin  C. 
241,  242  fehlen  C.    —   242.   cleinotter  A. 

243.   Dem  A.    Sein  genattern  C.    —    244.   dissint  A. 
245.   Wir  hand  es  m.  w.  gethan  C.    —    246.   nun  land  C. 

247.  heim  in  C. 

248.  muss  vnser  C.    Stauf.  415  ,der  müeze  ouch  unser  beider  pflegen*. 

249.  jheiiig  werden',  1175  ,in  der  zit',  steht  wohl  im  Zusammenhang  mit 
der  mystischen  frömmigkeit,  deren  ziel  dies  ist.  Merswin,  Neun  felsen,  s.  28, 
29,  31,  35,  36,  38  ff.  ,gehilgen  in  disen  ziten*.  Preger,  Geschichte  der  deut- 
schen mystik  3,  214.    —   250.  So  l&beud  wir  lang  vff  erden  C. 

251.  wider  vff  C. 


76 


Sit  han  ich  gehoeret  sagen 

grosze  zeichen,  und  geschahen! 

Ifiten,  diez  mit  engen  sahent, 
255  die  got  und  sante  Jacop  tet, 

die  man  bewerte  an  der  stet, 

da  noch  hüte  ein  closter  stot. 

nu  helfe  nns  got  nz  aller  not!  [bl.  65.] 

Ir  kint  sü  zngent  liep  nnd  zart, 
260  ein  stolzer  jUngling  ez  da  wart. 

swaz  er  anvieng,  daz  stnont  im  wol, 

sü  tribent  mit  im  mangen  gol, 

daz  noch  wol  geraten  wil. 

kint  darf  man  nfit  straffen  vil. 
265  ez  beschulte  in  siner  jugent, 

daz  man  seite  grosze  tagent, 

diez  in  der  kintheit  bevieng. 

swa  er  hin  reit  oder  gieng, 

daz  gesinde  nam  sin  war 
270  und  vartent  sines  willen  gar. 


262.  jch  vyl  C.    Wolff  zur  Birne  340  g.  e.    —   263.  Grosser,  die  C. 

264.   lüte  A.    von  leüten  C.    mit  den  A  C.    Troj.  17622  ,die  ez  mit 

oagen  sähen'.   S.  Einleitung  s.  47.  —  266.  Do  ward  bewart  C.  stette  A. 

257.  hüte  fehlt  A. 

258.  vsser  A.  Troj  42629  ,daz  ez  in  hülfe  üz  aller  not'.  Hans  von 
Bühel,  Königstochter  8071  ,got  helffe  in  noch  usser  not*. 

259.  erzngen  sie  gar  zart  C.  B.  Parz.  651,  42  ,die  frowe,  die  im 
gast  hette  liep  und  zart*.  Diocletian  22,  7614.  Königstochter  668.  Vgl. 
Engelhard  1286  und  zu  3713.    Troj.  24052  ,si  was  ir  liep  gar  nnde  zart'. 

260.  Dar  auss  ein  C. 

261.  262  fehlen  C.  264  folgt  nach  268,  und  dann  Das  zö  eren  werden 
wyl  C. 

262.  zu  gol   vgl.  Diocletian  2892,  3606.    Strasshurger  Studien  HI  306. 

263.  wol  fehlt  A,  war  aber  nach  Stauf.  501  herzustellen.  Zu  geraten 
vgl  Hans  von  Bühel,  Diocletian  4435. 

264.  das  kint  A  C.  Das  gegenteil  der  hier  geäusserten  meinung  hatte 
Rudolf  von  Ems  in  seinem,  Kistener  vielleicht  bekannten  (vgl.  zu  683)  Bar- 
laam  380,  1  f .  als  seine  ansieht  aufgestellt.  Weitläufige  ausführungen  über 
diesen  der  reformationszeit  wichtigen  gegenständ  bietet  Wickram  im  Irrreitend 
Bilger  bl.  44f.    —    265    beschnldete  A.     in  der  C. 

266.  im  seite  A.     von  jm  C.  —  267.  ving  A.  —  269.  sein  eben  C. 
270.  fortent  A,  warteten  C.    Die  meisten  ausdrücke  von  ,vären'  c. 


76 


den  snn  die  matter  hette  zart, 
nie  kint  dem  vater  lieber  wart 
ir  beder  trost  an  ime  lag. 

S&  lieszent  selten  dheinen  tag, 
275  sü  gedehtent  an  die  vart. 

der  knabe  zwölf  jar  alt  wart. 

wan  in  der  her  darnach  ansach, 

znozim  er  yU  dicke  sprach: 

,san,  wolte  got,  daz  da  die  vart 
280  bettest  getan,  die  globet  wart 

e  din  mnoter  din  genas! 

sante  Jacop,  hilf  ans  daz, 

daz  wir  geleisten  dise  vart, 

die  wir  lange  hant  gesparte 
285  Der  snn  darombe  wnste  niht: 

so  er  den  vater  troren  siht,  [bLföa.] 

balde  er  hin  znozim  gieng, 

vrüntlich  er  in  nmbevieng: 

,lieber  herre,  sage  mir, 
290  vater  min,  waz  wirret  dir?^ 

,Sit  da  vrantlich  bittest  mich, 

snn  min,  lasz  ich  wissen  dich. 


kal  dms  DWB  3, 1257  ms  Kmiaenboi^.  Der  artikd  rerte,  dAS  im  Mhd. 
mh.  3,  257  b,  21  als  ein  sw.  t.  angeseut  ist,  wird  durch  die  richtige  lesart 
doMMTB  bei  Hegel  49,  12  hinfUlig.    Closener  schrieb  nimlich  ,8att6nt'. 

27L  Die  nttter  das  kind  hat  gar  C.    Jolande  2943. 

272.  seinem  C.    Troj  7403  ,wan  mir  nie  gast  s6  lieber  wart*. 

275.  gedochtent  A.  gedachten  C.  [Zum  indikatir  in  der  fiberfieferang 
vgL  M orolf  615.  4.  5  a.  anm  Vogt.] 

276.  Do  nnn  C.   —   277.  Wann  der  herr  das  kind  ansach  0. 
2??.  Zn  menger  stnnd  gedacht  er  ach  C. 

279.  Lieber  snn  C.   —   2*1.  Terheissen  C.    —   281.   Do  C. 

382.  Herr  sant  C.  —  283.  Wir  leisten  mögen  dyse  C.   die  rart  A. 

2M.  so  lang  C.   —   28t^.  traurig  C.    —   287.  Gar  bald  C. 

2S3l  Vnd  jn  C.  Sunt  310  ,mit  armen  er  sü  omberioig'.  Kistener  325. 
Ha»  Ton  BnbeL  EHodedan  8472.  8333.  8211.    Formelhaft.    Jiekel  s.  74. 

2S?.    Er  sprach  lieber  herr  Tnd  Tstter  mein  C. 

2i»-'.  Wa5  jLÄg  rüwer  seüfftien  sein  0.  SUof.  717d  ,was  wirret 
dir.    Bc-DcT  i54.  *>l.    —    2?1.  Er  sprach  :  fragest  C. 

2^.  iLiB  fthlt  A-    Mein  kind  so  C. 


77 


lieber  snn,  ich  wil  dir  sagen, 

wie  wir  hant  vor  langen  tagen 
295  gelobet  eine  Jacopvart, 

daz  din  mnoter  swanger  wart. 

der  heiige  hat  geweret  mich. 

darumbe  sol  ich  schicken  dich 

alleine  nf  die  verte  hin. 
300  daz  beswert  vast  minen  sin, 

daz  wir  so  ver  alleine  dich 

sölnt  schicken  hin,  daz  jamert  mich'. 

er  sprach  ,sit  mir  got  hat  geben 

sele  lip  gnot  nnde  leben 
305  und  daz  sante  Jacop  bat, 

daz  üch  got  geweret  hat, 

nnd  Sit  ich  wol  geriten  mag. 


293.  Vnd  wil  dir  jn  gantsen  trüwen  C. 

294.  hant  fehlt  A.    vor  mengen  G. 

295.  Sant  Jacoh  gelopt  ein  G.   —  296.  din  din  A.    Eee  das  C. 
297.  Also  hat  sant  Jacoh  G.   —   298.   mflss  G. 

299.  Gon  knmpostell  vff  die  fart  Do  sant  Jacoh  hegrahen 
wart  G.    fart  A. 

300—302.  mir  müt  vnd  sin  Send  wir  allein  dich  schicken  do 
hyn  G. 

302.  hin  fehlt  A.  Nach  diesem  verse  folgt  der  flickreim  Die  rede  er 
merckete  eben  A.  Die  rede  verstilnd  der  knah  gar  ehen  G,  der  sich 
schon  dadurch  als  unecht  erweist,  dass  er  das  zahlenverhältnis  der  reimpaare 
zerstört.  Ähnliche  flickverse:  Gengenhach  nach  Eistener  524  (Goedeke  vers 
524,  vgl.  8.  XXII  f.).  Friedrich  von  Schwaben  ,Er  nam  ir  eben  war'  y.  d.  Hagens 
Germania  7, 111.  Troj.  43729.  Boner  36,  10.  GA  LVU  101.  Bühelers  Diodetian 
57,  137,  1250,  1718,  3433.  Königstochter  6338.  Kanfringer  1,  317.  14,  79 
n.  ö.  Schmicher,  Kellers  Erz.  306,  18.  Andreas  Knrzmann  WSB  88,  816,  198  a, 
851,  a.  9.  Jäckel  s.  80.  Als  spezifisch  Bosenplütsche  Wendungen  kann  man 
das  ,eben  war  neroen'  u.  ä.  nicht  bezeichnen.  ,eben  war  nemen*  ist  gewöhn- 
liche prosaische  weudung  Merswin,  Neun  felsen  91 :  ,und  dis  nimmet  der  bese 
geist  gar  ebbene  war*. 

303.  Vnd  sprach  C.  sit  fehlt  A.  sit  hat  mir  got  A.  dann  got  hatt  G. 

304.  guot  fehlt  A.  Seel  lyb  gut  vnd  G.  HMS  3,  468t,  29  ,got  der 
h&t  uns  vil  gegeben,  die  sinne,  lip,  söle  unde  lebend  WoI£f  zur  Birne  308 
[Troj.  45303].    Jäckel  s.  12,  13.   —   305,  306  fehlen  G. 

307.  und  fehlt  A  G.  sit  ich  wol  riten  vnd  gon  mag  A.  Das  jch 
wol  gereiten  mag  G. 


78 


so  enblibe  ich  niemer  tag^ 
Vater  and  mnoter  baten  in 
310  jSnn,  la  dir  nfit  ze  gach  sin, 
biz  daz  wir  dich  besorgent  baz. 
liebez  kint,  na  ere  ans  daz'. 
er  sprach  ,lant  üwer  bitten  sin:  [bl.  66.] 

ich  blibe  nüt,  ich  wil  dahinS 

315  Do  sfi  erkanten  sinen  sin, 

daz  ime  emest  was  dahin, 

man  zoch  ime  dar  ein  pfert, 

daz  het  er  liep  ande  wert. 

er  sprach  ,daz  pfert  ist  min  gevuog*. 
320  geltes  gabent  sü  im  gnaog. 

sine  tagent  mähte  daz, 

yil  manig  ouge  wart  da  naz. 

die  mnoter  weinte  inneclich: 

,lieber  sun,  nn  küsse  mich^ 
325  zertlich  sü  in  nrnbevieng, 

daz  leit  ir  aller  nehest  gieng: 


308.  So  belib  jcb  freilieb  niemer  C. 

310.  80  C.  Gottfrieds  Trist.  3184  ,and  l&zet  iu  niht  sin  ze  gäch'.  Näher 
stebt  wieder  Königstochter  3155  ,nit  lasse  dir  sein  also  gacb^ 

311.  Vnd  lass  vnss  dicb  besorgen  C. 

312.  Mein  liebes  k.  gewer  C.  ,eren*  =  obGBdire  Diocletian  3587. 
Troj.  7341.  Stilistisch  schwebte  Gottfrieds  Trist.  3182  vor:  ,uu,  liebez  kint, 
nn  sage  uns  daz\ 

313.  Der  sun  sprach  mit  willen  Baide  offenbar  vnd  stillen 
Nun  lassent  C. 

314.  Hans  von  Bühel,  Königstochter  6524  ,die  müssent  auch  mit  mir 
dahin*.    Vgl.  770. 

315.  üo  fehlt  A.    Vnd  do  C.    Zur  Situation  vgl.  Engelhard  326 ff. 

316.  sein  ernst  stund  C. 

317.  schönes  C.   K.  Parz.  709,  22  , ein  schöne  ros  zoch  men  im  dar*. 

318.  Das  was  wol  hundert  guldin  w8rt  C. 

319.  wol  mein  füg  C.    —   320.  Sie  goben  jm  gold  vnd  silber  C. 
321.   tuwent  A.    grosse  C.    —   322.  d&  fehlt  A.    Do  ward  C. 
323.   Sein  müter  C.  —  324.  Mein  liebes  kind  C.  —  325.  Gar  z.  C. 
326.  Wan  jr  das  C.    Troj.  5804  ,diu  selbe  clegelichiu  not  der  muoter 

siu  vil  nähe  lac'.   8864  ,vil  nähe  gie  ze  herzen  ir'.    Paiton.  6632   ,sin  muoter 


79 


jouwe,  junger  pilgerin! 
got,  laz  dir  in  enpfolhen  sin^ 
.   Swaz  uf  der  bürg  gesinde  hiesz, 
330  dein  oder  grosz,  er  nQt  enliesz, 
er  gebe  in  letze  allen  gar. 

Mit  im  vuor  ein  michel  schar. 

er  sprach  ,lant  üwer  truren  sin*. 

got  gebe  im  heil,  er  vert  dahin. 
335  geleite  sü  im  gabent 

den  tag  unz  an  den  abent. 

die  naht  sQ  bi  im  lagent, 

kurzwile  sü  bim  pflagent. 

vrüege  vuorent  sü  hin  heim. 
340  der  pilgerin  vuor  allein.  [bl.  66a.] 

E  der  herre  von  im  schiet, 

sime  suone  er  daz  beste  riet, 

er  sprach  ,lieber  suou  min, 

du  solt  mir  volgende  sin: 


vor  in  allen  begnnde  merken  diz  allhie,  wan  ez  ir  aller  nähest  gie^    Klage 
21,  3  ,dö  ir  nähen  gie  min  fröudenrich  gebrehte*  QF  54,  42. 

327.  EA.    Sie  sprach  o  we  junger  sun  mein  C. 

328.  ach  got  A.  Nun  lass  mich  dir  C.  Parten.  7377  ,und  1&  mich 
dir  bevolhen  sin'.  Stauf.  1144  ,Iant  Uch  die  magt  bevolhen  sin^  Hans  von 
Bühel,  Königstochter  37  f.  ,das  bitt  ich  lieber  herre  min,  laszt  üch  unser  kint 
enpfolhen  sin'.    3547  ,und  land  mich  üch  enpfolhen  sin*.    Formelhaft. 

321).  der  do  A.  was  C.  Den  wurden  allen  jr  äugen  nass  Er 
guodet  jn  allen  gross  vnd  klein  C.  .Zur  ausdrncksweise  vgl.  Kistener 
177,  R.  Parz.  398,  21.  ,sprach  alles,  daz  in  der  bürge  was*.  Hans  von  Bühel, 
Königstochter  6337  u.  ö.    —   330.  erdonütA. 

331.   gab  AC.   aller  A.  in  allen  die  letzi  dar  C.  —  332.  so  reit  C. 

333.  Vnd  gabent  jm  ein  gelaite  do  C. 

334.  Vnd  machten  jn  auss  trauren  fro  C.  ,got  gebe  im  heil*  R.  Parz. 
81),  37.  ,got  gebe  üch  heil*  194,  11;  Hans  von  Bühel,  Diocletian  4314.  ,got 
gebe  dir  heil'  Königstochter  360;    Tristan  2470.     ,dahin  varn*  DWB2,  e87f. 

33(),  337,  338  fehlen  C.  Troj.  45575  ,der  Mirmidoneisen  schar  die  naht 
mit  im  da  lägen,   vil  jämers  si  da  pflägen*. 

339.   Des  morgentz  färens  wider  C.    —   340.  reit  do  hin  C. 

341.   Doch  ee  C. 

343.  844  fehlen  A.  Ihre  echtheit  wird  durch  die  nachahmung  in  des 
Bühelers  Königstochter  0519 f.  bezeugt:  ,er  sprach:  ,vil  lieber  sune  min,  nun 
solt  du  mir  gehorsam  sin*.    Stauf.  651. 


80 


345  dheinen  gevei^ten  soltn  han, 
er  si  den  ein  getrttwer  man: 
wiltn  slaffen,  wiltn  wachen, 
brist  dir  fit  daz  soltn  machen, 
wiltn  zeren  oder  sparn, 

350  wiltu  mögen  oder  vam, 

sitzest  dn  ab  nnd  wilt  erbeiszen: 
bitet  er  din  ungeheiszen, 
daz  er  alles  wartet  din, 
des  geverte  soltn  sin. 

355  sich,  der  ist  ein  getrfiwer  man, 
an  den  mäht  dn  dich  wol  gelan. 
lieber  snon,  des  bit  ich  dich'. 
,Gerne,  herre,  daz  tnon  ichS 
do  wart  ir  scheiden  nfiwe. 

360  der  herr  erzeugte  im  trüwe, 
sin  herze  wart  im  also  grosz. 


345.  Goedekes  form  salta  steht  nicht  in  der  hs.  A.   ^   346.  Es  C. 

347.  Die  verse  folgen  in  A :  358,  357,  347—356.  Die  form  der  anapher 
mit  ,wilta'  Minnekloster  334  ff.,  195  ff. 

348.  hristetA.  Gehrist  dir  ützit  C.  ,gehrist  üch  üt' R.  Parz.  233, 10. 

350.  Du  wellest  rüwen  oder  faren  Solt  dich  vor  hSsen  leüten 
hewaren  G. 

351.  dann  nider,  anheissen  C.   -^   352.  Der  dein  dann  heit  C. 
353,  354  in  C  so  umgestellt:  Desselben  geverte  saltu  sein  Der 

do  hat  gewartet  dein.   —   355.  getruwe  A.   —   356.  wol  lan  ü. 

357,  358  auch  umgestellt  in  C.  357.  Mein  liebes  kind  G.  Eonrads 
Sant  Nicolans  125  ,und  des  bite  ich,  herre,  dich^  B.  Parz.  663,  20  ,dez  bitte 
ich  dich'.  Boner  48,  100;  95,  53;  Königstochter  6496  ,sun,  ich  will  bitten 
dich*.  358  =  Gottfrieds  Trist.  14494.  Budolf  von  Ems  Gerhard  906,  3821. 
Wolff  zur  Birne  363.  Jäckel  s.  83.  Noch  bei  Hans  von  Bühel,  Königstochter 
443  wirkt  die  höfische  formel  nach,  die  sich  dann  bald  verliert,  herre  fehlt  A. 

359.  war  bescheiden  A.    wider  new  C.   —   360.  sein  trew  C. 

361.  Wann  jm  ward  sein  hSrtz  gar  gross  C.  DWB  IV  2,  1212f. 
verzeichnet  zuerst  diesen  gebrauch  vou  ,gröz^  übersieht  aber  die  älteren  bei- 
spiele:  Tristan  12220  ,sd  wirt  min  herze  sä  zestnnt  groezer  danne  [hs.]  set- 
munt'  [,8etin  unt^,  ,Septimunt'  Groote,  Massmann,  Simrock.  ,sphere  mnnt^?  Bech- 
stein,  ,senstemunt*Golther].  9101  ,dem  begunden  die  gedanke  sin  üf  swellen  harte 
gröze^  ?  und  die  Kistener  vorschwebende  stelle  Konrads  Parton.  9137  ,sin  herze . . . 
wart  von  jamer  also  groz,  daz  im  üz  sinen  ougen  flöz  vil  manic  traben  bitter'. 
Dazu  Pyramus  und  Thisbe  (ZfdA  6,  509)   165  .doch  wären  ir  gedanke  gröz*. 


81 


daz  er  von  weinen  sich  begosz. 
der  suon  den  vater  tröste: 
,ei  herre,  waz  begoste? 
365  du  solt  mir  tuon  als  ich  dir, 

nu  scheide  dich  ouch  vro  von  mir. 

diz  ensol  nüt  anders  sin. 

got  gesegene  dich,  ich  var  dahin'. 

Vier  wachen  vuor  er  uf  der  vart,       [bl.  67.] 
370  daz  niemen  sin  geverte  wart. 

irre  vuor  er  unde  ging, 

des  trurete  ie  der  jungeling, 

sante  Jacop  rief  er  an 

,erh(Br  und  wis  mich  armen  man! 
375  ich  weiz  nüt,  war  ich  keren  sol, 

darumbe  ich  groszen  kumber  doP. 

vor  leide  weinte  er  inneclich 

der  zarte  jüngling  minneclich: 

eilende  im  under  ougen  sluog. 


Daraus  gebt  hervor,  dass  die  verbindang  nicht  auf  den  ausdruck  des  kammers 
zu  beschränken  ist.  Shakespeare,  Coriolan  5,  5  g.  e.  Jolande  4ö46  ist  die 
Verbindung  eine  andere:   ,dat  was  so  gröz  der  müder*. 

362.  weinende  A.    Das  er  sein  wangen  mit  weinen  C. 

363.  trost :  begost  AC.    —   364.  Ach  lieber  herr  C. 

366.  dich  ouch  fehlt  A.  Ach  lieber  herr  scheid  von  mir  C.  Kon- 
rads Schwanritter  1223  ,wellent  ir  mit  zorne  scheiden  inch  von  mir*. 

367.  Wann  es  mag  nit  C. 

368.  Trist.  787,  2780.    Parton.  2960.    —   369.  reit  C. 

371.  Er  reit  dick  jrr  vnd  auch  ging  C.  —  372.  das  A.  trauret  der 
edelC.  —  373.  bat  er  an  A.    rafft,  ernstlich  C. 

374.  Nu  weiss  ich  leider  noch  cnkan  A.  Stauf.  1041.  Jäckel  s.  35. 

375.  war  ich  sol  oder  keren  mich  A.  Der  vers  ist  buchstäblich 
Boner  12,  5  entlehnt  und  kehrt  dann  bei  Hans  von  Bühel  in  der  Königs- 
tochter 4353  wieder. 

376.  Fehlt  A.    Engelhard  5666  ,daz  ich  hie  smsehen  kumber  dol'. 

377.  Von  A.     Er  weint  von  C. 

378.  fehlt  A.  Stauf.  1090  ,do  weint  die  maget  minnenclich*.  Zum  epi- 
thel on  Jäckel  s.  52  f. 

379.  Zur  Verdeutlichung  gebraucht  C  mehr  Worte :  Wondyndas  eilend 
sein  Das  jm  bracht  worlich  grosse  pein  Vnd  fast  vnder  die  äugen 

Eulin K,  Kistener.  6 


82 


380  Uf  der  stat  kam  sin  gevuog 
ein  man  getrüwe  nnde  guot. 
schiere  erhebet  wart  sin  muot, 
daz  sant  Jacop  daz  vuogte, 
des  lachte  der  vil  guote. 

385  sin  herze  wart  von  gründe  vro, 
vor  vröuden  weinte  er  aber  do: 
,got  hat  unvergessen  min. 
ei  wiltu  min  guoter  bruoder  sin?* 
ginr  gedahte  wie  er  daz  meinte, 

390  do  sach  er  daz  er  weinte. 

er  grüeste  in:  ,habe  guoten  muot*, 
als  ein  getrüwez  herze  tuot. 
des  herren  suon  vragete  in 
,wa  verstu  her,  wa  wiltu  hin?* 


schlug.  Der  schöue  ausdrack  ist  von  Kaisersberg,  Hans  Sachs  (DWB  I  792) 
und  Ayrer  nachgeahmt.  DWB  III  408  f.  Dass  er  so  allgemein  gewesen,  wie 
J.  Grimm  annahm,  ist  bei  seiner  eigenart  und  dem  mangel  an  Zeugnissen  un- 
wahrscheinlich. Auch  hier  knüpfte  vielmehr  Eistener  an  Konrad  an,  der 
Part.  17385  sagt  ,din  minne  ir  ingesigel  streich  der  klären  nnder  ougen^ 
Troj.  14812  ,ir  zweiger  bände  schine  diu  miune  im  under  ougen  streicht 
380.  Dar  nach  fand  er  sein  füg  C. 

382.  Darumb  so  ward  er  wol  gemöt  C.  Über  erhebet  spricht 
Jänicke  zu  Stauf.  669. 

383.  Jocop  der  gute  dass  A.    Als  es  sant  Jacob  fügt  C. 

384.  Do  ward  lachen  C.  Engelhard  5668.  —  386.  Er  weinet  aber  C. 

387.  het  vergessen  A.  Sprach  got  C.  Tristan  9455,  ,got  ...  da 
hast  min  unvergezzen*.    Meier  zu  Jolande  489. 

388.  min  fehlt  A.  WöltestduC.  David  von  Augsburg  bittet , Mystiker 
I  3r  Christus,  ,unser  lieber  wallbruoder  in  disem  eilende'  zu  sein.  Trist.  10506. 
Hans  von  Bühel  4707  ,wilt  du  min  lieber  sune  sin^ 

389.  gemein  A.  Der  brüder  gedacht  C.  Hans  von  Bühel,  Königs- 
tochter 6450  ff.  ,zuo  stund  er  sach  und  vernam,  das  sie  alle  da  weineten.  er 
fragt  sie,  wie  sie  das  meineten*. 

391.  Er  sprach  hab  C.   ,hant  eht  nuwan  guoten  muot*  R.  Parz.  297,  41. 

392.  getruwe  A.  Vnd  trost  jn  als  eintrewO.  Vgl.  zu  414.  Solche 
kurze  nebensätze  mit  suln  sind  Gottfrieds  manier,  was  natürlich  nicht  aua- 
schliesst,  dass  auch  andere  sie  nicht  selten  gebrauchen.  Strassburger  Studien 
l,73fP.  Kistener414,  595.  Wolff  zur  Birne  363.  Jäckel  s.  28.  Noch  bei  Hans  von 
Bühel,  Königstochter  443  wirkt  die  formel  nach.  Unmittelbare  nachahmung  liegt 
bei  Hans  von  Bühel  in  der  Köuigstochter  6864  vor:  ,als  die  getrüwen  hertzen 
thuont*.    Älteres  Meyer,  Altgerm,  poesie  377 flf.    —    394.  oder  wo  wilt  C. 


83 


395  do  Seite  ime  balde  er 

,ich  kam  von  Lamparten  her 

nnd  wil  gen  Gumpostelle^ 

,e  beit  nnd  rit  getelle, 

ich  were  gerne  onch  dahin,  [bl.  67  a.] 

400  nnd  la  mich  din  geverte  sin*' 

einer  vragt  den  andern  mer, 

wannan  er  des  landes  wer. 

des  herren  snon  seite  daz, 

wie  er  uzer  Feigem  was. 
405  giner  sprach  ^ch  wil  dich  lieb  han, 

so  bistu  min  landesman: 

ich  bin  ein  Swap  nz  Heigerloch, 

da  han  ich  vater  nnd  muoter  nochS 

die  zwene  tmgent  ttberein 
410  ir  brnoderschaft  wart  gemein. 


Sü  giengent  nnde  ritten 
gemeinliche  mit  sitten. 
einer  pflag  des  andern  wol, 


895.  er  jr  (!)  bald  die  mSr  C.    —   396.  Er  sprach  A  G. 

397.  Vnd  han  milt  gon  C.    gon  auch  A. 

398.  Lieber  so  beit  vnd  reit  nit  schnell  C. 

399.  auch  gern  C.    —   400.  Vnd  fehlt  C.  Jetzt  folgen  in  A  409,  410. 
401.  frogete,  nicht  fragte  (Goedeke)  A.    Sie  fragten  einander 

der  C.    mere  :  were  A.   —    402.  der  Jüngling  landts  C. 

403.  Der  jung  her  seit  dem  brüder  C. 

404.  Das  er  C.    vs  A.    payerland  C. 

405.  Er  sprach,  dich  vyl  gern  C.  Über  ,liep  haben*  Haupt  zu  Engel- 
hard 1217.    —   Wann  du  bist  C. 

407.  Hegerloch  A  Heierloch  C.  Wie  man  es  fertigbringen  kann, 
trotz  dieses  verses,  Heigerloh  nach  Bayern  zu  versetzen,  möge  im  Alt- 
bayerischen sagenschatz  zur  bereicherung  der  indogermanischen  mythologie 
s.  557  f.  nachlesen,  wer  s.  660  ff.  in  den  beiden  Jakobsbrüdern  zugleich  die 
stemprlnzen,  die  reiterzwillinge,  Bei  und  Polel,  morgen-  und  abendstern,  Idas 
und  Lynkeus,  die  beiden  Aspin,  Baldr  und  Hermodr,  Hassan  und  Hussein 
u.  s.  w.  u.  s.  w.  wiederzufinden  vergnügen  haben  sollte. 

409.  kamen  C.   —  410.  Das  jr  C.  —  411.  vnd  auch  C. 

412.  mit  guten  C.  ,mit  sitten'  Boner  62,  4.  Hans  von  Bühel,  Königs- 
tochter 82,  5174.    —    413.  plag  A.    Weinhold,  Al.gr.  s.  117. 

6* 


84 


als  ein  yrünt  des  andern  sol, 
415  vier  wachen  oder  me: 

do  wart  des  herren  suone  we 

in  der  herberge,  da  er  lag. 

Der  bruoder  sin  mit  trttwen  pfiag, 

er  gab  im  trost  unde  muot: 
420  jlieber  herre,  spar  kein  guot; 

swaz  dich  last,  daz  la  dir  geben, 

vrist  da  dir  din  jangez  leben*. 

Er  sprach  ,got  Ion  dir  dinen  gruosz, 

ich  weiz  wol  daz  ich  sterben  maosz. 
425  nu  sage  ich  dir  min  heling  ganz: 

ich  bin  ein  graf  von  rehter  schanz,    [bl.  68.] 

min  vater  ist  ein  groszer  her. 

wilta  haben  guot  and  er, 

sage  mime  hem  gen  Peigern  daz, 
430  wie  ich  hie  din  geverte  was: 

swaz  ich  habe,  daz  ist  din: 

and  tuo  daz,  lieber  braoder  min'. 

Er  gelobte  ez  im  der. 
er  sprach  ,din  we  ist  mir  swer, 
435  das  wissest  vür  die  warheit, 


414.  guter  fründ  C.  dem  A  C.  Peter  von  Staufenberg,  der  diesen 
vers  buchstäblich  bot,  des  (339);  die  lesart  der  hs.  A  ist  buchstäblich  gleich 
Erec  3908  und  Hans  von  Bühel,  Diocletian  3340.  Vgl.  zu  392.  —  415.  Boner 
48,  191  ,achtzehen  wuchen  oder  m^*. 

416.   dem  jungen  herren  C.   —   419.  vnd  gftten  C. 

420.  junger  herr  A.    sparen  C. 

421.  Gebrist  euch  ützit  das  wil  ich  C. 

422.  Vnd  ettch  fristen  üwer  leben  0.  —  423  deiner  trew  gross  C. 

424.  ,sO  weiz  ich  also  rehte  wol  als  daz  ich  ersterben  sol^  Engelhard  5721. 

425.  hei  ig  A.  Weinhold,  AI.  gr.  s.  169.  h&lnng  C.  Lieblingswort 
Gottfrieds  in  den  späteren  partieen  des  Tristan.    Konrads  Troj  4946,  15756. 

427.  groff  vnd  herr  0     here  :  ere  A.    —    428.  beholen  C. 
429.  jm  heim  C.    payer  landt  C.    -    4:^-432  fehlen  C. 

433.  jm  es  by  der  band  C. 

434.  dein  gebrSst  der  jst  mir  leit  C.  Hans  von  Bühel,  Königs- 
tochter 1307  ,doch  ist  dise  fart  mir  gar  schwer'. 

435.  Das  sag  ich  dir  für  die  C. 


85 


sist  mir  in  ganzen  trttwen  leit^ 

E  sin  leben  schiet  dahin, 

er  sprach  Jieber  bruoder  min, 

bit  got  und  sante  Jacop, 
440  daz  im  min  sterben  si  ein  lop. 

daz  ich  stirb  so  ellendeclich, 

ach  got,  daz  laz  erbarmen  dich, 

daz  ich  so  gar  eilende  bin: 

owe,  vater  und  muoter  min, 
445  die  mich  zugent  liep  und  zart: 

nu  stirb  ich  eilende  uf  dirre  vart. 

eins  dinges  wil  ich  bitten  dich: 

bruoder,  des  gewere  mich: 

stirbe  ich,  vUer  mich  tot  dahin, 
450  da  ich  der  verte  lidig  bin'. 

,Ja,  ich  gib  dir  die  trüwe  min, 
ich  wil  dich  vQem  mit  mir  dahin, 
du  sigest  lebende  oder  tot, 
mich  irre  denne  grosze  not'. 
455  Zehant  er  starp  uf  mitten  tag.         [bl.  68  a.] 
der  bruoder  einen  ledersag 


436,  fehlt  C.  es  ist  A.  Der  R.  Parz.  hat  für  ,sist'  auch  die  Schreibung 
,est'  261,  11.    Haupt  zu  Engelhard  3786. 

437.  Ee  das.  schied  von  jm  C.    —   438.  Da  sprach  er  0. 
439  bis  450  fehlen  C. 

441.  stirb  fehlt  A.    Stauf.  1088.    Diocletian  4685. 
448  f.  Stauf.  439  f.  ,min  frttnt,  des  wil  ich  bitten  dich,  ach  herzeliep,  ge- 
were mich^ 

450.  Ich  habe  mit  A  lidig,  nicht  ledig  geschrieben,  weil  die  elsässische 
form  80  bei  Boner  (35,  50),  im  R.  Parz.  (571, 11),  bei  Nicolaus  von  Straasburg 
(Mystiker  I  277,  36),  Rulman  Merswin  s.  105  u.  ö.  in  Urkunden  und  Chroniken 
vorkommt.    Haeudcke  s.  10.    Bei  Konrad  las  ich  sie  Troj.  22353  [48945]. 

451.  Er  sprach  jo  min  truwe  gib  ich  dir  A.  Ich  verheysse  dir 
by  der  trewe  mein  C.    —    452  fehlt  A. 

453.  Stauf.  1127  ,so  bin  ich  lebend  unde  tot*.  Hans  von  Bühel,  Königs- 
tochter 3496  ,ob  ir  sint  lebende  oder  tot*.  262  ,wan  ich  tod  oder  lebend  bin*. 
4583  ,ist  er  lebende  oder  tot'. 

454.  meines  lybes  not  C.  R.  Parz.  775,  21  ,in  irrete  danne  gevong- 
nisze  not^    —   455.   den  mittentag  A.    mitten  fehlt  C. 

456.  Sein  bräder  das  gar  hert  wag  C. 


86 


ime  gehe  machen  hiesz, 
darin  er  den  toten  stiesz. 
er  vuorte  unde  truog  in 

460  gewilleclich  mit  vuoge  hin 

ze  liebe  gotte  und  nflt  ze  leide 
zwölf  grosze  tageweide. 
nnd  swa  er  in  die  herberg  kam, 
den  toten  ie  er  mit  im  nam: 

465  wan  er  die  rehten  mal  asz, 
des  toten  er  nüt  vergasz, 
er  satte  im  die  spise  der. 
in  trüwen  also  lebete  er. 
er  gap  sfl  dnrch  die  sele  sin, 

470  daz  im  got  hfllfe  nzer  pin. 
nnd  des  nahtes  an  der  rast, 
do  nam  er  den  toten  gast 
nnd  leitn  an  ein  schcen  bette, 
reht  als  er  gelebet  bette. 

475  er  truog  in  spat  unde  vruo 
von  dem  pferde  und  darzuo 


457.  Einen  leder  sack  er  machen  hiess  C.  Wie  Thetis  Troj.  13990  ff. 
In  der  legende  (Acta  SS.  6,  49Cff.  Patrologia  163,  1370.  Legenda  aorea 
cap.  96)  nimmt  der  h.  Jakob  den  treuen  gefährten  samt  dem  toten  hinter  sich 
aufs  pferd.    —    458.  Gehäb  das  er  yu  dar  jn  stiessC. 

459.  Er  trüg  vnd  ffirt  yn  mit  jm  do  hin  C.    trüge  A. 

460.  Vnd  wolt  ju  nit  lassen  hinder  jm  C.  ,mit  möge'  Engel- 
hard 2711.    —   461,  462  fehlen  C.    461.  Engelhard  2271,  3904,  6363. 

462.  grosze  fehlt  A.   —   463,  464  fehlen  A. 

464.   allzyt  C.    er  fehlt  C.    —   465.  Wie  wol  er  C. 

466.  todten  mans  C.   —   467.  sein  spyss  C.    dar  A  C. 

468.  Hecht  als  ob  er  labte  nemendt  war  G. 

469.  Vnd  gab  sie  durch  got  vmb  C.    —   470.  jr  C. 

471.  und  fehlt  A.  Ich  habe  und  hinzugefügt  und  vers  472  do  für  so 
geschrieben,  weil  es  bei  Haus  von  Bühel  in  der  Königstochter  3276  heisst: 
,und  da  ich  schlaffen  solt  des  nachtes,  da  kam  ein  kamerer  on  vil 
brach  tes*. 

472.  so  A  C.  er  auch  den  C.  —  473.  zu  jm  an  das  bet  C. 

474.  Über  ,reht  als*  Wolff  zur  Birne  167.    Jäckel  s.  29.    Kistener  644. 

475.  Des  morgens  do  er  auff  stund  frü  C. 

476.  So  trug  er  ju  dem  pferd  wider  zu  C. 


87 


gnedeclich  den  toten  man, 

unz  daz  er  gen  Gumpostelle  kam. 

Do  was  er  leidig  nnd  oucb  vro. 
480  er  vragte  zuo  der  kirchen  do. 

und  do  er  viir  die  kirchen  kam, 

er  band  ab  dem  pfert  den  toten  man 

und  lonte  eime  knaben, 

die  pfert  hiesz  er  den  haben. 
485  er  nam  uf  sich  den  toten  man 

und  truog  in  altersein  hindan: 

,0  vürste  sant  Jacop, 

la  dir  min  erbeit  sin  ein  lop, 

die  ich  mit  dem  toten  habe. 
490  la  uns  unser  stinden  abe*. 

mit  vröuden  er  vür  den  altar  kam.     [bl.  69.] 

er  opferte  den  toten  man 

und  einen  güldin  pfenning: 

,swaz  ich  Sünden  ie  beging, 
495  da  vür  bit  ich  herre  dich, 

vür  den  toten  und  vür  mich*. 

uf  sinen  knüwen  er  do  rief 

got  an  süfzende  tief. 

477.  Gar  tugentlich  C.    —    778.  Gumpestelle  A. 

479  bis  482  fehlen  in  A,  weil  der  Schreiber  von  kam  (478)  za  man  (482) 
übersprang.  S.  einleitung  s.  34.  479.  R.  Parz.  107,  46  ,sü  worent  leidig  nnd 
ouch  fro*. 

484.   den  fehlt  A.    Der  jme  die  pfSrd  solt  haben  C. 

486.  zu  der  kilch  C.    —   487.   Er  sprach  se  hin  sant  C. 

488.  Vnd  lass  dir  sein  mein  arbeit  ein  lob  C. 

489.  mit  disem  C.    —   490.  Vnd   nim  vnss  vnser  C.    sünde  A  C. 

491.  Vnd  do  er  C. 

492.  KnUwen  er  vor  sant  Jacob  began  0. 

493.  Er  opffcrtjm  ein  C.  Nach  Stauf.  524  schiebt  h  ein  ,und  opffert 
einen  gnlden  mit  andacht  uff  den  altar  hin'.   —   494.  Er  sprach  C. 

495.  Das  bitt  jch  lieber  C.    495,  496  umgestellt  in  C. 

496.  Hab  das  C.    vnd  ouch  A.    Einleitung  s.  25. 

497.  Er  kntiwet  ernstlich  vnd  C. 

498.  mit  seüfftzen  C,  Stauf.  751  f.  ,von  himel  got  er  ane  rief  uz 
gmnde  sines  herzen  tief.    Kist.  936.    Jäckel  s.  24. 


88 


er  lag  nider  in  crttzewis: 
500  ,ich  mane  dich  mit  ganzem  vlisz, 
sant  Jacop  an  din  minne 
die  du  ze  got  ie  gewönne, 
gedenke  an  die  trttwe  grosz, 
teile  uns  mit  den  abelosz\ 

505  Als  er  so  in  der  andabt  lag: 
do  trittet  giner  an  den  sag, 
daz  er  von  einander  schrant. 
der  bruoder  wüste  uf  zebant 
den  sag  er  ime  sloufte  aber 

510  ,wie  unsanfte  ich  geslaffen  habe! 
wie  hastu  verbunden  mich! 
lieber  bruoder,  wa  bin  ich?* 

Do  er  zuo  im  selber  kam, 
die  glocken  giengent  selber  an 
515  und  lutent  da  selber  sich, 
do  kam  geloufen  mengelich 


499,  fehlt  C.    in  fehlt  A.    Troj.  33103. 

500.  gantzen  A.  Sant  Jacob  jch  ermane  dich  der  lieb  on  spot  0. 
501  und  502.  Die  du  gewann  est  je  zä  got  C.    Parton.  9790  ,durch 

die  vil  stffiten  minue,  die  du  zuo  dime  kinde  treist^ 

504.  deile  mit  vns  A.    dein  C. 

505.  Also:  80  (506)  A.  Vnd  als  er  yn  der  andacht  was  C.  so  fehlt  A. 

506.  So  begund  sich  jn  dem  sack  r&ren  das  C.  Tempnswechsel 
wie  1067.   —  507.  sich  der  sack  zertrant  C.   —  508.  bruoder  fehlt  A. 

509.  Vnd  zog  jm  den  wotsack  ab  C. 

510.  Er  sprach  jch  geschloffen  hab  C.  Zu  diesem  ausruf  des  vom 
tode  erweckten:  R.  Köhler,  Kleinere  Schriften  1555 f. 

511.  512  umgestellt  in  C. 

512.  Das  sag  mir  das  bit  jch  dich  C. 

513.  Vnd  ee  das  er  C.  ,do  sü  zuo  ir  selber  kam*  R.  Parz.  675,  30; 
203,  44;  204,  16.  So  lautete  der  mundartliche  ausdruck.  Gottfried  schrieb 
so  im  Tristan  1447,  1449.  Merswin,  Neun  felsen  s.  18,  124,  142  ö.  Immer 
,fon  immo  selber*  und  ,in  imme  selber'.  Ebenso  heisst  es  immer  bei  Hans 
von  Bühel,  Königstochter  2050,  wo  ,selb8*  natürlich  in  ,selber*  aufzulösen  war, 
2069,  4315,  7763.  Weinhold,  Mhd.gr.  §499:  also  nicht  selben,  wie  Jänicke 
und  Schröder  im  Peter  von  Staufenberg  888  gegen  die  Überlieferung  schreiben. 

514.  giengen  alle  an  C.    Zeitschr.  f.  Volksk.  8,  30f. 
516.  arm  vnd  rieh  C. 


89 


aud  woltent  sfi  vragen  mer, 

WEZ  zeichen  da  geschehen  wer. 

sü  fnndent  in  der  kirchen  stan 
520  deheinen  den  die  zwene  man. 

do  wolt  sü  vragen  mengelich:  [bi.  69  a.] 

,wir  merkent  leider  wenig  ttch'. 

ein  Dfltscher  wflrt  drang  zuo  in  der, 

der  ein  seit  im  die  rehte  mer, 
525  daz  er  was  tot  vor  zwölf  tagen: 

,ich  han  in  gevüeret  und  getragen, 

daz  ich  in  brahte  tot  her. 

nn  ist  worden  lebende  er. 

wellent  ir  nttt  glonben  daz, 
530  wa  er  tot  und  lebende  was, 

schickent  üwer  hotten  der, 

man  seit  fleh  die  rehte  merS 

Do  ervnorent  sü  die  warheit, 
daz  ez  was,  alse  ich  han  geseit. 
535  balde  die  pfaffen  nnd  die  heren 
die  zwen  brtteder  hnobent  zeren 
hin  uf  den  altar  ze  lobe 


617.  erfaren  die  C.  517  und  618  sind  fast  wörtlich  =  Alexius  A  607, 
608  ,nnt  fragten  msere,  was  Zeichens  geschehen  waere*.  Berger  zn  Grendel 
1762.    Die  ganze  episode  erinnert  an  den  Alexias. 

520.  keinen  menschen  A.    Niemandt  dann  zwen  einig  man  C. 

521.  Man  wolt  sie  fragen  zä  stnndt  C. 

522.  Wir  haben  hier  geschmacklose  nachahmnng  der  lebhaften  wechsel- 
rede im  höfischen  epos  vor  uns,  vgl.  1118,  1138. 

522.  Do  was  yn  vmb  jr  sprach  nit  kandt  C. 

523.  trang  A.     man  gieng  dar  C. 

524.  Der  brüder  nam  sein  eben  war  C. 

525.  C  schiebt  ein:  Er  sprach  dyser  hoch  erboren  man  Den  jr 
hie  sehent  stan   Der  ist  gewesen  todt  vor  XIIII  tagen. 

526.  Hau  in  har  geffirt  C. 

527.  Biss  das  jch  jn  han  bracht  h&r  C.    —   528.  leben  er  A. 
529.  Vnd  wend  0.    —   531.  So  C.    eweren  .  dar  C. 

532.  So  wirt  es  euch  thon  offenbar  C 

533.  Do  uam  die  pfaffheit  Nach  dem  als  die  geschrifft  seit 
Vnd  auch  die  korherreu   Erhüben   die  zwen  bruder  zu  ereu  C. 

534.  do  was  es  A.    —    537.   in  A.    hin  fehlt  C.    durch  ein  lob  C. 


90 


got  ande  sant  Jacobe. 

die  zeichen  tet  men  schriben. 
540  die  brtteder  hiesz  men  bliben. 

do  blibent  sfl  den  manot, 

zucht  und  ere  man  in  bot. 

do  wart  in  besigelt  daz, 

daz  zeichen  wiez  geschehen  was. 
545  die  brieve  sü  enpflengent. 

In  die  kirches  aber  giengent 

ze  gotte  nament  sü  nrlop: 

,e  herre  sante  Jacop, 

din  geleite  gip  nns  zwein, 
550  hilf  uns  gesunt  wider  hein'. 

die  brüeder  wurdent  des  gewert.         [bl.  70.] 

stt  hin,  stt  sazent  uf  ir  pfert: 

,sist  zit,  wir  sölnt  uns  scheiden. 

wir  haut  verr  tageweiden*. 
555  Do  huobent  sü  sich  uf  den  weg 

über  brück  und  über  steg, 


538.  Got  vnd  dem  lieben  herren  sant  Jacob  C. 

539,  540  umgesteUt  in  C.  539.  grossen  .  auf  f  schreiben  C.  540.  Man 
hiess  die  br .  do  C.   —   541.  Sie  beliben  do  zwen  tag  C. 

542.  Schon  essen  vnd  trinken  man  jnen  gab  C.  ,in  bieten  znht 
und  gre^  Engelhard  743  n.  o.    —   543.  Also  ward  versigelt  C. 

544.  Was  grossen  zeichen  do  C.  Hans  von  Btlhel,  Diocletian  9045 
,als  das  zeichen  geschehen  was'.  Von  diesen  schriftlichen  certifikaten,  den 
compostelas,  erhielt  San  Jago  seinen  beinamen.  G.  Liebe,  Die  wallfahrten  des 
mittelalters  und  ihr  einfluss  auf  die  kultur.  Neue  Jahrbücher  von  Ilberg  und 
Richter  1898  I  s.  154.  Fromm-unsinnige  Volksetymologien  bieten  Garns,  Die 
kirchengeschichte  von  Spanien  II  2,  369  und  Sepp,  Altbayerischer  sagen- 
schatz  s.  667. 

545.  Des  namen  die  br&der  ein  brieff  zu  yn  C. 

546.  Vnd  giengen  wider  zu  der  kirchen  hyn  C. 

547.  Von  got .  sie  do  C.  —  548.  Vnd  hatten  den  lieben  herren  C. 
549,  550  so  umgestellt  in  0:  Das  er  yn  hülff  mit  lieb  wider  heim. 

Gib  glück  vnd  gesuntheit  vns  zwein.  —  552.  Sie  sassent  frSlich  C. 

553.  ist  nun  C.     uns  fehlt  C. 

554.  gar  ferre  C.  Hans  von  Bühel,  Diocletian  8193  ,du  hast  so  vil 
tagweide*.    —   555.   Zum  ausdruck  Wolflf  zur  Birne  183. 

555 :  556  und  557  :  558  umgestellt  in  C. 
556.   manche  brück  vnd  stUg  C. 


91 


als  man  gan  and  riten  maosz. 

lihte  was  in  der  yuosz. 

des  herren  snon  sprach  ,trüwe 
560  sol  dir  iemer  wesen  nüwe, 

die  du  mir  getan  best. 

die  wile  ich  lebe,  ich  tuo  dir  sbest. 

ich  wil  nüt  vergessen  din. 

min  erbe  sol  din  balbez  sin\ 
565  des  weges  lang  vil  wol  in  zwein, 

sant  Jacop  half  in  wider  hein. 

Sil  kament  hin  in  Peigemlant. 
der  Swap  die  warheit  do  bevant: 
schcene  bürge  und  stette  er  da  sach. 

570  des  herren  snon  zuozime  sprach: 
^darüber  rauostu  pfleger  sin, 
daz  hilf  ich  mit  dem  vater  min^ 
sü  kament  heim  uf  mittentag. 
der  grave  an  der  zinnen  lag. 

575  als  verre  er  sü  kamen  sach, 
der  vrouwen  rief  er  ande  sprach 
,got  ans  zonget  liebe  mer: 
anser  saon  vert  dort  her*. 
jLieber  herre,  kamt  er  do, 


557.  Die  wir  reiten  vnd  gon  mfissen  C. 
Ö58.  Gar  Hecht  wurden  yn  die  f&sse  C. 
559.  mein  trew  C.   —   560.   nümmer  me  C. 

561.  Die  trew  die  C. 

562.  Darumb  thün  ich  dir  C.    Troj.  183  ,die  wile  ich  lebe^    ,daz  er 
mir  tuot  daz  beste^  Engelhard  5646.    Kistener  674. 

563.  niemer  C.    —   564.  gut  sol  halbs  dein  eigen  C.    halber  A. 
565.   vil  fehlt  C.    denzweinC.    Boner  77,  14  ,des  weges  gelaug  im 

deste  baz'.    Hans  vou  Bühel  gebraucht  fingen'  absolut :  Königstochter  3532. 
Diocletian  3764,  8427.    QF  54,  68. 

568.  do  man  A.    do  fehlt  A.    der  warheit .  empfand  C. 

569.  und  fehlt  A.    569  bis  572  fehlen  C. 

572.  hilf  dir  mit  A.    Hans  von  Bühel,   Diocletian  7600  ,was  ich  ver- 
mag, dashilff  ich  dir'.  —  574.  herr  an  einer  C.  —  575.  So  ferr  als  er  C. 
576.  Seiner  C.    —   577.   hat  unss  erzeiget  C. 
678.   Sich  .  der  vert  C.    —   579.  Sie  sprach  .  jst  es  also  C. 


92 


580  so  wart  ich  werlich  nie  so  vro. 

mir  ist  getroumet  lange  swer  [bl.  70a.j 

also  wie  er  tot  wer*. 

,Nu  luoge,  wie  er  her  vert!* 

so  siht  Sil,  wa  er  knmet  dort. 
Ö85  nf  hin  allez  daz  da  was 

gemein  daz  din  der  bUrge  saz, 

sü  rittent  unde  liefent 

wilkam  sft  in  riefent: 

Juncher  unde  pilgerin, 
590  willknm  sttlnt  ir  gotte  sin!^ 

S&  sazent  ab  nnd  giengent. 

mit  vröuden  sfls  enpfiengent: 

,bis  wilknm,  liebez  kint, 

und  die  mit  dir  kamen  sint!' 
595  er  dankte,  als  man  vründen  taot, 

der  vrouwen  vil  wolgemuot. 

ginr  zoch  in  her,  der  ander  hin, 

Sil  vielent  gar  alle  an  in. 

sines  knmends  warnt  sü  vro. 
600  Sin  bruoder  stnont  alleine  do. 


580.  bin  jch  von  gantzem  h&rtzen  fro  C. 

581.  ist  lange  getroumet  A. 

581,  582  fehlen  C.  Zu  ,also  wie'  bringt  das  DWB  1,  249  nur  neue,  das 
MhdWb.  3,  573a  gar  keine  beispiele.    —   583.  Eum  lug  C. 

584.   Vnd  sich  C. 

585  bis  587.  Bald  was  vff  was  yn  der  bürg  was  Rittent  vnd 
lüffent  alle  das  C.   —   588.  hiessent  A. 

589.  Sind  got  wilkomm  junger  bilgerein  C. 

590.  Got  vnd  marien  der  müter  sein  C. 

591  bis  594  fehlen  C.  593  f.  guter  Qerhard  2855  ,min  vil  liebez  kint, 
uud  euch  alle  die  bi  uns  sint'.    —   595.  yn  C. 

596.  die  frouwe  A.    Sie  waren  alle  wol  gemüt  C. 

597.  Eir  zoch  yn  hin  der  ander  här  C.  Die  ausdrucksweise  ist  bei 
Konrad  besonders  beliebt:  Parton.  1724,  5506,  5906,  11548,  15442,  18310, 
21346.  Tumei  769.  Engelhard  2854,  3214.  Troj  564,  8800,  9880,  12740, 
14246,  14233,  16428,  34496,  36263,  39634.  [43082,  45317].  Vgl.  Kistener  394. 

598.  fielen  an  yn  mit  grosser  bgSr  C. 

599.  was  menglich  fro  C. 


98 


des  herren  suon  uz  zoroe  sprach, 

do  er  den  brnoder  eine  sach 

,dazt  unverwissenlich  getan! 

wie  lant  ir  den  so  eine  stan? 
605  het  ich  braht  ein  beiden  her, 

er  solt  fleh  sin  lieb  unde  mer!' 

daz  nam  der  brnoder  in  den  sin. 

er  kerte  umbe  sich  von  in 

und  weinte  troufende  durch  daz, 
610  daz  ouge  und  wangen  wurdent  naz: 

jSante  Jacop,  herre  min,  [bl.  71.] 

sol  min  trfiwe  vloreu  sin, 

got,  daz  laz  erbarmen  dich. 

ez  machet  joch  verzwiveln  mich*. 
615  Vrouwe  und  herre  balde  der: 


601ff.  sun  sprach  sehent  wie  Stadt  Der  mir  so  gross  trew  er- 
zeiget hat  Vnd  von  dem  todt  hat  ernert  mich  Er  jst  euch  billich 
lieber  dann  jch  Lond  jr  den  einig  ston  Das  dunckt  mich  nit  wol 
getan  C.    Über  sprach  im  reime  bei  Konrad:  Wolff  zur  Birne  322. 

607.  sein  sin  C. 

608.  Vnd  kart  sich  trauriglich  von  yn  C.    sich  vmb  A. 

609.  tröffe  das  A.  Weint  das  jm  sein  wangen  wurden  nass 
Sprach  berr  sant  jacob  hilff  das  G.  Die  Verderbnis  tröffe  wurde  durch 
den  grammatisch  möglichen  ausfall  des  d  (trouffeue)  begtlnstigt  Wein- 
hold, Mhd.  gr.  §  373.  Zum  bilde  vgl.  Diocletian  6402  ,sin  ougen  truffen  als 
ein  tach'.  , durch*  war  nach  R.  Parz.  676,  7  herzustellen;  vgl.  141,  16;  313, 
46;  540,  35.  Mhd.  wb.  1,  405.  Noch  in  einer  1720  zu  Strassbnrg  erschienenen 
anekdoteusammlung  kommt  ,durch  diss*  für  ,um  dessent  willen'  vor.  Strass- 
burger  Studien  3,  139.   —   610.  ougen  A. 

611  bis  614.  Mir  doch  bass  gelonet  werd  Meiner  arbeit  vff 
dyser  erd  C. 

612.  Den  zu  individueller  behandlung  mahnenden  bemerkungen  Pauls 
(Grundriss  II  1,  929)  und  Vetters  (Einleitung  zum  Heiligen  Qeorg  des  Reinbot 
von  Durne  s.  CLfi.)  gegenüber  verzeichne  ich  hier  zu  vloren  ausnahmsweise 
einmal  Städtechroniken  9,  939,  27  velüre,  was  der  herausgeber  im  StUB  5, 
40;  86  wahrscheinlich  geändert  hat,  indem  ich  hinzufüge,  dass,  wenn  nicht 
das  gegenteil  bemerkt  ist,  alle  übrigen  fälle  von  synkope,  apokope  u.  s.  f.  bei 
Kistener  teils  in  der  Volkssprache,  teils  auch  in  Urkunden  und  älteren  dich- 
tungen  nachzuweisen  sind.    —   614.  joch  fehlt  A. 

615.  Der  herr  vnd  fraw  bald  hin  giengen  Den  bräder  sie  gar 
wol  empfiengen  C.  Zu  ,balde  der'  vgl.  Merswin,  Neun  felsen  s.  53,  18.  ,nü 
der'  8.  124.    ,nu  wol  her'  einleitung  s.  20,  51. 


94 


,bruoder,  la  dir  nüt  sin  swer, 

daz  wir  hant  vergessen  din. 

wir  bitten  fleh,  daz  irz  lant  sin^ 

,daz  mugent  ir  wol  jehen' 
620  sprach  der  saon  ^i*  bant  gesehen 

deheinen  man  bi  üwern  tagen 

noch  gehört  von  keime  sagen 

der  groBzer  trflwe  ie  getet, 

wen  er  mir  getan  het. 
625  daz  süllent  ir  mir  jehen, 

die  brieve  sttlnt  ir  sehen'. 

Zehant  man  die  brieve  las, 

da  sahent  sfl  geschriben  daz. 

sfl  sprachent  jieizt  daz  groeste  ding, 
630  daz  mannes  lip  ie  beging, 

daz  er  dich  truog  und  vüerte  tot     * 

unbetwnngenlichen  ane  not 

zwölf  tage  nnde  naht, 

wie  erzögete  er  die  mäht! 
635  ez  was  ze  vil:  nflt  genaog, 

daz  er  dich  in  die  kirchen  truog, 

und  des  nflt  gedehte. 


616.  Lieber  brüder  nun  lass  dir  nit  schwir  sein  C. 

617.  hatten  C. 

618.  Der  jttngling  do  sprach   Ans  seins  h&rtzen  nngemach  0. 

619.  Liedersaal  38,  56:  ,sie  sprach  das  mügent  jr  wol  jechn^ 

621.  Von  keynem  C.    man  fehlt  A  C. 

622.  Noch  nie  hand   gehfirt  sagen  C. 

623.  Der  grSsser  trew  je  gethet  C.    —   624.  an  mir  C. 

625.  müssen  C.    mir  fehlt  A.    jemer  jehen  C. 

626.  Wann  jr  dysenbrieff  hand  gesehen  C.  —  627.  denbrieffC. 
628    fanden  C.    Hinter  628  schiebt  C  ein:   Der  Jüngling  tod  wer 

gesin   Das  thet  jnen  der  besigelt  brieff  schein  C. 

629.  do  sprochent  sü  A.    —   631.  jn  fftrt  vnd  trüg  also  C. 

632.  unbezwangelichen  A.  Silv.  2315.  Schwanritter  475.  vnd  ane  C. 

634  bis  636  fehlt  C.  Die  prosaische  wendung  ,nüt  genaog^  635  wird  durch 
,kurz  geret*  R.  Parz.  787,  2  noch  übertroflfen.  Vgl.  aber  auch  Tristan  11913. 
Parton.  14828.  Noch  peinlicher  wird  die  manier  des  redseligen  Hans  von  Bühel 
(Strassburger  Stadien  III  316  f.). 

G37.  gedohte  A.    Vnd  nit  gedacht  man  fraget  jn   Was  er  do 


96 


men  vragete  in,  waz  er  brehte. 

die  trüwe  er  hat  an  im  getan, 
640  des  hat  uns  got  genieszen  lan, 

daz  er  lebende  wider  wart:  [bl.  71a.] 

dhein  man  getet  nie  swerer  vart^ 

Do  nament  sü  in  vrttntlich  her, 

reht  als  er  ein  heiige  wer: 
645  ,der  trtiwen  weint  wir  danken  dir. 

swaz  du  begerest,  daz  tuen  wir. 

du  bist  von  art  ein  trüwer  man, 

lüte  unde  lant  sol  an  dir  stan'. 

Sehent,  do  wart  er  wolgemuot. 
650  er  daht  ,der  dir  daz  halbe  tuot, 

du  wiirst  guotes  rieh  zehant*. 

Do  wart  er  pfleger  über  daz  lant. 

zehant  tet  man  unde  liesz, 

swaz  er  wolte  unde  hiesz. 

655  Ein  jar  er  lenger  pfleger  was, 
er  tet  so  rehte  alle  daz, 
daz  man  von  siner  vrttmekeit 
groz  ere  und  tugent  von  im  seit, 
vür  die  herschaft  er  do  gieng, 


brächt  er  kern  in  pein  C.  Der  vers  637  ist  in  syntaktische  abhängigkeit 
von  daz  (630)  getreten,  während  er  logisch  hauptsatz  ist. 

639.  hette  getan  A.  639,  640  umgestellt  in  C:  Das  sollen  wir  jn 
geniessen  lan   Die  grosse  trew  die  er  hat  getan. 

641  bis  644  fehlen  C.    Troj  35  ,dar  üz  er  lebende  wider  wirt'. 

645.   Nun  wellen  wir  es  dancken  dir  C.    —   646.  das  selb  C. 

647.  getruwer  A.    647,  648  fehlen  in  C. 

649.  Sehent  fehlt  C.  wider  0  ,seht  da*  Tristan  6024.  Konrads 
nianier:  Troj.  19113  ,seht,  do  wart  er  er  ungemeit*.  Roth  zum  Schwanritter  2 
u.  ö.  Vgl.  Kistener  355.    —   650.  gedohte  A.    diss  halber  C. 

651.  So  wirst  du  gäts  reich  genäg  C. 

652.  Das  wer  dir  gut  vnd  auch  dein  füg  C. 

653.  tet  er  A.    In  dem  hoff  man  thet  C.    —    654.  oder  C. 

655.  656  fehlen  in  C,  dafür:  Er  hielt  sich  so  das  jedermann  seit. 

656.  alle  fehlt  A  und  ist  nach  Boner  62,  6  ergänzt. 

657.  Von  seiner  tugent  vnd  fromkeit  C.    —    658  fehlt  C. 
659    sein  C.     Guter  Gerhard  4896  ,für  min  hörschaft  ich  do  gie*. 


96 


660  sine  rede  men  rehte  wol  enpfieng: 

jVrouwe  und  herre'  bat  er 

,ich  han  muoter  and  vater. 

^nnet  mir,  daz  ich  var  hein. 

mir  ist  geseit  von  in  zwein, 
665  wie  sü  gerne  sebent  micb. 

ez  ist  zwenzig  jar,  daz  ich 

von  in  gen  Lamparten  reit. 

nu  hat  ein  botte  mir  geseit, 

stt  sint  gnotes  worden  arm. 
670  ich  sol  zuo  in  heim  varn^ 

Der  her  in  gttetlich  vrogte :  [bl.  72.] 

jSeistu  daz  erst  ingnote, 

daz  du  noch  vater  und  muoter  best? 

nim  guotes  gnuog  und  tuo  da2f  best, 
675  daz  du  her  wider  kumest  schier. 

du  solt  des  gelouben  mir, 

wir  mugent  diu  hie  kume  enbern^ 

er  sprach  ,herre,  ich  tuou  ez  gern*. 

der  herre  vragete  in  vürbaz, 
680  wie  des  vaters  name  was. 


660.  menglich  wol  C.  —  661.  Er  sprach  vyl  lieber  got  (götte) 
vnd  herr  C.  Die  stelle  erinnert  an  Rudolfs  guten  Gerhard  6463  ,ich  sprach 
,herre  und  vrowe  min,  lät  mit  iwern  hulden  sin  daz  ich  heim  ze  lande  var*. 

662.  Zd  schwoben  hab  jch  C.  vatter  vnd  milter  A.  muoter  und 
vater,  Vogt.  —  663.  Erlouben.  zu  jn  C.  —  666.  by  dressig  jaren  C. 
Parton.  13187  ,ez  sint  wol  sehs  und  drizic  jär,  daz  ich^  —  669.  Wie  sie 
an  göt  syent  arm  C.   —   670.  Günnent  mir  zä  jnen  zA  farn  C. 

671  lautet  in  C:  Der  graff  sprach  by  dem  reichen  got  Mit  klögen 
Worten  ane  spot  Ja  wiltu  globen  mir  Das  du  wider  kummest  schier 
Sprach  der  herr  zd  jm  gedrat  Wie  seist  du  mir  das  so  spat  u.  s.w. 

672.  ingnote  (ignote  718)  erinnern  an  Gottfrieds  zahlreiche  reime  mit 
genote  (ie  genote)  7719,  7850,  8255,  9577,  9929,  13154,  13296,  14492,  14623, 
14634,  14929,  15085,  15281,  16525,  17361,  17561,  17810,  18376,  18973,  19016, 
19101,  19221.     Seltener  bei  Konrad.    —   673.  noch  fehlt  A. 

674.   vndaudzbestA.    —   675,  676  habe  ich  umgestellt. 

677.  Trist.  5125  ,8 wie  küme  ich  din  doch  müge  eubem*.  Engelhard  3397 
jSwie  rehte  kCime  ich  din  enber*. 

678  bis  688  fehlen  in  C.  Dafür:  Do  für  er  heim  gar  wol  gemdt 
(vgl.  Kistener  688)  Vnd  bracht  seinem  vatter  michel  gut. 


97 


er  sprach  ,lier,  ich  wil  üch  sagen, 
er  het  gevarn  in  sinen  tagen 
mit  hQbscheme  gelimpfe 
ze  ernste  nnd  ze  schimpfe. 
685  er  hiez  her  Hug  wolgemnot 

von  Heigerloch,  ein  ritter  guot*. 
do  gabent  sü  im  groszez  guot, 
do  vuor  er  heim  wolgemnot. 

Do  er  kam  heim  ze  lande, 
690  sinr  vründe  in  keinr  erkande. 

ze  Heigerloch  vragete  er, 

wa  sin  vater  und  muoter  wer. 

do  wart  er  gewiset  hin 

viir  die  stat  ze  einer  wescherin. 
695  also  er  vür  daz  hus  kam, 

die  weschrin  vragete  den  man, 

waz  er  gerne  hette. 

do  Seite  er  an  der  stette 

,ez  ist  ein  vrouwe  dinne, 
700  die  solte  sin  min  minne*. 

die  wescherin  rief  in  daz  hus  [bl.  72  a.] 

,her  Huges  vrouwe,  gant  her  uz!* 

sins  vater  nam  er  ntit  vergaz, 

er  horte  daz  sin  muoter  was. 


682.  Zur  Umschreibung  des  zeitbegriffes  vgl.  Jäckel  s.  25. 

683.  Barlaam  6,  39   ,ii)it  rehtem  gelimphe  ze  erneste  nnd  ze  schimphe^ 
Troj.  46519  ,ze  ernest  und  ze  achimpfe,  mit  froelichem  gelimpfe^  R.  Parz.  853,  2. 

685.  Qoedeke  irrte,  wenn  er  s.  632  glaubte,  Kistener  könne  wolgemnot 
für  den  namen  des  vaters  gehalten  haben. 

686.  Zur  Verbindung  ,ein  ritter  guot'  bei  Konrad  vgl.  Wolff  zur  Birne 
453.  Jäckel  s.  45  f. 

689.  jn  seina  vattcrs  hauss  vnd  landt  C.    Tristan  4181   ,8U8  kom 
er  her  ze  lande,  wan  er  iuch  gerne  erkande'. 

690.  Do  was  er  seinen  f  runden  vnerkannt  C.  —  691.  do  frogetC. 
693.   hin  auss  C.    —    694.  jn  einer  wescherin  hauss  C. 

695.   Vnd  do  er  C.    —    697.  von  jr  het  C.    —   698.  Er  seit  jr  C. 
699.   Er  sprach  C.    —   700.  soll,   rechte   rainn  C.     Einleitung  s.  15. 
701.  r&fft  C.    —    702.  Liebe  fraw  nun  C. 
704.  das  es  A.     das  sie  C. 

Enling,  Kistener.  7 


98 


705  her  uz  vür  die  tür  sü  gieng. 

in  einem  hemdes  in  enpfieng. 

,sint  willekamen  biderman, 

weint  ir  an  mich  etwaz  han?' 

,ei  muoter,  daz  si  gotte  leit, 
710  sol  daz  sin  din  bestez  kleit^ 

do  sü  erhört,  daz  er  ez  was: 

,owe,  kint  minz,  bistu  daz? 

siest  wilkum,  liebe  sele  mini 

ich  het  mich  nim  getroestet  din^ 
715  von  liebe  und  von  leide 

do  weintents  alle  beide. 

er  nach  dem  vater  vrogte; 

,wa  ist  er  igenote?' 

,er  isset  in  der  stat  daz  mol 
720  bi  herren,  die  in  kennent  wol. 

ich  wolte,  daz  er  hie  wer: 

so  kumet  er  dort  her*. 

Er  vant  sü  bi  einander  stan. 

der  suon  in  under  darme  nam: 


705.  Für  die  thür  sein  müter  gieng  C. 

706.  mit  armen  sü  vmbving  A. 

707.  708  fehlen  in  C.  —  708.  an  fehlt  A.  —  709.  Er  sprach  müter  C. 
711.  hört,  do  was  C.    Königstochter  6007  ,als  bald  er  sach  das  sie  es 

was*.   —   712.  Sie  sprach  kindt  C.    —    713.  Biss  mir  w.  sun  mein  C. 

714.  hette  nim  A.  hat  mich  gentzlich  verwegen  dein  C.  nim 
Lexer  im  DWB  7,  845  f.  Weinhold,  AI.  gr.  s.  300.  Wörterbuch  der  Strass- 
burger  mundart  aus  dem  nachlasse  von  Ch.  Schmidt  Strassburg  1896.  s.,  78. 
Derselbe  aosdruck  bei  Hans  von  Bühel,  Diocletian  822  ,ob  ich  mich  s8lle 
trSsten  din^ 

715.  vnd  auch  C.  =  guter  Gerhard  4466  (1974).  Ähnliche  reirapaare  sind 
bei  Gottfried  und  Konrad  nicht  selten,  am  nächsten  steht  Rudolfs  guter 
Gerhard  1973  f.  (4465 f.),  Engelhard  1764.  Partou.  10502,  16359.  —  716. 
so  AC.  do  alle  C. 

717.  Do  wart  er  nach  seinem  vatter  frogen  C. 

718.  Der  yn  so  lieplich  hat  erzogen  C.    —    719.  Sie  sprach  C. 
720.  den  herren  C.    —   721.  Er  sprach  C. 

722.  Do  sprach  die  müter  so  kumpt  er  C.    —    723.  baj^de  by  C. 

724.   Die  müter  den  sun  vnder  jr  arm  nam  C.   Die  vorlehnung  der 

artikelform   bezeugt  auch  für  die  mundart  dieser  zeit  der  R.  Parz.  108,  38 


99 


725  ,e  vater,  dine  vrfimekeit 

ist  vergessen,  wie  man  seiV. 

,lieber  suon,  wa  kamst  du  her? 

ich  wüste  nttt,  daz  du  ez  wer^ 

Do  woltents  ime  klagen. 
730  der  suon  sprach  ,Iant  mich  sagen: 

ir  suUent  wol  gehaben  üch.  [bl.  73.] 

ich  wil  ttch  wider  machen  rieh*. 

Dinne  er  ein  jar  was. 

über  in  verhieng  got  daz, 
735  daz  er  sin  reinekeit  verlor, 

malotz  wart  er  in  dem  jor. 

innecliche  klagete  er 

jWaflFen,  got,  der  leiden  mer, 

so  ez  min  herschaft  bevint!' 
740  die  muoter  sprach  ,liebez  kint, 

ez  enmag  nüt  anders  sin. 


,dandere^    Die  heutige  Strassbnrger  mundart  gebraacht  diese  formen  aoch  vor 
konsonanten.    Schmidt,  Wörterbuch  s.  2 

725.  Er  sprach  vatter  deiner  wirdigkeit  C. 

726.  die  man  A  C.    vor  von  dir  C.    —    727.  Er  sprach  C. 

728.  Mir  was  vergessen  das  C.  —  729.  wolt  eins  dem  andern  G. 

730.  jch  will  euch  s.  C. 

731.  euch  wol  gehaben  Ich  mag  ettwer  armät  nit  me  vertragen  G. 

732.  machen  wider  C.  Dann  fährt  C  fort:  Darumb  hab  jch  ge- 
arbeit  meich  In  franckreich  vnd  wo  jch  was  Vnd  das  jch  alle 
zeit  ewer  not  entsass.  Einleitung  s.  5 f.  Eisteners  vers  732  schwebt 
Hans  von  Bühel  vor,  wenn  er  in  der  Eönigstochter  785  sagt,  ,ich  wil  üch 
beide  machen  rieh*.    —    733.  Do  inne  A.    Do  heim  er  by  yn  C. 

734.  Got  vber  yn  verhenget  das  C. 

736.  Ausssetzig  C.  Schmidt,  Wörterbuch  s.  72b.  Goedeke  s.  634,  7. 
In  Schilderungen  folgt  Kistener  Konrad  von  Würzbnrg  nicht,  hier  sehr  zu 
seinem  vorteil;  vgl.  die  feine  bemerkung  Haupts,  Engelhard  s.  XIII. 

737.  ,inneclichen  trüren'  Engelhard  3359. 

738.  Sprach  woffen  der  C.  —   739.  befindet  A.    vernimpt  C. 

740.  tröste  jr  kiudt  C 

741.  Vnd  sprach  lass  dir  es  dancknem  sein  C.  Troj.  16834,  18330. 
Stauf.  457  ,mag  ez  nit  (1.  nüt)  anders  sin^  R.  Parz.  90,  43;  697,  27;  687,  17; 
698,  42;  806,  24.    Merswin,  Neun  f eisen  s.  123.    Diocletian  3402  u.  o. 

7* 


100 

von  gotte  ist  der  himel  din'. 

,so  lide  ich,  swaz  mir  got  tuot. 

ein  kleffelote  und  ein  huot, 
745  die  zwei  Iioerent  mich  an. 

ich  wil  von  der  weite  gan. 

die  liite  wil  ich  miden. 

daz  wil  ich  durch  got  liden. 

vater  und  muoter  unde  mich 
750  gesegene  got  von  himelrich!' 

vater  und  muoter  was  ez  leit, 

do  slouf  er  in  ein  grouwez  kleit. 

Drü  milen  gieng  er  ungezalt, 
so  ver  er  kam  in  einen  walt. 

755  er  vant  in  eime  steine 
ein  bruoder  guot  alleine: 
,guoter  man,  wa  kumst  du  her? 
,ichn  weiz  leider  nttt*  sprach  er, 
ich  klage  dir  bruoder  mine  not. 

760  ich  bit  dich,  gib  mir  dinen  rot*, 
er  sprach  ,din  herz  ist  triiwen  vol, 
daz  ich  an  dir  sihe  wol. 


742.  Das  ewig  hymmel  reich  jst  C. 

743.  gern  was  mir  not  thät  C. 

744.  klaff  vnd  ein  braiterh.  C.  Goedeke,  Gengenbach  s.  634,  8.  — 
746.    gehSrent  C. 

746.  nun  von  C.   —   747.  Vnd  wil  die  C. 

749  :  750  und  751 :  7d2  habe  ich  umgestellt.  C  zieht  diese  vier  verse  in 
zwei  zusammen:  Vatter  vnd  muter  wasesleidt  Got  von  hymellreich 
gesegen  euch  beidt.   —   750.  got  gesegne  A.   —   751.  wz  leit  A. 

753.  Die  A.  In  derselben  unbestimmten  bedeutung  (DWB  2,  1371)  ver- 
wendet die  dreizahl  Hans  von  Bühel  in  der  Königstochter  359  ,bi  dri  milen^ 
on  gessen  C. 

753.  Er  hat  aller  wollUst  vergessen  Verr  kam  er  jn  ein  waldt 
Zfi  einem  brunnen  der  was  kalt  C.    —   755.   Do  fand  er  0. 

756.  Ein  guten  br.  der  was  allein  C.    —    757.  Sprach  zu  jm   C. 

758.  Oder  was  seyst  du  mir  frembder  mSr  Er  sprach  jch  kan 
dir  gesagen  nicht  Mein  hartz  das  jst  mit  leid  verpflicht  C. 

759.  Doch  80  klag  jch  dir  mein  C.   —   760.  das  du  mir  gebest  C. 

761.  dein  härtz  das  jst  C. 

762.  Ich  weiss  vmb  deinen  gebrästen  wol  C. 


101 


daz  hat  mich  got  wissen  lan: 

du  solt  hin  gen  Peigern  gan. 
765  do  würstu  wol  enpfangen.  [bl.  73  a.] 

ez  ist  Sit  wol  ergangen, 

der  juncher  hat  gemahelt  sich 

ze  einer  vrouwen  tugentlich. 

ein  kint  gebirt  sü  an  der  stunt. 
770  swen  daz  zuo  der  weite  kunt, 

so  ist  ez  ein  schoener  knabe. 

swer  im  snit  die  kele  abe 

unde  dir  des  bluotes  git, 

swa  man  dich  bestrichet  mit, 
775  da  würstu  allenthaben  rein'. 

er  sprach  ,bruoder,  durch  got,  nein. 

daz  mir  daz  nüt  kum  in  den  sinl 

e  wil  ich  bliben  alse  ich  bin. 

bruoder,  got  gesegene  dich. 
780  bit  den  milten  got  vür  mich'. 

er  sprach  ,min  gebet  teil  ich  mit  dir, 

guoter  man,  als  tuo  ouch  mir. 

hab  ein  gedultigen  vesten  muot, 

din  sorge  nimt  ein  ende  guot. 


763.  Das  mich  got  hat  C.   —   764.  wider  gon  Bayern  C. 
766.  gangen  A.    —    767.  Dein  junger  herr  C. 

768.  junckfrawen  gar  tugentrich  C. 

769.  kindeliu  A.    Die  hat  empfangen  ein  kind  zu  stundt  C. 

771.  So  ist  fehlt  A.    So  ist  es  gar  ein  hübscher  C. 

772.  Wer  dem  sein  k&len  schneidet  ab  C. 

773.  Vnd  man  dir  dann  des  biut  C.  —  775.  wurst  A. 
776.  Er  sprach  durch  C. 

780.  Vnd  bit  den  zarten  C.  ,bit  unseren  herren  got  vur  mich^  Hahns 
Passional  224,  30.  Stauf  1135  ,so  wil  ich  bitten  got  für  dich'.  Königs- 
tochter 1417  ,bittent  den  zarten  gott  für  mich'  und  4571  f. 

781.  Der  brüder  sprach  do   Mit  grosser  demüt  also   Mein  C. 

782.  das  thd  C. 

783.  gedultvndC.  Zu  783 f.  vgl.  Königstochter  3076 f.  ,herre  darumb 
habent  guoten  muot,  es  würt  ob  gott  noch  alles  guot'.  1865 f.  ,er  sprach: 
herr,  habent  guoten  muot,  die  sache  ist  noch  itel  guot'. 

784.  Dein   iSben  C. 


102 

785  darumb  la  dirz  nUt  schade  sin. 
DUO  wolhiü,  gedenke  mini' 

Trost  er  in  sin  herz  enpfieng. 

Sit  kerte  er  uf  die  straze  und  gieng 

hin  heim  gen  Peigernlant. 
790  sin  gebreste  mähte  in  unerkant. 

Die  lüte  horte  er  sagen  daz, 

daz  hochzit  uf  der  bürge  was, 

da  was  ein  groszer  hof  geleit, 

hern  und  knehte  vil  dar  reit. 
795  da  sach  men  mange  turneiring, 

der  brüte  hochzit  man  beging.  [bL  74.] 

da  zogete  der  guote  man 

durch  die  stat  zuo  der  bürg  hindan. 

zuo  dem  burgtor  er  do  trat, 
800  den  torwart  er  vlizeclichen  bat 

,wiltu  got  einen  dienest  taon, 

so  heiz  mir  kumen  mins  herren  suon^ 

der  torwart  sin  antlitz  gesach. 

von  Unlust  ime  so  we  geschach, 
805  er  wolt  in  han  geslagen: 

,waz  hat  dich  her  getragen? 

du  soltest  von  den  lüten  gan. 


785.  nü  las  A.    Darnmb  so  lass  dir  es  nit  schwer  sein  C. 

786.  wolhin  vnd  g.  auch  C.  ,nü  wol  hin*  MhdWb.  1,  689a.  R.  Pars. 
6,  37.    Boner  6,  19.    Dangkrotzheim,  Namenbuch  546. 

788.  Strasse  sint  A.    Gon  bayern  er  do  wider  gieng  C. 

789.  heim  fehlt  A  C.    Vnd  do  er  kam  jn  das  laiidt  C. 

791.  Er  hört  die  C,  —  792.  hochgezit  A.  ebenso  796.  Ein  h.  vff  C. 

793.  hin  geleit  C.    —    794.  und  fehlt  A.    Rytter  vnd  0.    do  A  C. 

795,  796.  Die  waren  alle  wol  bekleit  Do  stach  man  vnd  tnr- 
niert  Blan  thantzet  vnd  hoffiert  C.  [mangen?  itumeiring*  zanächst 
turnierplatz ,  dann  auch  das  tumier  selbst;  vgl.  ,mensur'  in  der  Studenten- 
sprache und  das  einfache  ,rinc*  Frauendienst  70,  1.     Vogt]. 

797.  Also  zöge  C.    —    798.  zur  C. 

800.  torwechter  A.  mit  fleisse  C.  Vgl  die  pförtnerscene  im  Dio- 
cletian  8560 fif.    —    801.  mir  ein  C. 

8().S.   der  wahter  A.    Do  der.  ansach  0. 

800.   Ach  got  wass  A.     hüt  har  C. 


103 


din  antlitz  ist  so  ungetan 

und  also  wfiesteclich  gestalt 
810  daz  man  ez  durch  ein  wander  zalt*. 

Do  viel  sin  herz  in  nngedult: 

,ach  got,  wie  han  ich  daz  verschalt? 

hie  was  ich  e  liep  nnde  wert, 

wie  Ifitzel  man  min  nuo  begert! 
815  was  sol  ich  nno  gedenken? 

ich  wil  mich  gan  ertrenken^ 

Got  der  wante  sinen  sin, 

zuo  der  porten  drang  er  in. 

Do  kam  ein  miltez  herze, 
820  den  jamerte  sin  smerze: 

,waz  vorderstu,  guoter  man?* 

,heiz  uz  den  jungen  graven  gan^ 

do  begunde  er  in  kennen: 

,so  beit,  ich  wil  dich  nennen*. 
825  balde  er  in  die  bürge  lief: 

junger  grave*  er  do  rief. 

da  sprachte  mit  dem  herren  er:         [bl.  74a.] 

Junger  her,  ich  sage  fich  mer. 


808  f.  Stauf .  860  ,die  ist  so  rehte  wol  getan  nnd  also  minneclich  gestalte 
Vgl.  R.  Parz.  123,  20.    Engelhard  3064.    —    809,  810  fehlen  C. 
811.   vngetult  A.    --    813.  e  fehlt  A.    vormols  C. 

814.  hie  begert  A.  jetz  beg&rt  C.  Parton.  127  ,daz  man  sin  d&  so 
lützel  gert'.    ,daz  sin  niemen  gerte  dö^  Engelhard  5586. 

815.  jch  armer  mau  gedencken  C. 

816.  sol  mich  selber  gon  C.  Königstochter  20431  ,owe  was  sol  ich 
nun  gedenken!  ich  glaub  ich  wöll  mich  gon  erhenken^  Diocletian  1796  ,80 
wil  ich  gan  ertrenken  mich'.    —   817.   wandt  jm  seinen  C. 

818.   trat  er  aber  A.    —   819.   bekam  jm  C. 

820.  erbarmet   sein  grosser  C. 

821.  Er  sprach   was  wolltest  C. 

822.  her  vs  A.  ^r  sprach  hciss  mir  den  jungen  herren  här  gan  C. 

823.  erkennen  C.  Die  Umschreibung  mit  begunde  bei  Konrad  be- 
spricht Wolff  zur  Birne  64.    Jäckel  s.  26.    —   824.  beit  hie  C. 

825.  burgA.  Aber  1031  in  der  bürge  für  in  die  bürge.  Weinhold, 
Al.gr.  §398.    Mhd.gr.  §452.    —    826.  Dem  jungen  grafen  C. 

827.  Mit  dem  herren  sprächet  er  C. 

828.  Vyl  lieber  herr  C. 


104 


nu  trettent  hin  uz  vfir  daz  tor, 
830  üwer  bruoder  stat  da  vor', 
do  liez  er  vallen  allez  daz, 
daz  ime  vor  bevolhen  was, 
und  lief  hinabe  an  der  stet, 
also  men  in  gejaget  bet 
835  vtir  daz  tor  an  den  plan, 
da  vant  er  den  guoten  stan. 
den  huot  er  abe  zoch  ze  stunt, 
mit  trüwen  kuste  em  an  den  munt, 
er  druckte  in  umbevangen 
840  sin  antlitz  an  sin  wangen: 
,laz  gan,  lieber  juncher  mich, 
die  lüte  daran  ergem  sich, 
eht  ich  dich  gesehen  han, 
so  wil  ich  mine  straze  gan^ 

845  Er  sprach  ,nein,  du  muost  her  in. 
swa  du  bist,  da  wil  ich  sin*. 


829.  Nu  fehlt  C.   —  831.  faren  C. 

832.  vor  fehlt  A.   ,unde  den  ez  bevolhen  waz'  ß.  Parz.  700,  4. 

833.  hinauss  bald  an  die  C.   —   834.  Als  ob  C. 
835.  Er  kam  .  vff  den  C.    —   836.   man  C. 

837.  er  gegen  ime  A  C.  zu  stunt  fehlt  C;  und  dann:  Des  herren 
sun  dem  ward  goch.  Troj.  1776  ,er  zöch  .  .  den  huot  gczogeulichen 
abe*. 

838.  Das  er  yn  zur  selben  stund  Gar  früntlich  küsset  an 
den  mund  C. 

839.  Vnd  do  das  selb  was  ergangen   Er  truckt  yn  an  C. 

841.  junger  her  A.    herre  C.    lieber  fehlt  C. 

842.  Er  trang  durch  die  leüt  neben  sich  C. 

843.  Das  jch  nun  han  gesehen  euch  Wann  jch  nun  alle  wält 
scheuch  C. 

844.  Vnd  will  nun  gern  die  Strasse  gan  Vwer  almftseu  wolt 
jch  gern  han  C. 

845.  Der  herr  sprach  C.  An  nachahmung  Gottfrieds,  der  wiederholt 
reimpaare  mit  gleichen  reimworten  auf  einander  folgen  lässt  (12187 if.,  12435 ff., 
12507  ff ),  ist  liier  wohl  nicht  zu  denken.     Vgl.  einleitnng  s.  50. 

846.  jch  auch  C. 


106 

do  vaorte  ern  in  die  bürg  hin  in. 
er  sprach  ,du  solt  gewaltig  sin, 
alse  du  ouch  vor  ie  wer, 
850  wir  weint  kein  andern  schaffener*. 

Do  herre  und  vrouwe  ervuorent  daz, 

daz  der  guote  kumen  was, 

sü  uf  unde  balde  hin, 

mit  trüwens  umbeviengent  in: 
855   ,swaz  dir  wirret  dazt  mir  leit. 

du  solt  tragen  unser  kleit. 

wir  weint  dich  ntit  engelten  lan, 

daz  dir  got  diz  hat  getan. 

du  solt  gewaltig  sin  als  e,  [bl.  75]. 

860  und  dann  noch  zwürent  me. 

swer  din  hie  nttt  welle  gern, 

der  muoz  unser  ouch  enbeni'. 

Do  die  hochgezit  ergieng, 
sin  ambaht  er  do  wider  enpfieng, 
865  er  diente  in  wol  getrüwelich. 


847.  Er  fürt  yn  C.    Nach  848  folgen  in  C:   Vber  alles  das  mein 
herr  bat   Es  sy  fr&  oder  spat. 

849.   Als  du  vor  wert  gdter  man  C.    ie  fehlt  A.  —  850.  han  C. 
851.  Die  herren  vnd  frawen  C   —  852.  Wie  der  gut  man  C. 

853.  Sie  stünden  bald  vff  vnd  hinC. 

854.  mit  trauren  empfiengen  sie  jn  C. . —  855.  gebrist .  vnss  C. 

856.  hinlegen  deine  C.    Hinter  856  fügt  C  hinzu:   Wir  wend    dir 
vnser  kleider  geben   Du  müst  nach  vnserem  sitten  laben. 

857.  Königstochter  1660  ,man  sols  in  nit  engelten  lan',   3267   ,das  sol 
man  dich  nit  engelten  lau'.    Kaufringer  1,  331. 

858.  Was   dir  der  alrafichtig  got  hat  C. 

859.  by  vnsss  sein  gewaltig  C. 

861.  hie  fehlt  C,    begereu  C.    B  (bl.  la):  wil  begern. 

862.  vnsers  hoffs  emberen  0. 

863.  für  gyng  B.     Vnd  do  das  hochzeit  also  zergieug  C.    Guter 
Gerhard  6438  ,Do  diu  hOchzit  zergie'. 

864.  er  das  alle  zit  ane  ving  A.    Ein   gewaltig  arapt   er  em- 
pfieng  C.   —   865.  jn  aber  C. 


106 

daz  bewerte  darnach  sich, 
e  voUez  ambe  kam  daz  jar, 
die  grevinne  ein  kint  gebar, 
daz  was  ein  knabe  minneclich. 

870  des  herren  sun  was  vröudenrich. 
jang  und  alt  wart  sin  gemeit. 
nu  het  der  bruoderz  vor  geseit. 
also  gedacht  der  gnote 
heimliche  in  sinem  muote 

875  ,got  behfiete  mir  min  sinne, 
daz  ich  des  nttt  beginne!' 

Darnach  über  unlang  wart, 
sü  vuorent  beizen  eine  vart, 
als  ez  wolte  schicken  sich, 

880  das  vuogte  got  von  himelrich: 
den  guoten  vragt  der  grove 
,da  bist  gewesen  ze  hove 
wite  vor  in  dinen  tagen, 
hastu  ie  gehöret  sagen, 

885  ez  were  groz  oder  klein, 
daz  du  wurdest  wider  rein? 
swaz  guots  daz  kosten  möhte, 


866.  Dass  wol  dar  noch  bewerte  sich  B.  Das  dar  nach  wol  be- 
fand sich  C. 

867  bis  876  sind  nur  in  B  überliefert.    —   867.  Ee  follen  B. 

868.   Die  junge  grcffynne  B.    —   872.   hatte  der  bruder  vor   B. 

876.  dass  B.     Parton.  6015  ,daz  ich  sin  nu  beginne'. 

877.  Das  noch  A.  Der  vers  fehlt  in  C.  ,über  unlang*  scheint  elsässisch. 
Jänicke  verwies  zu  Stauf.  687  auf  Closener  37,  20.  Sonst  ist  die  redeweise 
unbelegt.  ,dar  nach  so  was  vil  harte  unlanc'  Engelhard  504  =  5080  =  Tristan 
1320;  Jäckel  s.  29;  R  Parz.  zusatz  s.  LV  zeile  4:  .donoch  ez  gar  unlanc  waz'. 
Diocletian  1749,  3342,  4127,  4611,  4965.    —    878.  Do  füren  sie  C. 

879.  Als  es  doch  wolt  C. 

880.  wolte  got  A.     Do  fuget  got  der  minneglich  ('. 

881.  Do  frote  der  gute  den  groffen  A.  Das  den  guten  fraget 
der  jung  groff  C.   —    882.  vyl  ze  C. 

883.  wol  in  A.   Wyt  yn  B.    Sag  ob  du  vtzit  by  deinen  tagen  ('. 

884.  Hast  fehlt  in  B.    Oder  je  gehört  habest  sagen  C. 

885.  Es  sy  C.    —    886.   wider  fehlt  B.     wider  wurdest  C. 
887.   vnd  was  das  A.    Wess  gudes  B.     Wie  vyl  C. 


107 


mit  willn  ich  daz  vürbrehte'. 

juncher,  lant  die  rede  sin. 
890  verdrözet  ttch  daheime  min, 

so  wil  ich  gerne  von  üch  gan. 

ich  sol  daz  nieman  wissen  lan^ 

er  sprach  ,ich  mein  ez  nfit  also^ 

so  rehte  vrüntlich  bat  ern  do, 
895  daz  er  in  liesze  wissen  mer, 

wie  im  ze  helfende  wer. 

er  sprach  ,wiltus  nfit  abe  sin, 

so  muostn  dem  kinde  din 

sniden  abe  sin  leben 
900  und  mir  des  bluotes  geben. 

dine  fruht  so  edel  ist, 

swen  du  mir  des  bluotes  gist  [bl.  75  a.) 

und  ich  daz  strich  an  mich  ze  stunt, 

so  würde  ich  reine  und  gesunt. 
905   ich  wil  sin  aber  nüt  begern, 

ich  bitte  mich  sin  nüt  gewern'. 


888.  daz  fehlt  A.    gutem  C.    brahte  A. 

889.  Der  bräder  sprach  herr  C.  Parton.  1261  ,lä  die  rede  sin*. 
Engelhard  1490  ,1äz  durch  got  die  rede  8ln^ 

890.  daheime  fehlt  B.    hie  C.    sin  A. 

891.  üch  fehlt  A.    So  sal  ich  uch  von  hynnen  B. 

892.  Vnd  will  C.    Königstochter  1806  ^r  sollent  es  mich  wissen  lon^ 

893.  nein  jch  C.   —   894.  bat  yn  gar  früntlich  do  C. 
895.  wyssen  dass  B  C.    —   8%.   was  B  C. 

897.  Er  sprach  wend  jr  sein  nit  embern  Ir  wellent  es  wissen 
gern  C.    —   898.  So  mössent  jr  eweren  kind  nemen  sin  l&ben  C. 

899.  Snyden  dass  heiibet  abe  B.  —  900.  Vnd  mftssent  mir  des 
blÄtes  geben  C.   —  Vnde  myr  dess  bludess  git  B. 

901.  Din,  nicht  Die  (Goedeke)  in  A.  Vwer  fr.  has  so  edel  end 
C.    Über  vruht  bei  Konrad  Wolff  zur  Birne  357.    Stauf.  294. 

902.  903.  Wan  du  sie  an  mych  strichende  bist  B.  Wan  jr  mir 
d.  bl.  gend  C.  Die  von  Weiuhold  in  der  Al.gr.  s.  39  Kistener  zugeschriebene 
stelle  gehört  Gengenbach. 

903.  Vnd  jch  es  streich  C.  ich  fehlt  A.  In  B  ist  von  vers  39  (899)  des 
bruchstücks  an  die  stelle  arg  zerrüttet;  vers  43  fährt  B  fort:  So  werde 
ich  reyne  und  wol  gesunt  Vnd  genese  nff  dirre  stunt. 

904.  wider  rein  vnd  C.    —   905.   aber  fehlt  AB. 

906.  biedendichsyunyt  zugewernB.  Irsondmich  auchdesnitC. 


108 

des  herren  sun  gedahte, 
wie  er  die  trü  volbrahte. 

Darnach  in  dem  meigen  wart, 
910  der  junge  grave  leite  ein  vart 

über  einen  burnen  kalt 

vür  die  bürg  in  einen  walt. 

hinab  men  über  den  burnen  truog 

win  und  guoter  spisen  gnuog. 
915  dar  kament  hern  und  vrouwen  vil, 

Sil  tribent  manigerhande  spil, 

iederman  sin  sunders  treip. 

Des  herren  sun  daheime  bleip. 

in  allen  wartet  er  da  uz, 
920  nieman  bleip  do  uf  dem  hus 

wan  er  und  der  guote  man. 

den  hiesz  er  uf  die  mnren  gan, 

daz  er  der  bürge  huote. 

,vil  gerne'  sprach  der  guote. 
925  die  amme  und  daz  kint  da  bleip. 

darnach  ers  euch  enweg  treip: 


907.  der  gedacht  C.  Mit  vers  907  beginnt  das  zweite  blatt  der  Frank- 
furter fragmente  (B).   —   908.  anjmvolbrachtC. 

909.  Do  noch  A.    Do  dar  nach  C. 

910.  Geleit  aber  eyne  burne  fart  B.  Der  jüngliug  leit  ein 
mol  ein  fart  C. 

911.  912.  Die  junge  greffynne  gelüsten  wart  Vor  die  bürg  zu 
eyme  burne  kalt  B. 

912.  hin  ab  für  A.    Von  der  bürg  jn  den  waldt  C. 

913.  Zu  dem  burne  hyn  abe  man  B.    Do  hin  man  C. 

914.  guoter  fehlt  B.    Wein  brot  vnd  rates  genüg  C. 

915.  916  fehlen  in  C.  916.  Silv.  2389  ,und  triben  maniger  hande  spil*. 
Parton.  86.    Troj.  45550,  49155. 

917.  Jedermann  do  sein  schimpff  treib  C. 

918.  Der  jung  herr  C. 

919.  er  warte  vs  A.  warten  er  da  uss  B.  Er  wartet  dem  hoff- 
gesind  auss  C.  Kisteners  vers  war  stilistisches  vorbild  für  Haus  von  Bühel, 
der  in  der  Königstochter  1411  sagt  ,wann  das  her  wartet  mein  da  usz*. 

920.  da  fehlt  AB.    yn  B  C.    —    922.  mure  A. 

925.  amme  fehlt  A.    kynt  und  die  ame  B.     Da  heyme  bleip  B  C. 

926.  Zii  der  ammen  er  do  schreit  A. 


109 


,eins  dinges  ich  vergessen  hab, 
se  balde  and  tragez  hinab^ 
sü  sprach  ,wer  huot  des  kindes  mir?' 
930  er  sprach  ,wol  hin,  ich  huote  dir'. 

Daz  burgtor  er  nach  ir  beslosz. 

sin  leit,  sin  iamer  wart  so  grosz, 

daz  ich  ez  nüt  kan  vol  sagen. 

er  vant  ligen  in  der  wagen  [bl.  76.] 

935  sin  kint,  daz  güetlichen  slief. 

so  jamerlich  er  got  anrief. 

,wie  we  daz  minem  herzen  tuot, 

sol  ich  toeten  min  eigen  bluot!' 

er  knUwet  vür  die  wage. 
940  so  grandelose  klage 

dhein  man  nie  gehöret  het, 

den  die  er  dem  kinde  tet. 

ze  sime  kinde  er  do  sprach 

,owe  hüte  und  iemer  ach! 
945  muoz  ich  dir  din  kele  absniden 


927.  Er  sprach  A  C.    Eyu  drachte  B.    han  A. 

928.  hin  nan  A.    Balde  amme  drag  B.    Se  amme  vnd  C. 

929.  vor  hudet  ir  dess  B. 

930.  Er  fehlt  B.    gang  jch  hüten  dir  C. 

931.  ir  nach  A.    ir  noch  B.    —   932.  vnd  jamer  das  was  gr.  C. 
933.  ich  iss  kan  nyt  follen  sagen  B.    jch  es  niemandt  kan  ge- 

sagen  C.    —   934.  in  den  dagen  B. 

935  bis  989  fehlen  in  A.  Der  Schreiber  sprang  wie  479  zn  dem  ähn- 
lichen reim  wort  wagen  bezw.  klage  über.    —   93o.  so  g&tlichem  C. 

936.   Gar  C.   —   937.  Ach  wie  C.    937,  938  in  C  umgestellt. 

938.   nun    tSdten  (\    —    939.  nider  C. 

940.  Kein  man  hört  nie  grosser  klagen  C.  ,grundel6se  klage' 
Part.  9682.  ,grundel6s*  Schmiede  962.  Troj.  7670,  7905,  16652,  22936,  23317, 
29302,  38907.     Häufig  bei  den  mystikern. 

941,  942  fehlen  A.  nye  gehorte  B.  Noch  got  anr&ffen  mit  ge- 
b5t  C.  —  942.  De  er  dem  kynde  dede  B.  Ee  das  er  dem  kind  den 
tod  an  thet  C. 

943,  944  fehlen  B  C.  —  943.  do  fehlt  A.  —  944.  we  A.  ,hüte  und 
iemer*  bei  Konrad:  Wolff  zur  Birne  112. 

945.  Er  sprach  uu  wil  ich  snyden  B.  Er  sprach  nun  wil  jch 
doch  schnideu  C. 


110 


ze  eren  gottes  liden!' 

Sin  kint  von  im  erwachete, 

so  güetlichz  in  an  lachete. 

er  sprach  ,ichn  mag  dir  nlit  getuon, 

950  kint  min,  lieber  saou^ 

er  brach,  er  want  sich  jamerlich: 
,ich  tOBte  lieber  selber  mich, 
sant  Jacob,  lieber  vater  min, 
gedenke,  daz  ich  din  sun  bin, 

955  und  hilf  mir  got  erweichen, 
daz  er  hfit  tuo  ein  zeichen^ 
Sante  Jacop  tet  im  kunt: 
ein  engel  kam  uf  der  stunt 
von  gotte  tet  er  ime  schin: 

960  ,snit,  ez  mag  nfit  anders  sin^ 

Er  sprach  ,so  laz  ich  sin  daz  leit, 
swa  man  ez  iemer  von  mir  seit, 


946.  Er  rieff  an  godes  lyden  B.  dem  gottes  1.  C.  Besonders  die 
mystik  schiebt  das  leiden  Christi  in  den  Vordergrund  des  religiösen  interesses. 
Preger,  Gesch.  der  deutschen  mystik  2,  134  ff.,  3,  185.  Königstochter  2936 
,0  herr  gott  durch  din  liden  breit*. 

947.  vor  ym  wachen  B.  do  vor  jm  erwachet  C.  Dasselbe  motiv 
Troj.  478flf.  41678  £f. 

948.  fehlt  B.    Gar  gltiglich.  lachet  C.   —   949.  netit  C. 

950.  Ach  kynt  B.    vnd  auch  C. 

951.  sprach  B.  951,  952  in  C  umgestellt,  sprach  er  vnd  C.  Gott- 
frieds Tristan  1744  ,8i  want  sich  unde  brach  ir  lip*.  Parton.  14738,  18040. 
Troj.  6152,  38912. 

952.  dodete  B.  selber  doppelt  geschrieben  B.  Ach  todti  vyl  lieber 
selber  mich  C.    —    953.  lieber  fehlt  B.    Er  sprach  C. 

954.  Troj.  18640  ,gehüge,  daz  ich  din  vater  bin'.  Königstochter  4580 
,ich  weisz  wol  das  ich  dein  kint  bin'  und  6052  ,bedenk  das  ich  din  vatter 
bin*.    —   955.   mir  ernstlich  bitten  got  C. 

956.  hüt  fehlt  A.  er  du  hude  eyu  zeichen  B;  damit  endet  das  Frank- 
furter bruchstück.     Das  er  mir  helff  auss  dyser  not  C. 

957.  thet  jm  do  C.    —    958.  der  kam  C. 

959.  got  der  thet  C.  Über  ,8chin  tuon*  bei  Konrad  Wolff  zur  Birne  58. 
Jäckel  s.  27. 

960.  es  nüt  anders  mag  A.  Sprach  schneid,  gesin  0.  Meier  zu 
Jolande  950.    —    961.  Der  graff  sprach  C.    —    962.  ez  fehlt  C. 


111 

(laz  man  ez  solte  also  verstan, 
daz  ichz  durch  trüwe  han  getane 


965  Sines  kindes  kele  er  abe  sneit. 

mit  grozer  widerwertikeit 

und  mit  iamerhaftem  muot. 

in  ein  tuoch  enpfieng  erz  bluot. 

,Bruoder*  rief  er,  nuo  kum  her!' 
970  von  der  muren  abe  gieng  er. 

do  er  sach  daz  kindlin  tot. 
.  er  schre  jamer  unde  not! 

owe  waz  hastu  getan! 

wie  sol  ez  uns  nuo  ergan?' 
975  von  schreck  er  viel  in  unmaht, 

er  wüste  nüt,  swer  tag  od  naht.       [bl.  76a.J 

also  er  zuo  der  erden  weich. 

Daz  bluot  an  in  der  grave  streich: 

swa  er  in  mohte  haben  blosz, 
980  da  streich  er  hin  mit  trüwen  grosz. 

gesund  und  rein  wart  er  ze  stet, 

daz  zeichen  got  von  himel  tet. 


963.  So  so]  man  doch  es  also  C. 

964.  jn  trüwen  ('.  Buchstäblich  =  Erec  3414.  Gottfrieds  Tristan  2029 
,ez  wart  durch  triuwe  getan*.  Stauf.  695  ,die  ich  durch  trtlwe  han  getan^ 
Jäckel  8.  26.    —    965.  Also  er  dem  kind  die  kll  C. 

9f)6.  grossem  jomer  und  mit  leid  0. 
967.   Vnd  mit  gar  traurigem  C. 

969.  Er  rafft  dem  brüder  nun  kumm  har  C.    nuo  fehlt  A. 

970.  abe  fehlt  A.    Ab  der  maur  so  kam  er  dar  V. 

971.  972  fehlen  in  A.    971.  kint  0.     972.  owe  jomer  C. 

973.  Herre  mein  was  band  jr  C. 

974.  nuo  fehlt  A.    Das  jch  mein  iSben  ye  gewan  C. 

975.  schrecken  AC.  er  geschwunden  lag  0.  Zur  sache  vgl.  wieder 
Engelhard  6300  ff. 

976.  ob  es.   oder  A.    Er  wisset  weder  nacht  noch  tag  C. 

977.  Vnd  als  er  ('.    -    978.   Der  graff  das  blüt  an  jn  C. 

980.  Do  beatreich  er  jn  C. 

981.  au  der  stet  A.     an  der  stat  0.    —   982.  that  C. 


112 

Der  vater  leite  rein  sin  kint: 
,wol  uf,  daz  wir  nit  me  hie  sint! 

985  würt  man  nnser  hie  gewar; 

wer  onser  vil,  wir  storbent  gar. 
SQOch  henrür  sporn  onde  swert, 
balde  die  sattel  of  die  pfert!' 
daz  blaot  er  von  dem  wege  trach, 

990  ze  gotte  er  in  den  himel  sprach 
,owe  janger  marteler, 
wie  kamt  fich  so  leide  mer, 
so  die  maoter  sin  enpflnt!' 
do  koste  er  sin  totez  kint, 

995  daz  sin  herze  mitten  brach. 
Ton  jamer  allez  daz  geschach: 
,na  habe  got  die  sele  din! 
so  wil  ich  iemer  haben  pin\ 

Do  ging  er  über  die  arke  sin, 
1000  an  tnren  greif  er  darin, 

Silber  and  goldes  nam  er  gnaog 
in  einen  wotsag  er  daz  traog. 
,braoder*  rief  er  ,kum  har!* 


983.  wider  rein  das  (\  Zar  ausdracksweise  vgl.  ,waiit  legen'  und  ,tdt 
legen'  Troj.  35644,  31218, 39855, 24469  [42942,  48836],  3550.  Parton.  404,  5637. 

985.  Vnd  wurde  man  der  tbat  von  vnss  i.\ 

986.  man  todt  vnss  gar  (.'.    —   687.  L^r  mir  bald  l\ 
988.  Vnd  sattel  die  besten  zwey  (\ 

990.   Gegen  got.    sach  <'.   —  991.  du  junger  C 

992.  kummen  deiner  mäter  so  leidig  C 

993,  994.  So  es  mein  mGter  vnd  die  dein  vernimpt  So  finden 
sie  ein  todtes  kindt  (',  und  fährt  dann  albern  fort  Er  kust  es  an  seinen 
roten  mundt  Das  er  do  uit  starb  ze  staut  Vnd  sein  hUrtz  nit 
gar  zerbrach.     R.  Parz.  785.  26  ,daz  im  sin  herze  nach  zerbrach*. 

996.  dz  ander  alles  A.  von  grossem  *.'.  Vor  997  fügt  C  ein  Do 
wandts  got  mit  seiner  handt  Dem  alle  hartzen  sind  bekant  Er 
sprach.    Vgl.  die  einschaltung  nach  994.    —   999.  die  kisten  C 

1000.  Er  greiff  mit  voller  band  dar  jn  Er  nam  gtttz  dar  anss 
so  vyl   Als  eir  der  von  dem  lande  wyl  C. 

1001.  nam  er  fehlt  0.    —    1002.  einem  B. 
HXJ3.  Er  rafft  dem  bruder  C. 


118 


baJde  lief  er  znozim  dar. 
1005  den  wotsag  er  von  im  enpfieng, 

zao  den  pferden  er  do  gieng. 

dar  uf  Sil  vaste  bundent  in, 

sü  sazent  nf  und  vnorent  hin. 

einer  mit  dem  andern  reit.  [bl.  77.] 

1010  Der  junge  grave  hette  leit: 

,got,  wie  sol  es  mir  ergan!' 

die  bürg  liez  er  eine  stan. 

beswert  von  gründe  was  sin  muot: 

,owe,  ere  und  groszes  guot, 
1015  land,  bürge,  stette,  lüte, 

nu  scheide  ich  von  öch  hütel 

got,  daz  ich  ie  wart  geborn, 

daz  min  trtt  nie  wart  verloni, 

nu  muoz  ich  unz  an  daz  ende  min 
1020  iemer  me  eilende  sin. 

nu  getar  ich  einen  biderman 

niemer  me  gesehen  an^ 

hoerent,  also  klagete  er 

den  jungeling  und  sine  swer: 
1025  •  ,nu  giltet  ez  die  sele  min, 

wil  sin  got  nüt  abe  sin^ 

Do  sach  er,  wie  die  amme  trat 


1004.  er  dar  A.  Do  lüff  er  bald  zu  jm  dar  C.  —  1005.  von  fehlt  C. 

1006.  dem  pferde  A. 

1008.  ritten  C.    Stanf.  199  ,8ü  sazent  uf  und  ritent  dan^ 

1010.  hat  gross  C.    —    1011.  Ach  got  C. 

1012.  Hessen  sie  allein  C. 

1013.  Im  was  beschwert  von  grund  sin  müt  C. 

1015.  stet  bürg  vnd  leüt  C.   —    1016.  jch  schantlich  von  dir  C. 
1017.  Ach  got  C.    Gottfrieds  Tristan  1283  ,ow§,  daz  ich  ie  wart  ge- 
born*.  14143.    —    1018.  Das  hat  m.  tr.  alles  verloren  0. 

1019.  nü  müss  ich  nu  A.  —  1020  min  A.    yn  dem  eilend  sein  C. 

1021.  eim  A.    keinen  0.    Stauf.  1134   ,daz  mich  niemerme  kein  man 
mit  ougen  sol  gesehen  an^    Jäckel  s.  24  f. 

1022.  frSlich  sehen  C.    —    1023.  klagt  er  sich  C. 

1024.   der  jungeling  sin  A.    Sein  liebes  kind  so  jSmerlich  C. 
1027.   Doch  A. 

Eallng,  Kistener.  3 


114 

zer  bärge  hin  den  vuozpUx: 
iA  Tolt  hin  abe  holen  «laz  kint: 
1C30    balde,  daz  wir  hin  abe  sint!* 

Die  amme  in  die  bärge  gie: 
.heilgez  cräze!  ist  niemen  hie?" 
daz  kint  daz  tmog  sä  ab  dem  hos 
mit  Torhte  zno  der  bürge  oz 

1033  nnde  nie  gelnogte  daz, 

ob  ez  tot  od  lebende  was: 
die  zwene  sich  entsazen: 
.doch  mäeszen  wir  die  strazen!' 
der  grare  mit  dem  bmoder  reit: 

1010  .bmoder,  daz  ^i  dir  geseit, 

swaz  mir  dammbe  säl  geschehen, 

vater  nnd  mnoter  wil  ich  sehen 

nnd  die  liebe  vroawe  min,  [bL  77*.] 

Ton  der  ich  mnoz  gescheiden  sin." 

1043  .Ach  got,  waz  wiltn  schaffen  do?" 
sprach  der  bmoder  zim  also: 
,dn  weist  wol,  daz  nns  herte  lit. 


l(J2h,  Gegen  derbarg  den  nichsten  pfadt  C. 

U/29,  berab  reicben  C.   —   103iJ.  Wolan  bald  das  C. 

1031.  in  der  bfirge  A.    Do  die  amme  C.   —   1032.  Sie  sprach  C. 

103-3,  daz  an  zweiter  htelle  feblt  C. 

UjÖd.  Vnd  ine  A.    Da«  sie  nie  C 

UMß,  das  kind  l&bent  oder  tod  C.    —    1037.  sich  seer  C. 

1038.  die  recht  stross  A.    Sie  rittent  jre  Strassen  C. 

Vf^^.  by  dem  br.  was  i',   —    1040.  Dir  sey  gesaget  das  C. 

UMl.  i»ol  A,  Da  der  Ters  bachstäblich  dem  Engelhard  (2S4o)  entnonunen 
ist,  habe  ich  auch,  in  anlebnung  an  die  durch  Closener  18,  21  bezeugte  form 
jSalleS  »ül  ge«^:hriebeu.  Haupt  schrieb  an  der  stelle  sol,  die  von  Joseph 
aufgeuommeue  verbe^uterung  hatte  Bartsch  Yurgescblagen.  VgL  Parton.  1561. 
Troj.  94:^,  17897. 

1042.  Ich  mü.«g  nocb  einest  v.  vnd  m.  sehen  C.  —  1043.  Vnd  anch  C. 

1045,   1046  umgestellt  in  C.     1045.  wend  jr  C. 

l<)i(').   Der  brüder  sprach  C. 

1047.  das  es  A.  Ir  wissent  C.  Kaufringer  14,  373  ,si  legt  irs 
»eiber  gar  hert'.  Diocietian  G4^J9  ,wie  es  so  recht  herte  mir  lit*.  üätilerin 
8.  117,  vers  IßO  ,docb  wurd  es  in  oft  ligen  hart'. 


115 

laz  uns  varn  hinan,  ez  ist  zit'. 
er  sprach  ,ich  sehe  sfi  denne  e, 
1050  daz  scheiden  tet  mir  iemer  we. 
mine  trüwe  muoz  bezeigen  sich*, 
zem  burnen  vuor  er  trureclich: 
,beit,  bruoder,  min  da: 
swie  ez  mir  joch  dort  erga*. 

1055  Mit  vröuden  sü  enpfiengent  in: 

,lieber  sun,  wa  weint  ir  hin?* 

er  sprach  ,ich  muoz  ze  eime  tage, 

hoeren  unser  lUte  klage. 

einer  ist  liblosz  getan, 
1060  die  suone  ist  an  mich  gelan*. 

vrouwe  unde  muoter  baten  in: 

,du  muost  hie  blibn  und  bi  uns  sin*. 

die  rede  was  im  gar  ein  troum. 

der  vater  viel  im  in  den  zoum: 
1065  ,war  woltestu  in  dirre  hitzen? 

du  muost  her  abe  zuo  uns  sitzen*. 

do  sü  so  in  der  rede  sint, 


1048.  Lond.   faren  by  zeit  C. 

1051.  bezeichen  A.    erzeigen  C.  —    1052.  reit  C. 

1053.  Nun  beit  mein  hie  vnd  gehab  dich  wol  C. 

1054.  Ich  bald  hSrwider  kummen  soi  C.  noch  dort  A.  Ich  habe 
nach  R.  Parz.  507,  26  ,wie  ez  mir  joch  erge*,  Hans  von  Bühel,  Diocletian  2442 
jWas  mir  joch  hie  nmb  beschicht',  joch  geschrieben.  Vor  1055  schiebt  C  ein: 
Wie  es  mir  jeraer  darumb  ergange  Er  ward  von  jnen  wol  em- 
pfangen, ohne  den  nun  überflüssigen  folgenden  vers  zu  tilgen. 

1056.  wiltu  C. 

1057.  ich  muoz  fehlt  A.    jch  mftss  ze  not  vff  ein  tag  C. 

1058.  Nach  vnser  armen  leüten  sag  C.   —    1059.  Do  jst  einer  C. 

1060.  Vnd  jst  die  sach  C. 

1061.  vnd  die  A.    Einleitung  s.  25.    Sein  fr.  vnd  sein  m.  C. 

1062.  Worlich  du  mflst  by  vnss  hie  sin  C. 

1063.  als  ein  C.  Zum  ausdruck  vgl.  Parton.  1054.  Troj.  17561,  25167. 
Aus  der  letzten  stelle  ist  gar  entnommen,  das  in  A  fehlt.  Der  fortsetzer 
des  Trojanerkriegs  liebt  es.     Klitscher  s.  63     —    1064.  an  0. 

1066.  Also  sü  in  der  rede  sitzent  A.  —  1067  fehlt  A;  dafür  nach 
1068  er  sach  wite  vmb  dasz  sint.    Vnd  so  sie  also  C.    Noch  stärkerer 

8* 


116 


so  bringt  die  amme  her  daz  kint. 

von  gründe  erschrack  sin  herze  gaot. 
1070  er  gedahte  in  sime  muot 

,sol  ich  hie  verderben 

nnd  durch  trttwe  sterben, 

daz  wende  lieber  herre  got! 

hilf  mir,  herre,  uz  dirre  not. 
1075  vergisz  nQt,  sante  Jacop,  min. 

daz  bit  ich  durch  die  trttwe  diu,         [bL  78.] 

die  du  mit  got  hest,  und  die  klage 

an  dem  grftnen  dunerstage, 

do  du  nüt  woltest  essen  me, 
1080  du  gesehest  den  got  wider  e'. 

von  gedenken  im  so  we  geschach. 


tempaswechsel  mit  denselben  reimworten  ,kint :  sint'  Trist.  6052.  VglKistener 
286,  506.  Boner  7:^,  9  ,d6  si  in  dirre  rede  wän\  Königstocbter  351  ,and  do  sie 
in  den  sorgen  was'.  Pantaleon  1838  ,nü  daz  er  in  der  rede  saz  .  .  .,  dö  kam*. 

1068.  her  feblt  A.    dort  bar  (\    Vor  1069  scbiebt  C  ein  Das  was  jn 
der  wagen  scbon  verdacht  Vnd  hat  jra   ein  schatten  gemacht  C. 

1069.  gantzem  h   erschrack  sein  mät  C. 

1070.  yn  seinem  hfirtzen  gut  C.  —  1071.  0  herr  sol  jch  doch  C. 
1072.  vmb  mein  grosse  C.  —   1074.  Vnd.  herre  fehlt  C. 

1075.  0  lieber  s.  J.  vergiss  nit  C.    —    1076.  dich  C. 

1077.  das  mit  got  wz  die  klage  A. 

1078.  hohen  donstag  C.   —    1079.  vnd  du  A. 

1080.  Goedeke  Hess  gesehest  von  drucken;  es  steht  deutlich  den  in 
der  hs  A,  und  dem  entspricht  bei  Gengenbach  dann.  Dieser,  übrigens  tezt- 
kritisch  nicht  ganz  gesicherten  stelle  muss  eine  uns  unbekannte  erzählung  zu 
gründe  liegen,  die  sich  wohl  auf  Marc.  14,  3)1:  1.  Cor.  15,  7  und  folgende 
antiphon  der  spanischen  liturgie  aufbaute:  „0  beatum  apostolum,  qui  inter 
primos  electus,  primus  omnium  apostolorum  domin i  calicem  bibere  meroit!" 
Garns,  Kirchengeschichte  von  Spanien  II,  2,  392.  Vgl.  Calixtus  II,  Sermo 
primus  in  vigilia  s.  Jacobi  Zebedaei  apostoli  (Patrologia  ed.  Migne  163) 
p.  1385  B:  ,Sic  ex  duodecim  apostolis  tres  barones  et  magistros,  Petrum  vi- 
delicet,  Jacobum  et  Joannem  prac  omnibus  elegit.  Hos  tres  heroes  uno  modo 
super  mare  Galilaeae  elegit;  hos  dum  suscitaret  tiliam  archisynagogi  in  aede, 
caeteris  absentibus  discipulis,  secum  ad  videiiduiii  miraculum  introduxit; 
bis  sua  arcana  caetoris  plenius  patefecit;  bis  transfigurationem  suam  in  monte 
Thabor  ostendit,  bis  in  passione  sua  velut  cum  charis  suis  condoluit,  moesti- 
tiam  camis  suae  ostendens  eis  et  dicens:  Tristis  est  anima  mea  usqne  ad 
mortem.     Matth  XXVI  38^  Vergl.  Sermo  III  p.  1396  D  ff. 

1081.  Von  grossen  sorgen  ward  er  so  schwach  C.     Königstochter 


117 


daz  man  jamer  an  im  sach, 
swaz  stt  rettent,  daz  er  sweig. 
zwüschent  in  er  do  nider  seig. 

1085  leit  hettents  mit  im  unde  not, 
sü  wantent  alle,  er  were  tot. 
als  ein  tote  wart  er  var: 
jbalde  reichent  wasser  har!* 
daz  herze  sü  im  machtent  naz. 

1090  schiere  er  wider  kamen  was. 
do  hat  ein  zeichen  got  getan, 
da  WQstent  sü  gar  wenig  van. 
der  trüwen  sin  got  nüt  vergaz, 
sant  Jacop  bat  euch  gotte  daz: 

1095  daz  kint  wart  lebende  in  der  wagen, 
vür  den  vater  wart  ez  getragen, 
men  wate  im  ander  dougen  wint. 
do  sprach  die  vronwe  an  schänden  blint 
,so  küsse,  lieber  man,  din  kint, 

1100  daz  wir  al  dest  vroelicher  sint'. 
,Waflfen,  got!  laz  mich  dervan!* 
daz  kint  den  vater  lachete  an. 


2404  ,von  jomer  geschach  in  also  we^    Diocletian  6066  ,yon  leide  mir  so  we 
beschach'.   —    1082.  yn  jn  grossem  jomer  C. 

1083.  Was  jemandt  redt  er  allzyt  schweig  C. 

1084.  in  fehlt  A.    Vntz  das  er  zwüschen  jn  nider  C. 

1085.  leit  so  mit  ime  hettent  A.  Sie  hatten  leid  ynd  grossi 
not  C.   —   1086.  Westen  nit  dan  er  C. 

1087.  gefar  AC.  Vgl.  206.  Also  blaich  ward  C.  Gottfrieds  Tristan 
9350  ,daz  diu  wart  alse  ein  töte  var^  Vgl.  11695.  Parton.  1249.  Troj.  41910, 
44591.    K.  Parz.  667,  14  ,al8e  er  tot  were  wart  er  gevar*. 

1088.  Man  Hess  bald  wasser  reichen  dar  C. 

1089.  Sie  machten  jm  sein  hSrtz  C. 

1090.  Dar  nach  er  C.    —    1092.  gar  fehlt  C. 
1093.   vnser  herr  nit  C.   —   1094.  erbat  got  C. 

1096.  ez  fehlt  A.    seinen  C. 

1097.  vnder  die  A.    wagdt  jm  vnder  sein  C, 

1098.  müter  A.  1098  fehlt  0.  Troj.  10  ,an  6ren  blint*.  Engelhard  1069 
,blint  an  ir  menneschlicher  art^ 

1099.  Se  lieber  sun  küsse  C.   —  1100  fehlt  C. 

1101.  Er  sprach  o  land  dar  van  C. 

1102.  Do  lachet  das  kind  sein  C. 


118 


do  sach  er,  daz  ez  lebete: 

sin  herz  in  vröuden  swebete. 
1105  do  sprang  er  of,  alse  ein  man, 

der  leit  noch  we  nie  gewan. 

er  viel  nider  uf  die  knie: 

,got  si  gelobet  des  Zeichens  hie.        [bl.  78a.] 

sant  Jacop  si  geeret, 
1110  min  heil  ist  hie  gemeret^ 

Noch  do  wnstent  sü  nttt  daz, 

wie  ez  dem  kinde  ergangen  was. 

sin  muoter  sprach  ,sun,  sage  uns  daz, 

wie  dir  ingenoten  was^ 
1115  ,so  hoerent  leide  und  liebe  mer'. 

dem  bruoder  rief  er  balde  her. 

der  bruoder  ttbele  vorhte  sich: 

,owe,  man  ziht  es  alles  mich. 

nu  wisse  got,  ez  waz  mir  leit'. 
1120  mit  vorhten  er  zem  bumen  reit. 

sti  sahent,  daz  er  reine  was: 

,lieber  sun,  nu  sage  uns  daz, 

wie  er  reine  worden  si. 

ir  sint  beide  leides  vri'. 


1103,   1104  amgestellt  in  C.  Do  er  sach  das  das  kind  noch  labt  C. 
Tristan  9409  ,und  sach  wol,  daz  er  lebete*.    —    1104.  in  grossen  C. 

1105.  ,als  ein  man  der'  K.  Parz.  48,  25.    Tristan  15232. 

1106.  vnmüt  noch  leit  C. 

1107.  knnwehieA.    v ff  sine  C.    Königstochter  803  ,sie  viele  nider 
uff  ir  knie*.    Diocletian  7594,  7708,  8185. 

1108.  Got  sige  globet  ein  zeichen  ist  geschehen  hie  A.  Gelopt 
sie  got  C.    —    1109.  Vnd  sant  C. 

1110.   Heil  vnd  seldjst  mir  C.    Bartsch  zum  Turnei  11,  wo  hinzu- 
zufügen sind  Silv.  2367.  Parton.  14022,  20346  u.  a.  —  1111.  Noch  dann  C. 

1113.  sdn  nd  A.    Sic  spracheut  liebes  kind  nun  C. 

1114.  dir  jetzund  beschehn  C. 

1115.  hÖrent  jr  leid  C.   —   1116.  rftfft  er  frÖlich  G. 

1117.  erschrack  vnd  C. 

1118.  nun  zeicht  man  diser  getat  mich  C.  -    1119.  weiss  got  C. 
1121.   Man  sach  wol  er  rein  worden  was  C. 

1123.  der  A.    dein  brüder  C.     sige  :  frige  A. 

1124.  Wann  jr  baide  sind  sorgen  fry  C. 


119 


1125  Er  sprach  ,(lie  rede  ich  nüt  verbir. 

ez  ist  nüt  lang,  do  seite  er  mir, 

wie  im  ze  helfende  was. 

gar  nngeme  tet  er  daz. 

mit  trüwen  ichz  im  an  gewan, 
1130  daz  er  michz  mnoste  wissen  lan. 

er  Seite,  mines  kindes  blnot 

wer  im  vttr  den  gebresten  guot. 

der  trüwe  ich  do  nüt  vergaz, 

mit  trüwen  galt  ich  ime  daz: 
1135  mins  kindes  kele  ich  abesneit. 

ez  was  im  inneclichen  leit. 

ich  wnste  in  mit  dem  blnote, 

do  wart  rein  der  guote. 

ob  ir  der  rede  in  zwiveln  sint, 
1140  so  luogent  nnd  beseheut  daz  kint^ 

umbe  alle  stucke  seite  er  daz,  [bl.  79.] 

wiez  nach  und  vor  ergangen  was. 

,an  der  kelen  man  zeichen  vint*. 

do  beschiegent  sü  daz  kint, 
1145  sü  vundent  an  der  kelen  stan 

ein  roten  vaden  darumbe  gan. 

daz  küssin  was  von  bluote  naz. 

do  sahent  sü,  daz  also  was. 

Die  muoter  tet  so  klegelich: 


1125.  rede  fehlt  A.    der  red  C.    embir  C.  —  1127.  do  von  zu  0. 

1128.  Gar  vngern  so  C.    Gar  fehlt  A. 

1129.  Wann  das  jchs  jm  mit  trSwen  C. 

1130.  ez  fehlt  A.  —  1131.  seit  mir  das  C.  —  1132.  Im  wfir  C. 

1133.  Darumb  jch  seiner  trew  C.   Königstochter  2861 , seiner  trüwen 
er  nit  vergasz^    Stauf.  510.    Jäckel  s.  29. 

1134.  vergalt  A.    Vnd  galt  jm  wol  mit  trüwen  C. 

1136.  Das  was  0.  —  1137.  bestreich,  mit  meines  kindes  C. 

1138.  Darnmb  ward  rein  der  brüder  gut  C. 

1139.  die  rede  nun  yn  C.  —  1140.  und  fehlt  A. 
1141.  so  seite.  —  1142.  es  darumb  ergangtr 

1144.  Da  sie  besahen  das  kin  lä  handt  (X 

1145.  Da  funden  sie  0.   --   1146.  galdin  1 

1148.  das  es  A.    erst  das  es  C. 

1149.  Er  sprach  jch  het  lieber  getf 


120 


1150  ,owe,  daz  ich  nttt  tote  mich! 

ach  kint  minz!  davon  was  mir  swer. 

mich  ante,  wie  dn  tot  wer. 

ich  mohte  keine  vröude  han^ 

do  weintent  vrouwen  unde  man, 
1155  do  wart  erwert  schimpf  unde  spot. 

mit  ylize  batents  alle  got: 

,nu  lebent  vater  unde  kint, 

die  bede  tot  gewesen  sint. 

so  ist  der  reine  worden. 
1160  wir  suUent  einen  orden 

got  ze  eren  und  ze  lobe 

und  dem  yflrsten  sant  Jacope 

(buwen)     *  ♦  ♦ 

«  «  «  « 

buwetents  ein  closter  guot, 

da  men  noch  gottes  dienste  tuot, 
1165  daz  wir  hoBren  sagen, 

sü  enmohtentz  underslagen. 

ez  heizet  Gnadeouwe, 

da  got  und  unser  vrouwe 

in  gabent  in  iren  sin, 
1170  sü  kement  mit  einander  drin. 

vrouwen  in  dem  halben  sint 


1150.  Wie  wol  das  jch  ertodte  dich  C.  Parton.  9866  ,daz  ich  selbe 
toBte  mich*.    10031  ,daz  ich  toete  mich*. 

1151.  Mein  kind  darumb  C.    —   1152.  Es  thet  mir  we  das  C. 
1153.  mSbte   A.    Da   von   mocht  jch   C.   —   1154.  weinete  A. 

Stanf.  1106  ,do  weintent  ritter  nnde  kneht'.  1060  ,frouwen  unde  man*. 
Jäckel  s.  12.  Vor  1155  fügt  C  ein  Von  härtzen  und  von  sinnen 
Mit  trüwen  in  gantzer  minnen.  —  1155.  Do  hiess  vnd  wert  man  C. 

1156.  Von  gantzem  härtzen  lobten  sie  got  G. 

1157.  Nun  sint  iSbent  worden  C.    lebet  A. 

1159.  Vnd  auch  rein  der  bröder  jst  worden  0. 

1160.  Wir  send  jn  einen  geistlichen  orden  C. 

1161.  vnd  ouch  C.    —    1162.  Vnd  ouch  dem  C. 
1163.   Do  buwten  C.    —    1164.  vyl  gottes  d.  jn  C. 

1165.   Das  man  noch  hüt  wol  hSrt  C.    —    1166.  en  fehlt  AC. 
1167.   Das  closter  heisset  gnadow  C.    Über  den  namen  einleitung 
8.48.    —    1168.  vnser  liebe  C.    —    1170   koment  A. 

1171.   Die  frawen  da  jn  einem  theil  C.    Zur  berichtigung  der  ein- 


121 


im  andern  halben  man  and  kint. 
got  gab  in  umbe  ir  trttwe  [bl.  79  a.] 

ein  selig  leben  n&we, 
1175  sü  wurden!  heilig  in  der  zit. 

Hoerent,  waz  nQtze  an  trftwen  lit: 

mute,  trüwe  und  demuot, 

die  hie  der  mensche  durch  got  tuot, 

die  minnet  got  in  sinem  muot 
1180  für  allez  irdenischez  guot. 

swer  sich  ze  gotte  neiget 

und  tr&  durch  in  erzeiget, 

ir  süllent  guoten  glouben  hau, 

daz  got  in  niemer  wil  gelan 
1185  an  giner  weite  dort  noch  hie. 

in  trtiwen  got  anz  crttze  gie, 

trüwe  er  uns  um  gotte  erwarp, 

daz  sin  menscheit  durch  uns  starp. 

von  trüwe  han  ich  wol  geseit, 
1190  untrüwe  laut  üch  wesen  leit. 

Swem  dise  rede  bildet  in, 
durch  got  die  gedenkent  min: 
ders  uns  ze  liste  hat  gedaht 


leitnng  s.  48  vergl.  über  doppelklöster  Keinz,  Helmbrecht  *  s.  12.    Sense 
(Denifle)  s.  168.  —  1172.  halben  fehlt  C.   —   1173.  Got  der  gab  C. 

1174.  l&ben  büss  vnd  rüwe  C.    Meier  zu  Jolande  763. 

1175.  sllig  yn  diser  C. 

1176.  NunC.    nntzesA.    Zum  epllog  einleitnng  s.  21f. 

1177.  vnd  gute  diemüt  C.   —   1178.  yff  erdtreich  C* 

1179,  1180.  nimmet.    für  alles  gut  C.    Parton.  17675  , er  minnet  die 
für  allez  guot,  die  willecliche  ir  armnot  wellent  dnrch  in  lidenS 

1181.  sich  hie  C.   —   1182.  dar  jn  C.    —    1183.  Do  sol  man  C. 

1184.  jn  got  niemer  wert  Verlan  C. 

1185.  In  C.    dort  fehlt  C.    —   1187.  er  fehlt  C. 
1188.  er  jn  mOnscheit  darumb  C.   —   1189,  1190  p 
1190.  Das  jst  ewer  seel  lustigkeit  C.   —   1191. 

1192.  Dem  verleich  got  ein  stfiten  sin  C.    T 
wer  hat  in  denne  hie  so  rehte  woi  gegestet?' 

1193.  Der  vns  die  rede  A.    Der  diit  i 


122 


und  ze  tfitsche  hat  gebraht, 
1195  daz  tat  Euonze  Eistener. 

swaz  ir  von  gotte  habent  ger 

guoter  werg  gent  ime  teil, 

daz  got  mere  ttwer  heil. 

ir  taont  ez  ane  schaden  wol. 
1200  guoter  werg  man  teilen  sol 

gemeine  in  die  cristenheit, 

daz  hant  die  pfaffen  mir  geseit. 

so  ir  mich  hoBrent  nennen,  [bl.  80.] 

so  siillent  ir  bekennen, 
1205  daz  ich  Knonze  Eistener 

sante  Jacop  dise  mer 

ze  lobe  han  getihtet 

und  ze  rime  gerihtet. 

swaz  sant  Jacop  diener  hat, 
1210  daheim  od  nf  der  strazen  gat, 

in  der  gebet  bevilhe  ich  mich, 

daz  bitte  ich  sante  Jacop  dich, 

swer  in  din  ere  ie  kam  dahin. 


1194.  braht  A.    Vnd  dyse  rede  jn  rimen  C. 

1195.  dz  wissent  A.    Das  hat  gethon  C. 

1196.  Welcher  diss  lisst  jst  sein  beger  C. 

1197.  Güte,  jm  zÄ  theil  C.    Zar  amschreibung  Jäckel  s.  24,  86. 

1198.  Das  jst  wol  ewer  sele  heil  C.   —   1200.  Güte,  triben  C. 
1201.  jn  aller  C.    —  1202.  mir  die  priester  band  C. 

1203.  Wannjr  jn  h8ren  C.  Guter  Gerhard  6607  ,daz  man  ir  lop  er- 
kennet swä  man  ir  namen  nennetV  Troj.  342  ,diu  frouwe  tugentrich  gemuot 
was  Ecnbä  genennet,  man  bete  wite  erkennet  ir  namen  und  ir  hohen  pris^ 
19255  ,als  ich  in  horte  nennen,  er  künde  wol  erkennen\  20047  ,s6  man  si 
nennen  beeret*  u.  o.    —   1204.  erkennen  C. 

1205.  der  vorgenant  C.    ich  fehlt  AC. 

1206.  Zu  rimen  hat  gebracht  die  mär  C. 

1207.  hat  A.  Das  doch  ein  gantze  warheit  jst  Vnd  gantz  on 
allen  argen  list  Got  vnd  seiner  mütter  zu  lob  Vnd  auch  dem 
guten  herren  sant  Jacob  Die  dyse  zeichen  band  gethon  Dassond 
wissen  frawen  vnd  man  C.    —   1208.  rüme  A.   —   1209.  dienern  C. 

1210.  rittet  oder  A.  Der  do  heim  jst  oder  vff  der  Strassen 
gadt  C.  —  1212.  Das  wir  s.  J.  findent  dich  C. 

1213.  siner  eren  A.    Wer  je  kam  gon  sant  Jacob  hin  C. 


123 

der  gnaden  laz  ans  teilhaft  sin. 

1215  Got  unde  sante  Jacop, 
ich  han  geseit  ttwer  lop. 
kund  ich  ez  baz  durchgrfinden, 
ich  wolte  ez  gerne  künden, 
schier  hat  die  rede  ein  ende. 

1220  got  und  sant  Jacop  wende 
unser  not  und  arebeit. 
swerz  gerne  hoeret  oder  seit, 
ez  sige  vrouwe  oder  man, 
vil  guoter  jare  gang  sü  an. 

1225  die  sullent  ir  von  gotte  han, 
die  weit  git  werlich  boesen  lan. 


1214.  lass  vnss  teilhafftig  C. 

1215.  Edler  got  vnd  C. 

1216.  geachriben  C. 

1217.  ,durchgrtinden*,  lieblingswort  Konrads  v.  Wtirzbnrg.  Z.  b.  Schmiede 
242,  473.  Engelhard  862,  975.  Troj.  7166,  7527,  7608,  10863,  13185,  14700, 
26357  u.  0.  Guter  Gerhard  6876  ,ich  spraeche,  knnde  ich,  gerne  baz*.  Königs- 
tochter 4830  f.  ,aneh  wil  ich  üch  hie  bitten,  das  ir  min  rede  band  vergnot. 
wan  ich  hon  des  willen  und  mnot,  kund  ich  basz,  ich  tet  auch  basz*. 

1218.  durch  künden  A,  dann  durch  gestrichen  und  wiederhergestellt. 
Das  weit  jch  C. 

1219.  Also  hat  dyse  C. 
1221.  All  vnser  C. 

1223.  syent  C. 

1224.  GAte  jor  gange  A.  Vil  guter  jaren  gang  C.  Mundartlich 
war  wohl  meist  der  Singular  üblich:  Stauf.  d.  schluss:  ,got  geh  vns  allen 
ein  gut  ior'.  R.  Parz.  646,  33  ,got  gebe  dir  ein  guot  jor*.  652,  40  ,got 
gebe  üch  ein  also  guot  jar*.  So  auch  später  noch  DWB  1,  342;  4,  2,  2233. 
Aber  auch  der  plural  ist  bezeugt:  Königstochter  7562  ,got  gebe  üch  tusent 
guoter  ja^^     Klopf  an  (Schade)  14,  38. 

1225.  Erec  537  ,daz  wil  ich  von  gote  hau'.  Nach  1224  fährt  C  fort: 
W&r  nit  gern  von  got  hurt  lesen  Der  mag  nit  sein  diener  wäsen. 

1226.  jetzund  büsenC.    Boner  94,  87  f.  ,gloub  mir,  also  taot  ouch  diu 
weit;   si  lebt  wol,  und  git  boesez  gelt*.    Engelhard  6390  ,ach  brcBdl«  t    -•" 
sich  wie  du.  bist  aller  missewende  vol!   niemen  dir  getriaweD 

yil  swaehc  Ionen  kanst*.    Haupts  Zeitschr.  6,  151  ff.   Kaofringi 
maint  er   die  unrain  weit,   wann   die   geit  gar  bOsen  w 
Liedersaal  208,  181. 


124 

noch  welle  uns  got  dort  geben 
vröude  in  himel  und  ewig  leben, 
des  helfe  mir  unde  fich 
1230  der  milte  got  in  himelrich! 


1227.  dort  fehlt  A.  Silv.  1332  ,dar  nmbe  wirt  im  dort  gegeben  vrottde 
und  daz  Iwecliche  lebeuS  Wir  send  ein  guten  fürsatz  ban  So  wil 
vnss  got  nacb  disem  l&ben  Das  ewig  bymmelreiche  geben  Dess 
hellff  vnss  der  milte  got  Ynd  der  gut  herr  sant  Jacob.  Amen.  C. 

1230.  mit  got  A.  Der  Schreiber  von  A  schliesst  Dirre  rede  ist  nüt 
me  (vgl.  Stauf.  1110.  Jäckel  s.  29.  R.  Parz.  388,  28)  Wol  vns  hüte  vnd 
iemer  me.    Explicit  feliciter. 


Nachtrag 

von  F.  Vogt 


1.  Zum  Wallaere  (oben  S.  9f.). 

In  der  Abhandlung  über  das  fickenlied  ZfdPh.  25,  1  ff.  hatte  ich  S.  6  f. 
die  Gründe  auseinandergesetzt,  weshalb  die  von  Bächtold  wieder  aufgefrischte 
Yermutnng,  dass  Eudolf  von  Ems  mit  dem  Wal  leere  des  Heinrich  von 
LinoQwe  das  Eckenlied  meine,  unhaltbar  ist.  Bekanntlich  gedenkt  Endolf 
des  Gedichtes  in  den  beiden  Literaturübersichten,  die  er  im  Alexander  und 
im  Wilhelm  giebt;  dort  sagt  er:  her  Heinrich  von  Linouwe  hat  onch 
vil  stteze  arbeit  an  den  Wallaere  geleit;  im  Wilhelm  spricht  er  von 
dem  von  Linouwe  (Varr.  lindouwe,  monwe)  der  Ekkenis  (Varr.  eggenis, 
ekkeins,  eikins,  eggen,  ereckes)  manheit  hat  getichtet  and  geseit,  daz 
ist  der  Wallaere.  Die  Beziehung  auf  das  Eckenlied  wird  nun,  wie  ich 
a.  a.  0.  zeigte,  durch  eine  zweite  Erwähnung  des  Wallaere  im  Wilhelm  un- 
möglich, die  von  den  Früheren  garnicht,  von  Bächtold  nur  ganz  unvollständig 
berücksichtigt  war.  Es  beisst  da  Wilhelm  7084 fg.  swer  hat  vernomen 
oder  gelesen  von  dem  Wallaere  hern  Ekkenes  (Varr.  erkeynes,  eikenes, 
klies,  ereckes)  maere,  dem  ist  bekannt,  wie  da  jährlich  (jaerlich,  nicht 
ie  gel  ich)  ein  Turnier  stattfindet,  bei  dem  ein  Sperber  als  Kampfpreis  auf- 
gesetzt wird.  Das  beweist  für  den  Waller  einen  ganz  andern  Inhalt  als  ihn 
das  Eckenlied  hat.  Da  aber  das  Motiv  des  Kampfes  um  den  Sperber  an 
Hartmanns  Ercc  erinnert  und  unter  den  Varianten  an  dieser  Stelle  sich  auch 
Ereckes  st.  Ekkenes  findet,  so  schien  es  mir  nötig  die  Möglichkeit  zu  er- 
wägen, ob  nicht  etwa  dieses  Citat  von  dem  in  den  beiden  Literaturübersichten 
ganz  zu  trennen  und  wirklieb  etwa  auf  Hartmanns  Erec  zu  beziehen  sei. 
Dann  würde  ja  immerhin  die  Möo^lichkeit  bestehen  bleiben,  den  Wallaere  der 
Literaturübersieb ten  mit  dem  Eckeuliede  in  Zusammenhang  zu  bringen.  Ich 
verwarf  aber  diese  Deutung,  da  sie  nötigen  würde,  an  der  Stelle  vom  Sperber 
das  überlieferte  wallaere  willkürlich  inOuwaere  zu  ändern  und  da  überdies 
die  näheren  Angaben  über  das  Sperbertumier  mit  dem  Erec  nicht  überein- 
stimmen. 

Seither  ist  durch  Zeidler,  die  Quellen  von  Rudolfs  v.  Ems  Wilhelm  S.  141, 
auch  die  Fortsetzung  der  von  mir  mitgeteilten  Verse  bekannt  geworden,  und  im 


Hinblick  anf  sie  bnt  Singer  AfdA  21,  S4S  <lie  Meinung  uusgesprocheu,  ich  würde 
wohl  jeUt  nicht,  mehr  daran  zweifeln,  dass  wir  es  hier  nnr  mit  dem  Erec  Hart- 
maiiDä  zu  tun  haben  kilnuten  leb  muss  geRteheu,  dass  mir  gerade  jene  Fart- 
aetznng  nur  zur  Bestätigung  der  cntgegengesetsten  Meinung  dient.  Rudolf  er- 
siählt,  dasa  nach  der  Darstellung  des  Walliere  regelraaasig  auht  Tage  vor  Beginn 
jenes  Uitte  August  stattfindenden  Turniers  alle  die  schausten  Frauen  des  Laudos 
in  einem  betionders  für  sie  bestimmten,  am  Turnierplatz  gelegeuen  Palaste  zii- 
aammeukommen.  Sie  wählen  sictt  eine  KDiiigiu,  die  ibneu  diese  Zeit  über  Recht 
in  Minneangelegenheiten  spricht.  Die,  welche  da  für  die  SchCnste  erklärt  wird, 
rflhmt  man  im  ganzen  Lande.  Am  achten  Tage  kommen  dann  alle  kampflustigen 
Ritter  aus  den  verschiedenen  Lättderu  zum  Turnier,  und  wenn  dies  ein  Ende 
hat,  so  giebt  diejenige  Frau,  welche  den  SchOnheitspreis  erhalten  hat,  dem  über- 
einstimmend für  den  Tüchtigsten  erklärten  Ritter  mit  einem  Eusse  den 
Sperber  auf  die  Hand.  Von  alledem  findet  sich  ja  in  Hartmanns  Erec  nichts. 
Herzog  Imaiu  hült  einige  Zeit  vor  Pfingsten  für  sein  Volk  ein  Jnbresfeat  ab, 
bei  welchem  AJt  und  Jung,  Acm  und  Reich  zusammenkommen.  Wessen 
Freundin  da  für  die  Schönste  erklärt  wird,  die  erhält  einen  auf  silberner 
Stange  aufgestellten  Sperber.  Schon  zwei  Jahre  bat  ein  gefilrchteter  Bitter 
seine  Freundin  den  Sperber  nehmen  lassen-  obgleich  sie  keineswegs  die 
ScbßnBte  ist,  so  hat  ihm  doch  niemand  zu  widersprechen  gewagt;  jetzt  be- 
ansprucht Erec  ihm  gegienüber  den  Sperber  für  Eniten.  Es  kommt  ziun 
Zweikampf,  ia  dem  Erec  den  Gegner  überwindet  und  ihm  da-i  Leben  schenkl, 
Rudolf  kann  alau  unmöglich  hier  die  Scene  aus  Hartmauns  Erec  meinen. 
Damit  fällt  aber  jeder  Grund  dafür  fort,  diese  Stelle  anders  als  auf  den  in 
den  beiden  Literatnrfibersichten  erwähnteu  Waller  zu  deuten,  und  zugleich 
schwindet  damit  die  Möglichkeit,  diesen  für  das  KckenÜed  zu  halten.  Die 
Dichtung  des  Heinrich  von  Liuouwe  mnas  ein  höfischer  Roman  gewesen  sein, 
in  dem  ein  vermutlich  nach  dem  Vorbilde  der  betreffenden  Erekscene  er- 
fnndenes  und  mit  neuen  DetailzLigen  ausstaffiertes  Turnier  nm  den  Sperber 
Torkam,  Dass  der  Held  dieses  Ramaus  aber  auch  denselben  Namen  getragen 
haben  sollte  wie  der  des  Hartmann sehen,  ist  wenig  wahrscheinlich.  Die  Variante 
ereckes  hat  wohl  nicht  mehr  Bedeutung  als  klies:  beides  sind  uu^jecturen 
einigermassen  literaturkuudiger  öcbreiber  angesichts  eines  ihnen  unbekannten 
Namens.  Ob  Heinrich  von  Leinaii  etwa  in  Anlehnung  an  Erec  einen  Erkein 
erfand  oder  ob  in  Ekkenis  die  richtige  Kamenfoim  steckt,  vermag  i::h  nicht 
zu  entscheiden.  Jedenfalls  wird  Rudolf  von  Ems  dem  bald  vergessenen  Ge- 
dichte auch  literarhistorisch  die  richtige  Stelle  gegeben  haben,  wenn  er  es 
neben  den  mit  Hartmaunschen  Motiveu  genährten  Roman  des  Strickers,  neben 
Daniel  vom  blühenden  Tal  stellt, 

2.   Septimuut  {oben  S.  80,  Anm.  zu  V.361). 

Dass  Setmunt  an  der  viel b«sp roch enen  Stelle  in  Gottfrieds  Tristan  den 
Berg  Septimer  (Setmer)  bedeute,  hatte  Jäuicke  ZfdPh.  2,  la^fg.  mit  guten 
Gründen  gezeigt  Bechstein  hat  sich  trotzdem  durch  eine  Variante  Sefre- 
munt  verleiten  lasseu,   an  die  Sphärenwelt  (spheremunt)  zu  denken,  und 


127 


auch  Golther  ist  mit  seinem  senstemunt  vom  richtigen  Wege  abgeirrt. 
Jänickes  Deutung  wird  durch  eine  bisher  nicht  beachtete  Parallele  im  Frank- 
furter Passionsspiel  (Froning  V.  1683)  sicher  gestellt.  Der  Synagogus  spricht 
dort  zum  Sahator,  der  vom  Genuss  seines  Leibes  geredet  hat: 

und  werestu  als  der  berg  Septimnnt, 

wir  essen  dich  zu  kurtzer  stunt. 
Es  ist  also  sicher,  dass  den  Südwestdeutschen  der  Septimer,  der  höchste  Berg, 
den  sie  auf  dem  Wege  über  die  Alpen  nach  Italien  zu  überschreiten  hatten, 
als  Bild  gewaltiger  Grösse  geläufig  war,  und  dass  auch  Gottfried  kein  anderes 
Bild  als  dieses  im  Sinne  gehabt  hat.  An  das  Siebengebirge,  welches  Froning 
zu  dieser  Stelle  wie  die  älteren  Ausleger  zu  der  im  Tristan  herbeizieht,  ist 
natürlich  nicht  zu  denken. 


Berichtigungen. 


In  den  zitaten  der  (zuerst  gedruckten)  einleitung  ergaben  sich  folgende 
▼erschiebangen  bezw.  dmckfehler:  seite  3,  zeile  9  :  lis  371;  3,26:796;  3, 
28  :  867;  3,  35  :  769;  6,  2  v.  u.  :  729;  5,  11  v.  u.  :  197;  6,  19  :  164;  6,  3  v. 
u.  :  6Ö1,  687;  7,  1  :  668;  7,  8  :  396,  667;  14,  14  :  467,  523,  531,  615;  15,  17  : 
502;  14,19:523;  14,21:584;  14,22:887;  14,23:369,599;  14,24:478; 
14,  29  :  364;  14,  3() :  881;  14,  31  :  hän  1226;  16,  5  :  548;  19,  8  v.  u.  :  453;  19, 
7  :  328;  25,  7  v.  u.  :  554;  25,  7  :  877 cv:)  1749;  32,  11  v.  o.  943;  33,  13  :  571; 
35 :  15  V.  u.  :  877;  63,  14  v.  u.  :  resipuerint;  s.  VIII  ist  vers  1166  hinzuzufügen. 


Register. 


(Die  fettgedruckte  ziffer  weist  anf  text  und  anmerkangen.) 


Zur  Ästhetik  des  14.  Jahrhunderts  55  f. 

allitteration  74. 

also  wie  582, 

anapher  209.  347. 

^770  xoiyov  33. 

apostrophc  2. 

Armer  Heinrich  2.  49.  54. 

Boner,  Verhältnis  Kisteners  zu  B.  27 
Büheler,  Hans  von  Bühel,  nachahmer 

Kisteners   25  ff.   59.    —   knnst  20. 

55  f.  —  metrik  50. 

h.  Christof  16,  31. 

compostelas  544. 

Compostella,  Vorwort  s.  VIII.  28.  42  ff 

Dreizahl  753. 
durchgründen  1217. 

e  unorganisch  164. 

eben  war  uemen  302. 

Egenolf,  Verhältnis  Kisteners  zu  E  lü. 

eilende   im  under  ougen   sluog 

37«. 
Elsass  und  Italien  7. 
eren  312. 

Gengenbach,  stadt  16. 

Pamphihis  Gengenbach  2.  3<).  32  f. 

Gnadau  2.  4.  48  f.  11«7. 


Gnadenberg  4. 

gel  262. 

Gottfried  von  Strassborg,   Verhältnis 

Kisteners  zu  G.  20.  392. 
grit  28.  16. 
grosz  361. 
grundelos  940. 
Gumpostell  397.  478. 

Handschriften.    A   If.    16.  30ff.   — 

B    lOf.   32 ff 
Heigerloch  407.  691.  46. 
her  Hug  von  Heigerloh  685. 
Heinrich  von  Linouwe,  Vorwort  s.  VIII. 

4  ff.   Nachtrag  s.  125  f. 
hiatus  5. 
hin  —  her  597. 

Igenote  672 

s.  Jacop  18  u.  0. 
Jacobuslegende  8.  42  ff. 
Jacopvart  295.    -     wallfahrten,  Vor- 
wort s.  Vm.   17  f.  28.   42  ff.  63. 
Jude  und  Christ  30. 

Kindtaufe  217  ff. 
kistener  17. 

Wernher  der  kistener  17. 
Kistener,  Kuonze  9.  1195.  1205.  28  f. 
o4ff.  —  heiraat  13flf.  —  zeit  27  f. 


130 


—  bUdnng  53  f.  -  stil  23  ff.  — 
kaust  48  ff.  -  Vorbilder  18  ff.  — 
vorläge  46  f.  —  quelle  44  f.  —  Stoff 
41  ff.  —  nachahmer  25  ff. 

Kistener,  Andres  28.  —  Dietrich  29. 

Königshofen  30. 

Konrad  von  Würzburg,  Verhältnis 
Kisteners  zu  K.  21  ff.  —  Der  weit 
lohn  1 

Lamparten  396. 
lidig  4o0. 
lingen  565. 

litteratargeschichte  des  14.  jhs.  Vor- 
wort 8.  VIII.  8  f. 

■ariengebet  31. 
metrisches  49  f. 
minne  700.  15. 
mystik  249.  946. 
mythologie  407. 

Negation,  Vorwort  s.  VIII. 

Prosalegende,  deutsche  7.  10.  45*  — 
lateinische  44  f. 

Rappoltstciuer  Parzival ,  Verhältnis 
Kisteners  zumE.  P.  19  f.  —  kunst 
49.  55. 

Rosenplüt  302. 


Budolf  von  Ems,  Verhältnis  Kisteners 
zu  K.  20  f. 

Selig  158. 

Salniggin  16. 

Schönheit  der  frauen  31. 

selber  513. 

Septimunt  126. 

sieben  färben  31 

Strassbnrg,  heiraat  Kisteners  13  ff.  — 
spräche  13  ff.  —  litteratur  18  ff.  — 
Jakobskapellen,  herbergeu  17  f.  — 
kultur  52  f. 

Stricker  160. 

Tempuswechsel  506.  10(>7. 
tuo  so  wol  160. 
troufen  609. 
tnrneiring  795. 

Obergänge  634. 
über  nnlang  877. 
ungevuog  228. 

Verte  270. 
vertragen  60 

Waller  9.   Nachtrag  3.  125  f. 

Wickram  18.  264 

winrüffer  28  f. 

wolgemuot  596.  685.    Zu  S2. 


Varetfk«  A  Mirtln,   Trvbnit/  I.  Schl«>. 


GermaDisttsche  Abhandlongei 

begründet 
Ton 

Karl  Weinhold 

henusgegeben 
Ton 

IFiriecliricli   Vogt 


XVIL  Heft 


Neidhart  mit  dem  Veilchen 


von 


Konrad   Ousinde 


Breslau 

Verlag  von  M.  &  H.  Marcus 

i89y 


Neidhart 


mit  dem  Veilchen 


von 


Konrad  Ousinde 


Breslau 

Verlag  von  M.  &  H.   Marcus 

1899 


Inhalt 


Selto 

Die  eFZ&hlenden  Gedichte   von  Neldhart  und  dem  Vellehen    .  1 

Veilchentanz    und    Frühlingsfeier. 11 

Die  Neidhartdramen 

Das  St.    Pauler   Spiel 19 

Die    Auffuhrung    des  St.  Paulcr    Spiels *.     .     .     .  24 

Fastnachtspiel     und     Frühlingsfeier 32 

Das  grosse  Neidhartspiel 

Die     Handschrift ^ 49 

Mundart    des  Spiels 55 

Vershau 61 

Inhalt 65 

Der  Veilchentanz 69 

Einschreier  und  Werbetanz  der  Bauern  und  Ritter 78 

Neidhart  als  Schwertfeger 90 

Neidhart    als  Beichtvater 92 

Neidhart  mit  den  Kutten 97 

Das     Teufelspicl 107 

Der  Raub  des  Spiegels  und  Neidhart  im  Fasse 125 

Die  Bauern  und  die  Säule 138 

Schlussszene.     Neidhart  bei  Hofe 139 

Stil  des  Spiels 142 

Verwandtschaft  mit    dem    geistlichen  Drama 142 

Verwandtschaft  mit  der  Schwank-  und  Spielmannsdichtung  147 

Übereinstimmungen    innerhalb    des  Spiels 158 

Komposition    und    Verfasser 161 

Die    Aufführung 165 

Das  Sterzinger  Szenar 171 

Mundart    der   Handschrift 172 

Mundart    des    Dichters    (Reimgebrauch) 173 

Versbau 174 

Inhalt 175 

Ähnlichkeit  zwischen    StSz    und  GrNSp 179 

Der   Prolog 182 

Das  Veilchenabenteuer         183 

Die    Rache 187 


VI 

Seite 

Dor    Quacksalber 189 

Die  Versöhnung  Neidharts   mit  der  Herzogin 191 

Neidhart  im  Fass 192 

Komposition,  Stil  und  Verfasser 194 

Die  Aufführung  des  Sterzinger  Neidhartspiels 200 

Das    kleine    Neidhartspiel 203 

Die  Mundart  der  Handschrift 203 

Mundart   des  Spiels 204 

Versbau 205 

Inhalt 205 

Neues   im  KlNSp 206 

Verwirrungen 207 

Heimat    und    Aufführung 211 

Stil 

Verwandtschaft  mit  dem  geistlichen  Drama 213 

Verwandtschaft   mit   dor  Spiclmanns-  und  Schwankdichtung  .  215 

Übereinstimmungen  im  Spiel 217 

Verhältnis  der  Neidhartspicle  zu  Ineinander 218 

Hans    Sachsens    Neidhartspiel 223 

Das  Vorkommen  des  Motivs  vom  Neldhartvellehen 

Zeugnisse  bis  zu  Hans  Sachs 231 

Erneuerungen  des  Stoffes 233 

Anastasius  Grün 233 

Anhang 

Das  älteste  Gedicht  von  Noidhart  und  dem  Veilchen      ....  238 

Hans  Sachsens  Meistergesang 241 


Naehträgre. 

Zu  S.  13  Anm.  2  ist  zu  bemerken,  dass  man  zu  Köln  am  7.  Mai  d.  J. 
zum  ersten  Male  versucht  hat,  die  in  Barcelona  nach  dem  Muster  von  Tou- 
louse noch  heute  bestehenden  Blumenspielo  nach  Deutschland  zu  verpflanzen. 
s.  Kölnische  Zeitung  Nr.  357  vom  8.  5.  99  Abend-Ausg. :  Alte  und  neue 
Welt  1898/99  Heft  12  S.  736. 

S.  28  Z.  8f  ist  der  Verweis  auf  Boltes  Bauer  i.  d.  Liede  zu  streichen. 


Die  erzählenden  Gedichte  von  Neidhart  und 

dem  Veilchen. 


Die  (loscliidite  vom  Neidhart  mit  dem  Veilclien  hat  unter  allen 
Neidhartfab(dii  die  meisten  einziehenden  Behandlungen  erfahren. 
Sie  ist  e})iseli  und  dramatisch  melirlach  bearbeitet  worden. 

Von  den  erzälilenden  (iedichten  ist  nur  eins,  MSH  III  202*xvi, 
handschriftlich  überliefert,  du)  ü])rigen  sind  nur  durch  den  unter 
dem  Namen  ^Neithai*t  Fuchs''  bekannten  Druck  *)  erhalten. 

Neidhartisch  ist  keins  von  diesen  (ledicliten.  Einmal  hlltte 
Neidhart  den  Stotf  als  Reien  behandelt,  dann  aber  schildern  seine 
echten  Reien  immer  ländliche  Verhältnisse,  den  Tanz  der  Mildchen 
und  Burschen  im  Frühjahr  auf  dem  Lande,  während  der  Veilchentanz 
in  unsern  (Iedichten  von  vorn  herein  sich  in  höfischen  Kreisen 
abspielt  (s.  S.  1'2). 

Während  in  den  mir  im  Drucke  überlieferten  Stücken  die 
Schilderung  eine  recht  grobe  und  rohe  ist,  zeichnet  sich  das  auch 
handschriftlich  erhaltene  (ledicht  in  seinen  ersten  vier  Strophen 
durch  geschickte  Ivomj)osition  und  edle  Sprache  aus.  Wie  die 
Personen,  so  ist  auch  die  Darstellung  hier  durchaus    höfisch,  der 


^)  In  Robortags  NarnMibnch,  Berlin  u.  Stuttgart  o.  J.  (1884),  Kiirschnors 
Nat.-Lit.  11,  S.  1.')?  tt*.:  Haupt  (Ncidh.  v.  K.  VII)  nount  den  Druck  z.  Im 
folgenden  wird  or  als  NK  zitiort.  v.  d.  Hagen  fcdgt  einem  jüngeren  Drucke. 
lieber  die  vorachiedeuen  Ausgaben  des  Druckes  s.  Haupt,  S.  VII 11*.,  Bobertag, 

a  143  ff 

(  ^  mit  dem  VeiU'Ueu.  1 


Bau  ist  glatt,  die  Schilderung  recht  gewandt.  Die  stark  ab- 
weichende fünfte  Strophe  soll  besonders  betrachtet  werden  (s.  S.  4  ff.) 
Die  Erzählung  beginnt  mit  einem  wirkungsvollen  Natureingange, 
dessen  sich  Neidhart  nicht  zu  schämen  brauchte.  Eine  derartige 
Schilderung  kehrt  in  keinem  der  übrigen  Gedichte  wieder.  Da 
das  ganze  Gedicht  als  Erzählung  des  Reuenthalers  gedacht  ist  und 
durchweg  in  der  ersten  Person  gesprochen  wird  ^),  so  wird  auch  der 
ganze  Natureingang  Neidharts  Rede  zugehören,  der  v.  1,15  von  der 
allgemeinen  Aufforderung  unmittelbar  auf  sich  selbst  übergeht  und 
sich  aufmacht,  die  Blume  zu  suchen.  Er  bezeichnet  die  Stelle, 
wo  er  den  Frühlingsboten  gefunden  hat,  mit  seinem  darüber- 
gestülpten Hute  und  geht  zum  Hofe  zurück,  um  die  Herzogin  von 
Baiem  zu  holen.  Diese  hebt  auf  sein  Geheiss  selbst  den  Hut 
empor,  um  die  Blume  abzupflücken,  doch  das  Veilchen  ist  ver- 
schwunden; die  Bauern  haben  einen  Schabernack  gespielt.  Entrüstet 
kehrt  die  Herzogin  dem  in  laute  Klagen  ausbrechenden  Neidhart 
den  Rücken.  —  Dies  ist  der  Inhalt  der  ersten  vier  Strophen.  Zum 
Unterschiede  von  den  meisten  fälschlicli  unter  Neidharts  Namen 
gehenden  Erzälilungen  findet  sich  hier  nichts  Schwankartiges;  es 
wird  vielmehr  nur  eine  Begebenheit  olme  irgend  welclie  lustige 
Färbung  episch  geschildert,  ebenso  wie  in  Neidharts  eignen  Reien 
der  epische  Teil  nichts  mit  dem  Schwanke  zu  thun  hat,  den  dagegen 
seine  Nachahmer  früh  aufgenommen  haben  ^). 

Unser  Gedicht  war  bekannt  aus  der  frülier  in  Hagens  Besitz, 
jetzt  in  Berlin  befindlichen  Hdschr.  c  [Haupt  Neidh.  S.  VH,]  und 
aus  dem  Drucke  [a.  a.  0.  und  Bobertag,  S.  143  ff].  Darnach  \vurde 
es  in  vd.  Hagens  Minnesingern  gedruckt.  Ausserdem  ist  es  auch 
in  der  St^rzinger  Miszellaneenhandschrift  [s]  überliefert,  worüber 
zuerst  Zingerle  ^)  berichtet  hat.  Während  c  und  die  älteste  Auflage 
des  Druckes  dem  15.  Jhd.  angehören,  stammt  s  noch  aus  dem  14.  Jhd. 


')  Sonst  wiiro  man  vorsnrlit,  nach  dorn  Beispiel  der  anderen  Schilderungen 
die  Auffordenin«^'  1,1  —  l-l  der  Herzogin  in  den  Mund  zu  legen. 

^)  Jahrbuch  fi'ir  Lit.-(iesch.  hr^rg.  v,  11.  (losche  1.,  Schröder  Die  höfische 
l)orf]>oesie  u.  s.  w.  S.  Ol. 

^)  Sitzunirsher.  (h-r  phil.-hist.  Kl.  der  Akad.  d.  Wissensch.  54.  Hd.,  Jhrg. 
IS(;<;,  Heft  1-  :J.  Wien  l.S(J7,  S.  -iDSff:  Bericht  über  die  Sterzin^'cr  Miscellaneen- 
Hanilschrift  von  I)r.  L<rnaz  V.  Zingerle.  bes.  S.  oIi3.  Eine  Abschrift  wurde 
für  miih  in  Innsbruck  auf  gütige  Vennittelung  Prof.  Wackernclis  angefertigt. 


Meist  stimmt  der  Text  von  s  mit  c  überein,  wogegen  der  Druck 
[NF]  vielfache  Veränderungen  bietet.  4, 1 1  if.  bietet  s  eine  grössere 
Abweichung  gegenüber  c.  Es  heisst  hier  in  s:  „So  waffen  über 
mich  ummer  [Hdschr.  Immer,]  ich  wolt  das  ich  were  tod  nw  musz 
ich  leyden  kxmimer  ich  kom  nye  in  groszer  not  die  wolgetane 
münde  die  musz  ich  von  schulden  clagen,  da  ich  mich  von 
in  künde  das  leit  sol  ich  armer  tragen,  das  habt  auif  mein 
trewen."  Neidhart  bricht  also  nur  in  bittre  Klagen  aus;  von  der 
harten  Drohung  4, 13  f.  findet  sich  keine  Spur. 

Anderseits  teilt  s  mit  c  und  NF  auch  Verderbnisse.  2,  18 
steht  z.B.  in  CS  lait  statt  durch  den  Reim:  huot  gefordertem 
luot.  NF  hat  taet,  —  Allen  drei  Fassungen  gemeinsam  ist  auch  die 
Verwirrung  am  Schlüsse  der  ersten  Strophe,  wo  die  fünf  letzten 
Zeilen   durcheinander  geraten  sind.     Das  Beimschema  ist 

1.  Stollen.  2.  Stollen.  Abgesang. 

3a  X        3d  X        3fX  3h  X 
4b         4e  4g    4e 

3a  X        3dX        3fX  3h  X 
4b  4e  4g    4e 

3c  X        3c  X  3c  X 

Dabei  gelten  4,    1(5.  IS  clagen:   tragen  als  stumpf,  4,  6.  8 

tragen:   sagen  als  klingend.     Der  Schluss  der  ersten  Strophe  muss 

also    nicht    wie    bei  v.  d.  Hagen,    sondern   etwa  folgendermassen 

lauten : 

der  zit  wil  ich  geruochen: 

so  wil  icli  uf  des  maien  plan 

den  ersten  viol  suochen, 

Got  geb  ez  ndüez  mir  wol  ergan 

sit  si  mir  wol  gevellet. 

Ferner  haben  sc  NF  1,  12.  14  den  Vers  3gX  statt  4  g;  v.  d. 
Hagen  hat  in  den  Lesarten  die  naheliegende  Heilung  angegeben. 
Es  gehören  also  s  c  NF  demsel])en  Zweige  der  Textüberlieferung 
an.  Welclier  Art  auch  der  in  sc  und  in  NF  verschieden 
überlieferte  Schabernack  der  Bauern  gewesen  sein  mag  (s.  S.  10 f.), 
jedenfalls  wird  scliiiell  darüber  hinweggegangen,  während  in  den 
späteren  Erzählungen  gerade  dieser  Punkt  sehr  breitgetreten 
wird.    —    Die   Antwort    der    Herzogin    ist   vonvurfsvoU   klagendr 


aber  nicht  etwa  schimpfend  wie  NF  340  ff.  Sie  spricht  nur  von 
der  ihr  widerfahrenen  ^smacheit"  und  sagt  darauf:  ^nu  mag  iueh 
wol  geriuwen." 

Der  Druck  bietet  den  beiden  Handschriften  gegenüber  einen 
mehrfach  jüngeren  Text.  Am  wichtigsten  ist  dabei  die  EinfQhning 
des  Herzogs.  4,8  hat  s:  „datz  ich  es  dorste  sagen."  Granz  ent- 
sprechend lautet  c.  NF  dagegen  schreibt:  ,,und  dem  forsten  will 
ich  es  sagen."  Sonst  ist  aber  inmier  nur  von  der  Herzogin  die 
Rede,  die  jedenfalls  als  unverheiratet  zu  gelten  hat.  Wir  werden 
später  sehn,  dass  die  Herzogin,  „die  minneclich,  die  reine"  (3,15) 
der  Maienbuhle  des  Finders  sein  soll.  Wäre  sie  verheiratet  gedacht, 
so  würde  der  Herzog  kaum  damit  zufrieden  gewesen  sein.  *)  Dass 
sich  Maibuhlenschaft  auch  unter  Verheirateten  findet,  ist  ungewöhn- 
lich und  spät.  (s.  S.  15  Anm.3.).  Man  könnte  im  Notfalle  den  Herzog 
für  ihren  Vater  halten,  aber  dagegen  spricht  die  Gestalt  der 
Erzählung  in  einem  sehr  späten  Gedichte  NF  2(>5ff.,  wo  der  Herzog 
aus  andern  Schwänken  eingedrungen  ist.  (s.S.  7)*).  Ebenso  wird  es 
auch  hier  bei  der  abweichenden  Lesart  des  Druckes  liegen,  wogegen 
s  c  die  ursprüngliche  Form  gewalirt  haben,  welche  den  Herzog 
überhaupt  nicht  gekannt  hat.  Diese  Auffassung  von  der  Jung- 
fräulichkeit der  Herzogin  herrscht  auch  sonst  allgemein.  Das 
St.  Pauler  Spiel  kennt  keinen  Herzog,  im  grossen  Neidhartspiel  ist  er 
der  eigentlichen  Veilchenepisode  auch  fremd  und  wird  nur  durch 
zwei  Zeilen  lose  angeknüpft  (41(),2if.),  an  der  angefülirten  Stelle 
NF  205  ff.  findet  er  sich  nur  in  der  gar  nicht  dazugehörigen  Ein- 
leitung, nicht  in  der  eigentlichen  Erzählung.  Auch  im  Sterzinger 
Szenar  und  im  kleinen  Neidhartspiel  kommt  er  nicht  vor,  und 
noch  bei  Hans  Sachs  tanzt  die  Herzogin  allein  mn  das  Veilchen. 

Man  sollte  erwarten,  dass  mit  der  vierten  Strophe,  mit  der 
Klage  Neidharts  wie  im  St.  Pauler  Spiel  die  Erzählung  zu  Ende 
sei.  Uebereinstimmend  bringen  aber  die  Handschriften  noch  eine 
fünfte  Strophe,  die  süirk  von  der  vorhergehenden  absticht.  Während 
die    ersten  Strophen   sich    nur   zwischen    zwei  Personen,  Herzogin 


*)  Es  gälte  hier  dasselbe,  was  Michels,  Studien  über  die  ältestcn'dcutschcn 
Fastnachtspicle,  Strassburj?  l.S9()   =  QF  77  S.  45  vom  Aristotolcsschwank  sagt. 

2)  Hobertag,  Narrenbuch,  S.  14(5  will  eine  absichtliche  Unterscheidunp 
zwischen  dem  wiener  Herzog  und  der  bairischen  Herzogin  annehmen.  Da  tränt 
er  aber  wohl  dem  Anordner  des  NF  zuviel  zu. 


o 


und  Neidhart,  abspielen,  wird  jetzt  eine  Reihe  Bauern  aufgezählt. 
Dort  schlössen  sieh  die  einzelnen  Strophen  eng  aneinander  mit  dö 
an ;  die  letzte  hängt  gar  nicht  mit  dem  Vorangegangenen  zusammen, 
sondern  fängt  wie  mit  etwas  ganz  Neuem  an.  Ausser  dem  Versmass 
erweist  sie  sich  durch  nichts  als  zugehörig.  Drum  konnte  sie  auch 
im  NF  von  den  ersten  vier  Strophen  durch  anders  gebaute  Veilchen- 
lieder getrennt  werden  (s.  S.  9).  Ganz  im  Gegensatz  zum 
Vorangegangenen  arbeitet  diese  fünfte  Strophe  mit  recht  plumpen 
Mitteln.  Nicht  nur  dem  Thäter  selbst  wird  ein  Bein  abgehaun, 
wie  es  auch  am  Schlüsse  des  St.  Pauler  Spiels  angedroht  wird, 
sondern  32  werden  verstümmelt*).  Die  Schilderung  ihres 
Wehgeheuls  ist  ebenfalls  selir  grob  (5,14).  Ganz  ungeschickt 
ist  ferner  die  geistlose  Namenhäufung,  welche  die  Schilderung 
schlecht  unterbricht;  besonders  hängt  der  durcli  s  überlieferte 
v.  5:  ^die  wurden  faste  singen**  mitten  zwischen  den  vielen 
Namen  ganz  in  der  Luft.  Solche  Namenaufzählungen  sind  ein 
billiges  und  beliebtes  Mittel  spät^»r  Neidhartianer,  ihren  man- 
gelnden Witz  zu  verstecken*).  An  eine  beabsichtigte  Unter- 
scheidung in  der  Scliilderung  zwischen  den  höfischen  Kreisen  und 
den  Bauern  ist  auch  nicht  zu  denken.  Derselbe  Dichter,  der  in 
den  ersten  Strophen  so  gewandt  schildert,  hätte  doch,  selbst  wenn 
er  seine  Bauern  im  Gegensatze  zu  Neidhart  und  der  Herzogin  recht 
derb  zeichnen  wollte,  nicht  so  inhaltloses  Zeug  zusanmiengereimt. 
Wir  haben  es  hier  mit  einem  schlechten  Anhängsel  zn  thun. 
Haupts  Aussclieidungen  bei  Neidharts  echten  Liedern  zeigen  allent- 
halben, wie  spätere  Motive  an  ältere  Schilderungen  als  Enveiterung 
und  Fortsetzung  angeflickt  wurden.  Die  vierte  Strophe  genügte  als 
Schluss  nicht  mehr,  man  verlangte  die  Bestrafung  des  Veilchen- 
räubers, die  ursprünglich,  wie  in  der  Drohung  am  Schlüsse  des 
St.  Pauler  Spiels,  so  auch  hier  2,13  nur  angedeutel  war.  Aller- 
dings lässt  der  „bruoder  Hinke"  2,17  möglichenveise  Bekanntschaft 

*)  s.  S.  9,  Anm. 

*)  Manchmal  wie  Erlauor   Spiele  (hrsgg.  v.  Kummer)  III  67  ff-  lieirt  in 
der  Auswahl  der  Namen  not-h  einiger  Witz,  oder  eine  an  »* 
bildung  wird  zu  Tode  gehetzt  wie  in  Wi  ttenweilers  Riii| 
142,  33b,  4ff;    179,  41,  14ff:    191,  43c,  40fif.    Hier  Ist 
wie  Neidh.  XXXU,    1  flf ;  MSH  I  25b  3  u.  ö.  Am  scb^ 
220a  4 ff.    Eine  Gewohnheit  Neidharts  wird  hier 


Germanistische  Abiiandinngen 

begründet 
von 

Karl  Weinhold 

herausgegeben 
von 

IFirieclirioli   Vogt 


XVII.  Heft 


Neidhart  mit  dem  Veilchen 


von 


Konrad   Ousinde 


Breslau 

Verlag  von  M.  &  H.  Marcus 

1899 


Neidhart 


mit  dem  Veilchen 


von 


Konrad  Ousinde 


Breslau 

V  0  r  1  a  ir  V  M  n   M.   ^  H.   Marcus 

1899 


Inhalt 


Seite 

Die  erzfthlenden  Gedichte   von  Neldhart  and  dem  Vellehen    .  1 

Veilchentanz    nnd    Frühlingsfeicr. 11 

Die  NeidhaFtdramen 

Das  St.   Pauler   Spiel 19 

Die   Aufführung    des  St.  Pauler   Spiels 24 

Fastnachtspiel     und    Frühlingsfeicr 32 

Das  grosse  Neidhartspiel 

Die    Handschrift » .  49 

Mundart   des  Spiels .  55 

Vershau 61 

Inhalt 65 

Der  Veilchentanz 69 

Einschreier  und  Werbetanz  der  Bauern  und  Ritter 78 

Neidhart  als  Schwcrtfeger 90 

Noidhart   als  Beichtvater 92 

Neidhart  mit  den  Kutten 97 

Das     Teufclspiel 107 

Der  Rauh  des  Spiegels  und  Neidhart  im  Fasse 125 

Die  Bauern  und  die  Säule 138 

Schlussszene.     Neidhart  bei  Hofe 139 

Stil  des  Spiels 142 

Verwandtschaft  mit    dem    geistlichen  Drama 142 

Verwandtschaft  mit  der  Schwank-  und  Spielmannsdichtung    .  147 

Übereinstimmungen    innerhalb    des  Spiels 158 

Komposition    und    Verfasser 161 

Die    Aufführung 165 

Das  Sterzinger  Szcnar 171 

Mundart  der   Handschrift 172 

Mundart   des    Dichters    (Reimgebrauch) 173 

Versbau 174 

Inhalt 

Ähnlichkeit  zwischen   StSz   und  GrNSp    .... 

Der   Prolog 

Das  Voilchenabenteuer 

Die    Rache 


10 


Dieser  Absatz    lehnt   sich   an  NF  192 — 207  an,  wo    es    sich 
ebenfalls  um  Worte  Neidharts  zur  Herzogin  handelt.     Vgl.: 

NF  200  das  laster,    daz  er  hat  ;  NF  253  als  si  zeleid  unss  band 


getan 
197  es  wirt  im  nimer  gefam  lan 

202  es  wirt  im  nimer  vergebens 

gan 

203  er  wirt  darumb  erhawen 
20f>f  der  veiel  wirt  gerochen 

all  an  den  öden  törpeln  die 
mir  in  band  abgeprochen. 


getan. 

254  iecz  woltens,  si  hetens  gelan. 

255  es  ist  in  übel  ergangen. 

2(>()  umb  den  so  wart  erhawen 

3ü3f  also  wart  der  feiel  geroi^ien 

all   an    den  öden  törpelen, 

die  in  band  abgeprochen. 


Wir  sehn  also,  wie  eine  ungeschickte  und  rohe  Bearbeitung 
des  Abenteuers  erweitert  wird  und  erst  mit  der  Aussöhnung 
Neidharts  und  der  Herzogin  ihren  endgültigen  Abscliluss  erhält. 
Die  Mittel,  mit  denen  man  zu  wirken  sucht,  sind  plump  und  grob, 
die  Drastik  ist  die  Hauptsache. 


Es  bleibt  noch  die  Frage  offen,  welcher  Art  der  Ersatz  des 
Veilchens  eigentlich  gewesen  sei.  Erst  das  grobe  Gedicht  NF 
29(>lf  und  die  späten  Dramen  erwähnen  ausdrücklich  einen  an  Stelle 
der  Blume  dagelassnen  Haufen  Menschenkot').  Das  (jedicht  in 
MSH  und  das  St.  Pauler  Spiel  envähnen  davon  nic^its.  Es  fragt 
sich,  ob  hier  mit  Absicht  darüber  artig  hinweggegangen  wird, 
oder  ob  jene  grobe  Wendung  spätem  Ursprungs  sei.  Selbst  schon 
sehr  rohe  Behandlungen,  wo  von  einem  absichtlichen  zarten  Ver- 
schweigen nicht  die  Rede  sein  kann,  und  auch  die  sonstigen 
Anspielungen  in  andern  (Jedichten  (s.  S.  8.)  sprechen  nur  von 
einem  Abbreciien  der  Blume.  Besonders  auft'ällig  ist  aber,  dass 
in  der  besten  Behandlung  der  Begel)enh(»it  in  MSH  alle  auf  diese 
gröbere  Art  des  Raub(»s  zielenden  Anspielungen  erst  später  ein- 
gedrungen, nicht  ursprünglich  sind.     Erst  der  Druck  spricht  4,17 


')  Liebrocht  vorweist  Fsp.  Nchl.  338  zu  191,1  auf  die  1 585  orschicncnen 
«( 'olltos  et  (iiscours  d'Kutrapol'*  in  «Icn  Oeuvres  facotieuscs  de  No^I  du  Fail, 
chap.  31,  wo  ein  Eifersüchtiger  dem  begünstigt<jn  Nebenbuhler  denselben 
Streich    spielt  wie  der  Bauer  dein  Neidhart. 


11 


vom  kunder  und  ganz  unzweideutig  2,18  und  3,18  von  einem 
merdum  (=NF  189,  149,  171).  Die  Handschriften  schreiben  4,17 
ganz  anders  (s.  S.  3),  und  statt  merdum  schreiben  sie  sor,  ein 
wenig  gebräuchliches  Wort,  das  meist  missverstanden  worden  ist, 
denn  s  macht  an  beiden,  c  an  einer  Stelle  daraus  sorgen  (sorg),  womit 
natürlich  nichts  anzufangen  ist.  Sör  bedeutet  „trocken,  dürr"  ^). 
Hier  ist  es  substantivisch  gebraucht  und  bedeutet  wahrscheinlich 
„trocknes,  dürres  Laub".  Der  Bauer  hat  also  das  Veilchen  ab- 
gebrochen und  an  die  Stelle  verwelkte  Blätter  gethan.  Dass  noch 
ein  derartiger  Schabernack  mit  dem  Wegnehmen  der  Blume  verbunden 
war,  lässt  die  bittre  Klage  der  Herzogin  über  die  ihr  widerfahrene 
„smacheit"  vermuten.  Das  Abbrechen  ist  dabei  allerdings  die 
Hauptsache  und  musste  so  lange  dafür  gelten,  bis  die  neue  Ver- 
gröberung die  eigenartige  viola  campestris  einführte.  Die  Herzogin 
ist  jedoch  nicht  nur  darüber  aufgebracht,  dass  das  Veilchen,  zu 
dem  Neidhart  sie  und  ihr  Gefolge  geführt  hat,  nicht  vorhanden 
ist;  dies  hätte  sie  nicht  gar  so  sehr  erbittern  dürfen.  Es  ist 
vielmehr  die  symbolische  Bedeutung  des  Veilchens  zu  berücksich- 
tigen (s.  S.  16).  Dass  die  Herzogin  nun  die  Blume  nicht  findet, 
zu  der  man  in  feierlichem  Zuge  gezogen  war,  und  obendrein  statt 
des  sehnlichst  erwarteten  Frühlingsboten  dürres  oder  halb  verwestes 
Laub  vom  Vorjahre  erblickt,  muss  sie  allerdings  gewaltig  erschüttern, 
da  es  gradezu  das  Verschmähn  ihrer  Gunst  bedeutet. 


Veilchentanz  und  FrühllngfSfeler. 

Den  Erzählungen  vom  Neidhartveilchen  liegt  schliesslich  eine 
volkstümliche  Sitte  zu  Grunde.  Freudig  wurde  der  erste  Frühlings- 
bote, (las  erste  Veilchen  oder  die  erste  I)otti»rblume  auf  dem  Anger, 
das  erste  Grün  oder  die  erste  Hlüte  an  den  Bäumen,  als 
Zeichen  des  wiedererwachenden  Lenzes  begrüsst*).  Von  da  an 
begann  man  seinen  Einzug  zu  feiern;   nun  war  auch  die  Zeit  der 


»)  s.  Schniollcr-Fronnnann  II,  323 f;   vgl.  Fick  II«  485.    Gewöhnlicher  ist 
das  Zeitwort  ahd.  sorcn. 

*)  Uhland,  Schriften  zur  (ieschichc  der  Dichtung  und  Sa| 
Grimm,  Mythologie,  OSof,  N  232. 


u 


FrOhlingstanze  gekommen.  Auch  in  unsrer  Veilchenerzählnng  ist 
der  Tanz  von  grosser  Baleutung.  Wenn  in  den  epischen  Be- 
arbeitungen die  dem  Tanze  vorangehenden  Ereignisse  mehr  in  den 
Vordergrund  treten,  der  Beien  dagegen  ziemlich  kurz  erwähnt  wird, 
so  liegt  das  in  ihrer  Eigenart,  der  das  Pantominüsch-dramatisdie 
des  Tanzes  weniger  gelegen  war.  Anders  ist  es  in  den  drama- 
tischen Bearbeitungen,  wo  überall,  selbst  in  den  spätesten  und 
schlecht^st4.»n,  der  Tanz  ums  Veilchen  notwendig  ist  und  völlig 
gleichberechtigt  neben  der  Aufl'orderung  zum  Suchen  und  dem 
Finden  der  Blume  steht. 

Von  der  Volkssitte  weicht  unser  Veilchentanz  insofern  ab, 
als  er  sich  in  höfischer  Umgebung  absj)ielt;  die  Herzogin  ist  die 
Hauj)ti)erson,  der  Finder  der  Blume  ein  bei  Hofe  hochangesehner, 
von  ihr  besonders  bevorzugter  Kitt^r. 

Man  kann  von  vornherein  kaum  annelmien,  dass  der  erste 
Verfasser  eines  (ledichtes  vom  Neidhart  und  dem  Veilchen  seinen 
Vorwurf  ganz  erfunden  hätte.  Wir  werden  vielmehr  nach  Vor- 
bilden! für  seine  Schilderung  suchen  dürfen.  In  der  That  finden 
sich  solche. 

Am  wiener  Hofe  war  es  zur  Zeit  Leopold  VI.,  des  Glorreichen  *) 
Sitt^,  im  März  in  den  Donauauen  das  erste  Veilchen  aufzusuchen. 
Der  Finder  benachrichtigte  sogleich  den  Herzog,  der  mit  seinem 
gesamten  Hofstaate  auf  den  Anger  zog,  um  das  Zeichen  des  nahen- 
den Frühlings  zu  begrüksen.  Das  sittsamste  Mädchen  durfte  die 
Blume  abpflücken  und  an  den  Busen  stecken  -).  -  Hier  werden  wir 
eine  Quelle  für  die  in  unsern  (icdichten  behandelte  Begebenheit 
zu  linden  haben.  —  Gerade  von  den  österreiciiischen  Herzögen 
wissen  wir,  dass  sie  als  Kunstgönner  und  Kunstfreunde  die  heimische 
Dichtung  und  ihre  Träger  hochhielten  und  dabei  doch  den  Zu- 
sammenhang mit  der  Volkssitte  nicht  verloren  •^).  Es  ist  begreiflich 
wie  gerade  an  dem  Hofe,  wo  Neidhart  und  der  Tanhäuser  so  lange 

^)  111)')— 8  Herzog  von  Steienimrk,  lli)8-  1230  auch  Herzog  von  Österreich. 

«j  K.  Weiss,  (ieschichtc  der  Stadt  Wien,  Wien  18S2,  1«  538:  A.  R.  v. 
Perger,  Der  Dom  zu  St.  Stephan  in  Wien,  Triest  l<sr)4,  S.  31.  —  Im  Haupt- 
saale des  neuen  Uuthauskellers  in  Wien  stellt  jetzt  ein  Wandgemälde  von 
Heinr.  Lefllcr  diescjs  Veilchenfest  dar.  s.  Illustrierte  Zeitung  vom  16.  Febr. 
18yy,  No.  •Ji)()3. 

3;  SchWxler,  <M»s«hes  .Ihrb.  1  S.  4«)  11. 


13 


geweilt  und  fördernde  Gunst  genossen  hatten,  sich  eine  solche, 
gleichsam  offizielle  Frühlingsfestlichkeit  in  den  höchsten  Kreisen 
einbürgern  konnte. 

Vergleicht  man  dieses  >viener  Veilchenfest  mit  den  besprochnen 
Gedichten,  so  ist  es  insofern  ursprünglicher,  als  das  Veilchensuchen 
dort  im  März  stattfindet,  während  hier  der  Tanz  um  die  Blume 
in  den  Mai  verlegt  wird.  Dies  war  leicht  möglich.  Frühlings- 
feiern wurden  zu  verschiednen  Zeiten  begangen.  Von  Fastnacht 
bis  Pfingsten  sind  eigentlich  alle  Volksfeste  Feiern  seines  Einzuges. 
Die  Kirche  machte  durch  ihre  Fastenzeit  gewaltsam  eine  Lücke  in 
diese  Kette,  so  dass  ein  Teil  vor  jene  Sperrzeit,  auf  die  Fastnacht, 
der  andre  nachher,  auf  die  Zeit  zwischen  Ostern  und  Pfingsten 
gelegt  werden  musste  ^).  Unter  diesen  Umständen  war  es  besonders 
leicht  möglich,  dass  Übertragungen  von  der  einen  Art  der  Feiern 
auf  eine  andre  stattfanden  wie  hier  beim  Veilchentanz  vom  März 
auf  den  Mai. 

Während  es  sich  bei  den  Frühlingsfeiem  fast  ausnahmslos 
um  Volksgebräuche  handelt,  wird  das  Veilchenfest,  wie  es  zu  Wien 
begangen  wurde,  niemals  in  Volkskreisen  heimisch  gewesen  sein^). 
Das  Aufsuchen  des  Veilchens  ist  allerdings  auch  hier  der  Inhalt 
des  Brauches,  aber  in  dieser  Gestalt  ist  er  nichts  weiter  als  eine 
zeremonielle  Sitte  des  Hofes,  und  wenn  vor  allem  das  sittsamste 
Mädchen  die  Blume  abpflücken  darf,  so  ist  dies  sicher  nicht  ur- 
sprünglich. Der  alte  Volksbrauch  ist  vielmehr  für  die  höfische 
Gesellschaft  zugeschnitten  worden. 

Dem  gegenüber  zeigt  schon  das  älteste  Veilchentanzgedicht  trotz 
der  höfischen  Behandlung  eine  stärkere  Beeinflussung  durch  den 
Volksgebrauch,  wie  sie  dem  Veilchenfeste  fremd  ist.  Neidhart  soll 
nämlich  nicht  bloss  das  Veilchen  suchen,  damit  es  die  Herzogin 
pflücken  kann,  sondern  es  liegt  ein  tieferer  Sinn  dahinter,  der  im 
St.  Pauler  und  im    grossen    Neidhartspiel    deutlicher    hen^ortritt. 

^)  Weinhold,  Ucbcr  die  deutsche  Jahrteilung,  Kiel  18()2,  S.  6. 

*)  Interessant  ist  eine  französische  Parallele,  die  ^fröhliche  Gesellschaft 
der  7  Troubadours  von  Toulouse.**  Sieben  toulouser  Bürger  setzten  1323 
ein  goldncs  Veilchen  als  Preis  aus  und  luden  die  bekanntesten  Dichter  der 
Languedoc  zum  Wettbewerb  auf  den  1.  Mai  ein.  Gegen  lOi)  Jahre  soll  diese 
Sitte  gedauert  haben.  [Hüllmann,  Stiidtewesen  des  M.  A.  IV",  Bonn  1821) 
S.  228  f.]  —  Auch  hier  also  eine  gelehrte  Umbildung  eines  volkstümlichen 
Brauches  wie  beim  wiener  Veilchenfest. 


14 


I>r  YiiA*r  'irr  KlvBk^  «••II  züglritik  «irr  M^iboUe  <1^  tL^rißypn 
^iL  S^/  ^klart  »idi  rfn  •ür  zr:cs«'  Fre»ir  Nridhart»  üh^  sein« 
FQjyl.  4i^  ni^t*  H'.*f?^^lkranz»AkAftc<  ac  «i^  hjt.  ilk-  Fri«»üdikeit 
«i«T  ;jraak2>^  V-inuk^t^tiin^  iid«1  M^i«r!K^lk-h  dir  ^«^sr  Entrn^tiuig 

W^flin  nun  «1<^  Tanz  am«  Vrilohtm  im  Ihi  stantiiid«t.  obvohl 
'ia  LinsTst  Dicht  m»rhr  y^m  dem  cfyt<i*n  Hrnrt.>rdnngen  dtfr  Frühlings- 
blom^m  4i^  B^r  ^in  kann,  nnd  wrnn  die  HefXi>gin  dc?s  Finders 
Maibahle  Mrin  ^^ll.  «o  trrinnert  das  lebhaft  an  die  Tänze  der 
Bauern  am  dra  Maibaam  zam  Beginn  des  Maimonats,  wie  ein 
•olch^  i,  B.  im  Baaerntanze  des  grttSMfn  Xeidhart^piels  gezeichnet  ü^ 

E-  war  ♦fin«f  aralte  Sitte  an>Ter  Vorfahren,  den  Maien,  der 
in^l*fiü  gleichbedeutend  mit  dem  Lenze  war.  feierlieh  ins  Dorf 
einzoholen  ^j  and  s}inbijlisch  in  der  Gt^talt  eine^  Maibaomes  aof- 
zapflanz^n.  der  dann  von  der  jabelnden  Jagend  omtanzt  warde. 
Oleicbbe^leatend  mit  diesem  Baame,  der  bis  ins  n^hste  Jahr 
«teilen  blieb,  war  die  Dorflinde,  ilie  in  den  Tanzlieilem  eine  grosse 
K^dle  j^pielt'y.  Za  einer  s^^ilchen  Maifeier  gehörten  vielfach  aach 
Mai^faen,  Der  Barsche  erhielt  ein  Mädchen  im  feierlichen  Mai- 
gericht zugenpHKrhen,  —  es  mi>chte  meistens  wuhl  auch  still- 
•chweigende  f'liereinkunft  der  l>eiden  genügen,  —  welches  er  das 
ganze  Jahr  hindarch  zum  Tanze  zu  führen  hatte.  Bis  zum  nächsten 
FrOhjahr  war  ^ie  sein  Mäilchen,  sein  Maienbuhle.  Den  Vorrang 
Mnt4'r  den  Paaren  hatten  die  jeweilig  erwählten  Maigrafen  mit 
ihrer  Maigräfin  ^y.  Ein  solches  Verhältnis  konnte  natürlich  die 
ver*chie^lenst4;n  Gestalten  annehmen.  Vgl.  MSH  HI  217»  3:  «des 
wil  ich  di«en  sumer  lank  sin  slafgeselle  sin.**  Neidh.  XVI  22: 
^Vrouwen  vil  wellent  daz  si  järlanc  Trüt^vin  triute.*'  Keller,  Erz. 
a.  altd.  Hdschr.  I !>.'>,»;:  „Vnd  In  dem  Jar  ain  magdadein  Das  sol 
dein  holder  pül   sein.-*    Ebenso  MSH  II  84»  4. 

',  r,r\inm.  Myth.,  6.33  ff,  N  229  ff.:  Mannhardt,  Wald-  und  Feldkiilte, 
norliii   1875,  I   UH)  ff;    Lii'brecht,  zur   Volkskunde  377  f. 

»y  Mannhardt,  I   188. 

*)  l'hland,  SührifUn,  III  3i)0  f;  Mannhardt  I  449  ff:  Montanus,  die 
d4MjtHi;h<'n  XnWnfi-nU',  VolkH>r«*bräuolH'  und  «leutscht'r  Volkstrlaube,  Iserlohn  o. 
J.,  H,  :V);  Kd.  I*ab«t,  Ii.-r  Mai</raf  nnd  sein.-  F.stc,  K.val  18(54:  Meyer, 
Volkskunde  I4.'i,  H',\:  liielschowskY,  Gesch.  der  d«'Utschen  Dorfpoesie  im 
13.  Jhd.  (  Acta  <;«'nnani«a  II,  '2)  S.  7:  (iermania  I  flj:  Ztschr.  f.  dtsch. 
KulturK^-M^h.   18:i7.  S.  90.   104  ff. 


ir> 


Wenn  man  mit  Mannhardt  I  183  den  Taciteischen  Bericht  vom 
Umzüge  der  Nerthus  (Germ.  40)  mit  der  Einholung  des  Maien 
vergleichen  darf,  so  zeigt  es  sich  recht  deutlich,  wie  uralt  diese 
Sitte  ist,  und  wie  sie  im  letzten  Grunde  die  Fortsetzung  einer 
heidnisch-religiösen  Jahreszeitenfeier  darstellt^).  Sie  hat  fest  und 
zäh  im  deutschen  Volke  gewurzelt  und  sich  bis  in  unsre  Zeit 
erhalten.  Doch  der  hehre  Brauch  lebt  meist  nur  noch  kümmerlich 
im  Kinderspiel  fort.  Wenn  in  Schlesien  z.  B.  die  Kinder  zum 
fröhlichen  Reigen  singen:  „Um  die  Linde  gehts  geschwinde,  bis  er 
seine  Liebste  fand,"  und  dabei  die  Tanzenden  sich  paarweise  ordnen, 
so  haben  wir  hier  noch  einen  letzten  kaum  erkennbaren  Best  jener 
sinnig-schönen,  lebensfreudigen  Frühlingsfeiem  unsrer  Altvordern. — 

Das  wiener  Veilchenfest  st^ht  weit  ab  von  der ,  frischen 
Natürlichkeit  jener  Feiern,  wenn  es  auch  selbst  eine  Frühlings- 
feier und  im  letzten  Grunde  aus  derartigen  Volksgebräuchen 
umgebildet  ist.  Anders  liegt  es  bei  den  Gedichten  vom  Neidhart- 
veilchen. Der  fahrende  Spielmann,  welcher  das  Veilchenfest  für 
sein  Gedicht  verwandte,  hat  sicherlich  ebenso  spöttisch  und  verächtlich 
wie  seine  Zuhörerschaft  auf  der  Burg  auf  die  Bauern  herabgesehn, 
die  er  unt^n  im  Dorfe  ausgelassen  um  die  Linde  oder  den  Maibaum 
herumspringen  sah*),  aber  der  poetische  Reiz  der  symbolischen 
Feier  blieb  ilmi  nicht  verborgen.  Mit  lebendigen  Farben  hat  er 
nach  ihrem  Muster  die  flache  Hofzeremonie  für  sein  Publikum  in 
seinem  (iedichte  wieder  aufgefrischt.  Den  Maientanz  und  die  Mai- 
buhlenschaft ^)  hat  er  aus  jenen  Vorbildern  übernommen,  und  der 


»)  Vgl.  Uhland,  Schriften  III  36  ff. 

^  Zahlreich  sind  die  Bilder  von  solchen  Tänzen  um  die  Linde,  die 
beinahe  notwendig  zum  Keientanz  gehört,  s.  P.  Lacroix,  Moeurs,  usages  et 
costumes  au  mojen  ago,  Paris  1871,  Fig.  69  und  183;  Schultz,  Deutsches 
Leben,  grosse  Ausgabe,  Fig.  209,  210,  335.  —  Um  den  Maibaum  ebenda 
Fig  212. 

^)  Die  ritterlichen  Kreise  haben  sich  übrigens  der  Maibuhlenpoesie 
nicht  verschlossen,  sondern  sie  vielmehr  nach  ihrem  (leschmacke  ausgebildet. 
Die  Maichen  bestanden  iinmer  nur  zwischen  Unverheirateten,  die  Maigrafen 
übten  mitunti^r  sogar  eine  gewisse  Zuchtpolizei  aus.  Auch  für  unsre  Erzählung 
gilt  die  Herzogin  als  ledig  (s.  S.  4).  Dass  dagegen  die  Ritter  die  Maibuhlen- 
schaft  nicht  nur  pflegten,  sondern  auch  auf  verheiratete  Frauen  übertrugen, 
lehrt  das  Beispiel  d«?s  Hans  von  Ems,  der  1474  im  Bade  Ober-Badon  im 
Aargau  seinem  Freunde  Hans    von  Waldheim  seine  Frau    für    die  Dauer  der 


1(3 


Tanz  ums  Veilchen  entspricht  dem  Umtanzen  des  Maibaumes. 
Herzogin  und  Bitter  traten  an  Stelle  von  Bauer  und  Bauernmädchen; 
die  ganze  Schilderung  bewegte  sich  in  der  Sprache  höfischer 
Spielmannspoesie.  Dem  Motive  vom  Baube  liegt  möglicherweise 
eine  wirkliche  Begebenheit  zu  Grunde.  —  Aber  erst  nach  Neidharts 
Beispiel  konnte  es  der  Dichter  wagen,  volkstümliche  Motive  in 
eine  höfische  Dichtung  einzuführen  ^),  wenn  auch  in  stark  über- 
arbeiteter Gestalt.  Hatte  man  vorher  verachtend  auf  das  Volk 
und  seine  Poesie  herabgesehen,  so  hatte  Neidhart  erst  seinen 
Standesgenossen  gezeigt,  wieviel  Schönes  dort  verborgen  lag.  In 
der  Folgezeit  verschmähten  es  die  Dichtt»r  nicht  mehr,  die  besten 
Blüten  der  Volksdichtung  zu  pflücken,  die  sie  vorher  hatten  achtlos 
liegen  lassen.  Was  lag  nun  aber  näher,  als  Neidhart,  dessen 
Beispiel  diesen  Umschwung  herbeigeführt  hatte,  selbst  einzuführen, 
gewissermassen  als  Bechtfertigung?  Jetzt  wird  der  Erfolg  für  ein 
so  frisches  Gedicht  wie  MSH  IH  202  XVIi-4  sicher  gewesen  sein. 
Das  Veilchen,  welches  aus  dem  Veilchenfeste  vom  Dichter 
beibehalten  ist,  hat  aber  im  Veilchentanz  nicht  nur  die  Bedeutung 
des  Frühlingsboten,  sondern  es  ist  zugleich  ein  symbolisches  Unter- 
pfand der  eingegangenen  Maienbuhlschaft.  Auch  hierin  hat  der 
Dichter  Volkstümliches  aufgenommen.  Neidhart  weiss,  dass  das 
Finden  des  Veilchens  nicht  bloss  anzeigt,  der  Lenz,  die  Zeit  ziun 
Eingehn  der  Maiehe  sei  gekommen,  sondern  er  weiss  zugleich,  dass 
gerade  die  Überreichung  der  Blume  ihm  die  Herzogin  als  Mai- 
bulilen  gewinnt.  Deutlich  ist  dies  Verhältnis  im  St.  Pauler  Spiele 
v.  31:  „Und  find  ich  dann  das  blumelin  So  miissent  ir  min  biil 
sin."  Er  übergiebt  es  der  Herzogin  als  sjmbolisches  Zeichen  der 
geschlossenen  Maiehe,  ebenso  wie  MSH  HI  217'*  3  das  Mädchen  einen 
goldnen  Bing  als  Pfond  erhält:  „Er  gab  mir  in  mine  haut  ein 
guldin  vingerlin;  daz  was  der  triuwen  sin  ein  pfant,  daz  ist  ez 
ouch  der  min:  des  wil  ich  disen  sumer  lank  sin  slafgeselle  sin.'' 
Eine  ähnliche  Bedeutung  hat  ursprünglich  auch  der  Kranz  ge- 
habt.   Die  Burschen  pflücken  ihren  Mädchen  Kränze  (Neidh.  24,22; 


^Saison"  zum  Maibuhlon  gab.  s.  Thland  III  390;  Maimhardt  I  4r)4;    Ebert, 
Uhorlicforungon  z.  (lOsch.,  Lit.  u.  Kunst  dor  Vor-  und  Mitwelt  I,  1,  Dresden 
182(1,  S.  42.    Mag  hier  auch  franzJisischcr  Eiiifluss  eine  grosso  Uollo  sjdelcn, 
der  Ausdruck  „Maienbuhle"  beweist  doch  den  Kinfluss  der  deutschen  Sitte. 
\)  lUelschowskv   28  IT,  37  f:   Walther,  Genn.   34,  i:>:>f. 


17 


'2;k2h;  MSHin  i>r.P8;  2Sl^'i>;  Walther  74,ji)  u.  ö),  andorseiis  er- 
halten sie  als  Zeichen  besondrer  Zuneigung  von  ihren  Mädchen 
einen  Kranz  (Ndh.  XIVi.v,  XXVIII,«,  28;  u.  ö.)  Gewöhnlich 
geschieht  es  beim  Tanze,  wobei  die  Burschen  eifrig  nach  dieser 
Auszeichnung  trachten.  (Neidh.  -JCUj;  1 88,22;  ITIiland  III  417). 
Immer  ist  also  der  Kranz  ein  Zeichen  der  Herzensneigung.  Frei- 
lich war  er  auch  ein  notwendiges  Schmuckstück  der  Mädchen^), 
das  beim  Tanze  nicht  fehlen  durfte,  und  an  den  angeführten  Stellen 
ist  er  meistens  nur  eine  nicht  nel  besagende  Gunstbezeigung. 
Trotzdem  liegt  eine  tiefere  Bedeutung  dahinter  verborgen,  dass 
nämlich  der  Kranz,  der  wie  der  Ring  besonders  zum  Zeichen  der 
Vereinigung  geeignet  war,  ein  Symbol  der  eingegangnen  Verbindung, 
der  Verlobung  oder  der  Maibuhlenschaft  sein  soll.  Diesen  Sinn 
hat  er  z.  B.  bei  Neidhart  21,14,  wo  das  Mädchen  die  Übersendung 
des  Kranzes  geradezu  als  Grund  seiner  Treue  anführt.  Neidharts 
Verhältnis  zu  den  Dorfschönen  ist  überhaupt  sicherlich  als  Mai- 
buhlenschaft  aufzufassen. 

Wenn  daneben  der  Kranz  als  Preis  im  Wettbewerb  vorkommt, 
im  Wettreimen  und  Kranzstechen  ^),  oder  als  Auszeichnung  für 
denjenigen,  welcher  sich  des  dümmsten  Streiches  rühmen  kann 
(Fsj).  -13,  330,10),  so  wird  es  eine  Übertragung  dieser  Anwendung 
sein,  wenn  z.  B.  im  grossen  Neidharts])iel  -ir)l,ir»nr,  iöir  Friderun 
Kranz  und  Spiegel  als  Preis  für  den  besten  Tänzer  aussetzt^). 
Ebenso  liegt  es  Fsp.  '28,  •240,1.  Zwischen  diesen  beiden  Anwendungen 
steht  der  Kranz  als  Preis  im  Wettgesange**).  Dass  hier  mit  dem 
Kranze  zusammen  auch  das  Mädchen  selbst  errungen  wird,  er- 
innert noch  daran,  dass  der  Besitz  der  Liebsten  durch  ihn  ver- 
sinnbildlicht   wurde.    -      So    liegt    es    noch    im    Alt-Hannentanz 


»)  Wciiihold,  Deutsche  Frauen   IP   17«),  L>.%:   Schrödor,   dio  höf.  Dorf- 
poesie des  deiitscheTi  Mittelalters  in  Gosches  Jahrbuch   für  Lit.-Oesch.  I  55. 

^)  Mannhardt  1  .*kS8  f.,  iiül».     Aehulirh  ist   der  Kampf  Stt^rzinger  Spiele 
IX  48. 

')  WeinhoM,   l)<'utsche   Frauen  11^  179ff. :   Böhme,  Gesch.    d.    Tanzes  1 
38,  52  f.;   Meyer,  V«dkskunde  IG'J. 

*)  Uhland  III  205  IT.;   v<^l.  ein  Kranzwerben  aus  d.   17.  Jlid.  als  Gesell- 
schaftsspiel, Ztsrhr.  d.  Ver.  f.  Volkskunde  VII    1897,  382  ff.;    ferner    Schultf 
Deutsches  Leben  421;   WeinhoM,  Weihnachtspiele  u.  Lieder  182  ist  ein  I 
von  Kosmarin,  mit  Münzen  behängt,  von  der  Hirtenfrau  als  Preis  fP' 
raten  ausgesetzt. 

Gusiiide,  NeldUart  mit  dem  Veilcbeu. 


18 


(Fsj).  (>7),  wo  der  Kranz  zwar  auch  der  Preis  für  putos  Tanzen 
ist,  wo  aber  nicht  wie  im  grossen  Xeidhartspiel  alle  um  einen 
Kranz  ringen  ohne  Rücksicht  auf  das  Verhältnis,  in  dem  sie  zu 
der  Aussetzerin  stdm,  sondern  jeder  Bursche  darnach  trachtet,  von 
seinem  Mädchen  die  Auszeichnung  zu  bekommen.  Ebenso  ist  es 
Fsp.  1),  l)2,j«if.  Dies  ist  jedenfalls  das  Ursprünglichere^).  Hier 
liegt  der  Zusammenhang  von  Liebe  und  Kranz  noch  am  Tage. 
Da  aber  auch  die  Tänze  um  den  Kranz  hauptsächlich  Frülilings- 
und  Maientänze  waren*),  so  können  >rir  in  der  That  Kranz  und 
Ring  mit  dem  Veilchen  unsrer  Gedichte  als  Sinnbilder  der  Mai- 
buhlenschaft auf  eine  Stufe  stellen. 


»)  WoinhoW,  Doutscho  Frauen  I«  2S7  f. 

*)  Wie  Kranz  un«l  Liebe  mit  Linde  und  Mai  enjr  zusaniinenpehören,  zeigt 
ein  den  Mai  darstellendes  altes  Kalenderbild  bei  Schultz,  Deutsches  Leben, 
Tafel  IV. 


Die  Neidbartdramen. 

]>aM  Sit.  Pauler  HpieL 

Das  älteste  Neidhartspiel  ist  das  A^on  St.  Paul  ^).  Hier  bildet  die 
Veilchengeschichte  den  Inhalt  allein,  alle  übrigen  Dramen  haben 
n()(;h  andre  Begebenheiten  aufgenommen.  Die  Ausführung  ist  höchst 
einfach.  V.  8*2  will  N(»idhai*t  die  Blume  suchtm  gehn  und  v.  83 
kommt  er  schon  wieder  zurück,  um  die  Herzogin  abzuholen;  wortlos 
geht  man  zum  Veilchen,  und  es  folgt  gleich  darauf  die  Entdeckung. 
—  Von  ein(»m  Austausch  oder  Raube  wird  nichts  erwähnt.  Daran, 
dass  eine  Bauernszeiu»  ausgefallen  sei,  ist  nicht  zu  denken;  das 
Spitd  beschränkt  >sicb  auf  die  denkbar  (nnfachsten  Mittel,  es  ist 
nur  (?in  Zwiegespriu;h.  Darum  wird  man  die  Überlieferung  nicht 
für  unvollständig  halten  dürfen,  wofür  auch  die  am  Ende  durch 
den  Schlussschnörkel  -)  als  vollständig  bezeichnete  Handschrift 
spricht.  Der  S(;hluss,  die  Drohung  Neidhart.s,  dem  Thäter  ein 
Bein  abschlagen  zu  wollen,  befriedigt  allerdings  nicbt  ganz.  Man 
erwartet  nach  dem  Beispiel  der  späteren  Spiele  auch  den  Vollzug 
der  Züchtigung.  Dies  hätte  aber  eine  umstilndlichere  Ausfülirung 
erfordert,  die  der  Verfasser  gescheut  zu  ha])en  scheint,  wie  alles, 
was  nicht  in  den  Rahmen  des  Dialogs  hineinpasst.  Dem  St.  Pauler 
Spiel  liegt  eine  epische  Darstellung  zu  Grunde,  di<»  '  '  ^  zum 

1)  hrsgg.   V.   Srhönbach   ZftlA  40,  368ff;   «1 
Osterr.  Lit.  (iesch.  372  f. 

2)  s.  Schöubach  S.  368. 


•20 


ersten  Mal  zu  draniatisieren  versiielit  hat.  Die  AiifTonU^ning  der 
Herzogin  zur  Frühlingsfeier  (v.  11 — 20),  die  Erklärung  Neidharts, 
das  erste  Veilchen  suchen  und  die  Herzogin  dadurch  zum  Maihuhlen 
gewinnen  zu  wollen  (v.  21 — 82),  die  Meldung  vom  Funde  und 
die  Auttbrderung  hinzugehn  (v.  38 — 38),  der  Zornesaushnich  der 
Herzogin  bei  der  Entdeckung  (v.  3t) — 44),  Neidharts  Entschuldigung 
(v.  45 — 50)  und  die  Androhung  seiner  Rache  (v.  51 — 58):  das 
sind  alles  die  Reden,  welche  auch  in  einem  erzählenden  Gedichte 
gesprochen  werden;  was  da  aber  epische  Schilderung  ist,  der  Gang 
zum  Veilchen  und  die  Begrüssung  der  Blume,  ihr  Abbrechen,  die 
Rückkehr  zum  Hofe,  der  feierliche  Zug  zum  Anger,  der  Reientanz 
ums  Veilchen  und  die  Entdeckung  beim  Auflieben  des  Hutes,  ist 
einfiich  weggelassen  worden.  Darauf  ist  der  Verfasser  niclit 
gekommen,  durch  Selbstgespräche  die  epischen  Teile  wiederzugeben, 
wie  es  die  spät^^rn  Spiele  thun.  Wir  haben  hier  ein  sehr  lehrreiches 
Beispiel  recht  urwüchsiger  Dramatisierung.  Die  Reden  werden 
herausgehoben,  die  Schilderung  lallt  fort,  und  kann  liöchstens  durch 
Mimik  ersetzt  werden 

Je  mehr  dabei  der  Phantasie  des  Zuschauers  zugemut(»t  wurde, 
desto  notwendiger  war  eine  p]inleitung,  die  den  Inhalt,  die  (Quin- 
tessenz des  Ganzen  kurz  darlegte.  Im  St.  Pauler  Spiel  ist  noch 
ersichtlich,  wie  der  Verfasser  sich  geholfen  hat.  Aus  den  Reden 
der  beiden  Personen  stellte  er  sich  eine  Vorrede  zusaniUKMi,  kunstlos 
und  einfach  wiederholend,  was  in  spät^'ren  Versen  gesagt  war. 
wobei  seine  Einleitung  stark  von  (U*r  h'bendigen  Sprac^he  des 
eig(Mitli(then  Spiels  absticht.     Vgl. 


y.  2.  Ez     kumöt     her     uf    disfi 
plan 
Jetzo  an  diser  vart 
Ainherczogin  vn  herNithart, 
Mit  in  vil  schöner  frawil. 
Von  den   ir  abentur  sfind 
schawil, 
V.  n.  Wer  finde  das  erst  blumelin 

Der    s(d    derer    an(bT  bnl 
jarlang  sin. 


V.  1 1 .  Got      gruz     dich ,       edler 

Nitliart! 

Von    wafi   kuml)st  her  an 

diser  vart. 

V.37.  Die  siillfit  ir  gan  schawen 

Irnnd  die  edeln  juiikfrawen. 

V.31.  Und    find    ich    dann    das 
bliimeliii 
So  mussent  ir  min  ImiI  sin. 


21 


Es  begegnet  im  StPSp.  eine  Reihe  von  Wendungen,  die 
im  GrNSp.  und  im  Sterzinger  Szenar  wiederkehren.  Das  meiste 
hat  Schunbach  S.  372  schon  zusammengestellt.  Der  Ausruf 
^Wafl'en!"  findet  sich  fast  in  allen  Behandlungen  bei  Entdeckung 
des  fiilschen  Veilchens.  MSH  HI  202^4  in  s:  „So  wafen  über 
mich  ummer"  (s.  S.  3.);  StPSp.  39:  „Ach  waufn  ümmer 
Waffen;*'  GrNSp.  414,ii:  „Wafen  mir  heut  und  immer  mer, 
Wafen  meiner  grossen  er;  StSz.  244,2:  „Ach  Waffen  vnd  wee 
diser  grossn  Schande.''  —  Andre  Übereinstimmungen  sind: 


V.  1 :  Horentfrawnunde 
man 
Ez  kumrt  her  uf 
disfi  plan. 


StSz.  237, 1 :  Hörtzu,Ier  Frawenn  vnd  ler  Man, 

Edl  vnd  vnedlauf  dism  Plaan,  vgl.  242, 2 ; 

vgl.  Fsp.  013,12:  Hört  nu,  ir  trauen  und   ir 


25:   Das  best  daz  ich 
mak 
Bediunaclituiitak. 


man! 
Hie  ist  kumen  auf  disn  plan. 
Nchl.  109,ü;  Sterz.  Sp.IV.-);  MSH  ra202M  u.ö. 

GrNSp.42(),  1  :Was  ich  ir  gedienen  kan  und  mag. 
Das  lasse  ich  nimmer  einen  tag. 
443,r.:  Die  ich  imer  erdenken  mag 
Und  will  nacht  und  tag  .  .  . 


.')!:  Sagt    an    ir    dorfknappen  | vgl. GrNSp. 3*.)i^, 4; Schönbach, S. 371; 
Irtorpel  und  ir  müstrappen|     Fsp.  344,  k;. 


11: 


Got  griiss  dich  edler  Nithart     jvgl.  GrNSp.  413,-.,  StSz.  23^,4 
Von  waii  kumbst  heran  diser vart.^  NF  21)3f. 

vgl.  v.  3. 


4:»: 


Ach  edliufrawe  hoch  geborn. 
Land  ab  gen  mir  den  iwern 
zorn. 


StSz.  243,2:    Ach    genädige    fraw 
Herzogin, 
Lasset  eurn  grossn  Zorn  ab  seyn. 
Fsp.  63i),  2 . 


47:   Und  landniiclilijmiwerhuld  [GrNSp.  423,:;i:  So  gebt  im   cur  liuhi 
Ez  ist  geschehen  an  all  niin^      Wan  es  was  an  sein  schuld. 


schuld. 


I 


vgl.  414,2:J. 


die  sonstige    Spielmannsdichtun 


er 


0-> 


V.44:  Es  Ullis  dir  an   daz  leben 
gan. 

8 :  Mit  der  herczogin    verwetet 
hiit  0. 


37:   Die  sullilt  ir  gan  schawen 
Ir  und  die  edeln  junkfrawen  < 
vgl.  V.  5. 


s.  Vogt,  Salm.  u.  Mor.CXLVDIf.; 

Wirth,Oster-  u.  Passionsspiele,  *) 

S.  158. 
Neidh.  XXV r> :  Die  verwettet  liant 
den  tanz. 

Suchen wirt  XXX,ir>r>:   Da  suUen  sich 
lazzen  scliawen 
Tzway  hundert  schöner  vrowen. 
InUv^br.  Mar.  Hinif.  l»-5:  dykonitdoher 
mit  iren  junkfrawen 
ir  moget  so  alle  gerne  schawen. 
vgl.  GrNSi).;$i):),:r,  3i)7,i5  -  UK-js; 
StSz.  237,2;   Fs|).'il7,ir»;    Kenner 
1223(1;  MSHII12()2%  1  u.  ö. 

GrNSp.  424,i>7;  Sterz.  Sp.  IV  1!)7;  Salm. 

i:)8,4;    NF  IJ)2.    Erl.  111230;    Eg.  5(>2() 

„,      .         t.^    ^,       Alsf.77(>,8i)2,lS28,2123;Kindli.Jesu727; 
Waz  ir  gebietent  daz^_,  .,  ,,   ^^^    .,,    .,  ,,   .,.,   ,       i      4   r     ^ 
,  ^,  !  Heidelb.  i  H\  St.  Uall.  33;  Innsbr.  Aulenst. 

2J)r>;   Tir.  Pass.  2t)(>;   Jutta  \)W,a\  u.  ö.; 

Wirth,  S.  1(;(). 


21:  Oenadliebiu  frawemin 


sol  sin. 


r>2:  Fr  torpel  und  ir  niüstra])i)en 
Waz  band  ir  an  mir  gerochen 


NF2(M):    (Ut  veicl    wirt  gerochen 
all  an  (h'U  ()(k'ntör|M*ln,  diemirin 


Daz    ir  den    vicd    haut  ab- 
gel)rocben. 

13:  wie  stat  din  gemnt 

Gen  dez  Hechten  maven  bliit. 


band    abgcprochen.      2r)3.    vgl. 
(JrNSp.  41S,:;. 

f  MSH  1 1 1  2 1 4'' S :  1  )az  was  (k's  lieben 
meien   bluot; 
des  vröute  sich  do  min  gemiiot. 
1S7'M;  292»' 1;  Neidli.  LIV:;^. 

Das  Spiel  ist  also  durchaus  in  (b*r  Sprache  der  höfisclien 
Spielnuuinsdichtung  geschrieben,  (b*r  auch  (h'r  St(»tt*  angebört.     Die 

')  «vorwcltcii"  luMsst  hier  niclit  wie  Lcxrr  uinl  Mh(l\V!{.  als  zwcifcl- 
hart«^  HtMlrutun«^:  anheben:  «durch  eine  ^Vetl^*  vcrHrrori.**  sondiTU  es  hat  die 
ircwölniliclu?  HtMleuluii«::  „(hirch  (»in  Pfand  sichern, "  s.  SchnicMcr-Froniinann 
Jl.,  l()r>0:  d<M'h  ist  CS  übcilraj^cn  zu  vcrstohn  —  „fest  und  bestimmt  ausmachen, 
versjirechen."  An  wortli<he  Bed<Mitunj^,  dass  etwa  für  den  Tall  des  Nichtor- 
s«lieinens  eine  Strah»  aus»,'emacht  war,  ist  nicht   zu  denken. 

-)  s.  S.  2')  Aum.    o. 


Art  des  Ersatzes  ist  verschwiegen,  die  Drohung  hat  schon  eine 
bestimmt«  Form  angenommen.  —  Zur  Herzogin  sagt  Neidhart, 
der  Thäter  sollte  zur  Strafe  sein  Bein  verlieren,  den  Bauern  droht 
er  im  allgemeinen,  dass  er  sie  auf  Stelzen  heimschicken  werde.  Hier 
haben  wir  also  noch  eine  Zwischenstufe  in  der  Entwicklung  des 
Motivs  von  Neidharts  Rache.  Nebeneinander  stehen  schon  zwei 
Wendungen,  die  Dndiung  gegen  den  einen  und  die  Drohung  gegen 
jille  Hauern;  dei'  Verlust  eines  Beines  soll  beidemal  die  Strafe 
sein.  Wirklich  ausgeführt  begegnet  diese  Drohung  NF  "iSlI,  '2'>V), 
vr»  alle,  oder  doch  viele  Bauern  ihr  Bein  verlieren.  Im  StPS|i. 
war  sie  augenscheinlich  noch  nicht  ausgeführt,  mag  nun  die  Un- 
heholfenheit  des  Verfa.ssers  daran  die  Schuld  tragen  (s.  S.  Ulf.), 
(Hier  mag  ihm  die  Ausfiilirung  der  liaclie  überliau])t  noch  nicht 
bekannt  gewissen  sein.  In  diesem  Falle  hiltten  wir  liier  das  S.  Sf. 
vorausgesetzte  Mittelglied. 

Für  die  Handschrift  hat  Schrinhach  S.  37()f.  schwäbische 
Herkunft  nachgewiesen.  Zu  beachten  wäre  vielleicht  noch  die  seit 
dem  14.  Jlid.  vurkommemle  Schreibung  cz  für  die  Affrikata,  z.  B. 
herczoghi  4,K;  stelczen  .'iH;  [tz  nur  in  jetzo  3].  Mdr.  203,  AUr. 
1t«i,  B<ir.  l.'tO,  l.'i'J,  und  die  scharfe  Aussprache  von  z  nach  mircz 
4!',  AOr.  41.'),l«.'i,  Mlir.  -i(l4.  -  Im  übrigen  genügt  es,  wegen 
der  Handschrift  auf  Scliönbach  S.  3('iS  zu  verweisen. 

Für  die  Heimat  des  Spiels  beweisen  die  Keime  nichts. 
Schrmbacli  sclilicsst  wegen  des  Wortes  „niuostra]>|>en''  auf  bair.- 
üsterr.  Sprachgebiet.  In  diesem  Falle  iimss  man  wegen  des  gänz- 
lichen Fehlens  der  iioueii  I)i]ilithi)nge  eine  der  lehendigen  Redeweise 
entgegen  festgehultne  ndid.  Dichterspraehe  annehmen '). 

Die  Verse  haben  zum  grössteii  Teil  männlichen  Ausgang 
(:;ii:i)).  DiT  .\uftakt  wird  bevdrzugt  aber  nicht  durchgeführt 
(47:11).  Zweisilbiger  Auftakt  stc-ht  v.  7:  wie  der  vest  ritter; 
!<:  mit  der  hercziigin;  l.'f:  oder  wie;  31):  wil  ich  lilumeii;  4'J: 
und  kain  fniwen;  411:  ain  gebiir.  Dreihebig  stumpfe  Verse 
sind:  V.  3:  Jetzo  an  diser  värt;  'i.'):  Das  best  duz  ich  mäk; 
(v.  ■Jfi  kann    gelesen   werden:   Bediu    nacht   linde    täk);    43:    Du 


I)  VkI.  Michds  K.  In 


24 


vaiger  swächer  man.  —  Dreihebige  und  vierliebige  Verse 
reimen  zusammen:  v  5:  Mit  in  \il  schöner  frawn  Von 
d6n  ir  äbentur  sünd  schawn;  35:  Wan  ich  an  disen  stünden 
Han  ain  vialblümen  fünden;  37:  Die  siiUnt  ir  gän  schawen 
Ir  und  die  Mein  jünkfräwen;  51:  Sagt  an  ir  d()ifknai)pen  Ir 
törpel  und  ir  müstnippen ;  3:  Jetz('>  an  diser  viirt  Ain  lierczogin 
vfi  her  Nithart;  43:  Du  vaiger  swiicher  man  Ez  miis  dir  an  daz 
16ben  gän.     Vielleicht  auch  v.  25 f.  (s.  o.). 

Fehlende  Senkung  findet  sich  besonders  in  zusammen- 
gesetzten Wörtern  wie  Nithart,  jünkfräwen,  döriknappen,  mustrappen, 
aber  auch  sonst,  z.B.  30:  vial;  32:  bül  sin;  58:  hain  gan;  47: 
hau  iwer  hüld;  u.  s.  w.  Zweisilbige  Senkung  ist  nicht  häufig. 
Bei  der  ollenbar  in  hohem  (irade  angewandten  Apokope  und  Synkope 
(s.  Schönbach  S.  372)  ist  es  nicht  möglich,  hier  die  Grenzen  zu 
ziehn. 

Zu  lang  ist  v.  10:  Der  sol  derer  ander  bül  jarlang  sin. 
Es  ist  fraglich,  ob  man  durch  Streichung  von  Jarlang"  die  richtige 
Länge  herstellen  darf. 

Der  dreihebig  stumpfe  Vers  und  der  dreiliebig  klingenik* 
stehn  also  im  StPSj).  gleichberechtigt  neben  dem  vierhebigen 
von  entsprechendem  Ausgange.  Dies(»  Zusammenstellung  kommt 
seit  Beginn  des  14.  Jhds.  häufig  vor,  während  am  Ende  des  15. 
die  drei-  und  vierh(?bigen  Verse  streng  geschieden  werden  *) 
Schönbachs  Ansicht,  dass  das  Spiel  noch  ins  14.  .Ilid.  gehört, 
wird  dadurch  bestätigt.  An  diMi  Anfang  des  Jhds.  wird  kaum 
zu  denken  sein. 


Die  Aufführung  des  St.  Pauler  Spiels. 

Wie  die  ganze  Form  des  8])iels  liöchst  einfach  ist,  so  war  es 
auch  die  Darstellung.  Sie  geschah  ohne  jede  Vorbereitung.  „Vadat 
Nithardus  et  ponat  tlorem  sub  pileo  et  redeat.''  Der  Darsteller 
des  Neidhart  legte  also  selbst  erst  ein  vorher  verl)orgeMes,  bereit- 
gehaltnes  Veilchen  unter  den  Hut  auf  den  Boden. 


*)  Kauirinaim,  Metrik,  §§  114.  145. 


Im  StPSp.  lernen  vdx  das  älteste  erhaltne  weltliche  Drama 
überhaupt  kennen.  Nur  noch  ein  Spiel  (Keller  Fsp.  12'2)  geliört 
sicher  ins  14.  Jlid  *).  Im  übrigen  beginnt  unsre  Kenntnis  des 
weltlichen  Schauspiels  erst  im  15.  Jhd.  mit  dem    Fastnachtspiel. 

Wir  lenien  zugleich  aus  dem  StPSp.,  wie  ein  solches  Spiel 
zustande  kommen  konnte,  und  wie  klein  im  Grunde  der  Schritt 
von  der  bewegten  ei)ischen  zur  dramatischen  Darstellung  war. 
Man  darf  aber  nicht  daraus  schliessen,  dass  man  es  hier  mit  den 
ersten  Anfängen  dramatischer  Versuche  mit  weltlichen  Stoffen  über- 
haupt zu  thun  ha])e.  Dass  man  lange  in  derselben  einfachsten 
Weise  weiter  dichten  konnte,  zeigen  die  vielen  in  Reiensi)ruchform 
gehaltnen  Fastnachtspiele  (s.  S.  .-^i)f.).  Individuelle  Begabung  konnte 
ihrer  Zeit  weit  vorauseilen,  während  die  grosse  Masse  der  Minder- 
gewandten  im  alten  Stile  fortfuhr^). 

Wollen  wir  luich  den  Vorbildern  des  StPSp.  suchen,  so 
dürfen  wir  zunächst  nicht  an  die  geistlichen  Spiele  anknüpfen.  An 
sie  erinnert  nichts.  l'berhaui)t  daif  man  die  Einwirkung  aufs 
weltliche  Drama  V(m  dieser  Seite  her  nicht  überschätzen,  Mustert 
man  die  Beleg«'  bei  Wirth*^)  untenn  Strich,  so  beschränken  sich 
die  an  und  für  sich  recht  auffälligen  Anklänge  auf  die  schon  im 
StnlV,  meist  auch  in  der  Tendenz  den  geistlichen  Spielen  eng  ver- 
wandten Stückt'.  Kin  andrer  Teil  weist  offenbar  auf  gleiche  Uruiul- 
lagen,  besonders  die  Tanz-  und  Qua(tksalberszenen.  Nach  Abzug 
dieser  Szenen  bleiben  so  gut  wi(^  keine  überzeugenden  Parallelen 
mehr  übrig. 

Ebensowenig  hat  das  StPSp.  mit  den  Fastnachtspielen  zu 
thun.     Dem   widerspricht  schon  sein  Alter,     (s.  o.). 

Dass  das  StPSj).  wirklich  ein  Drama  sein  will,  b(!weisen 
die  Beischriften.  Ans  wi'lchen  Kreisen  es  stammt,  zeigt  <ler  durch- 
aus höfisch-spielinainisniässige  Stil.  Allenlings  fallen  die  lateinischen 
Szenenanweisungen  auf.  Sie  lassen  zunächst  an  einen  Kleriker  denken 
oder   mindestens   an    jemand,    ('er   mit   lien    Vaganteneigentümlich- 


^)  ( 'riM/.«'nach.  (icsrliiclito  des  lU'uercii   I)raiiias   I,    10(1. 

2)  Cn-izonuch  41  H".,  Michels  im  AWA  21,0:). 

•*)   L.  NVirtli,  hio  Osler-  inul  I*assi«)!iss|)iole  bis  zniii  HI.  Jhd.    Halle   IS-S',). 


•26 

keiten  vertraut  war.  Etwas  bestimmtes  lässt  sich  nicht  ausmachen. 
Deutsches  und  fremdes  Element,  Spielmanns-  und  Vagantijndichtung 
flössen  vielfach  ineinander  über.  Man  braucht  nur  an  den  Inhalt 
der  Carmina  Burana  zu  erinnern.  Walirscheinlieh  gehören  jedoch  die 
lateinischen  Beiscliriften  im  StPSp.  nicht  dem  Dichter,  sondern 
einem  abschreibenden  Kleriker  an,  der  in  ähnlicher  Weise  seine  latei- 
nische Bildung  an  den  Tag  legen  wollte,  wie  es  Vigil  Raber  in 
den  Sterzinger  Spielen  gethan  hat,  wo  er  auch  zum  grossen  Teil 
die  deutschen  Bühnenanweisungen,  die  er  vorfand,  in  sein  abenteuer- 
liches Latein  übersetzt  hat. 

Jedenfalls  ist  es  eine  Autführung  für  höfische  Kreise  (Schön- 
bach S.  374);  nicht  mehr  ein  Vortrag  eines  einzelnen,  sondern 
ein  Versuch,  einen  für  Einzelvortrag  bearbeiteten  S^ifl*  auf  zwei 
zu  verteilen,  um  ihm  so  dramatisches  Leben  einzuflössen.  Nur 
an  zwei  Spieler  ist  zu  denken:  Neidhart  und  Herzogin.  Von  einer 
Jungfrauenbegleitung  wird  zwar  v.  5,  20,  38  gesprochen,  sie  be- 
stand aber  nur  in  der  Vorstellung;  ebenso  jedenfalls  die  am 
Schlüsse  angeredeten  Bauern  (s.  S.  11)).  Die  Drohung  gegen  sie  wird 
Welmelir  einlach  ins  Publikum  hineingesprochen  worden  sein. 
Desgleiclien  wurde  wohl  aucli  der  Veilchenraub  nur  durch  das  blosse 
Verschwundensein  der  Blume  angedeutet. 

Wenn  der  Verfasser  auch  ganz  im  höfischen  (ieschmack 
dichtete,  so  konnte  er  doch  den  Bauern  gegenüber  am  Schlüsse 
einen  derberen  Ton  anschlagen,  das  erhöhte  noch  den  (Gegensatz. 
In  der  Drohung  liegt  bereits  der  Keim  für  die  Schwanke  späterer 
Spiele,  doch  von  deren  K(Oieit  zeigt  sicli  im  ganzen  StPSp.  nocli 
nichts.  Neidhart  gilt  hier  noch  als  Dichter  und  Edelmann,  die 
[■nflätigkeit  wird  mit  Stillschweigen  übergangen,  (d)wohl  sie  schon 
als  vorhanden  gedacht  sein  wird  wegen  der  gewaltigen  Entrüstung 
der  Herzogin  (Schönbach  a.  a.  ().).  Allerdiniifs  konnte  diese  auch 
das  blosse  Fehlen  der  Hhnne  nach  der  S.  11  und  H>  gegebnen 
Deutung  als  bittern  Sehinipf  empfinden. 

Dass  lange  vor  den  Fastnachtspielen  SpielnunnisautlTihrungen 
im  Schwange  waren,  ist  zweifellos.  Man  muss  zunächst  erwägen, 
dass  die  Vo|ks|>oesie  an  sieh  einen  stark  dramatischen  Charakter 
hatte,  besonders  die  altheinüsche  Kätsel-  und  Streitdichtung,  die 
man  sich  zum  weitaus   grössten  Teile  von  zwei  Personen  seit  jeher 


") 


•27 


vorgetragen  denken  mnss*).  So  hat  auch  die  Spielmannsdichtung, 
die  zwar  niclit  in  den  Stoffen,  aber  doch  in  der  Behandlungsweiso 
ganz  und  gar  in  den  Balinen  der  volkstümliclien  Poesie  wandelt, 
ein  stark  dramatisclies  Gepräge.  Es  wecliseln  darin  oft  durch 
ganze  Versreihen  die  si)reclienden  Personen,  ohne  dass  sie  be- 
sonders eingefillirt  würden^). 

Der  Vortrageiuh^  niusste  dann,  lun  überhaupt  deutlich  zu 
werden,  die  verschiedneii  Personen  geschickt  durch  seine  Kunst 
zum  Ausdnick  brin^i'n.  Hatte  er  nur  eine  Person  wiederzugeben, 
so  konnt4»n  ihm  wohl  Masken  gute  Dienste  leist^m'),  sonst  aber 
war  Mienen-  und  (iebärdenspiel  (bis  hauptsächlichste  Mittel.  Die 
vorhandnen  kurzen  epischen  Verbindungs-  un<l  Einleitungsworte 
traten  bei  der  Herausarbeitung  (b'r  einzelnen  Personen  ganz  zurück. 
Notgedrungen  musste  man  dabei  auf  den  Geihmken  kommen,  solche 
Dichtungen  wirklich  auf  zwei  Vortragende  zu  verteiilen.  Ich  kann 
das  durchaus  nicht  langweilig  und  geschmacklos  finden  wieCreizenach 
3S4f.;  i<*h  glaubt»  vielmehr,  dass  bei  den  meist<3n  derartigen  Stücken 
eine  solche  Teilung  ein  ganz  ])e(leutender  Vorteil  gewesen  ist  uiu^ 
das  Verständnis  sehr  erh'ichtert  hat.  Man  brauchte  nicht  einmal 
in  solchen  dialogischen  Dichtungen  bei  ihrer  Zweiteilung  die  epi- 
schen Verbindungsformeln  wegzuhissen,  die  meist  nur  wenig  Worte, 
höchstens  einen  Vers  o(b»r  ein  Keimpaar  ausmachten.  Es  wurde 
nicht  störend  enipfundeii,  wenn  sie  aucli  blieben  uiul  vom  Sprecher 
selbst  mitgesprocben  wurden.  So  s])rechen  im  Fsp.  \'2>^  (Nchl. 
22»'),  :,.  \:\)  die  Spieler  noch  die  Einleitung  mit:  „sprach  dy 
hawsdiern''  und   „s|)racb  das  magetein''^). 

Dieselbe  Kntwicklung  hatte  Jabrhun(b»rte  früher  das  geistliche 
Drama  durchgeniaclit,  als  man  den  ejH'schen  Verbindungste.xt  eben- 
falls v«)n  den  Trägern  der  draniatisclien  Hollen  mitsingen  Hess''). 
Auf  dii'se  Weise  war  es  niögli<*ji,  dasselbe  Stück  je  nach  Hedürfnis 

')  riilaiid  III  ISl  11.,  ITn..v^'l..laiitz«'ii.<i(N<ii.«l.«lts<ii.S(n'it^^Mlirliti'siiiiM.  A. 
(ionii.  Abh.  XIII.  S.l).-)!!.  11. /r\i:l  L<i.  N.  F.  I  L  l\S7  IV:    M\r\wU   AlMA. -j:».  I.V.i. 

'')  Vo^'t,  Salm.u.Mnr.  CXWIII,  (^XL.  \is\.  lUAhv,  nriiiinar,  S.270, Aimi.:J-j:». 

•*;  (  mzciiatli  .>^.». 

*)   |)i<*  Srlhslriiitüliniii}:'.    die    iiacli    i\r\\\    Muster    der  Aufzi'ij:«*    s.  S.  4(1.1 
sich  aiirii   in   aiKlrni   Spiclni   riiidct.   kann  man   als  cinrii    Vrr>U('li   an.s4>hn.   dir 
o]dscln'n   ViM'hindiinL:«!!      mit     der    iJnllo    srll>>l     zu   vcrM-hmrlzen.     \  «.d.   Monr 
Srhauspiidf  des    Millrl.dl.  r>    II    ;iO. 
^;  Michrls,  AfdA  lM,  I).')!. 


28 


als  Einzelspruch  oder  als  Drama  vorzutragen.  Mitunter  beweist 
nur  das  Fehlen  oder  Vorhandensein  der  szenischen  Anmerkungen, 
ob  es  sich  um  einen  Spruch  oder  um  ein  Spiel  handelt.  In  ähn- 
licher Weise  geht  im  Spruche  von  Folz  Fsp.  Xchl.  310  ff.  nur  aus 
dem  Versmasse  henor,  dass  die  ständige  Einleitung  der  einzelnen 
Strophen:  ^Weisheit  spricht, *"  ^Dorheit  spricht"  nicht  Szenen- 
anweisung ist.  Solcher  leicht  dialogisch  vortrag!>arer  Spruche  giebt 
es  eine  ganze  Menge  *),  z.  B.  das  Bauernlob  bei  Bolte,  der  Bauer 
im  deutschen  Liede  S.  HM>;  Keller,  Erz.  a.  ad.  Hdschr.  177,4S"i; 
Eschenburg,  Üenlanäler  4*2G  u.  s.  w.  Felden  in  einem  solchen 
ganz  dialogisch  gehaltnen  Spruche  die  episclit»n  Cbergangsworte 
vollständig,  so  ist  es  oft  sehr  schwer  zu  ent^cheitlen,  ob  ein  Spruch 
oder  ein  Spiel  vorliegt,  z.  B.  Fsp.  117  u.  IIS  (S.  1(M3  u.  1021). 
So  konnte  man  auch  den  Thanhauser  (Nchl.  47)  und  Fsp.  13*2 
(Xchl.  -iSC))  für  ein  Drama  halten. 

Wenn  häufig  ein  in  Sj)ruchf(>rm  bear!)eiteter  Stofl*  auch  als 
Drama  mit  verhältnismässig  wenig  Änderungen  vorliegt,  —  be- 
sonders bei  Folz  und  Sachs  ist  das  der  Fall,  —  so  braucht  das 
Drama  nicht  immer  erst  die  Herrichtung  für  die  Aufluhrung  zu 
sein;  es  kaim  mitunter  auch  nur  (»ine  })ühnengerechtere  Umarbeitung 
des  Spruches  sein,  der  als  solcher  schon  dramatiscli  dargestellt 
werden  konnte.  Das  beste  Beispiel  giebt  (his  Traugemuntlied 
(rhland  Volksl.  1).  Von  Folz  kennen  wir  ein  Spiel  (Fsp.  iü^Y), 
das  nichts  weiter  ist  als  eine  erweiterie  Fassung  iWi^  Liedes,  dem 
es  im  übrigen  fast  Wort  für  Wort  gleicht,  (ierade  das  Trau- 
gemuntlied ist  sicherlich  schon  in  seiner  ältesten  Fassung  dialogisch 
vorgetragen  wurden.  In  derselben  Weise  ist  jedenfalls  auch  der 
Wartburgkri(»g  nicht  von  einiMu,  sondern  von  mehreren  Sängern  ge- 
sungen worden  •"'). 


';  IllcrIiiT  j;«'lnin'ii  vor  alh'iii  auclMlii^  kK-iiioii  iiiinll.  (icsprärlic,  die  bo- 
somlrrs  al.s  TafrlsiMMlkm  hrlirbt  waren.  \  i,'I.  Mollzcr,  !>(•  iiii(l(l«lrie<U'rlaiulschi* 
drairialisrli«;  Viu-y/w  S.  XXXVllT.  —  \YM.  .loiickblort,  (iesib.  d.  inll.  Lit.  übers. 
V.   IUt'^.  mit  Vurw.  v.  Martin   1   Leipzi«:   iSTO,  S.  oO'J. 

^;  I.ier,  Slmlieii  z.  (i^'seb.  d.  Nüniber^^'r  Fastiiaebtsjdels  3*J1T.  Ganz 
älnilicb  ist  das  diirebwe«,'  diab>^isciie  Stüek  ..Kätsel  mii  Hätsel"  im  NVuiider- 
borri.     (ll(Mii|)el)    11  2(5.'), 

'-^J.   Waekeriiaij^el,   Kleinere  Sebrifteii   II   lo. 


'2\) 


A])er  nicht  nur  die  S])nicbp(»esie,  sondern  auch  die  Lyrik  liatte 
vielfach  einen  aus^(»sprochen  dialogischen  Charakter.  Man  denke  nur 
ans  Lieheslied  und  besonders  ans  Tagelied  ^);  und  wenn  in  den 
Handschriften  ein  dialogisch  gehaltnes  Lied  oft  als  ^ein  Wechsel'' 
bezeichnet  wird-),  so  kann  sich  das  auch  auf  den  Vortrag  beziehn, 
z.  B.  Neidh.  24,13  S.   li>l;    MSH  '2W'  217*  u.  s.  w. 

Es  lag  also  allenthalben  iri  der  deutschen  Dichtung  ein 
dramatischer  Zug,  der  zu  dramatischer  Darstellung  verlocken  musste. 

Diese  Versuchung  wurde  aber  noch  bedeutend  grösser  durch 
das  Marionettenspiel,  das  schon  früh  in  Deutschland  gepflegt  wurde*^). 
Die  Darstellung  eines  solchen  Spiels  in  Herrats  von  Laudsperg 
Hortus  deliciarum  lässt  es  ziemlich  ungeschickt  erscheinen^). 
Gerade  dadurch  mochte  es  wie  noch  heute  das  Puppen-  oder 
Kasperletheater  aufs  Volk  wirken,  in  einigenuassen  gebildeten 
Kreisen  musste  man  dieses  Ungeschick  lästig  empfinden  und  von 
selbst  auf  den  (iedanken  kommen,  Menschen  statt  der  Puppen  ein- 
zuführen, um  wahrer  und  geschickter  spielen  zu  können'»).  Es 
wäre  auch  geradezu  verwunderlich,  wenn  die  Spielleute,  die  schon 
durch  ihren  Beruf  und  durch  den  Wettbewerb  mit  ihren  Standes- 
genossen gezwungen  waren,  stets  und  immer  wi(»d(»r  etwas  Neues 
zu  bieten,  um  ihre  Zuhörerschaft  zu  fesseln,  nicht  schon  früh 
dramatische  Darstellungen  versucht  hätten. 

Den  (Taukh'rn  und  Possenreissern  der  Jahnnärkte,  die  auch 
in  (iruppen  zusammen  auftraten^»),  werden  bessere  (lenossen  in 
V(»riiehmerer  ilesellsi  liaft  entsprochen  haben.  Bei  festlichen  (lelegen- 
heiten  strömten  Spielleute  scharenweise  an  den  Höfen  zusammen; 
thaten  sich  zwei  oder  melir  von  ihnen  zusammen,  so  war  die 
Spielgesellschaft    b(»ieinander^).     Dass    von    ihren    Stücken    nichts 

*)  Wackoniaj^ol   U  72:    Srlirödor   in  (ioschos  Jahrb.    f.  Lit.-Gesch.  I  47. 

«)  l^urdarh,  IJoinmar  und   Walthor,  Loi])zi.sr  18S0,  S.  70  ff. 

•'')  Charles  Mairiiiii,  Histoiro  dos  Marionottos  on  Fiiir<)j)o,  Paris  1N.')'2, 
•2r,9ff.:   Sohultz,  Hölisrhos   I.ohon  1-^  'MIS. 

*)  Enj/oHiard,  Tafoln  ziini  Ilortus  drl.  Taf.  V:  Schoihio  Klostor  VI  Fi^. 
102  u.  S.  ;U7tr.:    Srhultz,  llöf.   Lob.   I^    {■)?,. 

•')  (Voizonarli  :^S8ir. 

•'•)  v«,'].  Schoiblo.  Kb^stor  VI,  :)Vr2\\. 

")  Das  (Jow(dndiob(*  ist  alb'rdin<rs,  dass  niHnnlicho  Spiolor  aucli  dio 
weiblichon  Kolion  wiodorj^^abon.  Wenn  abor  dor  bairisoho  I.andfriodo  von 
1244  von  don   „liistrionos   nniliores  socum    ducontos^   und  dor    ostorroichisolu^ 


30 


erhalten  ist,  kann  nicht  A\Tinder  nehmen.  Noch  melir  als  die 
Pfaften,  die  gar  scldecht  auf  sie  zu  sprechen  waren,  hatten  die 
Spielleute  die  Konkurrenz  ihrer  eignen  St^ndesgenossen  zu  fürchten. 
Kein  Wunder,  wenn  sie  sich  vor  jeder  schriftlichen  Mitteilung 
ihres  Spiel  Vorrates  sorglicli  hüteten! 

Im    StPSp.    liegt    uns    nun  ein  solches  Spielmannsstück  vor. 
Der   Stoff  ist   zwar   ein    andrer    als    bei    den  vorliin   besprochnen 

Laiidfriedc    von  1256    von    den    ^spillcnt  di  din  wip  mit  in    furcnt"    spricht 
[Arch.  f.  Kunde  österr.  Geschichtsquellen  I  1848  Wien,  1.  Heft  S.  51  u.  67.]f 
so    sehn    wir,    dass    vielfach  Spielleute    in    Begleitung   von  Frauenspersonen 
herumzogen.    Es  ist  wenigstens  denkbar,  dass  ein   solches  Spiellcutepaar  die 
Aufführung  übcniahm:   dann  war  der  Spielmann  gar  nicht  von  einem  Neben- 
buhler abhängig.  Gerade  bei  Spielen  wie  das  StPSp.,  wo  der  Tanz,  wie  wir  noch 
sehn  werden,  eine  grosse  Rolle  spielte,  war  eine  Frauensperson  besonders  am 
Platze:  wenn  es  sich  z.  B.  im  StPSp.  um  die  Wiedergabe  der  Herzogin  handelte, 
konnte  ein  tanzgewandtes  Spielweib  viel  mehr  Wirkung  erzielen  als  ein  Mann  in 
dieser  Frauenrolle.  Vgl.  Oswald,  hrgg.  v.  EttmüUer,  v.  985ff.  —  In  den  volkstüm- 
lichen Brauchen  werden  allerdings  von  jeher  bis  auf  den  heutigen  Tag  die  Frauen- 
rollen von  Männern  dargestellt,  wodurch  Derbheiten  und  Zoten  Thfir  und  Thor  go 
öffnet  sind.  Wenn  in  Nürnberg  keine  Weiber  mitspielten  (s.  ('reizfna<'h4ir)  Anm.), 
so  kam  dort  noch  dazu,  dass  <liese  Fastnachtspiele  ein  Vorrocht  der  Gesellen  waren, 
die  truppweise  herumzogen,  um  sich  mit  ihren  Aufführungen  einen  Verdienst  zu 
machen.  Sie  bildeten  gleichsjim  kloine  Spielgilden.  Nur  einmal  erscheinen  (^hor- 
si'hüler  als  Spieler,  auch  hier  also  oinegeschlossne(«onossenschaft.  [Lier,S.  lO.  vgl 
('reizenach  S.  407].     In  Lübeck  aber,  wo  die  Zirkelbrüderschaft  die  Aufführungen 
besorgte  fJhrb.  d.  Ver.  f.    mecklonb.    Ges<-h.    n.    Altertumskunde  X,    1845  S. 
82ff.:    Jhrb.  d.  Ver.  f.  ndd.  Sprachfors<hung  VI.  1880  S.  1  ff.],  waren  die  Spieler 
aus    besseren   Ständen,    die    nicht    wie    die    nürnberger   Gesellen    auf  Erwerb 
ausgingen.     Hier  scheinen  doch  auch  Frauen,  jedenfalls  die  Frauen  der  Zirkel- 
briider,  mitgespielt  zu  haben;    denn  alsi.  J.  1458  die  „Borch",  das  Spielgerüst, 
umfiel,  fielen  8  Männor  und   1(5  Frauen  mit  um  [Jhrb.  d.  Ver.  f.  meckl.  Gesch. 
u.  .\lttk.  X,  83:  Jhrb.  d.  Ver.  f.  ndd.  Sprchf.  VI,  2].   —  Wenn    beim    geist- 
lichen Drama  ebenfalls  nur  Männer  spielten,  so  mag  auch  hier  alte  Überlieferung 
aus  der  Anfangszeit  solcher  Auffuhrungen  obwalten,  da  der  Klerus  ursijrünglich 
(las  Spiel  übernahm.  —  Dennoch  waren  später  Frauen  unter  den  Mitwirkenden 
nicht  unerhört  [  Wackornell,  Altdoutsclie  Passionsspiele  aus  Tirol,  (fraz  1897, 
S.  LV,  CCXLU,  CrXl.lVf:  Heiuzol,  Abhdlgn.  z.   altdeutschen  Drama  S.  24  = 
Wion^T    Sitzgsbcr.    KU,     ISOrJ:     Wackernagel-Martin,    Lit.-Gesch.    II.  §    105, 
riO.]   —  Ilbenso  bleibt  für  das  weltliche  Schauspiel  die  Möglichkeit  wenigstens 
offen,  dass  mitunter   auch  Frauen    mitspielen    konnton,  besonderswo   es    sich 
wie   im   StPSp.  nicht  uninittelbar  um  einen  volkstümlichen  Brauch    handelte 
(s.  o.):    und  nur  als  eine  Möglichkeit  er^vähue  ich  diese  Vemmtung. 


31 


Sprüchen  *),  die  Behandhin^^  ist  aber  eben  dieselbe.  Ahgesehn  von 
den  lateinisch  geschriehnen  Anordnungen,  die  nichts  beweisen  (s. 
S.  2().),  unterscheidet  sicli  unser  Spiel  gar  nicht  von  jenen  dialo- 
gischen Stücken,  deren  oben  vorausgesetzte  Auflführung  >vir  uns  in 
derselben  Weise  zu  denken  haben  werden.  Vielleicht  ist  auch  ihr 
Vorbild  mit  daran  schuld,  dass  der  Verfasser  des  StPSp.  jeden 
Monolog  vermieden  hat,  zu  dem  doch  hier  gut^  Gelegenheit  war, 
um  die  erzählenden  Teile  eines  epischen  Gedichtes  wiedergeben  zu 
können  (s.  S.  20.).  Der  Hauptunterschied  des  StPSp.  von  den 
bisher  behandelten  dramatischen  Sprüchen  besteht  in  der  Bedeutung 
des  Tanzes  darin.  Betrachtet  man  den  überlieferten  Text  für  sich, 
so  ist  er  allerdings  sehr  ungeschickt.  Das  wird  aber  bedeutend 
gemildert,  wenn  man  erwägt,  dass  der  Text  nur  die  Begleitung 
des  Tanzes  ist.  Zwischen  die  Gespräche  der  Herzogin  und  Neidhart^ 
fallen  pantomimische  Darstellungen  von  mehr  oder  weniger  tanz- 
artigem Charakter.  Das  Aufsuchen  der  Blume,  das  Auffinden  und 
die  freudige  Rückkehr  zum  Hofe  sind  sicherlich  irgendwie  zum 
Ausdruck  gekommen;  im  Mittelpunkt^^  aber  stand  d(^r  Gang  zum 
Veilchen  und  das  llmtanz(?n  desselben.  Nur  wenn  man  im  Auge 
behält,  dass  der  Tanz  eigentlich  die  Haui)trolle  im  St  PS]). 
sj)ielte,  kann  man  es  richtig  würdigen^).  Wi(»  die  Gedichte  den 
Tanz  erwähnen,  so  hat  er  sich  durch  alle  Bi^handlungen  des  Stolles 
erhalten;  nicht  nur  das  GrNSp.  und  das  StSz.  sondern  sogar 
das  KlNSp.  hat  den  Tanz  ums  Veilchen  und  den  Aufzug  bei 
seinem  P]inholen  gewahrt,  (d)wohl  gerade  das  KlNSp.  den 
Nachdruck  ganz  wo  aiuhTs  hin,  auf  die  Rauferei  zwischen  Rittern 
und  Bauern  legt.  Ja  Hans  Sachs  fühlt  sich  sogar  noch  bewogen, 
ein  eignes  Maientanzlied  in  seinem  Fastnachis])iel  vom  Neidhart 
mit  dem  Veilchen    einzuschieben,  welches  von  der  Herzogin   zum 


^)  Wjihrt'ini  aus  {\om  an *:ofu Inten  (^irunch?  die  oijrentlichon  Sj)iolinann8- 
druinen  so  ^ut  wie  jran/  v«'rIoren  <re<ranj;en  sind,  sind  nns  zahlreiidie  Sprüehe 
haupUsarhlieh  dnirli  die  Meist ersinj^er  erhalten.  Da  diese  aber  vornehndirli 
das  didaktiselie  Elenjeiit  plle^^ten,  so  erklärt  es  sich  znj^leiidi  daraus,  warun» 
das  8tI*S|).  als  Tanzspiel   «ranz    allein  steht. 

'^  Darum  ist  Schönbaehs  Verj/leieh  mit  den  Mimiamhen  des  Ilerondas 
(S.  374)  nicht  j)assend.  Kr  wäri'  viel  tretfender  für  die  dnimatisehen  Vnrtrii^M- 
der  Spnich<redirhte. 


:^'2 


R*-i*-n  nm*  WihlK^n  iffr^nnsr^n  winl.  —  Hht*n>«»  muss  auch  im 
StPSp.  ilT  Tanz  der  tifi«len  Darsteller  neben  «leni  Terte  zu  seinem 
K#^'|jte  {rek^inmen  sein. 


Fastnaehtspiel  und  Frühlingsfeier. 

Ihii*  StPSp.  ist  da<  einziire  Zeugnis  für  «lie  spielmanns- 
rnänsige  Behan<llnng  eines  derartiftren  Tanzstoffes  in  Üramenform 
au«j  der  Zeit  vor  dem  Fastnaehtspiel.  Dass  solche  Stücke  aber 
mehr  im  Schwange  gewesen  sind,  lässt  sich  aus  ihrem  Fortleben 
im  Fajftnachtspiel  schliessen.  Dieses  hat  bekanntlich  mn  verschiednen 
S^fiten  her  Zuflüsse  erhalten,  die  ihre  Selbständigkeit  z.  T.  ver- 
loren hatten  und  sich  nun  im  Fastnachtspiel,  wie  in  einem 
jrro-?jeri  Sammelbecken  vereinigten.  Ein  solcher  Strom,  der  vorher 
.^Ib.^tandig  gewesen  war,  sind  die  Tanzspiele.  —  Um  dies  darzu- 
thun.  lohnt  es  sich,  einmal  genauer  die  verschieilnen  Stoffe  des 
Fai<tnachtspiels  zu  sondern. 

Ganz  fremdartig  sind,  wenn  man  Art  und  Binleutung  der 
FiLMtnaclit  iM'trachti't.  die  geistlichen  Stoffe.  Xur  eine  aufdring- 
liche I^ehrhaftigkeit  konnte  sich  bei  der  unpassendsten  von  allen 
(felegenlu'iten  derartig  breit  machen.  Zum  Teil  sind  diese  bei 
KelliT  gedruckten  Spieb»  gar  nicht  einmal  Fastnaditspiele^). 

Kine  andre  Onippe  wird  gebildet  durch  die  Szenen  aus  dem 
täglichen  lieben  in  Familie  und  (xemeinwesen.  Hierher  gehören 
die  <^2"'*^*ksalbergeschicbten.  Sie  sind  alt,  wie  ihr  Eindringen  ins 
gei?<t liehe  Drama  beweist.  Wie  wir  spater  beim  StSz.  sehn  werden, 
liegen  ihnen  Schnurren  der  Fahrenden  zu  Onrnde.  —  Die  übrigen 
Stoffe  dieser  .\rt,  wie  Ehezwiste,  Klagen  über  Futteraustragen, 
rlrainatisclie  Verlobungen,  Prügeleien,  Rechtshändel,  bilden  wenig- 
sfeiif  in  dieser  Vi>n\\  und  Fülle  den  jüngsten  Teil  unter  den 
Spielen.  Wegi'ii  der  in  ihnen  besonders  gut  anzubringenden  Derb- 
heiten und  Zoten  gehören  sie  zugleich  zu  den  beliebtesten.  Sie 
kamen  drni  riescIinKutke  der  Städter  besonders  entgegen.  Um  sie 
anzuhören,  war  ni(;lit  einmal  eine  besondre  Fastnachtstinimung 
notig. 


33 


Gering  ist  danehen  die  Zahl  der  politischen  Spiele.  Nicht 
allzu  beliebt  seheinen  auch  die  Schwank-  und  Anekdotenstoffe  vor 
Hans  Sachs  gewesen  zu  sein*). 

Eine  andre  Abteilung  machen  die  im  letzten  Grunde  auf  die 
mh<l.  Epik  zurückgehenden  StoiVe  aus.  Hierher  gehören  die  im 
Fastnachtspiel  fortlebenden  Spuren  von  Heldensage  und  Spielmanns- 
dichtung. 

Zahlreich  sind  dagegen  unter  den  Fastnacht^pielen  diejenigen, 
welche  auf  altheimische,  besonders  zur  Frfihlingsfeier  übliche 
Tänze  zurückgehn  ^).  Creizenach  warnt  zwar  S.  31)0  Amn.  2  vor 
zu  starker  Heranziehung  der  Volksgebräuche  für  die  Erklärung 
der  Entwicklung  des  Dramas.  Das  stimmt  gewiss  für  die  geist- 
lichen, nicht  aber  für  die  weltlichen  Spiele.  Hierfür  pflegt  man 
den  Einfluss  von  jener  Seit43  her  eher  zu  unterschätzen.  Es  ist 
nicht  Zufall,  dass  manche  Fastnachtspiele  schon  im  Titel  den 
Namen  „Tanz"  führen  (Fsp.  14,07,  89,  Sterz.  Sp.  XIV),  während 
in  anderen  der  Tanz  sonst  einen  grossen  Anteil  hat. 

Wenn  man  vom  volkstümlichen  Tanze  spricht,  so  kann  man 
zwei  Arten  unterscheiden,  den  Aufzug  und  den  Reienrundtanz. 
Beide  werden  als  „Tanz"  bezeichnet.  Zwischen  ihnen  steht  als 
eine  Verbindung  beider  der  Figurentanz. 

Der  Tanz,  an  sich  der  Ausdruck  hoher  Lebensfreude,  gilt 
zugleich  bei  allen  Völkern  als  eine  gewissermassen  feierliche  Hand- 
lung, die  besonders  festlichen  Gelegenheiten  eine  höhere  Würde 
verleihen  soll.  So  war  es  auch  bei  unsern  Vorvätern.  Ihnen  war 
hauptsächlich  die  Zeit  des  Jahreszeitenwechsels  eine  solche  Gelegen- 
heit, vor  allem  der  Beginn  des  neuen  Arbeitsjahres  mit  dem  wieder-, 
erwachenden  Lenze.  Zur  Feier  seines  Einzuges  waren  da  solche 
Jahreszeitentänze  vornelmilich  im  Schwange.  Dass  dazu  der 
Rundtanz  um  das  Symbol  des  neuen  Frühlings,  um  Maibaum  und 
Linde,  not^vendig  gehörte,  haben  wir  S.  14f  gesehn.  Aber  auch 
der  Aufzug  war    damit    verbunden,    galt    es    doch,    feierlich    den 


*)  Creizenach  S.  447. 

*)  Emil  Hanois,  Das  deutsche  Fasnachtspiel  im  15.  Jhd.  11.  Jhrsber. 
des  n.  ö.  Landosgymn.  in  Baden  1874.  S.  11  f.  —  Wie  überhaupt  im  Tanze 
ein  dramatisches  Element  steckte,  so  dass  leicht  mimische  Darstelluiijj^  und 
Verstellung  sich  damit  verknüpfen  konnte,  zeigen  am  besten  die  Tänze  in  der 
Chronik  von  Peter  v.  Hagenbach  (Mono,  QuoUensammlung  der  badischeii 
Landesgeschichte  111.;)  Kap.7Gff.,S.324a(r.  Ygl.lluodlieb(Snler)IX,r>0trn.8. 103. 
Gusindo,  Neidhart  mit  dein  Vcilchcu.  3 


S4 


einznlu^eiL  oder  den  Winter  hinansziitnigen,  oder  den  wflden 
Mann  zu  suchen  and  gefangen  fortzuf&hren  (s.  a.).  Gehakten  ibo 
Anfing  and  Tanz  notwendig  zar  Frfihlingsfder,  so  ist  es  iddt 
wanderbar,  dass  wir  sie  bei  den  Fastnaehtsfeierlidikeiten  stark 
vertreten  finden,  denn  aaeh  die  Fastnacht  war  ja  dmxiiaiis  eine 
Frühlingrfeier.     (s.  S.  13). 

Seit  jeher  war  aber  bei  diesen  Veranstaltongen  Aoftog  ond 
Tanz  die  Haaptsache,  während  der  Text  als  nebensidilicli  gmni  im 
Hintergrande  stand.  Er  soll  höchstens  dem  Verstindnis  des  Zu- 
schaaers  erklärend  za  Hilfe  kommen.  Ein  Beispiel  dafttr  bietet 
der  Totentanz.  Hier  war  der  Tanz  das  Gegebene,  wozu  sich  erst 
nachher  der  Text  gesellte,  am  die  einzelnen  Oruppen  nllier  za 
iHfzeichnen  and  za  erläatem '). 

So  kann  es  aaeh  nicht  Zofall  sein,  dass  gerade  die  beiden 
Haaptvertreter  des  Figarentanzes,  Schwerttanz  and  Schempartlaaf, 
zar  Fastnacht  stattfanden.  Der  Grund  liegt  vielmehr  darin,  dass 
sie  nicht  etwa  von  vom  herein  blosse  Aufzöge  waren,  etwa  zum 
Zwecke  grosser  Pompentfaltung,  wozu  besonders  der  Schempartlaof 
geworden  ist,  sondern  beide  in  engem  Zusanmienhange  mit  der 
Frfihlingsfeier  schon  ihrem  Wesen  nach  standen. 

Der  Schempartiauf  ist  allerdings  als  solcher  nicht  früher  als 
das  Fastnachtspiel  bezeugt,  er  erscheint  da  aber  schon  in  einer 
stark  entarteten  Gestalt.  Ein  alter  Kern  steckt  jedoch  darin,  der 
auf  eine  viel  ältere  Stufe  zurückweist  und  uns  zugleich  einen 
Aufschluss  darüber  giebt,  welcher  Volksbrauch  schliesslich  zum 
pomphaften  Schempartlauf  ausgeartet  ist.  Eine  Hauptrolle  unter 
den  Läufern  spielte  nämlich  der  wilde  Manu*).  Diese  mit  Moos 
bekleidete  Gestalt  ist  nichts  weiter  als  ein  S\Tnbol  des  Winters. 
Bei  dem  uralten  Streitspiel  zwischen  Winter  und  Sonmier  erschien 
jener  gewohnlich  in  Stroh,  Moos,  Laub  oder  Äste  gehüllt,  während 
der  Sommer  durch  Blumen  gekeimzeichnet  war,  oder  grüne  Zweige 
trug').     Der  wilde  Mann   wurde  dann  von  der  Jugend  in  seinem 

V  Jhrb.  (1.  Vor.  f.  ndd.  Sprachf.  1891  XVII  19f.  vgl.  Wackemagel  Kl. 
Srhr.  I  302       ZfdA  9,  iiOiff.     und  Creizcnath  4(11  f. 

•;  KiiK»  Abbildung  in  Vogt-Koch  Lit.  Gesch.  243.  Vielleicht  war  sein 
AtiHHehen  auch  inanchnial  auf  die  ^Helle''  von  Einfluss,  wenn  sie  t.  B.  als 
grosser  kinderfrossender  Mann  oder  als  hässlichcr  Teufel  erscheint,  s.  Plögel, 
(ipsch.  des  <irot4.>ske- Komischen,  Liegnitz  u.  Leipzig  1788,  S.  235. 

«;  rhland  III  17 ff:   Myth.  Gj4ff;   Mannhardt  I  245 ff. 


35 


Verstecke  aufgesucht  und  im  Triumph  gebunden  fortgeführt,  um 
unschädlich  gemacht  zu  werden  ^).  Er  spielte  in  den  Volksgebräuchen 
eine  grosse  Bolle.  Neben  Pfingsten  galt  aber  auch  die  Fastnacht 
als  Aufführungszeit  für  solche  Spiele  *).  Wie  tief  eingewurzelt  sie 
waren,  zeigen  in  der  Schweiz  die  Wirtshäuser  „zum  wilden  Mann," 
„le  Sauvage,**  welche  das  Andenken  an  jene  symbolische  Figur 
des  Winters  erhalten  haben,  und  bis  in  unsre  Zeit  leben  Wild- 
männlespiele,  wenn  auch  in  arger  Entstellung,  noch  fort'). 

Den  Zusammenhang  mit  diesen  Naturspielen  zeigen  auch  die 
übrigen  Schempartläufer  noch,  wenn  sie  grüne  Beiserbüschel  in  den 
Händen  tragen^).  Diese  deuten  darauf  hin,  dass  ihre  Träger  in 
bewoBsten  Gegensatz  zum  wilden  Mann  gesetzt  worden  sind,  den 
sie  ursprünglich  mit  ihren  grünen  Zweigen  als  Kinder  des  Frühlings 
auszutreiben  hatten,  wie  man  den  Tod  oder  den  Pfingstbutzen 
auszutreiben  pflegte.  Hier  liegt  auch  der  eigentliche  Zweck  der 
Spiesse,  welche  die  Schempartläufer  tragen,  denn  auch  Waffen 
wurden  in  solchen  Mai-  oder  Lenzspielen  benutzt,     (s.  u.). 

Ähnlich  wie  beim  Schempartlauf  liegt  es  auch  beim  Schwert- 
tanz ^).  Nicht  nur  in  Süddeutschland  ß)  wurde  er  hauptsächlich 
zur  Fastnacht  aufgeführt,  sondern  auch  im  Norden^. 


»)  Maiinhardt  I  333  flf. 

^  Bächtold,  Qesch.  d.  dcntschcn  Lit.  i.  d.  Schweiz,  Frauenfeld  1892  S. 
248:  Anmerkungen  S.  220  Verbote  von  Fastnachtsbelustigungen:  1)  „aber  in 
hänibdeni,  ebhöw,  loub  oder  derglich  ist  ouch  verboten,"  vom  Jahre  1487. 
vgl.  Usener,  Rheinisches  Museum  30,  199  f.  Ein  Spiel  vom  wilden  Mann  führt 
Bächtold,  Anm.  S.  219  aus  Aarau  v.  J.  1339  an.  In  diesen  Zusammenhang 
gehört  sicherlich  auch  der  ludus  de  quodam  homine  salvatico  ans  Padua 
V.  J.  1208  (Creizenach  377). 

»)  Weinhold  in  der  Ztschr.  d.  Ver.  f.  Volkskunde  VU  1897  S.  427  fif. 
Im  Fastnachtspiel  kommt  diese  Gestalt  in  Spiel  52  S.  391  f:  „Ein  spil  von 
Holzmennem*^  vor,  wo  zwei  Holzmänner  um  ein  Holiweibel  streiten.  Weinhold 
a.  a.  0.  S.  436.  —  Ztschr.  f.  deutsche  Kulturgesch.  Neue  Folge  IV,  1875  8. 182  flf. 

* )  Abbildungen  von  Schempartl&ufem  mit  Reiserbüscheln  und  Spiessen 
bei  Schultz,  Deutsches  Leben  Taf.  XXXI  und  XXXII  und  Vogt-Koch,  Lit. 
Gesch.  S.  243. 

*)  MüUenhoflf,  Über  den  Schwerttanz,  Festgaben  für  Homeyer  1871 
Berlin,  S.  109 flf.  und  Nachträge  in  ZfdA  18,  9flf,  20,  lOflf.  Bächtold  Lit.- 
Gesch.  Anm.  S.  64  f.  Ztschr.  f.  Völkerpsych.  19,  204 ff. 

ö)  MüllenhoflfS.  127:  Bächtold  a.a.O;  Ztschr.  f. Völkerpsychologie  19,  2r>7flf. 

^)  In  Brügge  ist  1389  und  1404  der  Schwerttanz  zu  Fastnacht  belegt ; 

Jahrb.  d.  Ver.  f.  ndd.  Sprachf.  1875,  S.  105. 

3* 


\NV-,:i  ,i*-r  Nhw»-rii,a'jz  an  nu*i  für  >i«-h  viellrfcht  &11H1  YÖtib 
ijjit  4i«'ij  .fa}jr»-*/''it*':;i»'i-rTj  zu  tlnin  hat.  »i»-  «H«^  l^t-im  NrfafTnjart 
yj.*i-}j  »'r-3<'lit)iilj  wjr.  -•  J-.T  »-r  «I'm-Ii  raarn-h»*  Pairillt*!«*.  —  Er 
war  »'iü  Wafl^-ritan/.  tiii.i  kuTj^tv..!!»**  Wattfü^j'M  war  >^in  eii?f-ntlirbfr 
Inhajt.  Mitijrit*'r  in-M-ht*^  w-jf  im  Klaubt lial^T  SchwerttanispM ' 
•'iij*'  HinriHjtunt:  *U*u  Abs^hlu^r  l»iM»'ii.  «janz  ähnliefa  i^t  e»  bd 
«l»-ii  FrfjhliTijrsl»rdU«h»'ii.  IVr  wiM«*  Manu  wunie nicht  nur  liegnhtii 
i»*l*'r  JTj*  Wa^*»T  tT'^^t-.s^^-n.  ^'•ii'leni  mau  •*nthaiiptet<' ')  ihn  andi 
...I«'r  z*'r»r«i^*' '  y  iljTi.  TinJ  wi»'  <J«T  wilde  Maniu  s«t  wnrJr  anrh 
*U'r  i'U*^  mit  ihiu  v»'rwaii'lt#'  PfiiiL'^tlmtz  In-im  Maireiten  gef*'it«4*). 
Ja  «li**  S<liw«'rttä?i/»'  tra:'*'ii  vii-lt'arh  ««i^ar  «leutliche  Sporen  daT^n. 
*\,i-^  man  ^i»-  rnit  Fruhlin^-l»rriu<li«'n  in  Verbindung  gebrikrht  hat: 
nidit  nur  in  Knirlaii-i  ,.  ^^"  d**r  Sihwvrttanz  übrigens  in  der  That 
«'in  Jahn'*z<'it*'nt»'*'t*^y  war.  -ond^ni  auch  in  I>eutschland. 

So  knint  »'in  *t-iri*<h«T  Srhw«'rttanz  einen  wilden  Mann*): 
dort,  in  ♦'iTM'in  Mi\\i:in^rh*'U  und  in  «dn«*m  lH»hinischen  heii(st  ein 
Mit»}'i«d»*r  *  fruTH'Fiw.ild  ''^. 

And*T-«'it*  tr«'li''''ren  aJ»er  Waffen  und  Waffenjfjdel  anch  zur 
KrrdiliTi{:sfi'i»*r'';.  Zum  mind«'>t**n  trat  d^rMaiirraf  mit  Wallen  auf*% 
j;»'woljidi(}i   j«'do<}i  all«'  T»'ilij«*limfr.     Wif  imtwi'ndig  si**  zu  diesen 

]<»:»  s.  iMriir. 

',    Maiinliaplt    I.  TiT  f..    4lOf. 

'     I».i-     l't/!.r.-     Jir:<|.t     -ii'li     \t>\     Ji'«iiii:iin-ii     un«l    Slaven.     M\th.   t*'y2: 

\  Mafjiihapli  I  :{.V».  .V,:}f..  :;>:,:  VolM.  Ztsrhr.  d.  Vor.  f.  Volkbknndt- 
JII.   IW,.  ;>,71.     M.\.rr  Mvth.   l.iT. 

^   Müll-nhoir  l.'iv 

•';  \V<irjli<.i.l.  \V«i}ma'}it>pi<|.'  iiifl  Linli-r  17.  .Mfdl«*iihoff  144.  Mever 
M>th.    rjj. 

',  '//"Ur.  f.   VM|k..rj,^vrh.   \\KJi:\  v.  71. 

%  Kh.  M'i-i  S.  jo«;»  .  L'IJ''  :    .Miu«iliiiii,'»Mi  •U'>  V«r.  f.  (rosch.  d,  Doatsrhen 

iri    l'.'.hlijt  u    1^').  '.'t'^^  . 

'',  Ai-ihr.  f.  d.  Kultur^.  NF.  III.  ls71,  UiMf.  Trotz  der  Entartung  zur 
\U  *.*.*],  i  U  •\*ti  j'h  ri'.'li  Kaiiipf-punu  in  'I«t  Mvdo  ih">  Vorr«»itors  und  doc 
/,.   Hua?«ri   ijii'l   irii    XMttn-trn  von  I>a\i<l   uikI  <i()liatli, 

'",  .M,»j.M}.;.rlt  I  .'iO'.i.  ;;72:  Mitlr-il.  -l.  >chlcsis<hfn  (jos.  f.  Volkskunde  lU. 
H'ft   0.   1 -:.♦-.  :»'.Mi. 


37 


Frühjalirsfeierlichkeiten  waren,  gellt  daraus  hervor,  dass  man  damit 
geradezu  Waffeimmsterungen  verbinden  konnte,  wie  in  Danzig  und 
Stralsund  i),  oder  wie  in  Soest  den  Mairitt  zum  Fehdezug  machte  ^). 
Hierher  gehört  schliesslich  die  häufige  Verbindung  von  Maifeier 
nnd  Schützenfest  •''). 

Es  ist  also  klar,  wie  man  den  Schwerttanz  zu  den  Frühlings- 
bräu('h(jii  stellen  konnte.  Wenn  dabei  gar  ein  König  auf  gekreuzten 
Schwertern  in  die  Höhe  gehoben  ^vurde'*),  so  konnte  man  auch 
diesen  mit  dem  Mai-  oder  Pfingstkönig  in  Verbindung  bringen. 
War  der  Scliwerttanz  aber  erst  zum  Frühlingsspiel  geworden,  so 
hat  seine  Pflege  zur  Fastnacht^)  nichts  Autfälliges  mehr  an  sich. 

Ein  andrer  alter  Fastnachtsbrauch,  der  für  das  Fastnachtspiel 
vorbildlich  geworden  ist,  ist  das  ümziehn  mit  dem  Pfluge  oder  der 
Egge.  Das  Einsalzen  der  Mägde  und  das  Verjüngen  der  alt<in 
Weiber^)  mag  damit  eng  verwandt  gewesen  ^ein.  Diejenigen 
Mädchen,  welche  im  verflossnen  Jahre  nicht  geheiratet  hatte», 
wurden  zur  Fastnacht  in  den  Pflug  oder  die  Egge  gespannt.  Hier 
handelt  es  sich  von  vorn  herein  um  einen  Frühlingsbrauch '^), 
wo  das  Weib  sowolil  als  die  Egge  oder  der  Pflug  Symbole  der 
Fruchtbarkeit  sind,  die  in  sinniger  Beziehung  zu  dem  neu  er- 
wachenden Leben  der  Natur  st^hn. 

Dass  dieser  Brauch,  der  vielfach  ins  Gegenteil  umgeschlagen 
und  zur  Verspottung  der  Sitzengebliebnen  geworden  war,  nicht 
nur  ein  Ulk  übermütiger  Burschen  sondern  eine  allgemein  geübte 
Sitte  war,  geht  daraus  hervor,  dass  sich  mehrere  Mädchen,  vielleicht 
weil  für  sie  die  lYauben  zu  sauer  waren,  mit  dem  Vorsatze,  im 
kornuKMiden  Jahre  nicht  zu  heiraten,  zusammenthaten,  um  so  dem 
S|)()tte  (k's  Eingespanntwerdens  die  Spitze   abzubrechen.     In  den 

')  Mannhardt  1  ;381. 

•-')  l'hhiiiil   III  [V2t,  5o,  v^l.   ob(Mi(la  SJmi':    Tabst,  8.51,5511. 

^)   Kuhn  in  /fdA  5.  47^)11:     Tabst,  I)<'r  Mai^^^n-al'  und  seine  Feste. 

V)  MüUenhoir  121  Bi  und  130  f:  Ztsclir.  1".  Völkerps^ch.  19,  230  Anm.  2 
und  241. 

^)  V^'l.  S.  X)  Anin.  7  und  s.  Mannhanlt  54(),  .558.  Vgl.  auch  die  Fa.stiiaebt«- 
känipfe  in  der  Schweiz.     Schweiz.  Arch.  f.  Volksk.  1,  271. 

'■';  s.  S.  K):    Creizenaeli   45<;  Anin.  2  u.  405. 

')  .M.vlh.  2IS.  N.  S7:  Mannhardt  1  5.5411'.,  5(;0ff:  M^^er  Myth.  2S1,  JSC. 
2'JO:  Schweiz.  Areh.  f.  Volksk.  1,  1897,  8.  134  f.  MannhanlL  Mythol.  Forseii. 
(IV  51,  S.  111. 


Canuina  Biirann  ist  ein  solches  Lied  erhalten'),  welches  jene  das 
Heiraten  verredenden  Mädclien  zu  ihrem  getrennt  von  den  übrigen 
Dorfgenossen  getanzten  Bergen  sangen.  Durch  ihre  Selbstaus- 
schliessung erkannten  sie  ab*r  den  Brauch  als  solchen  und  als  zu 
Recht  bestehend  an. 

Eng  verwandt  ist  damit  da«  in  derSchweiz  zur  Fastnacht  übliche 
Fahren  ins  Oiritzenmoos  *).  Die  alt«n  Jungfern,  der  Typus  der 
Unfruchtbarkeit,  werden  da  zur  Fastnacht,  der  Zeit  der  allgemeinen 
Wiedergeburt  in  der  Natur,  auf  ein  unfruchtbares  Moor  verbannt*). 

Hier  sehn  wir  übrigens  Aufzug  und  Rundtanz  miteinander 
verbunden,  wenn  einmal  der  Zug  mit  der  Egge  oder  dem  Pfluge 
umging,  anderseits  dabei  oder  vorher  oder  nachher  getanzt  wurde, 
wie  der  Sonderreigen  der  sich  ausschliessenden  Mädchen  vermuten  läast. 
Überhaupt  ist  zu  berücksichtigen,  dass  zwischen  den  verschiedenen 
Arten  des  Tanzes  eine  feste  Unterscheidung  nicht  getrofl'en  werden 
kann.  So  zeigen  uns  alte  Tanzbilder  Aufzug  und  Rundtanz  ver- 
einigt, wenn  einige  Paare  herumziehn,  während  die  andern  tanzen. 
Versuchen  wir  den  Rundfciuz  besonders  zu  betrachten,  so  geschieht 
dies  nur  aus  praktischen  Gründen. 

Wenn  nun  die  drei  bisher  besprochnen  Tänze  zur  Frflhlings- 
feier  gehörten  und  danun  auch  zur  Fa.stnaclit  aufgeführt  wurden,  — 
dieersten  beiden  wegen  der  grösseren  Ausstattung  vielleicht  hauptsäch- 
lich in  der  Stadt,  der  letzt«  auf  dem  Dorfe  — ,80  wird  es  begreiflich,  wie 
sie  von  ihrer  Eigenart  ein  grosses  Stück  an  die  Fastnachtspiele  abgehen 
konnten.  Was  im  grossen  auf  dem  Marktplatze  geschah,  das  ver- 
suchten im  kleinen  die  herumziehenden  Spielbanden  imFastnachtspiel. 
Auch  hier  bildet  die  meist  humoristische  Erklärung,  warum  die 
einzelne  Person  oder  die  Gesellschaft  so  oder  so  erscheint,  was  sie 


')  C,  B,  H.  203  Nr.  l:;'Ja: 

Hvia.1  hie  )>nl  umbc 

daz  sint  uIIfi  mcgoilo 

die  wellitnt  ano  nian 

alle  diseu  samer  gan. 
fl,  Vdgt  lätMiearb.  S.  85,  vgl  Hardacli  ZfdA  37,  352. 
")  BSchtold  S.  248;  Schwci  renn  che«  Arrh.  f.  Volkskunde  1,   Zürich  1897, 
S6tT.;  Big  FatitnachUpid  ana  Luiem  ZfdI'h  16,  473  ff. 
*)  Ztaehr.  f.  Vülkerpsycholcgie  14,  fi4ff.,  bes.  S.  83. 


39 


vorstellen  soll  u.  s.  w.,  und  das  Vorüberzieht!  der  einzelnen  Spieler 
den  Hauptreiz.  Diese  alte,  dramatisch  höchst  unvollkommene  Form 
ist  unter  dem  Zwange  jener  Vorbilder  lange  beibehalten  worden. 
Die  spruchartigen  Reden  sind  dabei  sehr  regelmässig;  gerade  in 
solchen  Stücken  findet  sich  auch  meistens  die  gleiche  Versanzahl 
fOr  alle  Personen'),  weil  hier  die  Heden  ein  starrer  Begleittext, 
kein  Ausdruck  wirklicher  Handlung  waren.  Die  Spieler  sprechen 
einer  nach  dem  andern  ihre  Verse,  wie  einer  nach  dem  andern  in 
das  engere  Gesichtsfeld  des  Zuschauers  trat,  um  bald  für  immer 
zu  verschwinden  und  dem  nächsten  Platz  zu  machen.  So  war  es 
jedenfalls  schon  in  den  älteren  Aufzügen,  so  ist  es  auch  bei  den 
in  Äufzugsform    gehaltnen    zahlreichen  Fastnachtspielen  (Revuen). 

Sicherlich  sinri  sogar  die  Spieler,  von  einem  Pfeifer  begleitet, 
der  oft  in  oder  nach  dem  Stücke  zum  Vorspielen  ermuntert  wird, 
in  geordnetem,  feierlichem  Aufzuge  (s.  S.  43  Anm.  3)  in  die  einzelnen 
Häuser  eingezogen  um  ihre  Fastnachtscherze  vorzutragen  und  ebenso 
wieder  abgegangen.  Dafür  spricht  die  am  Schlüsse  von  Sterz. 
Sp.  XI  erhaltne  Ordnung.  Dass  dieses  Stück  auch  von  herum- 
ziehenden Gesellen  gespielt  worden  ist,  zeigt  die  Schlussredo. 

Wie  stark  der  Kintluss ')  der  alten  Aufzüge  auf  das  Fastnacht^ 
spiel  gewesen  ist,  geht  am  besten  daraus  hervor,  dass  über  '/,, 
sämtlicher  oberdeutschen  Spiele  in  Aufzugsform  gedichtet  sind"). 
Wenn  dabei  mehrere  Personen  um  eine  Frau  werben  oder  sonst 
vor  einer  andern  in  Wettbewerb  treten,  oder  aber  jemandem  auf 
eine  Frage  der  Reihe  nach  antworten,  so  erinnert  das  an  das  Ver- 
hältnis eines  Anführers  des  Aufzuges  zu  den  übrigen  Mitwirkenden, 
in  dem   schliesslich  auch  der    Einschreicr  zu  ihnen  stehn  kann^). 

Gewöhnlich  geben  zwar  _die  Szenenanweisungen  nichts  Näheres 
über  die  Art  der  Darstellung  an,  dot^h  die  Form  zeigt  allein  den 
Zusammenhang  mit  den  Aufzügen. 


H  •)  Uet  8.  llff. 

H  *)  Vgl  Woinbuld  in  UoBches  Jabrbni-h  1  9;  Michols  84  fr. 

■  ^  Fsp.  9,   18,  -JS,  3t!,  44,  45,  50  =  105,  (>5,  71,  74,  7«,  77,  71 

■  90,  31—94,  98-101,   109,  116,  (132);    t.  T.   78. 

I  •)  1-2,  13,  14,  li;,  3-2,  3a,  38,  41,  43,  47,  Ufi,  103;   z.  T,  il3,  83,  B 

H  S.  41  Anm.  Mittd niederdeutsche  FHtnschtBpiulc  hcrsgK-  v.  Seitlmiuui, 

■  n.  Leiptig  1885,  S.  4^ff. 


40 


Die  Einwirkung  von  jener  Seite  her  ging  aber  noch  weiter, 
indem  auch  Stoffe,  die  ganz  und  gar  nichts  Aufzugartiges  an  sich 
tragen,  vollständig  oder  doch  zum  grossen  Teil  in  dieser  Art  ge- 
arbeitet sind,  obwohl  sie  dafür  die  ungeeignetste  war.  So  ist  es 
bei  einem  Teile  der  Artzkomödie  Fsp.  82,  besonders  auffällig  aber 
bei  Gerichtsverhandlungen  *). 

Inhaltlich  erinnern  auch  noch  manche  Stücke  an  die  alten 
Bräuclie.  Der  Kampf  zwischen  Sommer  und  Winter  lebt  als 
Pastnachtspiel  fort  Sterz.  Sp.  XVI.  Zu  den  Schempartläufen  kann 
man  am  ehesten  die  Spiele  von  den  Farben  stellen  (Fsp.  93,  103, 
vgl.  Sterz  Sp.  XIV),  zum  Pflugumziehn  die  ähnlichen  vom  Mägde- 
einsalzen  (76,  77,  91)  und  vor  allem  das  Eggenspiel  (30)*-^),  an 
den  Schwerttanz  erinnern  durch  die  Hinrichtung  am  Schlüsse  das 
Spiel  vom  Tanawäschel  (54),  vom  Wunderer  (62)  und  ein  Luzerner 
Bauernspiel  (ZfdPh  17,  425  ff). 

Wie  bei  den  oberdeutschen  Fastnachtspielen,  so  liegt  es  auch 
bei  den  Lübeckern.  Die  Stoffe  sind  zwar  zum  grössten  Teil 
anderer  Art'),  so  dass  schon  deshalb  an  eine  Abhängigkeit  von 
Nürnberg  nicht  gedacht  werden  kann,  der  Zusammenhang  mit  der 
Frühlingsfeier  ist  aber  auch  hier  ersichtlich.  Von  1430 — 1515 
sind  die  Titel  der  aufgeführten  Stücke  überliefert;  darunter  lässt 
allerdings  keiner  Aufzugsform  vermuten,  der  Umzug  hat  aber  in 
andrer  Fonn  auch  in  Lübeck  gegolten.  Nach  einer  Aufzeichnung 
von  1505  fuhr  nämlich  die  „Borch""  während  sämtlicher  drei 
Fastnachtstage  in  der  Stadt  umher ^).  Aufzüge  werden  auch  hi(;r 
der  (Irundstock  gewesen  sein,  woraus  wie  in  Nürnberg  das 
Fastnachtspiel  hervorwuchs,  denn  wie  dort  Schem])art  und  Sciiwert- 
tanz,  so  gehörten  auch  hier  Schwerttanz  und  Schodüvellopen  zur 
Fastnachtsfeier  •'») . 


*)  29,40,  Gl,  72,  73,  87,  88,  !>7,  104.  ganz  ähnlich  ist  lO-J,  z.  T.  auch 
51,  54,  Sterz.  Sp.  V. 

^)  Hächtold,  Anmerk.  S.  220,  Verbote  3)  wird  der  Umzug  mit  Trottbaum, 
Pflug  und  Egge  als  neues  Fastnachtspiel  verboten.      Vgl.  S.  .*>.')  Ainii.  o. 

^)  Jhrb.  d.  Ver.  f.  ndd.  Spracht*.  VI  1880,  S.  31Y.  u.  12.  (Joedeke, 
CJrundr.  l*'47()f.  vgl.  (-reizenach  42<)f. 

^)  Jhrb.  d.  Ver.  f.  ndd.  Spracht'.  VI   1880  S.  2. 

•")  ebenda  S.   11.  Mannhardt  l  '»4^.  s.S.  'S')  Anm.  8. 


41 


Eine  besondre  Form  des  Tanzes  ist  der  Beien-  oder  Rundtanz. 
Wie  er  im  Veilchenspiel  neben  dem  feierlichen  Zuge  zum  Anger 
steht,  den  man  in  gewissem  Sinne  den  Aufzügen  an  die  Seite 
stellen  kann,  so  war  er  mit  diesen  auch  bei  der  Frühlingsfeier 
verbunden,  wo  neben  dem  Einholen  des  Maien  das  Umtanzen  des 
Maibaumes  stand.  Er  gehörte  ebenso  wie  der  Aufzug  not\vendig 
zur  Feier,  wenn  ihn  auch  jugendliche  Tanzlust,  weil  er  viel  leb- 
hafter war,  bei  jeder  (Jelegenheit  pflegte  und  bevorzugt«.  Wie 
tief  der  Reientanz  im  Volke  wurzelte,  und  wie  er  gerade  in  der 
Gestalt  des  Frühlingsreigens  zum  Frühlingsfestbrauch  gehörte,  hat 
uns  das  Beispiel  des  Veilchentanzes  gelehrt  (s.  S.  11  ff.).  Er  war 
nu^hr  für  das  Vergnügen  des  Einzelnen  geschaffen,  während  der 
gemessenere  Aufzug  eher  für  die  Gesamtheit  geeignet  war.  Schon 
wenig  Tänzer  konnten  einen  Reien  springen,  ohne  Vorbereitungen 
nötig  zu  haben. 

Zum  Unterschiede  vom  Aufzuge  bietet  der  Reientanz  von  vorn 
herein  dem  Zuschauer  ein  Gesamtbild  dar,  indem  nicht  die 
einzelnen  Personen  nacheinander  vorüberziehen,  wobei  immer  nur 
eine  im  Mittelpunkte  der  augenblicklichen  Aufmerksamkeit  steht, 
wie  es  dort  der  Fall  ist,  sondern  der  Zuschauer  behält  immer  das 
Ganze  im  Auge,  wenn  dieses  sich  mcdst  auch  in  einzelne  Paare 
zergliedert.  Wohl  können  auch  beim  Aufzuge  die  Personen  paar- 
weise gehn,  so  dass  sich  ein  Anflug  von  Dialog  entwickeln  kann, 
aber  auch  dann  kommt  noch  immer  ein  Paar  nach  dem  andeni, 
nur  dass  nicht  Einzelrede  auf  Einzelrede  folgt,  sondern  eine  Zwei- 
heit  von  Rede  und  Gegenrede  *)  auf  die  andre,  während  der  Reien- 
tanz immer  etwas  Einheitliches  bleibt.  Deshalb  ist  er  auch  viel 
dnnnatis(*her.  Aber  auch  hier  steht  zunächst  der  Tanz  im  Vorder- 
grunde nicht  der  Text. 


*)  Es  kann  dabei  oinunddioselbo  Porsoii  mit  vorschiedoneii  ruich- 
cinandcr  an  sie  liorantrctoiidoii  sprochon,  z.  B.  Fsp.  l.j,  2G,  30,  70  :  Storz. 
Sp.  XV,  119:  z.  T.  75.  St.  8p.  X],  Xll.  Vgl.  S.  30  Anm.  4.  Ausserdem  können 
aber  auch  immer  nou»^  Paare  Rede  und  (lejj^cnrcde  führen,  z.  B.  25,  40, 
50  :=  05,  St.Sj>.  XVI,  z.  T.  Fsp.  11.  -  Dialogisehe  Form  kann  ferner  nach 
S.  '2i\  W  auch  aus  dem  Spruehgedicht  herrühren  z.  B.  2,  35,  GO,  (13,  1 1 3, 
(124),  Mnd.  Fsp.  8.  23  IT,  S.  3311"  Fsp.  121:  z.  T.  1,  5,  22,  55,  iOd,  131.  -  Aurh 
eine  Naeheinanderordnuug  kann  aus  dem  Spruche  herrühren  wie  Fsp.  t>4, 
vgl.  Wagner  Anh.  f.  d.  <Jesch.  d.  dtsch.  Sjir.   I  43Gff. 


4-2 


Zu  diesen  Fruhjahrstänzen  gehören  vor  allen  Dingen  die 
Tänze  uro  einen  Preis.  In  gewissem  Sinne  sind  auch  die  älteren 
Neidliartspiele ,  das  StPSp  «nd  das  GrNSp.,  derartige  Preis- 
tänze,  da  in  ihnen  die  Maihuhlenschaft  der  Lohn  ist.  Ebenso 
sind  die  Tänze  um  den  Kranz  Frflhlingätanze  (s.  S.  1  HfT). 
Daneben  waren  aber  auch  Preise  von  weniger  idealem  Werte  sehr 
beliebt,  z.  B.  ein  Hamm«!  oder  ein  Hahn'),  oder  schliesslich 
Gegenstände  fftr  den  täglichen  Gebrauch  wie  Messer,  Tücher, 
Handschuhe  u.  s.  w. ,  die  auf  dem  Maibaume  aufgehängt  und 
gewöhnlich  erklettert  werden  masst^n.  Tanzbilder  geben  davon 
eine  gute  Vorstellung"),  —  Auch  hier  liegen  FrAhlingspreistUnze 
vor.     Das  Klettern  ist  nur   spätere  Umbildung. 

Waren  diese  Reientänze  ein  Ausfluss  der  Freude  über  das 
Wiedererwachen  der  Natur,  gehörten  sie  also  mit  sur  Lenzesfeier, 
so  ist  auch  ihre  Übertragung  vom  Mai,  der  üblichen  Zeit  dafür, 
auf  ein  andres  Früh] ahrsf est,  die  Fastnacht  nicht  seltsam').  Hier 
ist  sie  schon  am  Stoffe  noch  viel  sichtbarer  als  bei  den  AnfzQgen. 

Diesen  Entwickelungsgang  vom  volkstfimlichen  Tanze  bis  zum 
Fastnachtspiel  können  wir  am  besten  an  den  Neidhartspielen  ver- 
folgen. Volkstänze  bildeten  hier,  wie  wir  sahen,  den  Ausgangspunkt. 
Daraus  entstehn  Spiele,  die  mit  der  Fastnacht  noch  nichts  zu  thun 
haben.  Die  grfissten  unter  ihnen ,  das  GrNSp.  und  das  StSz 
sind  jedenfalls  zur  Maifeier  aufgeführt  worden.  Erst  spät  voll- 
zieht sich  der  Übergang  ins  FastnachtspieJ  mit  dem  KlNSp, 
Aber  auch  hier  (Iil"2,io)  und  hei  Hans  Sachs  wird  noch  trotz  der 
Aufl'öhrung  an  Fastnacht  ausdrücklich  der  Mai  erwähnt  und  seine 
Feier  begangen. 

Es  ist  nicht  zu  verwundern,  dass  sich  Keienspiele  in  bei 
weitem  geringerer  Zahl  im  Fastnachtspiel  finden  als  Aufzüge, 
die  als  die  feierlichere  Art  des  Tanzes  in  verschiedenen  Bräuchen 

')  Bfihmc,  (Jpsch.  d.  Twiies  I,  63,  I71f.,  Schulti,  Hof.  Leb.  !•  547; 
Maniihwdt  I  387,  81)6,  490:  SchulU,  DenUchps  Leb.  495.—  Ebroda  Fig. 
5Dti  wird   BUgenEchniiilicb  um   einun  Ring  gotanxt. 

*)  P.  Lucroix,  Miienrs,  asAgcs  ut  ciistiimt!»  au  tuoji'n  &);('.  l'aris  1871, 
Fig.  69;  SihnlU,  Deutsches  Le*.  Fig.  2I2|  vgl.  Mannbsrdt  l  IBSff. 

*)  Binc  Verbindung  run  Pastnaftit  und  Keicntuii  Hrbeint  noch  dursh- 
zulouchtcn,  wenn  in  Schlesien  die  Kinder  Eum  Ringelreihen  aingen:  .Ringel 
Ringel  Kasten,  morgen  nifissen  wir  faslen,  ninrgen  nifisseii  wir  früh  aufatelm, 
in  die  liebe  Kirche  gebn,  Kuehen  backen,  Strub  cinbackcn,  Kickcriki!'' 


43 


ganz  besonders  eng  mit  der  Fastnacht  verbunden  waren,  während 
der  Heien  allgemeineren  Charakter  hatte.  Ausser  den  Neidhart- 
spielen sind  nur  zwei  Hahnentänze  erhalten  (67  und  89).  Die 
Hahnentänze  sind  Rundtänze,  doch  so,  wie  sie  überliefert  sind, 
unterscheiden  sie  sich  kaum  von  den  Aufzügen.  Das  gilt 
besonders  von  Fsp.  89.  Das  besagt  aber  nichts.  Einmal  wird  bei  der 
Aufführung  durch  die  Darstellung  des  Tanzes  das  Bild  doch  ein 
ganz  andres  gewesen  sein,  als  der  blosse  Text  vermuten  lässt,  femer 
bietet  das  Fastnachtspiel  längst  nicht  mehr  die  ursprüngliche 
Gestalt  des  Volksbrauches  dar,  da  hier  der  Text  schon  stark  in 
den  Vordergrund  getreten  ist;  schiesslich  ist,  wie  gesagt,  zwischen 
den  verschiedenen  Arten  des  Tanzes  eine  bestimmte  Grenzlinie 
überhaupt  nicht  zu  ziehen. 

In  anderen  Spielen  sagt  zwar  der  Name  nichts,  aber  es  wird 
während  des  Spieles  selbst  getanzt,  z.  B.  56,  486,i5  und  127, 
N.  212,23.  Oft  mag  es  nur  an  der  Überlieferung  liegen,  wenn 
vom  Tanze  nichts  erwähnt  wird  i).  Dass  aber  der  Zusammenhang 
zwischen  Fastnachtspiel  und  Rundtanz  in  der  That  ein  sehr  inniger 
war,  geht  daraus  hervor,  dass  in  vielen  Spielen  am  Schluss  ein 
Spieler  oder  der  Herold  einen  Tanz  heischt,  zu  dem  er  den  Spielmann 
auffordert  aufzuspielen*).  Die  oft  erwähnten  Pfeifer  hatten  nicht 
nur  den  Einzug,  sondern  auch  diese  Reien  zn  begleiten.  Sie 
gehörten  notwendig  zum  Fastnachtspiel  und  werden  in  den  Sterzinger 
Spielen  oft  als  Lutifigulus  in  denPersonen Verzeichnissen  mit  aufgöführt^. 

*)  Wahrscheinlich  ist  z.  B.  in  Fsp.  59=95  nicht  erst  am  Schlüsse,  sondern 
schon  während  des  Spiels   getanzt  worden;   ebenso  in  Fsp.  11. 

«)  Fsp.  2—6,  8,  [S.  87,20  ff.  Hier  ist  der  Schluss  des  ersten  Teils, 
das  Folgende  ist  ein  selbständiger  Abschnitt],  20,  22,  43,  51,  55,  56, 
59=95,  60,  62,  64,  66,  106,  112,  115,  128,  129,  Sterz.  Sp.  1 ;  VIII :  Fsp. 
130,  n,  V,  XI,  XVIU,  XX,  XXU,  XXV.  Im  Personenverzeichnis  von  XVII 
sind  femer  die  Spieler  nach  Tanzpaaren  angeordnet. —  Erwähnt  wird  der 
Tanz  nur  32,  263,25;  36,  276,12;  92,  727,i:)ff.;  123  wird  gesungen,  vielleicht 
auch  getanzt.     Möglicherweise  auch  in  7. 

^  In  dem  allerdings  bedeutend  jüngeren  Plan  des  Luzemer  Fastnacht- 
spiels von  1592  [ZfdPh  18,  247  fr.]  werden  Spielleute,  Fahnenträger  und 
Trabanten  aufgeführt,  die  auf  Aufzug  und  vielleicht  auch  auf  Rundtanz 
schliessen  lassen.  Wichtig  ist  besonders,  dass  der  deutsche  Dichter  diese 
Personen  erst  hinzugefügt  hat.  In  der  französischen  Vorlage  standen  sie 
nicht  [Genn.  31,  1 12].  —  Vgl.  Fsp.  57,  497,4  ,  wo  der  Pfeifer  auch  im 
Personeiiverzeichnis  aufgeführt  wird. 


44 


Diese  Menge  von  Beispielen  für  die  Verbindung  von  Aufzug 
und  Bundtanz  mit  dem  Fastnachtspiel  und  vor  allem  die  Thatsache, 
dass  sich  Aufforderungen  zum  Beien  auch  am  Schlüsse  solcher 
Spiele  oft  finden,  deren  Inhalt  mit  dem  Tanze  nicht  das  Geringste 
zu  thun  hat,  beweisen,  dass  hier  eine  alte  Gewohnheit  in  ver- 
änderter Gestalt  fortleben  muss.  Daran  ist  nicht  zu  denken,  dass 
das  Fastnachtspiel  selbständig  und  aus  freien  Stücken  die  volks- 
tümlichen Tänze  verwertet  habe;  deim  dann  bliebe  vor  allem  unklar, 
wie  Tänze  sich  auch  dort  finden  können,  wo  zu  ihrer  Einführung 
für  einen  unabhängig  dichtenden  Verfasser  gar  kein  (rrund  vorlag. 
Es  müssen  vielmehr  dramatische  Tanzspiele  schon  bestanden 
haben,  die  dem  Fastnachtsdrama  den  Tanz  übermitteln  und  einen 
so  weit  gehenden  Einfluss  ausüben  kounten;  die  Fastnachtsrundtanz- 
spiele  müssen  also  zahlreiche  lebendige  Muster  ganz  ähnlicher 
Art  vor  Augen  gehabt  haben,  deren  Einwirkung  sich  bis  auf 
Spiele  wie  das  KlNSp.  und  Hans  Sachsens  Neidhartspiel  er- 
strecken konnte,  das  zwar  vom  Dichter  ein  Fastnachtspiel  genannt 
wird,  aber  doch  weit  ab  von  seinen  übrigen  Schöpfungen  dieser 
Gattung  steht.  Ein  Spiel  von  der  Art  jener  Muster  liegt  uns 
jetzt  im  StPSp.  vor.  Hier  sind  wir  in  der  günstigen  Lage, 
den  Entwicklungsgang  und  die  Beeinflussung  des  Fastnachtspiels 
durch  das  ältere  Tanzdrama  verfolgen  zu  können.  Wie  im  StPSp. 
werden  auch  sonst  Spielleute  hauptsächlich  die  Pfleger  dieser  Gat- 
tung gewesen  sein,  wie  sie  die  Hauptträger  dramatischer  Dichtung 
und  Darstellung  überhaupt  waren  (s.  S.  "JUtt').  Sie  werden  sie  auch 
dem  Fastnachtspiel  vermittelt  haben. 

Wie  sie  neben  den  Quacksalber-  und  Marktschreierszenen 
auch  das  Spruchgedicht  dramatisch  auigefülirt  haben,  so  pflegtiui 
sie  gewiss  auch  Spiele  die  nach  dem  Muster  der  volkstümlichen 
Jahreszeitentänze  gearbeitet  waren  *),  je  nach  dem  Standi)uukt  des 

*)  Michols  erklärt  S.  48  u.  76  die  älteren  komischen  I^rameii  als  blosse 
Fortsetzung  der  von  den  Oster-  und  Passionsspielen  zu  «leu  Lej^i'iidenspirlen 
führenden  Linie.  AVenn  aber  auch  die  Lcgendenstofle  volkstümlich  waren,  so 
waren  die  Heiligenspiele  doch  immer  ernster  Natur.  Von  ihnen  ist  bis  zu 
den  weltlichen  komischen  v(dkstündichen  Stoflen  do<h  noch  ein  gewaltiger 
Schritt.  Spiellcute  werden  vielmehr  in  beiden  Fällen  die  Han])tr«»rtbildner 
zweier  getrennten  Materien  sein,  woraus  sich  auch  die  llbereinNtimmungen 
zwischen  den  komischen  Oramen  und  den  geistlichen  und  I.egenden>})ielen 
(Tkiären.     ;s.  u.; 


45 


Verfassers  für  ein  mcilir  oder  weniger  gebildetes  Publikum  passend. 
Diese  Tanzspiele  brauchten  natürlich  nicht  immer  so  durchgreifende 
Bearbeitungen  der  volkstümlichen  Motive  zu  sein  wie  das  StPSp., 
das  zwei  ganz  versc^hieden  geart^ite  Stoffe,  den  Maiehtanz  des  Volkes 
und  das  hofische  Veilchenf(»st,  zusammenschweisste.  Ein  kleiner 
aber  bedeutungsvoller  Schritt  genügte*  hierzu.  Der  von  Natur  aus 
dramatische  Tanz  wurde  zum  Drama  mit  Tanz,  in  dem  Text  und 
Handlung  sich  wehr  Sel])strindigkeit  neben  dem  vorher  die  Haui)t- 
sache  ausmac^henden  Tanze  verschafften.  Handlung  und  Tanz  stehen 
jetzt  etwa  gleichberec^htigt  nebeneinander  oder  die  Handlung  wird 
gar  zur  Hauptsache.  So  sind,  wie  wir  noch  sehen  werden,  im 
GrNSp.  die  Tänze  grösstentin'ls  zur  üblichen  Einleitung  der  sich 
immer  mehr  hervordräng(»nden  Schwankschildeningen  geworden. 
Nur  der  Werbetanz  der  Bauern  und  Ritter  hat  noch  ein  älteres 
(iepräge,  denn  dort  sind  Werben  und  Tanzen  der  Hauptinhalt — 
Wie  für  das  StPSp.  schliesslich  der  Ausgangspunkt  in  der 
Neidhartdichtung  lag,  so  wird  Neidhart  und  (h^r  unter  seinen 
Namen  gehenden  Dichtung  überhaupt  ein  grosser  Einfluss  auf  die 
Entwicklung  dieser  Tanzspicde  zuzuschreiben  sein.  Neidhart,  selbst 
schild(^rt,e  volkstümliche  Reien,  und  seine»  Dichtungen  tragen  (»in 
stark  dramatisches  (iepräg(i.  Ein  auf  zwei  Personen  verteiltes 
Reiengedicht  würde  ein  ähnlich(\s  Aussehen  haben  und  denselben 
Eindnick  hervorrufen  wie  ein  solches  Tanzspiel  im  Sinne  des 
StPSps.  —  Spiele  also,  die  zum  Teil  unter  Anlehnung  an  Neidhart 
auf  der  volkstümlichen  Frühlingsfeier  beruhten,  sind  sicher  die 
Vorgänger  der  Fastnacht^piele  gewesen.  Ihrer  Einwirkung  konnten 
sich  aber  auch  die  geistlichen  Spiele  nicht  entziehen,  denn  die 
Magdalenentänze  gehn  auch  auf  solche  Tanzspiele  zurück.  Ihre 
Ähnlichkeit  mit  den  Fastnachtspielen,  auf  die  Wirth  S.  225  hin- 
weist, erklärt  sich  aus  dem  gemeinsamen  Ursprünge.  Die  Dich- 
ter solcher  Jahreszeitentänze,  die  Spielleute  ^),  werden  sie  selbst 
ins  geistliche  Drama  gebracht  haben. 


*)  Hier  ist  bloss  von  den  Spiellcuton  als  Dichtem  von  Tanzspielen 
die  Rede.  Ihr  Spielvorrat  war  aber  noch  viel  umfan^eicher.  Unter 
den  vorhandenen  bair.-cisterr.  Stucken  scheinen  hauptsächlich  diejenigen 
Spiehnannsdrauien  zu  sein,  welche  nicht  nach  Nftruborg  gehören.    iSie  haben 


4r. 


Rechnet  man  bou  uiitor  den  Fiistnachtäpieleii  die  Tanz-  und 
Aufzugsspiele  zusammen,  ao  bleiben  nur  nuch  verhältiiigmässig 
wenig  Dramen  flbrig,  die  oft  aoc^  noch  in  der  äusseren  Pürm  von 
jenen  abhängig  sind  (s.  8.  40  u.  4-1.)'  W*  d*s  nicht  der  Fall  ist,  da 
handelt  es  sich  meist  um  nürnberger  Stadtn-aare;  Da^  Mengen- 
verhältnis dieser  Erzeugnisse  zu  den  vun  den  FrOhüagsbräuchen 
abhängigen  giebt  erst  ein  richtiges  Bild  von  der  Abhängigkeit 
des    Fastnachtapieis. 

Auch  in  andrer  Weise  machen  sich  Unterschiede  geltend.  In 
den  Tanzapielen  fehlt  die  Reimbrechung  gänzlich.  Hans  Sachs  führt 
sie  allerdiugs  auch  im  Neidhartspiel  wie  sonst  durch.  Dass  sie 
grade  in  der  eigentlichen  Veilchengeschichte  v.  -i-i — Gl  und 
l'.i:*^19!i  sich  nicht  findet,  kann  Zufall  sein.  Sonst  gilt  es  aber 
allgemein  für  die  Aufzugs-  wie  für  die  Reienspiete  dass  ihnen  die 
Reimbreobung  ihrer  Eigenart  entsprechend  fremd  bleibt').  Auch 
das  GrNSp.,  welches  die  Reimbrechung  mit  Bewusstsein  einführt, 
hat  sie  in  den  eigentlichen  Tanzabschnitten  nicht. 

Gerade  in  den  Spielen  dieser  Art  findet  sich  auch  am  häufigsten 
die  Selbsteinftthrung  der  einzelnen  Personen.  Wenn  die  Spieler  bei 
den  älteren  Aufzügen  ihr  Äusseres  und  ihre  Bedeutung  erklären 
wollten,  SU  mussten  sie  natürlich  bei  sich  selbst  und  ihrem 
Namen  anfangen.  Das  blieb  auch  noch  so  in  den  Fastnachtspielen. 
Von  den  Aufzügen  mag  diese  Gewohnheit  ihren  Ausgangspunkt 
genommen  haben,  denn  hier  war  sie  gut  angebracht.  Sie  wird  dann 
in  andre  Spiele,  auch  in  die  geistlichen"),  eingedrungen  sein. 


auch  meistens  höherpa  Alter.  Es  sind  das  die  lltereii  Stücke  der  St«ninger 
Saiiunlunj^  (i.  Michels  51  f.)  nud  die  von  der  Hand  £  in  der  Wolfenböttier 
SHUimelhaudiichrift  G  anfgeioi ebneten  (s.  MicheU  15  ff).  Bis  auf  Fsp.  bl  : 
Sten.  Sp.  IV,  wo  die  Erwfthnuiig  der  neuen  Kleider  eu  Fastnacht  gax  nieht 
pneaend,  alxu  auch  nicht  beweisend  ist  (MicheU  49r.),  haben  sie  ^ar  nichts  au 
sich,  was  notwendig  auf  die  Fastnacht  tu  beliehen  w&re.  EintcituDg  nnd 
ächluHS  xfthlen  natürlich  nicht  mit.  Zu  beachten  ist  anch,  dass  gerade  die 
Bearbeitungen  von  Staffln  aus  der  Littetatur  m  diesen   Dramen  gehOren. 

')  Minor,  Neuhochdentach«  Metrik,  S.  356;  M.  Hemnann  i.  d.  Hans 
Sacbs-Forsfhungeii  h^rg.  v.  A.  L.  Stiefel,  Nürnberg  1894  S.  4S3.  —  Unter  den 
alttin  Spielen  mit  Reimbrechung  (Lier  23)  ist  kein  Tanzspiel.  Hauptsftchlich 
stehii  üo  vielmehr  der  Spriiehdichtunn;  nahe. 

')  li.  Ueintel,  Beschreibung  d.  geistl.  SchaDsp.  im  deutschen  Mittelalter, 
Hamburg  und  Leipzig  1898,  iÜSf. 


J 


47 

Überblicken  wir  noch  einmal  das  in  diesem  Abschnitt  Gesagte, 
so  sehn  wir  jetzt  die  Zusammengehörigkeit  von  Fastnachtspiel  und 
Frühlingstanz  deutlich.  Auf  den  engen  Zusammenhang  von  Fast- 
nachtspiel und  Tanz  ist  schon  öfter,  besonders  von  Creizenach 
(408  ff.)  und  Michels  (84  ff.,  93  ff.)  hingewiesen  worden.  Viel  wich- 
tiger ist  aber  die  Berücksichtigung  der  Frühlingsfeier. 


Es  ist  übrigens  eine  lehrreiche  Parallele,  dass  sich  auch 
ausserhalb  Deutschlands  dieselbe  Entwicklung  im  Drama  vollzieht, 
die  wir  hier  beim  Fastnachtspiel  gesehen  haben.  Die  englischen 
Spiele  von  Robin  Hood  erinnern  deutlich  an  die  Schwerttänze  ^), 
während  andre  wie  Lord  and  Lady  of  the  May  unmittelbar  aus  der 
Frühlingsfeier  erwachsen  sind*). 

Ebenso  ist  es  bei  den  Franzosen.  Das  Spiel  von  der  Blätter- 
laube (jeu  de  la  feuill^e)  von  Adam  de  la  Halle  verwendet  nicht 
nur  volkstümliche  Motive,  sondern  schildert  auch  ein  Frühlingsfest. 
Es  wurde  wahrscheinlich  auch  im  Frühjahr  zur  Feier  des  Früh- 
lings aufgeführt*). 

Noch  deutlicher  ist  es  bei  Adams  Schäferspiel  Robin  und 
Marion.  Hier  liegt  der  Zusammenhang  mit  der  Pastourellendichtung 
auf  der  Hand,  die  man  als  die  französische  Entsprechung  der  deut- 
schen höfischen  Dorfpoesie  gegenüber  ansehn  darf,  obwohl  Neidhart 
selbst  und  die  meisten  seiner  Nachahmer  davon  unbeeinflusst  sind, 
Auch  die  Aufführung  an  einem  Frühlingsfeiertage,  zu  Pfingsten, 
ist  sicher,  wenn  nicht  für  Adams  Stück,  so  doch  jedenfalls  für 
andre  Behandlungen  desselben  Stoffes^).  Also  wie  in  Deutschland, 
vollzieht  sich  auch  in  England  und  Frankreich  derselbe  Übergang 
von  der  Lenzfeier  zum  dramatischen  Spiel  und  schliesslich  zum 
komischen  Drama  ^). 

Bei  den  Griechen  und  Indern  findet  sich  übrigens  ein  ganz 
ähnliches  Verhältnis. 


*)  Creizenach  455  f. 
«)  Mannhardt  I  424  flf.,  546. 
■)  Creizenach  395. 

*)  Creizenach  397,  Mannhardt  I  546,  Anm.  3. 

^)  Creizenach  413.  —  Für  Italien  Ygl.  den  Versuch  von  Dieterich  Pn 
nolla,  Leipzig  1897,  besonders  Kap.  X. 


48 


Vom  griecliischen  Drama  ist  esbekannt,  dass  die  Haiiptaiiffiihrun^s- 
zeit,  die  im  Monat  'FAa^ijßoXicüv  (März/ April)  gefeierten  grossen 
Dionysien  mit  dem  Beginne  des    Frühlings  zusammenfielen. 

Das  indische  Drama  war  gleichfalls  mit  den  Jahreszeitenfest^n 
verbunden.  Ausführliche  Vorschriften  sind  darüber  vorhandien,  wi(» 
der  Schauspieler  den  Charakter  der  betreffenden  Jahreszeit  durch 
Mimik  auszudrücken  habe  ^).  Hauptsächlic^h  war  aber  auch  hi(jr  die 
Frühlingsfeier  die  Zeit  der  Aufführung  2). 


^)  Sähityadaq)aiia  dos  YiHvanatha  Kaviraja,  Calcutta  1851  .(  -  IMbliuthcca 

Indica  X)  Absatz  284  S.  130.     Nätjanästra  dos  Bharata,  25.  adyäya,  v.  2G1^. 

S.  284. 

*)  Wiudisch,  Der  griochischo  Einfluss  im  iiidisch(^n  Drama,  i.  d.  Yorhdl^. 
d.  5.  iuternat.    Oriontalistoiikoiigrossos    1881,    11,2,    Berlin  1882,  S.  8G,  89ff. 


Das  grosse  STeidliartspiel. 

Die  Handschrift. 

Das  grosse  Neidhartspiel  ist  in  der  Wolfenbüttler  Papierhand- 
schrift in  Quart,  die  Keller  G  nennt,  auf  Blatt  274— 321b  über- 
liefert. Es  ist  von  der  von  Michels  mit  (£  bezeichneten  Hand 
aufgeschrieben,  der  die  erste  Hälfte  des  15.  Jhdts.  als  Zeit,  die 
österreichischen  Alpenländer  als  Ort  der  Aufzeichnung  annimmt. 
Was  die  Oberlieferung  angeht,  so  ist  auf  die  Beschreibung  der 
Handschrift  ])ei  Keller  Fsp.  1344  if.  und  auf  die  ihrer  Bestandteile 
bei  Michels  4  ft'.  zu  verweisen. 

Das  GrNSp.  liegt  in  einer  schlechten  Abschrift  vor,  deren 
Schreiber  manches  verdorben  und  viel  Schreibfehler  gemacht  hat. 

Die  Handschrift  kennt  den  Namen  Engelmars  schon  in  seiner 
späteren  Form  Engelmaier.  So  erscheint  er  häufig  neben  der  alten 
Namensform.  Bis  420,  i5  steht  nur  Engelmair,  420,  21,  430,  21 
(Schwertfeger  und  Beichtschwank)  Engelmar.  Die  zweite  Vorrede 
hat  444,  21. 32  Engelmair,  445,  1,  n  Engelmar.  Die  Vorbereitung 
zum  Tanze  hat  447,  9  30  die  spätere  Form,  448,  9  die  alte;  448,25 
steht  Engelmair,  in  der  Spielgescliichte  440,  16  bis  zum  Schluss 
wieder  Engelmar.  Dem  Dichter  war  die  jüngere  Fonn  fremd;  er  reimt 
Engelmar  :  gar  3iH),  22,  419, 11;  :  jar  420,32;  :  schar  416,  is, 
426,15;  :  war  429,ii).  Engelmare  :  hare  steht  452,25.  Möglicherweise 
teilen  sich  zwei  Schreiber  in  die  beiden  Formen.  —  Vrideruns  Name 
ist  meist  verderbt.  Am  häufigsten  ist  Fridrauna  444, 35,  446, 7, 
448,4, 31.  449,  3,%  22.  2G,  28,  :ir>,  450,  i,  27,  451,  1,  23,454,  le,  24,  455, 12,22,23, 
458,  3,  12,  18. 24.  Diese  Fonn  gilt  von  der  Teufelsszene  ab,  also  für 
die  ganze  Spiegelgeschichte,  wo  Friderun  überhaupt  erst  in  den 
Vordergrund  tritt.  Der  Dichter  scheint  noch  richtig  Fridraun 
gesprochen   zu  haben.     Die    obliquen    Fridraunen    441, 20,    452, 7, 

Gusiude,  Neidhart  mit  dem  Veilchen .  4 


50 


453,  i3>  17, 19,  454, 11,  455, 23  werden  die  Form  Fridrauna^)  ver- 
anlasst haben.  Gekürzt  stehen  die  echten  obliquen  Formen  als 
Fridraunn  456, 7  und  Fridraun  420, 15  (Hdschr.  Fridaun),  451,:«^ 
452, 15,  455, 31.  Ganz  entstellt  ist  der  Name  im  ersten  Teil,  wo 
er  nur  ganz  gelegentlich  erwähnt  wird.  Fräudana  419,31.:« 
Freudana  420,2«,  Freüdanam  416, 19. 

Häufig  sind  die  im  ganzen  Stück  sich  findenden  sinnlosen 
Verschreibungen,  z.  B.  398, 14  ir  >  ich;  417,  10  in  >  ir;  433,  :n 
in  >  ich;  445,  5  sich  >  sie  u.  s.  w.  Vgl.  die  Anmerkungen  Fsp. 
1509  flf.  und  Nachl.  341  flf. 

Reine  Reime  des  Dichters  hat  die  Handschrift  oft  verdorben. 
Vielfach  hat  Michels  S.  22  ff.  das  Richtige  gegeben.  So  schrieb 
der  Dichter  offenbar  numen  kumen,  nicht  nomen  komen  nach  den 
Reimen  :  frummen  418, 20,  423,5,  439,25,  460,18,  und  :  muemen 
426, 17.  BGr.  266,  28.—  Femer  tat :  ha(b)t  467,  2;  stat :  hüCb)t4()2,  5. 
—  nune  >  nu  im  Reime  :  zu  421,:»,  438  19,  :  frue  417,  u.  — 
460,  29  hat  getan  >  lag  :  tag  —  Verderbt  ist  z.  B.  auch  444,  23, 
wo  es  etwa  heissen  muss  :  dar  komt  auch  als  ich  liab  vernumen; 
oder  399,  28  auf  euren  spor  statt  eur  spor.  u.  s.  w. 

Die  Mundart  der  Handschrift  ist  bairisch-österreichisch. 

a  für  o  :  sarg  396, 29,  448,  9.  BGr.  6.  MGr.  60. 

Der  alte  Umlaut  von  a  wird  mit  e  bezeichnet,  für  den  jungen 
steht  meist  ä,  z.  B.  geschlächte  438,  25;  fläschl  432,2k;  schätz 
396,17  u.  s.  w.;  für  den  jungen  Umlaut  von  a  kommt  aber 
auch  e  vor.  helsen  397,  2.s;  schwechen  399,  29;  vellen  401,  is 
u.  ö.  BGr.  9. 

ä  für  S  :  pfärd  466,  23,  20;  schnäller  466,  *>\,  BGr.  10. 

i  für  e  :  tritten  448,  13, 18.  Vielleicht  ist  hier  nicdit  trütan  sondern 
*  tratjan  anzunelmien  wegen  des  häufigeren  bair.  Reimes  i :  e. 
BGr/  18,     MGr.  22. 

i  für  ie  :  schir  400,  2:^  diplich  453,  ig.     BGr.  52. 

ie  für  i  :  hiern  44(),  34;  dier  398,  31.  MGr.  473,  4:).  BGr.  90. 

e  für  i  :  der  400,  17;  er  394,  20.  BGr.  358,  360. 

ö  für  ä  :  noch  406,33;  gesprochen  439,  1.  (Dies  ist  wohl  Missver- 
ständnis des  Schreibers).     MGr.  88.  BGr.  38. 

ö  füi  e  :  frömbd  429, 6,  434,  15,  459,  so,  463,  2ü.  MGr.  22. 
BGr.  26. 


51 


ei  für  e  :  meingen  441,  38.  BGr.  80.  MGr.  22. 

ö  für    eu  :  frödeii    395,  22,  413,  20,  438,  i4,  463,  22;    frödenreich 

412, 10;  dröen  464,  :«,  BGr.  59. 
iu  für  ie  :  liiuen  464,  la.     BGr.  277.     MGr.  361. 
au  für  mhd.  iu:  trau  408,  0.     BGr.  70,  101.     MGr.  125. 

Altes  und  junges  ei  sind  geschieden;  für  ei  =  mhd.  ei 
wird  <,nnvöliiilich  ai,  für  ei^mhd.imeistei  gesetzt.  Abweichungen  sind 
selten,  z.  B.  prais  406,  29  (s.  S.  57  Anm.).  ei  für  1  gilt  meist  auch  in 
den  Endungen -lieh  und -in,  wie  pitterloichen  399,  as;  dienstleich411,  23; 
warlei<*h  413,  23,  415,  ig,  422, 7,  428,  27,  429,  s;  iegleichem  433,  c; 
ewigleich  433,  .34;  sicherleich  437,  3;  sunderleich  444,  10;  waidenleich 
451,  3.4;  schnödleich  456,  r.  u.  s.  w.  —  Cristoin  401,  33,  Katrein 
401,  ar„  rubeinrot  409,  ic,  hännlein  409,  22,  hänfein  440,  11.25,  lei- 
nein 440,  12,  pestein  440,  20. 

Der  Umlaut  wird  oft  nicht  bezeichnet,  ümgelautete 
und  niclit  ümgelautete  Formen  stehn  häufig  nebeneinander.  Ein- 
mal tnig  dabei  der  Sclireibgebraucli,  das  andere  Mal  die  lebendige 
Sprache  den  Sieg  davon.  Haui>tsriclilich  handelt  es  sich  dabei 
um  den  jungen  Umlaut.—     t'ber  den  Rückimilaut  siehe  Seite  59. 

a:  ganzlich  410,  13,  411,  ig;  zärtlich  409,  u;  halslein  409,22; 
kranzlein  410,  ig,  451,  19;  strängen  (dpi.)  440, 23;  manig 
414, /i,  427, 14,  44s,  17,  467,4.  BGr.  5.  MGr.  20.  (mänie 
424,  24,  452,  33). 

O  :  sollich  393, 11.     BGr.  25.  (söllich  443,  9.  BGr.  366.). 

u  :  stuck  436,  20,  466, 5;  gelubd  444, 3;  rugken  430,  3;  Sprunge 
(acc.  pl.)  426,  s;  gluck  411,  29;  432, 11;  tunken  413,  23,  414,  2, 
452,3  u.  ö.;  wurde  40.5,  5,  411,  21,  22,24,  432,26,  461, 16  u. 
ö.;  sclmiucken  405,  ta;  unnutz  456,  20;  sulz  443,  2;  hulf 
409, 30,  459,  i.  7;  furpas  415, 21;  funvar  458,  ig;  uberlank  400, 19; 
wunniglich  448,  32.  BGr.  29.  MGr.  61.  —  Im  Reime  krucken: 
gelucken  424,  u. 

ä  :  müesalig  398,  r>;  kamen  (conj.  praet.)  416,  g;  gepard  407,  19, 
464,  2.5.  BGr.  34.    MGr.     89.  (gepärd  394,  2,  464,  31). 

6  :  krönen  443,3.');  pose  443,  is.  BGr.  54.  MGr.  111. 

uo  :  pluondes    406,  30;    gruoss  432,  u,    406,  9;    ongeftio?  ^ 
pluomlein417, 25;  fuesse  443,  4;  muessen  420,  s.  Ini' 
gemuot  406,  ir,,  407,  2,  I8.    BGr.  109.  MChr- 188. 


52 


gut  408,  4,14;    grüss  408,34,    409,  c    u.   ö:    müessen    420, 21; 
plüml  410,28,  411,  12;  u.  s.  w.). 
au  :  saumbt  419,  is,    444,  17,    447,  32;  junkfraulich  406,  15.     MGr. 
126. 

Anderseits    zeigt   die    Handschrift   Neigung  zum  Umlaut, 
wo  die  gemeinmhd.  Sprache  nicht  umzulauten  pflegt. 

e  für  ä  :  hertes  455,  2ü.  BGr.  9.  12.     MGr.  21. 

ä  für  a:  in  wärlich  415,  ig,  422,7,  428,27,  429,8,  449, 21, 
452,  ^,  456,  14,  458,  si,  459,  22,  460, 11,  462, 32,  463,  29, 
464,  21,  466, 16;  her  440,  17 ;  Gäbein  405,  33  (ei-ümlaut.  s.  zum 
StSz.).  BGr.  42.  MGr.  89.  (wariich  413,  23,  459, 30.). 

ö  (vor  Liqu.  u.  Nas.)  :  dort  397,  nj,  401,28,31,  426, 30,  429,5, 
431,1,  445,25,  448,29,  449,3;  morden  443,  2«;  komen  400,  u, 
445,  8,  25,  446, 11,  464,  23.  BGr.  25. 

fi  (vor  Liqu.  u.  Nas.)  :  ürn  450,  ig;  gefrümet  442,  i,v,  sünst 
453,29;  kürzweil  410,24,  413,8;  günnen  393, 14;  türst 
450, 4;  kümbt  435, 4,  447,  22;   küm  435,  21.   BGr.  32. 

oe  :  roes  409, 4,  411,  2;  ploess  440,24;  koeten  459,  ig.  Im  Beime 
erkoes  :  genoess  415,  5,  (erkos  :  genoss  415,  8.).  BGr.  57. 
MGr.  111. 

Ferner  steht  iu  für  eu  —  mhd.  iu:  gepütt  406,2.    BGr.  94. 
s.  das  folgende.     Vgl.  Fsp.  Nchl.  95,  14.  (gepeüt  406,  22,  441,  3g). 

ui    füreu-mhd.    iu  :  tuir    421,22.     BGr.  111.  98.     Schmoller 

§260.    Schöpf,    3.  Bozener    Progr.    d.    k.  k.  Qynm.  1S52/3. 

S.  12.  (teur  424, 3  in  derselben  Phrase.), 
fründ,    friund :  455,  81,    462,  ir>,    463,24;    s.  z.  444,  21    bei  den 

Keimen  S.  59.  (freunt  444,  24.). 
ö  für  fi  :  rörn  436,  18.  BGr.  58. 
eh  für  g  :  im  Auslaut   schlach  437,  25;    schluoch    446,34.     BCxr. 

186.  MGr.  234. 
eh   für    h  :  gach    395,  19,    465,25;     secht    401,  .30,    446,  14;     sich 

397,  IG,  402,13.27,   415,8,    426,  :u),  427,  28,  :m);    slacht  457,  2:j; 

ziecht  461,  :,2.  BGr.  183.  187.     MGr.  233. 
t  für  d  :  im  Anlaut  ausser  in  tunken  (daneben  dunkeu)  in  tanken 

443,  32;  nach  n  in  freuntiii  450,  27;    anten  456,  is;   ])egunten 

464,  17.  BGr.  140f. 


53 


p  für  b  :  im  Anlaut  allgemein,  nur  in  der  Vorsilbe  neben  pe- 
auch  be-.  l'ber  Regenpart  s.  u.  b  für  w.  —  Umgekehrt 
b  für  p  :  breisen  407,  22.  BGr.   121.  MGr.  159. 

b  für  w  :  albegen  415,^4,  453,6,  457,25;  leimbat*)  440, 7; 
grabe  440,  5,10;  Gäbein  405,  :w;  Begenbart*)  454,  21;  Regen- 
part 418,  i^,  420,29,  421,20,  u.  ö.  BGr.  124  f.  MGr.  159  f. 
(Regenwart  nur  397,  2,  u.). 

g  für  j  :  Geut  398,  24,  galt  4()4, .",.   BGr.  176.  MGr.  220. 

n  für  m  :  geraun  440,  i.^i.  BGr.  U>9.  MGr.  21G. 

S  für  seh  :  hüpslich  393,  ij;  hüpsliait  394, 12.  BGr.  154. 

Abfall  von  n  :  besonders  im  Infinitiv  sehr  häufig. 

Abfall  von  t  :  far  420,22.  BGr.  143.  MGr.  194. 

Abfall  von  eh  :  puestabn  433,  29.  BGr.  188.  MGr.  234. 

Ausfall  von  p  :  weit  400,  19.  MGr.  213.  BGr.   102. 

Anfügung  von  n  (in  der  3.  sg.  eonj.  prs.)  :  komen  42(5, 18, 
tritten  440,»,  hofiern  394,  is,  haben  440,7.  Die  Konstruktion 
mit  dem  Konjunktiv  und  die  mit  dem  Hülfsverb  scheinen  durch- 
einander geworfen  sein. 

Eins ch üb  von  b  nach  m  :  kumbt  429,  e;  frömbd  429,  e; 
sambt  403,  i^;  vernembt  438,  22;  u.  s.  w.  BGr.  126.  b  wird  p: 
krumpen  399,7.  BGr.  122. 

Der  tonlose  Endvokal  erscheint  als  a  :  vor  t  394,  23, 
407,  :i4,  417,9,  420,2«;,  424,22,  440,  13,  448,  :io,  459,5;  vor  r 
niemar  405,23,  nindart  418, -22;  vor  n  fahan  437,  n,  447,  u.  BGr. 
8.   —  Alt  ist  wannan  437,  2«. 

Das  starke  Adjektiv  bildet  den  nom.  acc  pl.  neutr.  auf 
eu.  BGr.  309.  s.  Michels  19. 

eu  neben  euch,  eu  meist  Dativ,  aber  auch  Akkus.  450,  23, 
4()7,  6.  BGr.  358.  MGr.  474. 

Der  Instr.  des  Pron.  ist  weu  439,  22.  BGr.  307.  MGr.  489. 

Das  part.  praes.  ohne  ge-  steht  in  geben  394,26,  406,26, 
(funden  411,33  ist  gemeinmhd.),  zogen  404,6,  (pracht458,  10  ist 
ebenfalls  allgemein).  MGr.  373.  405.  Paul^  §  308. 


')  Vgl.  leimat,  Schöpf,  Bozener  Progr.  8.  36. 

»)  In  Erkenwolt  445, 33,  456, 34,  457, 7,  8  iat  ei  wo"  "  f fir  b 

wegen  Neidh.  XXI,  21,  XXXII,  le,  177,  5  in  e,  X" 
(YgL  GGA.  1882  H  894).  BGr.  136.  MGr.  178. 


54 


Schwaches  Praet.  bei  starken  Verben  findet  sieh  ausser 
bei  dem  allgemeinen  pegimde  417,  u,  4fri4,  i:,  4»».j,  i:  in  hauet«? 
466,  5.  (hiue'n  404,  n.).  MGr.  425.  BGr.  3>:if. 

Schwache  Verben  mit  starkem  Praet.  :  trt-Iaii hen  4^^7,  i». 
MGr.  125.  BGr.  323.  —  Alte  starke  f\»rm  ist  in  gepauen  4ls,  im. 
MGr.  425. 

sein  :  imper.  pis  419,  ^i.  —  3  pl.  iml.  i»raes.  seind  4n:;.  3., 
419,:«,  sein  441,  3  7.  12,  445,  n,  447,  41;,  ^in^l  435,  o.  —  1  pl. 
ind,  praes.  sein  401,  ^j,  434,  2.  :;.  jii  jt.k  BGr.  29«*.. 

Seal :  1.  pl.  ind. praes.  sullen  40s,  /:,  4\ii,si,  ja.  —  <ülK»n  4U4.  sj^ 
410,  V,.  —  3.  pl.  ind.  praes.  süUen  39«;.  j-.;.  —  -2.  pl.  <filt  3'J4.  2:», 

403.13,  404,  :i2,  u.  ü.  —  2.  sg,  prs.  s.dt  400,7,  4^1,  :;.  —  :i  sg. 
praes.  s(d  410, :«,  412,  i,  u.  ö.  —  3  pl.  suln  42^, -:,  43s,  ,,.  u.  r». 

—  2pl.  8olt397,  :;2,  399, 2;j,  404,4,  u.M.  BGr.  327.  MGr.  411. 

wll :  1.  pl.  ind.  praes.  wellen  395,  21,  39<),  j:,  3:n.  iv  sj.  —  2  pl. 
wellet  413,  17,  451,  c,  weit  41«i,  w,  424,  /:,  429,  j:.  —  2.  >g.  wildu 
416,  n,  442,  m.  —  1.  pl.  praet.  wolten  447,  t6.  —  1.  sg.  loni.  praet. 
wolt  396,  3.  4.  8,  39«,  14,  u>,  405,  24,  usw.  —  Im  Keime  lieisst  ilie 
2.  pl.  prs.    wolt  :  sold  462,:,  :  huld  4(;2,iy.    BGr.  335.  MGr.  421. 

kan  :  3.  pl.  ind.  praes.  künnen  393,  y,  lo.  12.  —  3.  pl.  kmmen 
441,  9.  —  1  jd.  kunnen  43»,  y.  1.  pl.  künden  434,  >  mit  einge- 
schobenem d  (s.  lue  Keime  iid  :  nn).  —  2.  pl.  ind.  praes.  künt 
454,3.  —  3.  pl.  künden  394,:-^.   BGr.  329.  MGr.  413. 

haben:  1.   ^g.  conj.   prt.  hiet  40(;,  ^,^,  414,:::;,   43(1,  14,  -ßK  tj. 

—  2.  pl.  bietet  457,  2.  4üO,  r,. —  1.  pl.  bieten  4(>0,  iv.  —  1.  ind. 
praet.  bete  43«,  :v4.  —  3.  sg.  bete  404,  •.♦.  —  l.pl.  coni.  prt.  betten 
421,2.0.  —  1.  i^<;.  coni.  pi*t.  bätt  43(J,  j:».  —  3.  sg.  roiii.  i>raet. 
bat  465,  «.  —  3.  pl.  cj.  prt.  betten  4(15.  :.  —   1.  jjg.  ind.  prs.  hau 

399.14,  409,27,  414,  1.  u.  s.  w.,  h;il)(f)  419,  11.  M(.ir.  31)4.  BCir. 
319fl'. 

Wäbrend  wir  bier  lauter  bair.-üsterr.  Eigentümlirbkeiten  vor 
uns  batteii,  finden  sieb  auch  aleinannisebe.  Dazu  gebort  das 
häufige  mir  für  wir.  s.  Keller  Fsp.  1509  zu  421,  jj  u.  ü.  AGr. 
412.  BGr.  357. 

419,11  ecli  für  eucb  kaim  verscbriebeii  sein,  doch  vgl. 
AGr.  413. 

2.  pl.  ind.  prs.  auf  -en  :  treiben  454,  r.  auf  -ent  :  koment 
419,10.  MGr.  309.  AGr.  342,  3(;:;.  B(;r.  2t^4,  337. 


55 


Zweifelhaft  ist  legen  460, ».  Vielleicht  soll  es  heissen :  Dass 
ern  noch  ain  mal  pei  dem  wein  Wolt  legen  (er  für  ir  s.  o.). 

Man  wird  durch  die  Mundart  der  Handschrift  nach  Tirol 
gewiesen.  Zu  beachten  ist  hauptsächlich  oe  fBr  öu,  iu  für  eu, 
ö  für  6  und  die  Vorliebe  für  den  Umlaut.  —  Diese  Erscheinungen 
sprechen  besonders  fBr  die  Thäler  südlich  des  Ober-Innthals  zwischen 
Etsch-  und  Zillerthal. 


Hundart  des  Spiels. 

Älmlich  ist  die  Mundart  des  Spiels. 
o  :  a.  herzog  :  tag  304,  27.  BGr.  6.  MGr.  60. 
a  :  u.   bekant .-  mund   408,  14.      Michels    S.  24    bessert  kunt,    s. 

aber  BGr.  28.  Heidelb.     Passsp.  5229. 
e  :  e.   schwechen  :  rechen  399,  29;  swertfeger :  tagen  426, 38 ;  vegen  ; 

geben  427,  s;    rächte  :  geschlächte  438,  24;    enpöm  :  schweren 

452,  29;  pfart :  schwärt  457, 17;  pf&rd  :  ward  465,  i4.  BGr.  12. 

MGr.  41. 
e  :  i.  meingen  :  pringen  441,  ss;  tritte  :  sitte  446,  s  (s.  S.50  :  i  fÖr  e). 

BGr.  18.  MGr.  22. 
o  :  u.  numen  :  kumen  :  frummen :  muemen.  s.  S.  50.  BGr.  28.  266. 
ö  :  ü  vor  r.  gürtl  :  pörtl  396,  s  ;    morden  :  erzürnen  :  443,i9.  BGr. 

33. 
&:  ai.    borait :  spat  455,  m.    Michels  S.  21  will  „sp&t^  schreiben 

und    daraus    auf    grobdialektische    Aussprache    des   Dichters 

schliessen.     Vgl.    aber    fruo  und  spat  :  stat  410, 12.  BGr.  89. 

MGr.  123.  Wirth  168. 
& :  ae.  trat  :  rat  416,  e.  BGr.  42.  34.  MGr.  89. 
&  :  §  (vor  r).    gekart :   fart  411, 17;    rat :  gelert  484,  9.    BGr.  89. 

MGr.  97. 

Länge  und  Kürze  sind  im  Beime  gebunden,  u.  zw. 
nicht  bloss  die  schon  mhd.  erlaubten  FäUe,  sondern  auch  vor 
Muten.  Die  junge  Stammsübendehnung  ist  also  durchgeführt. 
Ausser  ar  :  ar,  an  :  an,  al  :  al  findet  sich  a:  ä  in  398, 13  verzagen: 
wagen;  405,  37  fragen  ;  sagen;  435,  20  frag  :  mag;  440,  29  pflagen: 


56 


tagen;  417,  35  stat :  hat;  450,  24  lat:  sat;  462,  5  stat :  ha(b)t;  464,  10 
taten  :  staten.     BGr.  36.  MGr.  24. 

o  :  6.  neben  or  :  6r,  on  :  6n  steht  got :  tot  429,  3.  BGr.  55.  MGr.  (52. 

Hierher  gehört  auch  i  :  ie  gesig  :  krieg  399,  4;  ligen:  kriegen  429,  2«;; 
daneben  vier :  mier  401,  31;  gier  :  erapier  404, 7;  schier  :  mir 
432.  lg;  fil :  vederkiel  447,  7.  BGr.  90.  MGr.  45. 

U  :  UO.  mnemen  :  kamen  (Hdschr.  komen.)  426,  17;  huor  :  auserkuor 
429,  28,  s.  DWB,  V,  696,  4c;  du :  tuon  431,  12;  nu  (Hdschr. 
nune)  :  zuo,  frue  s.  S.  50.  BGr.  114.  MGr.  59,  71. 

e :  §  (vor  r).  kere  :  here  395,  5;  geweren  :  oren  404,  .^3;  seh  wert :  lert 
416,  26;  gern  :  rem  (Hdsclir.  rörn)  436,  17;  her  :  mer  403,  9; 
widerker  :  ger  411,  6;  vekeren  :  sclieren433,  r,;  geweren  :  leren 
434,  16;  herr  :  er  439,  7;  herrn  :  ern  439,  lo;  keren  :  weren 
441,  9;  meren  :  here  446,  lo;  her  :  ser  454,  r».  BGr.  48.  MGr.  42. 

fi:  ae.  euere :waere 467,  e;  tat :  stet461, 20;  miien:gen420,  in.  BGr.  43. 

S :  ae  maer  :  hör  404,  1,  451,  21;  gepärden  :  werden  440,  33,  453,  23; 
enper :  schwär  436,  12.  BGr.  43.  (12.  48.). 

Der  ümlant  fehlt  bei  a  in  tanzen :  spranzen  397,  n.  —  In 
geswechen  :  machen  447,  is  ist  eher  altes  geswachen  anzusetzen. 
BGr.  5.  MGr.  20. 

O.  wolf  rMarcolf  403,  le.  BGr.  25. 

6.  pöse:  gekose  453,  n.  BGr.  54.  MGr.  111. 

Uo.  diemuot :  behuot  407,  28.  (Rückumlaut  steht  fest.  s.  u.) 
BGr.  109.  MGr.  138. 

Unechter  Umlaut  ö  =  o  :  ü  (vor  r).  morden  :  erzürnen  443,  19. 
BGr.  25. 

oa:öu.  schauen :  freuen  464,25.  BGr.  104. 

Ö2  0e.  BGr.  54.  57.  MGr.  111.  schoen  :  kroen  407,  :w.  Hier  ist 
aber  vielleicht  oe  vom  Schreiber  gesetzt  für  ünumgelautetes  0. 

gr:eh.  g  wird  im  Auslaut  aspiriert.  BGr.  186.  MGr.  234.  volg(en) 
:  ungemolch(en)  437,  22;  Scheühenpflueg  :  Polsterpruoch  445,  >7; 
lag  :  sach  459,  34.  —  vor  t-Suffix  beschicht :  ptligt  405,  g. 
BGr.  183.  177.  MGr.  241;  oder  =  et  ^).  BGr.  173. 


*)  Wi«  in  margt  440,  22. 


57 


h :  eh,  geweih(e)t :  peicht  435,  2«.  BGr.  183.  MGr.  233.  —  In  geli- 
hen  :  verzigen  4()1,  12  ist  wohl  geligen  anzusetzen.    BGr.   178. 

Ausfall  von  h.  BGr.  194.  MGr.  241.  allzeit :  leicht  (3.  sg.  prs.) 
435,  10.  Ks  gilt  für  das  Spiel  fän  und  slän  z.  B.  schlan  :  va(ha)n 
437,  lo;  gefa(ha)n  :  getan  447,  u;  lan  :  schla(he)n  421,  17; 
empfa(ch)t :  lat  394,  -m. 

Abfall  von  h.  BGr.  195.  MGr.  242.   hochifro  448,1«. 

Abfall  von  t.  BGr.  143.  MGr.    194.  Beispiele  bei  Michels  S.  22 

f.  3);  femer  schiede  r^verlie  453,  15  (s.  S.  50). 
Abfall  von  d.  BGr.  149.  wolrsold   462,27. 

Ausfall    von    d    (zwischen    r    und    n).    wor(de)n :  torn    438,7; 

niör(de)n  :  erzürnen  443,  19.  BGr.  14«.  MGr.  ISO. 
Abfall  von    n    besonders    im  Infinitiv  sehr    häufig.    BGr.     167. 

MGr.  215.  Beispiele  bei  Michels  S.  22,2).  land  393,24. 

Verschleifung  von  p  vor  Dentalen.  BGr.  162.  MGr.  213- 
Neithart :  tat  459,  26;  Pernhart :  schad  432,  lo;  rat :  gelert 
434,9;  paun  :  pauren  436,  1;  auen  :  pauern  421,7.  (pauren 
ist  gesclirieben,  gesprochen  wurde  jedoch  pau'n).  Durch 
die  Verflüchtigungsfähigkeit  der  Endsilben  erklärt  sich 
auch  ein  Reim  >vie  swertfeger :  tegen  426,  a«. 

Wichtig  sind  die  ei-Reime.  Es  reimt  in  der  Regel  nur  altes 
und  junges  ei  unter  sich.  Der  Reim  schalmaien  :  raien  413,  «>  muss 
besonders  betrachtet  werden.  Bei  vokalisch  auslautenden  Wurzeln 
ist  nach  Wredes  Untersuchungen,  der  gerade  hierfür  eine  Reihe 
Beispiele  anführt,  die  Cirkumflektierung  und  die  I)ii)hthongierung 
um  einen  Akt  früher  eingetreten  als  bei  konsonantisch  auslauten- 
den, nachdem  vorher  der  Endsilbenvokal  synkopiert  worden  war. 
Es  wird  also  schon  schalmein  gesprochen  worden  sein,  als  Worte 
\ne  is,  riten  u.  s.  w.  noch  monophthongisch  waren  (s.  ZfdA  39, 
272  f.,  295.).  Allerdings  handelt  es  sich  hier  tn>tzdem  um  altes 
und  junges  ei.  Ein  zweites  Beispiel  ist  unrain  :  sein  449,  14. 
Ausserdem  sind  aber  sonst  beid^j  ei  im  Reime  nicht  gebunden  ^). 
Wenn  Michels  S.  18  f.  aus    der  Scheidung  der  alten  und  jungen 


*)  Michels  S.  17  führt  noch  Hebenstreit :  verhait  398,^4  an.  Hier  liegt 
aber  mhd.  verhiet  vor.  Die  Schreibung  ai  ist  nicht  beweiskräftig,  s.  S.  ol 
z.  B.  prais  436,  29. 


58 


ei  auf  Abfassung  in  „vornehmer  Dichtersprache"  des  Mittelalters, 
die  dem  Mhd.  noch  entsprach,  schliessen  will  ^),  so  über- 
sieht er  dabei,  dass  bis  heut«  in  der  Mundart  ei  ---  i  und  ei  =  ei 
streng  geschieden  werden.  Der  Dichter  brauchte  also  nur  seiner 
eignen  Sprechweise  zu  folgen,  um  beide  auseinanderzuhalten. 
Michels  führt  ferner  hauptsächlich  für  seine  Ansiclit  S.  16  flf. 
Fälle  an,  wo  i :  ei  =  i  oder  ei  --  i :  ie  reimt.  Von  den  Beispielen  dafür 
fallen  zunächst  die  weg,  wo  die  Endsilbe  -lieh  als  -leich  erscheint, 
-leich  und  -lieh  stehn  beide  nebeneinander,  aucli  im  GrNSp.  Der 
Schreiber  hat  oft  eins  für  das  andere  gesetzt  und  dadurch  den 
Reim  gestört.  So  schreibt  er  endleich :  sich  410,34;  anderseits 
diemuotigklich  :  peicht  431,  ic;  irölichen  :  pfeifen  395,  2«^).  —  Eben- 
so steht  das  Suffix  -ein  neben  -in.  BGr.  78.  —  448,  -si)  leirat : 
gezieret  ist  gezeiret  gesi)rochen  worden.  MGr.  131.  BGr.  7i),81.  — 
Zu  sei  =  si,    das  Michels  S.  19  anführt,  s.  MGr.  477.  BGr.  360. 

Es  bleibt  demnach  nur  noch  ein  einziger  Reim  übrig,  der  nicht 
weggeschafft  werden  kann,  sin :  mein  394,  5.  Wegen  des  einen 
Reimes  auf  Abfassung  des  ganzen  Stückes  in  mlid.  Dichtersprache 
zu  schliessen  ist  doch  gewagt.  Ausserdem  würde  der  Versbau 
Schwierigkeiten  machen.  Oft  genügt  freilich  eine  kleine  Änderung, 
Weglassung  oder  Hinzufügung  kleiner  unwiclitiger  Worte,  Beseiti- 
gung des  Hilfsverbs  u.  s.  w.  aber  nicht  überall.  Olme  grosse 
Gewaltsamkeit  würde  es  nicht  abgehen  und  dazu  haben  wir  kein 
Recht.     Wir  werden  S.  SS  einen  andern  Ausweg  finden. 

Reime  auf  au  finden  sich  31.  Davon  sind  =  mhd.  ou  :  ü  gauraen  : 
pfraumen  421,  15;  auenipauren  421,?;  Schnabelrauch  :  auch 
403,  27;  427,  24;  auch  :  rauch  433,  24;  frau  :  pau  ^Voi>^  24.  In 
paun  :  pauren  436, 1  liegt  die  alte  Nebenform  mit  ou  vor. 
In  den  höfischen  Abschnitten  (S.  78  if.)  finden  sich  allerdings 
keine  ou  :  ü  Reime,  aber  bei  der  geringen  Zahl  von  Beispielen 
hat  das  nichts  zu  sagen,  zumal  da  in  diesen  Stücken  nur  2 
au-Reime  vorkonunen. 


>)  Hierin  folgt  ihm  Nagl-Zeidler,  Osterr.  Lit.-Gesch.  S.  376. 

2)  So  ist  es  auch  in  anderen  Stücken,  z.  B.  123.  28,  475,  i»;  500,  3, 
765,  8,  932,14,  937,22,  940,  11,  941,  11,  947,34,  951,  2,  952,  2,  954,29, 
Nchl.  74,31,87,  10,  vgl.  auch  Nchl.   197,  I6,  214,  ß. 


59 


Angehängtes  e  im  Praet.  starker  Verben,  überschaine :  aine 
394,  8.  MGr.  374.  BGr.  290.  Wahrscheinlich  fällt  das  nur 
dem  Schreiber  zu  wie  schiede  453,  ig. 

Das   Suffix  -er    trägt  eine    Hebung   BQr.  212.  kamrer  :  her 
417,23,    445,7;     Pfutzner :  Lungentriefer     445,29.    s.    Vogt 
Forschungen  z.  dtsch.    Philologie,  Festgabe  f.  R.  Hildebrand 
Leipzig  1894,  S.  162  IT. 
Verkürzt  ist  rechte  :  präohte  401,  i«;  knechte  :  prächte  412, 34; 

äffen  :  schlafen  433,  y.  Mllr.   88. 

Neben  nicht  ist  auch  nit  im  Reim  vertreten,  nit  :  sit  396,  i8, 
433,  1"'.  Der  Schreiber  sprach  nit  und  hat  öfter  damit  den  Reim 
verdorben.  Er  sclireibt  nit  :  gedieht  39(>,  29  =  448,  O;  :  gericht 
450,(5;  :  pcschiclit  418,  :w;  :  pöswiclit  438,9.  BGr.  255  und  oben 
Ausfiill  von  li. 

Eine  S(»ndorstellung  liat  „freunt".  Im  GrNSp.  steht  meist 
frcunt,  daneben  auch  friunt  z.  B.  463,  24,  455,  31.  Gerade  von 
mild,  vriunt  liat  sicli  die  alte  F(»rm  littcrarisch  lange  gehalten. 
BGr.  84  (vgl.  30.  60).  Der  Dichter  des  GrNSj).  brauchte  sie,  wie 
der  Keim  fremiden  :  künden  444,  20  beweist.  Vgl.  Fsp.  Nchl. 
121,  1:1  freunt  :  kiint. 

p  :  g  vor  n.  diern  :  piegen  400,  11;  bewarn  :  tragen  443,  2.  BGr.  164. 
nt  :  nn.     lUir.   141.  kunten  :  pegunden  465,  10. 
nd  :  nn.   MGr.  216.  BGr.    171.  Ahnden  :  innen  410,3;;. 
m  :  n.  BGr.  169.    MGr.  216.   haim  :  allein  396,  24;   wunsam  :  han 

411,  31»;   an  :  kam  460,   6;    Wegonprant  :  sambt  403,  i7. 

Das  Part.  ])raot.  der  schwachen  Verben  hat  Rttckumlaut; 
geschaut  :  liant  415,  :).*i:  ungei)fant  :  bekant  455,9;  gehört  :  wort 
420,  30,  438,  2s;  gekust  :  ij^clust  412,  t;  diemuot  :  behuot  407,  29. 
(S.  .')()). — Auch  die  Handschrift  hat  keinen  Umlaut  im  ind.  und 
part.  praot.  satzt  412,  31 ;  dackt  412,  28,  417,  27;  gezuckt  457,  is; 
lioj-ten  4(50,  14.  —  Darum  ist  es  fraglich,  ol)  man  den  Reim  gesant  : 
convent  435,  2u  mit  Michels  S.  24  in  gesendt  ändeni  darf.  Es 
wäre  der  einzige  Fall  von  umgelautctem  i)art.  praet. 

VV'ährend  wir  bisher  Reijne  fanden,  die  für  den  bair.-österr. 
Dialekt  als  rein  gelten,  finden  sich  auch  solche,  die  für  die  Mund- 
art unrein  sind  und  als  blosse  Assonanzen  anzusehn  sind,  Sie 
zeigen  schon  den  beginnenden  Verfall,  obwohl  sie  noch  selten  sind. 


60 


Verschiedne  Muten,  b  :  d.  peleiben  :  vermeiden  420,  21;  treiben 

:  leiden  453,  8,  —  h  :  g.  schweigen  :  treiben  454,  3;   ab  :  tag 

439,  31.    —    t :  g.    stat  :  lag.  418,  26.  —  d  :  g.     steig  :  neid 

442,  23;  Milchfridel :   Hellrigel   445,  31 ;    ande  :  lange  458,  31. 

Muta  mit    Spirans,     (s.    0.  g  :  ch).  p  :  f.     Ackertrapp  :  Maulaff 

445,  37.  —  b  :  h,  geben  :  jehen   425,  9. 
Verschiedne  Spiranten,     eh  :  f.  frolichen  :  pfeifen  395,  2»».  s  :  f. 

ritterschaft  :  warst  423,  24.     (s.  u.). 
Unreiner  Reim  wegen  eines  inlautenden  Konsonanten. 
L  stelt :  get  (?)  456,  »;  veioln  :  Ion  394,  is  [vielleicht  soll  es  hoissen 

veioln  schon  ;  Ion]. 
b.  verderbt  :  gevert  42(>,  28;  stalle  :  kalbe  436,  21.  —  t.  pesser  : 
lester  423,  u;  zuckten  :  stucken  4(>6,  -t. 
399,  18  Milchfridel  :  mit  will  Michels  bessern  in  Milchfrit. 
Aber  der  Reim  Milchfridl  :  Hellrigel  445,  31  spricht  für  die  über- 
lieferte Form,  die  auch  in  den  Anweisungen  437,  2<1,  453,  2:»,  459,  21 
steht.  Apj)ellativ  ist  es  Hntzl.  II  85,  is,^.  Sterz  Sp.  V  215. 
Vielleicht  ist  mite  zu  schreiben. 

a :  i.  stille  :  alle  (nom.  masc.    pl.)    460,  11;  allen  (dat.  masc.  pl.) 
:  willen  460,  24. 

Auf  alemannisches  Gebiet  weist  vielleicht  der  Reim  a  :  ö 
halten  :  schelten  456,  ii;  gesant  :  convent  435,  2»;  (s.  Rückumlaut 
S.  59).  Wir  werden  es  aber  hier  mit  <ler  späteren  EntAvicklung  zu 
thun  haben,  die  dem  mhd.  bair.-österr.  Dialekt  noch  ziemlich 
fremd  ist.  B6r.  6;  Frommann  Mundarten  III  16;  Schmeller, 
§  183.  —  Wir  werden  das  GrNSp.  in  dieselbe  Gegend  zu  setzen 
haben,  die  wir  als  die  Heimat  der  Hdschr.  vermutet  haben. 
Dahin  weist  auch,  da  sonst  schwäbischem  Spuren  fehlen,  der  Reim 
st :  seht  liste  :  erwischet  460  ,17.  BGr.  157,  154.  und  rn  :  gn  (S.  59). 

Für  die  zeitliche  Bestimmung  giebt  einen  Anhalt  der  im  15. 
Jhd.  autkommende  Reim  ü  :  ö  und  die  gleichzeitig  auftretende  3- 
pl.  ind.  sein.  —  Auf  der  andern  Seite  hat  die  2.  sg.  ind.  praet. 
noch  die  alte  Form  in  auserkuor  429,  20.  Hier  ist  Dehnung  ein- 
getreten (s.  S.  56),  In  macht  400, »  haben  ^rir  auch  noch  die 
alte  Fonn.    —    423,  25  steht    aber    warst/).    Dies    ist  der  unum- 

V)    Wenn    dios»'r    Ikum    dem    Dichter    wirklich    gehört    und  nicht  ent- 
stellt  ist. 


X 


61 


gelautete  Konj.-Stamm  (B6r.  299.  M6r.  365)  mit  der  Indikativ- 
endung, wie  sie  iml2.  Jhd.  eintritt.  BGr.  •291.M6r.374.  Der  schon  am 
Ende  des  14.  Jhd.  beginnende  Ausgleich  durch  Einführung  des 
Indikativstammes  in  der  2.  sg.  prt.  findet  sich  noch  nicht.  —  Es 
ist  also  die  alte  konjunktivische  Form  allein  sicher,  die  sich  bis  in 
den  Anfang  des  15.  Jhd.  hinübergerettet  hat.  BGr.  291,  325. 
MGr.  374.  —  Wir  dürfen  nicht  weit  vom  Anfange  des  15.  Jhd. 
abrücken,  wenn  auch  nicht  gerade  an  die  allerersten  Jahre  zu 
denken  sein  wird. 


Versbau. 

Der  Versbau  des  GrNSp.  ist  mit  den  meisten  andern  Fast- 
nachtspielen verglichen  sehr  regelmässig.  Michels  wollte  deslialb 
S.  24  f.  ein  dem  streng  mhd.  Verse  nahestehendes  Schema  her- 
stellen. Das  lässt  sich  manchmal,  aber  nicht  immer  leicht  bewerk- 
stelligen. Dass  Epitheta  hinzugefügt  seien,  ist  möglich,  ebenso  die 
Umwandlung  in  Sätze  mit  Hilfsverben,  bei  den  Anreden  mit  dem 
Namen  (Kler  mit  „gnädiger  Herr"  ist  es  ersichtlich.  In  solchen 
Fällen  kann  man  wohl  bessernd  eingreifen  und  überlange  Verse 
heilen,  aber  das  hilft  nicht  immer.  Deshalb  darf  man  es  nur 
dann  versuchen,  wenn  das  Verderbnis  klar  zu  Tage  liegt.  Aller- 
dings ist  die  schlechte  Überlieferung  nicht  verlässlich.  Zusammen- 
gezogene und  nichtzusammengezogene  Formen  können  erst  nach- 
träglich für  einander  eingetreten  sein  und  dadurch  mehrsilbige 
oder  fehlende  Senkung  erst  veranlasst  haben.  Dasselbe  gilt  vom 
Auftakt.  Hier  Hesse  sich  leicht  Regelmässigkeit  herbeiführen. 
Will  man  das  überall,  wo  es  angängig  ist,  thun,  so  würde  zwar 
manches  der  in  dieser  Betrachtung  benutzten  Beispiele  wegfallen, 
das  Gesamtbild  würde  sich  aber  so  gut  wie  gar  nicht  verschieben, 
da  noch  eine  Reihe  Fälle  übrig  bleibt,  an  denen  alle  Glättungs- 
versuche  scheitern. 

Verse  mit  Auftakt  wechseln  mit  Versen  ohne  Auftakt.  M 
ist    er    einsilbig.     Die    Verse    mit   Auftakt   überwiegen,    e 


fi2 


Verhältnis  von  4  :  3.  Mitunter  findet  sich  zweisilbiger  Auf- 
takt. Fälle  wie  415,  9  :  So  entgelte  des  der  sein  nie  genoss, 
können  oline  weiteres  einsilbig  gemacht  werden;  e])enso  Beispiele 
wie  41  n,  13  auf  das  gaü.  Das  ist  aber  schon  nicht  melir  möglich 
bei  422,  25  unser  kainer,  444,  32  dass  sein  Englmair,  453,  w 
do  man  uns,  400,  y  ich  war  lieber,  402,  24  dass  er  morgen, 
400,  18  ich  näm  ander,  u.  a.  m. 

Die  (leltung  des  dreisil])igen  Auftaktes  ist  fraglich. 
Meist  liegt  die  Änderung  auf  der  Hand  :  und  ir(e)  3J)0,  r,r,;  süll(en) 
wir  415,  22;  dass  mach(a)t  420,  2«;  dass  d(u)  empeissest 
421,  ig;  mir  (i)st  umb  Engelmair  421,  21;  vor  drei(en)  tagen 
434,  29;  war  ich  d(a)heim  430,  21;  von  ai(ne)m  wiUlen  442,  21;  so 
reck(e)t  auf  447,  2r>;  da  mit  g(e)winnen  44^,  c;  und  lass(e) 
454,  21;  unser  g(e)sellen  454,  «4;  sei  (e)s  nit  war  -157,  9;  den  ich  z(u) 
ainem  458, 7;  wie  s(i)  in  wolten  4()4,  :w;  bring(e)  zu  trinken 
407,  14.  —  Es  bleibt  noch  eine  Anzahl  Fälle,  wo  Anreden  einge- 
schoben oder  erweitert  sind,  die  den  Vers  überladen  (s.  u.). 
Scldiesslich :  305,  :m  und  will  euch  geben;  441,  21)  er  hab  wol 
zwenundreissig;  452,  9  dass  unser  kainm.  Im  ersten  Falle  ist 
vielleicht  llberfüllung  nach  dem  vorhergehenden  V(»rse  anzunehmen 
statt:  und  auch  güoten  lebzelten;  in  den  andern  beiden  kann  „wol'' 
und  „unser''  gestrichen  werden.  304,  21  ist  wohl  eins  der  beiden 
Adjektive  hinzugefügt. 

Zweisilbige  Senkung  ist  in  allen  Füssen  häufig,  selbst 
wenn  man  von  den  besserungsfähigen  Stellen  absieht.  —  Im 
ersten  Fusse:  305,  12  So  würd  ich  der  herzogin  bekänt;  408,  1.5 
Ain  äiitwurt  aus  eurem  roten  münd.  —  im  zweiten  Fusse:  413,  i« 
Ir  spilleut,  mäch(e)t  uns  ain  süessen  dön;  300,  29  Lat  seh(e)n, 
wer  wölt  uns  den  raien  schwechen.  —  im  dritten  Fusse  :  408,  m 
Ich  main  euch  liebste  jünkfrau  allein ;  421,8  Seh  eist  er  mer,  dann 
linder  sechs  paüern.     u.  s.  w.  in  allen  Teilen  des  GrNSp. 

Fehlen  der  Senkung.  Im  1.  Fusse:  408,  12  Lieb,  schön 
und  wolgetän;  432,  2:i  Hebt  an  lieber  herr  Saürkübel.  —  Im 
2.  Fusse  :  432,  ih  Der  ins  vergeit  schnell  und  schier;  407,  27  Als 
ichs  an  eu  tüon  bekennen.  —  Im  3.  Fusse:  408,  20  Wann  sein  noch 
nit  zeit  ist;  458,  n;  Dass  mag  ich  für  war  jehen  u.  s.  w. 

Mehrere  Fälle  der  Art  finden  sich  oft  in  einem  Verse  vereinigt, 
z.  B.  418,  22  er  säch  nindart  ümb  sich;  417,  21  ainer  halst  Neit- 


63 


hart;    422,  4  Under   euch  ist  mir  nindert  kainer  so  lieb;    420,  x^ 
Seit  sieher,  ee  imer  verg^t  aiii  jar,  u.  s.  w. 

-Dreisilbige  Senkung  findet  sich  auch.  Sie  kann  meist  eben- 
so vermieden  werden  wie  dreisilbiger  Auftakt.  417,  i?  die  ritter 
ha(be)n  alle;  332,  i7  darumb  ich  (i)n  ain  andern;  42i),  20  die 
schant  hat  uns  g(e)macht;  44J),  13  trünk(e)st  du  des  vil;  401,  i« 
ich  würd  im  ab(er)  fliegen;  423,  25  d(a)ran  du  stät  wärst;  443, :.  die 
s61(en)  wer(de)n  alle  mein;  457,  2.j  alleg(en)  an  der  pesten  (vgl. 
453,  ß);  422,  17  fraü(e)n  habt  vernomen;  31)5,  9  treten  an  d(ie)  schar; 
u.  s.  w.  435,  19  Get  dan,  lieben  prueder,  un  gehabt  euch  wöl!  kann 
es  g(e)habt  heissen,  oder  die  Anrede  kann  jung  sein;  41(),  n  ist 
vielleicht  zu  sprechen  :  Den  tanz  s(i)  vor  acht  tagen  verhaissen 
han;  407,  11  kann  man  bessern  :  Ich  kan  euch  nicht  (versagen 
noch)  verj^hen*);  400,  1  Ich  pin  ain  wen(i)g  pesser  den 
totter  zwen,  oder  „wenig"  ist  auszuschalten.  —  417,  20,  41i),  7  ist 
vielleicht  gefatter,  3i)4,  27  mein  hoir,  422,  7,  423,  10  gnädiger, 
425,17  die  gesollen,  432,2«  ir  herren,  437,  20  man,  4*M,  2,  14 
lieben  gesellen,  43(1,3,  437,  14  gnädiger,  411, 8  ir  junkfraun,  454,  0 
her,  454,  c    ser,  455,  20  herr  junge  Zuthat. 

Es  Hesse  sich  also  mit  einer  Reihe  Streichungen  die  dreisilbige 
Senkung  ganz  ausmerzen.  Nur  bei  zwei  Beispielen  ist  es 
schwieliger.  420,  24  Englmair,  der  noch  ganze  schinken  hat,  und 
450,  «  Und  zerpracht  die  sclinu(ir,  da  er  an  gehangen  was.  Hier 
lässt  sich  vielleicht  durch  g(e)hangen  helfen,  dort  könnte  man  im 
Nottalle  den  Namen  streichen.  Es  scheint  dreisilbige  Senkung 
\vie  dreisilbiger  Auftakt  nicht  gesprochen  worden  zu  sein,  als 
sicher  wage  ich  es  jedoch  nicht  hinzustellen,  zumal  überfüllte 
Senkung  in  Spielmannsdichtungen  besonders  gang  und  gäbe 
ist.  A])er  selbst  wenn  Dreisilbigkeit  fürs  GrNSp.  gilt,  so  ist 
es  doch  im  Versbau  noch  fern  von  der  bei  den  meisten  Fastnachts- 
spielen auffiillenden  Zügollosigkeit,  wie  es  anderseits  auch  von 
der  Silbenabzählung  noch  nichts  weiss.  Wie  in  Stofl'  und  Sprache 
zeigt  das  GrNSp.  auch  in  der  Versbehandlung  den  Zusammen- 
hang mit  der  guten  höfischen  Dichtung,  indem  ««  ''^**  mhd.  Vers- 


')  Das  veraltende  vcrjchen  wird  d« 


64 


kirnst  noch  sehr    nahe,    dem  Meistergesang  dagegen  gänzlich  fern 

steht. 

Der  gewöhnliche  Vers  ist  der  stumpfe  vierhebige  X  |  — X — X — X — * 

10%  etwa  von  allen  Versen  des  GrNSp.  haben  diese  Gestalt. 

Daneben  stehn  weibliclie  vierhebige  VerseX  |  — X — X — X — X. 
Da,  wie  wir  schon  sahen,  die  Vokaldehnnng  allgemein  durchgeführt 
ist,  so  stehn  völlig  gleichberechtigt  neben  den  Versen  mit  langer 
die  mit  ursprünglich  kurzer  Stanmasilbe,  also  X  |  — X — X — X  wX 
Es  kommen  aber  auch  dreihebige  Verse  vor.  Von  ihnen  gilt  dasselbe 
wie  von  Auftakt  und  Senkung.  Eine  Reihe  von  ihnen  lässt  sich  mit 
mehr  oder  weniger  Gewalt  ins  vierhebige  Schema  spannen,  aber  nicht 
alle.  Jedenfalls  ist  also  mit  Urnen  zu  rechnen.  —  Auch  hier  finden 
sich  männliche  und  weibliche  wie  bei  den  vierhebigen.  Die  weib- 
lichen sind  etwas  häufiger,  z.  B.  394,  13 f.  Der  s<>l  gar  pald  eilen 
Und  peiten  kain  wailen;  405,  24  f.  Darnach  wolt  ich  beginnen 
Der  lieben  süessen  minne;  427,  2  f.  Es  g6t  gen  dem  maien  So 
Mätz  und  Irmel  raien.  —  426,  26  f.  Den  will  ich  lassen  fegen.  Den 
hat  mir  der  regen.     Also  auch  hier  mhd.  kurzsilbige  Reime  ^). 

Dreihebig  stumpfe  Reime  sind  z.  B.  430,  löf.  Ir  herren  ich 
sag  euch  das  Ich  trag  im  neid  und  has;  411,  28  f.  Ir  edler  Neithart 
gail  Got  geb  euch  glück  und  hail.  u.  s.  w.  s.  Heusler,  Zur  Gesch. 
d.  altd.  Verskunst  S.  51)  ff.  —  Bemerkenswert  ist  nun,  dass  beide 
Arten  dreihebiger  Reime  mit  den  ihnen  entsprechenden  vierhebigen 
gebunden  werden.  So  steht  nebeneinander:  4()(),  :w  Nodi  wünsch 
es  alles  stat,  Das  göt  an  euch  pescluiffen  hat;  421, 7  In  ainer 
waiten  aüen  Scheist  er  mer  dann  ander  sechs  paüern;  427,  h  Dass 
s<'Jt  ir  mir  vegen.  Dass  Ion  will  ich  euch  gern  geben;  460,  22 
Was  wolt  ir  ainem  geben.  Der  in  euch  schicket  also  eben  u.  s.  w. 
Diese  Zusammenstellung  drei-  und  vierhebiger  Verse  geht  durchs 
ganze  Spiel.  Während  stumpfe  und  klingende  Verse  nicht  mehr 
unterschieden  sind,  steht  der  dreihebige  Vers,  der  zu  Beginn  des 
14.  Jhds.  auftritt,  noch  als  erlaubte  Nebenform  neben  dem  vierhebigen. 
Am  P]nde  des  15.  Jhds.  bildet  er  bereits  eine  streng  abgesonderte 
Form  (s.  S.  24).  Der  männliche  Reim  hat  entschieden  den  Vorzug 
(über  -/s).     Zu  berücksichtigen  ist,  dass,  wie  schon  erwähnt  wurde, 


^)  Vpl.  WackernoU,  Hugo  v.  Moutfort  rXCYIII,   2. 


gleichraässiger  Wechsel  von  Hebung  und  Senkung  noch  nicht 
durchgeführt  ist.  Es  begegnen  sogar  ganz  kurze  Verse:  420,  si 
Ein  üppige  wört;  439,  6  Darumb  das  ich;  453,  s  Wöm  tunkt  dass 
guot;  402, 23  Zwen  öder  drei;  n.  s.  w.  —  446,  tt.  Götz  und 
Fanz  Soll(en)  mächen  den  tunz;  ist  ein  Vers  (s.  Anm.  dazu  S.  1510) 
897,  *  f.  Ich  wais  das  Und  noch  mer  etzwaä,  wäre  das  kürzeste 
Verspaar,  wenn  nicht  etwa  auch  hier  zufälliger  Binnenreim  zum 
Auseinanderziehn  des  ersten  Verses  verleitet  hat  und  dabei  der 
zweite  verloren  gegangen  ist. 

Jedenfalls  ist  die  Versknnst  verhältnismässig  noch  altertüm- 
lich ').  Am  nächsten  steht  darin  dem  GrNSp.  das  StPSp.  und  der 
Alt  Hannentanz  (Fsp.  67). 

Auch  aus  metrischen  Gründen  ist  das  QrNSp.  nicht  zu  tief 
ins  15.  Jhd.  zu  setzen. 


Inhalt. 

Das  GrNSp.  ist  kein  einheitliches  Drama  mit  einheitlicher 
Haupthandlung,  sondern  es  reiht  verschiedene  Erzählungen  einfach 
aneinander,  die  sich  deutlich  von  einander  abheben.  £s  ist  darum 
leicht,  das  Spiel  in  seine  einzelnen  Teile  aufzulösen. 

I. 

393,  *  —  395,  6.  Prolog.  Der  Einschreier  fordert  nach  der  Ein- 
ladung zum  Zuschaun  als  Bote  der  schönsten  Frau  zum 
Veilchensuchen    und    im  Namen  des  Herzogs  zum  Tanze  auf. 

395, 7  f.  Szenenanweisung.  Wortloser  Tanz  der  Herzogin  und  ihrer 
Jungfrauen. 

395,  9  —  396,  25.  Engelnur  will  sich  an  eine  junge  Dame  heran- 
drängen und  wird  schroff  abgewiesen. 

396,  27  —  403,  30.  Bauerntanz.  Bauern  and  Bäuerinnen  thun  sich 
zu  Paaren  zusammen  und  tanzen  um  den  Maien. 

403,  S3  —  410,  19.  Rittertanz.  Angesichts  des  Maien  fordert  der 
Herzog  zu  ehrbar'T  .Minnt'  auf.  Virr  Ititfer  wnht'ii  imchoin- 
ander  um  die  Mailmlilt'nschaft  von  vier  Lloril:iiii»Fi. 

■}  Tgl.  Wackernell,  Hugo  y.  Uontfort,  6bcr  dm  Al 
die  Senkungen  CCUI  -  CCKXXV.  "" 

Oulnde,  Mtldhut  mit  diB  Vnlltban. 


66 


n.  Neidhart  mit  dem  Veilchen. 

A.  410,21 — 414,  11.  Die  eigentliche  Veilchengeschichte. 
Die  Herzogin  fordert  zum  Suchen  des  Veilchens  auf,  Neidhart 
macht  sich  auf,  findet  die  Blume,  kommt  zurück,  führt  die  Her- 
zogin feierlich  hin  und  lässt  sie  den  darüber  gedeckten  Hut 
aufheben.  Sie  bemerkt,  dass  sie  betrogen  ist  und  macht  ihm 
bittre  Vorwürfe. 

B.  414,  14 — 415,  6.  Neidharts  Klag  e  über  sein  Unglück. 

C.  415,  8  — 421,  27.  Die  Bestrafung.  Die  Ritter  suchen  Neid- 
hart zu  trösten,  versprechen  ihm  ihre  Hilfe  bei  der  Rache  und 
machen  ihn  auf  die  zu  Zeiselmauer  tanzenden  Bauern  aufmerksam. 
Der  auf  Kundschaft  geschickte  Knecht  findet  sie,  wie  sie  tanzen  und 
sich  von  Neidharts  Unglück  erzählen,  wobei  zur  grossen  Freude 
aller  der  Thäter  sich  meldet  und  seinen  Streich  schildert.  Wäh- 
rend sie  weiter  tanzen,  geht  der  Knecht  zurück.  —  Die  Ritter 
rüsten  sich  und  überfallen  die  Bauern.  Mehrere  werden  ver- 
wundet, Engelmar  rettet  sich  unter  Frideruns  Mantel.  Es  erhebt 
sich  grosse  Klage.  Enzelmann  schilt  auf  den  heil  gebliebenen 
Engelmar,  wird  aber  von  dessen  Vetter  zurechtgewiesen. 

I).  421,  30 — 426,  8.  Aussöhnung.  Die  Ritter  gehn  zum  Hof,  wo 
sie  von  dem  über  die  Beleidigung  seiner  Frau  erzürnten  Herzoge 
ungnädig  empfangen  werden.  Sie  entschuldigen  Neidhart  und 
bitten  für  ihn.  Der  Herzog  beruhigt  sich,  lässt  ihn  rufen,  bittet 
auch  die  Herzogin  für  ihn,  sodass  er  wieder  in  Gnaden  aufge- 
nommen werden  kann.  Er  wird  reich  belehnt,  dankt  dem  Herzogs- 
paare und  nimmt  wieder  Urlaub,  um  den  Bauern  einige  Streiche 
zu  spielen.     Ein  Trunk  endigt  die  Szene. 

III.  426, 15—428,  19.    Neidhart    als    Schwertfeger 

verkleidet  kommt  zu  den  tanzenden  Bauern,  die  sich  ihre  Messer 
von  ihm  schleifen  lassen  wollen.  Sobald  sie  die  Waffen  ihm 
ausgehändigt  haben,  fällt  er  über  sie  her  und  hängt  zwei  von 
ihnen  auf. 

428,  22--43(»,  3.  Klage  der  Bauern  beim  Herzog  über 
Neidhart.  Sie  werden  abgewiesen,  weil  sie  sich  selbst  die  Schuld 
zuzuschreiben  hätten.  Wieder  regt  sich  der  Neid  gegen  Engel- 
mar.    Eine  Prügelei  ist  das  Ende  vom  Liede. 


r\'.  430,6— 432,  y.  Beichtschwsnk. 
Hebenstreit  stiftet  Frieden;  unter  lauten  VerwOnschrnigen 
gegen  Neidhart  beginnt  der  Tanz  wieder.  Da  kommt  Neid- 
hart  im  Mönchskleide.  Zwei  Bauern  wollen  ihm  beichten.  Er 
spricht  sie  nicht  los,  sondern  verspricht,  einen  andern  Beichtvater 
zu  schicken. 

V.  432,  10—438,  u.  Kuttenschwank. 
Neidhart  giebt  den  Banern  zu  trinken.  Sie  schlsfen  sogleich 
davon  fest  ein.  Er  benutzt  diese  Gelegenheit,  ihnen  das  Haar  znscheren 
und  Kutten  anzuziehn.  Nach  drei  Tagen  erwachen  sie,  wundem  sich 
über  ihre  Veränderung  und  nehmen  auf  seinen  Vorschlag  den  im  Abt- 
gewande  daherkommenden  Neidhart  als  ihren  Prior.  Er  will  sie  in 
ein  KIdster  führeTi,  das  er  vom  Herzoge  erbitten  soll,  geht  mit  den 
neuen  Mönchen  an  den  Hof,  begrüsst  Herzog  und  Herzogin,  mid 
erzählt  den  Erstaunton,  womm  es  sich  handelt.  Die  Bauern  ver- 
spüren unterdes  Hunger  und  verlangen  nachhanse.  Um  sich  den 
Hunger  zu  vertreiben,  fangen  sie  an  zu  singen,  bald  aber  geraten 
sie  aneinander.  Der  Herzog  hat  ihrem  Treiben  zugesehn  und  schickt 
sie  jetzt  mit  Schimpf  und  Schande  heim.  Ihren  Dorfgenossen 
erzählen  sie,  wie  es  ihnen  ergangen  ist. 

VI.  438,16—444,  17.  Teufelspiel. 
Luzifer  beruft  die  Teufel  zur  Versammlung  und  fordert  sie  zu- 
nächst zum  Singen  auf.  Der  Lobgesang  getollt  ihm  so,  dass  sie  ihn 
wiederholen  müssen.  Darauf  spricht  er  von  der  Ho^hrtigkeit  der 
Bauern  und  heisst  die  Teufel  deren  Seelen  zur  Helle  zu  schaffen. 
Sathanas  und  Lasterbalg  rühmen  besonders  ihre  Künste  und  versprechen, 
das  Ihrige  zu  thun.  Unter  reichen  Versprechungen  werden  sie  von  Lu- 
zifer entlassen,  um  die  Hölle  mit  den  Bauern  zu  föllen. 

VII.  Die  Spiegelgeschichte. 

A.  444,  so — 446,11.  Der  Vorläufer  weist  auf  das  folgende 
Abenteuer    hin    imd   erzählt  von  den  Vorbereitungen  zum   Tanze. 

B.  446,  iJ — 456,  si.  Siucgelr^uli.  I'ralüt-nd  rühmen  die  Bauern 
ihre  Tüchtigkeit  und  Kiiniyifwut  und  versch^kmtf^l^Qeeii  Neid- 
harts  Leben.  Darauf  besprechen  sie  d 
als  sie  Fridemn  mit  den  Mädchen  i 


68 


sehn.  Während  des  Tanzes  kommt  ein  Wirt  mit  Wein,  den  sein 
Knecht  ausschreit.  Die  Bauern  sind  gleich  dabei  und  wollen 
auch  den  Mädchen  Wein  schenken.  Zunächst  wenden  sie  sich  an 
Friderun,  die  für  ihre  Person  dankt,  worauf  sie  den  übrigen  einige 
Mass  vorsetzen  lassen.  Engehnar  sucht  sich  von  Friderun  ihren 
Spiegel  zu  erschwatzen,  aber  umsonst.  Spiegel  und  Kranz  sollen 
Preise  für  den  besten  und  gesittetsten  Tänzer  sein.  Eegenwart 
fordert  zum  Wettbewerb  auf,  aber  unter  den  Bauern  gärt 
der  Grimm  gegen  Engelmar,  weil  er  auf  ihre  Kosten  die  Mädchen 
freihält,  um  sich  beliebt  zu  machen.  Die  Beschwichtigungsversuche 
werden  überhört.  Noch  einmal  versucht  Engelmar,  den  Kranz  für 
seinen  Vetter,  den  Spiegel  für  sich  zu  erbitten,  aber  wieder  ohne 
Erfolg.  Da  lässt  er  den  Tanz  von  neuem  beginnen  und  während 
des  Tanzes  reisst  er  gewaltsam  den  Spiegel  an  sich.  Die  andern 
Bauern  sind  aufgebracht  darüber,  und  als  er  gar  herausfordernd 
den  Spiegel  zertrümmert,  beginnt  eine  grosse  Hauerei,  wobei  er 
ein  Bein  einbüsst. 

C.  456, 85 — 459,  10.  Neidhart  im  Fass.  Kaumist  das  Unheil  ge- 
schehn,  als  ein  Bauer  seine  Genossen  auf  Neidhart  aufmerksam  macht, 
der  im  Fasse  verborgen  liegt,  und  an  dem  sie  ihre  Streitlust  mit  mehr 
Segen  hätten  auslassen  können.  Anfangs  sind  sie  bestürzt,  dann 
wollen  sie  ihn  fangen;  der  aber  ist  längst  entwischt  samt  seinem 
Knechte,  der  mit  bereitgehaltenen  Pferden  in  der  Nähe  war.  Nun 
kommt  die  Keue  zu  spät.  Friderun  klagt  über  den  vermeintlichen 
Tod  ihres  Buhlen  und  wird  nur  schwer  beschwichtigt.  Engelmar 
wird  von  einigen  Bauern  weggeschafft. 

Vm.   459,  13—463,  21.  Säulenschwank. 

Wie  Engelmar  fortgetragen  werden  soll,  kommt  Neidhart  mit 
einigen  Rittern  unerkannt  hinzu  und  fragt  nach  der  Ursache  seiner  Ver- 
wundung. Die  Bauern  erzählen  nun  dem  Erstaunen  heuchelnden  Neid- 
hart seinen  eignen  Streich.  Er  verspricht  ihnen  Neidhart  in  die  Handzu 
geben  und  fragt,  was  sie  dann  mit  ihm  anfangen  wollen.  Um  zu 
zeigen,  wie  sie  sich  rächen  wollten,  schlagen  sie  wütend  auf  eine 
Holzsäule  los,  dass  sie  in  Stücke  splittert.  Hundert  Mark  und  ein 
Pferd  lässt  er  sich  versprechen  für  die  Auslieferung.  Darauf  geht 
er  an  den  Hof. 


IX.  463,  24  bis  zu  Ende.  SchluBS  bei  Hofe. 
Der  Herzog  fragt  Neidhart  sofort  nach  seinen  Erlebnissen.  Von 
ihm  und  den  Rittern  hört  er  das  Vorgefallene  and  spriuht  dabei  den 
Wonsch  ans,  einmal  einem  solchen  Streiche  zuselin  zu  kSnnen.  Er  und 
die  Herzogin  erinnern  Neidhart  an  die  Gefährlichkeit  seines  Thnns, 
doch  der  sagt,  er  fürchte  die  Banem  nicht,  solange  er  ein  gntes 
Pferd  zur  Hand  habe.  Darauf  erhält  er  vom  Herzoge  sein  bestes 
Boss  und  von  der  Herzogin  mehrere  Stücke  holländischen  Tuches. 
Neidhart  dankt  und  wird  vom  Herzog  aufgefordert,  auch  weiterhin 
die  Bauern  nicht  aus  den  Augen  zu  lassen.  Den  Schluss  bildet 
wieder  ein  Trunk. 


Der  VeUehentanz. 

Wenn  das  StPSp.  der  älteste  von  allen  Berichten  ist,  die  wir 
über  ilie  Veilchengeschichte  kennen,  so  steht  ilmi  hinsichtlich  der 
Form  der  Erziihlung  das  (irNSp.  am  nächsten. 

Beide  sprechen  in  der  Einloitungsrede  von  einer  jährigen 
Buhlschaft  (10:397,  n).  luden  Stücken  selbst  wird  davon  StpSp. 
3'i  olme  Zeitbestimmung  gesprochen,  und  GrNSp.  411,  6  heisst  es 
sogar:  stätigklich  an  widerker.  Den  andern  Spielen  ist  dies 
Motiv  fremd. 

Neidhart  fordert  die  Herzogin  auf,  mit  ihren  Jungfrauen 
zum  Veilcheiitanz  zu  gehn  (38:412,33  0;  ohne  Zwischenrede  der 
Frauen  hebt  die  Herzogin  den  Hut  auf  (39  :  413,  ss)  und  schilt 
auch  allein  auf  Neidhart.  Darin  gleichen  beide  Spiele  den  Gedich- 
ten die  auch  imr  die  beiden  Hauptpersonen  ausführlich  behandeln. 
In  den  späteren  Spielen  macht  sich  dagegen  das  Bestreben  geltend, 
die  Nebenpersonen  mehr  hervortreten  zu  lassen,  selbst  auf  Kosten 
der  Hauptpersonen. 

Die  Begleitung  der  Herzogin,  welche  im  StPSp.  nur  in  der 
Phantasie  der  Zuschauer  vorhanden  ist  (S.  26),  wird  im  GrNSp. 
412,  3i,s3,  414,4  zwar  vorgeschrieben,  bleibt  aber  stumm').  Sie 
selbst  ist  unverheiratet  (s.  S.  4). 

')  Die  unmittelbare  Aorcde  411.  a,  wolclw 
ap&te  HinEufÜgniiK,  s.  S.  63.  Die  UenogiD 
JungfnaeD. 


70 


Die  Vorstellung,  dass  Neidhart  ein  Dichter  sei,  hat,  wie  schon 
Schönbach  betont  hat,  allein  das  StPSp.  und  das  GrNSp.  Den 
späteren  Spielen  ist  er  nur  der  Bauernfeind.  Auch  unter  den 
Gedichten  finden  sich  nur  wenige,  die  ihn  als  Dichter  kennen  *).  Im 
StPSp.  23 ff.,  heisst  es:  Und  wil  mich  dez  verpflichten  Daz  ich 
wil  fürbas  dichten  Das  best  daz  ich  mak  Bediu  nacht  vn  tak. 
Schönbach  erinnert  an  412,  i»:  Aller  erst  wiU  ich  heben  an  Ze 
singen,  was  ich  gelernt  han.  Wichtiger  ist  aber  460,  i:  Damit  er 
uns  wart  krenken  Und  neue  lied  erdenken.  —  Von  den  Veüchen- 
gedichten  lässt  sich  nur  MSH  EEI  202  *2:  wol  lut  begund  ich 
singen,  anführen.  Genau  besehen  besagt  das  aber  nicht  viel.  Die 
beiden  ältesten  Spiele  sind  also  hierin  noch  ursprünglicher  als 
das  Gedicht.  —  Die  Haupteigenschaft  Neidharts  hatte  für  seine 
derben  Nachfolger  keine  Verwendbarkeit,  darum  kam  sie  bald  in 
Vergessenheit. 

Am  Schlüsse  des  StPSp.  49,57  droht  Neidhart,  dem  Thäter 
ein  Bein  abschlagen  zu  wollen.  Dieselbe  Drohung  spricht  er  im 
GrNSp.  415,  2  in  seiner  Hage  über  den  ihm  angethanen  Schimpf 
aus. 

Zu  diesen  Parallelen  in  der  Handlung  kommen  die  S.  21 
angeführten  Parallelen  im  Texte.  Das  StPSp.  kann  also  dem 
Verfasser  des  GrNSp.  nicht  unbekannt  gewesen  sein.  —  Daneben 
hatte  er  aber  noch  eine  andre  Quelle,  nämlich  MSH  III  202*  ,  xvi. 

Durch  die  Benutzung  dieses  Gedichtes  hat  er  sein  Spiel  be- 
deutend verbessert.  Die  S.  20  erwähnten,  dmxh  blosses  Heraus- 
heben der  gesprochnen  Stücke  eines  Gedichts  eiitstan  denen  Lücken 
und  Härten  des  StPSp.  hat  er  an  der  Hand  seiner  anderen  Quelle 
ausgefüllt  oder  vermieden.  Die  Veilchengeschichte  beginnt  im 
GrNSp.  410,  23  mit  der  Aufforderung  der  Herzogin,  die  eine  schöne 
Naturschilderung  als  Einleitung  zu  ihrer  Aufforderung  giebt,  ganz 
im  Tone  der  Natureingänge  ^),  wie  sie  sich  nur  noch  MSH  HI  202*  1 
findet,  wo  der  Natureingang  wahrscheinlich  zugleich  Rede  Neidharts 


0  Ndh.  XXXVm,  •J7,XXX1X,  20,  L,  2,^.,  LH,  2S,  MSH  III  186»  8,  2(X)t>  7, 
217b  2,  293»  8,  295l>  22,  NF  38,  943,  3102  ff. 

^)  Vgl.  Gustav  Mayor,  Essays  und  8tudi«'ii  zur  Si»rar]igcsch.  11.  Volksk. 
I  Berlin  1885,  Über  den  Naturcingang  des   t^ehnaderhüpfrls  S.  377 f. 


71 


ist  (S.  2  Anm.  1).  Wenn  Neidhart  411, 82ff.  das  gefundene  Veilchen 
freudig  begrüsst,  so  sieht  da«  aus  wie  eine  Ausfdhrung  von  2,  4:  unt 
begunde  da  gar  vrolich  sin,  wol  lut  begund  ich  singen.  —  Der 
feierliche  Zug  zum  Anger  wird  gehörig  eingeleitet  (413,  i4,  is). 
Neidhart  fordert  die  Herzogin  auf,  den  Hut  aufzuheben,  was  sie 
iin  StPSp.,  ohne  weiteres  that.  —  Alles  das  sind  grosse  Vorzüge 
des  GrNSp.,  die  es  z.  T.  allein  von  allen  Spielen  hat,  und  die  es 
fast  ganz  dem  Gedichte  verdankt.  —  Dem  nach  der  Blume  auszie- 
henden Eitter  wünscht  nun  ausserdem  die  Herzogin  Glück  und 
Heil  auf  den  Weg,  und  als  er  zurückkonmit,  merkt  sie  ihm  schon 
von  ferne  seine  Freude  an  (412,  i9).  Dadurch  bekommt  die  ganze 
Geschichte  mehr  Farbe. 

Mit  MSH  m  202*  xvi  und  dem  StPSp.  berührt  sich  das 
GrNSp.  auch  in  der  Ausführung  des  Veilchenraubes.  Er  wird 
hier  noch  nicht  ausgesponnen,  sondern  geschieht  wortlos,  was  bei 
dem  sonst  sehr  ausführlichen  Spiel  besonders  auffällt.  Die  An- 
weisung 412,  IG  IT,  giebt  allerdings  die  Ausführung  des  Raubes  und 
des  Ersatzes  genau  an,  doch  die  Scenenanweisungen  sind  nicht 
beweiskräftig  für  die  ursprüngliche  Gestalt  des  GrNSp.  Jedenfalls 
geschah  die  Sache  nur  pantomimisch,  vielleicht  noch  zarter  als  es 
die  Anweisung  vorschreibt.  Erst  den  späteren  Stücken  blieb  es 
vorbehalten,  ihrer  grösseren  Derbheit  gemuss  auch  die  AusfQhnmg 
des  Ersatzes  dramatisch  auszugestalten,  z.  B.  StSz.  239 f. 

Auch  wörtliche  Anklänge  finden  sich.  Die  eigentliche  Veilchen- 
geschichte bis  zu  Neidharts  Klage  deckt  sich  mit  den  vier  ersten 
Strophen  des  Gedichtes. 


GrNSp.  410,  r.i  Der  winter  der 
ist  gar  gelegen, 

410,  32  Wer  nun  gen  des  maien 
zeit 
Den  veiol  künde  vinden, 
413, 11  Wir  wellen  auf  den 
freüdenplan 
Den    lieben    sumer 
schon  enphan. 


> 


vgl. 
219*2 


MSH  m  202*    1,  1  ürloup  hab 
der  winder 


1,  7    ir  sült   uf  des  maien  plan 
den  ersten  viol  schon  wen. 

vgl.     1,  15  f. 


72 


411,  M^Meinem    herzen    wurd 

kumer  pness, 
412, 13  Aller  erst  will  ich  heben 
an 
Ze  singen,  was  ich  gelernt 
han. 

412,  24  Edlen   fran  gehabt  ench 

wol! 
Die  warhait  ich  ench  sagen 

sol, 
Ich  fand  ain  veiol  lobesam, 

412,  27  Zn  hant  ich  meinen  hnot 

nam 
Und  dackt  in  über  das  plüe- 
melein. 

413,  14  Schickt   nach   den  spil- 

leuten  nnd   macht   den 
tanz! 
412, 23   Wahrleich,    frau,   mich 
tunket  guot, 
Ir  hebt  selber  auf  den  huot, 
Das  euch  der  summer  werde 
schein. 
413, 36  Ach  Neithart,  was  hastu 
gethan? 

414,  14    Wafen    mir    heut    und 

immer  mer. 
414,  25  Es    war  pesser,  ich  war 

nie  geporn, 
414,  36  Gemacht   von  dem  vilz- 

pauren 
Ich  wül(s)  im  noch  machen 

ze  sauren. 
414,  29  Der  [an]  mir    das  laster 

hat  getan, 
vgl.  414,  1,  428,  2. 


1, 13  er  kan  wol   swaere  buezen 

vgl,Tanh.MSHn90»>32 

2,  5  wol  lut  begund  ich  singen. 


3, 3    diu  rede  ist  ane  lougen 
ir  sult  alle  wesen  fro 
ich  han  den  sumer  vunden. 


2,  6  Wann  uf  die  selben  bluomen 
dar  uf  stürzt  ich  minen  huot, 
vgl.  NF  305. 

NF  157  da  erhiib  sich  ein  tancz. 


NF  164   genadige  fraw  knieget 
nider 
vnd  höpt  auf  den  hut, 
l)recht  ab  den  feiel  so  schone, 
der  befilt  uns  den  sumer  gut. 
MSH  4,  2    Nithart,  waz  habt  ir 
getan  ? 
4,  11  So  wafen   über  mich 

tumben ! 
4,  12    ich    wolte,    daz  ich 

waere  tot! 
2,  11  Daz    sah  ein  vilzge- 

bure 
2,  13  ez  wart  im  sider  ze 
sure. 
NF  200  das    laster,   daz  er  hat 
getan. 


73 


In  der  darauf  folgenden  Schilderung  von  der  Bestrafung  der 
Bauern  ist  auch  die  Zusatzstrophe  des  Gedichtes  benutzt.  Das 
Gedicht  hat  also  in  seinem  ganzen  späteren  Umfange  samt  der 
Erweiterung  schon  dem  Dichter  des  GrNSp.  vorgelegen. 


GrNSp.    420, 8     Nun    muessen 

mir  laiden  ungemach. 
420,  9  Umb  den  verfluochten 

veiol 
Geben    wir   ungefuogen  zol, 
Den  der  Neithart  am  ersten 

fand. 
420,  18   Seit    uns    penomen    ist 

der  vorsprunc(s.  Michels 

S.  22). 


5,  17  nu  muez  wir  liden 
kummer. 

5,  15  vervluochet  si  der  Sum- 
mer, 

den  der  Nithart   erste  vant! 


5,  19  nu  müg  wir  nie  mer  sprin- 
gen. 


Wenn  in  der  Veilchenrauberzählung  des  GrNSp.  410,  23 — 415,  6 
jenes  Gedicht  als  Quelle  feststeht,  so  lässt  sich  dagegen  eine 
Benutzung  der  gröberen  Schilderung  NF  297  flf  weder  textlich  noch 
in  den  Motiven  darthun.  Wo  sich  Anklänge  finden,  da  ist  alle- 
mal die  Fassung  des  Druckes  aus  MSH  HI  202  *  entlehnt.  — 
Anders  ist  es  in  der  darauf  folgenden  Schilderung  der  Bestrafung. 
Hier  ist  auch  die  gröbere  Fassung  des  Druckes  augenscheinlich 
benutzt. 


417,  28  Zu  hant  gewan  er  hohen 

muot.    vgl.  418,  18. 

418,  1^6  Und    han  im  geschissen 

an  die  stat.  vgl.  417,  35. 
422,  20  Dass    er  si    auf   stelzen 

hat  pracht. 
418,  16  Er  gieng  in  dem  klee, 
Da  sach  er  ain  veiol  sten. 
418,  3    Der  den  veiol  hat  gepro- 

chen. 


NF  304  der  feiel  gab  mir  hochen 

müt 
312  an  die  stat,  so  tit  er  scheis- 

sen. 
256  wir  haben s  auf  die  stelczen 

gericht. 
301  ich  kam  auf  eines  meien  plan 
da  fand  ich  einen  feiel  stan. 
263  die    in    band    abgeprochen. 

=  207. 


Aus  der    Zusatzstrophe  in  MSH  IH  hat  das  GrNSp.  auch  für 
die  Bestrafung  das  Motiv  von  den  32  Verstümmelten  übemomm« 
In  seiner  Klage  spricht  Neidhart  allerdings  nur  von  dem,  der  ü 


74 


das  „Laster^  gethan  hat  414,  27, 34,  415,  2.  Ihm  allein  droht  er 
mit  seiner  Bache.  Ein  Einzelner,  Enzelman,  hat  auch  die  That 
verübt  ohne  Wissen  der  übrigen  Bauern  (412,  lef.  417,  soff.  418,  26f.), 
also  abweichend  von  den  späteren  Spielen,  wo  die  Bauern  um  den 
Unfug  wissen,  ihn  begünstigen  und  sich  dadurch  zu  Mitschuldigen 
machen.  Sie  erleiden  dann  auch  nur  eine  verdiente  Strafe.  Die 
Ritter  wissen  ebenfalls,  dass  nur  Enzelman  der  Thäter  gewesen  ist 
(422,  13  nr.)  und  Neidharts  Knecht  hat  selbst  aus  seinem  Munde 
den  Sachverhalt  gehört  (418,  12  ir.)-  Trotzdem  wollen  sie  gegen 
alle  Bauern  losziehn  (415,  9  rr.,  25).  Dem  entsprechend  ist  auch  die 
Ausführung.  —  Die  Anschauung,  dass  32  verstümmelt  werden 
gilt  fürs  ganze  Stück.  Damit  ist  erwiesen,  dass  die  Anweisung 
419,  »4,  die  nur  von  10  oder  12  Verwundeten  spricht,  schlecht 
und  wertlos  ist. 

Es  macht  sich  also  zwischen  der  Klage  Neidharts  und  der 
Ausführung  der  Rache  ein  grosser  Unterschied  geltend.  Es  scheint 
hier  noch  der  alte  Gegensatz  zwischen  den  beiden  verschiedenartigen 
Teilen  der  Quelle  durchzuleuchten  (S.  4  ff).  Dort  hatte  zwar 
str.  1 — 4  in  s  c  überhaupt  keine  eigentliche  Drolmng,  sie  fand  sich 
aber  in  NF.  189  ff,  war  jedoch  nur  gegen  den  Schuldigen  gerichtet, 
wälirend  die  Zusatzstrophe  die  32  Stelzer  bringt. 

Überhaupt  wechselt  nach  Neidharts  Iflage  der  Ton  auffallend. 
Die  bisher  im  höfischen  Spielmannston  gehaltene  Schilderung  bricht 
ab,  um  einer  derberen  schwankartigen  Ausführung  Platz  zu  machen. 
Schon  im  StPSp.  war  ein  Ansatz  dazu  vorhanden,  wenn  Neidhart 
am  Schlüsse  in  seiner  Drohung  derber  sprach  als  vorher  zur  Her- 
zogin (S.  26).  So  führen  auch  im  GrNSp.  die  Ritter  den  Bauern 
gegenül)er  eine  ganz  andere  Spraclie,  als  sie  vorher  am  Hofe  ge- 
braucht wurde.  Auch  die  ErwiUiimngen  des  Kaubes  haben  jetzt 
ein  gaii:-:  anderes  Gesicht.  Jetzt  wird  die  Art  des  Ersatzes  offen 
erwälint,  während  es  vorher  absichtlich  vermieden  wurde,  diese 
Angelegenheit  zu  berühren. 

Neidhart  erscheint  nun  in  der  Umgebung  eines  Kittergefolges. 
Diese  Helferslielfor  waren  notwendig,  wenn  man  nicht  rinen  sondern 
32  besti'afen  wollte.  Mit  dem  Übergänge  zur  Massenverstümmlung 
sind  sie  sicherlich  gleichzeitig  eingelülirt  worden.  Sie  gehören 
^ar  nicht  zur  eigentlichen  Veilchengeschichte,  sondern  nur  zur 
(Irangehängten  Prügelei  wie  NF.  233,  wo  sie  bei  derselben  Gelegen- 


75 


heit  auftreten.  Mit  den  Rittern  des  Werbetanzes  haben  sie  ursprüng- 
lich nichts  zu  thun  (S.  82  f.).  Sie  verdanken  ihre  Einführung 
vielmehr  einem  späte  Motive  verwendenden  Gedichte  im  Sinne  von 
NF.  224 ff.  —  Für  ihre  Beden  gaben  die  Gedichte  keinen  Anhalt. 
Diese  werden  vom  Verfasser  erst  im  Stile  der  zur  Grabwache 
bestellten  lü-ieger  im  Osterspiel  ausgeführt  worden  sein,  um  die 
Ritter  einigermassen  mit  der  Handlung  zu  verknüpfen  und  nicht 
blosses  Werkzeug  Neidharts  bleiben  zu  lassen.  —  Nach  der  Be- 
strafung der  Bauern  treten  die  Ritter  noch  einmal  thätig  auf,  indem 
sie  dem  Herzoge  den  Neidhart  gespielten  Schabernack  und  dessen 
Rache  dafür  erzilhlen,  um  seinen  Zorn  zu  besänftigen  und  für  sich 
und  ilu'en  Anführer  Gnade  zu  erhalten.  Wie  wir  aus  dem  Berichte 
des  Bauern  417,  n,  37  hören,  waren  sie  nämlich  mit  Neidhart  zu- 
gleich in  Ungnade  gefallen,  und  die  grobe  Anrede  des  Herzogs 
422,  4  f.  bestätigt  da«.  Eigentlich  durfte  die  Herzogin  nur  anneh- 
men, von  Neidhart  allein  geäfft  worden  zu  sein,  denn  beim  Veil- 
chensuchen  hatten  die  Ritter  nichts  zu  thun.  Weil  sie  aber  bei 
der  Rache  mit  ihm  zugleich  auftraten,  ^vurden  sie  auch  vom  Dichter 
mit  ihm  über  einen  Kamm  geschoren;  er  liess  sie  also  ebenfalls 
die  Huld  des  Herzogpaares  verlieren,  obwohl  sie  kein  Verdacht 
treffen  konnte. 

Eine  andere  Hinzufügung  ist  Neidharts  Knecht,  der  auf  Kund- 
schaft ausgeschickt  wird,  41(),  25,  419,  u.  Er  ist  nur  oberflächlich 
hereingebracht;  besser  ist  er  im  StSz.  mit  der  Handlung  verwoben, 
wo  er  auch  mit  den  Bauern  in  nähere  Berührung  gebracht  wird. 
In  der  Fassgeschiohte  kommt  457,  ig  ebenfalls  ein  Knecht  Neidharts 
vor.  Dort  stammt  er  aus  der  Vorlage;  hier  dagegen  wurde  er 
erst  durch  die  weitere  Ausführung  des  (Jberlalls,  wahrscheinlich 
erst  vom  Dichter  des  GrNSp.  eingeführt. 

Dem  Verfasser  gehört  auch  die  Schlussszene  bei  Hofe  421,  :^on. 
Der  Wunsch,  Neidhart  die  verlorene  Gnade  des  Herzogspaares  wieder- 
gewinnen zu  lassen,  lag  nahe.  So  kam  die  ganze  Erzählung  von 
der  Aussöhnung  dazu,  wodurch  das  Veilchenabenteuer  erst  seinen 
richtigen  Abschluss  erhielt.  Die  Ritter  erzählen  den  Sachverhalt 
und  auf  ilue  Fürsprache  lässt  sich  der  Herzog  erweichen  und  bittet 
selbst  die  Herzogin  um  Vergebung  für  Neidhart.  NF.  249  ff.  ver- 
folgt das  gleiche  Ziel.     Hier  sucht  Neidlutt' 


76 


Herzogin  wieder  zu  ge^vinnen,  indem  er  das  gestohlene  Veilchen 
ihr  zustellt  und  seine  Rache  erzählt  (S.  9).  Auch  hier  liegt  also 
der  Wunsch  nach  Aussöhnung  zugrunde,  doch  eine  Verbindung  mit 
dem  entsprechenden  Abschnitte  des  Spiels  ist  nicht  erlaubt.  Die 
Schilderung  des  epischen  Stückes  ist  viel  roher  und  obendrein  ist 
der  Inhalt  ganz  anders  geartet.  Dasselbe  Verlangen  hat  vielmehr 
zweimal  selbstständig  ein  verschiedenes  Ziel  en*eicht. 

Wenn  aber  in  der  Veilchengeschichte  des  GrNSp.  die  Ver- 
schiedenheit der  Vorlage  noch  deutlich  erkennbar  ist,  indem  für 
den  ersten  Teil  die  streng  höfische  Fassung  von  MSH  EI  202*  xvi  1 — 4 
und  StPSp.  die  einzigen  Quellen  waren,  während  im  zweiten  Teile 
die  Zusatzstrophe  und  nun  auch  erst  die  groben  Gedichte  des 
Druckes  benutzt  sind,  so  ist  doch  der  Wechsel  des  Tons  nicht  so 
unvermittelt  wie  bei  Gedicht  und  Zusatzstrophe.  Was  da  uner- 
trägliche Härte  war,  wird  hier  zur  guten  Charakteristik.  Die 
Geschichte  vom  Veilchensuchen  spielt  in  höfischen  Kreisen,  hier 
war  also  der  Ton  der  Quelle  gut  angebracht,  und  man  muss  zuge- 
ben, dass  ihn  der  Dichter  gut  zu  wahren,  ja  nocli  zu  übertrefTen 
verstand.  In  einer  ganz  anderen  Gesellschaft  spielt  das  Folgende. 
Dem  entsprechend  wird  die  Sprache  derber  und  drastischer.  Die 
Zusatzstrophe  war  darin  ungescliickt  und  roll,  das  Geschick  des 
Dichters  des  GrNSps.  macht  eine  gewandte  derbe  Schilderung 
draus. 

Überhaupt  war  der  Dichter  im  Charakterisieren  nicht  unge- 
schickt. Nicht  nur  die  einzelnen  Gesellsehal'tsklasijen  werden 
entsprechend  gezeichnet,  sondern  auch  die  Redeweise  der  einzelnen 
Personen  wird  ihrer  jeweiligen  Umgebung  angepasst.  Das  gilt 
nicht  nur  von  der  Veilchen-  und  Kacheerzähiung,  sondern  vom 
ganzen  Spiel.  So  sprechen  die  Bauern  bei  Hofe  in  ihrer  Beschwerde 
428,  3iir.  ganz  anders  als  unter  sich,  und  ebenso  reden  die 
Ritter  zu  iluien  anders  als  bei  Hofe.  Zu  dem  ziemlich  höfischen 
Ton,  der  in  der  Auseinandersetzung  zwischen  Rittern  und  Herzog 
herrscht,  passt  dessen  Grobheit  422, 4  f.  gai'  nicht,  aber  die  Erre- 
gimg muss  hier  die  Härte  der  Drohung  entschuldigen,  welche 
jedenfalls  aus  den  geistlichen  Spielen  übernommen  ist^). 


')  s.  die  ZusamiiicnstcUuugcu  über  don  Stil  des  GrNlSp. 


77 


Ebenso  zeichnet  der  Verfasser  bei  den  verschiednen  Berichten 
über  Enzelmans  Unfug  die  verschiednen  Berichterstatter.  Der 
Bitter  drückt  sich  422, 7  ir.  zarter  aus  als  der  Thäter  selbst,  der 
sich  418, 26  durchaus  kein  Blatt  vor  den  Mund  nimmt.  Man 
vergleiche  damit  das  KLNSp.,  wo  selbst  die  Bedeweise  der  Hof- 
damen gar  sehr  nach  der  Tenne  schmeckt.  —  417,  35  f.  ist  nicht  als 
eine  zarte  höfliche  Andeutung  eines  gebildeteren  Bauern  zu  fassen 
sondern  als  ein  beabsichtigter  Witz. 

Ein  andrer  bedeutender  Vorzug  des  GrNSp.  dem  Gedicht 
gegenüber  ist  es,  wenn  der  Thäter  selbst  nach  erhaltner  Strafe  in 
laute  Klage  ausbricht  (420, 7  O»  während  dort  ganz  farblos  ein 
Unbekannter  namens  Wizek  angeführt  wird  (5,  13). 

Dass  der  Dichter  aber  trotz  der  geschickten  Schilderung  doch 
noch  stark  im  Banne  seiner  Vorlage  steht,  zeigt  ebenfalls  die 
Ausführung  des  Veilchenabenteuers.  Der  Ersatz  des  Veilchens 
geschieht  pantomimisch  (S.  71).  Hier  konnten  höfische  Bedenken 
den  Verfasser  nicht  abhalten;  wenn  er  frei  mit  seinem  Stoffe 
schaltete,  so  konnte  er  gerade  hier  den  Bauern  erst  recht  derb 
zeichnen,  wie  etwa  418,  12  a*.  Die  späteren  Spiele  haben  es  gethan. 
Mitten  in  der  höfisclien  Erzählung  von  Neidhart  und  der  Herzogin 
hätte  sich  eine  solche  Schilderung  erst  recht  deutlich  abgehoben. 
Dass  der  Verfasser  solche  Wirkungen  durch  den  Gegensatz  nicht 
verabscheute,  zeigt  der  absichtlich  dem  Rittertanz  gegenübergestellte 
Bauerntanz.  Der  Grund  liegt  vielmehr  in  der  Quelle.  418,  12  ff 
lag  das  Beispiel  des  späteren  Veilchengedichte  vor,  an  die  er  sich 
anschliesst.  Hier  aber  war  in  der  Vt)rlage  diese  Angelegenheit 
zart  übergangen  worden,  und  darum  übernahm  auch  der  Dichter 
des  GrNSp.  die  milde  wortlose  Ausführung  — .  Dasselbe  gilt 
von  der  Bestrafung  der  Bauern.  Die  Gedichte  schildern  sie  auch 
nicht  näher,  sondern  erwähnen  ziemlich  trocken  nur  ihren  Ausgang. 
Drum  wird  sie  auch  419,  3ifT.  wortlos  ausgeführt.  So  bleibt  es 
auch  in  den  späteren  Spielen.  Die  Ereignisse  vorher  und  nachher 
werden  breit  ausgefülirt,  nicht  die  Rache  selbst,  obwohl  sich  durch 
Rede  und  Gegenrede  während  des  Kampfes  selbst  hätte  grosse 
Mannigfaltigkeit  erzielen  lassen.  Allerdings  kommt  die  grosse 
Unbeholfenheit  des  jungen  weltlichen  Dramas  und  des  Schaus])iols 
überhaupt    auch    gerade    hierbei    in  Betracht,    und    da  die  Rache 


78 


während  des  Tanzes  vollzogen  wird,  mag  auch  noch  dessen  alter 
pantomimischer  Charakter  dabei  durchscheinen.  Das  gilt  aber 
nicht  vom  Ersätze,  da  Enzelman  den  Unfug  allein  verübt  (S.  73), 
nicht  wie  in  den  späteren  Spielen  während  eines  Bauernreigens. 


Einschreier  und  Werbetanz  der  Bauern  und  Ritter. 

Die  Veilchengeschichte,  der  Kern  aller  Neidhartspielo,  hat  im 
GrNSp.  eine  Fülle  von  Zusätzen  erfahren,  von  denen  sich  die 
einzelnen  Schwanke  und  Streiche  Neidharts  vom  Schwertfegerschwank 
an  enger  zusammenschliessen,  während  das  Vorhergehende  mehr 
oder  weniger  zur  Veilchengeschichte  in  Beziehung  steht  Es  ist 
dies  die  Eede  des  Einschreiers  und  der  doppelte  Maitanz  der  Bau- 
ern und  Bitter.  Dieser  Teil  kann  gegenüber  den  derberen  Sohwank- 
schilderungen  als  ein  streng  höfisches  Stück  gefasst  werden,  das 
nur  durch  den  sehr  realistischen  Bauerntanz  unterbrochen  wird, 
der  seinerseits  den  Schwänken  nahe  steht.  Er  zeigt  dieselbe  Sprache, 
denselben  Geschmack  und  dieselben  Namen.  Während  der 
Prolog  vom  Ritter  und  vom  Veilchentanze  spricht  und  so  eine 
engere  Gruppe  mit  beiden  bildet,  sieht  der  Bauerntanz,  den  er 
nicht  erwähnt,  wie  ein  neues  Einschiebsel  aus,  das  an  die  Einlei- 
tung nicht  angeknüpft  ist.  Nach  395,  c  würde  sich  ohne  weiteres 
der  höfische  Rittertanz  403,  -^  anschliessen  können.  395,  7  tanzt 
die  Herzogin  und  ihre  Umgebung,  aber  es  geschieht  wortlos.  Sie 
kommen,  tanzen  und  gehen  wieder,  während  sonst  im  S])iel  der 
Tanz  die  Einleitung  zu  irgend  einer  Handlung  oder  einem  Ereig- 
nis ist,  oder  aber  Selbstzweck,  wie  eben  im  Bauerntanze  und  dann 
dramatisch  breit  ausgeführt  wird.  Wenn  nach  diesem  stummen 
Tanze  Englmar  sich  an  eine  Jungfrau  herandrängelt  und  sie  be- 
lästigt und  schliesslich  gebührend  von  ihr  abgewiesen  wird,  so 
ist  dies  nur  ein  Versuch,  eine  Verbindung  herzustellen.  Die  Jung- 
frau, offenbar  eine  aus  dem  Gefolge  der  Herzogin,  antwortet  396,  12  n. 
durchaus  nicht  höfisch.  —  Vorbild  für  diesen  Anknüpfungsversuch 
Avird  ein  Stück  von  der  Art  des  in  Schnorrs  Archiv  3  S.  2  ge- 
druckten   gewesen  sein,   worin  ein  Bauer  eine  vornehme  Dame  zu 


79 


umwerben  siiclit.  Zuerst  versucht  er  gewählt  und  liöflich  zu  spre- 
chen wie  Engelmar  3J)5,  30-33,  bald  aber  fallt  öf  nur  um  so  ärger 
in  den  Bauerton  zurück.  Dort  will  er  seine  Dame  mit  Hutzeln 
(v.  32)  locken,  hier  mit  Lebzelten,  Käse  und  Buttermilch.  Vgl. 
Fsp,  70,  614,  13,  Sterz  Sp.  XV  536  (Michels  115),  XI  U7ff. 

Am  auifallendsten  ist  aber  der  Unterschied  des  Bauemtanzes 
von  seiner  Umgebung  in  der  Bedeutung  des  Wortes  „minne". 
Im  Rittertanze  ist  das  Wort  noch  in  seinem  alten  guten  Sinne 
gebraucht,  den  es  früh  verloren  hat.  Es  hat  nämlich  zeitig  eine  ganz 
sinnliche  Bedeutung  genommen,  die  aus  der  Spielmannsdichtung 
eingedrungen  zu  sein  scheint  *).  Daneben  wird  es  zunächst  in  der 
höfischen  Dichtung  noch  in  der  guten  alten  Bedeutung  gebraucht. 
Aber  nach  dem  15.  Jhd.  sehn  sich  die  Handschriften  schon  ge- 
zwungen, ,,minne'*  durch  „liebe"  zu  ersetzen^).  —  Das  Vorkommen 
des  Wortes  kennzeichnet  den  L^auerntanz  und  das  Ritterwerben 
als  Buhlschaftstänze.  In  jenem  hat  minne  schon  einen  ganz  und 
gar  realen  Sinn.  (400,  10, 13, 17, 19).  Auch  sonst  sind  die  Bauern 
ganz  in  der  Art  der  Bauerntänze  unter  den  Fastnachtspielen  recht 
eindeutig,  z.  B.  400,  i5fr,  401,  i7,  402,  1.  401,  12  steht  wohl  mit 
Absicht  „füegen  aul*"  statt  „zuo".  Derbheiten  dieser  Art  sind 
sonst  dem  Spiele  fremd.  Im  Gegensatz  stehen  sie  geradezu  zum 
Rittertanze,  wo  die  „ere"  besonders  betont  wird  (404,  27,  34.).  — 
Trotz  alledem  ist  es  aber  doch  misslich,  an  eine  spätere,  vom 
Dichter  des  übrigen  Spiels  nicht  herrührende  Hinzudichtung  zu 
denken,  da  der  Bauerntanz  nur  Namen  hat,  deren  Träger  auch 
an  der  einen  oder  andern  Stelle  des  zweiten,  schwankmässigen 
Teiles  vorkommen.  Dabei  sind  sie  nicht  nur  oberflächlich  einge- 
setzt, sondern  auch  im  Reime  vertreten.  Sie  sind  z.  B.  viel  besser 
mit  dem  Stücke  verwoben,  als  die  Namen  der  Ritter.  Dagegen 
lässt  sich  nicht  anführen,  dass  die  Bauemnamen  aus  403,  n  tr. 
später  zum  grossen  Teil  nicht  mehr  vorkommen.  Hier  handelt  es 
sich  um  blosse  Namenaufzählungen,  die  jeder  einzelne  Schwank 
für  sich  mitgebracht  hat,  ohne  selbst  die  Genannten  alle  zu  bet^ii- 


»)  Vogt  zu  Siilin.  11.  Mor.  CXXVII. 

'-')    z.    B.    in   einer  Hclschr.  von  unser  fraucn  Klage  (PBB  '>,  288  0.  v<m 
Kanfring«'r   und  im  Drucke  vom  Engelhard,  (zu  v.  977):    s.  Mi<hels  'J5. 


80 


ligen.  So  treten  im  Bauerntanze  selbst  die  Angeführten  bei  weitem 
nicht  alle  auf.  Ebenso  liegt  es  445,  27  «f.  Umsoweniger  war  Ver- 
anlassung, sie  in  anderen  Abschnitten  einzuführen.  —  Dazu  kommt, 
dass  sich  im  Bauerntanze  eine  Keihe  Anklänge  auf  Teile  des  übri- 
gen Spiels  finden,  wie  aus  den  Zusammenstellungen  über  den.  Stil 
hervorgeht. —  Das  Merkwürdige  in  Ton  und  Schilderung  ist  viel- 
mehr, da  sich  an  spätere  Einschiebung  nicht  denken  lässt,  auf  die 
Vorlage  des  Dichters  zurückzuführen.  —  Wir  werden  S.  89  sehn, 
warum  der  Verfasser  diese  Szene  eingeflochten  hat. 

Im  Motiv  gehört  dieser  Abschnitt  zu  den  bäurischen  Jahres- 
zeitentänzen. Hätten  wir  nicht  bloss  so  wenig  Spuren  von 
dieser  Gattung  erhalten,  so  würden  sich  jedenfalls  noch  mehr 
Anklänge  an  die  Spiele  dieser  Art  finden.  —  Wie  gewöhnlich  bei 
den  Tänzen  jeder  sich  zunächst  vorstellt,  und  sagt,  was  er  will, 
so  ist  es  auch  hier  (S.  46).  Es  wird  sogar  ziemlich  folgerichtig 
dabei  verfahren.  Der  Bauer  stellt  sich  vor,  wenn  er  zu  sprechen 
anlängt;  nennt  er  dabei  den  Namen  des  Mädchens,  so  ist  dies 
schon  vorher  bekannt  geworden;  wenn  sie  ihm  also  antwortet, 
braucht  sie  sich  nicht  mehr  vorzustellen.  Gretl  spricht  zuerst 
und  sagt  deshalb  401,27  ihren  Namen,  weil  er  noch  nicht  gefallen 
ist.  399,  13  nennt  allerdings  Gerdraut  ihren  Namen,  obwohl  sie 
schon  vorher  genannt  worden  ist.  Bei  den  vier  letzten  Mädchen 
402,  12  «f.  wird  kein  Name  genannt.  Ihre  in  den  Anweisungen  ge- 
nannten Tänzer  sind  vielleicht  nur  vorher  ausgefallen,  da  sonst 
immer  Bursch  und  Mädchen  paarweise  angeführt  werden. 

Mit  den  erhaltenen  Eundtanzspielen,  dem  Alt  und  Kurz  Han- 
nentanz, finden  sich  mehrere  Übereinstimmungen. 


306, 31  Am  hüpschen  stolzen  trit. 

Der  ist  nach  dem  hoff  gesitt. 

397,  26  Und  will    mit  Elsen  an 

den  tanz 
402, 28  Mit  dem  so  will  ich  tan- 
zen 
Und    frischlichen    umb    hin 
schwänzen. 


581, 1  .  .  .  wir    künden  nit 
Tanzen  nach  der  hofsit. 
581,  13    Ich   will  selber    an  den 

tanz. 
716,24    Wann  ich  euch    oft  vor 
hab  sehen  tanzen 
Das  ir  so    hübsch  künd  um- 
her schwänzen. 


81 


403,  3    Und  mit   den  gätlingen 
raien 
Hin  und  her  umb  den  malen 
403,  7  So    will    ich  auf  an  den 
raien, 
Last   uns   tanzen    umb    den 
maien. 


718,  9  Das  wil  ich  euch  ab  dienn 
hin  auss  im  maien, 
So  ains  mit   dem  andern  in 
die  gerten  wirt  reien. 


Die  Namen  der  Bauern  sind  meistenteils  humoristische  Zusam* 
mensetzungen,  wie  sie  hauptsächlich  die  Neidhartianer  gern  ver- 
wandten. In  derartigen  sinnreichen  Namenbildungen  leistete  das 
ausgehende  Mittelalter  ganz  Unglaubliches.  Das  GrNSp  ist  voll 
davon  ^). 

Dem  Bauemtanze  ganz  entgegengesetzt  ist  der  Bittertanz  403,  33 
—  410, 19.  Es  ist  ein  Maientanz  und  ein  Buhlschaftstanz  wie  der 
Veilchentanz  und  der  Bauerntanz.  Dieser  wird  „um  den  maien"  ge- 
sprungen, jener  ums  Veilchen.  Der  Rittertanz  erwähnt  aber  davon 
nichts.  Weniger  autfallend  ist  es,  dass  Neidharts  Name  nicht  genannt 
wird.  Die  werbenden  Bitter  hatten  dazu  ebensowenig  Veranlassung 
als  der  Einschreier,  der  nur  den  Tanz  ankündigt,  nicht  sein  Er- 
gebnis, das  auch  die  Ritter  und  ihre  Mädchen  nichts  angeht.  — 
Nach  410,  19  wurde  wahrscheinlich  getanzt. 

Der  Herzog  fordert  403,  ss  ff.  Bitter  und  Hofdamen  zur  Minne 
auf.  Dabei  spricht  er  zwar  404,  s,  ii  von  seiner  Frau,  der  Herzo- 
gin, sie  tritt  aber  nicht  auf.  410,  21  f.  ist  ein  schwacher  Versuch 
an  den  Bittertanz  anzuknüpfen  und  den  Herzog  auch  in  denVeilchen- 


')  Weinhold,  Goschee  Jhrb.  I  10 f.;  Keller  zum  Ring  des  Heinr.  Witten- 
weiler,  hrsgg.  v.  Bcchstein,  S.  Vlllf.  —  Was  Michels  8.  21  über  Schnabelraass 
sagt,  ist  anhaltbar.  Diese  Fonn  ist  häufig  als  Eigenname.  So  steht  Snabel- 
riiz  MSH  m  187»  4  (hier  ist  es  gross  zu  schreiben),  212b  4,  293l>  3,  260^  10- 
Dieser  Name  gehört  zu  raussen -=  mhd.  riizen,  Rchmeller  II  141.  vgl.  Schlam- 
penrauss  NF  589.  —  snabelraeze  (Nhd.  78, 34),  woran  Michels  anknüpfen  will, 
kommt  gar  nicht  als  Eigenname  vor.  —  Die  Form  des  NamenB  scheint  nicht 
immer  verstanden  worden  zu  sein,  wenigstens  ist  sie  mitunter  umgebildet 
worden.  Es  erscheint  neben  Schnabelrauss  und  Schnabelrüch  auch  Schnabel- 
rausch NF  502,  1697,  937  (hier  hat  c  die  ältere  Form),  Fsp.  Nchl.  33,  31. 
Im  GrNSp  herrscht  Schnabclrauss.  daneben  steht  4()3,  27,  427,  24  Schnabel- 
rauch. Beide  Fonnen  erhärtet  der  Reim. 
Güsinde,  Xeidhart  mit  dem  VeiLhen.  6 


82 


tanz  einzuführen.  Es  ist  aber  dabei  geblieben.  Wenn  421,3« 
der  Herzog  von  seiner  Frau  in  Verbindung  mit  der  Veilehen- 
geschichte  spricht,  so  besteht  auch  hier  das  Streben,  den  Herzog 
aus  andern  Schwänken  einzuführen  und  mit  der  ursprünglich  ledigen 
Herzogin  der  Veilchenerzählung  in  Verbindung  zu  bringen,  wie 
es  überhaupt  in  der  Versöhnung  421, 3o  —  426,  8    obwaltet. 

Während  die  Veilchengeschichte  textlich  wie  das  Motiv  selbst 
nach  Art  der  höfischen  Spielmannspoesie  gearbeitet  ist,  fusst  der 
Rittertanz  des  GrNSp  durchaus  auf  der  höfischen  kunstmässigen 
Minnedichtung.  Auch  die  Umgebung  der  Herzogin  scheint  ursprüng- 
lich nicht  mit  den  Mädchen  des  Rittertanzes  eins  gewesen  zu 
sein. 

Trotz  der  grossen  Abweichungen  vom  übrigen  Spiel  wird  auch 
beim  Rittertanz  nicht  an  späteren  Einschub  zu  denken  sein. 
Möglicherweise  hat  der  Verfasser  des  GrNSp  hier  ein  höfisches 
Tanzspiel  benutzt.  Ähnlich,  auch  textlich  manclmial,  ist  Pap.  15. 
Hier  wird  eine  Frau  umworben.  Aber  der  streng  höfische  Cha- 
rakter, der  noch  zu  erkennen  ist  und  aus  dem  Original  stammt, 
ist  da  schon  mit  satirischen  Zügen  durchsetzt.  Die  vornehme 
Dame  will  den  heiraten,  der  als  seinen  Hauptvorzug  seinen  vollen 
Geldbeutel  preist.  Nicht  mehr  ritterliches,  sondern  bürgerliches 
Publikum  hat  hierbei  zugeschaut.  Das  Spiel  hat  dabei  eine 
vortreffliche  Spitze,  die  dem  Rittertanze  des  GrNSp  für  sich 
betrachtet  felüt.  Man  beachte  jedoch  die  Steigerung  in  den 
Antworten  der  Jungfrauen  von  der  völligen  Verneinung  bis  zur 
unbedingten  Hingabe.  Der  Schluss  der  Vorlage  mag  wegen  der 
Anknüpfung  des  Folgenden  nicht  mit  verarbeitet,  sondern  wegge- 
fallen sein.  —  Dass  der  Dichter  in  der  That  nicht  selbst  erfun- 
den, sondern  ein  Muster  benutzt  hat,  lässt  sich  aus  den  Namen 
der  Ritter  schliessen  ^).  Aus  dem  Stücke  selbst  ist  nicht  bestimmt 
zu  erkennen,  ob  die  Ritter  des  Hoftanzes  (Ueselben  sind  wie  die 
in  Neidharts  Gefolge.  Wenn  die  Namen  jener  auf  diese  übertra- 
gen werden,  so  geht  daraus  hervor,  dass  eine  Identifizierung  beab- 


^)  Die  Namen  dor  Ilitter  j,'eben  die  Naineii  der  vomohiuen  Kreise  joncr 
Zeit  wieder,  in  denen  die  ^anze  lleldensa<:t;  und  Knnstdiclitnnj;  fortlobte. 
s.  Wcinhold,  Gosches  Jhrb.  I  11:  Zinperle,  Genn.  I  290:  Panzer  i.  d. 
Festschrift  für  Sievers  S.  '20ö. 


Hü 


sichtigt  war.  Sie  ist  aber  nicht  durchgeführt.  415,  7,  437,  12  steht: 
der  erst  ritter  Gabein  wie  404,  15;  422,  6  :  Parcifall  der  ander 
ritter  wie  406,  s  ;  422,  27:  von  der  Rosen  der  dritt  ritter  wie  407,  15 ; 
daneben  heisst  es  aber  465,  29  nur:  der  erst  ritter;  423,  9  :  der 
vierd  ritter.  —  Ausser  den  vier  Namen  des  Rittertanzes  begegnen 
keine  neuen  für  Neidharts  Ritter.  Sie  heissen  nur  der  5.  7.  8.  9. 
10.  Ritter.  (424,  2,  463,  s,  464,  27,  465,  5,  419,  i9,  26).  —  Wir 
müssen  fragen,  warum  der  Dichter,  wenn  er  für  den  höfischen 
Tanz  die  Namen  erfunden  hat,  diese  nur  hin  und  wieder  auf  die 
Begleiter  Neidharts  überträgt,  wenn  er  einmal  beide  identifizieren 
wollte,  und  warum  er  nicht  auch  den  andern  Namen  beilegt.  Er- 
klärlich wird  das  nur  durch  die  Annahme,  dass  er  die  Namen  der 
Ritter  des  Werbetanzes  aus  der  Quelle  ohne  weiteres  herübemahm. 
Später  hat  er  wohl  mehrfach  versucht,  die  Namen  auf  Neidharts 
Gefolge  zu  übertragen,  aber  er  hat  es  dabei  nicht  sehr  ernst  ge- 
nommen. Neue  Namen  für  die  übrigen  Genossen  Neidharts  ein- 
zuführen hat  er  sich  gar  nicht  erst  die  Mühe  gegeben.  —  Ebenso 
mag  es  mit  den  Jungfrauen  und  ihren  Namen  stehn.  — 

Den  Ton  der  Sprache  seiner  Vorlage  hat  der  Dichter  übrigens 
ziemlich  genau  wiedergegeben,  nur  die  sprichwörtliche  Wendung 
405, 8  ff.  mag  sein  Eigejitum  sein.  Im  übrigen  ist  dieser  Teil 
durchaus  höfisch,  wie  die  Vorlage  vielleicht  eine  für  Hofkreise 
bestimmte,  im  Tone  des  späteren  Minnesanges  gehaltene  dramati- 
sche Dichtung  gewesen  sein  mag.  Die  Bilder  und  Wendungen  kehren 
zum  grössten  Teil  in  Dichtungen  verwandten  Stils,  oft  wörtlich, 
wieder.  Es  liegt  hier  wie  bei  der  Volkspoesie.  Stehende  Formeln 
hatten  sich  ausgebildet,  die  zum  Gemeingut  geworden  waren  und 
allgemein  benutzt  wurden,  ohne  dass  unmittelbare  Entlehnung  vor- 
liegt^). Die  wichtigsten  Parallelen  will  ich  anführen*).  Die 
Zusammenstellung  Hesse  sich  leicht  noch  bedeutend  vermehren. 


»)  Berger  Zf.lPh  It),  472  f. 

*)  Ausserhalb  des  Ritt^^rtanzes  sind  dio  Spuren  der  höfischen  Minnedich- 
tung sehr  spärlich,  was  schon  durch  den  Wechsel  des  Dargestellten  bedingt 
jst.  —  402,  5  Hab  dank,  liebes  zartes  gold :  Winterstetten   XI  9.  35  ich  bin  in 

holt  ir  Sit  min    golt.  —  458,  6    Mich   tunkt  er  hab  den  leib  verlorn,  den  icli 

6* 


84 


405,  19  Und  sült  ich  an 
eurem  pete  zwar 

Gar  taugentlichen 
erwärmen 

Und  ombfahen  mit 
leiblichen  ar- 
men. 


Parz    136,  i     ich    ensol    niht    mfir    er- 
warmen 

an  iuweren  blanken  armen. 
Rol  6013; Stricker,  Karl 7041  ;Eracl(Graef) 

2061;Hätzl.I96,i;Volz  inFspl285,  is; 

Fsp.151,18,387,  29,Nchl.52,  ao;St^rz.Sp. 

XV  140;  Redent.  OSp.  757. 


405, 3    Aller  eren   und 
tugend  ain    vas. 


ZfdA  XI  500, 287  der  eren  schrin  der 
selde  ein  vaz. 
Gottfried  lobges.  (ZfdA  IV  513.)  25,  i, 
4, 11,  93,  i;  Mone  Schausp.  d.  M.  A.  I. 
S.  84  V.  279;  Koppen,  Weihnachts- 
spiele, S.  55. 


405, 22  Ich    wolt    euch 

nach  der  minne 

lust 
Lieplich  schmucken 

an  mein  prust; 
Dar   nach  wolt  ich 

beginnen 
Der  lieben    süessen 

minne. 


Erl  IV  636  ff.  und    solt   ich    dich    noch 
meiner  glust 
smükchen  an  meines  herzen  prust 
und  der  minn  mit  dir  weginnen, 
vgl.    IV    614    f;  Hätzl.  I  42,53,  I 
11,  2W;  Keller  Erz.  a.  ad.  Hds.  142,  n. 


406, 18  Junkfrau,    aller 
tugent  glas, 
Ain  krön,  ain  pluom 

ain  adamas 
junkfraulicher  zucht 
und  guot. 


Carm  Bur.  94*  Si  ist  als  ein  Spiegel- 
glas 
si  ist  gantzer  tugende  ein  adamas. 
Gottfr.  lobges.  25,2;  Trist.  1905; 
Arm.  Heinr.  61;  Iwein  3257;  Mo- 
rungen  MF  144,27;  Sterz.  Kdh.  Jesu 
Pichler  S.  6  Dy  aller  tugent  ain 
krön  trait;  Passional  (Köpke)  193,  es, 
19,  10,  37,  78,  100,  2. 


zn  ainein  puolen  het  erkom:  Scharfenb.  MSH  I  350*  li  2  Ich  banden  man 
verlorn  den  icb  bat  uz  erkorn.  —  415,  6  So  ontgelt  icb,  des  ich  nie  genoess, 
vgl.  415,  9  :  MF  4,4  nü  entgilte  icb  des  ich  nie  genoz.  s.  Anm.  hierzu  S.  225. 


85 


406, 28Eur  minigklicher 

schein 
Hat  ob  allen  frauen 

den  prais 
Als  in    dem   maien 

ain      pluondes 

reis. 


Gottfr.  Ibges.  25, 12  der  wünne  ein  blüen- 
dez  rösen  rls. 

du  saelde  ein  prls.  vgl.  43, 1 . 
Heinz,  v.  Konst.  Bit.  und  Pfaff  75; 

Germ.    23,51    D>    3;    Parz.    195,4; 

MS.  n  126»  ;GA.  m  239,  im6;  Bartsch 

Md.  Ged.  74,  46;  Wien.  SB  54,  306. 


407,  32  Ir  seit  der  rechten  schoen 
Ain  Hechte  i)rinnende  kroen 


406,  9    Got  gruoss    euch,  junk- 

frau  hoch  geporn! 

Mein  herz    hat    euch  auser- 

korn.   vgl.   407,  le. 

407,  29  Keusch  mit  treuen    wol 

behuot. 


Erl  IV  404    Du    traist   der 

em  ein  chran 
ob  allen  frauen  schon 
MSH  n  72^  2,  m  212*  2;  Sterz. 
Kdh.  Jesu  Pichler  6. 

ZfdAXI  498,  288;  Trist  10515; 
Wirth  149,  154. 


Gute  Frau  (ZfdA  H  385) 
24  an  sinen  triuwen  wol 
behuot.  Hätzl.  I  120,  15. 


409, 6  Got  grüss  [euch]  eur  werde     Hätzl.  U  62,  18.  Got  bewar  dein 


jugent. 

Ob  allen    junkfraun  ein  ge- 
zierte tugent! 
407,  24  Eur  er  und  eur  jugent 

Gleich  ich  zu  den  siben  tu- 
gent. 


409,  28     Junkfrau,     durch 
eur  edel  jugent 
Erzaigt     an     mir    eur 
tugent. 


iugent! 
Erzaig  an    mir  dein  tugent. 
vgl.  I  122,  eo;  Sterz  Sp.  VE 

295  (389). 


Altdeutsche  Blätter    U    395    Ge- 
denke vrowe  an  dyne  iogint 
Vnde  an  dyne   wiplichiu  togint. 
Sterz  Sp.  Vn  389;  PBB  H  390; 
Altsw.  30,  8. 


Zum    Minnegrusse    409,  hit.  s.    ühland,   Schriften  III  263  u. 
Anm.  374. 


86 


409,  16  Got  grüss  euren  rubein- 

roten  mund, 
Der  so   schon    ist    zu    aller 

stund, 
Kan  lieplich  frölich    lachen, 
Freud  und  wunn  kan  er  wol 

mach. 

409, 4     Qot    grtiess    euch,  edle 
roes  im  tau 
Ob  allen  frauen  mein  liebste 
junkfrau. 


409, 12  Euro  äugen  künnen  liep- 
lich plicken, 

Däss  sie  mit  der  minne 
stricken 

Mich  zärtlich  haben  umbfan- 
gen. 

409,  8    Got  grüss  euch,  ir  hoch 
geporn    frucht, 
Ob  allen  frauen  ein    gemüte 
zucht. 
.409,  82  Junkfrau,  durch  eur  höch- 
ste zucht 
Die    an    eu   leit,    vil  werde 
frucht. 
407,  u  Man  vindat  an  euch  stä- 
ten  zucht 
Und      aller      tugent      ain 
frucht. 


Hadamar,     Minners   Klage    678 
Uz    rubinrotem    munde 
ein  lieplich  zartez  lachen, 
g6t  ez  von  herzen  gründe, 
sint     daz     so     minnichllche 
kan    fro    machen,   vgl. 
MSH  I  202  M. 

Gute    Fra«    2971    vor    vreuden 
stuont  diu  schoene  vrouwe 
als  der  rose   in    dem  touwe. 
vgl.  Goldene  Schmiede  Einl. 
XXXVII,  5. 


Hätzl.    II    47,  176    Ich    will 
iren  mynne  strick 
Bis  an  mein  end  wesen. 
Zarncke  z.    Narrensch.    Kap. 
13  a  S.  321. 


m 


409,  22  Got    grüss    eur  halslein 
härmlein  weis. 


Altdtsch.  Blätter  2,  S'M\  ich  hoch 
gelobete    vrueht 
aller  werden  vromncjzucht.vgl. 
1,  8:i. 
Alt^w.  30,  8  Uzerwolte  frucht 
Nu     sage    mir     durch    din 
zucht.   vgl.  4,  •»,  8,  4. 
Winterst^tten  XVIII  40,43  Wol 
dir,  rainneclichiu  frucht 
.  ..dühästwiplichzucht.IV69, 
XI,  31;    Hätzl.   I  46,  21,  I  7,66; 
Pichler  101, 3;Eri.  IV  449,  IH 
369;Innsbr.Mar.Hmf.557;Fsp. 
128,  i5;Nchl.  157,  19,  159,  34. 

Hätzl.  I.  28, 79  Ir  näcklin,  als  ain 
härmlin  planck. 


409,  10  Got  grüss  [euch] 
eor  spilende 
euglein  klar, 
Da  pei  eur  wänglein 
wolgefar! 


87 


Schnorrs   Arch.  m  2,  15   ewre  wennglein 
die  sind  wolgeoar. 
ir  seyt  auch  schwen  gantz  vnd  gar. 
MSH  m  204^  3  diu  ir  spunden  ougen 

klar. 
PBB  Vn  385,  407. 


In  diese  höfische  Schilderung  hat  nun  der  Dichter  das  Motiv 
des  Maitanzes  (404,  5  )  und  der  Maibuhlenschaft  (410,9, 19)  gebracht. 
(S.   79). 

Die  Rede  des  Einschreiers  ist  gleichfalls  durchweg  in  guter 
Sprache  gehalten.  Nach  den  einladenden  Begrüssungsworten  ans 
Publikum  geht  der  Sprecher  393, 16  aufs  Spiel  selbst  über  mit 
den  Worten:  „Und  will  allen  den  tuon  bekant,  Warumb  ich 
pin  her  gesant.''  Darauf  giebt  er  keineswegs  etwa  einen  Überblick 
über  das  ganze  Stück,  sondern  berührt  nur  zunächst  den  eigent- 
lichen Kern,  die  Veilchengeschichte.  Die  Aufforderung  der  Her- 
zogin zum  Suchen  der  Blume  (410, 32  ff.)  nimmt  er  als  der  Bote  der 
schönsten  Frau  schon  vonveg  und  preist  dabei  die  unübertreffliche 
Schönheit  und  Tugend  seiner  Herrin  (393,  20 — 394,  25).  Mit  dieser 
Aufforderung  könnte  die  Rede  des  Ausschreiers  schliessen,  aber 
ganz  äusserlich  ist  nachher  noch  auf  den  höfischen  Bittertanz 
Bezug  genommen  (394, 2«  ff).  Wie  im  Spiel  beide  Episoden  bis 
auf  den  Versuch  410, 21  f,  so  gut  wie  un verknüpft  nebeneinander 
stehn,  so  im  Prolog. 

Vom  Bauerntanze  wird  ebenso  wenig  erwähnt  wie  von  den 
späteren  Schwanken.  Der  Name  Neidharts  wird  garnicht  genannt. 
Ging  die  Vorrede  nur  auf  eine  Veilchenerzählung,  so  war  das  nicht 
notwendig.  Wenn  nun  auch  ein  Prolog  im  allgemeinen  selten 
genau  den  Inhalt  angiebt^  so  musste  doch  ein  solcher  zum  ganzen 
GrNSp,  wenn  er  überhaupt  näher  darauf  einging,  den  Namen 
Neidharts  nennen  und  seine  Haupteigenschaft,  die  im  ganzen  Spiel 
hervortritt,  die  Bauernfeindschaft  berühren,  denn  für  das  ganze 
Spiel  war  Neidhart  ja  die  Hauptperson,  um  die  sich  alles  dreht. 
In  der  Verbindung  mit  den  übrigen  Schwänken  kommt  auch  die  Veil- 
chengeschichte in  ein  anderes  Licht;  die  allgemeine  Tendenz  rückt 
dann  auch  hier  Neidhart  in  den  Vordergrund.  Das  Veilchenspiel 
ist  nicht  mehr  seiner  selbst  wegen  da,  sondern  nur  als  ein  Aben- 


88 


teuer  Neidharts,  bei  dem  die  Prügelei  beinahe  noch  wichtiger  war 
als  das  Suchen  der  Frühlingsblume,  das  im  StPSp  noch  den  Inhalt 
allein  ohne  Zuthaten  bildete. 

Aber  noch  ein  anderer  Punkt  ist  im  Prologe  besonders  merk- 
würdig. Hier  findet  sich  nämlich  der  einzige  nicht  wegzuschaffende 
Reim  ei(=  1)  :  i  394,  s  sin :  mein  (s.  u.). 

Wenn  wir  Michels'  Ansicht  von  einer  ursprünglich  mhd. 
Fassung  fürs  ganze  Stück  ablehnen  mussten,  so  fragt  es  sich,  ^vie 
sonst  diese  vereinzelte  Erscheinung  zu  erklären  sein  mag.  Aus 
der  Mundart  des  Spiels  sicherlich  nicht.—  Anderseits  haben  wir 
keinen  ausreichenden  Grund,  verschiedne  Abfassungszeiten  und 
verschiedne  Verfasser  anzusetzen.  Die  gleiche  Sprache,  wieder- 
kehrende Bilder  und  Wendungen  sprechen  dagegen.  Die  Erklä- 
rung giebt  vielmehr  die  Arbeitsweise  des  Dichters,  der  nicht  ur- 
sprünglich das  ganze  Stück  vor  Augen  hatte,  sondern  Abschnitt 
für  Abschnitt  dichtete,  wobei  sich  einfach  eine  Episode  an  die 
andere  anschloss.  So  liegt  es  nicht  nur  bei  den  Schwänken,  son- 
dern auch  im  ersten  Teile.  Was  als  das  Gegebene  zuerst  da  war, 
das  war  die  Veilchengeschichte.  Auf  sie  nahm  zuerst  der  Prolog 
Bezug.  Sie  wurde  aber  vom  Dichter  erweitert..  Als  Einleitung 
gleichsam  und  um  den  Hoftanz  näher  zu  schildern,  wurde  die  Ritter- 
werbung vorangestellt.  Die  Rittor  werben  nun  mit  verschiedenem 
Erfolge  um  die  Jungfraun,  bis  zuletzt  die  Herzogin  zum  Veilchen- 
suchen auffordert.  Dem  entsprechend  wurde  der  Prolog  erweitert 
durch  einen  Anhang,  der  auf  diese  Geschichte  Bezug  nahm.  Bis 
jetzt  war  das  Stück  streng  höfisch  gehalten  und  wohl  auch  für 
höfische  Kreise  bestimmt.  Der  Dichter  war  ])Ostrebt,  in  Sprache 
und  Inhalt  den  Werken  der  guten  höfischen  Dichtung  nachzualimen, 
der  Minnedichtung  sowohl  als  der  besseren  Spielmannspoesie.  Dass 
er  dabei  der  mhd.  Blütezeit  nahe  zu  kommen  suchte,  erstreckt  sich 
auch  auf  die  Sprachform.  In  diesen  Teilen  ^vird  man  am  ehesten 
eine  Regelung  des  Verses  voniehmen  dürfen.  Hier  begegnet  uns 
dann  auch  der  einzige  mhd.  Reim  sin:  mein  594,5.  Auf  die 
höfischen  Abschnitte  des  GrNSp  eingeschränkt  würde  also  die 
Michelssche  Ansicht  gelten  dürfen;  für  sie  kann  dann  auch  Hans 
Vintlers  Blume  der  Tugend  als  Parallele  herangezogen   werden. — 

Während  der  Arbeit  wandelte  sich  aber  dem  Dichter  seine 
S(^höpfung  unter  den  Händen.     Er  war  nicht  nur  ein  formgewandter, 


89 


die  Poesie  gut  kennender  Dichter,  sondern  auch  einer,  der  die 
spielmannsmässige  Litteratur,  auch  die  derberen  Schwanke,  genau 
beherrschte,  und  dem  der  lebendige  frische  Humor  dieser  Art  mehr 
zusagte,  als  die  Nachbildung  toter,  geschraubter  Reimereien  wie 
im  Bittertanze.  —  Mit  glücklichem  Griffe  und  wohlberechnender 
Absicht  stellte  er  in  schroff'em  Gegensatze  dem  gezierten  Tanze  der 
Bitter  und  Jungfraun  den  Bauerntanz  um  den  Maien  mit  seiner 
kräftigen  Derbheit  entgegen.  Die  Spottlust  hatte  sich  in  ihm 
geregt;  die  Bauemtolpel  wurden  nun  seine  Zielscheibe.  So  kamen 
die  ganz  anders  gearteten  Schwanke  dazu.  Zur  Charakteristik 
seiner  Bauern  liat  aueli  der  derbe,  durch  den  Gegensatz  zum  Ritter- 
werben um  so  wirksamere  Bauerntanz  dienen  sollen. 

Nicht  nur  die  Sprache  wird  jetzt  anders,  sondern  auch  die 
Form.  Die  Verse  sind  nicht  mehr  ganz  so  streng  wie  in  dem 
höfischen  Teile  gebaut,  Michels  S.  24  giebt  den  Abschreibern  die 
Schuld.  Oft  mag  das  richtig  sein,  aber  nicht  immer.  Mit  der 
Verschiebung  von  Stoff*  und  Tendenz  Wandelten  sich  auch  die  An- 
sprüche an  Vers  und  Stil.  Derselbe  Verfasser,  der  imter  zwei 
ganz  verschiedenen  Gesichtspunkten  arbeitete,  konnte  bei  einiger 
Kenntnis  und  Begabung  sehr  wohl  zwei  so  verschiedene  Schilde- 
rungen geben,  wie  es  der  schwankartige  Teil  und  der  höfisclie  Ab- 
schnitt der  GrNSp  sind. 

War  ihm  aber  das  Gesamtbild  des  Spiels  ein  anderes,  derberes 
geworden,  so  unterliess  er  doch,  die  Rede  des  Einschreiers,  die  er 
für  das  erste  Stadium  seines  Spiels  gedichtet  hatte,  nun  nach  dem 
neuen  Hauptgesichtspunkte  des  Ganzen,  der  Bauernfopperei  Neid- 
harts,  umzuändern. 

Es  braucht  kaum  noch  bemerkt  zu  werden,  dass  nicht  grosse 
Zwischenräume  zwischen  den  einzelnen  Phasen  des  GrNSp  liegen 
müssen,  sondern  dass  die  Änderung  des  Tones  durch  die  Verschie- 
denheit der  einzelnen  verarbeiteten  Episoden  bedingt  war  und  im 
Verlaufe  der  Arbeit  selbst  eintreten  konnte.  Die  Fortsetzung  der 
Veilchengeschichte  nach  Neidharts  Klage  brachte  schon  den 
Übergang. 


90 


Neidhart  als  Schwertfegfer. 

Nach  der  Versöhnung  mit  der  Herzogin  macht  sich  Neidhart 
in  der  Absicht  auf,  die  Bauern  tüchtig  zu  foppen:  „Ich  will  zu 
den  pauren  keren  Und  will  si  neue  sprünge  leren. "^  (42(),  7  f.). 
Der  erste  Streich,  den  er  ihnen  darauf  spielt,  ist  die  Schwertfeger- 
geschichte. 

Nach  der  Anweisung  42(),  12  tanzen  die  Bauern.  Die  Verse 
15  if.  sind  wohl  beim  Tanze  gesprochen  zu  denken.  Wenn  wir 
auch  kein  Gedicht  des  gleichen  Inhalts  kennen,  so  dürfen  wir  doch 
sagen,  dass  dieser  Tanz  der  Vorlage  entstammt,  die  nach  alter 
Gewohnheit  mit  einer  Tanzeinleitung  begonnen  haben  wird.  Neid- 
hart kommt  dann  gewöhnlich  zum  Tanze  hinzu,  führt  unerkannt 
die  Btiuern  an,  worauf  sie  sich  gegenseitig  mit  Schlägen  bear- 
beiten. —  Wenn  es  Ring  27,  7<^  as  heisst:  ^Dorait  si  in  die  messer 
grillen  Die  warend  neulech  wol  geschliffen",  so  darf  man  darin 
keine  Hinweisung  auf  unser  Schwankmotiv  erblicken.  Man  hat 
es  vielmehr  hier  mit  einer  allgemeinen  Wendung  zu  thun  wie 
MSH.  III  '2iJS^  *5  „ir  swert  warn  niuwe  slitlen".  Vielleicht  liegt  auch 
im  Ring  auf  „neulech"  ein    ironischer  Nachdnick. 

Dass  die  Bauern  sich  darauf  beim  Herzoge  beschweren  be- 
gegnet auch  im  Schwanke  von  den  geschnitzten  Bauern  im  Korbe 
NF.  1784  ft'.  Eine  Beziehung  zwischen  dieser  Behandlung  und  der 
des  GrNSp  ist  unverkennbar. 

GrNSp    428,22    Ir   herren,    ich      NF  1784  nun  hört  und  lat  ew 
will  euch  allen  sagen,     !  sagen, 

Mir   sollen    es    dem    herzog  178ü  dem  edlen  fürsten   sol 

klagen.  wirs    clagen. 

vgl.  Wirth  108  f. 


428,  ai  Ir  edler  fürst  von  Oster-  1    18(H)  ich  clag  euch,  edler  fürste 


reich,  , 

Wir  klagen  euch  all  geleich  ^ 
Über  Neitharten  den  pösen  man, 
Der    hat  uns   leides  vil   ge- 

tati. 


dar, 

die  grosse  schmacheit  offen- 
bar, 

die  schand  und  auch  da« 
laster  breit, 

die  vnss  her  Neithart  ane- 
b'it. 


91 


Die  Vorlage  zum  GrNSp  kann  jener  Schwank  nicht  sein. 
Die  ganze  Haltung  des  Herzogs,  besonders  Neidharts  Sch^viir  bei 
dessen  Hunde  zeigen  eine  arge  Entartung.  Das  Spiel  ist  in  der 
Behandlung  viel  ursprünglicher,  indem  hier  der  Herzog  die  Bauern 
mit  dem  Hinweis  darauf  abfertigt,  dass  sie  es  selbst  nicht  anders 
verdient  und  Neidhart  gereizt  hätten.  Nichts  erscheint  an  ihm 
irgendwie  roh.  Dass  die  Bauern  sich  dann  die  Schuld  gegenseitig 
in  die  Schuhe  schieben  und  (h\bei  thätlich  werden,  ist  eine  öfters 
ge])rauchte  Vorstellung,  die  auch  l)eini  Kuttenschwanke  437, 7  tr. 
vorkommt.  HelMMistri'its  Versuch  Frieden  zu  stiften  (430,  «),  ist 
dazu  (hl,  den  folgen(hin  Schwank  vom  Beicjhtehören  anzu- 
knüpfen. 

Als  Neidhart  die  ])eiden  Bauern  eingefangen  hat,  kündet  er 
ihnen  42S,  vj  (\vu  (Jalgeii  als  Strafe  an,  und  führt  diese  Drohung 
42S,  2<>  auch  aus.  Daneben  heisst  es  42S,  11:  Lat  hie  den  rechten 
sehen  kl.  Man  könnte  glauben,  (hiss  Neidhart  den  Bauern  zuerst 
das  Bein  abgeschlagen  habe,  elie  er  sie  henkte,  um  sie  den  übrigen 
gleich  zu  gHstalten.  Das  Scliweigen  der  Spielaiiweisung  würde 
nicht  dagegen  s|)rechen,  a])er  aulfällig  ist,  dass  die  Bauern  in  ihrer 
Klage  beim  Herzoge  nichts  (hivon  erwähnen,  während  doch  gerade 
das  die  Scliuld  Neidharts  erliöhen  würde.  Ausserdem  wird  aber 
vom  rechten  Schenkel  gesprochen,  während  die  übrigen  Bauern  in 
der  Veilchenrache  (bis  linke  Bein  ha])en  lassen  müssen.  Durch 
Einschiebung  von  „auch"  v.  11  würde  sich  das  Verständnis  erleich- 
tern. Di(»  Gefangenen  wären  dann  schon  Verstümmelte,  denen 
auch  nocli  das  an(bTe  B(»in  abgehauen  werden  soll  *).  Dann  sollten 
das  aber  die  Bauern  erst  recht  in  ilirer  Klage  mit  anführen.  — 
Jedenfalls  stehn  zwei  Motive  nebeneinander.  Es  ist  aber  auch 
möglich,  dass  der  Dichter  Neidhart  seinen  Entschluss  ändern  lässt, 
so  dass  er  die  Bauern  lieber  aulliängen  will,  statt  sie  zu  Stelz- 
füssen  zu  machen.  Der  S])ieler  hätte  diese  Oesinnungsänderung 
mehr  zum  Ausdruck  bringen  müssen,  als  es  im  Texte  geschieht. 
Durch  ein  ,,o(ler**  zu  AnfaJig  von  4*JS,  12  Hesse  sich  dabei  noch 
etwas    nachhelfen. 


^)  vgl.  M811  Jll  22Ü»^  7. 


92 


Neidhart  als  Beichtvater. 

Nachdem  auf  Hebenstreits  Zureden  die  gegeneinander  und 
besonders  auf  Engelmar  ergrimmten  Bauern  sich  beruhigt  haben, 
beginnen  sie  unter  Drohungen  gegen  Neidhaii  wieder  zu  tanzen, 
während  der  schon  witnler  in  andrer  Verkleidung  als  Mönch  her- 
beikommt, um  sie  aufs  neue  anzuführen.  Ähnliches  berichtet  ein 
unter  Neidharts  Namen  gehendes  (iedicht  ^die  bihte**  MSH  III 
198  *  xm  und  NF  670— S2i>. 

Ausser  im  Diiicke  und  in  c  ist  dieses  Gedicht  auch  in  der 
Hdschr.  s  überliefert,  aber  nur  als  Bruchstück*).  Es  steht  dort 
Bl.  57  b.  Die  neu  beginnende  Seite  hat  nur  den  Schluss  der 
ersten  Strophe  von  1, 7  ab  mit  der  Melodie  erhalten.  Der  Anfang, 
Text  und  Melodie,  standen  Bl.  57  *  unten.  Vom  äusseren  Bande 
aus  ist  aber  schräg  nach  unten  das  Blatt  abgerissen.  Dabei  ist 
der  unten  stehende  Anfang  verloren  gegangen.  Die  zweite  Strophe 
ist  vollständig  überliefert,  die  dritte  nur  lückenhaft,  da  hier 
schon  der  Schaden  beginnt.  Die  Verse  sind  nicht  abgeteilt,  die 
neun  Verse  stehn  auf  sechs  Zeilen,  die  erste  der  dritten  Strophe 
ist  noch  vollständig  da,  in  der  zweiten  fehlen  schon  zwei  Silben, 
in  der  letzten  acht.  Von  der  vierten  Strophe  finden  sich 
im  Ganzen  nur  noch  drei  Worte  in  der  ersten  und  zweiten  Zeile. 
Das  Folgende  fehlt,  wie  der  auf  der  entgegengesetzten  Seite  des 
abgerissenen  Fetzens  aufgezeichnete   Anfang. 

Dasselbe  Motiv  begegnet  ausserdem  im  Ring  19,  (>,  istr.,  wo 
Neidhart  in  Mönchstracht  den  Bauern  von  Lappenhausen  die  Beichte 
abnimmt. 

Das  Gedicht  ist  ganz  eigenartig  zusammengesetzt.  Vom 
eigentlichen  Inhalt  vollständig  abweichend  ist  der  Anfang.  Wir 
haben  es  mit  einem  durchaus  ernsten  Weltfluchtgedichte  zu  thun, 
wie  etwa  Neidh.  SO,  3i,  i)9,  i.  In  diesem  Tone  sind  die  ersten 
drei  Stroplien  gelialten.  Nur  3,  c  :  „nu  muoz  ich  eine  grawen 
kutten  hau''  erinnert  an  das  Folgende  (s.  9,  i  ).  —  Die  vierte 
Stro])he  mit  ihrer  Erwähnung  von  Neidharts  Hauptgegner  giebt  den 
Übergang  zur  Erzählung.  —  Es  ist  offenbar  ein  Gedicht  ganz 
anderen  Inhaltes  für  die  Einleitung  des    Beichtschwankes  benutzt 

',i  Vgl.  YAniivTlv  i.  d.  Wiener  Sitz. -Hör.  f)4  S.  335. 


»3 


worden,  das  mit  seiner  echten  Bussgesinnung  gar  nicht  dazu  geeignet 
war.  Die  Verbindung  ist  ungeschickt,  der  Übergang  von  der  Welt- 
fluchtstimmung zum  Ärger    über  die  Bauern    völlig  unvermittelt. 

Aber  auch  abgesehen  von  der  Einleitung  ist  die  Erzählung 
des  übrigen  Gedichtes  noch  nicht  einheitlich.  Die  eigentliche 
Beichtgeschichte  beginnt  erst  str.  9.  Strophe  6 — 8  gehören 
unter  einander  eng  zusammen.  Sie  geben  eine  Tanzschilderung, 
wozu  str.  5  die  Einleitung  bildet.  Wenn  str.  4  von  dem  einen 
Hauptwidersacher  spricht,  so  würde  sich  str.  9  mit  der  Erwähnung 
Engelmars,  der  auch  zuerst  beichtet,  gut  daran  anschliessen  können, 
nicht  aber  str.  5,  die  auf  einmal  von  den  vier  sprenzelaeren 
spricht.  Dazu  kommt,  dass  mit  str.  9  der  Schauplatz  wechselt. 
Das  Folgende  spielt  in  Engelmars  Stube.  Der  Schauplatz  der 
Tanzschilderung  str.  (5 — 8  ist  nicht  näher  angegeben.  Nun 
tritt  auch  Neidhart  erst  im  Mönchsgewande  auf,  wovon  vorher 
nichts  verlautete.  Aus  diesem  Wirnvarr  zeigt  uns  NF  den  richti- 
gen Weg,  wo  wir  noch  eine  ursprünglichere  Strophenanordnung 
finden.  Hier  steht  nämlich  str.  9  zwischen  4  und  5.  Neidhart 
sieht  also  dem  Tanze,  der  in  Engelmars  Stube  stattfindet  (vgl.  S.  W), 
von  Anfang  an  zu,  ohne  von  den  Bauern  erkannt  zu  werden,  und 
wird  unfreiwillig  Zeuge  der  gegen  ihn  beim  Tanze  ausgestossnen 
Drohungen,  wobei  es  ihm  ganz  unheimlich  wird,  so  dass  er  sich 
weit  weg  wünscht^).  Während  einer  Tanzpaust;  kommt  dann  str. 
10  ein  Bauer  auf  die  Idee,  dem  zuschauenden  Mönche  zu  beichten. 
Erst  mit  str.  10  ])eginnt  also  die  eigentliche  Beichtgesdiichte,  zu 
der  str.  i),  f) — S  die  übliche  Tanzeinleitung  ist.  Die  übermüti- 
gen Prahlreden  der  Beichtenden,  welche  der  arg  bedrängte 
Pseudomönch  anzuhören  gezwungen  ist,  stehn  <(anz  im  Widerspruch 
zu  der  frommen  Weltentsagung  der  ersten  drei  Strophen,  die 
jedenfalls  der  jüngste  Ik'standteil   des  Gedichtes  sind. 

Erhalten  ist  das  (n'dicht  nur  in  dieser  Gestalt.  Die  Sterzin- 
ger  Handschrift  ist  uiivi»llständig.  Sie  bricht  schon  mit  der  vier- 
ten Strophe  ab.  Wenn  sie  aber  Bl.  oS  »  t'in  neues  Gedicht  be- 
ginnt, so  kann  auf  dem  fehlenden    Fetzen  unmöglich  das  Gedicht 


^)  In  derselben  i^ago  ist  er  im    Bienenschwanke.  MSH  VU.  197  a  8  und 
in  der  Kuttengeschichte  NF  1232 f.  1270  ff. 


96 


Mit  der  Fassung  des  Gedichtes  berührt  sich  das  GrNSp  in  der 
Einführung^  des  Tanzes  430, »  :  6, 7  ff.  In  beiden  Fällen  werden 
dabei  Drohungen  gegen  Neidhart  ausgestossen.     Vgl. 


7, 7    Unt   waere  herre    Nithart 
in  dem  lande 
wir  selten  an  im  rechen  un- 
ser schände. 


430, 12  Wo  er  war  in  dem  lan- 
de 
so  wolt  ich  [mit]  im  stiften 
ain  schände. 


Während  des  Tanzes  kommt  Neidhart  als  Mönch  verkleidet 
hinzu  (430,  w  :  9, 1).  Ein  Bauer  vertällt  auf  den  Gedanken  ihm 
zu  beichten,  hier  Schottenschlicker,  dort  Wernbrecht.  (430,  a2  : 
10,  7). 

431, 2  ff.  will  Schottenschlicker,  431,  12  f.  Hebenstreit  beichten 
gehn,  431, 14  heisst  es  in  der  Anweisung,  zwei  Bauern  gehn  zu 
Neidhart,  432, 15  wird  das  durch  die  Worte  Neidharts  bestätigt, 
aber  in  Wirklichkeit  thut  es  nur  einer.  Ein  Beichtender  muss 
ausgefallen  sein  und  zwar  der  erste,  weil  die  Antwort  Neidharts 
432,2  ff.  die  den  Schluss  bildende  Vertröstung  auf  einen  andern 
Mönch  bringt  und  zudem  ohne  Unterbrechung  auf  das  Folgende 
übergeht. 

Was  den  Inhalt  der  Beichten  angeht,  so  wird  für  gewöhnlich 
nur  eine  That  erzählt.  So  erwähnen  MSH  HI  199,  13—16  nur 
eine  einzige  Eigenschaft  des  Beichtenden,  blos  11  und  12  giebt 
mehrere  an.  Auch  im  Bing  wird  nur  die  ärgste  Sünde  gebeichtet. 
Am  besten  wird  das  im  GrNSp  431,  26  f.  eingekleidet  mit  der  Er- 
klärung: „Ich  will  es  alles  ligen  lan.  Ich  heb  an  dem  grösten 
an**  ^).  —  Eine  besondere  Komik  wird  dadurch  erreicht,  dass  bei 
diesem  Streiche  Neidhart  gezwungen  wird,  aus  dem  Munde 
seiner  Beichtkinder  Drohungen  gegen  sich  selbst  anhören  zu  müssen* 
Dafür  dass  schon  im  Original  ein  Bauer  sich  auf  diese  Weise 
ausliess,  spricht  die  Wiederkehr  dieser  Wendung  in  Gedicht  und 
GrNSp,  hier  bei  Schottenschlicker,  dort  bei  Eggerich: 


*)  Ganz  Ähnlich  heisst  er  im  Gedichte  ^dia  bihte**  bei  Grimm  Rein- 
hart Fuchs,  Berlin  1834  S.  392  v.  17  ff:  >un  sit  gemein,  und  bihte  ie  einr 
don  andern  zwein  daz  groeste,  daz  er  habe  getan,  so  hebich  ze  dem  ersten  an." 


97 


15,  2  ich  enweiz  enz  noch  dizze,      431,  28  Ir  sült  auch  wissen  das. 


an  daz  uns  einer  leide  hat  getan; 
der  rueget  mich  und    ander 

min  gesellen: 
ich  sag  iu  daz,  und  möht  wir 

in  ersnellen, 
wir  liezen  sin  bi  ein    ander 

niht  bestan. 


Dass  ich  trag   grossen   neid 

und  has 
Auf  meinen  feint  Neithart. 
Dem     Wirt    es     länger    nit 

gespart, 
Wo  ich  in  an  kam, 
Sein  leben  ich  im  näm. 


Eine  solche  Gesinnung  ist  freilich   sehr  unbussfertig. 

Den  Schluss  bildet  die  Vertröstung  auf  den  Klosterbruder, 
die  aber  im  Spiel  ganz  wirkungslos  und  nebensächlich 
bleibt  1). 


17,  5  ich  wil  iu  min  gesellen  her 

in  bringen, 
17, 7    der  git  iu  buoz  und  laezt 

iuch  uz  dem  banne. 


432,  7    Ich  pring  dir  mein  ge- 
selle drat, 
Dass  er   dich  auszieht. 


Aus  einem  geraeinsamen  Original  ist  also  einmal  das  Gedicht 
geflossen,  welches  die  Beichten  vermehrte  und  wahrscheinlich  erst 
die  entsagungsvolle  Einleitung  hinzufügte,  wahrend  eine  andere 
Fassung  den  Witz  von  dem  zweiten  Ordensbruder  verdarb.  Auf 
ihr  fusst  der  Ring  und  das  GrNSp. 

Au  den  Beichtschwank  schliesst  sich  im  GrNSp  unmittelbar 
die  Erzählung  von  Neidhart  und  den  zu  Mönchen  gemachten 
Bauern  an. 


Neidhart  mit  den  Kutten. 

Der  Schwank  vom  Kuttenanlegen  hat  ursprünglich  nichts  mit 
dem  Beichtschwank  zu  thun,  obwohl  er  im  gleichen  Versmasse 
abgefasst    ist.     Beide  Geschichten    sind    selbständig;    im    Drucke 


^)  An  den  Beichtschwank  erinnert  die  Behandlung  bei  Meister  Stolle 
MSH  in  7^  20,  wo  ein  als  Kaplan  Verkleideter  zu  einem  reichen  Geizhalse 
geht,  der  im  Tode  liegt,  und  auf  dessen  Selbs tanklagen  als  geistlichen 
Trost  nur  den  Rat  hat:  ^wol  hin  dem  tiufel  in  den  ars,  dune  mäht  niht  bas 
gevarn." 

Gusindc,  Neidhart  mit  dem  Veilchen.  7 


98 


stehn  sie  deshalb  weit  von  einander'getrennt  (670 — 822  und  1219 — 
1362),  c  und  s  kennen  nur  den  Beichtschwank,  den  auch  Witt«n- 
weiler  nur  verarbeitet  hat. 

Im  GrNSp  sind  beide  Stücke  ungeschickt  miteinander  verbun- 
den. So  lange  der  ursprüngliche  Schluss  des  Beichtschwankes  noch 
lebendig  war,  konnte  natürlich  die  Kuttengeschichte  nicht  unmittel- 
bar drangefügt  werden.  Das  konnte  erst  stattfinden,  als  das  Ver- 
ständnis für  Neidhart«  Knifl'  mit  dem  zweiten  Pfaflfen  geschwunden 
war. 

Der  Kuttenschwank  ist  ausser  im  Drucke  (NF  1219—1362) 
noch  in  Brentanos  Handschrift  überliefert,  die  Haupt  (Neidh. 
V.  R.  VE)  f  nennt,  wonach  er  im  Wunderhorn  (Hempel  I  142) 
gedruckt  ist. 

Zwischen  NF  und  Wdhm.  besteht  eine  enge  Verwandtschaft. 
Der  Inhalt  deckt  sich  beinahe.  Deshalb  erübrigt  sich  eine  Neben- 
einanderstellnng  der  einzelnen  Parallelstellen.  Ein  blosses  Durch- 
lesen beider  Fassungen  beweist,  dass  sie  auf  einen  und  denselben 
Text  zurückgehn. 

Eine  sehr  verwilderte  Einleitung  spricht  vom  Maien,  lässt 
aber  trotzdem  den  Tanz  in  der  Stube  vor  sich  gehn  (NF  1231)*). 
Bei  der  sich  dort  ent>\'ickelnden  Holzerei  kommt  der  anwesende 
Neidhart  in  eine  ähnliche  Lage  wie  im  Beichtschwanke  (S.  i)3). 
Es  gelingt  ihm  endlich  zu  entfliehn.  Die  Leut^?,  zu  denen  er 
kommt,  bitten  ihn  v.  1243  um  eine  neue  Geschichte.  Da  erzählt 
er  ihnen  1246flf.  sein  jüngstes  Abenteuer. 

In  Wien  hatte  er  Lodenstolf  gekauft.  Daraus  lässt  er  sich 
24  Kutten  für  die  Bauern  und  eine  Abtkutte  für  sich  selbst 
schneiden,  lädt  alles  auf  einen  Karren  und  versieht  sich  mit  einem 
Schlaftrünke.  So  kommt  er  zu  den  Bauern,  die  gerade  von  ihm 
sprechen  (S.  1)3,  Anm.).  Er  zeigt  offen  seine  Mönchsglatze,  um 
vor  Entdeckung  ganz  sicher  zu  sein,  und  bietet  ihnen  seinen  Trunk 
an,  wovon  sie  sogleich  in  tiefen  Schlaf  fallen.  Nun  zieht  er  sie 
aus  und  schiert  ihnen  mit  Hülfe  eines  Haarschneiders  (im  NF  hat 
dieser  nocli  einen  Knecht)  eine  Platte.  Zum  Schluss  legt  er  ihnen 
die  mitgebrachton  Kutten  an.    Drei  Tage  liegen   die  Bauern  besin- 


')  Im  Boichtschwank  wir«!  auch  nach  NF  flcr  Roio  in  der  Stnbc  potanzt, 
s.  vS.    \)'6. 


99 


nungslos.  Als  sie  erwachen,  freun  sie  sich  lebhaft  ihres  neuen 
Standes,  wollen  gleich  eine  Messe  singen  und  hoffen,  in  Zukunft 
ein  faules  Leben  fQhren  zu  können.  Da  kommt  Neidhart  in  seiner 
Abtkutte  dazu,  den  sie  um  Rat  angehn.  Er  will  ihr  Abt  sein  und  zieht 
mit  seinen  neuen  Schützlingen  zum  Herzoge,  um  ihn  um  ein  Kloster 
zu  bitten.  Eins  von  ganz  eigner  Art  wird  ihm  schliesslich  angewiesen. 
Den  draussen  vor  dem  Palaste  Harrenden  wird  die  Zeit  lang;  sie 
fangen  an  zu  singen.  Dabei  spüren  sie  argen  Hunger  und  sehnen 
sich  nachhause  zurück.  Es  kommt  zur  Prügelei.  Als  der  Herzog 
sie  mit  Hohn  heimschicken  lässt,  merken  sie  erst,  dass  sie  die 
Angeführten  sind. 

Wenn  aber  auch  die  Abweichungen  in  NF  und  f  voneinander 
sehr  gering  sind,  so  kann  doch  keine  der  beiden  Fassxmgen  aus 
der  andern  geflossen  sein.  NF  kann  deshalb  nicht  die  Grundlage 
sein,  weil  hier  die  Klage  der  Mönche  über  ihren  Hunger  an  falscher 
Stelle  steht.  Im  GrNSp  und  im  Wdhm  (=  f)  steht  sie  richtig, 
als  die  Bauern  lange  auf  Neidhart  haben  warten  müssen  (42,  2  f. ), 
im  Druck  dagegen  gleich  beim  Erwachen  der  neuen  Klosterbrüder, 
während  sie  noch  froh  über  ihre  Verwandlung  sind,  und  ehe  Neidhart 
ihnen  begegnet  (1303  ff).  Auch  NF  1298  ist  schlecht.  Der  Bauer 
hat  keinen  neuen  Orden  gegründet;  das  kann  nur  Neidhart  von  sich 
sagen,  wie  er  es  Wdhrn  34  dem  Herzog  gegenüber  auch  wirklich 
thut.  Wenn  der  Druck  an  der  entsprechenden  Stelle  1330  Neidhart 
zimi  Herzoge  sprechen  lässt:  „ich  pin  ain  pischoff",  so  erinnert 
das  noch  daran,  wiewohl  „pischoff"  nicht  den  richtigen  iachverhalt 
trifft. 

Aber  auch  umgekehrt  kann  die  Fassung  im  Wdhm  nicht  dem 
Drucke  zu  Grunde  liegen,  weil  sie  bei  der  Anbietung  des  eigen- 
artigen Klosters  Verse  hat,  die  dem  Drucke  fremd  sind.  NF 
1342  bietet  eine  Hundehütte  an.  Das  Wdhrn  verdoppelt  das 
Motiv.  Str.  3G  will  der  Herzog  einen  Galgen  ^),  str.  38  einen 
Abtritt  als  Kloster  für  die  Bauern  geben.  Diese  Abweichung 
zeigt,  dass  eine  sehr  lebendige  Phantasie  in  beiden  Texten  ein 
wahrscheinlich  zahmeres   Original  geändert  hat. 


*)  Derartig  lustige  Bezeichnaugen  dos  Galgens  sind  häufig,  vgl.  Z.  f.  d. 
Kulturgesch.    1859   8.  688i.  Auni.,  N.  Folge    II  1873  S.  253flf. 


100 


Eine  andere  Abweichung  besteht  darin,  dass  13,  i  das  Wunder- 
hom  nur  einen  Scheerer  hat,  wo  NF  1288  noch  einen  Kneclit 
dazu  thut,  zu  welchem  der  Sclineiderknecht  1252  Vorbild  gewesen 
sein  mag,  aus  dem    Wdhm  10,  i  seinerseits  zwei  Knechte  macht. 

Das  Wunderhorn  hat  also  die  alte  Ordnung  gegenüber  den 
Verstellungen  im  Drucke  besser  gewahrt.  In  der  Form  hat  es 
dagegen  mehr  geändert.  Es  hat  dreizeilige  Strophen  und  einen 
anders  gearteten  Schluss,  wahrend  NF  mit  seinen  neunzeiligen 
dem  Original  näher  steht. 

Wdhm  beseitigt  mehrfach  seltnere  Wörter,  z.  B.  1,  2  zweien, 
3,  8  und  7,  3  gemeit,  7,  i  waehe;  4,  i  hat  es  ein  Missverständnis 
begangen  (vergessen  statt  gesessen).  —  Dagegen  hat  es  20,  i  und 
28, 1  gegenüber  NF   1291   und  1309  den  reineren  Beim. 

Mit  beiden  Fassungen  selir  verwandt  ist  auch  das  GrNSp. 
Der  Gedankengang  ist  derselbe  (S.  (u)  bis  auf  die  Einleitung, 
welche  fürs  GrNSp  natürlich  wegfallen  musste.  Dass'  es^  als 
Dramatisierung  textlich  reichere  Wandlung  erfahren  haben"  kann, 
ist  klar.  Trotzdem  finden  sich  eine  ganze  Beihe  wörtliclier  Anklänge. 


NF 

nun  trinckcnd  an 
mein  liebe  kindc. 
Ich  bot  in  allen 
nach  ein  ander  zu 
trincken. 
1277.  s.  0. 


1277 


1282 


GrNSp 

432,  19  Ser  lieben  herren, 

trinket  mit  mir! 

Da  ist  guotor  wein  inn. 

Ich  han  gesegent  sand 

Johanns  minn. 

434, 31  Ich  sag  euch,  lieben 

kind, 
433, 26  und  waiss  wol,  dass 
ich  het  ain  har: 
Nu   pin    ich  beschoren 
gar. 
433, 17  Oder  wie  pin  ich 
also  geschaffen, 
Dass  ich  pin  worden  zu 

ainem  pfaffen? 
Hab  ich  mich  seid  heut 

verkert 
Und  pin  ain  münich  und 
ward     nie    gel  er  t? 
435,  27  Ich  han  euch  pracht  1831  Ich  han  gowoicht  wol 


1312  horr  dazhatvns  got 

erschaffen, 
wir  seien  worden  vicrund- 

zweinczig  pfaffen, 
mit  hüchen  konsten  seien 

wir  gelart. 


Wdhm 

21  Grüss  euch  Gott,fKinder, 

wollt  ihr    trinken? 

Guten  Osterwoin  wiU  ich 

euch  schenken. 
Da    bot'  er   ihnen     das 
Schlaftränklein  dar. 
30  Ihr  lieben  Kind. 
26  Der  greift  da  mit  der 
Hand  "wohl '  auf  das 
Haare : 
Nun  freut  euch  alle,  ich 
bin  ein  Möneh'für- 
wahre. 
29  Nun,  lieber  Herr,    das 
hat   uns    Gott    er- 
schaffen. 
Wir   sind    alle    worden 

hie  zu  Pfaffen, 
Und     sind      dazu      gar 
wenig  doch  gelehrt. 


ain    ji^anz    convont. 

Die  han  ich   all    selber 

geweih(c)t.  | 


vierundzweinczi;? 
])faffen. 


101 

NF 

1352  den  segen  gabons 
eiu  ander  mit  den 
scheiten. 


GNSp 

437,  24  Oet  haim,  dass  ir 
unsäligjäcit, 
Oder  ich   schlach  euch 
mit  ain  schcit.  vgl. 

436,35*). 

436,  14  Und  hiet  ich  ainen 

haissen  schotten, 
So    weit  ich    frischlich 
umb     hin    trotten. 

437,  22  Lieben  kind,  ir  seit  1358  euer  kii    da  heimen 


1304  oi  der   mir   prechte 
ein  heissen  schotton 


mir    volgcn! 
Kurs    vators     küe    ston 
noch  ungeniolchen> 
vgl.    436,  :w. 
436,  1«  Die  kclber  hör  ich 
rörn. 

436. 22  So  hätt  ich  wol 
ain  praten  aus 
einem   kalbe. 

436. 23  Da  stet  moins 
vators  merch  da  vor 

Und  rubelt  ser  an  dem 

tor. 
433,  10  Ir    müest    pis    an 

den      dritten      tag 

schlafen. 
435,  20  Pait,    das   ich  den 

herren  darumb  frag. 


sind  noch    ongcmol- 
cken. 


1348  einer  der  sang  von 
storcken  nnd  von 
lerchen, 
der  ander  der  sang  von 
seines  vattors  mer- 
chen. 


1204  si  lagen  biss  an  den 
dritten  tag  on sinne. 

1323  wardt  mein  vnd  stont 
ein    weil    hie    vor, 


Wdhm 

39  Mit  grossen  Scheitern 
begannen  sie  sich 
streichen. 


42  H&tt  ich  einen  Topf  voll 
Schotten. 


47  Ihre  vierbeinigt  Schwe- 
stern standen  unge- 
molken. 


40    Der    erste    sang    von 

Ochsen     und     von 

Rindern, 

Der  andere  sprach  und 

sang  von  Menschen 

und   von    Kindern, 

Die    machon    su    Haus 

an  seines  Vaters  Thor. 

25  Sie  lagen  bis  an  den 
vierten  Tag  ohne 
Sinnen. 

32  Nun,  lieben  Brüder, 
wartet  mein  hiervor. 


438,  1  ff  ist  die  nähere  Ausführung  von  NF  1362  und  Wdhrn  47,8. 
Den  Gedichten  gegenüber  kennt  das  Spiel  keine  Nebenpersonen. 
Vielleicht  bietet  es  damit  das  Ältere.  Einen  Schneider  zu  er- 
wähnen, lag  allerdings  keine  Veranlassung  vor,  aber  auch  das 
Scheeren  besorgt  Neidhart  selbst.  Dass  die  Spielanweisung  433,  is 
davon  nichts  erwähnt,  hat  nichts  auf  sich.  Es  wurde  wohl  während 
des  Sprechens  433, 5  ff  angedeutet,  weshalb  433,  13  gesagt  wird: 
und  legt  in  auch  Kutten  an.  Woher  er  die  Röcke  nimmt,  ob 
er  sie  sclion  430,  30  mitgebracht  hat  oder  nacli  der  Betäubung  der 
Bauern  erst  holt,  wird  niclit  gesagt. 


•)  Vgl.  Fsp.  503,  9,  8G0,  3,  Michels  S.  149,  Uhland  m  288* 


102 


Anch  sonst  sieht  das  Spiel  inhaltlich  älter  ans  als  die  Ge- 
dichte. Es  kennt  weder  die  Fehler  der  Anordnnng  von  NF,  noch 
die  eigenartigen  Klöster  beider  Überlieferungen.  Statt  dessen  hat 
es  eine  einfache  Ablehnung.  — 

Falsch  ist  die  Anweisung  436,  s.  Hier  ist  weder  von  einem 
Führen  zum  Kloster  die  Rede,  noch  hat  der  Herzog  dabei  etwas 
zu  thun.  Wahrend  die  Bauern  singen,  stehn  sie  im  Freien;  der 
Herzog  sieht  vom  Schlosse  aus  zu  und  lässt  437, 19t  die  noch 
immer  auf  ihr  Kloster  wartenden  Mönche  heimschicken. 

In  436,  35 — 437,  n  scheint^ noch  ein  alter  Zug  der  Erzählung 
zu  stecken,  den  die  Gedichte  nicht  kennen,  dass  sie  nämlich  jetzt 
allmählich  merken,  wie  sie  Xeidhart  gefoppt  hat.  Ahnlich  ist  es 
im  Schwanke  von  der  Mistgrube  MSH  HI  220*  7.  Voll  Ärger 
über  ihre  eigne  Dummheit  beschuldigen  sie  sich  gegenseitig,  bis 
es  zur  regelrechten  Hauerei  kommt*).  —  Darauf  führt  wenigstens 
437,  7 f.:  So  muoss  der  schad  auch  wesen  dein,  Du  hast  uns  all 
gefüert  herein.  Auf  diese  Weise  wird  die  in  den  Gedichten  zu 
plötzlich  eintretende  Prügelei  besser  vermittelt.  Dasselbe  fand 
sich  in  der  Schwertfegergeschichte.     (S.  J>1). 

Alle  drei  Berichte,  NT,  Wdhrn  und  GrNSp  gehn  auf  dieselbe 
Quelle  zurück.  In  der  Schilderung  steht  dieser  das  GrNSp  näher, 
im  Wortlaut  die  Gedichte.  Aus  dem  Original  floss  einmal  das 
Spiel,  daneben  entwickelte  sie  h  eine  Bearbeitung  in  neunzeiligen 
Strophen,  die  sich  in  die  beiden  epischen  Behandlungen  gespalten  hat. 

Dass  jemand  einen  andern  durch  einen  Schlaftrunk  einschlä- 
fert und  ihm  dann  das  Haar  schiert,  i^t  auch  sonst  ein  der  Litteratur 
bekanntes  Motiv.  Der  Dichter  des  Spielmannsepos  vom  Salman 
und  Morolf  hatte  eine  besondere  Vorliebe  dafür.  Morolf  macht  290 
mit  einem  Betäubungstranke  seine  Wächter  trunken,  schiert  ihnen 
Platten,  lässt  sie  so  liegen  und  flieht  aus  dorn  Gefängnis.  Noch 
einmal  gefangen,  wiederholt  er  SV)  den  gleichen  Streich  an  seinen 
neuen  Wächtern.  Zum  dritten  Male  wendet  er  32(iff.  dasselbe 
Mittel  beim    Könige    an.     Er  schläftut  ihn,  die  Königin  und  den 


^)  In  ähnlichor  Weise  prü^oln  sich  iui  Osterspiel  dii*  Ritter  untereinander, 
als  ihnen  Jesus  entwischt  ist,  und  sie  si«h  deshalb  ji^e^enseitig  Vorwürfe 
marhen.  z.  B.  Sterz.  OSp  Pichler  148,  l)onanes«h.  l'ass.  Mone  11  S.  347  v.  4031. 
v^'l.  Juhinai.  Mvsteie^  L^  .'idlUV. 


103 


heidnischen  Hanskaplan  ein,  zieht  diesem,  der  ganz  nach  christ- 
lichen Begriffen  geschildert  wird,  die  Kutte  ab,  um  sie  dem  vorher 
geschorenen  Könige  anzulegen,  der  am  andern  Morgen  erstaunt  als 
Kaplan  erwacht,  wobei  allerhand  lustige  Missverständnisse  eintreten. 
Die  Ähnlichkeit  mit  dem  Kuttenschwanke  ist  merkwürdig,  sie  er- 
streckt sich  auch  auf  die  Sprache. 


S.  u.  M.  315  Ein  schere    nam  er,  daz 
ist  war, 
Oberhalp    den    orcn    sncit    er    in 

abc  daz  har. 
or  nam  ein  scharsas  in   die  hant, 
iT  schar  iglichem  eine  blate: 
nu  singent  messe  alle  sant. 
Do  sprach  der  listige  man 


433,  7  Ich  wiU   euch   bescheren    unz 
auf  die  oren. 

NF  1290  und  schüren  in  gross  platten 

gar  breite. 
Wdhm26,  3  Und  will  uns  Morgen  eine 


dizmochtecinbischofnithän  getan.  Frühme88haben.vglJ?Fl299f. 

weren  gcwihet  die  beide  halt,         j  435,  28    die    han    ich    all   selber   ge- 
si  besungen  wol  ein  münster:  I  wcih(e)t.    vgl.  NF  1331. 

ir  stimme  ist  so  manigvalt.  ;   Wdhm    89,  1    Nun    hob    sich  an  ein 

Singen  gar  ungleiche. 

Die  Erzählung  vom  Kuttenanlegen  sieht  demnach  aus  wie  die 
(Ibertragung  eines  beliebten  Spielmannsmotives  auf  Neidhart. 
Als  Mönch  war  er  schon  aus  der  Beichtgeschichte  bekannt;  mit 
ihm  wurden  alle  möglii  hen  Schelmereien  in  Zusammenhang  gebracht. 
So  war  es  ein  Leichtes,  ihm  auch  Morolfs  Schabernack  anzu- 
dichten *). 

¥jS  kommt  ab(*r  noch  öfter  in  der  Litteratur  vor,  dass  jeman- 
dem im  Schlafe  das  Haar  abgeschoren  wird,  worauf  man  ihm  ein- 
redet, er  sei  ein  andrer  geworden.  In  den  deutschen  Vertretern 
dieses  Motives  findet  sich  noch  ein  anderer  Zug    damit  vereinigt: 


*)  Das  ist  nhri^jons  niclit  diii  einzige  Uebereinstimmung  in  den  Motiven. 
Die  Erzählunjj:  vom  Nuidhart,  der  eine  Wurzel  in  den  Muud  nimmt  um  „un- 
gesund" auszusehn,  erinnert  an  Morolf:  MSH  111  238^  3:  ein  wurzel  legt 
ich  in  den  munt,  davon  ich  schein  gar  ungcsunt.  —  S.  u.  M.  125,  if.  sie 
It'ites  «lou^en  in  den  nmnt.  vil  schiere  wart  sie  ungesunt.  vgl.  <>18, 1— :^, 
111,  if.  —  Neidhart  selbst  hat  dies  Motiv  schon  angewandt,  allerdinj^s  nicht 
.ils  Zaubennittel  für  den  eiji^nen  Leib,  sondern  für  einen  fremden  (17, 30). 
Zu  beachten  ist  übrigens  auch  das  Vorkommen  des  Namens  Marcolf  im 
GrNSp  403,10. 


104 


die  Frau  richtet  ihren  Mann  selbst  so  zu,  tun  ihren  Genossinnen 
ihre  Oberherrschaft  im  Hause  zu  beweisen^). 

So  ist  es  in  einem  Spruche  von  Folz  (ZfdA  8,524).  Da  streiten 
sich  drei  Frauen  um  eine  Borte;  sie  soll  der  gehören,  welche  ihren 
Mann  am  meisten  anführt.  Die  zweite  von  ihnen  schiert  dem 
ihrigen  im  Schlafe  eine  Platte  und  redet  ihm  vor,  er  sei  ein  Pfafif 
und  solle  bald  eine  Messe  für  den  Mann  der  ersten  Frau  lesen, 
dem  eingeredet  worden  ist,  er  sei  tot  und  müsse  begraben  werden. 

Beinahe  ebenso  ist  es  bei  Keller  Erz.  a.  ad.  Hdschr.  S.  2 10  ff. 
Hier  wetten  ebenfalls  drei  Frauen,  welche  ihren  Mann  am  meisten 
anführen  würde.  Die  erste  redet  nun  ihrem  Manne  ein,  er  sei 
zum  Abte  gewählt  worden  und  solle  in  sein  Kloster  gehn.  Sie 
schiert  dem  Leichtgläubigen  das  Haar  und  legt  ihm  eine 
Kutte  an. 

Fast  genau  entsprechend  ist  eine  tibetanische  Erzählung  in 
der  Sammlung  von  Geschichten  von  Mahäkätjäjana  und  König 
Tschanda  Pradjöta*):  Der  Purohita  lässt  sich  sein  Haar  schee- 
ren.  Ein  Purohita  tadelt  den  König,  weil  er  zu  sehr  in  der  Gewalt 
der  Weiber  stünde.  Der  Vertraute  des  Königs,  Bharata,  soll  es  nun 
zu  Wege  bringen,  dass  dem  Purohita  von  seiner  Frau  das  Haar 
geschoren  würde.  Der  steckt  sich  hinter  seine  Frau,  die  sich  mit 
der  Priestersgattin  anfreundet  und  eines  Tages  von  ilir  als  Beweis 
ihrer  häuslichen  Macht  verlangt,  sie  solle  iliren  Mann  kahl  machen. 
Die  Frau  des  Purohita  gebärdet  sich  nun  wie  eine  Büsserin  und 
antwortet  dem  nach  ihrem  Gelübde  fragenden  Gatten,  sie  habe 
die  Götter  erzürnt,  weil  sie  ihr  Versprechen,  ihm  bei  seiner  glück- 
lichen Rückkehr  vom  Königshofe  das  Haar  zu  schocren  und  den 
Göttern  zu  weihn,  nicht  gehalten  habe.  Der  Priestor  ist  sogleich 
bereit  dazu,  nimmt  Urlaub  vom  Könige  und  lässt  sich  ^^cheeren. 
Seine  Frau  unterrichtet  Bharatas  Gattin,  durch  deren  Mann  es  der 
Herrscher  erfährt.    Der  Purohita  wird  plötzlich  an  den  Hof  berufen. 


*)  Dieses  Stück  Folzens  hat  Sachs  fast  wörtlich  nachgeahmt,  s.  Hans 
Sachs-Forschungen,  Festschr.  z.  400.  Gehiirtstagsfeier  d.  Dicliters  i.  A.  d, 
Stadt  Nürnberg  hrsgg.  v.  A.  L.  Stiefel,  Nürnberg  1894:  Ucbcr  die  Quellen 
der  Fabeln,  Märchen  u.  Schwanke  des  H.  S.  S.  104  fF. 

*)  hrsgg.  V.  A.  Schiefner  i.  d.  M«*moires  de  rAcadomie  Tmp/'riale  des 
Sciences  YII.  sOric,    tcnio  XXll.     Petersburg   187(i.     Dort  Nr.  10  S.  28.  • 


105 


wo  sich  der  König  mit  seiner   Umgebung  an    seiner    Beschämung 
weidet. 

Diese  Erzählung  steht  der  aus  Kellers  Sammlung  insofern  näher 
als  der  Folzischen,  als  dem  Manne  nicht  im  Schlafe  der  Schaber- 
nack gespielt  wird,  sondern  mit  seiner  ausdrücklichen  Einwilligung, 
nachdem  er  sich  durch  falsche  Vorspiegelungen  hat  bethören  lassen. 
Etwas  abweichend  ist  nur  die  Veranlassung  dazu,  warum  die  Frau 
ihre  Macht  beweisen  wilP). 

Dieselbe  Geschichte  kehrt  ferner  in  französischen  und  siziliani- 
schen  Erzählungen  ^vieder*).  —  Dabei  ist  die  in  den  abendländischen 
Erzählungen  allgemein  sich  findende  Beziehung  auf  Priesterschaft 
und  Mönchsplatte  jedenfalls  nur  ein  jüngerer  Zug. 

Abweichend  von  diesen  unkr  sich  eng  zusammenhängenden  Er- 
zälilungen  ist  eine  chinesische  und  griechische  Version.  Im  chinesischen 
Schwanke')  führt  ein  Soldat  einen  verhafteten  Buddhistenpriester 
zum  Getängnis.  In  dem  Merkreim:  „Ein  Bündel,  ein  Schirm,  ein 
Priester  und  ich"*  hält  er  sich  die  Dinge  gegenwärtig,  die  ihm 
anvertraut  sind.  In  der  Nacht  macht  ihn  der  Priester  trunken, 
schiert  ihm  den  Kopf  und  flieht.  Am  Morgen  sagt  er  wie  gewölm- 
lich  sein  Merksprüchlein  und  ruft,  als  er  bis  zum  Priester  damit 
kommt,  aus:  „Owe,  der  ist  ja  fortgelaufen".  Da  fährt  er  sich  an 
den  Kopf,  merkt  dass  er  kahl  ist  und  sagt:  „Nein,  der  Gefangene 
ist  hier.  Ich  bins,  der  fortgelaufen  ist".  —  Nach  der  griechi- 
schen Erzählung**)  reisen  ein  Schulmeister,  ein  (jlatzkopf  und  ein 
Barbier  zusammen  und  übernachten  an  einem  einsamen  Orte. 
Jeder  soll  4  Stunden  wachen.  Der  Barbier  kommt  zuerst  an  die 
Reihe.  Im  Scherze  .schiert  er  den  Scliulmoister,  der  nach  ihm 
drankommen  soll.  Als  der  gewcv  kt  wird,  fühlt  er  an  seinen  Kopf 
nach  Art  eines  Srhlaftrunkenen,  spurt  <lie  Glatze  und  sagt:  „Der  dumme 
Barbier  hat  jetzt  statt  meiner  den  Kahlkoj)f  geweckt". 


*)  Ähnlich  ist  auch  dio  jüdische  Sage    vom  Simsoii,  Richter  16,   16. 

«)  Liebrecht,  Oerm.   21,  3S5  ii.  393  f. 

')  Arendt,  Moderne  chinesische  Tierfabeln  und  Schwanke  i.  d.  Ztsrhr. 
d.  Ver.  f.  Volkskunde  I,  1891  S.  333f. 

*)  Philoir«'los,  Hi«'r<)clis  «'t  Philairrii  facetiae  hrssrg.  v.  Alfr.  Eberhard, 
Bt-rlin  18r,:»  S.  17  f.  Nr.  50. 


106 

In  diesen  beiden  Gteschichten  ist  von  einer  Frau  keine  Bede. 
Der  Zug  ist  aber  auch  in  ihnen  die  Hauptsache,  dass  der  durch 
List  Geschorene  in  seiner  Dummheit  sich  einbildet,  er  sei  ein 
anderer  geworden  und  nicht  mehr  er  selbst.  Der  zweiten  Version, 
die  eine  Frau  nicht  kennt,  steht  der  Streich  Morolfs  und  Neidharts 
näher. 

Möglich  ist  es,  dass  beide  Versionen  mit  einander  verwandt 
sind,  und  dass  etwa  eine  Originalfassung  zu  Grunde  liegt,  nach 
der  jemand  durch  List  geschoren  und  so  zum  Narren  gemacht  wird, 
80  dass  er  glaubt  ein  anderer  zu  sein.  Aus  der  morgrenländischen 
Heimat  wären  beide  Versionen  dann  ins  Abendland  gedrungen*) 
und  hätten  durch  Vemiittelung  der  Spielmannsdichtung,  die  übrigens 
gern  orientalische  Stoffe  *)  verarbeitet,  auch  in  Deutschland  Eingang 
in  die  Litteratur  gefunden.  —  Freilich  ist  das  nur  eine  mögliche 
Vermutung,  die  nicht  bewiesen  werden  kann. 


')  Ganz  abweichend  ist  (la8  Motiv  von  Mönch  und  PlatU^  in  der  Tier- 
sage. Roinhart  briiht  mit  hoissem  Wassor  dcni  nach  dem  Mönchstum  und 
seinem  guten  Leben  lüsternen  Wolfe  Haut  und  Haar  vom  Kopfe  ab.  I>ie 
Komik  wird  noch  bedeutend  gesteigert,  weim  der  neue  Mönch  von  den 
Klosterbrüdern,  in  deren  Hände  er  durch  des  Fuchses  Verrat  gerät,  wegen 
seiner  Platte  als  Ordensbruder  begrnsst  und  wegen  des  beim  Fischen  im 
(angefrorenen  Teiche  verstümmelten  Schwanzes  für  einen  getauften  Juden  ge- 
halten wird.  Grimm,  Koinliart  Fuchs  XXXV  f.,  CXCI,  Keiiihart  694  ff., 
1009  IT.  —  Es  liegt  auf  der  Hand,  dass  wir  es  hier  mit  junger  Ausgestaltung 
zu  thun  haben.  Ob  man  eine  Verbindung  mit  den  oben  angeführten  Ge- 
schichten suchen  darf,  ist  mindestens  sehr  zweifelhaft. — Auch  die  .Erzählung 
vom  Grafen  von  Rom  ist  ganz  anders.  Dort  (Uhland,  Voksl.  21)9)  heisst  es 
von  der  Frau  des  Grafen  str.  10;  sie  liess  ir  ein  kntten  machen  und  ir  ein 
platten  schern.  Als  harfender  Mönch  fährt  sie  übers  Meer  um  ihren  ge- 
fangenen Mann  zu  befrein.  —  Wieder  anders  ist  der  betrügerische  Wolf,  der 
sich  als  Mönch  ausgiebt,  um  die  Hirten  um  so  ungestörter  hintergehn  zu 
können,  s.  I^uparius  bei  Grimm,  Keinhart  t^ichs  S.  410 ff.,  v.  53 ff.;  lupus 
monachus,  ebenda  S.  410,  v.  15ff.;  vgl.  Freidank  137, 19. 

*).  z.  B.  im  Salman  und  Morolf,  Disputatz  zwischen  einem  Freiheit  und 
einem  Juden  (Germ.  4,483  ff.),  Traugemund  (ZfdA  20,  255  ff).  Bekannt  ist 
auch,  dass  die  Spielmannsepen  mit  Vorliebe  im  Morgenlande  spielen,  z.  B . 
Kolher,  Salman,  Orendel,  Oswald. 


107 


Das  Teufelspiel. 

Ein  ganz  eigenartiger  Abschnitt  im  GrNSp  ist  die  Teufel- 
szene 438, 15—444, 17. 

Die  Neidhartüberlieferung  bot  zu  einem  derartigen  Stück  kei- 
nerlei Anhalt.  An  sich  ist  es  ^ielmehr  in  einem  Neidhartspiel 
ein  durchaus  fremder  Bestandteil.  Und  doch  lag  seine  Einführung 
ziemlich  nahe. 

Dass  von  den  geistlichen  Dramen  aus,  wo  sie  bald  in  den 
Vordergrund  getreten  waren,  die  Teufelskomödien  auch  in  die  welt- 
lichen Schauspiele  Eingang  fanden,  zeigen  mehrere  Spiele  in  Kel- 
lers Sammlung.  Nicht  nur  solche  sind  es,  die  in  Tendenz  und 
Stoff  an  die  geistlichen  Spiele  erinnern  (S.  32),  sondern  auch  solche 
mit  ausgesprochen  weltlich-fastnachtspielmässigen  Stoffen  wie  z.  B. 
57  und  110,  873,  27.  War  doch  der  Teufel  eine  besonders  beliebte 
Figur  und  längst  nicht  mehr  bloss  der  Schrecken  und  Furcht 
erregende  böse  Feind,  sondern  er  war  vielfach  geradezu  zur  lusti- 
gen Person  geworden.  lYotzdem  hat  er  aber  auch  noch  manches 
von  seiner  Bösewichtsnatur  gewahrt.  In  dieser  Mischgestalt  er- 
scheint er  auch  im  GrNSp,  wo  die  Einberufung  und  der  wahr- 
scheinlich von  einem  grotesken  Teufelstanze  begleitete  Lobgesang 
derb  karrikierend  gewesen  sein  wird,  während  er  dann  als  der 
Verführer  der  Bauern  auftritt.  Der  Dichter  hat  ihn  geschickt  mit 
dem  Folgenden  verflochten.  Luzifer  schickt  seine  Gesellen  aus  mit 
dem  ausdrücklichen  Befehle,  Zwietracht  unter  den  tanzenden  Bauern 
zu  säen.  Die  Prügelei  wegen  des  Spiegels  kann  als  Ausführung 
dieses  Befehls  gelten.  Es  heisst  ausserdem  444,  1«:  Da  laufen  die 
teüflen  under  den  paurn  und  machen  krieg  und  unainikait.  Sie 
liefen  also,  von  den  Bauern  unerkannt  und  nur  den  Zuschauern 
sichtbar,  während  des  Folgenden  auf  der  Bühne  umher  und  mussten 
sich  schon  vor  der  wegen  des  Spiej^els  sich  entspinnenden  Prü- 
gelei bereits  während  der  beginnenden  und  sich  immer  mehr  stei- 
gernden Erbitterung  gegen  Engelmar  durch  Mimik  als  die  eigent- 
lichen Erreger  des  Streites  zu  erkennen  geben.  In  dieser  Verwen- 
dung waren  sie  in  einem  Neidhartspiel  sehr  gut  anzubringen. 
Zudem  ist  gerade  der  Teufel  am  geeignetsten,  über  die  (Üppigkeit 


108 


der  Dörper  schwere  Klage  zu  führen^),  zu  der  die  Neidhartdich- 
tung  reichliche  Muster  bot  (s.  S.  1 1 7 11).  Unter  den  Fastnachtspielen 
selbst  aber  fand  das  grosse  Neidhai-tspiel  eine  Vorlage  für  die 
Einführung  der  Teufel.  Die  Worte  des  44!),  s-is  auftretenden 
Weinknechtes  stimmen  niimlich  bis  auf  die  letzte  Zeile  mit  der 
Rede  des  Knechts  im  Fsp.  5<>,  4<S4,-'ü-27  überein.  Dort  haben  wir 
es  mit  einer  wie  es  scheint  bewussten  Verz.ernmg  der  drei  Salben 
kaufenden  Marien  und  eines  Toufelspiels  zu  thun.  Im  (irNSp 
kommt  der  Weinknecht  für  den  Fortgang  der  Handlung  gar  nicht 
in  Betracht.  Er  ist  nur  lose  aufgepfropft  und  hat  ausser  dem 
Ausrufen  des  Weines  nichts  weiter  zu  thun.  450,  i?  wird  sogar 
Uol  Hausknecht  nach  dem  Weine  geschickt,  süitt  dass  der  Wirts- 
knecht  geheissen  würde.  Im  Fsp.  56,  wo  er  mit  dem  Rubin  des 
Salbenhändlers  verwandt  ist,  war  er, dagegen  von  Anfang  an  am 
Platze.  Der  Grund  für  die  Verwendung  dieses  Spiels  ist  noch  er- 
sichtlich. Wie  dort  der  ausgerufene  Wein  Pinkenpanks  mit  der 
Hölle  in  Verbindung  steht,  so  kann  auch  der  beim  Lobetanze  ini 
GrNSp  aufgefahrene  _Wein  als  ein  vom  Teufel  gesandter  ange- 
sehn  werden,  besonders  wenn  die  Zuschauer  sichtbar  auf  der  Bühne 
umherliefen  (s.  o.).  Er  hat  nicht  geringen  Teil  an  der  Prü- 
gelei, er  macht  nicht  nur  Engelmar  Mut,  sondern  seinetwegen 
werden  auch  die  Bauern  auf  Engelmar  ergrimmt  (45*2,  5,  lof.  3:t  f.), 
wodurch  sie  zu  dem  bald  folgenden  Streite  besonders  aufge- 
legt gemacht  werden.  Ausserdem  steht  auch  im  Fsp.  .')()  das 
Ausrufen  des  Weines  in  Zusaiumenhang  mit  Tanz  und  Spiel 
(485,  5). 

Meist  war  es  ein  nicht  unglücklicher  GrilT,  wenn  weltliche 
Schausi)iele  den  Teufel  übernahmen  ^).  Vom  GrNSp  kann  man  das 
gewiss  beliaupten. 

Luzifer,  der  oberste  der  Teufel,  ist  selbst  in  die  Hölle  gebannt, 
und  schickt  drum  seine  Gesellen  auf  die  AVeit,  von  denen  ihm  Sa- 


*)  Der  anklagciulo  Teufel  erinnert  an  des  Teufels  Netz  (vgl.  auch  S.  124 
Anm.  1);  der  unerkannt  die  Leidenschaft  uuter  den  Bauern  schürende  Teufel 
an  die  Verkörpenmjr  dos  böst'U  Gowissens  im  crcistlichen  Drama. 

2j  Weinhold,  Gusches  .Ihrb.  1,1711. 


109 


thanas  am  nächsten  steht').  Er  gilt  meist  als  der  klügste  und 
antsvortet  von  allen  Teufeln  zuerst  auf  die  Frage  Luzifers,  dessen 
vertrauten  Freund  er  sich  im  GrNSp  selbst  nennt  (-li'i,  12).  Von 
Luzifer  werden  dann  die  Teufel  zu  einer  ausserordentlichen  Bera- 
tung zusammengerufen,  wo  sie  ihm  zunächst  ein  Preislied  singen 
müssen,  das  ihm  so  gut  gefallt,  das  er  es  gleich  wiederholen 
lässt  und  mit  seinem  Lobe  nicht  zurückhält  (s.  u.).  Bei  der 
Eröffnung  der  Teufelsversammlung  gebraucht  er  einen  besonders 
kräftigen  Flu(h:  Poldrius  PuMrius  Poldrianus  (438,  2(i,  439,  12),  von 
ganz  aussergewöhnlichcr  Zauberkraft.  In  ähnlicher  Weise  hat  er 
einen  Leibausruf  im  Thür.  10  Jgfr.  Spiel  Seite  26:  Prelle  here 
prelle  (Wirth  200),  und  im  Juttenspiel,  wo  er  904, 26  einen  ganz 
kaudervvälschen  Segen  spricht. 

Nach  einer  längeren  Rede  Luzifers  äussern  sich  die  Teufel, 
Sathanas  zuerst,  über  sein  Anliegen,  stellen  sich  dabei  vor  und 
s(!liildern  ilire  Verführungskünste  und  ihre  Erfolge.  Unter  höllen- 
mässigen  Versprechungen  werden  sie  zum  Eifer  angespornt  und 
ausgeschickt,  die  Hülle  zu  füllen. 

Das  alles  sind  Motive,  die  das  GrNSp  aus  dem  Osterspiel 
übernommen  hat  (Wirth   187  f.). 

Auch    wörtliche  l'bereinsiimmungen    lassen   sich   nachweisen. 

438,  10  f.  Wolher  woUior  wolhor  Red.  371  Wolher,  wolher,  wol,  wolher 


Aller  meiner  <iros<.»llcii   ich  pcj^er. 


alle  (luvclsche  her! 


Die  dreimalige  Wiederholung  des  Aufrufs  findet  sich  auch  im 
Juttenspiel  900,  13,  i)44,  s.  s.  Wirth  189. 


438,  22  Schweigt  und  vcrnembt  mein 
wortl 
Sic  sind  euch  zu  nutz  gehört. 
438,  24  und  vcrnembt  si   gar  rechte! 
Die    sprach    ain    teüfolisches  ge- 
schlächte. 
438,27    Das    sind     starke    teuflische 
Wort, 
Die  habt  ir  selten  mer  gehört! 


Erl.  IV  138  das  sind    de    teuflischen 
wart, 
di  fr  oft  habt  von  mfr  gehört. 
Eg.  367  Vcrnommot  mich   nun    gar 
rechte  : 
Ir  solt   mem  cur  geschlechte. 
Jutta  904,  28  Das  sind  alles  verborge- 
ne wort. 
Die  ihr    nie    von    mir    habt    ge- 
hört. 


')  Auch  im  französisch('n  Mysterium  ist  Sathan  als  der  Klügste  der  ver- 
traute Rati^'eber  des  Oberteufels.  Wieck,  Die  Teufel  auf  der  mitteljilter- 
lichen  Mysterienbühne  Frankreichs,  Leipzig  1887  (Marburger  Diss.),  S.  41); 
Creizenach  •J03. 


110 


439,  14  Das  was    aiu   guot 

singen, 
Dass  euch  all  wol  muess 

gelingen. 
Singt  mir  noch  ein  mal 

den  gesank! 
Es  ist  mir  gar  wol  zu 

dank. 


Alsf.  141  Eja,  wilch  eyn  gut  gesangk! 
ach  und  ach,  were  hie  langk! 
wie  schyer  sollet  er  mer  mcn  singen, 
das  ich    uff   disscr    boddcn   möge    gesprin- 
gen! 
Tir.  Pass.    1629    Judas,     wil    dir    wol    gelin- 
gen,») 
So  soltu  mir  ain    pessers    singen. 
1637  Judas,  nu  hab    guetten  danck: 

Dw    hast    mir    gesungen    ain    guetten    ge- 
sauck.      vgl.  Jutta  901, 17. 


439,  21  Nu  schweigt!  ich  will  euch 
¥rissen  lan, 
Umb  weu  ich  euch  her  geladen 
han. 
439,  23  Sich  hat  ain  neue  schän- 
de 
Erhaben  in  dem  lande, 
vgl.  430,  12. 
439, 10  Luciper*)  unsern  (Hdschr. 
unscrm)  herrn 
Süllen    wir  alle  crn. 
443, 30   Hab    dank,     mein    lieber 
knecht! 
Thuostu  das,  so  thuostu  recht. 
443,  32  Ich  will  dir  tanken  immer 
Und  will    sein    gelassen    nim- 
mer, 
Ich  will  dir  Ionen  gröslich 
Qeleich  will  ich  krönen    dich, 
443,  36  Setzen  zwischen  mir. 
Also  will  ich  Ionen  dir. 


Hall.  1986  Nu  schbeigt,  ir  liebm  gesellen, 
und  hapt  rue 
Und    merckht,    was    ich    euch  sagen 

thne. 
Niedcrl.    OSp.    302     hie    in     disen 

lande 
heft  sich  eine  nuwe  schände. 
Eg  5460,  Wirth  85,  Koppen  62.   vgl.. 
Seifr.    Helbl.    15,    531;  Psp.  288,  17. 
Red.  105  mit    truwen  unde    mit  ercn 

wil  ik  denen  Pilatesc  myme  hercn. 
Wirth  195;  Sterz.  Sp.  VI  69. 


Wirth  196;  Koppen  71:    Thür.  10    Jgfr. 

S.   22; 
Hall.  P.  1968;  Tir.  Pass.    Ul    (HaU) 
1161, 1-4:  Niederl.  OSp.  (ZfdA  7, 302) 
580;  vgl.  Jutta  907,  32;  Fsp.  57,  505,31 
Eg  403  Daö    wil    ich    imer    dancken 

dir, 
Du  solt  auch  ewig  herschon  mit  mir. 
vgl.  Tir.  Pass.  IH  (Hall).    1219,  1-4; 

Niederl.  OSp.  724. 


*)  Wackernell  S.  LXXXVl  weist  darauf  hin,  dass  im  Tir.  Pass.  nach 
v.  1617  Lnzifer  vorführt,  während  es  nach  III  1221  Astaroth  ist.  Die  Worte 
lG29f.,  1637  f.  pohörtcn  ursprünglich  dem  einen  Lobgesang  fordernden  liU- 
zifor.  Im  Tir.  Pass.  sind  sie  auf  die  Verführer  des  Judas  übertragen.  Der 
alte  Zusammenhang  veranlasste  wahrscheinlich  die  Ungenauigkeit  im  Namen 
des  verführenden  Teufels. 

')  Luciper  und  Lucifer  stehen  im  GrNSp  nebeneinander;  vgl.  Wacker- 
iK'll  zum  Pfarrkirelicr  Passion  III   1127  S.  500. 


111 


444,  10  Den    will    ich  sunderleich  | 

pcgaben.  Tir.  Pass.  III  (Hall).    1291,  1-2   Mit 

Dass  gelübd  solt  ir    von    mir  !                     ern  will  ich   dich  pcgaben, 

haben.  I  Seidn  sollichn  flciss  magst  haben. 

Vgl.  ferner  442,  36:  Wirth  103,  200,  Fsp.  500,7.  —  443,  13: 
Wirth  192.-444,12-17:  Jutta  942,  6-11. 

Nicht  aus  dem  geistlichen  Drama,  aber  doch  aus  der  geistlichen 
Dichtung  stammt  das  Motiv  von  den  durch  Salomo  in  ein  Glas 
gebannten  Teufeln.  Luzifer  erzählt  selbst438,  22ff.  den  zusammen- 
gerufenen Teufeln  von  den  starken  teuflischen  Worten,  die  einst 
ein  teuflisches  Geschlecht  sprach,  die  jetzt  lange  nicht  mehr  ge- 
hört worden  sind,  weil  Salomo  die  Teufel  im  Glase  eingesperrt 
hatte,  denn  „si"  v.  81  geht  auf  „ain  teüfolisches  geschlächte"  in 
V.  25  xatot  (jüvsaiv  wie  aus  439, 1  hervorgeht,  nicht  auf  die  teufli- 
schen Worte  V.  27.  Luzifer  hatte  die  eingeschlossenen  Teufel 
schon  verloren  gegeben,  als  sie  das  richtige  Wort  der  Befreiung 
wiederfjinden. 

In  den  geistlichen  Dramen  findet  sich  nur  im  Hall.  P.  IHCA) 
eine  mit  diesem  Motive  verwandte  Ph'wülinung,  wo  die  Kunst^ 
böse  Geister  in  Flaschen  zu  bannen,  auf  die  Nachfolgerinnen  der 
Zauberer,  alt^?  AVeiber  und  Hexen  übertragen  ist:  „dy  mich  gar 
oflt  in  ain  glas  zbingen."  Häufiger  sind  dagegen  die  ins  Glas 
gebannten  Teufel  in  der  epischen  Dichtung  zu  finden. 

Die  Vorstellung  von  der  Zauberkunde  Salomos  war  im  Mittel- 
alter weit  verbreitet^).  Die  Frage,  wie  er  dazu  gekommen  sei, 
wird  verschieden  beantwortet.  —  Neben  seinem  zauberkräftigen 
Ringe  spielen  besonders  die  Teufel  im  Glase  eine  grosse  Rolle 
z.  B.  im  Vinculum  Spirituum  *),  bei  Hemmerlin'),  bei  Gervasius  *) 
und    in    der     Margaretenlegende*).      —     Die    gewölmliche    An- 


')  Vogt.  Sahn.  u.  Mor.  XLVI  ff. 

*)  Kaiserchronik  hrsjrjr.  v.  Massniann  III  439  Anni.  l. 

«)  Gennania  4,  277. 

*)  Genasius,  Otia  iniperialia  hrsgg.  v.  Liebrecht  Hannover  1856  Kap. 
XX  S.  8.  —  Kap.  CIV  S.  48  dient  ihm  ein  ähnliches  Glasgefäss  nur  zur 
Erlangung  des  zauberkräftigen  Wurmes,  so  wie  man  sich  etwa  die  Alraun- 
wurzel verschafft,  vgl.  Anm.  71  S.  158  f. 

»)  Vogt  in  PBB  1,286. 


112 


stliauung  ist,  dass  Salomon  kraft  seiner  magischen  Kunst  eine 
Reihe  Dämonen  in  ein  Glas  versperrt  und  das  Glas  entweder 
vergrübt  oder  in  einen  Brunnen  wirft  *).  —  Ganz  ähnlieh  ist  auch 
die  Vorstellung  im  GrNSp,  wenn  auch  vom  Vergraben  des  Glases 
nichts  gesagt  wird. 

Auf  irgend  eine  Weise  ist  das  Glas  später  gefunden  und  die 
Teuffei  sind  befreit  worden.  Im  GrNSp  haben  sie  nach  438,  25 
und  439,  1  das  Wort  selbst  gefunden,  welches  den  Zauber  löste. 
Das  kommt  sonst  nicht  vor.  Sonst  geschieht  es  durch  nachgrar 
bende,  Schätze  erwartende  Menschen,  deren  Aufmerksamkeit  die 
Teufel  durch  irgend  eine  List  erregt  haben.  Sie  zerbrechen 
durch  Unvorsichtigkeit   das  Glas    und    befreien   so  die  Dämonen. 

Der  mehrfach  sich  findende  Zug,  dass  der  Befreier  der  Teufel, 
der  sich  auf  das  Versprechen,  sie  zu  erlösen,  von  ihnen  hat  unterrichten 
lassen,  sie  nach  genossner  Untenveisung  wieder  betrügt,  indem  er 
nun  Zweifel  äussert,  wie  sie  in  der  engen  Flasche  überhaupt  Platz 
gehabt  hätten,  sie  so  zum  Wiederhineinkriechen  zwingt,  und  da- 
rauf das  Gefäss  schnell  wieder  versiegelt,  ist  dem  GrNSp  fremd. 
Er  war  auch  unbrauchbar  dafür.  Hier  sagt  Luzifer,  dass  die  Teu- 
fel sich  zum  Unheil  für  die  Menschheit  wieder  losmachten,  um 
weiter  ihr  Wesen  zu  treiben  und  die  Hölle  zu  füllen.  —  Darin 
ähnelt  dem  GrNSp  besonders  die  Legende  „von  sante  Margareten 
einer  juncfrowen"  im  Passional  (Köpke  331,  35fr.),  dessen  geist- 
licher Verfasser  dabei  genau  aus  der  Legenda  aurea  des  Jaco- 
bus  a  Voragine*)  übersetzt.  Da  heisst  es  ähnlich  wie  im  GrNSp 
439, 1  ff  in  V.  61  fF.  „die  wischten  uf  in  die  luft  und  hüben  an 
mit  stolzer  guft  daz  volk  kriegen  nach  belac.  unz  an  den  hutigen 
tac    pflegen  si  des  amtes  noch  und  seilen  in  uf  der  sunde  joch." 

Im  12.  Jhd.  wurde  dann  zunächst  in  der  lateinischen  Litte- 
ratur  an  Stelle  Salomos  der  Zauberer  des  Mittelalters  xai'  ijoyjjv, 
Virgil  gesetzt*). 


*)  so  in  dor  Lcgfcnda  aurca  und  im  Passional  (s.  o.),  bei  Hcuimcrlin  nnd 
im  Vinculum  Spirituum.  —  liber  Sagen  von  (icistern  in  Flaschen  s.  Germ. 
5,369;    Sepp,  r>rukwiirdi«:keiten  aus  dem  Baieroherland  München   1892   S.  253. 

')  hrsgg.  V.  Gracsse,  editio  tertia,  Vratislaviac  1890     S.  402. 

«)  Roth,  (Jcnnania  4,  287  u.  297  f. 


113 


Aus  der  lateinischen  Litteratur  kam  der  Stofif  in  beiden 
Versionen,  mit  Salomon  und  mit  Virgil  *)  als  Hauptperson,  auch  in 
die  deutsche.     Die  geistliche  bildete  wohl  den  Vermittler. 

Das  GrNSp  lässt  Salomo  den  Zauber  ausüben.  Häufiger 
sind  aber  auch  in  Deutschland  die  Erzählungen  von  Virgil  und 
seinem  Verkehr  mit  den  Dämonen*).  Die  Vermittlung  für  die 
Übertragung  des  Flaschenzaubers  auf  ihn  mochte  eine  Darstellung 
der  Sage  bilden,  wie  sie  etwa  Hemmerlin  hat,  der  beide  Erz- 
zauberer in  Beziehung  zu  einander  setzt.  Virgil  wird  demnach 
durch  seinen  dienstbaren  Geist  nach  Chaldäa  gebracht,  wo  er  in 
einer  Höhle  die  von  Salomo  hinterlassne  versiegelte  Glasflasche 
mit  dem  eingeschlossenen  Geiste  nebst  mehreren  magischen  Büchern 
findet.  Der  befreite  Geist  lehrt  ihn  die  chaldäischen  Schriften 
verstehn,  wird  darauf  durch  die  bekannte  List  wieder  ein- 
geschlossen und  Virgil  kehrt  nach  Europa  als  Erbe  und  unmittel- 
barer Nachfolger  Salomos  wieder  zurück,  um  im  Abendlande  die 
Nigromanzie  zu  verbreiten. 

Am  nächsten  steht  dem  GrNSp  von  den  hierher  gehörigen 
Virgilssagen  die  Erzählung  Enenkels  GA  H  513  =  Kaischr.  Massm. 
m  440  =  Strauch,  Mon.  Germ.  bist.  Deutsche  Chron.  HI,  1  v  23704  ff. 
Danach  stösst  Virgil  beim  Arbeiten  iu  einem  Weinberge  mit  der 
Hacke  auf  ein  Glas  voll  Teufel.  Auf  die  Bitte  um  Befreiung  lässt  er 
sich  erst  von  ihnen  belehren,  zerbricht  dann  das  Gefäss  an  einem 
Steine,  worauf  sie  auseinanderfahren.  —  Der  Schluss  von  dem  Be- 
trüge der  Teufel  fehlt  hier  also,  während  ihn  die  Volkssage  hat*). 

Eine  weitere  Übertragung  der  Geschichte  von  den  Dämonen 
in  der  Flasche  auf  Paracelsus  vollzog  sich  in  einer  appenzeller 
Volkssage*). 


^)  F.  W.  Gentlie,  Pnblios  Yirgilias  Maro,  zehn  Eclogen  mit  einer  Ein- 
leitung über  YirgilB  Leben  and  Fortleben  als  Dichter  und  Zauberer,  2.  nm- 
geaib.  Aofl.  Leipzig  o.  J.  S.  47  ff.;  K.  L.  Roth,  Ueber  den  Zauberer  Yirgi- 
lins  Germ.  4,  257. 

*)  Litteratnr  bei  Zappert,  Virg.  Fortleben  im  MA.  i.  d.  Denkschr.  d. 
Kais.  Ak.  d.  Wiss.  phU.  bist.  KI.  n  Wien  1851.  2.  Abteilang,  Anmerk.  18, 
8.  3L    Über  Virgil  und  den  Teufel  ö.  Strauch  S.  462  Anm.  2. 

•)  G.  Roskoff/Geschichte  des  Teufels  I  385,   Leipzig  1869;  Genthe  S.  54. 

*)  Roskoff  a.  a.  0.  I  385;  H.  B.  Schindler,  Der  Aberglaube  des  Mittel- 
alters, Breslau  1858  8.  33.  Paracelsus  hat  mit  Virgil  auch  die  Geschichte 
vom  Einsalzen  zum  Zweck  der  Verjüngung  gemeinsam.  Gorm.  4,  283  Anm.  94. 
Guiiide,  NeidhAit  mit  dem  Veilchen.  8 


lU 


Geistlicher  Vermittlung,  vielleicht  einer  der  Legenda  aurea 
nahe  stehenden  Version,  dankt  wahrscheinlich  auch  das  GrNSp  das 
Motiv,  welches  es  mit  den  dem  geistlic  hen  Soliauspiel  entstammenden 
Wendungen  verknüpft  hat. 

Neben  diesem  geistlichen  Element  findet  sich  aber  noch  ein 
ganz  anderes,  welches  die  Verknüpfung  mit  dem  übrigen  GrNSp 
bildet,  die  Schilderung  des  Übermutes  der  Bauern.  Dazu  dient  die 
lange  Bede  Luzifers  439,  nn,  und  die  Antwortrede  des  Satbanas, 
die  einen  neuen  Bericht  vom  Veilchenraube  und  der  Bestrafung 
darstellt.  Diese  Stücke  erinnern  gar  nicht  an  geistliche  Spiele;  sie 
sind  auf  die  Bauern,  die  Feinde  Neidharts,  gemünzt.  Lasterpalchs 
Bede  448,  7  «r.  könnte  dagegen  ebensogut  in  jedem  Osterspiel  stehn. 
Sie  erinnert  sehr  an  den .  Benner. 

443,15  Spil,  laodcr  und  trunkhait  I    9393  tratz  luder  und  spil 


Und  schweren  falsche  aid, 
Unkeüsch   treiben  und  mord, 
Vcrr&tnus  und  pose  wort, 
Liegen,  triegen  und  Icüt  morden. 
Das  kind  den  vater  wol  erzürnen 
Hintorwerz  schelten  .... 


104 1  boese  wort  luder  undt  spil 
hoffart  vnkeysch  1  legen  sweren 
11326  Liegen  triegen  haz  vnd  noit 
Zorn    vnde    eyde  verlorn    zeit, 
bosiu    wort    fluchen  und  schelten, 
vgl.  14106;     Suchen wirt  XIX  32. 


Sobald  der  Dicliter  zu  seinem  eigentlichen  Stofif,  der  Läst«r- 
liclikeit  der  Bauern  überging,  gab  ihm  das  geistliche  Drama  keinen 
Anhalt  mehr.  Da  werden  die  verschiedenen  Berufsklassen  zur  Hölle 
geführt,  während  es  hier  nur  dem  Bauern  galt.  Gerade  dieser  St^nd 
wird  aber  in  den  geistlichen  Spielen  am  allerwenigsten  erwähnt. 
Der  Grund  lässt  sich  vermuten.  Die  Pfaffen,  welche  immer  noch 
die  Hand  im  Spiele  hatten,  selbst  wenn  Spielleut«  schon  als  Dar- 
steller oder  Dichter  auttraten,  und  sich  niclit  ganz  zurückdrängen 
und  das  Heft  sirh  aus  den  Händen  winden  lassen  wollten,  hatten 
keinen  Grund,  die  Bauern  besonders  stark  durch  ihre  Teufelspiele 
mitnehmen  zu  lassen.  Freilich  werden  sie  aucli  manches  an  ihnen 
auszusetzen  gehabt  haben,  aber  wie  noch  heute  waren  auch  damals 
die  Bauern  wohl  ihre  lenksamsten  und  besten  Pfarrkinder,  die 
ihnen  weniger  Schwierigkeiten  machten,  und  mit  denen  sie  zufriedner 
sein  konnten  als  mit  den  anderen  Stünden,  besonders  mit  den  ge- 
witzteren Handwerkern,  denen  es  auch  in  den  Spielen  gar  schlecht  geht. 
Der  Bnuor  wird  dagegen  selten  onvähnt,  nnd  wo  das  geschieht, 
da  wird  nicht  wie  im  (irNSp  von   seiner  Hoflart  gesprochen,  son- 


115 


dem  von  Fehlern,  welche  die  (xeistlichkeit  an  sieh  selher  spürte. 
Wenn  sie  in  manchen  Spielen  in  die  allgemeine  Klage  über  die 
Untreue  des  Bauern  einstimmt,  so  spricht  sie  dabei  nur  pro  domo, 
denn  am  Zehnten  wird  er  nicht  zuletzt  gezwackt  haben.  So  handelt 
der  Tir.  Pass.  III,  1454fiF.  nur  von  seinem  krampen  sin,  vom  fürkauf, 
der  Faulheit  bei  der  Fronarbeit  und  der  Verweigerung  des  Zehuten; 
der  jüngere  Brix.  P.  4539  ff.  von  seiner  Treulosigkeit,  Faulheit  im 
Kirchenbesuch  und  seinem  Betrag  beim  Zehnten,  „wie  es  dan  yetzt 
ist  der  paurn  sitt";  Erl.  III  640  wird  seine  dummschlaue  Art 
vom  Quacksalberknecht  gegeisselt.  —  Auch  in  des  Teufels  Netz 
12322flf.  ist  er  nur  der  gefährliche  Betrüger  und  Händelsucher, 
und  Vintlers  Blume  der  Tugend  spricht  3462 ff.,  3790ff.  ebenfalls 
nur  von  seiner  Falschheit.  —  Diese  Fehler  wurden  allgemein  den 
Bauera  nachgesagt*),  aber  es  kamen  noch  ärgerlichere  dazu.  — 
So  sind  die  Klagen  des  GrNSp  ganz  andrer  Art  und  bedeutend 
eindringlicher.  Lasterpalch  443,  yir.  spricht  nur  sehr  allgemein 
und  hängt  den  Bauern  so  ziemlich  alle  Vergehen  an,  Luzifer  be- 
schäftigt sich  dagegen  um  so  ernster  und  eingehender  mit 
ihnen.  —  Die  Verhältnisse,  die  im  Spiel  geschildert  werden,  berührt 
er  nur  am  Ende  441,  2off.,  und  Sathanas  spricht  442,  iiir.  noch  ein- 
mal  von  der  Veilchengeschichte.  Das  übrige  in  Luzifers  Bede 
handelt  von  ihrer  Aufgeblasenheit  und  Geckenhaftigkeit  im  all- 
gemeinen mit  Anlehnung  an  die  zu  Ende  des  13.  und  im  14.  Jhd. 
zahlreichen  Mode-  und  Bauernsatiren.  —  Wie  diese  Quellen  episch 
waren,  so  ist  auch  die  Schilderung  im  Spiel  durchaus  episch  ge- 
blieben. 

Je  grösser  der  Unfug  der  Bauera  wurde,  je  eindringlicher  die 
Klagen  über  ihr  Heraufkommen  und  ihre  tippigkeit  erschallten, 
um  so  näher  lag  es,  den  herrschenden  Zuständen  die  Vergangenheit 
als  die  gute  alte  Zeit  entgegenzustellen.  Das  hat  schon  Neidhart 
gethan  (54,  .37,  79,  e),  der  den  Beginn  dieser  Bewegung  noch  erlebt 
hat  ^).     Wenn   nun  das  Spiel  440,  2  sagt,  dass  die  guten  einfachen 


^)  M.  Manlik,  Das  Leben  und  Treiben  der  Bauern  Südostdoutschlands 
im  13.  u.  14.  Jhd.  Jahrcsber.  dos  K.  K.  Gynin.  in  Mähr.  Weisskirchen  für  das 
Schuljahr  1887/8,  1888    S.  40. 

■)  Wenn  schon  »itwa  50  Jahre  vor  Neidharts  Auftreten  die  KaiserchronDr 
14791  ff.    die  Karl  dem  Grossen  zugeschriebncn  Anordnungen  über  die  Bmt 

8* 


iir> 


Sitten  noch  „hie  vor  in  kurzen  jarn"  bestanden  haben,  so  stinimt 
das  nicht.  Es  begeht  hierbei  eine  Übertreibung,  dem  packenderen, 
grösseren  Gegensatze  zu  liebe,  denn  jenes  Aufstreben  dauert«  unter 
den  Bauern  beinahe  schon  200  Jahre,  als  das  GrNSp  gedichtet  \iv'urde. 
Da  der  Landbewohner  vor  jener  Zeit  seines  ausserordentlichen 
Wohlstandes  überhaupt  so  gut  wie  gar  nicht  in  der  Litteratur  er- 
scheint, so  ist  es  nicht  möglich,  den  Quellen  des  Dichters  bei 
seiner  Schilderung  der  entsch\\Tindenen  Zeiten  nachzugehn.  Es  ist 
unsicher,  wie  weit  es  sich  dabei  überhaupt  um  Wirklichkeit  handelt, 
denn  manches  ist  in  Luzifers  Beschreibung  ohne  Zweifel  nur  eine 
phantastische,  selbsterfundene  Schilderung  einer  erdachten,  absicht- 
lich übertriebenen  Einfachheit.  —  Allerdings  wird  man  stark  an 
einige  alte  Gebrauche  erinnert,  die  von  Grimm  in  den  Rechtsalter- 
thümem  erwähnt  werden,  worauf  Holland  Anm.  zu  440,  w  S.  1510 
verweist.  Die  einschlägigen  Wildbanne  gehören  nach  RA  260 
in  die  Rhein-  und  Maingegend.  Dort  trug  die  feierlich  einreitende 
Herrschaft  oder  der  Bote  des  Bischofs  Hagedomsporen,  Lindenzanm , 
bastene  Steigriemen,  hölzerne  Steigbügel  u.  s.  w.  (RA  255;  die  andeni 
Vorschriften  kommen  hier  nicht  in  Betracht).  Grimm  verweist 
S.  260  darauf,  dass  die  bäurische  Tracht  die  einfachste  und  älteste 
gewesen  sei  und  "sich  in  symbolischen  Rechtsbräuchen  lange  gehal- 
ten habe*).  Dafür  spricht  es,  wenn  der  Herzog  von  Kärnten  die 
Huldigungimschlichten  Bauernkleide  entgegennahm.  (S.  Ui^).  Es  kann 
möglich  sein,  dass  im  Verfasser  oder  in  der  von  ihm  für  dieses 
Stück  des  Teufelspiels  benutzten  Vorlage  noch  eine  Erinnerung  an 
jene  symbolischen  Rechtsbräuche  lebte.  Doch  wahrscheinlicher  ist 
es,  dass  es  sich  hier  um  reine  Erfindung  handelt.  Die  Absicht, 
möglichst  schroff  die  Gegensätze  einander  gegenüber  zu  stellen, 
musste  zu  solchen  tibertreibungen  führen.  Dasselbe  sehn  wir  im 
Erec  bei  der  Antwort  auf  den  Preis  des  Sattels  v.  7502 :  „er  was  guot 
hagenbüechin".   —   Mit  dieser  gleichviel   ob  erdachten  oder  wirk- 


tracht  (^ingohond  erzählt,  so  scheint  auch  darin  schon  eine  absichtliche  Betonung 
alter  Einfachheit  der  aufkommenden  neuen  Sitte  gegenüber  zu  lieg«'ii,  obschon 
von  der  Gegenwart  nicht  ausdrücklich   gesprochen  wird. 

')  Anders  ist  diese  Ausrüstung  im  Parz.  187,  i,  256,  21  verwandt,  nämlich 
;ils  Strafe,  vpl.   Thland  Schriften  III,  411. 


117 


liehen  alten  Einfachheit  wird  nun  der  neue  Luxus  verglichen. 
Der  früher  sehr  gedrückt  lebende  Bauernstand  hatte  sich  schon 
seit  Beginn  des  13.  Jhd.  tüchtig  emporgearbeitet  und  zeigte  all- 
gemein eine  grosse  Wolilhabenheit  *),  die  sich  bald  in  unglaublichem 
i'bermut,  in  einer  geckenliaftcn  Sucht,  es  den  Vornehmen  nachzu- 
thun,  ja  sie  womöglich  noch  zu  ü1)ertrumi>fen,  in  lästiger  Weise 
oftenbarte.  Gerade  gi^gim  den  süddeutschen  Bauern,  bei  dem 
dieser  Wohlstand  noch  länger  anhielt  als  beim  norddeutschen,  rich- 
teten sich  dann  bittere  Satiren  von  selten  der  andern  Stände. 

Hauptsächlich  ist  es  der  geradezu  unglaublich  gewordene 
Kleiderprunk  ^),  in  dem  die  Bauern  mit  den  Städtern  wetteifern,  wogegen 
sich  der  Spott  wendet.  In  den  städtischen  Gemeinwesen  versucht  man, 
wenn  auch  erfolglos,  durch  strenge  Kleiderordnungen  vorzugehn;  auf 
dem  Lande  war  man  dazu  nicht  imstande.  Was  dem  Bürger  ver- 
wehrt werden  sollte,  das  Nachäffen  der  ritterlichen  Lebensart,  wurde 
von  den  Bauern  übertrieben  bis  zum  äussersten,  ohne  dass  dagegen 
eingeschritten  werden  konnte.  Schon  Neidhart  klagt  in  den  Win- 
ttTliedern  häufig  über  die  Bauern  mit  ihren  buntscheckigen  Seiden- 
kleidern (36,  9  ,  41,  5  ,  GS,  7 ,  <S6,  II  rr,  1)1,  22)').  —  Man  erinnerte 
an  alte,  Karl  dem  Grossen  zugeschriebene  Vorschriften,  nach  denen 
die  Kleidung  schlicht  und  einfarben  sein  musste.  So  heisst  es  im 
GrNSp:  „Si  muosten  all  geleich  Grabe  mäntl  an  tragen*'.  Nur 
für  den  Sonntagsstaat  war  blaues,  jedenfalls  tief  dunkelblaues  Tuch 
gestattet.  Helbl.  171:  „man  urloubt  in  hüsloden  grä  und  des 
viretages  blä",  und  ebenso  Kehr.  147i)l  flf.;  vgl.  Massmann  Kehr.  III 
S.  1003  f;  Schultz,  Höf.  Leb.  H  324f.  —  Der  Geck  Helmbrecht 
trägt  dagegen  auch  alltags  blaue  Kleider  1()93,  die  besonders  bei 
den  Weibern  mehr  Gefallen  erregen  mochten.  Keller,  Erz  a.  ad. 
Hdsch.  2()(),  24  verlangt  die  Bäuerin  Adelheid,  dass  ihr  Mann  auch 


•)  V.  Inama-Sterncgj^,  Deutsche  Wirtschaftsgeschichte  III,  1  Leipzig  1899 
S.  53  f,  61  ff.,  313;  Hagelstauge,  Süddeutsches  Bauenileben  im  MA  Soff: 
Schultz,  Höf.  Leb.  12  325:  Weinhold,  Z.  f.  d.  Kulturgesch.    1857,  S.  469  f. 

^)  M.  Manlik,  Jahr.-Bcr.  d.  Gymn.  in  Mähr.  Weisskircheii  für  1887/8: 
Das  Leben  und  Treiben  drr  Bauern  Südostdeutschlands  im  13.  u.  14.  Jhd., 
1888  S  6  ff.:  Jahr.üer.  des  Gymn.  zu  Landskron  i.  Böhmen  für  1891/2:  Das 
Leben  und  Treibern  <ler  oberdeutschen  Bauern  im  13.,  14.  u.  15.  Jhd.  1892  S.  4  ff. 

•*}  Vijl.  B«Tthold  Yo?)  Het^ensbnrg  I  396,  i>.s  f.,  527,  n ;  Schröder,  (iosrli.'^ 
Jhrb.  I  61  f. 


118 


einen  blauen  Bock  trage  wie  ein  vorübergehender  Fremder:  ^Dn 
muest  auch  eyn  ploen  rock  han";  und  Sterz  Sp.  XV  535  rühmt 
der  Bauer  unter  seinen  besonderen  Beizen  der  Venus  gegenü][>er 
seine  „scheene,  plae  prftch".  Ebenso  ist  in  Strickers  Bloch*) 
V.  394  ein  besonders  feiner  neuer  Mantel  einer  Bäuerin  blau.  Wenn 
schon  im  11.  Jhd.  ein  Hirte  bei  der  Verkündigung  einen  Rock 
aus  braunen  Tierfellen  mit  hervorragendem  blauen  Pelzfatter  und 
blaue  Hosen  trägt*),  so  hat  ihn  hier  der  Feier  des  Augenblicks 
entsprechend  der  Maler  ins  Feiertagskleid  gesteckt.  —  Wie  die 
Bitter  gekleidet  zu  sein  war  das  Hauptstreben  der  Bauern.  440,  si 
Nun  aber  sich  die  paurhait  Den  rittern  gleich  hat  geklait  Mit 
gewant  und  mit  gepärden".  —  Ähnlich  heisst  es  beim  Teichner 
LS  in  295:  „bei  her  Neitharts  zeiten  vorn  vant  man  newer  site 
genuoc  von  der  pawerh  ungevuoc  mit  gepaere  und  mit  gewant". 
Schon  Neidhart  klagt  über  zwei  Dörper  60,  12:  „si  truogen  beide 
rocke  nach  dem  hovesite"  und  MSH  IH  264*  5  sagt  deutlicher: 
„umb  ir  ho velich  gewant  ich  si  vil  dikke  nide".  —  Ebenso  spricht 
Helbl.  II  60:  „gebür  ritter  dienstiuan  tragen  alle  gllchez  kleit. 
swaz  ein  ritter  gerne  treit,  nach  swelhem  lant  und  swelhem  sit, 
daz  treit  der  gebür  mit".  —  Dasselbe  erwähnt  Bosenplüt  im 
Spruche  von  einer  meisterlichen  predig.  Fsp  1158,  nf.:  „Und 
was  der  edelman  kan  erdencken  Das  will  der  paur  alles  an  sich 
hencken"  und  Fsp  646,  15 f.:  „Der  paur  wil  als  der  purger  gan, 
Der  purger  als  der  edelman".  —  vgl.  Hätzl.  I  29,  28;  Brant 
Narrenschiff  (Zarncke)  Kap.  82. 

Einheimisch  Tuch  genügte  nicht  mehr.  Fremde,  besonders 
holländische')  Stoffe  waren  beliebt,  nicht  zum  wenigsten  wegen 
ihrer  Buntheit.  „Es  muss  sin  lündsch,  vnd  raechelsch  kleit". 
Narrensch.  Zarncke  Kap.  82,  15  und  Anm.  dazu.  Neidh.  <S6,  n  rr. 
„er  muüz  dulden  minen  vluoch  der  ir  ie  gedähte,  der  die  siden  und 
daz  tuüch  her  von  Walhen  brähte".     Helbl.  II    77:    „grüen,  brün 


*)  hrgg.  V.  Lanibol,  Erzählungen  nnd  Schwanke,  Leipzig  1872,  S.  90  ff.: 

vgl.  Schultz,  Höf.  Leb.  12  330. 

^)  Hefner-Alteneck,    Trachten  des  christl.    Mittelalters,    Tafeln  1  89  B, 

Text  1   118f. 

8)  Über  h(.Ilänais<hc  Tuche  s.  Schultz,  Höf.  Leb.  1-' 35311*. 


119 

rot  von  Jent*'  ^).  —  Wenn  noch  einige  alte  oder  ärmere  Bauern 
die  alte  Sitte  beibehielten,  so  musste  die  neue  Buntheit  und  Feinheit 
umsomehr  auffallen.  Noch  grösser  wurde  aber  der  Gegensatz,  wenn 
die  alte  Sitte,  durch  Rechtsgebrauch  geheiligt,  sogar  von  Vornehmen 
gepflegt  wurde.  So  berichtet  Ottokar  in  seiner  Beimchronik  von 
der  Belehnung  Meinliarts  von  Tirol  mit  Kärnten  im  Jahre  1286, 
dass  er  die  Huldigung  der  Bauern  nach  alter  Sitte  im  einfachen 
Bauernanzug  entgegennahm.  Graue  Hosen,  rote  Bundschuh,  grauer 
Rock,  grauer  Mantel,  grauer  Spitzhut,  wie  er  „niulich"  in  Kärnten 
Sitte  war,  gehörte  dazu.  s.  v.  20018-20039;  Höf.  Leb.  P  325. 

Besonders  arg  trieb  es  die  Mode  neben  den  Ärmellappen  mit 
dem  Kappenzipfel.  441,  i:  Ir  kappenzipfl  ist  lang  und  zersnitten, 
Er  wischet  ars  wol  da  mitte.  Die  vornehmen  Kreise  haben  auch 
hiermit  den  Anfang  gemacht*).  Mitte  des  14.  Jhd  wurde  diese 
Thorheit  aus  Frankreich  eingeschleppt'),  und  schon  früh  musste 
ihr  in  den  Städten  gesteuert  werden.  Zum  Jahre  1351  sagt  die 
Limburger  Ohronik^)  (S.3(),  12):  „Item  etzliche  trogen  kogeln,  di  hatten 
vornen  einen  läppen  unde  binden  einen  läppen,  die  wanten  eime 
glichen  an  sinen  knien".  135()  verlangt  die  Speierer  Kleider- 
ordnung  von  diesen  Gugeln^):  „unde  soellent  ir  ziphel  nicht  lenger 
sin,  denne  anderhalp  elen  lang,**  und  die  Züricher  bestimmt  1371  ®): 
^und  der  kappenzipfel  sol  nut  lenger  sin,  dan  als  der  rok  lang 
ist".  Der  Rock  sollte  aber  mindestens  bis  zum  Knie  gehn  (s.  u.). 
Ähnlich  verbietet  die  Ulmer  Ordnung  1406,  mehr  als  vier  Ellen 
zu  einem  Kapuzenmantel  (Kappe)  zu  verwenden*').  —  Dass 
diese  Bestimmungen  aus  der  Zeit  kurz  vor  der  Abfassung 
des  GrNSp  wolil    begründet    waren,    bestätigen    Zeichnungen   und 


*)  Weiss,  Kostümkunde,  Geschichte  der  Trachten  und  des  Geräthes  vom 
14.  Jhd.  bis  auf  die  (Jogenwart  I  218. 

^)  HüUmanu,  Deutsohes  Stiidtowosen  des  Mittelalters  IVBonn  1829    S.  149. 

*)  Weiss,  Kostümkunde  u.  s.  w.  v.  14.  Jhd.   b.  z.  Gegenw.I  198. 

*)  Monumenlu  Gennaniae  historica,  Deutsche  Chroniken  IV  Bd.  1.  Abt. 
Hannover  1883:  Die  Liniburger  Chronik  des  Tileman  Elhcn  von  Wolfhagen 
hrsgg.  V.  Arthur  Wyss. 

ß)  Weiss  1  203;  Falke,  Deutsche  Trachten  und  Moden  weit  I  183; 
Schultz,  Deutsches  Leben,  gr.  Ausg.  295. 

«)  Falke  184:  Schlutz  D.  L.   302. 

^)  Falk«'   185:  Schultz  D.  L.  315. 


120 


Bilder,  für  welche  die  derbe  Charakteristik  Luzifers    441,  2    keine 
Übertreibung  ist^). 

Ein  anderer  Unfug  waren  die  engen  kurzen  Röcke*).  441  sff: 
„Ir  rock  die  sein  enge,  Anderhalbe  eile  an  der  lenge,  Wen  er  in 
hat  angetan,  Dass  er  nicht  schreiten  kan."  —  Neidh.  74,  w: 
„Enge  rocke  tragent  si  und  enge  schaperiine."  Neidh.  60,  12 
Hdschr.  c:  „die  tragen  enge  rock  nach  dem  hovesite.''  Teichner-'') 
S.  108,  Anm.  *M):  „Bruoder  Berhtolt  seit  vür  war,  wan  die  niu- 
wen  Site  der  gewant  und  die  kurzen  rocke  üt  stant,  so  habe  die 
wärheit  abeganc."  —  Kittel,  Altswert  52,  i7ir. :  „sin  rock  ist  enge 
umb  den  lip.  Das  prisent  nu  die  reiiien  wip.  Er  zucht  sere  in 
den  magen.  Als  ein  hirz,  den  man  wil  jagen.  Der  rock  ist  kurz 
da  pristet  tuoch.  Des  siht  man  im  die  swarz  bruoch,  Die  ist  be- 
schiessen  und  niergent  ganz,  da  schouwet  man  den  lieben 
swanz"  u.  s.  w.  —  ZfdA  4,521:  „tunc  etiam  pallia  in  tantum 
curtabant  quod  aliquibus  vix  posteriora  tangebant.  —  Die 
Speirer  Ordnung  bestimmt :  „p]z  sol  ouch  deheiner  man  de- 
heinen  kurtzeni  rock  dragen,  danne  der  für  die  knje  abe  get* 
(a.  a.  ().). —  Die  Limburger  Chronik  berichtet  vom  Jahre  1850, 
dass  die  R^cke,  die  vorher  eine  Spanne  über  die  Knie  gingen,  nur 
noch  eine  Spanne  unter  den  Gürtel  reichen  (S.  39,  iff.).  — 
Ein  Strassburger  Verbot  bestimmt  am  Ende  des  14.  Jhdts.: 
Item  daz  nieman  denheinen  rog  noch  wambesch  kürtzer  tragen  sol, 
danne  ein  vierteil  einre  ein  obewendig  der  knieshiben  *). —  Die 
Züricher  Ordnung  sagt:  Es  sol  ouch  ein  jekli<h  man  und  knab^ 
er  sy  rieh  oder  arm,  jeklich  hess,  das  er  obnan  an  tragen 
wil,  als  lang  machen,  daz  es  im  untz  an  die  knü  abschlach 
(a.  a.  (.).).  Dasselbe  sagt  ein  St.  (laller  W(;istum  v.  J.  14H(>. 
Es  soll  danach  „das  hiisz  als  verr*^  sein,  „als  einer  mit  siner 
nidergelasznen  band  geraichen  mag"'^).-      14J)2  erzählt  noch  die 


>)  bei  Schultz  D.  L.  Fip.  77,  Tafel  IV  f),  VU  5,  VIII  7,  Xll. 

«)  Z.  f.  d.  KulturgcBch.  1857  S.  350ff.  —  Woiss,  Kostk.  d.  Mittolaltors 
Stattgart  1864  S.  585. 

*).  Karajan,  Über  Heinrich  den  Teichnor,  Denkschriften  d.  Kais.  Ak.  d. 
Wiss.  phil.  bist.  Kl.  Wi.'n  1855  VI. 

*)  Z.  f.  (l.  Knltnrgesch.  1857  S.  IMMl 

'^')  J.  (jlrinmi,  AVristhüiner    V    156  §  64. 


121 


Ensisheimer  Chronik:  Und  trug  das  jung  volck  rock,  die  giengen 
nit  mer  dann  einer  band  breyt  under  den  gürtel,  und  sah  man 
ilira  die  bruoch  hinten  und  vomen,  und  war  so  scharf  gemacht, 
das8  im  die  hossen  die   arsskerb  austheilten  ^).  — 

Auch  aus  Böhmen  kommen  dieselben  Klagen.  So  heisst  es 
13H7:  facientes  sibi  breves  et  curtas,  inmio  vero  turpes  vestes 
ut  plerumque  femoralia  ac  posteriora  viderentur,  et  strictas,  ut  vix 
anhelitum  possent  habere').  —  öanz  besonders  grinmiig  äussert 
sich  Joh.  Hus  in  de  socerdotum  et  monacborum  carnalium  abomi- 
natione,  cap.  48^),  und  in  demselben  Tone  ist  die  Mainzer  Chronik  von 
1367  gehalten*).  —  Dass  derartig  enge  Röcke  jedes  Bücken  und 
jedes  Wenden    so  gut  wie  ganz  hinderten,    liegt  auf  der  Hand^). 

Wenn  das  GrNSp  über  die  kurzen  engen  Böcke  klagt,  so 
giebt  es  wirkliche  Zeitverhältnisse  wieder.  Aufiallend  ist  es  aber, 
dass  von  diesen  kaum  über  den  Gürtel  hinausragenden  Böcken  441,  5 
gesagt  wird:  Wen  er  in  hat  angetan,  Dass  er  nicht  schreiten  kan. 
Bei  solcher  Kürze  kann  wohl  von  einer  Behinderung  im  Atmen, 
Bücken  und  Drehn  gesprochen  werden,  aber  kaum  von  einer  sol- 
chen im  Gehn.  Es  muss  hier  etwas  nicht  in  Ordnung  sein. 
Man  kann  annehmen,  dass  eine  Erwähnung  der  Hosen  ausgefallen 
sei.  Wie  die  oben  angeführten  Berichte  zeigen  und  die  Bilder 
bestätigen,  wurde  es  damit  noch  viel  ärger  getrieben.  Hier  war 
auch  der  Zwang  und  die  Unbequemlichkeit  noch  viel  grösser.  — 
Möglicherweise  gehören  aber  die  beiden  fraglichen  Verse  nach 
441,  8,  sodass  sie  sich  auf  die  Mäntel  beziehen  würden.  Diese 
schildert  Luzifer  als  lang  und  unbequem.  Aus  441,  s:  Dar  inn 
leiden  si  grossen  gedrang,  braucht  man  nicht  zu  folgern,  dass  die 
Mäntel  ähnlich  wie  die  Böcke  sehr  enge,  sondern  nur,  dass  sie 
sehr  unbequem  waren.  Vgl.  Heselloher®)  1,49:  Sein  mantel  hat 
ein  rechte  leng,  damit  macht  er  ein.  waidelichgesweng.  Die  Lim- 
burger (Chronik  erzählt,  dass  man  V^^\    „nuwe  kleidunge"  machte, 

*)  Hagelstange,  Süddeutsches  Bauernleben  im  Mittelalter,  Leipzig  18I>8, 
S.  52;  Z.  f.  d.     Kulturg.  1857   S.  38f). 

')  Schultz,  Deutsches  Leben,  grosse  Ausgabe  S.  300  Anm. 

»)  Ebenda  808  Anm.  2. 

*)  Ebenda  297  Anm.  3. 

6)  Weiss  KK.  vom  14.  Jhd.   b.  z.    Oegenw.  1  2(U:  Falke  1  218. 

•)  hrgg.  V.  A.  Hartraann,  Romanische  Forschungen  V,  Festschr.  f.  Konr. 
Hofmahn   WM)  S.  448  fT.  =  Bolte,  Bauer  im  deutschen  Liede  S.  4(1  IT. 


122 


und  berichtet  dann  S.  39, 4  weiter:  Auch  trugen  si  heuken,  di 
waren  alumb  ront  unde  ganz,  daz  hiss  man  glocken;  die  waren  wit, 
lang  unde  auch  korz.  S.  36,  11  heisst  es:  Damach  zuhandes 
drugen  si  .  .  .  .  lange    heuken*).  Die    ülmer  Ordnung    be- 

stimmt, dass  die  Mäntel,  Röcke  und  Tappharte  nicht  länger 
sein  dürfen,  als  Aslss  sie  auf  die  Erde  stossen*).  Für 
unser  Stück  wird  es  sich  vielleicht  weniger  um  die  an 
einer  Seite  mindestens  offenstehenden  Heuken  handeln  (wie  z.  B. 
Schultz  D.  L.  Tafel  Vlll  H,  7),  sondern  um  die  „alumb  ront 
unde  ganz^  gemachten,  oft  nur  mit  einem  Hauptloche  versehnen 
Glocken  •). 

Auch  an  den  Schuhen  bethätigte  sich  die  Mode.  441,  U:  ^Ir 
schuoch  sind  ausgesnitten  Durch  holz  mit  hoflichen  sitten.  Das 
die  hosen  leuchten  erforn.  Darüber  spannen  si  ire  sporn.''  — 
Der  Bundschuh  war  längst  gegen  den  „zerhaunen  und  zersihnittnen" 
engen  Modeschuh  eingetauscht  worden,  der  mit  mannigfaltigen 
Bilden)  benäht  oder  bestickt  war^).  In  Nürnberg  wurde  er 
am  Ende  des  14.  Jhds.  den  Borgern  verboten*)  und  in  Speier 
nur  den  Rittern  erlaubt®). 

Was  mit  „durch  holz"  gesagt  sein  soll,  ist  mir  unklar  ge- 
blieben. M('>glicherweise  ist  hier  an  das  bei  der  Schuhherstellung 
notwendig  oder  doch  häufig  gebrauchte  Holz  zu  denken^),  wenn 
nicht  Verwirrung  vorliegt.  —  Dass  zu  solchen  Schuhen  Sporen 
nicht  fehlen  durften,  wissen  wir  schon  von  Neidhart,  z.  B.  75,  9. 
Vgl.  Helbl.  HI  105,  n66;     GrNSp  3Vm,  35  =  44«,  15  u.  a.   «). 

Ganz  besondere  Sorgfalt  wurde  schliesslich  auf  die  Haar- 
pflege   verwandt.     Wenn  das    GrNSp  440,  10  von    den    Vorfahren 


M  Schultz  D.  L.  '2\)2:  W^-iss  201. 
2;  Schultz  I).  L.  815. 
8)  Weiss,  207. 

*)  Weiss.  Kcstüiuk.  d.  Mittelalters  557:  Schultz  H.  L.  1-^  328,  2^4:  Manlik 
Jalir.-Bcr  v.  Wcissk.    S.  11;  20.  Jahr.-Her.  v.  Landskr.  S.  8. 
«)  Schultz  D.  L.  304. 
«)  Ebenda  295:  Falke   183. 

7)  Schultz   I).  L.  312,  346,  354.  Man  möchte  „durchhaun**  schreiben. 

8)  Schultz  H.  L.  12  328 f:    Weiss,   Kostünik.  d.  Mittelalters  585;  Manlik 
J.-B.  V.   Weissk.  S.   12:    20.  J.-B.  v.  Landskr.  S.   10. 


rflhmt:  ,Si  pflagen  auch  zu  denselben  stnßdeD,  Dass  ir  her  nach 
windiächen  sitten  Ob  den  oren  abgeschnitten",  so  muss  man 
dagegen  halten,  wie  der  junge  Nachwuchs  dorch  die  onglaub- 
liebsten  Kflnste  und  Kniffe  schOnes  Haar  zn  erzielen  trachtete  >). 
Es  musate,  wenn  auch  erfolglos  wie  alle  derartigen  Yerfflgongen, 
wieder  den  Bauern  geboten  werden,  das  Haar  knrz  zn  tragen: 
„rustici  cum  filiis  suis  capiUos  ad  anriculas  nsque  praecidant". 
So  der  bairische  Landlriede  von  1244*).  —  Neidh.  102,  la: 
„Kin  gebot  ich  sanfte  Ilde,  daz  man  Gätzemanne  alnmbe  snide 
sin  wol  valwez  reidez  här"  sieht  so  aus,  als  ob  der  Dichter  hier 
eine  neae  Verordnung  dieser  Art  im  Änge  hätte.  Die  Haare 
waren  mit  der  grösste  Stolz  des  Bauern.  Ihretwegen  scheint  er 
sich  sogar  der  neuen  Mode  nicht  angeschlossen  zu  haben,  die  ums 
Ende  des  14.  Jhds.  das  Haar  wieder  „ober  den  oren  abgesneden 
glich  den  conversenbrudern"  zn  tragen  begann.  Die  Limburger 
Chronik  spricht  zwar  ausdrücklich  S.76,»R.  davon,  dass  auch  die 
Bauern  diese  Sitte  mitmachten*),  doch  das  Gewöhnliche  ist  für  sie 
auch  nachher  noch  langes,  lockiges  Haar. 

Man  darf  deshalb  den  Umstand,  dass  das  QrNSp  jenen  Um- 
schwung der  Mode  nicht  kennt,  nicht  zu  ZeitbestimmungsverBuchen 
verwenden.  — 

Aus  den  zur  Modeschilderung  Luzifers  bisher  angefahrten 
Parallelen  geht  zur  Genüge  hervor,  dass  wir  es  hier  mit  Thatsachen 
zu  thun  liaben.  Eine  bestimmte  Quelle  ist  nicht  nachzuweisen  und 
wird  vielleicht  gar  nicht  benutzt  sein.  Wir  haben  hier  eine  Art 
von  sozialem  Gemälde  vor  uns.  Der  Dichter  zeichnet  Zustände 
seiner  eignen  Zeit;  das  geht  <laraus  hervor,  dass  gerade  im  15.  Jhd. 
die  Kleiderordnungen  sich  in  hohem  Masse  häufen*).  £r  kann 
unmittelbar  nach  der  Natur  ohne  Benutzung  einer  besonderen  Quelle 
geschildert  haben.     Dass  er  dabei  seine  Klagen  in  demselben  Tone 


')  Weiss,  KoBtümk.  d.  M.  A.  581;  Bühalfai,  HOf.  L.  i?  d2^,3L>;>f;  Matilik. 
J.-B.  voQ  Uähr.  Wcisekirdiiiti  S.  7 f.)  Sa  J 

')  Archiv  tat  Kuudo  ftstcrr.  0«adl    

*)  vgl.  MSU.UI  :JG4>5,ti;  Bolta^^l^^^^m^^^^deT  ßawrn 
Hofart  8.  115  t.  82. 

<)  Schultz,  D.  L.  306  IT.:  I 


124 


vorbringt,  wie  sie  sonst  auch  gehört  werden,  ist  naturgemäss.     Die 
Einkleidung  in  die  Teufelsmaske  war  nicht  ungeschickt^). 

Wie  Im  einzelnen  bei  der  Haartracht,  so  dürfen  wir  auch  im 
ganzen  nicht  aus  dem  Verschweigen  mancher  Hauptzüge  der  Mode 
irgend  welche  Schlüsse  auf  Zeit  und  Ort  ziehn.  Es  wird  nur 
Zufall  sein,  dass  Schnabelschuhe  und  Schellen  nicht  erwähnt  werden. 

Mag  auch  Luzifer  vielleicht  etwas  übertreiben,  wie  in  allen 
derartigen  Satiren  von  Neidhart  angefangen  einige  Übertreibung 
stecken  mag,  so  wird  doch  nicht  viel  davon  abzuziehen  sein,  um 
der  Wirklichkeit  nahe  zu  kommen.  An  den  Kleiderordnungen 
können  wir  sehn,  dass  die  Hauptsache  in  solchen  Gedichten  doch 
auf  Wahrheit  beruht.  Teure,  stutzerhafte  Kleidung,  ungeschickt 
aus  einzelnen  verschiedenartigen  Stücken  zusammengestellt*),  Schwer- 
ter und  Sporen  und  dazu  ein  tölpelhaftes  Benehmen,  linkische  Be- 
wegungen und  rohe  Gesichtszüge,  das  alles  zusammen  muss  aller- 
dings ein  eigenartiges  Bild  abgegeben  haben,  das  nicht  nur  den 
Dichter,  sondern  eher  noch  melir  den  Maler  reizen  musste.  Eine 
Reihe  von  Zeichnungen  giebt  uns  einen  karrikierten  Bauerntanz 
wieder,  die  gut  als  Erläuterung  herangezogen  werden  können'). 

Was  uns  diese  Bilder  mit  ihrem  derben,  lustigen  Humor 
zeigen,  giebt  auf  der  andern  Seite  vielleicht  wieder  einen  Aufschluss 
ül)er  die  Wiedergabe  der  Bauern  und  ])esondei\s  der  Bauerntänze 
im  weltlichen  Drama. 


')  Wenn  Luzifer  ausschliesslich  über  den  Kleiderluxus  der  Bauern 
spricht,  so  kann  mau  in  dieser  satirisch-didaktischen  Verwea  düng  dos  nur 
^egcn  einen  einzigen  Stand  nnd  eine  einzige  Unsitte  eifernd  en  Teufels  viel- 
leicht ei.ien  Ansatz  zu  den  im  16  .  Jhd.  reichlich  auftretenden  Teofclstrakta- 
ten  sehn  (Osborn,  Die  Teufelli  tteratur  des  16.  Jhd.  Berlin  1893  S.  95  ff.  ^ 
Acta  Germanica  III,  3,  190  ff.),  deren  trockene  Lehrhall igkeit  allerdings  im 
GrNÖp^nicht  vorhanden  ist  (vgL  S.   108  Anm.  1). 

^)  Falke,  Z.  f.  d.  Kulturgesch.    1859  S.    225. 

')  Besonders  ist  zu  nennen  die  Weimarer  Hauerntanzzeichnung,  bei 
Schultz  D.  L.  Fig.  210  und  bei  Hefner-Alleneck,  Trachten  des  christlichen 
Mittelalters,'  Tafeln  II  145,  Text  U  185;  ferner  Dürers  Zeichnung,  Schultz  D. 
L.  Fig.  211.  Ausserdem  bei  Schultz  D.  L.  Fig.  208,  209,  212,  506,  536; 
Weiss.  Kostinnkunde  des  Mittelalters  Fip.  260— Schultz  H.L.  12  Fig.  118=  Krauss, 
Die  MiniatUHMi    <ler  Manessi'schiMi  Liederhandschrift  Strassburg   1887  Bl.  92- 


125 


Der  Raab  des  Splegrels  und  Neidhart  im  Fasse. 

Das  Teufelspiel  macht  ins  GrNSp  einen  tiefen  Einschnitt, 
sodass  das  darauf  Folgende  sich  als  ein  besonderer  Teil  abhebt. 
Wie  im  geistlichen  Drama  nach  grösseren  Abschnitten  einzelne 
Teile  durch  einen  besonderen  Prolog  eingeleitet  werden*),  so  hat 
der  Dichter  auch  hier  durch  eine  besondere  Einleitungsrede  des 
Einschreiers  die  nun  folgende  Spiegelgeschichte  zu  einem  selbstän- 
digen einheitlichen  Ganzen  zusammengefasst.  Den  Inhalt  dieses 
ganzen  Stückes  vom  Auftreten  des  Einschreiers  an  bis  zum 
Schlüsse  des  GrNSp  macht  die  Geschichte  vom  Raube  des  Spiegels 
mit  ihrer  Einleitung  und  ihren   Folgen  aus. 

Der  Baub  von  Frideruns  Spiegel  ist  bei  Neidhart  immer  nur 
angedeutet.  Schon  seinen  Nachfolgern  war  er  rätselhaft  und  er  ist 
es  bis  in  unsere  Zeit  geblieben.  Verschiedene  Deutungen  sind 
versucht  worden*),  das  Richtige  hat  Keinz  getroffen'). 

Der  arme  Neidhart  hoffte  durch  Heirat  mit  einer  reichen 
Bäuerin,  wie  es  Friderun  war,  wieder  in  die  Höhe  zu  kommen; 
ihre  Verwandten  hatten  sie  aber  für  den  reichen  Bauern  Engelmar 
bestimmt.  —  Damit  dass  Engelmar  während  des  Tanzes  vor  aller 
Augen  Friderun  ihren  Spiegel,  dieses  notwendige  Schmuckstück 
geputzter  Mädchen*),  der  obendrein  noch  ein  Geschenk  Neidharts, 
seines  Nebenbuhlers  war^),  zu  entreissen  wagt,  zeigt  er  deutlich, 
dass  er  Neidhart  nicht  mehr  zu  fürchten  hat,  sondern  bereits  der 
glücklichere  Bewerber  ist.  Damit  war  aber  Neidharts  letzte  Hoff- 
nung dahin.  Insofern  handelt  es  sich  wirklich  um  eine  fOr  ihn 
gar  bedeutsame  und  folgenschwere  That,  aul  die  er  später  immer 
wieder  als  den  Anfang  seines  Unglücks  zurückkommt. 

Die  erste  Erwähnung  des  Spiegelraubes  findet  sich  bei  Neid- 
hart 26,  19fr :  „mirst  an  Engelmären  ungemach  daz  er  Vrideiiinen 
ir  Spiegel  von  der  siten  brach".     Sie  kehrt  fast    wörtlich  93,  7  f 


*)  Hcinzel,  Beschreibung  des  geistl.    Schauspiels  257  f. 

■)  Keinz  i.  d.  Münchner  Sitzungsber.  1888  II  315  ff.;  Bielschowsky,  Höf. 
Dorfpoesie  S.  62   ff. 

•)  Keinz  a.  a.  0.  314  ff.;  vgl.  Sievcrs  in  PBB  15,567  f. 

*)  Weinhold,  Deutsche  Frauen  \P  338;  Über  die  Spi('«rol  im  Mittelalter 
Wackemagel  Kl.  Sehr.  I  128   ff. 

•)  Keinz  a.  a.  O.  817. 


126 


wieder:  „der  hiute  noch  den  Spiegel  hat,  den  er  dörper  Vrideranen 
von  der  siten  brach".     70,  38  heisst  es,  Friderun  „vlös"  den  Spiegel, 
an  den  übrigen  Stellen  56,  3  ,  57,  ss,  78,  35,  81,  is,  88, 27,  91,  19,  96,  7 
heisst  es  immer:  „der  Vriderun  den  spiegel  nam".     (Die    andern 
Erwähnungen  32,  2 ,  59,  u  besagen  für  unseren  Zweck  nichts.) 

Umgekehrt  herrscht  bei  den  Nachahmern  die  Wendung  mit 
„brach*'  vor,  z.  B.  Xeidh.  XXXIV  2,  XLVH  7 ,189,  58,MSH  m205»»  8, 
283»  10,  292»  9;  nur  269»>5  und  Neidh.  188, 40  heisst  es  „nam*^. 
Meyer  vermutet  ZfdA  31,74,  dass  durch  Missverständnis  brach  = 
zerbrach  gefasst  wurde  und  so  die  später  häufige  VorsteUung  vom 
Zerbrechen  des  Spiegels  entstanden  sei.  Das  ist  möglich,  minde- 
stens hat  die  Form  „brach",  die  zunächst  nichts  mehr  sagte  als 
„gewalteclichen  nam**  (wie  Ndh.  57,  33,  81,  15, 188,  40),  eine  solche 
Entwickelung  sehr  begünstigt.  Ich  glaube  nämlick,  dass  eine  andre 
Stelle  Neidharts  den  ersten  Anstoss  gegeben  habe.  71,  5  heisst  es: 
„daz  diu  hant  erkrumbe  diu  die  spiegelsnuor  zerbrach".  Von  der 
Schnur  ist  es  selbstverständlich,  dass  sie  „zerbrochen"  wurde. 
Das  Zerbrechen  mag  nachher  auf  den  Spiegel  übertragen  worden 
sein.  Die  Hdschr.  0  zeigt  den  Übergang  deutlich,  wenn  sie  an 
der  angeführten  Stelle  sagt:  „de  hant  de  ir  den  speyghel  zo  brach". 
War  die  Übertragung  auf  den  Spiegel  einmal  vor  sich  gegangen, 
so  bekamen  nun  auch  die  Stellen  mit  „brach"  einen  andern  Sinn. 
Nebeneinander  steht  noch  beides  im  GrNSp,  wo  456,  s  von  der 
zerbrochenen  Spiegelschnur,  45(5,  27  vom  Zerbrechen  des  Spiegels 
selbst  gesprochen  wird. 

Die  Vorstellung  vom  Zertrümmern  des  Spiegels  findet  sich 
nicht  in  den  alten  Nachahmungen  Neidharts.  Sie  tritt  nur  in 
schon  ziemlich  verwilderten  Gedichten  aut.  MSH  111199**  16:  ,Ja  znkt 
ich  Vriderune  üppiklich  Einen  spiegel,  unt  brach  in  ze  stükken^  hat 
Engelmar  und  den  Ungenannten  zusammengeworfen  und  erweist 
sich  auch  sonst  noch  als  jung  (S.  92  flf.);  MSH  288^9  „ich  waene 
daz  der  spiegel  wurd  gezeiset  an  der  stete  noch  kleiner  denne  in 
Engelmar  zebrach"  steht  in  einem  Stücke,  das  20  Tote,  einoti 
Stelzer  und  eine  eigenartige  Erwähnung  eines  Fasses  hat  (s.  8. 181). 
Das  letzte  gilt  auch  von  1S7*3:  „Vriderunen  reiz  er  ir  gebttide, 
da  von  ir  Isenbreht  den  spiegel  gar  zebrach",  wo  daneben  FObbs 
und  Arme  abgeschlagen  werden  und  Engelmar  gar  nicht  mekr  .dior 
rhiiter  ist.  2K^*  5:  „Daz  Vriderun  ir  Spiegel  wart  zebrodi0ii. 


'ly 


<laz  wart  al  da  geritchen;  dar  uinb  ir  zwen  uiit  tlrizek  blihcn  tdt" 
lisBt  schon  3-i  werfen  ilea  Kaubes  umkommen  (S.  lJi*f).  und 
Neidh.  171,  iWfr  :  „Duz  wolte  ich  iillez  wol  verklagen  niwan  aleine 
daz  (lö  wart  zebrochen  ii-  Spiegel  breit,  dö  er  mit  sinem  kulben 
ir  daz  Bchoene  glas  durchstach"  hat  amh  'd'i  Tote  und  Verwun- 
det«. Alle  diese  Erwähnungen  tragen  also  die  Kennzeichen 
grosser  Entartung  an  »ich. 

Über  den  (Jrund  des  Wegnehmens  wnssteii  schon  Neidhart« 
Niichahmer  nichts,  da  er  selbst  davon  schwei)it-  Einer  führt 
(Nd<lh.  1-J4,  2a[)  un,  dass  der  Sfiiegel  aus  Elfenbein  geschnitzt 
und  die  Schnur  gleichfalls  selir  wert\-oH  gewesen  sei.  Er  sucht 
altio  in  der  Kostbarkeit  den  Grund  für  <len  Uauli.  Das  mt  natür- 
lich arge  Entstellung.  Aelmliih  MSH  III  '-'HS-  10.  Der  wirkliche 
(irund  liegt  wohl  vielmelir  darin,  dass  auch  der  Spiegel  den  Besitz 
des  Mä<lchenH  versinnbildliclien  sollte  wie  Ring  oder   Kranz'). 

Man  hat  jedoch  nicht  wiiter  der  Ursaciie  nachgeforscht, 
l'msoraehr  fabelte  man  vim  den  Folgen.  Man  vcrmisste  einen 
augentälligen  SchlusM  für  die  Geschichte,  ilarum  vervollständigte  inuu 
die  Erzählung*).  Hatte  sich  die  Vorat^'llung  noch  erhalten,  dass 
es  sich  dabei  um  ein  Geschenk  Neidharts  liandelte,  so  lag  es  um 
so  näher,  Eugelmar  an  dem  geraubten  Hpiegel  seinen  ganzen  Hass 
gegen  den  Geber  ausfiben  zu  lassen.  Dass  Neidhart  'Xi,  7  sagt, 
Engelmar  habe  noch  spät  den  Spiegel  besessen,  konnte  diese  wegen 
ihrer  grösseren  Ürustik  gern  gesehene  Wendung  nielit  liindern. 
Dabei  ivurde  seine  eigentliche  Bedeutung  ganz  verkannt,  da  nun 
das  villi  Wut  zertieten  und  zertrümmert  wurde.  Wiis  als  ein  sym- 
bolisches UntiTpfuiid  gerade  recht  sorgsam  liätte  bnvahrt  und  in 
Ehren  gehalten  werden  müssen. 

Wenn  Neidliart.  über  Engelmars  Il;mb  sehr  aulgehraclit  ist. 
und  reiche  Verwrinsihuugen  gegen  ihn  ansstüst,  s"  galt  es  nur 
einen  kleinen  Schritt,  um  diese  Drohuni^en  wirkürh  in  Erfüllung 
gehen  zu  lassen,  zumal  da  die  Uc-^chichte  immer  iwch  keinen  voU 
befriedigenden  Abschluss  hatte.  Den  bracht«  i 
PrOgelei.  Neidhart  sdieinl  auch  hier  selbst  ll 
die  K])ätere    Entwickelujig    gegeben  7.11  )iabeo,tJ 


*)  Lilir-KTUI]   ZfdA  Ü.   115. 


L 


Ärger  Aber  zwei  üppige  Widersacher  ausrnft:  „hei,  solt  ich  ir 
einem  sine  stelzen  ilä  bestrichen".  Hier  ist  stelze  =  Fuss.  Ebenso 
in  der  zugehörigen  Trutistrophe  180,  7  :  „widerdröut  er  mir  so 
daz  er  bestrichen  wil  mir  die  stflzen".  Diese  Drohnng  scheint 
man  wörtlich  genommen,  auf  Neidharts  Hauptgegner  Engelmar 
bezogen  und  mit  der  Spiegi'lgeschichtf  in  Verbindung  gebracht 
zu  haben.  Dii^  Ausführniifj  dieser  Drohung  schloss  sich  an.  — 
Die  uu^führli(;hen  Berichte  über  Neidharts  Spiegelabenteuer  Ndh. 
XXXIV,  iff..  15.  188,  <8s'  «MSH  ni-'K3'  10  hfben  ausdrücklieh  hervor, 
dass  Engelmar  für  seinen  frechen  Unfug  seine  Strafe  erhalten  habe 
und  nun  mit  einem  Stelifusse  herunigelicn  müsse.  Ja  Engelmar 
mit  dem  Stelzbeine  i.<t  geradezu  zur  strh.'nden,  typi-^ichen  llgur 
gewi^rden.  So  kommt  er  MSH  HI  ■292i'  .^  ,mit  sint-r  stelzen", 
obwohl  ihm  erst  -JitS"  7  der  Fuss  abgeschlagen  wird.  Einen  ganz 
Tihnliehen  Fall  wenlen  wir  nuch  heim  KlNSp  kennen  lernen. 
Bei  vielen  Bam-rnkeilereien  fliegen  in  ganz  fabelhaittr  Weise  die 
verschieden.sten  Kfirperteüe  herum  wie  Hflnde,  Füsse,  Anne,  Lungen, 
Lel)ern,  Köpfe,  Kröpfe,  Ohren,  Nasen,  Kragen  (s.  S.  14H),  immer 
aber  bleibt  bei  all  diesem  Wirrwarr  fest,  dasa  der  Mann  mit  dem 
Stelzbein  Engelmar  ist.  So  erscheint  er  auch  im  NF  ;mf  mehreren 
Bildern  mit  einem  Holzfuäse.  Zahlreich  sind  die  Berichte,  alle 
mehr  oder  weniger  verwildert,  in  denen  viim  Verlast  seines  Beines 
gesprochen  wird  (MSH  202'  6,  278^  4);  gewöhnlich  wird  das  linke 
Bein  genannt  (213*  4,  225"  7,  -283'  in,  293»  7);  vom  rechten  sprii-ht 
•iiO"  7. 

Nirgends  aber  richtet  ihn  Neidhart  so  zu.  Es  geschieht  immer 
hei  einer  blutigen  Bauern  rauferei.  Das  ist  der  Haapt- 
unterschied  von  der  Strafvollstreckung  in  der  Veilchengeschichte, 
wo  Neidhart  selbst  Bache  nimmt. 

Engelmar  gegenüber  tritt  Friderun  ganz  zurück.  Engelmar 
und  Friderun,  diese  beiden  für  Neidharts  Geschick  so  wichtigen  Per- 
sonen, werden  auch  sehr  oll  von  Neidhart  zusammen  genannt.  Sie  gind 
wirklich  später  auch  ein  Paar  geworden').  Diese  Vorstellung  der 
Zusammengehörigkeit  beider  drang  durch.  Wenn  Neidhart  und 
alte  Nachahmer  daviin  sprechen,  dass  Friderun  den  Unfug  sehr  an- 


')  Keinx  319.  —  Ungincklinhc  Ehe   derbeidaii  knnn  ich  mit  KeinE 

),  M  ninbt  h^irnuKlnscn. 


J 


129 


gehalten  aufgenommen  habe  *),  so  verschwindet  diese  Wendung 
doch  zeitig.  Auch  von  dem  Unterschiode,  den  Neidhart  noch  nach 
der  That  zwischen  beiden  macht,  dass  er  nämlich  stets  nur  auf 
Engelmar  schilt,  während  Friderun  auch  weiterhin  die  „liebe,  vil 
liebe  Friderun"  ist 2),  wissen  die  Fortsetzer  nichts  mehr.  Für  sie 
trat  Friderun  ganz  zu  Engelmar,  als  dessen  bevorzugte,  auserwählte 
Tänzerin  sie  auftritt,  die  auch  über  ihn  nicht  gleichgültig  denkt. 
Da  sie  nun  in  der  Fortsetzung  der  Raubgeschichte,  bei  der  Prügelei 
nicht  gut  anzubringen  war,  so  verschwindet  sie  meist  ganz.  Nur 
MSH  III  189*5  lässt  ein  Dicht<»r  sie  nicht  ohne  jedes  Wort  ver- 
schwinden, sondern  über  den  Tod  ihres  Verehrers  in  Klagen  aus- 
brechen (vgl.  200^  6). 

Die  Geschieht«  hat  aber  mit  der  Verstümmelung  Engelmars 
noch  nicht  ihren  Abschluss  erreicht.  Von  der  Erzählung  Neidh. 
188 f.  ist  noch  eine  Vergröberung  ausgegangen^).  Aus  dem  Wunsche 
188,  37:  ^Ir  etelichem  mere  mac  daz  .  .  .  beschehen  daz  ouch  En- 
gelmäre beschach"  entwickelte  sich  die  thatsächliche  Ausführung 
dieses  Wunsches.  Man  liess  also  mehrere  bestraft  werden.  Die 
feststehende  Zahl  ist  dabei  82.  So  MSH  213*  5:  „Daz  Vriderun  ir 
Spiegel  wart  zerbrochen,  daz  wart  al  da  gerochen  darumb  ir  zwen 
und  drizek  bliben  tot").  Ähnlich  übertreibende  Zahlen  kehren  oft 
wieder.  Wie  hier  werden  auch  Neidli.  171,  losf.  32  Verwundete  und 
Tote  genannt,  die  für  die  Entreissung  des  Spiegels  haben  büssen 
müssen  (v.  12011*.).  Aber  auch  in  andern  Prügeleien  ist  es  so. 
MSH  2G0^  1 1  werden  36  erschlagen,  240*  12  ebensoviel  betäubt; 
hier  ist  es  allerdings  nicht  bis  zur  Rauferei  gekommen.  292*  10 
werden  12  im  gegenseitigen  Kampfe  erschlagen,  288^*9  20,  NF 
2072  24*).  Diese  Zahlen  sind  naturlich  nur  übertreibende  Angaben, 
womit  in  Wirklichkeit  gar  nichts  gesagt  ist;  für  die  in  der  Spiegel- 
geschichte Zugerichteten  hat  sich  die  Zahl  32  jedoch  festgesetzt. 

Dieselbe  Zahl  32,  die  in  der  Spiegelgeschichte  Geltung  erlangt 
hatte,  begegnete  uns  aber  auch  in  der  Veilchengeschichte  (s.  S.5f.,9). 


*)  Biolschowaky  62  f.    —   Grobe    Entartung?    ist  es,    wenn    es    MSH  HI 
226*^  7    hoisst,    Eiigeliuar    habe    Fridcriiii    durch  einen  neuen  Hut   versöhnt. 
'^)  Keinz   315. 
»)  M^'veri.  ZfdA  :U.  74. 
*)  Voj^t.  Salm.  u.    Mor.  CLVf.;   vgl.    z.    B.    Oswald    (EttinüUer)  v.  8ff. 

Giisiiidr,  Neidhart  mit  dem  Veilchen.  9 


130 


Der  Entwicklungsgang  ist  in  beiden  Geschichten  derselbe.  Eine  Un- 
that  wird  begangen;  der  Übelthäter  muss  bestraft  werden.  Die 
Massregelung  des  Einzelnen  genügte  nicht,  man  setzte  also  eine  allge- 
meine Holzerei  dafür  ein,  die  auf  mehr  Verständnis  und  Teilnahme 
bei  den  Hörern  rechnen  konnte*).  In  beiden  Fällen  wird  dann  die 
Zahl  der  Opfer  bestinunt  mit  32  bezeichnet.  Wie  aber  in  der 
Spiegelgeschichte  schon  die  Bestrafung  des  Einzelnen  durch  seine 
Standesgenossen  vollzogen  wurde,  während  sich  in  der  Veilchen- 
geschichte Neidhart  selbst  rächte,  so  werden  auch  die  32  dort  im 
gegenseitigen  Kampfe  der  Dorfgesellen,  hier  durch  Neidhart  bestraft, 
der  nun  nicht  mehr  allein  mit  den  vielen  fertig  werden  konnte  und 
darum  die  Bitter  als  Helfer  beigesellt  bekam. 

Es  fragt  sich  nun,  wo  die  Zahl  32  ursprünglicher  ist.  Im 
Spiegelabenteuer  ereilte  Engelmar  sein  Schicksal  von  vornherein, 
sobald  einmal  die  Bache  dafür  ausgeführt  war,  im  Kampfe  mit 
den  Dörpem.  Das  war  in  der  Veilchenerzählung  nicht  der  Fall, 
wo  die  Bauern  beim  Tanze  nichts  ahnend  überfallen  wurden. 
Hier  handelte  es  sich  also  gar  nicht  einmal  um  eine  Prügelei. 
In  der  Spiegelgeschichte,  wo  die  Holzerei  schon  gegeben  war, 
war  es  drum  leicht,  statt  des  einen  Engelmar,  der  für  so  viel 
Baufen  ein  zu  kleines  Opfer  war,  viele  verstümmelt  werden  zu 
lassen,  während  an  der  andern  Stelle  mehr  hinzugethan  werden 
musste.  Die  Veilchengeschichte  hat  also  jedenfalls  die  Bestrafung 
der  Bauern  und  die  Zahl  32  der  Spiegelgeschichte  zu   verdanken. 

Bis  hierher  haben  wir  alle  Motive  sich  immer  eins  aus  dem 
andern  entwickeln  sehn.  Es  hat  sich  aber  an  die  Geschichte  vom 
Spiegelraube  noch  ein  anderes  Motiv  angeschlossen,  das  nicht  aus 
dem  Gange  der  Handlung  erklärt  werden  kann.  Man  erhöhte  die 
Komik  des  Ganzen  noch  dadurch,  dass  man  Neidhart  sich  in 
einem  Fasse  verstecken  liess,  von  wo  er  den  Tanz  und  seinen 
Ausgang  beobachten  konnte.  Wie  dieses  Fass  zur  Geschichte 
gekommen    ist,    lässt  sich    nicht    sagen.     Neidhart  deutet  26,  7ff 


')  Weinhold,  Goschcs  Jahrb.  I  4fif.  —  Bauernschlägereien  wegen  eines 
zcrbrochenon  Spiegels  eines  Mädchens  haben  auch  Hätzl.  II  67, 300;  Ring 
166,  38  c,  7  und  das  Fastnachtspiel  vom  Mönch  Borthold  578,21.  Hier 
ist  der  Srhluss  wohl  nach  einom  Noidhartdrama  gemacht,  s.  Weinhold 
Anin.  «lazu  Nchl.  345. 


131 


offenbar  nur  an,  dass  er  bei  der  That  nicht  zugegen  war.  Ein 
grober  Schwankdichter  mag  nun  auf  ihm  abenteuerlichen  Einfall 
gekommen  sein,  ihn  aus  einem  Fasse  zuselin  zu  lassen,  um  dann 
den  erlebten  Auftritt  schildern  zu  können. 

Die  Haupterzählung  vom  Spiegelraube  Neidh.  XXX  6  verbin- 
det ihn  mit  diesem  Motiv  vom  Fasse.  Abgesehen  von  der  un- 
verständlichen Anführung  eines  Fasses  MSH  III  187*  3,  die  gar 
nicht  hierher  gehört,  und  *288''  9,  wo  es  sich  um  eine  bewusste 
Anspielung  auf  die  Zertrümmerung  des  Spiegels  handelt,  wo  also 
wohl  auch  das  erwähnte  Fass  auf  den  Unterschlupf  Neidharts  zu- 
rückgeht, wird  ein  Fass  noch  Neidh.  198  erwähnt:  „das  ir  ge- 
Idsse  sähe  herre  Neithart,  do  er  in  dem  vas  bey  dem  wein  lag.** 
Hier  wird  also  auch  Bezug  auf  die  Ausführungen  XXX  6  genom- 
men, das  für  uns  die  einzige  Quelle  bleibt. 

In  dem  (xedichte  wird  nach  einer  Natureinleitung  die  Vor- 
bereitung zu  einem  „gelopten  tanz"  geschildert.  Eine  Reihe  von 
Dörpern  wird  ausführlich  in  ihrem  Äussern  und  ilirem  Verhalten 
gezeichnet.  Erst  die  drei  letzten  Strophen  behandeln  das  Aben- 
teuer. Engelmar  entreisst  Friderun  den  Spiegel,  worauf  sich  sofort 
eine  Hauerei  entspinnt,  bei  der  Engelmar  sein  Bein  einbüsst. 
Darauf  wird  noch  eine  Anzahl  anderer  Verwundeter  und  Erschlagener 
genannt.  Mitten  in  der  Aufregung  des  Tanzes  entdeckt  der  Bauer 
Erkenbolt  den  im  Fasse  verborgen  liegenden  Neidhart  und  teilt  das 
den  anderen  mit.  Der  hat  sich  aber  in  der  allgemeinen  Verwirrung 
längst  in  Sicherheit  gebracht.  Soweit  geht  die  Fassung  B.  c,  f  und 
NF  gehn  noch  weiter,  indem  sie  Neidhart  einen  Knecht  beigeben, 
der  ihnen  die  Flucht  erleichtert  (Neidh.  XXXIV  6  Lesarten).  — 
Das  Gedicht  ist  roh  und  ungeschickt.  Das  Fassmotiv  ist  mit 
der  jungen  Gestalt  der  Strafe  für  den  Raub  verbunden,  bei  der 
mehrere  böse  zugerichtet  werden. 

Der  Darstellung  des  Gedichtes  entspricht  auch  im  grossen  und 
ganzen  die  des  GrNSp.  Hier  herrscht  die  Anschauung,  dass  Engel- 
mar beim  Tanze  den  Spiegel  gewaltsam  an  sich  reisst  (455,  23) 
und  ihn  zerbricht  (45(),  24).  Das  Gedicht  spricht  nicht  ausdrücklich 
vom  Zerbrechen  (XXXIV  2).  Sonst  ist  nicht  nur  der  Gedanken- 
gang derselbe,  wobei  jedoch  das  Spiel  viel  ausführ]^^  ~ 
sondern  es    zeigen  sich    auch    wirkliche   Anspielnn 


132 


nur  sehr  gering  bei  der  eigentlichen  Spiegelgeschichte;  die 
dramatische  Behandlung  musste  dabei  ganz  anders  gestalten  als 
die  epische.  Mehr  Gleichartiges  findet  sich  in  den  aufzählenden 
und  beschreibenden  Stücken.  Hier  lag  die  Verlockung  zu  Zu- 
sätzen undjgenauerer  Ausführung  nicht  so  nahe.  Das  Vorhandene 
konnte  höchstens  noch  plumper  gemacht,  aber  schwer  geändert 
werden.  Die  (Übereinstimmungen  treffen  drum  hauptsächlich 
die  Erzählung  des  Vorläufers  im  Spiel  und  die  Ausmalung  der 
Vorbereitung  zum  Tanze  im  Gedicht. 

444, S3  Der  pringt  mit  im  ain  grosse  schar    i  XXXI  9  Su  h&nt    sich    gcsament  dar 

Hundert  iiiaid  odiT  iner.  mägcde  mer  dan  hundert. 

444,  35  Fridrauna  will  sich  ser  XXXI  7  Engelmar  der  wil  si<!h  setzen 


Da  gen  Englmar  schäm. 
445,  8   Die  körnen    mit  gesange  her. 

Die  gen  aach  paid  in  ainer  wat. 
445,'' 10   Joklicher   ain  kränzl  hat. 

Dar  ein  sein  pluom    gel    rot  und 
praun. 


44(),  5  Götz  und  Ranz*)  Solion  machon 
den  tanz. 


446,  9  Als  auf  dem  dorf  ist  sitte. 
446,  3  Stähel  und  eisen  wart  nie  so  hart. 
Ich    schluoch    durch    hiem    und 
durch  part. 
457,  2  (Erkenwolt  spricht:)  Hiott  ir  go- 
waut  den  streit 
An  Neitharten  der  in  dem  vasse  loit. 
464,  iiMein  knecht  kommirzustaten. 


hiut  gen  Friderüne. 
XXXI  2  du   gänt  zwen  in  einer  hint, 
die  hoeret  nieman  swigen. 

XXXI  5  ietweder  treit  den   kränz 
dem     die    hluomen     sint     gel 

unde  brüne. 
vgl.  Ndh.  34,  10,  NF  14:  Altswert 
74,  .so,  79,  31,  92,  9  usw. 

XXXII  9  so  kumt    Hildmar    und    sin 

bruoder  Ranze, 
....  die  siht  man  besundcr  gan 

gen    Zeizeumür  zcm   tanze. 
XXXII  7  die  haut  alle  dörpelsit. 
XXXII  20  Borewin  giht  er  well  durch 

isen  schroten. 

XXXV  9  Erkenboltrief  obenin  der  gazze 
....  her   Nithart  ligt  im  vazze. 


NF  450  (=  Ndh.  XXXIV  6  f.  Lesarten): 
Ich  wass  gar  fro,  da  mir  mein 
knecht  gar  schiere  kam  zu  statcn. 

Wie  es  XXXI 1  lieisst:  ^Da  ist  ein  gelopter  tanz",  so  ist 
459, 24  von  einem  lobtanz  die  Rede.  Es  fragt  sich  zunächst,  was 
Lobetanz  sei.  Böhme,  Geschichte  des  Tanzes  I  50  irrt  jedenfalls, 
wenn  er  Spangenbergs  Etymologie  folgt.  Es  muss  vielmehr,  wie 
unser  Spiel  deutlich  zeigt,  ein  vorher  besprochener,  darum  auch 
besonders  wichtiger  Tanz  gewesen  sein,  ein   „versprochener"  Tanz. 


V-  v^'l.  Anin.  (hizu  Fsp.    1510,   Nchl.  343. 


133 


Nach  459,  23  war  er  13  Tage  vorher  angesetzt.  Ganz  ähnlich  wird 
41G,  23  ein  Tanz  acht  Tage  vorher  ^jVerhiiissen**.  Ebenso  wird 
Neidh.  XXV  5  und  MSH  II  78*  2  der  Tanz  „verwettet**  wie  im 
StPSp  8  (s.  S.  22  Anm.  1).  —  Ganz  ähnlich  oder  dasselbe  war  auch 
der  covenanz;vgl.  MSH  III  ISoM,  187^2,  220^8.  Auch  Neidh. 
37,  1,  38,24,LIV  u  ist  es  eine  grosse  Veranstaltung,  wozu  besonders 
eingeladen  wird,  und  die  man  auf  einen  Feiertag  ansetzt. 

Dem  entspricht  die  feierliche,  umständliche  Zurüstung  im 
GrNSp,  wo  z.  B.  Wein  aufgefahren  wird,  was  sonst  bei  den  ge- 
wöhnlichen Tänzen  nicht  vorkonunt  (dasselbe  ist  beim  covenanz 
185**  4,()  der  Fall),  oder  wo  eine  neue  Tanzweise  vorgefahrt  werden 
soll  (448,  iiff),  und  wo  Preise  für  den  besten  Tänzer  ausgesetzt 
werden  (451  15  it.,  25  it.).  —  Auf  die  grossartige  Zurüstung  zu  einer 
solcher  Feier  geht  wohl  auch  im  Gedicht  XXXIII  12 :  „ez  waer  ze 
vil  vor   einer  riehen  briute^.  — 

Eine  andere  Aehnliehkeit  zwischen  Spiel  und  Gedicht  besteht 
schliesslich  darin,  dass  die  ungeschickte  Häufung  von  Bauem- 
namen  XXXI  13  rr.  nur  noch  arg  vergröbert  aber  ähnlich  440,  27  n 
erscheint.  Weinhold  Anm.  z.  445,  19  Nchl.  343  hat  schon  darauf 
hingewiesen,  dass  zum  Teil  dieselben  Namen  sich  hier  wie 
dort  finden. 

Die  Erweiterungen  des  Spiels  sind  entweder  schon  kurz  im 
Gedicht  angedeutet,  oder  sie  lagen  schon  in  den  Motiven.  Eine 
Hinzufügung  neuer  Motive  findet  sich  ebensowenig  wie  eine  ge- 
wichtige Umänderung  bereits  vorhandner.  Man  kann  drum  beide 
Behandlungen  in  unmittelbare  Beziehung  zu  einander  bringen  und 
annehmen,  dass  dem  Dichter  des  Spiels  bei  dieser  Episode  das 
Gedicht  XXX  6  zu  Grunde  gelegen  hat. 

Nach  der  Einleitung  des  Vorläufers  rühmen  sich  die  Bauern 
ihrer  Streitbarkeit  und  verschwören  sich  gegen  Neidhart  (446,  w  — 
447, 29).  Darauf  konmit  die  eigentliche  Vorbereitung  und  An- 
ordnung des  Tanzes,  wobei  448,  9-29  =  396,  29  —  397,  le  ist, 
wo  es  sich  ebenfalls  um  einen  feierlichen,  aussergewöhnlichen 
Tanz,  den  Maitanz  handelt.  —  An  die  Aufforderung  449, 2: 
„Schicket  den  tanz  nach  eur  ger^  schliesst  sich  dann  der  eigentliche 
Tanz  an.  Die  Bauernmädchen  kommen  unter  Friederuns  Führung 
tanzend  von  der  einen    Seite  herbei,  Yrit  ^       •"    unter 


134 


Engelmars  AnfOhning  von  ihrem  Standplatze  ans  ihnen  entgeg^ 
tanzen.  —  Währenddem  nun  beide  Gmppen  rden,  erscheint 
ein  Wirt  mit  einem  Fasse  auf  der  Bühne  (449,  5).  Sein  Knecht 
mit  ihm  den  Wein  aus  (449,  8-15 ).  In  keinem  anderen 
Schwanke  kommt  sonst  ein  Weinwirt  vor;  nur  MSH  DI  185^^  4 
wird  einer  ganz  oberflächlich  erwähnt.  Auch  im  GrNSp  steht  er 
ganz  im  Hintergrunde;  nur  455,  s- 11  ist  ein  schwacher  Yersuch 
gemacht,  ihn  mit  der  Handlung  einigermassen  zu  verknüpfen. 
Dem  Wirte  wurde  noch  ein  Knecht  beigegeben,  der  seine  Worte 
ans Fsp. 56,484, 20-27  entlehnte  (s.  S.  108).  Wenn  es484,  »  ff.  heissfc 

Mein  herr  Pinkenpank  hat  ain  wein  auf  getan. 

Da  sült  ir  all  zu  gan. 

Er  ist  trüeb  und  pitter. 

Da  hüetet  euch  vor,  ir  grafen  und  ir  ritter! 

Du  edler  und  du  paur, 

Tringstu  vil,  er  wird  dir  säur. 

Er  ist  Säger  und  unrain. 

Den  hat  mein  herr  vor  der    helle  gemain. 

80  konnten  diese  Verse  unter  Weglassung  des  Namens  484,  20  für 
die  Einscliiebung  ins  GrNSp  ohne  weiteres  verwandt  werden, 
nur  der  letzte  Vers  passte  nicht  und  musste  geändert  werden. 
Er  lautet:  Den  hat  mein  herr  in  dem  vasse  sein.  Dabei  schlich 
der  unreine  ei-Reim  mit  ein  (s.  S.  57). 

Was  auf  das  Ausrufen  im  GrNSp  nacheinander  folgt,  stellt 
Handlungen  dar,  die  in  Wirklichkeit  z.  T.  sicher  nebeneinander 
gedacht  sind.  —  Beim  Erscheinen  des  Weines  sind  die  Bauern 
natürlich  gleich  zu  trinken  bereit.  Mit  der  Versicherung,  sie  frei- 
halten zu  wollen,  fordern  sie  zunächst  Friderun  zum  Mittrinken 
auf  (449, 28);  da  diese  aber  für  ihre  Person  dankt,  so  setzen  sie 
den  übrigen  Mädchen  einige  Mass  vor  (450,  22).  Jedenfalls  schon 
während  des  Trinkens,  trotz  der  Spielanweisung  450,  26,  bittet  En- 
gelmar Friderun  um  den  Spiegel,  wird  aber  abgewiesen.  Spiegel 
und  Kranz  hat  sie  für  den  besten  und  gewandtesten  Tänzer  be- 
stimmt. Regenwart  verkündet  diesen  Preisaussatz  und  fordert 
zum  Wettbewerb  auf  Aber  schon  hat  sich  unter  den  Bauern  eine 
grosse  Gärung  vorbereitet.  Engelmar  war  wegen  seiner  hervorrar 
genden  Stellung  unter  den  Bauern,  vor  allem  aber  weil  er  sich  durch 


acblane  Flacht  seine  gesunden  Beine  erhalten  hat  (419,  as),  dem 
Neide  seiner  Genossen  besonders  ausgesetzt.  Schon  zweimal  hatte 
sich  bei  andern  Gelegenheiten  arge  Verstimmung  gegen  ihn  geäussert 
(420,  nit^  42St,  lan.),  doch  hatte  sich  die  Aufregung  wieder  gelegt. 
Nun  envacht  der  Groll  zum  dritten  Male  beim  Weintrinken,  Die 
Bauern  äussern  ihren  Ärger  darüber,  dass  er  sich  mit  dem  Weine 
auf  ihre  Kosten  bei  den  Weibern  beliebt  machen  will.  Die  Cha- 
rakteristik dieser  Neidhammel  ist  geradezu  köstlich. 

Uuisonst  versuchen  Schottenaclilicker  und  Wisel  (45',J,  i-.;, 
454,  :i)  zum  Frieden  zuzureden.  Diesmal  ist  die  Erbitterung  schon 
zu  grüss. 

Diese  ganze  Verschwörung  geschieht  abseits  von  den  tanzen- 
den Paaren.  Engelmar  merkt  nicht  das  Geringste  von  dem  was 
ihm  droht. 

Zum  zweiten  Male  versucht  er  454,  i«,  Friderun  zu  fiberreden, 
ihm  den  Spiegel,  »«einem  Vetter  Regenwart')  den  Kranz  zu  geben, 
aber  wieder  umsonst.  Er  vertröstet  jetzt  den  Wirt  wegen  der  Be- 
zahlung und  läijst  den  Tanz  wieder  beginnen,  der  während  des 
'l'rinkens  geruht  hatte.  449, 8^455,  20  füllt  also  eine  Tanzpause 
aus.  In  diesem  Stücke  gehn  drei  verschiedne  Handlungen  neben- 
einander her,  das  Trinken  der  Mädchen,  das  Betteln  Engelmara 
um  den  Spiegel  und  die  Verschwörung.  Der  dramatischen  Kunst 
des  Verfassers  wurde  hier  die  schwere  Aufgabe  gestellt,  verschiedne 
Vorgänge  gleichzeitig  sich  abspielen  zu  lassen.  Er  thut  das, 
indem  er  diese  drei  verschiednen  Handlungen  durcheinander  gehn 
lässt.  Abwechselnd  gelangt  eine  dieser  drei  Gruppen  nach  der 
andern  zum  Wort.  Stummes  Spiel  mag  bei  jeder  die  Zeit  des 
Schweigens  ausgefüllt  haben,  so  dass  man  doch  von  einem  Neben- 
einander verschiedner  Vorgänge  sprechen  kann. 

Währi'nd  des  neu  begonnenen  Tanzes  reisst  nun  Engelmar 
mit  Gewalt  lYideruns  Spiegel  an  sich  und  bringt  so  die   Verschwö- 


')  4^,  32  huisst  es  aocli,  (Iühs 
wird  ein  VotUr  Engelmare  erwähnt. 
aOS«  19,  4  Eberüsnt,  NMdh.  238,  82 
HSH  III  2131'  5  int  er  mit  mehr  aU 


136 

rung  zum  vollen  Ausbruch.  Die  Wirkung  des  genossenen  Weines 
mag  wohl  ebenfalls  zum  Ausdruck  gebracht  wurden  sein.  Sie  wird 
auch  den  durch  den  Widerspruch  gereizten  Engelmar  veranlasst 
haben,  herausfordernd  den  Spiegel  zu  zerbreclien.  —  Vielleicht 
geschah  dies  456,  24  durch  Zertrünmiern  mit  dem  Schwerte  wie 
Ndh.  171,  120  ff.  Damit  ist  das  Zeichen  für  eine  allgemeine  Schlä- 
gerei gegeben,  wobei  Engelmar  ein  Bein  einbüsst  (456,  33).  In 
beständiger  dramatischer  Steigerung  hat  der  Dichter  geschickt  die 
Handlung  bis  zum  Höhepunkte  geführt. 

Engelmar  wird  also  liier  allein  verwundet,  womit  das  GrNSj» 
dem  Gedichte  gegenüber  den  älteren  Zustand  bietet. —  Vergleicht 
man  jetzt  mit  dem  Ausgange  des  Spiegelraubes  den  der  Veilchen- 
geschichte im  (rrNSp,  so  findet  man  zwei  verschiedene  Stufen  der 
Motiventwicklung  vertreten.  Der  älteren  Fonn  entsprechend  wird 
Engelmar  wegen  des  Spiegels  von  seinen  Genossen  456,  33  zum 
Stelzer  gemacht,  während  die  spätere  Form  von  den  32  Stelz- 
füsslem,  auf  die  Veilchengeschichte  übertragen,  420,  r.  dramatisiert 
ist.  Diese  Vorstellung  gilt  durchs  ganze  Stück  (422,  21,  424,  11, 
441, 29).  Der  Ausgangspunkt  dieses  Motivs,  Engelmars  Strafe, 
wird  aber  dabei  zur  Folge  gemacht,  denn  453,2211  heisst  es  aus- 
drücklich, er  solle  den  übrigen  Einbeinigen  gleich  gemacht 
werden. 

Für  die  eingehenderen  Schilderungen,  womit  d(T  Verfasser 
die  kurzen  Angaben  des  Gedichtes  wicdergegc})en  hat,  scheint  er 
die  Muster  im  wirklichen  Leben  selbst  gefunden  zu  haben.  Die 
weitere  Ausführung  geschah  übrigens  nicht  zum  Schaden  des 
Stückes.  —  So  übersichtlich  und  deutlich  ist  in  keinem  Gedichte 
ein  Tanz  mit  seinen  Begleiterscheinungen  geschildert  worden. 
Dieser  Lobetanz  ist  sicherlich  nach  dem  Leb(»n  gezeichnet.  Das- 
selbe gilt  vom  Motive  des  Preisverteilens  (s.  S.  16  ft*.  42 f.).  Dass 
hierin  der  Keim  für  manche  Uauferei  lag,  ist  klar.  (z.  B.  Neidli. 
57,2,  MSH  212'- 311;  2(;()''  11;  vgl.  217^^5.)  —  Diese  leicht  ent- 
tlammte  unbändige  Eifersucht  ist  es  auch,  die  jedes  Schönthun, 
jede  Vertraulichkeit  mit  den  Mädchen  verbieten  lässt.  445,  12: 
„Und  wellen  nicht,  das  ieniani  raun.  ^Ver  sein  gekos  mit  in  hat, 
Erfarn  si  in  auf  der  waren  tat,  Der  hat  zu  haut  sein  leib  ver- 
lorn. Des  haben  si  ain  aid  geschworn.'' — Vgl.  Neidhart  36,29: 
„der  verbiutet    lachen    spreclu'U  winkelsehen''   (beim    Bickelspiel), 


137 


Neidh.  77,  23  „daz  sl  da  mit  ir  gerünent  deist  min  ungewin,"  Ndh. 
XX  13  „daz  ir  dekeiner  kroenc  alder  kelze."  Deutlicher  heisst 
es  im  kurz  Hannentanz  715,  ih  „Das  erst,  das  er  am  tanz  kain  frauen 
Nit  heinilit'b  .in  der  hend  sol  krauen;  Das  ander,  das  er  nit 
sol  werben  Der  lieben  ümb  di  untern  kerben."  —  Auch  die  Müt- 
ter hatten  wolil  alle  Ursache,  wenn  auch  aus  bessern  Beweg- 
gründen, ihren  Töchtern  das  heimliche  Gellüster  zu  verbieten 
(Ndh.  37,  3Ä,  4.'),  22).  Der  Tanz  war  für  solch  heimliches  Werben 
eine  gute  Gelegenheit  (MSH  III  1>1()»»  1,  201^  4),  und  nur  zu  leicht 
konnten  Ausschreitungen  dabei  vorkommen  (Fsp.  343,  22ir.  und 
das  liild  bei  Srhultz,  Deutsi'hes  Leben  ')3f).). 

His  zur  Holzerei  geht  die*  breitere  Ausführung  des  GrNSp. 
Dann  kommt  d*'r  Dirhter  wieder  auf  seine  Quelle  zurück.  Er- 
kenbolt  zeigt  seinen  Genossen,  sobald  das  Unheil  geschehen  ist, 
dass  sie  einen  besseren  Gegenstand  für  ihre  Kampfwut  hätten  fin- 
den können.  Sie  wollen  nun,  sobald  sie  sich  von  ihrer  doppelten 
Bestürzung  erholt  haben.  Neidhart  bestehn.  Doch  sie  kommen 
wie  immer  zu  spät;  ihr  Erzfeind  ist  ihnen  entwisclit.  Laut«  Kla- 
gen darüber  und  über  die  Verstümmelung  ihres  Anführers  sind 
das  Ende  vom  Liede.  Vielleicht  bildete  bei  der  Auft'ührung  eine 
ähnliche  Pantomine  wie  im  StSz  262,  wo  sie  wütend  auf  das 
leere  Fass  einliaun,  den  Übergang  zur  Klage. 

Wie  Neidhart  ins  Fass  hinein  und  zu  den  Bauern  gekommen  ist, 
erfahren  wir  nicht  ausdrücklich.  Ein  leeres  Fass  auf  dem  Wagen 
des  Weinwirts  wird  ihn  unbemerkt  herbei  gebracht  haben  ^).  Vor- 
her hat  er  schon  alles  vorsorglich  zur  Flucht  bereit  gemacht. 
Wenn  das  GrNSp  ihn  zu  Pferde  mit  seinem  Knechte  entfliehn 
lässt,  so  folgt  es  hierin  der  Lesart  von  c  f  und  NF  (s.  S.  131). 
Freilich  ist  schwer  verständlich,  wo  sich  bei  einer  so  grossen  Men- 
schenzusammenkunft, wie  es  der  Lobetanz  ist,  der  Knecht  mit  den 
Pferden  versteckt  haben  soll.  Eine  solche  Ungenauigkeit  ist  aber 
überhaupt  kaum  schwer  zu  nehmen. 

Dasselbe  Motiv  begegnet  im  Schwank  von  der  Mistgrube 
MSH  UI  222*  <S,  wo  Neidhart  auch  ein  Pferd  bereit  stehn  hat, 
um  nach  gelungener  That  eilig  sich  davon  zu  machen.  Der 
Neigung,  einen  Knecht  Neidharts  einzuführen,    sind  wir  schon  bei 

')  s.  zum  StSz    *261. 


las 


der  Bache  in  der  Veilchengeschichte  begegnet  (S.  75)  und  werden 
wir  noch  im  StSz  begegnen. 

Geschickt  ist  nach  der  Schlägerei  die  sonst  unbeteiligt 
bleibende  Friderun  mit  der  Handlung  verwoben,  indem  sie  klagend 
über  das  Unglück  ihres  Buhlen  den  Tanz  verwünscht  (s.  S.  129). 
Sie  beruhigt  sich  erst,  als  man  ihr  versichert,  dass  er  munter 
und  frisch  sei  (458,i8ff.),  und  dass  er  sich  nur  eine  kleine  Bein- 
wunde zugezogen  habe  (458,  20).  Ob  es  sich  hierbei  um  frei- 
willige oder  ^unfreiwillige  Komik  handelt,  wage  ich  nicht  zu 
entscheiden. 

Friderun  sieht  offenbar  nicht,  wie  der  verwundete  Engelmar 
fortgeschafft  wird.J^Bei  dem  unmittelbar  folgenden  Schwanke  von  der 
Säule  sind  die  Weiber  ganz  unbeteiligt.  Sie  haben  nach  458,  29 
jedenfalls  den  Spielplatz  verlassen. 

unter  lauten  Klagen  schaffen  einige  den  verwundeten 
Bauern  zum  Arzt  (459,  5).  Schürzenesl  und  Maulaff  tragen  die 
Bahre;  die  andern  oder  wenigstens  ein  grosser  Teil  bleibt  zurück. 
Gerade  als  die  beiden  mit  ihrem  Kranken  beiseite  gehn  wollen, 
kommt  Neidhart  in  neuer  Verkleidung,  von  Rittern  begleitet 
(s.  463,  4)  herbei,  sieht  noch  den  Krankenzug  und  fängt  mit  den 
zurückgebliebnen  Bauern  einen  neuen  Streich  an. 


Die  Bauern  und   die  Säule. 

Eine  Neidhartfabel,  die  dem  nun  folgenden  Säulenschwanke 
entspricht,  haben  wir  nicht.  Es  muss  aber  einmal  eine  solche 
gegeben  haben.  Das  geht  aus  der  Anspielung  MSH  III  280'*  7 
hervor:  „Die  niht  ruochten,  ob  man  mich  zuozeiner  siule 
bünde**.  —  Dieser  Schwank  muss  in  die  allertiefste  Schicht  der 
Neidhardgeschichten  gehört  haben,  denn  hier  handelt  es  sich  nicht 
nur  wie  in  allen  anderen  im  Spiel  verwendeten  Schwänken  um  eine 
blosse,  wenn  auch  noch  so  grobe  Fopperei  der  Bauern,  sondern 
um  regelrechten  Betrug  um  Geld  und  Geldeswert.  Aehnlich  ist  es 
im  Salbenschwanke.  Das  Ursprüngliche  war  nämlich  sicherlich, 
dass  Neidhart  sich  von  den  Bauern  das  Geld  im  voraus  ein- 
händigen und  dazu    das    Versprechen    geben    Hess,  den    Neidhart 


139 


tüchtig  durchzubleuen,  wenn  er  wieder  in  ihre  Hände  kommt. 
Im  GrNSp  ist  das  verwischt.  462,  28  klingt  noch  so,  als  ob  er 
sich  alsbald  auszahlen  liesse;  bei  den  vv.  462,  so-ss  ist  es  unklar, 
ob  sie  die  sofortige  Zahlung  begleiteten,  und  ob  dann  nur  34  ff. 
das  Versprechen,  den  Widersacher  tüchtig  durchprügeln  zu  wollen, 
bedeutet,  oder  ob  der  ganze  Absatz  nur  beides  für  den  folgenden 
Tag  versprechen  soll.  Zu  der  letzteren  Vermutung  wird  man  durch 
den  Umstand  geführt,  dass  463,  s  f.  Neidhart  auch  seinen  Begleitern 
das  Versprechen  geben  lasst,  wobei  es  sich  doch  wahrscheinlich 
hauptsächlich  um  die  Belohnung  handelt,  wenn  nicht  die  Beglei- 
tung bei  der  Abmachung  nur  als  Zeuge  dienen  soll.  462,  sir.  scheint 
aber  das  Versprechen  auf  die  Belohnung  ausgedehnt  zu  sein. 
Ganz  sicher  wird  dies  durch  den  Bericht  bei  Hofe  465,  12:  „do 
gelobten  si  im  hundert  mark  zu  geben",  wohin  sich  Neidhart  un- 
mittelbar wendet,  nachdem  er  sich  von  den  Bauern  mit  den  w 
463,  14  ff.  verabschiedet  hat,  die  ein  richtiger  Oesegenreim  sind. 

That^ächUch  gilt  also  für  das  GrNSp  die  erwähnte  Verwischung 
des  alt^n  Motivs.  Der  Dichter  hat  dem  Schwanke,  den  er  vorge- 
funden hat,  seine  ursprüngliche  Härte,  aber  zugleich  auch  seinen 
eigentlichen  Kern  genommen,  um  ihn  seinem  sonstigen  Charakter 
Neidharts  anzupassen,  der  nur  Bauernverspotter  und  daneben  doch 
ein  untadliger  Ritter,  aber  kein  Betrüger  und  Preller  ist. 


Sehlussszene. 
Neidhart  bei  Hofe. 

Neidhart  kehrt  mit  seinen  Rittern  zum  Hofe  zurück;  sie  er- 
zählen das  Erlebte  und  Neidhart  wird  beschenkt. 

Dass  der  Herzog  Neidhart  ein  Pferd  giebt,  findet  sich  mehr- 
fach. 

Der  Salbenschwank  MSH  UI  238»  lässt  gleich  dem  GrNSp 
den  Ritter  nach  vollbrachtem  Streiche  an  den  Hof  gehn  und  seine 
That  erzählen.  Ein  Bote  wird  abgeschickt,  der  seine  Aussage  be- 
stätigt, worauf  ihm  der  Herzog  ein  Pferd  giebt,  MSH  HI  240''  1 .") : 
„her  Nithart,  nu  habt  iu  min  pfert  und  allez,  daz  iur  herz  begert^. 
—  Anders    liegt    es    im    Schwanke    von    Neidharts    tauber    Frau 


140 

MSH  m  241»  .  Da  sagt  der  Herzog  243»  13:  ^da  vür  gaeb  ich 
min  bestez  pfert".  Zu  einer  Belohnung  für  Neidhart  ist  keine 
Veranlassung.  Nach  der  Eröffnung  von  der  Taubheit  der  Frau 
hat  auch  der  Herzog  wenig  Aussicht  mehr  auf  Erreichung  seines 
Zweckes,  also  auch  keinen  Anlass,  Neidhart  durch  Geschenke  zn 
ködern  und  so  über  seine  wahre  Absicht  hinwegzutäuschen.  Es 
wird  .  sich  vielmehr  nur  um  eine  formelhafte  Wendung  han- 
deln, welche  die  Stärke  seines  Wunsches  ausdrucken  soll.  —  Ganz 
abweichend  ist  186»  i),  wo  Neidhart  von  den  Bauern  ein  Pferd  be- 
kommt und  auch  sonst  noch  reich  ausgestattet  wird.  Dieses  Pferd 
liesse  sich  eher  noch  mit  dem  im  Säulenschwanke  als  Belohnung 
ausgemachten  vergleichen  (462,  28). 

Im  Salbenschwanke  war  nicht  gesagt,  warum  eigentlich  Neidhart 
das  Pferd  bekommt.  Im  GrNSp  ist  es  besser  begründet.  Nur 
mit  Mühe  ist  Neidhart,  dank  der  Schnelligkeit  seines  Pferdes,  der 
Bache  der  im  Fassschwanke  geäflten  Bauern  entgangen.  Doch 
solange  er  noch  ein  gutes  Pferd  hat,  fürchtet  er  sich  vor  seinen 
Widersachern  nicht  (4()6,  i6ff.).  Ausdrücklich  sagt  darauf  der 
Herzog,  dass  das  geschenkte  Boss,  das  beste  aus  seinem  Stalle, 
ihm  in  ähnlichen  Lagen  zu  statten  konmien  solle  (4(56,  24  fr.). 

An  sich  konnte?  man  allerdings  leicht  Neidhart  bei  den  meisten 
seiner  Streiche  an  den  Hof  fliehen  und  dort  seine  Erlebnisse  erzäh- 
len lassen.  So  geht  er  z.  B.  auch  NF  654  an  den  Hof  und  wird 
da  freundlich  empfangen.     Ebenso   MSH  III  IHt)**  10. 

Weder  für  das  Geschenk  noch  für  die  Schlussszene  am  Hofe 
lässt  sich  eins  der  vorhandenen  Gedichte  dieser  Art  als  Quelle  an- 
nehmen. EntwedcT  hatte  der  verlorne  Säuleiischwank  diesen 
Schluss,  oder  der  Dichter  hat  ihn  aus  andern  Erzählungen  über- 
tragen, oder  aber  der  Fassschwank  lag  mit  einer  solchen  p]rweite- 
rung  als  Grundlage  dem  Spiele  vor,  di(*  von  der  Fassgeschichte 
nur  durch  Einschiebung  des  Säulenschwankes  getrennt  worden  ist. 
Zum  Abenteuer  mit  dem  Fasse  passt^  das  Schenken  des  Pferdes 
besonders  gut,  und  das  GrNSp  drückt  diesen  Zusammenhang  gut  aus 
(4()(),  n;-2ti),  wälirend  wo  anders  dieser  Scliluss  immer  nur  äusser- 
lich  ist. 

Im  GrNSp  wird  aber  Neidhart  nicht  nur  vom  Herzog  be- 
schenkt, sondern  die  Herzogin  will  ihm  auch  „vier  lange  tuoch 
von  Gint''  geben  (466,  3o),  also  kostbares  holländisches  Tuch.     G^- 


141 


schickt  ist  das  nicht.  Um  auch  die  Herzogin  zu  beteiligen,  wird 
das  Motiv  des  Schenkens  verdoppelt  sein. 

Dadurch  dass  Neidhart  jetzt  am  Ende  des  GrNSp  zum  zweiten 
Male  nach  seinem  Unglück  mit  dem  Veilchen  auf  dem  Anger  an 
den  Hof  zurückkehrt,  und  man  dort  allgemein  mit  seinen  ver- 
übten Streichen  zufrieden  ist,  hat  er  gelöst,  was  er  sich  426,  7  t 
vorgenommen  hat,  und  wozu  er  425,  i  aufgefordert  worden  war. 
Es  ist  also  damit  ein  einigermassen  befriedigender  Abschluss 
des  ganzen  Spiels  erreicht.  Aber  die  Begabung  Neidharts  würde 
sich  besser  unmittelbar  an  die  Flucht  aus  dem  Fasse  anschliessen. 
463,  24  könnte  gut  auf  457, 20  folgen,  woran  dann  die  Be- 
schenkung  anknüpfen  würde.  Die  dazwischenliegende  Ausführung 
der  Klage  um  Engelmar  ist  jedoch  dabei  nicht  störend,  da- 
gegen ist  der  Zusammenhang  zwischen  der  Fassgeschichte  und 
den  darauf  Bezug  nehmenden  Worten  des  Herzogs  (466,  21  ff )  durch 
das  Abenteuer  mit  der  Säule  ganz  unterbrochen.  Dieses  Stück 
einfach  als  späteren  Einschub  auszuscheiden,  ist  aber  nicht  zu- 
lässig, denn  dazu  ist  es  zu  eng  mit  der  Schlusszene  am  Hofe 
verwoben,  wo  die  Ritter  4()4,  28  ff..  465,  6  ff.,  30  rr.  das  Geschehene 
erzählen.  —  Man  wird  vielmehr  die  Schuld  dem  Dichter  selbst 
beimessen  müssen.  Gleichviel  ob  er  das  Motiv  zur  Schlusszene 
schon  in  der  Quelle  vorfand  oder  nicht,  jedenfalls  wollte  er  es 
für  sein  Spiel  mit  der  Fassgesehichte  verbinden.  Durch  die 
Hineinarbeitung  eines  neuen  Schwankes  hat  er  es  aber  leider  zu 
weit    davon    entfernt. 

Überhaupt  macht  der  Schluss  des  Spiels  keinen  vollkommenen 
Eindruck.  Wir  erfahren  aus  dem  Stücke  selbst,  dass  noch  eine 
Weiterführung  beabsichtigt  war.  464,  23ff.  äussert  der  Herzog  den 
Wunsch,  die  Bauern  zu  beobachten,  wozu  ihm  464,  28ff.  der  Ritter 
sehr  zuredet.  Man  muss  wohl  annehmen,  dass  Neidhart  thatsäch- 
lich  dem  Herzog  eine  solche  Gelegenheit  geben  sollte.  Dadurch 
würde  auch  der  Säulenschwank,  dessen  grobe  Wendung  der  Ver- 
fasser verschmähte,  erst  vollständig  werden.  Neidhart  hatte  den 
Bauern  versprochen,  sich  selbst  ihnen  am  andern  Tage  wieder  zu 
stellen.  Das  Spiel  sagt  nirht^,  ob  er  es  gethan  hat.  Möglicher- 
weise sollte  Neidhart  am  folgenden  Tage  dem  Herzog  seinen 
Wunsch  und  den  Bauern  sein  V«rBnwaAhfln  dadurch  erfüllen,  dass 
er  vor  des  Herzogs  Auger  <^mack    bei    den 


U2 


Dorfgesellen  einfand.  —  Einigermassen  ähnlich,  aber  viel  unge- 
schickter ist  es,  wenn  der  Herzog  auf  die  Schilderung  Neidharts 
Boten  auf  den  Schauplatz  selbst  schickt,  die  den  Schaden  der 
Bauern  sehn.  MSH  240*  13,  vgl.  186**  11.  Wirksamer  war  es  schon, 
wenn  er  sich  selbst  überzeugte,  wie  etwa  beim  Kuttenabenteuer 
sich  Gelegenheit  bot. 

Eine  offenbare  Lücke  lässt  sich  im  Texte  nicht  auffinden. 
Es  scheint  vielmehr,  dass  der  Verfasser,  der  immer  einen  Schwank 
^n  den  andern  reiht«,  selbst  zum  Ende  drängte,  da  er  sein  Werk 
zu  sehr  anwachsen  sah.  Der  Plan  für  eine  Weiterführung  lag 
ihm  wohl  im  Sinne,  wenigstens  in  Umrissen;  dadurch  aber,  dass 
er  die  gewiss  schon  als  Abschluss  des  Ganzen  in  Aussicht  genom- 
mene Szene  beim  Hofe  schon  jetzt  brachte,  um  ein  Ende  zu 
machen,  brach  er  auch  die  Weiterführung  des  begonnenen  und  an- 
gedeuteten Motivs  ab,  wobei  die  Säulengeschichte  ihre  eigentüm- 
liche Stellung  innerhalb  des  ganzen  Schlussstückes  bekam. 

Wie  im  ersten  Teile  426,  9  wird  nun  auch  hier  zuletzt  mit 
einem  Trünke  geschlossen. 


Stil  des  Spiels. 

Der  Stil  des  GrNSp  ist  ein  ganz  eigenartiger,  von  den  übrigen 
Stücken  der  Kellerschen  Sammlung  stark  verschiedener. 

Dass  einige  Teile  des  Spiels  in  vollkommen  höfischer  Sprache  nach 
der  Art  der  Minnedichtungen  gehalten  sind,  haben  wir  S.  83  ff.  ge- 
sehn. —  Eine  ganze  Reihe  von  Wendungen  und  Ausdrücken  er- 
innert stark  an  die  geistlichen  Spiele. 

Verwandsehaft  mit  dem  greistlichen  Drama. 

Wirth  hat  unter  dem  Strich  zu  den  Formeln  der  Oster  -  und 
Passionsspiele  eine  Reihe  Parallelen  angeführt,  die  jedoch  nicht 
erschöpfend  sind  und  wegen  ihres  Verstreutseins  kein  übersicht- 
liches Bild   geben. 


143 


Ich  will  unter  Benutzung  von  Wirths  und  Köppens  *)  Zusammen- 
stellungen versuchen,  einen  Überblick  über  die  Stellen  des  GrNSp 
zu  geben,  die  an  das  geistliche  Schauspiel  erinnern  *). 

In  den  seltensten  Fällen  wird  freilich  eine  unmittelbare  Ent- 
lehnung grösserer  Wortfolgen  sicher  feststehn,  denn  das  geistliche 
Drama  hat  ebensowenig  wie  die  geistliche  Dichtung  Überhauptsich  seine 
Formeln  und  Phrasen  selbst  geschaffen,  es  schöpft  vielmehr  zum 
Teile  aus  der  höfischen  episch-l)rrischen  Dichtung.  So  werden 
auch  im  GrNSp  manche  Übereinstimmungen  nicht  Entlehnungen 
sein,  sondern  parallel  dem  geistlichen  Schauspiel  aus  gemeinsamer 
Quelle  geflossen  sein.  Dies  gilt  besonders  von  den  der  Minne- 
dichtung eigenen  Wendungen.  Wie  die  geistliche  und  die  welt- 
liche Minne  nebeneinanderstehn  und  ihre  Bilder  und  Formeln  gemein- 
sam haben,  so  stehn  auch  in  diesen  Fällen  GrNSp  und  geistliches  Drama 
nebeneinander  auf  derselben  Grundlage  fussend.  Dass  aber  doch  für 
das  GrNSp  eine  rege  Beziehung  zum  geistlichen  Drama  anzunehmen 
ist,  lehrt  schon  das  Teufelspiel.  Am  ehesten  wird  an  unmittel- 
bare Beeinflussung  dann  zu  denken  sein,  wenn  der  Stoff  schon  die 
Annahme  ein  und  derselben  Grundlage  ausschliesst.  Wenn  nun 
im  GrNSp  eine  Reihe  Wendungen  dieser  Art  begegnen  und  zwar 
durch  das  ganze  Spiel,  nicht  etwa  bloss  in  einzelnen  Teilen,  so 
zeigt  sich  darin  doch,  wie  die  Ausdrucksweise  geistlicher  Spiele 
auf  den  Stil  der  weltlichen  gewirkt  hat.  Keine  Behandlung  irgend 
eines  Stoffes  in  einem  weltlichen  Schauspiel  zeigt  eine  so  grosse 
Einwirkung  von  jener  Seite  her  wie  gerade  die  Neidhartspiele'), 
deren  Verfasser  mit  dem  Formelschatz  des  geistlichen  Dramas  gut 
vertraut  gewesen  sein  müssen.     Vor  allem  gilt  das  fürs  GrNSp. 


*)  W.  Koppen,  Beiträge  zur  Geschichte  der  deutschen  Weihnachtsspiele 
Paderborn   1893. 

*)  Ich  hahe  den  grössten  Teil  der  Belege  gesammelt,  ehe  Wirths  Buch 
auf  der  hiesigen  Univ.-Bibl.  angoschaflft  wurde.  Aus  diesem  Grunde  kann  ich 
oft  mehr  Stellen  anführen  als  Wirth  giebt.  Ich  halte  ihre  Angabe  in  den 
meisten  Fällen  nicht  für  überllüssig,  obwohl  ich  nur  das  Hauptsächlichste 
angeben  will.  Manches  wird  mir  auch  noch  entgangen  sein,  weniger  Wich- 
tiges la^se  ich  weg. 

•)  Denn  die  Übereinstimmungen  mit  den  Tanzszencn  erklären  sich  umge- 
kehrt durch  Beeinflussung  des  geistlichen  Dramas  durch  das  weltliche  Schau- 
spiel.    Ebenso  di«'  Quacksalbereien. 

Auf    dieselbe  Weise    erklären  sich   im    GrNSp  P*» 


U4 


393,  ^  Schweiget,  hört  und  verneinet 
alle, 
Lat  euch    dise    red    wol    gefalle! 
411,  8  [Ir  junkiraun]    sagt   mir,  wie 
euch  dass  gefalle, 
Euren   rat   lat   mich    hören  alle! 
vgl.  404, 13,  432,  28. 
393,  16  Und  will  allen  den  tuen  hckant 

Warumh  ich  pin  her  gesant. 
445, 19  Der  ist  Regenpart  genant 

Und  ist  zu  Bravant  wol  hekant. 
396,  27  Wolauf,    ir  herm,  wir  wellen 
gen 
Und  nit  lenger  hie   besten. 

Vgl.  397,  17,  434,  6,  450,  4. 


Leb.  Jesu  (Mone  I    112),    933  Wille- 
kome  ir  herren   alle, 

sagent  mir,  waz  uch  gefalle. 
Eg.  5192  Laufft  her  zu,  ir  Juden  alle. 

Hurt,  wie  euch  das  gefallt*. 
Wirth  189;   Fsp.  591,24,  Nchl  57,26. 

Wirth  70,  164.   Koppen  59,  62  f. 
Mndrl.  Osp  [ZfdA  IT]  1288  vrh    allen 
is    he  bekant 
Jhesus  is  he   genant. 
Wien.  Osp  301,  25:   Herre,  wir  wellen 

nicht  lengor  hie  sten, 
Wir  wellen  zu    dem  jrrab«»  gen. 
Koppen  72,  Wirth  70f.,  108f.    Mndl. 
OSp.    1096. 


397,  21  Werden  von   dem  tanz  gestossen. 

Darumb  wellen  wir  tanzen  mit  unsem  genossen. 

404,  1  Hört    und  merkt   der   rechten 
mär, 

Warumh  ich  sei  komen  her. 
417,  12  Ist  iemant  komen  her. 

Der  da  wisse  neue  mär. 
451,  21  Ir  herren,  nu  tret  all  her 

Und  veniembt  neue  mer! 


W-irth  192  f.' 


406,  25  Das  war  cur  mit  gewalt 
Geben  zu  aigen  manigfalt. 

407,  9  Habt    darumb    meiner   frauen 

rat! 

Mein  ding  alles  an   ir  stat. 
457,  24  Der  euch  stät  gab  gueten  rat 

Und  was  albegen  ander  pestcn  stat. 

434,9,   445,18. 
407,26  Die  ich  euch  will  nennen, 

Als  ichs  an  eu  tuon  bekennen. 


Eg  1863  Kunig  Horodes,  ich  sag  dir 
neae    mer. 
Es     seindt      dreij     fremd     kunig 
knmen   her. 
Sterz.    Himf ').     S.  5*  war  um  seit  ir 
heut  komen  her? 
Kunt  ir  icht   sagen  neue  mär. 
Wirth  166,  Koppen  57,73.    vgl.  MSH 
in   295»   19. 


Wirth  102. 


Wirth  71,  79. 


Sterz.  OSp  Tichlcr  S.  45  Ir  herren  ich 
wil  mich  auch  nennen 
Dass  ir  mich  mugt  erkennen. 


398,  18  Ich  pin  gehaisscn  der  Eisengrein.  |  Alsf.G935  Ich  byn  gnant  herYscngryn. 

{i:ber  das  Sichselbstvorstellen  s.  S.  46  und  Wirth   153 f.) 

Vielleicht  auch  446,  34  Ich  schluoch  durch  hiem  und  durch  part  ^ 

*       iWirthl55,  8.  S. 

157. 


Und  tiefe  wunden  durch  sein  pain.      > 
459,  ir>  Kr  kau  die  leut  wol    schroten.  f 


Imlus  (!•'  asrcnsioiir  ('liiisti,  li<ju:.  v.  Pichler,  Innsl)!*.  (ivinn.  Progr.    1852. 


145 


412,24  Edlen  fran,  gehabt  euch  wol! 

Die  warhait  ich  euch  sagen  sol. 

vgl.  435,'i8. 
414,  18  Dass  ich  nun  in  schänden  ste, 

Dass  thuot  mir  heut  und  immer  wc. 

vgl.  398,  21. 
414,  ^  ...  So  gar  an  all  mein  schuld 
han  verlorn! 

Es  w&r  pesser,  ich  w&r  nie  gepom. 

vgl.  417,  17. 

414,  8  Dein  guoten  Worten  gelaubet  ich 

wol. 
Dein  herz  ist  aller  schänden  vol. 
431,  6  Denherren  ken  ich  sicher  wol, 
Er  ist  des  hailigen  gaistes  vol. 


432, 25  Herr,  der  wein  gevelt  mir  wol. 
Trunk  ich  sein  vil,  ich  wurd  pald 
fol.    Vgl.  432,34. 

422, 4  Under    euch    ist    mir    nindert 
kainer  so  lieb. 
Ich  las  in  henken  als  ain  dich. 
422,  26  Des  solt  ir  nit  uns  entgelten 

lau. 
424,  13  Er  hat  so  ritterlich  getan 

Dass  ir  in  wol  mügt  geniessen  lan. 
422,  30  Er  mag  wol  schweren  ain  aid, 

Es  sei  Neitharten  also  laid. 
459,  9  Wärleich,  sein  ungemach  ist  mir 
laid. 
Dass    sprich  ich  auf  meinen  aid. 
461,  16  Ich  wurd  im  aber  füegen  haim- 
lichs  laid; 
Dass  sprich  ich  auf   meinen  aid. 


Wirth  80. 

Leb.  Jesu  (Mone  1 123)  1222  daz  we  mir 
hude  und  ummer  me, 
sin  dot^dfit  mime  herczen  we. 
Eg  4566  We,  das  ich  ie  wardt  gebom ! 
Wie  hab  ich'meinen  herm  verlorn  ? 
Münchner  Chr  .Leiden  Fdgr  11 249  = 
Carm.  Bur.  S.  100;    vgl.  Salm.  u. 
Mor.   137,  2. 
Tir.  Vorsp.  170  Her  Luciper,  dw  kenst 
mich  wol, 
Das  ich  pin  aUer  listen  vol! 
„        180  Das  merckht  man  an  deinem 
leben  wol, 
Dan  dw  bist  aUer  tugent  vol. 
Augsb.P8p.  1 1 90.— VgLRing  18, 5d,3i : 
Ir  se jt  des  heiligen  gaistes  vol. 
Tir.  Nchsp.  165  0  prueder,  wie  thuet 
dier  der  trunck   so  wol! 
Mit  sölichen  zügen  wierstu  paldt 

vol. 
Eg.  6218  Es  sei  dir  leidt  oder  lieb 
So  mnss  er  haben  als  ein  dieb. 
Eg.  6277;    Tir.  P.  2401. 
Hall.  P.  1393  Des  mnestu  sy  geniesse; 
lan. 
Eg.  873  Er  hat  euch  alles  guzgethan 
Des  solt  ir  in  geniessen  lan. 
Tir.  P.  m  1332  (Pfarrk.)  Dem  sprach 
ich  das  recht  auf  mein  ayd : 
Das  muesz  mier  nu  wesen  ymer  layd ! 
Eg.  2195   Er  hat    e&ch    geschworen 
ainen  äidt, 
Die  fart  die  sol  euch  werden  läidt. 
Jg.  Brix.  401,  Alsf.  3526,  Edelpöck 
(Weinhold  244,260)  1367, 1875,  Tir. 
P.  2727,   Tir.  m    (Pfarrk.)     265, 
Graz.  Weihn.  Lied,  Weinhold  422 

u.  ö.  vgl.  Wirth  162. 
Vgl.   Bolte,  Bauer  i.  dtsch.  Liede 
110,59,    116,139;  Winterst. 
VI  2i;  MSH  1850^  ' 
Fäp621i 
XI 


Gusinde,  Neidhart  mit  dem  Veilchen. 


146 


425,  1  Gtedenk  st&t  an  die  schänden, 
Die  nns  von  den  pauren  auf  ist 
erstanden. 

425,  83  Ir  g^^  hat  si  beweist  an  mir 
Dass  ich  aas  meines  herzen  gier  . .  . 


427,  1  Ich  pin  gar  ain  frischer  tegen. 
429,  34  Ir  seit  ain  rechter  zag. 

Für  war  ich  ench  das  sag. 
430,82  Ir  herren,  ich  wiU  euch  sagen. 

Es  nahent  zu  den  hailigen  tagen. 

445,15  Der  hat  zu  hant  sein  leib  verlorn. 
Des  haben  si  ain  aid  gcschwom. 

452,18  Höre,  wie  redestu  also? 

Wir  sollen    alle  wesen    fro.    vgl. 
458,  19. 

452,33  Ich  schwer  pei  meiner  treu,  als 
ich  8ol, 
Ich  pin  icz  zomes    vol. 

452.32  Wärleich,    freunt,    du    redest  j 

rocht. 
Uie  ist  so    mänig  fruuim  knccht 
454,27  Er  sei  dan  an  springen  ain  holt 
Und  an  tanzen  ausser  weit. 

455.33  Ich  wil  euchs   mit  nichte  ver- 

tragen, 
Ir  müest  mir  ie  die  warhait  sagen* 
vgl.  453,  4,  439,  27. 
456, 80  Frumen  gesellen,  nu  ziehet  die 
Schwert ! 
Der  tanz  ist  wol  ains  haucns  wert, 
vgl.  447,  5. 
457, 26  War herr Englmar  hie  ge(we)sen, 
Herr  Neithart    war    nit    genesen, 
vgl  460,  19. 
458,  IG  Dass  mag    ich  für  war  jehen, 
Wann  ich  habs  selber  gesohon. 
vgl.  466,  32. 


Wirth  85f.  115. 

Eg  743  Ich  bit  dich  aus  meines  herzen 

gier, 
0  herr,  nun  gib  ain  zaichen  mir. 
Erl  II  195  das  ich   auf  gnad    zu  dir 

pracht  han   in   grosser  gir. 
Wirth    152. 

Wirth   109. 

Eg  3453  Ir  herm,  ich  wil  euch  sagen. 
Es  nacht  sich  zu  den  heiligen  tagen. 

vgl.  Tir.  P.  276,  Alsf.  3239,  3670. 

Eg  101 5  Es  ist  alle  straffan  euch  verlorn; 
Des  hab  ich  ainen  aid  geschworu. 

Eg  2331,  vgl.  NF  997. 

Tir.  Pass  UI  (B.H.)  Wackemell  S.  506,  is 
Und  wer  dem  also 
So  solt  wir  alle  wesn  fro. 

vgl.  Wirth  111. 

Koppen  63  f. 

Wien.  OSp  308,  5  Herre,  merket  mich 
gar  alle   recht, 
Dorte  sten  aUe  euer  knecht: 

Wirth   156. 


Wirth   114. 


Wirth  117. 


Wirth  158 f.  101.  Erl.  IX  267. 
vgl.  Fsp.  494,14. 

Sterz.  Himf.  7»  Ich  wil  es  in  der  war- 
hait jechen, 
das  ich  Jesum  hab  gesechen. 
Augsb.  P.  2587  Das  ir  furwar  mugend 
jehen,  das  grab  habt  ir  lär  gesehen. 
Sterz.  OSp.  Pichler  45;  Wirth  112,63; 
Koppen  61  f.,  69. 


147 


458,  88  Ungemach  hab  ich  nnd  zorn, 
Dass  Englmar  hat  verlorn  .  .  . 

461, 18    Merkt  mich  gar  rechte! 

464,  2  Wie  sie  sein  weiten  beginnen. 
Da    ward    sein   ain  ander   innen. 

465,12  Do  gelobten  si  im  hnndert  mark 
zu  geben, 
Dass  er  verriet  des  Neitharts  leben. 


Wirth  111,  190. 

Wirth  85,  149. 

Angsb.  Psp.  1112  Waz  man   mit  im 

sol  beginnen, 
das  werdend  ir  an  im  wol  innen. 
Angsb.  P.  889  Ynd  in  vmb  dreyssig 

Pfenning  geben, 
ich  furcht,  es  gang  im  an  sein  leben. 
Wirth  118,99. 


Verwandtsehaft  mit  der  Sehwank-  und  Splelmannsdlehtung. 

Noch  bedeutend  grösser  ist  die  Verwandtschaft  mit  der  welt- 
lichen Dichtung.  Da  Neidharts  Persönlichkeit  und  Kunst  för  die 
späteren  Spielleute  ein  gewaltiges  Vorbild  gewesen  ist,  das  freilich 
keiner  zu  erreichen  imstande  war^,  so  liegt  es  von  vornherein 
nahe,  auch  in  den  Neidhartdramen  die  Spuren  seiner  Nachfolger 
zu  vermuten.  Ein  getreues  Bild  des  wirklichen  Neidhart  dürfen 
wir  überhaupt  nicht  erwarten;  auch  der  willigste  Dichter  hätte 
das  nicht  schaffen  können,  denn  zwischen  echten  und  unechten 
Neidhartliedem  gab  es  keinen  Unterschied,  üngesichtet  ging  die 
ganze  grosse  Masse  der  Nachdichtungen  unter  seinem  Namen  und 
entstellte  sein  Bild.  Die  echten  Gedichte  wurden  vielmehr  noch 
zurückgedrängt  durch  die  beliebteren  Schwanke  der  Nachahmer. 
So  wird  es  erst  erklärlich,  dass  in  einem  Spiele,  wo  Neidhart  die 
Hauptperson  ist,  so  verschwindend  wenig  an  seine  geschichtliche 
Persönlichkeit  erinnert. 


')  Wenn  Berger,  Volkstümliche  Grundlagen  des  Minnesangs  ZfdPh  19,485 
Neidhart  den  Ausgangspunkt  einer  niedergehenden  Bewegung  nennt,  so  stimmt 
das,  wenn  er  den  Dichter  selbst  davon  ausnimmt.    Wenn  er  aber  8.  486  be- 
hauptet. Neidhart  stehe  dem   Volkstümlichen   ohne  Gemütsanteil 
es  diene  ihm  nur  zur  Unterhaltung  der  blasierten,  durch  die  eintös 
Minnepoesie  ermüdeten  Kreise,  so  heisst  das  doch  die  nrwüeh 
Art  Neidharts  von  Grund  aus  verkennen. 


148 


Neben  dem  StPSp  ist  das  GrNSp  das  einzige,  welches  seinen 
Helden  noch  als  Dichter  kennt  (s.  S.  70).  Er  ist  also  wenigstens 
noch  nicht  ganz  zur  geradezu  typischen  Figur  des  Banemverspotters 
geworden. 

Die  Spiegelgeschichte,  welche  am  letzten  Ende  an  ein  wirkliches 
Erlebnis  des  Dichters  anknüpft,  ist  im  GrNSp  wie  Neidh.  XXX  6 
ein  Schwank  wie  alle  andern  Schwanke,  ohne  jede  Erinnerung  an 
ihn.  —  Nur  noch  dunkel  herrscht  die  Vorstellung,  dass  er  ein 
Lehen  von  einem  Fürsten  bekommen  habe,  wenn  ihm  der  Herzog 
als  Sühne  unverdienter  Ungnade  425, 5  Struompüechl  und  das 
Kaisertal  ^)  verleiht.  —  Damit  sind  aber  auch  die  Erinnerungen 
an  den  mrklichen  Neidhart  der  Geschichte  zu  Ende*).  —  ümso- 
mehr  war  der  Verfasser  mit  den  ihm  falschlich  zugeschriebnen 
Schwänken  vertraut,  die  mit  am  beliebtesten  in  der  ganzen  Litte- 
ratur  des  ausgehenden  Mittelalters  waren.  Hier  war  er  gründlich 
zuhause;  von  hier  entnahm  er,  wie  wir  sahen,  für  den  Hauptteil  seines 
Spiels  die  Quellen.  Doch  wie  der  Stoü'  des  Spiels  jenen  erfindungs- 
lustigen Kreisen  fahrender  Spielleute  fast  ganz  angehört,  so  er- 
innert auch  der  Stil  des  GrNSp  allenthalben  an  sie  in  zahlreichen 
anklingenden  Wendungen. 


446,  29  Dass  ich  uicmant  wül  vortragen. 

Ich  hau  im  durch  sein  kragen. 
443,  3    Oder  ich  schlag  si    uuib    den 
kragen. 


MSH  ni  240b  5  die  würden  beid    ze 

tod  erslagen 
Ulli  verschroten  durch  den  kragen. 

vgl.  NF  191. 
Fsp  476,23   Ich    slach    dir   ab    dein 

kragen. 
Das  dir  feit  der  gumpast  aus  dem 

magen. 
Jutto  936,  82,  Erl  V159,  Tir.  P.  HI  901, 

Eg  2389,  Wirth  173. 


*)  Vielleicht  darf  man  bei  Kaiscrtal  an  den  Flecken  Kaiscrthal  in  Steier- 
mark denken,  s.  Rudolph,  Ortslexikon.  Für  Struompüechl  finde  ich  keinen 
Anhalt.  Es  ist  jedenfalls  wohl  anzunehmen,  dass  hier  wirkliche,  nicht  erfundene 
Ortsnamen  vorliegen ;  mögen  sie  nun  im  Original  gestanden  haben,  oder  erst 
bei  Gelegenheit  einer  späteren  AuiTührung  hereingebracht  worden  sein,  um 
dem  Spiele  lokalen  Charakter  zu  geben. 

')  Für  Neidharts  Verhältnis  zu  den  Bauern,  besonders  zu  Engelmar  und 
Friderun,  haben  sicher  unechte  Gedichte  dem  Dichter  zur  Grundlage  gedient; 
vgl.  S.  128f. 


149 


446,  31  Lnngl  nnd  leber  kan  ich  spal- 
ten, 
461,  28  Wir  zerhauen  in  so  gar, 
Kopf,  arm,  ripp  und  den  leib. 


406, 19  ...  .  Den  ich  zu  diser  weide 
hie  han. 
Das  seit  ir,  junkfrau  wolgetan! 

407, 13  Wolt  ir  auf  zweifei  gen  mirstan, 

432,  2  Ich  will  dir  sagen,  guoter  man. 
Du  hast  Sünde  vil  getan. 

4*29,  1  ,  418,  29,  456,  5,  35. 

412, 13  Allererst  will  ich  heben  an 
Ze  singen,  was  ich  gelernt  han. 

454,  12  Wolher,  ich  will  uns  ains  singen. 
Das  pesto  lieid,  das  ich  [singen]  kan 
Und  neulich  gelernt  han. 


417,  22  Der  was  der  herzogin  so  zart. 
413,  5  Hab  dank,  ir  werder  Neithart, 

Wir  wellen  dar  zu  diser  fart. 
466, 11  So  leit  es  dir,  Neithart,  hart. 

Pegreifen  si  dich  auf  ain  fart, 
vgl.  399,  20. 
431,  30  Auf  meinen  feint  Neithart, 

Dem  wird  es   lenger  nit  gespart. 


452, 20  Du  redest  als  du  gepachen  hast. 
401,  1  Nu  sei  in  allen  trutz  und  tratz! 


MSH  ni  187b  5  Ynezo  hend  und  arme 
sach  man   risen, 
langen,  lebem,  nasen,   oren,   köpf 
und  kragen. 
=293»  5;  vgl.  260^  11,214»10,  Ndh 
169,  43. 
Ndh  42,  38  diech  da  meine:  daist  diu 

wolget4ne. 
Ndh  LY  20,  15,  99  u.  ö.  bei  Neidhart; 

Vogt,  Salm.  CUIf. 

Ndh  64,  15  nü  klinget  er  üf  zwifelund 

üf  ungewissen  Ion. 

MSH  in  239*  8  der  eine   sprach:  du 
guoter  man, 
ich  han  dir  leides  vil  getan. 
MSH  m  295b  22   Ich   sänge   iu   daz 
aller  beste,  daz  ich  kan. 
Uhland  Volksl.    203,  l    Was  wollen 
wir  aber  heben  an  ? 
das  best  das  wir  gelemet  han=  163,  i 
139B,  1;  vgl.  168,1,  198,1  , 
Böhme  Altd.  LB  S.  448  Nr.  371,  l 
u.  ö. 

Ndh  139,  9  Büedel  der  wartnie  so  zart, 
s.  S.  21  zu  StPSp  11. 
NF  3880  Hie  endet  sich  auf  diser  fart, 
Das  lesen  des  edlen  Neithart 
vgl.  Ring  23,7,  16;  MSH  U  85»  19; 
Uhland  249  (Heselloher),  3,  2  n.  ö. 
NF  1538  ich  schaw,   ob  es  sei  herr 
Neithart, 
wer  erss,  er  würd  nit  lenger  gespart 
MSH  III 238»  1  unt  wirst  euch  langer 
niht  gespart. 

Ndh  XYI  Lesarten:  ir  redet  als  der 
gebachen  hat. 
MSH  m  2 13b  7,220b  5,282a6;Ro8eng. 
38,268.  vgl.  Renner  7145; 
Heinr.  v.  Freib.  Schretel  n. 
Wasserb&r  (ZfdA  6,183)  326. 


0  vgl.   Anm.  dazu  Fsp.  1510,  Nchl.  343. 


150 


894, 25  Mit  den  sült  irin  frenden  leben. 
410, 28  Der  winter  der  ist  gar  gelegen. 

403,  7  So  will  ich  anf  an  den  raien. 

Last  ans  tanzen  umb  den  maien. 

408,  2,480,8,  26,  411,13. 
427,  2  Es  get  gen  dem   maien, 

So  Mätz  nnd  Irmel  raien. 

vgl.  413,  9. 
426, 19  Füer  si  schon  an  denn  raien, 

Dass  mir   den   tanz  nit  zwaien.') 


400,6  Derain  get  anss,  der  ander  get  ein. 
447, 19  Küener  dann  das  eberschwein. 


400, 16  die  maine 

448,  so  Eckereich  der  Icirat. 

446,  3  Egkereich  sol  ain  leim  han, 

Schürzencsl  sol  die  tmml  schlan. 
455,  18  Egkereich,  hebt  mit  leiron  an ! 
418,  15  Des  dunkt  er  sich  wol  gemait* 

404,  10  Ich  und  mein   rittcr  gemait 

404,  5  Es  nahent  gen  der  maien  zeit, 
Die  uns  allen  frenden  geit. 

410, 25  Es  get  gcu  des  maien  z  eit, 
die  uns  neue  freüde  geit. 


NF  3099  Kinder,  ir  solt    mit  froden 

leben! 
Ndh.  XXX  10  Winter  der  ist  hie  gele- 
gen ^). 
MSH  111219*  1  nu  8ül  wir  disenmeien 
tanzen  undereien.  —  227*  5,  215  ^5, 
Ndh.  131,  28, 19,  29,  83,6,  21;  Fsp. 

901,  32,  u.  ö. 
Fsp  Nchl.  228,  29  Nu  geht  es  an  ain 

zwejhen. 
Pfeiff  auff  vnd  lat  uns  rajen. 
Tanh.  MSH  n  88  ^23. 
Ndh  1 5, 26  ir  mägde,ir  solt  iuch  zweien, 
geindirre  lichten  snmerzit  in  hohem 

mnote  reien. 
vgl.  Fsp.  716,  6  (8.  S.  81). 
NF  518  einer  luffanss,  der  ander  ein. 
Ndh  229,  68  ergienclimmendejils  ein 
wildez  eberswin..— 232,  6;  NF  2373  ; 
Fsp  589,23. 
Ndh.XXXrV  1;  MSH  U  87»  29,  93*  3. 
Ndh  49,  36  Erkenpreht  der  liret, 
so  sumbert  Sigemar. 
MSH  m  283b  6  Engelmar  der  liret 
wol,  Gozpreht  derkan  piifen. 
Ndh.  XLDC  25  des  was  ich  mit  triuwen 
vil  gemeit. 
XXXVI  23.  17,2;  Vogt,  SalmanCLl. 
ZfdA  29,151  ;Wirth  82,  152. 
Ndh  131  diu  snmerzit,  diu  uns  allen 
freuden  git. 

31,  17  uns  knmteinschocniu  sumerzit 
diu  nach  trüren  vröudo  git. 

32,  15,  26,3i;     MSH  U    134»  ix  1, 

392»  VII  1;  NF  3283;  MF 
92,  14;  Uhland,  VTksl.  185,  i; 
Laur.  273.  ZfdA  29,  150 
u.  195. 


*)  vgl.  Manlik,  Die  volkstümlichen  Grundlagen  der  Dichtung  Neidh.  v. 
R.,  17.  Jahr.-Ber.  v.  Landskron  i.  Böhmen   1889    S.  4. 

^)  zwaicn  hier  mit  andrer  Bedeutung  als  gewöhnlich.  Ebenso  Fsp. 
716,  7. 


151 


420, 84  Wir  wellen  euchthaonso  gedon, 
Dass  pfranmen  und  die  pon 
Vor  ench  peleiben  in  dem  gäa. 

421,  5  Weichet  im,  er  kan  wol  pfrau- 

men  essen. 
421, 16  Dass    dn   empoissest  nimmer 

kainer  pfraamen. 
466yi  Die  schwert  si  widerstreit  zuckten. 


MBH  UI  279«  5  wer  sol  tut  dich  die 
herten  honen  ezzen. 

Ndh  282,  7  si  bestüendcn  wol 
einen  kezsel  honen  vol. 

Sterz.Sp  XYn  439  Sy  sprechen,  er 
mng  nimmer  opfl  essen. 


433,  15  Nummerdam. 


NdhXXVU  16,  36,  4;  MSH IH  199  M, 
203»1,  219»  2,288 l>l;  NF 
3118.  —  Hätzl.I8, 18,  nsw. 

NF  552;  vgl.Fsp  68, 18,  656, 85,  Nchl. 
228,  16;  Sters.  8p.  YII 
227,  XVm  254. 

Ausser  diesen  Übereinstimmiingen  mit  den  nachneidhartischen 
Gedichten  finden  sich  im  GrNSp  auch  an  andre  Dichtungen  Anklänge, 
die  entweder  gleichfalls  zur  Spielmannspoesie  gehören,  oder  doch 
mit  ihr  nahe  verwandt  und  von  ihr  beeinflusst  sind.  Hierzu  kann 
man  die  Belege  aus  der  didaktischen,  der  Schwankdichtung  und 
aus   den  Fastnachtspielen  stellen. 


405, 10  Die  katz  wirft  an  den  pachen. 
Ob  si  mit  lustigen  sachen 
Müg  behängen  dar  an. 


440,  8  Si  truegen  auch,  ich  habs  nit 

erdacht,  vgl.  441,  28. 
438,  2  Er  ist  wol  ain  pöse  gall. 


414,  1    Das  laster,  das  ich  von  dir 

han. 
414,  29  Der  [an]  mir  das  lastor  hat 

getan,     vgl.   S.   72. 
466,  5    Ich  war  lieber  gewesen  in 

dem  zehenden  lande. 


Keller,  Erz.  a.  ad.  Hdschr.  232, 13  mit 
frölichen  sachen. 
Fsp.   1136,138;    vgl.    Trist.    11543, 

Walth.  65,20. 
Hätzl.  II  8, 182  Mainst,  ich  wöll  also 
versitzen  Bis  das  ich  mich  bed&cht. 
Das  mir  ain  kats  ain  pachen  prächt. 
Vgl.  LS  n  641, 143. 

Vogt  zu  Salm  u.  Mor.  CXXXVII. 

Wemhold  hieran  Nchl.  342.  Fsp  519,  i7 
=  728, 17. 
Salm  n.  Mor  83,  2    des  muste  ich  umer 
laster  hän. 
„  139,  4    daz  ist  daz  groste  laster 
Daz  du  mir  ie  hast  getan. 
Fleck,   Flore    1292,    2564   und    ob    ich 
wurde  versant 
in  daz  zweinzigestelant; 
Z.  f.  Volkspsych.  19,  208f.  Anm.  z.v. 
49—53;  Freidank  96, 16;  Sterz. 
Sp.     IV      150;      Müllenhoff, 
Schwerttanz     (Festg.     f.    Ho- 
meyer)  S.   125, 14. 


398,  4    So  haiss  ich  der  Ackertrapp 
Und  pin  aachainmüesaliglapp. 

898, 11  Ja,  her  Ackertrapp, 

Ich  pin  auch  ain  arme  läpp. 


429, 10  Ir  herren,  ich  sag  euch  das, 
Ir  tragt  im  grossen  neid  und  has. 

430, 15  Ir  herren,  ich  sag  euch  das. 
Ich  trag  im  neid  und  has. 

vgl.  431, 28,  418, 12,  423,  20. 

410,  29  Ich  sag  euch   fnrwar  das. 
464,  84  Si  sprechen  auch  furwar  das. 

8.  das  vorige. 
396, 12  Hah  an  dich,  du  groher  paur, 
Du  ackergurr,  du  kuchenknaur! 

400,  7  Eündl,  du  soll  mein  lieher 
puel  sein.  Tgl.  410,  9, 19. 

414,  5  Gelauh  mirs  auf  die  treue 

mein. 
453,  82  =  464,  22,29  Dass  sprich  ich 

auf  die  treue  mein. 

424,27  Was  ir,frau,  weit,  das  süi  sein. 

41 9,  27  Wir  haben  zu  laufen  ferr  und 
weit. 
Heben  wir  uns,  es  ist  wol  zeit. 

398,  1    Ich  will  euch  sein  perait, 

Halt  wem  es  sei  lieb  oder  laid. 

415,23  Dass  muossmir  immer  wesen 

laid 

Und  will  albegeu  sein  perait, 

(vgl.  398,  7  ,  404, 17,  442,  6, 455, 13, 

466,  2.) 


152 

s.  8.   21    SU   StPSp  51.  Fsp  344, 16  Ich 
bin  ein  alter  ackertrapp 
Und  auch  ein  rechter  dorflapp. 

Bolte,  Bauer  i.  dtsch.  Liede  117, 148;  H&Ul. 
I  29,  75,  Erl  n  309,  Fsp.  91, 
19,  618,  12,  857, 10,  Sten.  Sp 
X  71,  461,  XV  568,  Schnorrs 
Arch.  3,  2,''6. 

Von  derpaum  Chirchweihe  (BragurVTI,  l , 

198  ff.)      V.   31  Vn   trest  ir  ze 

alln  Zcitn  haz. 

Sterz.Sp  XI 609  Furbar  sag  ich  euch  das  ^) 

vnd  red  er  woU  an  allen  hass. 

Vogt,   Sahn.  CLI,  CXXin,  Wirth  164i). 
MSH^I  350^  II  4  vür  war  sage  ich  ia  d&z. 

Erz.  a.  ad.  Hdschr. 211,^27  Derselbe  man 

hiess  knawr 
Vnd  waz  ein  rechter  gepawr. 
Erz.  a.  ad.  Hdschr.   196,1    Das  sol   dein 

holder  pül  sein.  s.  S.  14. 

Neidh.  12, 37  ich  sage  ez  bi  den  triuwen 
mini). 

Vogt  Salm  CXXXVUff.  Wirth  162. 

Fsp.  212, 8  ,  367,14, 588,33  u.  ö;  Erl II  47, 

Eg  614,  3607  u.  ö. 
s.  S.  22  zu  StPSp  21. 

Fsp  120, 11  Und  gebt  uns  Urlaub,  es  ist  seit. 

Wann  wir  noch  müssen  ziehen  weit. 

=  159, 17,  364,  21,  600, 2  u.  ö.;  HaU.  P. 

106,735;  Brixll40;  Tir.Vorsp.1148  u.  ö. 

Fsp  990, 17  Es  sey  ycmatz  lieb  oder  layd 
„   1001,  12  Es  sey  ym   lieb   oder  layd 
Nchl.  259,  9;  Helbl.  4,288. 
Erl  V  65  es  war  uns  lieb  oder  laid; 
da  von  ste  auf  und  wisjperait. 
Wirth  167.  10  Jgf.  S.  21. 


*)  Manlik,    Die  volkstüml.  Grundl.    d.  Dicht.  N.  v.  R.  U,  18.  J.-B.  von 
Landskron  i.  B.  1890,  S.  16. 


153 


403, 24  Der  ist  ain  held  unrcrzait. 
410,5    Veiol,  ritter  anverzait. 


401  ,i7La  dich  nicmant  überschnellen ! 

414,14  Wafenmirheat  und  immer 
mef, 
Wafen  meiner  grossen  er. 


400,  28  Des  pin  ich  ainer  maid  wul 
werd. 
Ich  trag  heur  nan  mein  erstes 
schwerd. 
427,  4  Ich  maess  haben  ain  newes 
swert. 
Ich  pin  wol  ainer  diem  wert. 

433, 33Künd  ich  ain  wenig  singen  und 
lesen. 
Ich  wolt  ain  münich  ewigklcich 
wesen. 
434,  28  Und  künden  weder  singen 
noch  lesen. 
Vor  dreien  tagen  sein  mir  pauren 
gewesen. 

399, 13  Oerdrant  pin  ich  ain  diem 
Und  han  zwai  tüttl  als  zwo  picm. 


NF  2358  derselbig   gensloifel   vnuerzeit. 

Ring  9,  3<l ,  12  Lecbdenspiss  der  unrerzayt. 

Suchenw.  XXYIU  210  Ich  sach  nie  helt  so 
unvertzait.  Fsp  549, 18, 552,  4, 
Sterz.  OSp  (Pichl.)  45,  Augeb. 
PSp  2071,  Jutta  918,  l,  931,  4, 
Vogt,  Salm  CUn,    Wirth    152. 

H&tzl.  II  8,  lOOYntwilt  den  vberschnellen. 

s.S.  21.  Fsp509, 18,  Nchl55,  22,  135,7, 
160,  29,  Bartsch  LD  304,  ö5üt  Wirth  168, 
Red.  655;  jg.  Brix.  3161; 
Ueidelb.  5655.  —  Sterz.  Sp 
IX  407  Oweheut  ynd  jmer  mer 
der  meinen  grosseer! 

Renner  1615  zwar  herre,  der  ist  ein  fromm 
knecht. 
und  ist  hevr  elter  denne  vert, 
Seht,  herre  er  treit  sin  erstes  swert. 


Fsp  209,  3    Und  kunt  ich  lesen,  singen 
und  schreiben. 
Man  must  mich  lan  im  closter  bleiben. 
Germ.  33,  269  vn  wolt  onch  ein  nunne 
wesen 
do    kond  sy  weder  singe  noch  lesen, 
vgl.  StSz  237. 

Keller,  Erz.  a.  ad.  Hds.   179,  2   Mit  syn- 
wellen  pristen  als  die  pirn. 
194,  17  Hat  zben  tütten  als  zbo 
tlaschen. 


423,  31  So  gebt  im  eur  huld, 
Wan  C8  was  an  sein  schuld. 

464,  33  Wie  sie  in  weiten  zureissen  als 
ein  hnoi). 


s.  S.  21  zu  StPSp  47. 

s.Keinz  zu  Meier  Helmbr.  1851,  Haupt 
zu Erec  5483.— Ring  253,56d,i6De8 
achtiu  wir  recht  sam  ein  huon. 


154 


408,  84  So  wist,  dass  ich  each  grüss 
Von  der  schaitl  pis  auf  die  fües. 


IJhland,  Yolksl.  3,  9  Jnnkfraw,  ich  soll 
euch  grussen 

von  der  scheite!  hiss  auf  die  fusse. 
Bartsch  Md.  God.  13,  417    Von  der 
scheiteln  üf  den  yüz. 
\ISHIII439*  12,Par«.319,  2S,Eracl. 
(Graef)  2192. 


Hierher  gehören  schliesslich  auch  die  auf  den  Tanz  Bezag 
nehmenden  Stellen. 


397, 10  =448, 23  Darzn  mit  springen  und 
mit  spranzen. 
Das  uns  mit  neuen  tanzen  .... 

402, 38  Mit  den  so  will  ich  tanzen 
Und  frischlichen  umh  hin  schwänzen, 
vgl.  418,5. 

395,  32  Ichpit  euch,  das  irmit  mir  tanzt. 

Ich  will  euch  geben  ainrosenkranz. 
397,  26  l'ud  will  mit  Elsen  an  den  tanz 
Und  verdienen  den  rosenkranz. 

451,  25,  3:1. 


395, 3   Also    thuon    auch    die  zarten 
frauen, 

Die  sich   an    dem    tanzen  lassen 
schauen.    397,  15  =  448,  28. 

416,  J7  Der  hat  si  alle  dar  gepeten 
Und  will  da  ain  raien  trotten. 


413,  7   Mit  pauken  und  mit  saitenspil. 
Kürzweil  sullcn  wir  ptlegen  vil. 


Sterz.  Sp  XXII 278  So  ge  her  vnd  lasss 
vns  tanntzn ! 
wir      wellen      frischlich      vniher 

schwantzcn. 
Fsp  57,  38, 1007,  9,  Storz.Sp  I  555,  II 
298,  XVU  660.   Wien.  PSp 
327,  Heinr.  Trist.  633. 

Fsp  92,  26  Das  sie  im  gibt  zu  Ion  ein 
kränz 
Wenn  er  zuir  kumpt  an  den  tans.  vgl. 
Roseupi.  Fsp.  1105,  6  Ynd  springt  hin 
an  den    tanntz  .  .  . 
Biss  er  verdyent  ein  krants. 
Sterz.  Sp.  XVm  336,  XI 161,  Erl.  m 

492,  IV  230. 
Tanh.  MSHn  83l>  18,86»  16,88b  18, 
25;  Steinm.  MSH  U  156l>  2; 
Scharfenb.  I  349»  i  2  n.  ö. 

8.  S.  22  zu  StPSp  37. 


Fsp.  581,  23  Junkfrau  Metz,  seit  gepe- 
ten. 
Ich  wil  den  reien  mit  euch  treten. 

vgl.  582,14. 
Sterz.  Sp.  X  53  Vnd  auch  mit  mengem 
saitn  Spill 
da  khan  ich  kurcz  beill  also  vill. 
Laur.  837,  Walb.  1231  u.  ö. 


155 


454, 11  So  mag   nns  gen  Fridrauncn 
wol  gelingon. 
Wolher,  ich  will  ans  ains  singen. 
439,  14  Das  was  ainguot  singen, 

Dass  euch  all  wol  maess  gelingen. 
8.  S.  110  hicrzn. 

451, 16  Mit  hübschaitnnd  mit  singen, 

Mit  tanzen  nnd  mit  springen. 

451,  29  Ich  main  mit  hübschem  singen. 

Mit  tanzen  nnd  mit  springen. 
416,  31,  402,  81. 


MSH III  212b  3  Der  minen   yronwen 
wil  ich  Yür  baz  singen; 
ich  hoffe,  mir  sol  gelingen. 
Tanh.  MSH  H  85«  20;  Fsp.  Nchl. 

120,80. 

Wirth204.  vgl.  ZfdA  29, 148;  Manlik 

17  JB  T.  Landskron  S.  28. 

Fsp  521,12  =  737,18   Gar  hubschUch 

sagen   nnd   frolich   singen, 

Mit  den  jnnkfrauen    tanzen   nnd 

springen. 
727,15, 744,29,276,  l2.Wirth2l8,Alsf. 
143. 
Tanh.  MSH  D  82^  23,  28  n.  ö. 


Ganz  im  Ton  der  Nachahmer  Neidharts  ist  vor  allem  die 
Schilderung  der  Bauern.  Die  Verspottung  ihrer  Kleiderputzsucht 
im  Teufelspiel  ist  S.  llTff.  besprochen  worden.  Doch  der  Bauer 
begnügte  sich  nicht  damit,  die  vornehmen  Kreise  im  Anzüge  nach- 
zuäffen und  zu  überbieten,  sondern  in  seinem  ganzen  Gebahren, 
im  Gehn,  im  Sprechen  und  besonders  im  Tanze  suchte  er  den 
Vornehmen  zu  spielen,  meist  mit  lächerlichem  Erfolge.  Das  GrNSp 
sagt  440,  33  ausdrücklich ;  „mit  gewantund  mit  gepärden".  „Hovesite", 
oder  was  dasselbe  bedeutet:  „niuwesite"  ist  dem  Bauern  ein  erstre- 
benswertes Ziel  geworden.  Umsonst  sind  alle  Mahnungen,  bei 
Pflug  und  Reutelstab  zu  bleiben.     Die  „hovesite"  hats  ihm  angethan. 

Vergebens  suchen  die  Dichter  den  Bauern  daran  zu  erinnern,  dass 
er  doch  „von  allen  vieren  anen  ein  gebüre**  sei  (Ndh  91,  15).  Nach 
Neidhart  häufen  sich  die  Klagen.  MSH  III  289»  3  „Owe!  armer 
hove  site,  daz  din  manger  niht  enbirt".  213^  9  „die  weiten  nie 
gelouben  reht,  daz  si  akkertrappen  sin :  unt  taet  ez  in  noch  zei- 
nem  mal  so  zorn,  ja  ^vurden  si  von  adel  nie  geborn!  ir  adel  den 
erkenne  ich  wol,  swen  si  den  pfluok  begrifent  bi  dem  hörn**« 
Helbl.  Vni  392  „dienstman,  ritter,  gebüren,  daz  hän  ich  in  mi- 
ner aht,  wir  werden  schier  einer  slaht  hie  in  disem  lande".  Vgl. 
Ndh  86,  23  „Er  wil  ebenhiuzen  sich  ze  werdem  ingesinde  daz  bi 
hoveliuten  ist  gewahscn  unde  gezogen".  Teichner  Anm.  231): 
„Wan  ein  gebüre  habet  den  pfluoc,  daz  ist  adelic  genuoc  da  wirt 
er  ouch  behalten  mit.     Aber  wil  er   hofsit  an  sich  nemen  für  den 


156 


gart,   86  bellbt  er  niht  an  slner  art,  er  hat  höchvertllch  getan". 
Vgl.  Fsp.  104, 19,  106,  29. 

Am  meisten  äussert  sich  diese  Sucht  in  der  Pflege  der  hove- 
tenzel,  die  den  althergebrachten  Reien  vielfach  verdrängten.  War 
dieser  wild  und  ausgelassen,  so  war  der  höfische  Tanz  ruhig  und 
gesetzt.  Er  wurde  „getreten",  jener  „gesprungen^)".  Ob  aber  die 
hovetänzel  wirklich  in  dem  ihnen  zukommenden  Schritt  getanzt 
wurden,  ist  mehr  als  fraglich.  Das  wilde  Springen  wird  überhaupt 
bei  diesen  Tänzen  auf  dem  Dorfe  sich  sein  Recht  verschafft  haben,  so 
dass  sie  mehr  wie  eine  Karrikatur  werden  ausgesehn  haben.  Hat 
sich  doch  Erkenvrit  sogar  einen  Fuss  beim  Tanzen  verrenkt. 
Neidh.  63,  38 :  er  h&t  den  vuoz  verlenket  hiwer  an  einem  geilen 
trit.  Im  GrNSp  tanzen  die  Bauern  ihre  „hüpsche  stolze  trit" 
„nach  dem  hoffgesitt"  (396,  31  =  448,  11)  besser  als  die  Ritter 
selbst.  So  behaupten  sie  wenigstens  (397,  g  f.  =  448,  19  f.).  Schon  zu 
Neidharts  Zeiten  galt  den  Bauern  der  Hoftanz  als  etwas  besonders 
Feines.  Ndh.  40,  22:  „so  sult  ir  alle  sin  gebeten  daz  wir  treten  aber 
ein  hovetänzel  nach  der  gigen".  Ebenso  heisst  es  bei  Späteren: 
Ndh  227,  26  „nü  strichet  üf  bald  einen  rehten  hovetanz!"  vgl. 
227,  j3.  MSH  III  282^  9:  „si  solten  hoppaldeies  ptlegen:  wer  gab 
in  die  wirdikeit,  Daz  si  in  der  spillestuben  hovetanzen  künnen?" 
vgl.  264*  8.  Hätzl.  I  29, 34:  „Den  adel  tantzensy  gemain".  Hesel- 
loher  3, 12  (Haiimann  S.  453,  Bolte  S.  51):  „her  ölsenzolss,  her 
SchoUentrit  kan  tantzen  nach  dem  newen  sytt.  vgl.  Bolte  S.  117,  149; 
Fsp.   104,  18,  581,2,  582,4  u.  ö. 


*)  Einen  Begriflf  vom  höfischen  Tanze  giebtdie  Darstellung  unter  den  Fresken 
von  Runglstein  [Freskencyklus  d.  Schlosses  Uunkelstcin  bei  Bozen  nach  Orig- 
Gemäldon  gezeichnet  und  lithografiert  von  Ign.  Scelos,  erklärt  von  Dr.  Ign. 
Vinz.  Zingerlc,  hrssg.  v.  Ferdinandeum  in  Innsbruck  Tafel  20],  und  einige 
Zeichnungen  zur  Chronik  über  Voler  von  Hagenhach  [Mone,  Quellensammlung 
der  badischen  Landesgoschichte  111  Taf.  15.  IG;  Auch  die  übrigen  S.  324 — 7 
in  den  Anmerkungen  beschriobnen  Zeichnungen  lassen  ihn  gesetzt  erscheinen. 
Das  gilt  aber  nicht  von  Kap.  77].  Da  die  Bilder  dieser  Chronik  Porträte 
sind,  steigert  sich  auch  der  Wert  der  Abbildungen.  Die  Vorlage  der  Chronik 
fällt  etwa  50  Jahre  nach  der  Abfassung unsres  Spiels.  —  vgl.  Boehme,  Gesch. 
d.  Tanzes  I  30,  Schröder,  Gosches  Jahrb.  I  52 f.  —  Dagegen  vgl.  man  die 
Bauemtanzbilder.     s.  S.  124  Anm.  3. 


157 


Dabei  geben  sich  die  „sprenzelaere"  grosse  Mühe,  es  so  zier- 
lich und  fein  wie  nur  irgend  möglich  zu  machen.  Im  GrNSp 
39G,  83  =  448,  13  heisst  es:  „Si  tretten  hin  auf  den  zehen,  Das  si 
nit  gen  auf  den  versen".  Ebenso  MSH  III  196*  4  =  205^  7  „uf 
den  zehen  slichents  hin  nach  dem  niuwen  hove  sin",  vgl.  200*  3, 
289»  2.  196*  4  heisst  es  weiter:  „Wie  si  wenkent  und  ouch  len- 
kent  unt  verschrenkent  tanzes  trit".  Ndh  228,  42  „zehant  verkßrte 
er  slnen  ganc  nach  spaehem  hovesite".  —  Den  Madchen  mag  das 
allerdings  gefallen  haben,  vgl.  MSH  III  236*^  6:  „durch die schoenen 
Mazzen  pfligt  er  niuwer  site".  In  Wirklichkeit  wird  ein  solcher 
Tanz  nur  äusserst  gespreizt  und  lächerlich  ausgresehen  haben. 

Im  Stile  von  Neidharts  Nachdichtern  sind  femer  die  Über- 
treibimgen  ins  Masslose.  446,  22  sagt  Schott^nschlicker:  ^Mir 
wellen  im  die  verch  rüeren  Man  mag  ain  pfluog  da  durch  füeren 
Das  er  nindert  rüeret  an**.  —  So  sagt  Neidhart  schon  57,  1  „er 
slahes  daz  diu  sunne  durch  si  schlne".  und  50,  25:  „ich  slahe  in 
daz  sin  offen  stat  ein  eile."  Die  Nachahmer  sind  in  Übertreibungen 
sehr  erfinderisch.  So  heisst  es  Ndh  158,  22  „ich  trenne  in  üf  daz 
man  wol  einen  sozzel  in  in  setzet;"  MSH  UI  289^  6  „durch  in 
so  muoz  ein  straze  gan,  daz  man  vür  hin  vert  mit  einem  wagen;" 
MSH  III  224*  12  „man  het  wol  ein  kalb  in  in  gestozen";  Sterz 
OSp  Pichler  45  „durch  die  Wunden  schluf  ein  ku";  ühland,  Volksl, 
246, 3  „ein  ku  war  durch  die  wunden  auss  gekrochen".  Ganz 
derselbe  Geschmack  spricht  aus  der  angeführten  Stelle  des  GrNSp 
und  aus  den  übrigen  Bauernrenommistereien  446,  wir.  (vgl.  S.  144 
Anm.). 

Derartige  Übertreibungen  sind  zahlreich  ins  geistliche  Drama 
gedrungen,  s.  Wirth  153 ff.  Hauptsächlich  sind  es  die  zur  Grabwache 
bestellten  Ritter,  die  mit  grossen  Worten  sich  selbst,  ihre  Waffen 
ihre  Tüchtigkeit  und  ihre  Tbaten  rühmen^).  Mit  dem  immer 
stärkeren  Vordringen  der  Spielmannsart  in  den  geistlichen  Schau- 
spielen wurden  auch  solche  Renommierreden  besonders  beliebt. 
So  wird  z.  B.  eine  solche  Szene  Erl.  V  123  —  208    von  jüngerer 


*)  Weinhold,  Goschos  Jahrb.  I  24  f. 


158 


Hand  noch  erweitert.    An  solchen  Prahlereien  ist  das  Sterz.   OSp 
Pichler  143  besonders  reich  ^).     Ebenso  Pichler   45. 

Man  könnte  vermuten,  dass  bei  den  Banemrenommistereien 
446,  14  ff  das  geistliche  Drama  das  Vorbild  für  das  GrNSp  gewesen 
sei.  Die  Tendenz  ist  die  gleiche,  in  den  Wendungen  findet  sich 
Übereinstimmendes;  doch  es  zwingt  nichts,  für  diese  Prahlreden 
den  Umweg  durchs  Osterspiel  anzunehmen.  Der  Ausdruck  „Kepfeisen" 
erinnert  an  die  Neidhartdichtung*).  Dieser  Quelle  scheint  in  der 
That  der  Verfasser  bei  der  Charakteristik  der  übermütigen  Banem 
gefolgt  zu  sein,  nicht  den  Osterspielen. 

Der  Dichter  kannte  schliesslich  nicht  nur  die  seinen  einzelnen 
Szenen  zu  Grunde  liegenden  Gedichte  genau,  sondern  er  hat  auch, 
wie  wir  sahen,  aus  andern,  nicht  verarbeiteten  Stücken  mehrfach 
Züge  herübergenommen. 


Oberelnstlmmungen  Innerhalb  des  Spiels. 

Innerhalb  des  GrNSp  selbst  findet  sich  eine  ganze  Anzahl 
wiederkehrender  Wendungen,  deren  Vorkonmien  an  verschiedenen 
Stellen  des  Spiels  nicht  unwichtig  ist.  Bei  den  Zusammenstellun- 
gen über  die  Berührungspunkte  mit  der  geistlichen  und  der 
Spielmannsdichtung  S.  144  ff.  und  148  ff.  ist  schon  eine  Eeihe  solcher 
im  GrNSp  mehrfach  wiederkehrender  Wendungen  angeführt  worden. 
Diese  Beispiele  lassen  sich  aber  noch  bedeutend  vermehren.  In 
den  beiden  grossen  Tanzschildenmgen  im  ersten  Teile  und  nach 
dem  Teufelspiel  entspricht  wörtlich  396,  39  —  397,  le  =  448, 
Femer  ist  zu  vergleichen: 


^)  Gerade  dieses  Spiel  ist  stark  von  Neidhart  und  seinen  Nachfolgern 
beeinflusst.  Neidhart  und  die  nach  ihm  benannte  Dichtung  werden  nicht  nur 
zwei  Mal  S.  148  und  168  erwähnt,  sondern  es  erinnern  daran  auch  die  Namen 
Unverzait  und  Wagendrüssel. 

«)  Neidh.  228,  89,  239,  52,  55,  88,  Haupt  hierzu  S.  164,  MSH  III  203h  4, 
220*  3,  279a  7,  Schultz  HL  ü^  214  Anm.  5. 


159 


393.12  Das  si  sich  künnen  hüpslich  ziere  n 
Mit   gnoten  lenten  und  hofficron. 

vgl.  401,  22. 

393. 14  Den  will  ich  wol  günnen  zwar, 
Das  si  tretten  an  disc  schar. 

394,  7  Si  ist  der  schönisten  frauen  aino, 

395,  20  Ich  nnd  die  gesellen  mein 
Wellen  da  hin  mit  dir  alle. 

396,9  Und  anf  eur  har  ain  grüenspörtl. 

398. 15  Und  wolte  euch  mit  nichte  lan. 

399,  16  Got  geh  ans  gclück  und  hail! 

399,  23  Ir   solt  vam  an    discr   schar 

(:  Engelmar). 

400,  24  Anders  ich  mnoss  ligen  tod. 

401. 16  Schüler,  pfaffen  sein  uner. 

403,  29  Nun  wol  an,  alle  geleich, 

Wir  wellen  tanzen  waideleich. 
412,  11  nach  meiner  gcr.    vgl.  418,  36. 

412. 13  Aller  erst 

414,  27  Ich  wolt  den  schnöden  schalk 
empor 

Pei  sein  har  gezogen  han. 

415,  11  Ir  sein  wenig  oder  vil. 


'415,  34  Dass  muoss  mir  immer  laid  sein, 

Wann  es  pringt  mir  grosse  pein. 

vgl.  415,  23. 

416,  28  Mir  wellen  hin  gen  Zeislmauren, 

Laogcn,  was  da  thnon  die  paaren. 

vgl.  417,  4  ,  416,  13. 

416,  84  Was  ir  thaon  weit,   das   thnot 

endleich  I 

417,  23  Vnd  was  der  herm  kamrer, 
Der  kam  jungklichen  her. 

417,30  Da  ward  sein  ain[er]annder  innen. 
419,  11  Ir  herren  ich  hab  es  versichert 
gar, 

Zu  Zeislmaur  ist  Englmair. 
419,  24  Ob  si  sich  zu  wer  wolten  stellen, 

Das  wir  si  alle  uidor  vollen. 


455, 19  Mir  wellen  uns  frischlich  ziem 
Und  gen  ainandor  hoffiem. 

395, 9  Ich  wil  von    ersten  tretten  an 
die  schar 
Zu  den  hüpschen  freülein  zwar. 
412,  4  Die  aller  schönisten  frauen  ein. 
419,  3  Ich  und  die  geselle  mein 

Wellen  den  vortrit  vor  im  pehalten. 
vgl.    450,  21. 
402,  8  Und  ain  pörtl  auf  dein  har. 
415,  21  Mir  wellen  das  mit  nichte  lan. 

vgl.  453,  81,  467, 18. 
41 1 ,  29  Got  gcb^uch  gluck  und  hail ! 
426,  16  Vart  schon  hie  an  diser  schar 

(:   Engelmar). 
436, 19  Dass  ich  von  hungerschi  erlig  tod. 
437, 14  Gnädiger  herr,  die  münich  sein 

uner. 
430,  28  Nu  wol  an  all  geleich 

Und  lat  uns  tanzen  gar  waidenleich. 
462,  34  nach  unser  ger.  vgl.  449,  2. 
460, 16,  464, 17. 

452,  26  Erwisch  ich  im  pei  dem  hare, 
Ich  zerreiss  im  sein  haubt  gar. 

453,  7  Unser  sein  wenig  oder  vil.  vgl. 
447, 7  ,  454,  1  ,  461,  2  ,  462,  31.  Wirth 

168. 
460,  8  Dass  wirt  uns  ain  smachait  sein 
Undunserm  herzen  ain  grosse  pein. 

465,  17  Dass  er  in  wolt  schicken  da  hin 

Herm  Neithart  gen  Zoislmaur. 

Do  schriren  alle  die  pauren. 
457,  19  Und  lauten  da  her  gar  endlich. 

vgl.  456,  2  . 
445,  7  Zwen  aein  der  pauren  kamrer, 

Die  kömen  mit  gosange  her. 
=  464,  3. 
429,  19  Ir  herren,  ich  sag  euch  für  war. 

Die  schand  hat  uns  gemacht  herr 
Englmar. 
461, 22  Wie  wolt  ir  euch  stellen. 

Ob  ir  in  wolt  vellen.  vgl.  442,  28. 


160 


421, 22  Dass  schwer  ich,  wie  tnir  ich  sol. 

Ich  gan  im  seines  gesundes  wol. 
vgl.  417, 16. 
412,  24  Edlen  fraü,  gehabt  euch  wol! 
Die  warhait  ich  euch  sagen  sol. 

422,  1  Und  sag  euch,  dass  ir  das  wist. 

425, 14  Gnad,  her,  eur  tugent  dank  ich 
imer 
Und  will  es  lassen  nimor. 
429, 1  Ober  Neitharten  den  pösen  man, 
Der  hat  uns  laides  vil  getan, 
vgl.  432,  2  ,  456,  85. 

429,  7  Er  was  gar  ain  treuer  knecht. 
Er  hat  im  w&rleich  getan  unrecht. 

438,  94  Dass  ich  mich  ir  het  vcrzigen. 
441,  18  Da  gen  si  mit  klingen, 
Schampper  licdl  si  singen. 

441,  36  Und  gepent  euch  auch  da  pei. 
Als  lieb  ich  euch  sei. 

442,  4  Des  mag  kain  rat  sein. 
Die  seien  werden  alle  mein. 

444,  24  Herr  Neithart  mit  den  freunten 
sein 
Will  sich  legen  pei  dem  wein. 
447,  1  Wann  ich  mich  hab  auf  streit 
gericht, 
Ain    ganzes    land    widerstet    mir 
nicht. 
447,  24  Ir  herren,  weit  ir  all  also. 
So     recket    auf    die     hend    und 
sprechet:  Jo! 
447,  2G  Des  thuot    durch   den    willen 

mein. 
450,  9  Ich  kom  durch  tanzens  willen 

her. 
454, 84  Unser     gesellen     wellen     den 
tanz  beginnen. 
Wünsch  mir    hail,    ich    will   von 
hinnen. 


424,  8   Ja,  frau,  ich  sprich   wie  teur 
ich  sol. 
Ich    gan    im    guotes    wol.      vgl. 
Wirth  80. 
435, 18  Ich  thuon  gern,  was  ich  sol. 
Get  dan  lieben    prneder,    un    ge- 
habt euch  wol! 
451,  8  Der  spiegl   ist  mein,    dass  ir 

das  wist.    Tgl.  455,  82. 
443, 82  Ich  will    dir    tanken     immer 
Und  will  sein  gelassen  nimer. 

418,  29  Hab  dank,  herr  Enzlman! 

Er  hat  uns   laides  vil  getan. 
456,  5  Herr  Englmar,  ir  schnöder  man, 

Ir  habt  schnödleich  getan. 
443,  30  Hab  dank,  mein  lieber  knecht! 

Thuostn    das,    so    thnostu    recht, 
vgl.  452,82. 
461, 13  Ich  hab  mich  noch  nie  vexigen. 
448, 15  =  396,  35  Ir  sporn  die  klingen, 

Ire  lied,  die  si  singen. 
463, 8  Als  lieb  euch  die  treue  sei. 

Gelobt  auch  meinn  gesellen  hie  peL 
448,  34  Der  muess  heut  wesen  mein ; 

Des  en  mag  kain  rat  gesein. 
465,  82  Ain  seül  solt  herr  Neithart  sein 

Und  solte  ligen  pei  dem  wein. 
vgl.  460,  27. 
450,  6  Ich  hab  mich  nit  darauf  gericht, 

Es  ist  auch  meins  fnogs  ni(ch)t. 


463,  9  Ir  herm,  gelobt  uns  auch  also, 
Hebt  auf  die  hend  und  sprechet :  Jo ! 

=  455, 16. 

454,  5  Wir   sein    durch  tansns  willen 

komen  [her]. 
463, 18  Dass  er  des  peste  beginnen. 
Und  seit  mit  huld,ich  will  von  hinnen. 


161 


457, 32  Nun  stosst,  held,  ear  schwert 


? 


em: 


459, 22  Dass  will   ich    euch    wärleich 
sagen. 


459,  32  Er  hat  sich  vermacht  in  ain 
yas, 
Da  doch  wein  inne  was. 


462,  3  Ir  heiren,  stost  nun  die  gehwert 

ein! 

463,  29  Gnädiger  herr,  dass  wiU  ich  ench 

w&rleich  sagen, 
vgl.   440, 6  ,   430,  82,     428,  22.   ß. 
S.  152  Anm. 
465,  20  Dass  er  in  stiess  in  ain  vass, 
Als  er  hint  gewesen  was. 


Hierbei    sind   die    innerhalb    derselben    Szene  vorkommenden 
Anklänge  nicht  mit  angetührt. 


Komposition  und  Verfasser. 

Die  Znsammenstellungen  über  den  Stil  des  GrNSp  zeigen,  wie 
im  ganzen  die  gleiche  Sprache  im  ganzen  Spiele  herrscht.  Aus- 
nahmen finden  sich  wohl,  denn  es  giebt  Stücke,  wie  vor  allem  das  Ritter- 
werben und  das  Teufelspiel,  die  stilistisch  stark  abweichen.  Trotzdem 
fehlen  aber  auch  hier  die  Anklänge  ans  übrige  Spiel  nicht  ganz, 
wenn  sie  auch  bedeutend  seltner  sind.  Aus  der  Sprache  allein  hat  man 
drum  keinen  Grund,  verschiedene  Hände  im  GrNSp  zu  unterscheiden. 
Es  fragt  sich  danach,  ob  die  Komposition  dazu  einen  Anhalt  giebt. 
Aber  auch  dies  ist  nicht  der  Fall. 

Allerdings  finden  sich  im  GrNSp  ganz  verschiedenartige 
Szenen.  Der  Hauptbestandteil  sind  die  dramatisierten  Neidhart- 
schwanke,  unter  denen  wieder  die  Veilchengeschichte,  der  BLaupt- 
stoff  aller  Neidhartspiele,  der  Grimdstock  ist. 

Wir  sahen  schon  S.  78  ff.  wie  das  Veilchenabenteuer  durch 
fremdartige  Stücke  erweitert  wurde.  Wenn  auch  zum  Bauemtanze 
und  zum  Ritterwerben  Neidhart  selbst  kein  Muster  bot,  so  war 
es  doch  klar  ersichtlich,  was  den  Dichter  bewog,  wo  anders  her 
fremdartige  Stücke  in  sein  Spiel  aufzunehmen,  so  dass  kein  Grund 
zur  Annahme  irgendwelcher  jüngerer- Einschiebungen  vorlag. 

Ein  andres,  in  einem  Neidhartspiel  an  sich  fremdartig  erscheinen- 
des Stück   war    das    Teufelspiel,    zu    dem    geistliche   Spiele  und 


(.Tiisiude,  Neidhurt  mit  dem  Veilcheu. 


11 


1(52 


Modesatiren  als  Muster  gedient  haben.  Auch  hier  ist  nicht  an 
spätere  Einfügung  zu  denken,  da  wii*  S.  107  f.  den  Grund  zur 
Einflechtung  dieser  Szene  deutlich  erkennen  konnten,  die  zudem 
mit  dem  übrigen  Spiel  gut  verbunden  ist. 

Alles  übrige,  was  sonst  das  GrNSp  bietet,  hängt,  wie  wir 
gefunden  haben,  mit  der  Neidhartüberlieferung  zusammen. 

Wenn  das  Spiel  auch  nach  unsern  strengeren  Begriffen  kein 
einheitliches  Drama  ist,  so  herrscht  doch  im  ganzen  GrNSp  ein 
einheitliches  Grundmotiv,  nämlich  Neidharts  Persönlichkeit  und 
seine  Stellung  zu  den  Bauern.  Selbst  die  obengenannten  Szenen, 
die  eigentlich  von  vorn  herein  mit  Neidhart  nichts  zu  thun  hatten, 
dienen  nur  dazu,  diesen  Grundgedanken  noch  deutlicher  hervortreten 
zu  lassen.  Wir  haben  also  nicht  an  mehrfache  Erweiterung  und 
Bearbeitung  eines  kleinen  Spiels  zu  denken*),  sondern  wir  haben 
ein  von  einer  Hand  verfasstes  Drama  vor  uns.  Wenn  der  Dichter 
eine  auch  nur  mittelmässige  Begabung  hatte,  so  war  es  überhaupt 
selbstverständlich,  dass  die  einzelnen  Szenen  verschiedenes  Gepräge 
tragen,  indem  der  Ton  je  nacli  der  Art  der  Handelnden  wechselte. 
Gerade  vom  Verfasser  des  GrNSp  sahn  wir  aber  S.  76  schon,  dass  er 
ein  gewandter  Charaktorzeichner  war,  wobei  ihm  die  Sprache  ein 
hauptsächliches  Mittel  bot.  —  Auch  die  Verschiedenheit  der  benutz- 
ten Quellen  war  von  ganz  wesentlicher  Bedeutung. 

Wie  gesagt,  ist  das  GrNSp  kein  einheitliches  Drama  im 
strengen  Sinne.  Zwei  Abschnitte  treten  schon  an  Umfang  vor  den 
übrigen  Bestandteilen  hervor,  die  Veilchen-  und  die  Spiegelge- 
schichte. Jedes  dieser  Stücke  ist  für  sich  in  der  That  ein  ge- 
schlossnes  Drama,  einheitlich  im  Aufbau  und  mit  geschickter 
Steigerung.  Wie  das  erste  dieser  Teildramen  durch  den  Einschreier 
eingeleitet  wird,  so  liat  auch  das  zweite  seinen  besonderen  Vorläu- 
fer. Das  Teiifelspiel  kann  Avie  eine  Art  Vorspiel  zur  Spiegelge- 
schichte gelten  (S.  107),  die  es  aber  zugleich  durch  die  Bede  des 
Sathanas  442,  jifr.  mit  dem  ersten  Teildrama  (um  es  kurz  so  zu 
nennen)  verbindet. 


')  wie  z.  B.  Goofleko  Gnindriss  I^  32«. 


103 


Neben  diesen  in  sich  einheitliclien  kleineren  Dramen  stehn 
die  Dramatisierungen  einzelner  Neidhartschwänke.  Einer  von 
ihnen,  der  Säulenschwank,  hat  sich  an  das  Spiegeldrama  ange- 
schlossen und  ist  in  der  Schlussszene  mit  ihm  enger  verbunden 
(S.  141).  Die  übrigen  Einzelschwänke  sind  zwischen  die  beiden 
Teildramen    getreten . 

Mit  wechselndem  Geschick  hat  der  Dichter  die  einzelnen 
Bestandteile  aneinander  geknüpft.  Wo  es  ihm  nicht  gut  gelang, 
ist  es  aber  nicht  immer  seine  eigne  Schuld,  sondern  mitunter  lag 
es  schon  an  der  Quelle,  wie  z.  B.  im  Beichtschwank  (s.  S.  95 
u.  U)9). 

In  seinem  mannigfaltigen  Stücke  macht  der  Dichter  allent- 
halben Abschnitte,  sodass  man  es  bequem  in  Szenen  zerlegen  kann. 
Fast  jede  neue  Begebenheit  hat  nämlich  eine  eigne  Einleitung, 
wodurch  der  Zuschauer  von  vorn  herein  darauf  aufmerksam  ge- 
macht wird,  dass  etwas  Neues  beginnt.  Die  beiden  Teildramen 
haben  ihren  besonderen  Einschreier,  das  Teufelspiel  wurde  durch 
das  Zusammenrufen  und  Herbeieilen  (438,  15)  der  höllischen  Geister 
eingeleitet.  Anderwärts  bedient  sich  der  Dichter  des  Tanzes. 
Hierbei  handelt  es  sich  aber  nicht  um  die  breit  ausgeführten 
Mai-  und  Lobetänze,  die  selbst  wichtige  Bestandteile  des  Dra- 
mas sind,  sondern  um  wortlose  Tanzereien. 

Von  dem  schlecht  angebrachten  Tanze  395,  7f.  ist  schon  S.  78 
gesprochen  worden.  Der  Schwertfegerschwank  wird  426,  12  durch 
einen  Tanz  der  Bauern  eingeleitet,  ebenso  die  Beichtgeschichte 
430, 30  (s.  S.  90  u.  92).  Diese  Einleitungstänze  sind  noch  ein 
Erbstück  von  Neidharts  echten  Eeien  her.  Sie  waren  so  zur  all- 
gemein gültigen  Überlieferung  geworden,  dass  die  Nachahmer  des 
Reuenthalers  selbst  die  gröbsten  Schwanke  meist  mit  einer  Tanz- 
schilderung einleiteten,  mochte  sie  auch  noch  so  sehr  abstechen 
(vgl.  S.  93  u.  98).  Mit  den  Schwankstoflfen  hat  der  Verfasser 
des  GrNSp  auch  diese  Einleitungen  übernommen  und  als  solche 
verwertet.  Im  Kutten-  und  Säulenschwanke  war  das  allerdings 
nicht  möglich  wegen  der  unmittelbaren  Anknüpfung  dieser  Szenen 
an  die  vorhergehenden,  mit  denen  sie  in  engerem  Zusammen- 
hange stehn. 

Fragen  wir  nun  nach  der  Persönlichkeit  des  Dichters,  se 
kann  kein  Zweifel  obwalten,  dass  er  ein   Spielmann  war,   der 


164 


seiner  Kunst  wohl  bewandert,  ihre  beiden  Seiten,  die  höfische  und 
die  derbe  schwankartige,  vollständig  beherrschte.  —  So  erklärt 
sich  auch  am  ehesten  seine  Bekanntschaft  mit  dem  geistlichen 
Drama.  Spielleute  oder  die  mit  ihnen  nahe  verwandten  Fahrenden 
(s.  S  26)  wirkten  bei  den  Aufführungen  geistlicher  Spiele  in  grösseren 
Rollen  mit^),  gerade  sie  haben  die  komischen  Szenen  in  sie  ein- 
geschmuggelt, ja  als  dem  Klerus  der  Spass  in  den  ernsten  Spie- 
len zu  arg  wurde,  dichteten  sie  selbst  höchstwahrscheinlich  auf 
eigne  Paust  Spiele  nach  ihrem  Geschmack^).  Kein  Wunder,  dass 
sie  auch  davon  lernten  und  in  weltlichen  Schöpfungen  aufnahmen, 
was  ihnen  geeignet  vorkam,  wie  z.  B.  unser  Dichter  die  Teufel- 
szene. 

Man  hat  das  OrNSp  mitunter  ein  ödes  Stück,  ein  „rohes 
gemeines  Machwerk"  genannt^.  Dazu  ist  auch  nicht  der  geringste 
Grund  vorhanden.  Mag  das  Ganze  unförmig  und  langatmig  sein, 
mag  auch  manche  Ungeschicklichkeit  sich  finden,  im  allgemeinen 
verrät  es  docL  einen  sehr  begabten  Verfasser  von  gutem  Witz, 
der  geschickt  in  Sprache  und  Form,  anschaulich  zu  schildern  ver- 
steht. Mehrfach  legt  er  sogar  richtiges  dramatisches  Empfinden 
an  den  Tag.  So  versucht  er  mit  gutem  Erfolge,  verschiedene 
Handlungen  gleichzeitig  sich  abspielen  zu  lassen  (s.  S.  168). 
Wenn  dies  aus  dem  uns  vorliegenden  Texte  nicht  deutlich  hervor- 
tritt, so  ist  daran  nur  die  Überlieferung  schuld.  Die  Charakte- 
ristik ist  treffend  und  gewandt.  Die  Ausführung  ist  bald  edel, 
bald  derb,  je  nach  den  Personen,  die  er  zu  zeichnen  hatte.  Nie- 
mals aber  überschreitet  er  das  Mass  des  Erlaubten,  um  wie  andre 
Spieldichter,  besonders  der  des  KlNSp,  zu  bewusster  Roheit  hinab- 
zusteigen. Er  gehörte  auf  jeden  Fall  zu  den  besseren  Vertretern 
seiner  Kunst.  Mitunter  werden  sogar  Schwächen  der  Quellen 
unter  seinen  Händen  zu  Vorzügen.  Sein  Spott  ist  frisch,  auch  wohl 
derb  (s.  S.  79u.  166),  aber  niewiderlich.  Keins  von  den  andern  Neidhart- 
spielen kann  sich  mit  seinem  Spiele  messen,  und  unter  den  Fast- 


*)  Froning,  Das  Drama  des  Mittelalters,  Kürschner  Nat.-Lit.  14,  Statt. 
gart  o.  J.  Seite  26  f. 

3)  Wirth  231:    vgl.  Bochstoin,  Cu^nn,  80,  9<S. 
»)  besonders  Stiefel  (ienn.  37,  223. 


165 


nachtspielen  giebt  es  nur  wenige  von  so  geschickter  Schilderung 
und  Charakteristik,  die  dann  allerdings  den  Vorzug  der  Kürze 
und  Einheitlichkeit  für  sich  haben,  während  das  GrNSp,  zum  Teil 
wenigstens,  mehr  eine  Aneinanderreihung  einzelner  Stücke  ist,  die 
nur  durch  die  beiden  Szenen  bei  Hofe  einen  einigermassen  ein- 
heitlichen Gesichtspunkt  erhalten  (s.  S.   141). 


Die  Aufführung:. 

Das  GrNSp  fällt  auf  durch  seine  reiche  Verwendung  des 
Tanzes. 

Für  dabei  auftretende  Härten  ist  nur  der  Text,  nicht  das  Spiel 
verant^vortlich  zu  maclien,  wenn  z.  B.  in  den  Anweisungen  zwei  Tanze- 
reien aus  einer  gemacht  werden.  Es  beginnen  da  zu  Anfang  einer 
neuen  Episode  die  Bauern  zunächst  zu  tanzen,  sprechen  darauf  und 
tanzen  wieder,  worauf  der  eigentliche  Schwank  erst  folgt,  z.  B. 
417,  9  und  419,8,31;  44(5,  i3  und  449,  4  und  455,  21.  Im  letzten 
Falle  ist  wirklich  eine  Tanzpause  anzunehmen  (S.  135),  419,  8,3i 
ist  aber  noch  derselbe  Tanz  wie  417,  9,  der  sicherlich  fortging, 
während  der  Knecht  419,  utr.  seinen  Bericht  erstattete,  und  den 
vielleicht  auch  die  Reden  der  Bauern  417,  12  ir.  begleiten  sollten» 
Dasselbe  könnte  von  446,  13  und  449, 4  gelten.  Selbst  die  Ver- 
schwörung gegen  Neidhart  braucht  nicht  zu  widersprechen.  Wie 
wenig  Verlass  dabei  auf  die  Szenenanweisungen  ist,  zeigt  die  Ein- 
leitung zum  Schwertfegerschwanke,  wo  die  Anweisung  426, 13  „nach 
dem  tanz"  sagt,  während  die  folgende  Rede  beim  Tanze  selbst 
gesprochen  sein  muss.  Höchstens  handelt  es  sich,  wenn  wirklich 
der  Tanz  unterbrochen  worden  ist,  um  kleine  Pausen,  die  nicht 
einmal  alle  Tanzenden,  sondern  nur  einzelne  Rotten  zu  halten 
brauchten  *),  die  dann  die  dramatische  Handlung  übernahmen. 
Dass  rottenweise  getanzt  wurde,  zeigt  446,  12,  449,  4,  455,  22.  — 
Engelmars  Auseinandersetzung  mit  der  Hofdame  ist  auch  nur  eine 
Episode  in  dem  schon  395,  28  begonnenen   Tanze  der  Bauern,  der 


^)  Man  kann  an  die  heutigen  Quadrillen  mit  ihren  F 
einzelnenTouron  und  den  Ruhepausen  einselnerPaarewAbl« 


166 


nach  kurzer   Unterbrechung   durch   das    Erscheinen   der  Mädchen 
(397,  16)  einen  andern  Charakter   annimmt. 

Auffällig  ist  es,  dass  noch  nach  der  Rache  Neidharts  wegen 
des  Veilchenraubes  getanzt  wird.  Dabei  haben  32  Bauern  ein  Bein 
verloren,  so  dass  sie  eigentlich  nicht  mehr  tanzen  können,  und 
doch  tanzen  sie  trotzdem  später  munter  weiter  (426,  12,  430,  so, 
446,  12,  463,  22).  Dass  es  wirklich  dieselben  Bauern  sind,  die  vorher 
zu  Stelzfüsslem  gemacht  worden  waren,  beweist  453,  22f.,  459,28. 
Hier  hat  der  Dichter  augenscheinlich  den  aus  der  Vorlage  über- 
nommenen Tänzen  einen  ganz  andern  Sinn  gegeben.  Es  war 
offenbar  sein  Bestreben,  die  Bauern,  die  trotz  ihrer  Stelzbeine  von 
ihrer  Tanzwut  nicht  lassen  konnten,  mit  ihrem  ungeschickten  Hum- 
peln, das  sie  obendrein  Hoftanz  nannten  (448, 12),  erst  recht  lächer- 
lich zu  machen;  war  doch  gerade  körperliches  Gebrechen  ein  belieb- 
tes Mittel  zur  Komik  i).  Hierin  liegt  allerdings  für  das  GrNSp 
der  Höhepunkt  der  Bauernverspottung,  die  jedoch  erst  vom  Dichter 
in  die  Tänze  hineingetragen  worden  ist. 

Hieraus  erhellt  auch,  dass  Michels  unrecht  hat,  wenn  er  S.  47 
sagt,  Bauernspott  liege  dem  GrNSp  fern*).  Schon  die  verarbeite- 
ten Schwanke  hatten  diese  Tendenz;  denn  der  Bauer  ist  immer  der 
geprellte  Tölpel.  Die  dumme  Frage  437, 29  ist  vielleicht  auch 
absichtlich  und  musste  angesichts  der  hungrig  heimkehrenden 
Kuttenmänner  lautes  Lachen  hervorrufen. 

Das  GrNSp  ist  noch  ein  vollständiges  Tanzspiel.  Abgesehen 
von  dem  jedenfalls  wie  im  StSz  zu  Anfang  und  Schluss  anzuneh- 
menden Aufzuge  wird  nach  dem  Prologe  395, 7  getanzt.  Die 
Bauern  und  sicherlich  die  Ritter  tanzen  einen  Maientanz.  Darauf 
folgt  der  Reie  ums  Veilchen.  Im  weiteren  Verlaufe  kommen  die 
S.  163  erwähnten  Einlei  tun  gstänze  und  der  Lobetanz  in^  Betracht. 
Auch  die  Teufel  werden  zu  ihrem  (jlesango  439,  10. 19  getanzt  haben. 
Das  Spiel  verrät  also  noch  deutlich  seine  Herkunl't  (s.  S.   42). 

Die  grösseren  Tänze,  Maient-anz  und  Lobetanz,  verlangen  schon 
einen  bedeutend  grösseren  Raum  als  die  <::ewöhnlichen  Tänze  im  Fast- 
nachtspiel (s.  S.  89  f.  43).  Dem  entspricht  die  ganze  Anlage  des  Spiels. 


»)  Weinhold,  Gosches   Jahrb.  3  f. 
»)  Vgl.  Creizonarh    LC    hSiMi,  isry). 


167 


Das  GrNSp  ist  das  längste  erhaltene  komische  Drama  überhaupt. 
Es  umfasst  2268  Verse.  Eine  grosse  Anzahl  von  Spielern  war  dazu 
notwendig.  Es  treten  nicht  weniger  als  29  Bauern  und  16  Bäuerinnen 
sprechend  auf.  Namentlich  genannt  werden  58  Bauern  und  21 
Bäuerinnen.  Wenn  vielleicht  auch  nicht  so  viel  stumme  Personen 
auf  der  Bühne  waren,  als  Namen  in  den  Aufzählungen  genannt 
werden,  so  waren  doch  mindestens  einige  nicht  sprechende  Personen 
notwendig.  Möglicherweise  kehrten  auch  die  stunmien  Spieler  aus 
dem  Maien  tanze  nach  dem  Teufelspiel  im  Lobetanze  unter  anderm 
Namen  wieder.  Von  den  Bauern  treten  7  nur  im  ersten  Teil  auf, 
nur  im  zweiten  8;  2  treten  nur  im  ersten  Teil  auf  und  werden  im 
zweiten  bloss  in  der  Namenaufzählung  genannt;  einer  tritt  umge- 
kehrt bloss  im  zweiten  Teile  auf  und  wird  im  ersten  nur  genannt. 
Von  den  16  sprechenden  Mädchen  treten  nur  2  in  beiden  Teilen  auf; 
die  meisten  sind  im  ersten  beim  Maientanze  beteiligt.  2  kommen 
nur  im  2.  Teile  vor.  Es  wäre  also  möglich,  dass  nicht  nur  stumme 
Spieler  nach  dem  Teufelspiel  wiederkehrten,  sondern  dass  auch 
einige  Personen  zwei  Rollen  spielten,  obwohl  eine  solche  Sparsamkeit 
in  den  Spielkräften  der  sonstigen  breiten  Anlage  des  GrNSp  wenig 
entsprechen  würde.  Aber  auch  dann  bleibt  für  Bauern  und  Bäuerin- 
nen noch  eine  beträchtliche  Spielerzahl  erforderlich.  Je  mehr 
dagegen  zur  Verfügung  standen,  desto  besser  war  es  für  die  Ge- 
samtwirkung, denn  dann  konnte  der  Tanz  durch  mehr  stumme 
Spieler  noch  grossartiger  gestaltet  werden.  Dass  man  mit  diesen 
stummen  Personen  jedenfalls  nicht  sparsam  umgegangen  ist,  lässt 
das  StSz  vermuten.  An  Rittern  werden,  wenn  die  des  Werbespiels 
und  die  Gesellen  Neidharts  einunddieselben  sind,  10  verlangt. 
Gleichzeitig  sind  davon  bis  4  auf  der  Bühne.  Die  Herzogin  hatte 
im  GrNSp  ein  stummes  Gefolge,  von  dem  nur  ein  Mädchen  mit 
Engelmar  in  Wortwechsel  kommt.  Ihre  Jungfrauen  konnten  diesel- 
ben sein  wie  die  des  Ritterwerbens.  Dazu  kommen  Herzog,  Herzo- 
gin, Neidhart,  sein  Knecht,  Vorläufer,  Wirt,  sein  Knecht.  Luzifer 
hatte  sicherlich  auch  ein  grösseres  Gefolge,  von  dem  nur  2  sprechen, 
denn  von  diesen  zwein  kann  es  439,  9  nicht  heissen :  „aU  mit  ein- 
ander".    Auch  438,  15. 18  wird  von  „allen  Teufeln*'  » 

Eine  Zusammenstellung  wird  das  Persop 
lieber  machen. 


168 


Es  werden 

genannt: 

davon  sind  sprechend 

Bauern 

58 

29 

Bäuerinnen 

21 

16 

Ritter 

10 

9 

Herzog 
Herzogin 
Jungfrauen 
Neidhart 

1 
1 
4 
1 

4 

Neidharts  Knecht     1 

Vorredner 

1 

Wirt 

1 

Wirtsknecht 

1 

Luzifer 

1 

Teufel 

2  (aber  sicherlich  mehr  stumme)  2 

103  68 

Dazu  kommen  noch  die  Spielleute.  Gegen  hundert  Spieler 
sind  jedenfalls  notwendig  gewesen. 

Ein  solches  Spiel  verlangte  natürlich  grosse  Vorbereitungen. 
Zunächst  durfte  eine  notwendige,  wenn  auch  noch  so  dürftige  Sze- 
nerie nicht  fehlen.  428,  20  braucht  Neidhart  einen  Galgen  oder 
einen  Ast,  um  die  beiden  Bauern  zu  henken;  4(>2, 1  ist  eine  Holzsäule 
nötig,  an  der  die  Bauern  ihre  Wut  auslassen  können.  Wahr- 
scheinlich stand  auch  wirklich  ein  Maibauin  auf  der  Bühne,  um 
den  die  Bauern  ihren  Reien  springen  (4()H,  :j,  s). 

Wenn  auch  die  verschiedenen  Szenen  auf  einem  gemeinsamen  neu- 
tralen Platze  sich  abgespielt  haben,  so  müssen  doch  mehrere  Örtlichkei- 
ten unterschieden  gewesen  sein,  da  der  Verfasser  mitunter  mehrere 
Handlungen  nebeneinander  hergehen  lässt  (s.  S.  1 35).  Die  Bauern 
tanzen  417,  9  in  Zeislmaur,  während  die  Ritter  sich  beraten,  und 
Neidharts  Knecht  geht  zwischen  beiden  Plätzen  hin  und  her. 
Ebenso  geschah  der  wortlose  Tanz  31)5, 7  abseits  von  dem  Stand- 
orte der  Bauern,  denn  Eugelmar  hat  erst  ein  Stück  zu  gehn,  um 
zu '  der  Jungfrau  zu  kommen  (3i)5,  21),  und  nach  seiner  Abwei- 
sung geht  man  wieder  fort  zum  Schauplatze  des  folgenden  Mai- 
tanzes (396,  27).  —  Auch  im  Lobetanze  sind  zwei,  vielleicht  drei 
Standorte  nötig  für  den  um  den  Spiegel  bettelnden  Engelmar,  für  die 
sich   verschwörend^Jii   Bauern   und  für  <lic   übrige  Gesellschaft  mit 


169 


den  trinkenden  Mädchen.  Man  wird  annehmen  können,  dass 
umständliche  Zurüstungen,  ein  grosser  Spielplatz,  Opfer  an  Arbeit 
und  Geld,  ähnlich  wie  in  den  geistlichen  Spielen,  fürs  GrNSp 
erforderlich  waren. 

Von  der  gewöhnlichen  nmstandslosen  Pflege  des  Fastnacht- 
spiels in  Nürnberg  sticht  dieses  Riesenspiel  bedeutend  ab.  Ausser- 
halb Nürnbergs  finden  wir  allerdings  Fastnachtspiele  mit  viel 
grösserem  Aufwände  dargestellt,  da  meist  der  bessere  Bürgerstand 
dabei  mitwirkte,  nicht  wie  in  Nürnberg  erwerbslustige  Gesellen. 
Aber  die  Lübecker  Spiele  sind  von  den  oberdeutschen  unabhängig, 
und  andre  wie  das  Luzerner  Spiel  von  1592  [ZfdPh  17,  347  fif.] 
sind  bedeutend  jünger.  Von  den  älteren  Fastnachtspielen,  soweit  sie 
überhaupt  als  solche  erwiesen  sind,  reicht  keins  auch  nur  annähernd 
an  Umfang  und  Mannigfaltigkeit  des  Dargestellten  an  unser  Spiel 
heran.  —  Auffallend  ist  vor  allem  der  Inhalt.  Nirgends  findet 
sich  eine  Anspielung  auf  die  Fastnacht,  die  sonst  in  den  Fast- 
nachtspielen fast  immer  irgendwie  erwähnt  wird.  430,  32  «r.  ist 
allerdings  von  der  Verpflichtung,  um  Ostern  zu  beichten  die  Bede, 
doch  das  kann  hier  nichts  fürs  ganze  Spiel  beweisen,  da  diese  An- 
spielung nur  zum  Beichtschwanke  gehört  und  aus  der  Quelle  über- 
nommen sein  mag  (s.  S.  14()  zu  430,  32).  —  Gemeinsamer  Tanz  auf  der 
Wiese,  feierliche  Zusammenkünfte  im  Freien  machen  einen  grossen 
Teil  des  Stückes  aus.  Vor  allem  entscheidend  ist,  dass  im  Buhl- 
schaftstanze der  Bauern  und  der  Ritter  ausdrücklich  gesagt  wird, 
der  Tanz  finde  im  Mai  statt,  und  dass  in  beiden  Abschnitten 
von  der  Maibuhlenschaft  die  Rede  ist. 

Das  GrNSp  ist  also,  obwohl  es  in  einer  Sammlung  von 
Fastnachtspielen  überliefert  ist,  ebensowenig  wie  das  StPSp  ein  Fast- 
nachtspiel. Wir  haben  es  vielmehr  hier  mit  einem  zur  Maifeier 
aufgeführten  Spiel  zu  thun  (Michels  48).  Erst  spät  sind  die 
Neidhartspiele  zu  Fastnachtspielen  geworden.  Dies  geschah  erst 
mit  dem  KlNSp.  Das  GrNSp  ist  noch  ein  Glied  in  der  Entwick- 
lungsreihe, welche  von  der  unverfälschten  Volkssitte  der  Maifeier 
und  der  Maifeiertänze  über  die  Aufführungen  von  Spielleuten 
schliesslich  zum  Fastnachtspiel   führt  (s.  S.  41  f.). 

In  diesem  Entwicklungsgänge  bezeichnet  das  GrNSp  den  Gipfel- 
punkt,    Vom  einfachen  dialogischen  Spiel,  das  nicht  die  geringste 


170 

Vorbereitung  erheischte,  war  die  Darstellung  dieses  Stoffes  bis 
zur  Ausdehnung  unseres  Biesenspiels  gediehen,  um  nun  langsam 
wieder  abzufallen  und  sich  dem  Rahmen  des  kunstlosen  Nürnberger 
Fastnachtspiels  schliesslich  anzupassen  und  zugleich  der  dort 
üblichen  Roheit  zu  verfallen. 


I>a»JJKterzinger  ikzenar. 

Das  Sterzinger  Szenar  ist  die  einzige  aus  der  Blütezeit  des 
Pastnachtspiels  erhaltne  Spielrolle  eines  weltlichen  Dramas^)  und 
darum  besonders  wertvoll.  Sie  sollte  zur  Inszenierung  einesNeidhart- 
spiels  dienen;  indem  sie  besonders  Massenhandlungen  und  alles  Panto- 
mimische hervorhebt  und  erörtert,  war  sie  eine  notwendige  Er- 
gänzung des  Textes  für  den  Spieler  wie  für  den  Einstudierer. 

Vom  Texte  bietet  diese  Spielrolle  ausser  den  vielleicht  neu 
hinzugefügten  und  deshalb  ausgeschriebnen  Versen  des  ersten 
Vorredners  und  des  Schlusses  gewöhnlich  nur  das  erste  Verspaar 
und  die  Anfangsworte  des  nächsten  Verses  von  der  jeweiligen 
Rede  einer  Person.  Eine  Vergleichung  des  Textes  mit  den  andern 
Behandlungen  ist  darum  so  gut  wie  ausgeschlossen.  Man  muss 
sich  an  den  Inhalt  halten,  was  keine  Schwierigkeiten  macht,  da 
leicht  zu  ermitteln  ist,  um  was  es  sich  handelt.  Die  einzelnen 
Stichverspaare  lassen  meist  erkennen,  was  ihnen  noch  folgte, 
manchmal  geben  andre  Neidhartspiele  Aufschluss,  vor  allem  leisten 
die  sehi*  genauen  Anweisungen    gute  Dienste. 

Das  Szenar  ist  nicht  von  der  Hand  Vigil  Rabers*).  Es  ist 
eine  Quarthandschrift  ohne  Jahr^).  In  dem  übrigens  nicht  voll- 
ständigen Verzeichnisse,  das  Raber  von  seinen  Folio-  und  Quart- 
handschriften machte:  „Was  von  langen  und  gfiertn  spillpüechl 
oder  register  in  der  lad  lign.  Aimo  1534.  9.  Novembr",  steht 
an  20.  Stelle:  „3  neythai-t  Buecher  gfiert^)'*.  —  Raber  hatte  sich 


*)  vgl.  Heinzel,  Abhandlungen  zum  altdeutschen  Drama,  Wiener  Sitz. 
Ber.  134.  Jhg.  1895,  Wien  1896,  S.  16.     ' 

')  Sterzinger  Spiele  nach  den  Aufzeichnungen  des  Vigil  Kaber  horsgg. 
V.  Dr.  Oswald  Zingerle  =  Wiener  Neudrucke  9  u.  11,  Wien  1886  I.  Bändchen 

s.  vnf. 

■)  Wackemell,  Altdeutsche  Passionsspielo  ans  Tirol  =  Quellen  n.  Forsch, 
z.  Gesch.  Lit.  u.  Sprache   Österreichs  u.  seiner  Kronl&nder  I  Graz  1897  8. 


172 


also  jedenfalls  verschiedne  Neidharttexte  besorgt,  um  nach  seiner 
Weise  daraus  ein  neues  Neidhartspiel  zu  machen.  Ob  er  es  aus- 
geführt hat,  wissen  wir  nicht.  Möglicherweise  war  diese  Spielrolle 
in  Quart  eins  der  „3  neythart  Buecher".  Vielleicht  schreibt  er 
deshalb,  weil  eins  davon,  eben  das  StSz,  kein  Spieltext  war,  in 
seinem  Register  „Buecher",  nicht  „spill",  während  er  sonst  darin 
von  „spill"  spricht.  Der  dazu  gehörige  Text  mag  vielleicht  auch 
unter  den  3  Neidhartbüchem  gewesen  sein. 

Ausser  Vor-  und  Schlussrede  finden  sich  101  Verspaare  an- 
geführt, die  auf  ebensoviel  Reden  und  Gegenreden  weisen.  Das 
Spiel,  dessen  Spielrolle  uns  vorliegt,  muss  also,  worauf  schon 
die  Zurüstung  schliessen  lässt,  an  Umfang  nicht  unbedeutend  ge- 
wesen sein.  Es  mag  ungefähr  in  der  Mitte  z\vischen  GrNSp  und 
KlNSp  gestanden  haben. 


Mundart  der  Handschrift  0- 

au  für  arAubentewr  237,  i.  BGr.  71.  AGr.  52,96.  MGr.  88. 

O  für  a  :  Voss  259.  BGr.  22.  AGr.  25,  83, 116.  MGr.  23. 

i  für  ie  :  ier    237,  1.2,    245,  1,   250,  1,    251,3,   253,  1  u.    ö.;   dier 

262,  3.  BGr.  90.  MGr.  45,  473  f. 
ö  für  ü  :  törs  257,4  .   BGr.   26,13  [wohl  ö    für  e,  welches  vor  r 

für  ü  steht]. 
6  für  e  (vor  rn)  :  vngeern  :  geweern  250,  2;  weern  251,  2;  geleemt 

237,  1.  BGr.  48,43.  MGr.  42. 
ö  für  e  :  frömbd  246, 3.  BGr.  26.  MGr.   22. 
Altes  und  junges  ei  werden  unterschieden.  Für  dieses  wird 

ey  oder  ei  gesclirieben,  für  jenes  ay  oder  ai. 
Umla ut  durch  ei  :  öhem  245, 1,3.  BGr.  57.  MGr.  111;  PBB  20,  344; 

Wilmanns,  Deutsche  Gramm.  P§199  Anm.  3.  s.  S.  52. 
Unechter  Umlaut,  ö  (vor  Liquiden)  :  vürdrist  21^6;  sölich  250,  3  . 

BGr.  25. 
ü  (vor    Nasal)  :  vntior  237;    frümmkait  241,  i;  künnet    254,  1  ; 

künnent  237,  i;  sün  262  (sun  258).  BGr.  32. 

*)  Die  Anweisungen  führe  ich  nur  nach  den   Seiten  an.     Bei  den  Versen 
zähle  ich  die  einzelnen  Reden  der  verschiednen  Personen. 


173 


Umlaut  fehlt  bei  o  :  hoflich  238.  BGr.  25. 

bei  u:herfur  239;    vber  259.  BGr.  29.  MGr  (U. 

Abfall  von  n  :  dyern  23r),237;  pewrin  25(>.  BGr.  167.  MGr.  215. 

Abfall  von  t :  Artz  252flf.  BGr.  143.  MGr.  194. 

Anfügung  von  t :  wolauft  243,  4;  grüest  255,  2.  BGr.  142f. 
MGr.  194. 

Ch  für  h  :  secht  254,  i;  zyechkarrn  261.  BGr.  183,187.  MGr.  233 f. 

p  für  b  im  (Anlaut)  :  pennck  237;  pyn  240,  i;  pöse  243,  i;  pist  248,  2; 
fürpannck  252;  pyss  239, 1;  pald  253,  4;  paur,  nachper.  BGr 
121.  MGr.   159. 

b  für  w:awbe  240,4.  BGr.  124f.  MGr.  159f. 

Part,  praes.  auf  -und.  sytzund  238,  259.   BGr.  289. 

sein  :  2.  sg.  imp.  pyss  239,  ^,  BGr.  298.  AGr.  353.  MGr.  363. 

wellen  :  2  pl.  praes.  wöltt  251, 1;  wellet  258,  5.  BGr.  335.  MGr. 
421. 

kernen  :  vernomen  (part.)  261,  3. 

Die  Dualformen  des  Pron.  der  2.Pers.  ennck  248,3,  251,2, 
enncker  259,  2;  es  245,  5,  253,  .s.  BGr.  358,  3()2.  MGr.  474, 
480.  Diese  Formen  können  naturgemüss  nur  in  den  Versen 
vorkommen,  nicht  in  den  Anweisungen.  Da  aber  die  Verse 
häufiger  die  allgemein  gebräuchliche  Form  des  Plurals  ver- 
wenden, so  liegt  die  Vermutung  nahe,  dass  diese  seit  dem  13. 
Jhd.  bei  österr.  Dichtern  belegten  mundartlichen  Fonnen  erst 
später  eingeschleppt  worden  sind. 

Der  Acc.  plur.  des  Pron.  ist  eu  :  244, 1,  251,2,  253, 1, 
254,  3.  BGr.  358.  MGr.   474. 

In  der  Rolle  finden  sich  schliesslich  mundartliche  Aus- 
drücke :  pfuchytzen  243,  SchmeUer  P  423;  gröppytzs  260, 
Schmeller  1 1007,  III 31;  zenicht251,  2,  Schm.  I  1719;  kluppen 
249,  Schm.  I  1335f.;  protze  261,  Schm.  1377. 


Mundart  des  Dichters  (Reimgrebrauch). 

a  :  ft  waft'en  :  geschaffen  253,  3;  gelassen  :  hassen  263  ;  man  :  plan 
237,  1,  242,  2  ;  man  :  han  239,  2  ,  252,  1  ;  man  :  g:etan  240,  4, 
260,  1.  BGr.  36.  MGr.  24. 

ae  :  e  mer  :  her  258,  5 ;  nachper  :  mer  239,  '^.  BGr.  43. 


174 


e  :  8  (vor  r)  Schyrmer  :  her  246,  4.  Vogt,    Forsch,  z.  dtsch.  Phü. 

Festg.f  B.  HUdebrand  Leipzig   1894  S.    l(>2ff.  BGr.    212,12. 

MGr.  41. 
6  :  oe  (vor  r)  geleert :  gehört  253,  i.   BGr.   47. 
i  :  ie  schyer  :  mier  253,  2.  BGr.  90,357.  MGr.  45. 
o  :  ft  daruon  :  han  251, 3.  BGr.  55,38. 

au  :  eu  (=  mhd  iu)  vertrawenn  :  gerewenn  258, 1.  BGr.  70,101. 
b  :  g  gehabt :  gesagt  263. 

nd  :  nn  Lynnden:  ynnen  247,3.     BGr.  171.  MGr.  216. 
m  :  n  frumm  :  gunn  238, 3 .  BGr.  169.  MGr.  216. 
ng  :  nd  mysselunng  :  kund  237, 1.  BGr.  171. 
nachbaur  erscheint  nur  im  stehenden  Reim  :  Zeysslraawm  262,  5 

in  dieser  vollen  Form,  vgl.  S.  159  zu  416,28;  MSH  HI  238^  4; 

NF  1767,  1736,  u.  ö.  sonst  ist  das  Kompositum  geschwächt 

zu  Nachper.  s.  Schm eller  1 187,  1736;  im  Reim  :  mer  (=maer) 

239,  8  . 
-lieh  erscheint   als   -leich  [Hdschr.  -lieh],  allermenigklich  :  reich 

263. 
-in    steht    neben     —    ein    [Hdschr.  -in],     herzogin  :  se3''n  243,2 

[herzoginn  :  synn  243, 4].   BGr.  78. 

Das  Spiel  selbst  scheint,  soweit  sich  noch  erkennen  lässt,  grob 
mundartliche  Formen  vermieden  zu  haben.  Es  steht  darin  den  älteren 
Stücken  der  Sterzinger  Sammlung  nahe  (Michels  51  ff).  Die  Spiel- 
ordnung enthält  dagegen  eine  Reihe  mundartlicher  Ausdrücke  und 
Formen,  die  auf  tirolische,  dem  schwäbischen  Nachbargebiet  nahe 
liegende  Heimat  weisen. 


Versbau. 

Die  Mehrzahl  der  Verse  ist  glatt  gebaut.  Fehlende  Senkun- 
gen finden  sich  wenig.  Einige  Verse  sind  wohl  zu  lang  und 
lassen  sich  leicht  auf  das  richtige  Mass  bringen,  so  dass  man 
vermuten  könnte,  Spieler  und  Schreiber  haben  verdorben.  Doch 
es  liegt  hierwieimGrNSp.  Nicht  immer  genügt  eine  blosse  Streichung. 
Man  wird  also  mit  überfüllten  Senkungen  zu  rechnen  haben. 

Neben  vierhebigen  Versen  stehn  auch  noch  einige  stumpfe 
dreihebige,  welche  mit  jenen  im  Reime  gebunden  vorkommen, 
z.  B.   239,  3  0  Ebergugl,  lieber  Nachper,   Das  sint  nit  gute  M^r; 


175 


24'2,  2  Sy,  Neydthardt,  du  vil  werder  Man,  Wol  h^e  auf  disem 
Plaan;  262,  3  Lieber  Man,  Ich  sag  dier  das,  Ich  w6st  vor  Zeitn 
päss.  Diese  Erscheinung  lässt  einen  ungefähren  Schluss  auf  die 
Abfassungszeit  des  Spiels  zu.  Jedenfalls  gehörte  das  Spiel  nicht 
in  die  Zeit  der  Raberschen  Aufzeichnungen,  die  1510 — 1535  fallen. 
Es  iDuss  bedeutend  älter  sein.  Über  die  Mitte  des  15.  Jhdts. 
werden  wir  nicht  viel  hinausgehn  dürfen  (s.  S.  24  u.  64).  Dass 
Raber,  wenn  die  S.  172  geäusserte  Vermutung  richtig  ist,  ein  be- 
deutend älteres  Spiel  oder  dessen  Rolle  benutzen  wollte,  ist  nicht 
auffällig.  Er  hat  auch  sonst  zum  Teil  sehr  altertümliche  Spiele 
ausgeschrieben  *). 


Inhalt. 

l.  Einleitung. 

Nachdem  im  feierlichen  Aufzuge  die  Spieler  unter  Vorantritt 
der  Musik,  eines  Wegbahners  und  des  Praecursors  bis  an  die  Schranken 
gekommen  sind,  tritt  der  erste  Praecursor  allein  in  den  abge- 
steckten Platz  hinein  und  eröffnet  das  Spiel  mit  der  Bitte  um  Nachsicht 
für  etwaige  Fehler.  Ein  zweiter  Praecursor  giebt  einen  Über- 
blick über  das  aufzuführende  Spiel.  —  Nun  erst  nehmen  die 
Spieler  auf  den  für  sie  hergerichteten  Bänken  Platz. 

n.  Die  Veilchengeschichte  und  ihre  Folgen. 

A.  Das  Suchen  der  Blume.  Die  Herzogin  fordert  die 
Ritter  auf,  das  erste  Frühlingsveilchen  zu  suchen  (238,  1)  un(^ 
wünscht  Neidhart,  der  sich  sofort  dazu  erbietet  (238,  3),  viel  Glück 
auf  den  Weg  (238,  3).  Neidhart  verabschiedet  sich  von  ihr  und  spricht 
mit  seinen  Rittern  (238, 4),  die  mit  ihm  das  Veilchen  suchen 
gehn.  Mitten  im  Plan  findet  er  es,  begrüsst  es  mit  freudigen 
Worten  (239,  1)  und  deckt  es  mit  dem  Hute  zu.  Die  Bauern 
haben  das  gemerkt  und  beraten  sich  abseits,  während  die  Bitter 
noch  ums  Veilchen  herumstehn.    Kaum  haben  die  sich  entfen 


')  Michels  51fr. 


176 

80  kommen  sie  herbei  und  sprechen  von  Neidhart  (239,  2,  s).  Da 
kommt  EUsehnpreeht  auf  den  Gedanken,  statt  des  Veilchens  ihm 
eine  andre  Blume  hinzusetzen  (240, 1).  Trotz  des  Widerspruches 
seines  Weibes  (240,  2),  das  er  hart  anfährt  (240,  3),  fuhrt  er  es  auch  aus. 
Als  er  zu  den  übrigen  zurückkonmit  und  Elsamut,  sein  Weib, 
ihn  ängstlich  fragt,  was  er  gethan  habe  (240,  4),  klagt  er  über 
die  grosse  Anstrengung,  die  er  dabei  gehabt  (240,  5)  und  schimpft 
dabei  auf  den  gemeinsamen  Feind  (241, 1).  Schadenfroh  über 
den  verübten  Unfug  dankt  Engelmar  freudig  dem  EUsehnpreeht 
(241,  2).  —  Neidhart  geht  nun  zur  Herzogin,  verkündet  ihr  den 
Fund  des  Frühlingsboten  (241,  3)  und  wird  zum  Danke  mit  einem 
Kranze  von  ihr  belohnt  (241,  4).  Er  heisst  nun  die  Musikanten 
aufspielen  (242, 1),  und  in  feierlichem  Zuge  gehts  zum  Veilchen, 
das  von  allen  umtanzt  wird,  nicht  nur  von  der  Herzogin,  den 
Jungfraun  und  Rittern,  sondern  auch  von  den  Bauern.  Die  Her- 
zogin heisst  nun  Neidhart  den  Hut  aufheben  (242,  2),  der  vorher 
noch  einmal  die  Schönheit  des  Veilchen  preist  (242,  s).  Voll 
Schrecken  sieht  sie  die  sonderbare  Blume  und  beginnt  heftig  zu 
schelten  (243, 1). 

Eine  Jungfrau  bittet  für  Neidhart  um  Gnade  (243,  2),  während  die 
andre,  die  böse  auf  ihn  zu  sprechen  zu  sein  scheint,  widerspricht  (243,  s). 
Ein  Hofmeister  mahnt  jedenfalls  zur  Umkehr  (243, 4),  und  die 
Hofgesellschaft  zieht  wieder  ab  und  lässt  die  Bitter  stehn.  Die 
dritte  Jungfrau  weist  Neidhart,  ehe  sie  geht,  aus  dem  Lande  (244,  1). 

B.  Neidhart  klagt  nun  abseits  bitter  über  sein  Unglück 
(244,  2). 

C.  Die  Rache.  Er  lässt  durch  seinen  Knecht  Schlicknwein 
seine  Ritter  kommen  (244,  3, 4),  die  ihn  sogleich  nach  dem  Grunde 
seiner  Traurigkeit  fragen  (245,  1)  und  ihm  nach  seiner  Erzählung 
(245,  2)  versprechen,  bei  der  Rache  seine  Helfer  sein  zu  wollen 
(245,  s).  —  Da  konmit  Engelmar  als  Abgesandter  der  Bauern  zu 
Neidhart  (245,  4),  der  ihm  die  ünthat  vorhält  (245,  5);  und  als 
ein  Ritter  den  Thäter  zu  sehn  verlangt  (245,  e),  meldet  sich 
EUsehnpreeht  schadenfroh  selbst  (246,  1),  worauf  ihm  ein  andrer 
Ritter  mit  seiner  Rache  droht  (246, 2).  Dann  kommt  ein  Fecht- 
meister und  rühmt  und  zeigt  seine  Kunst  (246, 3).  Nun  treten 
einander  abwechselnd  paarweise  je  ein  Ritter  und  ein  Bauer  entgegen, 
im  ganzen   5  Paare,  die  sich  mit  groben  Drohreden  einander  an- 


177 


prahlen  (246, 4—248, 3).  Der  letzte»  Ritter  fragt  Neidhart  um 
Bat,  wie  den  Bauern  am  besten  beizukommen  sei  (248,  4).  Der 
erteilt  ihm  die  gewünschte  Auskunft  (248,  5)  und  schickt  darauf 
seinen  Knecht  Zyppryan  mit  einem  Absagebriefe  zu  den  Bauern 
(249,  1, 2),  den  diese  aber  nicht  lesen  können,  weshalb  sie  den 
Überbringer  bitten,  ihn  vorzulesen  (249,  3).  Kaum  ist  er  fertig 
(250, 1),  so  äussert  Engelmar  gleich  seine  Kampflust  (250, 2), 
worauf  der  Knecht  seinem  Herrn  Bericht  erstatten  geht  (250,  s). 
Neidhart  mahnt  nun  seine  Bitter  noch  einmal  an  ihre  Aufgabe 
(250,  4);  auf  der  andern  Seite  ruft  der  Mayr  in  der  Pewnt  seine 
Genossen  zusammen  (251,  1).  Nun  stürzen  sich  die  Ritter  unt^r 
Neidhart,  der.  alle  Bauern  seiner  Rache  opfern  will  (251,  2),  auf 
sie,  es  kommt  zum  wilden  Kampfe,  wobei  EUschnprecht  einen 
„Schynnckn"  verliert,  und  P]ngelmar  und  einige  andre  verwundet 
werden.  Eberzandt  bittet  jämmerlich  um  Gnade  (251, 3),  und 
Ellschnprechts  Weib  jammert  um  ihren  Mann  (252,  1),  der  jetzt 
ganz  kleinlaut  geworden  ist. 

D.  Die  Heilung.  Ein  Arzt  kommt  mit  seinem  Knechte 
herbei,  offenbar  von  weiter  Reise,  denn  er  ist  der  Ruhe  bedürftig 
(252,  2).  Der  Knecht  Allwein  legt  Büchsen  und  Salben  auf  dem 
Tische  aus;  unterdessen  bringen  die  Bauern  auf  einer  Misttrage 
den  wunden  EUschnprecht  herbei  und  bitten  den  Arzt  um  Hülfe 
(253, 1),  die  er  auch  verspricht  (253,  2).  Er  bindet  dem  Kranken 
ein  Stelzbein  an  und  geht  mit  seinem  Diener  und  seinen  Salben 
beiseite.  Laut  jammernd  wird  dann  Engelmar  (253, 3)  von  seinem 
Weibe  Klara  aufgesucht;  aucli  die  andern  Verwundeten  werden 
von  ihren  Weibern  beklagt.  Engelmar  schickt  EQara  zum  Arzt 
(253,  4).  Dem  klagt  er  seine  Not  (254,  1)  und  verspricht  ihm 
reiche  Belohnung  (254, 3),  als  er  ihm  von  seiner  Salbe  sichere 
Heilung  in  Aussicht  stellt  (254,  2).  Der  Gehilfe  des  Quacksalbers 
schmiert  nun  unter  gutem  Zureden  (254, 4)  den  kranken  Bauern 
ein.     Darauf  begeben  sich  alle  wieder  an  ihre  Plätze. 

E.  Nun  beginnt  ein  Tanz.  Engelmar  ruft  sein  Weib  und 
schickt  sie  nach  Kränzen  für  sich  und  EUschnprecht  (255,  1). 
Während  dessen  unterhandelt  dieser  beiseite  mit  dem  Arzte  wegen 
des  Honorars.  Engelmar  sucht  ihn  auf  und  giebt  seiner  Freude 
darüber  Ausdruck,  dass  alles  wieder  so  schnell  gut  geworden  ist 
(255,  2).    Klara  bringt  die  verlangten  Kränze  (255,  3),  EUschn^^ 

(«usinde,  Neidhait  mit  dem  Veilolieu.  12 


178 


lässt  zum  Tanze  anfspielen  (256,  i),  und  er  und  Engelmar  tanzen 
zuerst,  jeder  mit  dem  Weibe  des  andern,  dahinter  die  anderen 
Bauern  „einen  langen  Bayen^. 

F.  Die  Versöhnung.  Nachdem  sich  alle  wieder  gesetzt 
haben,  geht  die  vierte  Jungfrau  zu  den  Bittern,  während  Neidhart 
abseits  steht,  und  entbietet  sie  an  den  Hof  (236, 2).  Freudig 
dankend  (256,  s)  leisten  sie  Folge.  Von  der  Herzogin  werden  sie 
beauftragt,  Neidhart  herbeizurufen  (257, 2),  der  aber  ihrer 
Botschaft  nicht  recht  trauen  will  und  erst  auf  nochmaliges  Zu- 
reden misstrauisch  und  langsam  folgt  (257,  3—258, 1).  FussfäUig 
bittet  er  die  Herzogin  um  ihre  Huld  (258,  2*),  wird  gnädig  von  ihr 
aufgenonmien  (258,  3)  und  dankt  ihr  herzlich  (258,  4). 

HI.  Neidhart  im  Fasse. 

A.  Nun  kommt  der  zweite  Praecursor  (258,5)  und  ver- 
kündet die  Ankunft  des  jungen  Neidhart,  der  von  Engelmar 
nach  seiner  Absicht  gefragt,  ihn  seiner  Freundschaft  und  des 
guten  Willens  seines  Vaters  versichert  (259,  1--4). 

B.  Nachdem  alles  wieder  in  der  alten  Ordnung  sich  aufgestellt 
hat,  beginnt  der  Fassschwank.  Es  kommt  einer  mit  einem 
Fasse,  schreit  seinen  Wein  aus  (259,  5),  zur  grossen  Freude  der 
Bauern  (260,  1).  Engelmar  ruft  die  andern  (260, 2)  namentlich 
herzu,  und  ein  lustiges  Gelage  beginnt.  Da  kommt  Neidhart  als 
Bauer  verkleidet,  begrüsst  die  Trinkenden  und  lässt  sich  mit 
ihnen  in  ein  Oespräch  ein  (260,  s).  Zuletzt  eilt  er  mit  dem  Rufe 
„Hye  Neydthardt,  zu  aller  Fart"  (261)  davon  und  kriecht  in  ein 
neu  herzugeschaiftes  Fass.  Von  den  erschrockenen  Bauern  fasst  sich 
Engelmar  zuerst  und  fordert  die  andern  zur  Verfolgung  auf  (262,  1). 
Sie  beraten  sich  nocli  unter  dem  Widerspruch  der  Weiber,  wobei 
sich  auch  der  junge  Engelmar  ins  Gespräch  mischt  (261,  2 — 262,  4) 
und  schlagen  schliesslich  wütend  auf  das  leere  Fass  los,  denn 
Neidhart  ist  längst  entwischt.  Engelmar  bringt  sie  schliesslich 
durch  einen  Aufruf  zur  Ruhe,  dessen  Hauptinhalt  wohl  ein  neuer 
Schwur  gewesen  sein  mag.  Neidhart  bei  der  nächsten  Gelegenheit 
sicher  nicht  entwischen  zu  lassen.  —  Darauf  gehn  alle  an  ihren 
Platz  und  stellen  sich  in  der  Ordnung,  wie  sie  zum  Spiele  ge- 
zogen sind,  wieder  auf. 


179 


IV.  Schluss. 

Der  Praecursor  tritt  mitten  in  die  Schranken  und  spricht 
die  Schlnssrede,  die  etwas  lehrhaft  gefärbt  ist  (263).  Mit 
Musik  zieht  nun  der  Zug  wieder  ab. 


Ähnliehkeit  zwischen  StSz  und  OrNSp. 

Trotz  mancher  Verschiedenheiten  zeigt  doch  das  StSz  vielfach 
grosse  Ähnlichkeit  mit  dem  GrNSp. 

Der  Gang  der  Veilchengeschichte  ist  ein  ähnlicher.  Die  Herzo- 
gin fordert  238,  i  die  Ritter  auf,  das  Veilchen  zu  suchen  wie  im 
GrNSp  410,  28.  Sofort  meldet  sich  Neidhart  (238,  3  :  411,  ii)  und 
macht  sich,  von  den  Wünschen  der  Herzogin  begleitet,  auf  den 
Weg  (238,8:411,2g).  Er  begrüsst  freudig  die  gefundene  Blume 
(239,  1  :  411,  82),  geht  zum  Hof  zurück,  um  die  Kunde  zu  über- 
bringen (241,8  :  412,24)  und  erntet  dafür  reichen Dank(241,  4  :  413,  5). 
Neidhart  heisst  die  Spielleute  aufspielen  und  fahrt  die  Herzogin 
und  ihr  Gefolge  zum  Veilchen  (242,  1 :413,  le).  Es  folgt  nun 
die  Entdeckung  des  Unrats  und  die  Prügelei  der  Bauern,  wenn 
auch  in  abweichender  Behandlung,  so  doch  mit  ähnlichen  Motiven. 
Nachdem  die  Prügelei  die  Rache  und  damit  den  Schluss  für  den 
Veilchenraub  und  seine  Darstellung  gebracht  hat,  erfolgt  die  Aus- 
söhnung mit  der  Herzogin  (256,  2ff:  423,5fr.  ).  —  Wenn  auch  die 
in  allen  Spielen  wiederkehrende  Veilchengeschichte  eine  ähnliche 
Behandlung  mit  sich  brachte,  so  ist  doch  die  durchgehende  Über- 
einstinmiung  dieser  beiden  beachtenswert.  Die  Begrüssung  des 
Veilchens  und  die  Aussöhnung  mit  der  Herzogin  nach  voUzogner 
Bache  hat  das  StSz  mit  dem  GrNSp  allein  gemeinsam. 

Auch  ausserhalb  der  Veilchenerzählung  finden  sich  überraschende 
Übereinstimmungen.  —  Im  StSz  wie  im  GrNSp  tanzen  die 
Bauern  noch  nach  ihrer  Verstümmelung,  allen  voran  Ellschnprecht 
mit  seinem  Stelzbeine  und  der  zerschlagne  Engelmar.  Die  Absicht 
ist  dieselbe.  Der  Dichter  will  auch  hier  durch  das  Humpeln  der 
tanzlustigen  Dorfinvaliden  recht  drastisch  wirken  und  die  Bauern 
dem  Hohngelächter  der  Zuschauer  preisgeben.  Wenn  beim  Tanz 
Klara,  Engelmars  Weib,  für  die  beiden  Hauptpersonen,  ihren  Mann 


180 


nnd  Ellschnprecht,  Kränze  kaufen  soll,  so  kann  man  vielleicht  noch 
einen  Anklang  an  die  beiden  Preise  Frideruns  sehn.  Mit  der 
Spiegelgeschichte  mnsste  natürlich  auch  der  Spiegel  fortfallen. 
Da  der  Tanz  nämlich  mit  einiger  Feierlichkeit  verbunden  ist,  so 
kann  man  ihn  nicht  mit  den  einzelne  Schwanke  einleitenden  Tänzen 
des  GrNSp  vergleichen,  sondern  eher  mit  dem  Lobetanz,  der  dem 
Spiegelabenteuer  vorangeht.  Nachdem  dies  fortgefallen  war,  muss 
er  vor  den  zweiten  Praecursor  nach  der  Heilung  gesetzt  worden 
sein,  während  der  Fassschwank  mit  dem  Weinwirt  an  der  alten 
Stelle  blieb.  Hiermit  haben  wir  schon  einen  neuen  Berührungs- 
punkt der  beiden  Spiele  erwähnt.  Beide  haben,  wenn  auch  teilweise 
in  andrer  Darstellung,  (S.  192fl*.),  die  Fassgeschichte  und  damit 
verbunden  den  seinen  Wein  ausbietenden  Wirt,  der  hier  seinen 
Wein  selbst  ausruft.  Ein  Knecht  wird  nicht  genannt.  Er  kommt 
auch  im  StSz  den  Bauern  260,  i  sehr  gelegen  und  erhält  reichen 
Zuspruch  wie  449,  nir.  im  GrNSp. 

Wenn  Engelmar  die  Bauern  alle  beim  Namen  aufruft,  so 
erinnert  das  an  die  Namenaufzählung  Engelmars  403,  n  und 
an  die  des  Praecursors  445,  J7.  Dass .  unter  den  fünf  angeführten 
Namen  sich  kein  entsprechender  findet^),  besagt  nichts.  Einmal  sind 
diese  fünf  nur  der  Anfang  einer  langen  Reihe,  dann  aber  lag 
gerade  hier  für  die  Phantasie  eines  Dichters  ein  weites  Feld  offen. 

Wenn  die  Bauern  262  wütend  aufs  Fass  losschlagen,  so  kann 
man  möglicherweise  an  das  Säulenspalten  462,  i  denken,  doch  s. 
S.  137. 

Besonders  zu  beachten  ist  der  Umstand,  dass  in  beiden  Spielen 
nach  einem  Hauptabschnitte  in  der  Handlung  ein  zweiter  Praecursor 
auftritt  (258,  5  :  444,  20).  Im  GrNSp  machte  das  Teufel  spiel  den 
Einschnitt,  im  StSz  war  alles,  was  bis  dahin  vorgegangen  war,  im 
weitesten  Sinne  zur  Veilchengeschichte  gehörig,  die  erst  mit  der 
Aussöhnung  Neidharts  mit  der  Herzogin  ihren    vollständigen    Ab- 


*)  Man  mnsste  gerade  Sawffwoin  "260,  2  mit  Schlickenprcin  446,  1  und 
Schottenschlicker  445,32  in  Zasaromenhang  bringen  wollen.— GrNSp  445,  2.'>: 
^Si  körnen  dort  her  mit  schalle.  Ich  nenne  euch  si  wol  alle.**  ist  eine  zu 
oft  wiederkehrende  Phrase,  um  sie  mit  StSz  259,  5 :  Hört,  Icr  Ritter  und 
Edlleüt  alle,  Wie  ler  hye  versammet  seyt  mit  schalle**  (vgl.  260,  3)  in  Zu- 
sammenhang zu    bringen. 


181 


schlüss  fand.  Beidemal  wird  also  der  letzte  Teil  besonders  einge- 
leitet, dort  die  Spiegel-,  hier  die  Fassgeschichte  allein.  Der 
zweite  Praecursor  ist  sogar  beibehalten,  obwohl  er  keine  richtige 
Einleitung  giebt,  sondern  nur  den  jungen  Neidhart  bei  den  Bauern 
einzuführen  hat.  Auch  sprachlich  erinnert  das  StSz  trotz  der  wenigen 
überlieferten  Verse  an  das  GrNSp. 


337,  1  Wann  Sj  knnnent  nit    alle    Icsn 
Ir  sint  Ettliche  nyc  zn  Schul  gewesn. 
vgl.   249,3. 

238,  2  Gen&dige  fraw  Fürstin  wol  getan. 
Ich  wil  mich  jctze  da  understan. 

238,  4  Ich  bjn  genannt  der  Nejdthardt, 
Ain  fryscher  Kitter  zu  diser  fart.  vgl. 

243,  8. 
240,  4  Awbe   Ellschnprccht,   mein  lieber 
Man, 
Nu  sag    an,  was  hast  du  getan? 
260,  1     Sj,    hab  jmmer  daniick,    lieber 
Furman. 
Du  hast  all  dein  Tage  nyc  so  recht 
getan,    vgl.  241,  2. 

239,  1  Pyss  willig  komen,  du  edls  Plüome- 

lein. 
244,  2  Ach,  Waffen  vnd  wee  diser  grossn 
Schannde I 
Es  ergicng  nyc  keinem  mer  in  disoui 
lannde. 
244,  4  Merkt,  ler  liebn  Herren  alle. 
Wie  Ew  mein   Potschaft  gefalle. 

256,  3  Habt  ymnier  danuck,  edle  Jungk- 

fraw  zarrt, 
Ewr  Potschaft   hören   wir    geom    zu 
diser  fart.    vgl.  257,  2. 

250,2  Hoho,  die Mere hör  Ich  nitvungecm, 
Vechtns  wellen   wir  Sy  wol  gewcern. 

257,  1  Genädige  Fraw  Fürstin  hochgeniayt. 

vgl.  258,2. 
259,  4  Ich  sag    Ew  allen  auf  meinn  Ayd, 

Mein  vaU^r  tut  Ew  warlicli  kain  Layd. 
257,  5  Neydthardt,  Ic/sullet  nit  verzagen, 

ler  soltsgarkocklich  wagn.  vgl.  257,  4. 


434,  28  Und  künden  weder  singen 
noch  lesen. 
Vor  dreien  tagen  sein  mir  pau- 
ren  gewesen,  vgl.  433, 33. 

s.  S.  149  zu  V.  406, 19. 
s.  S.  149  zu  V.  413,  5. 


s.  8.  149  zu  V.   432,  2. 


411,32  60t  grüss  dich,  plüemlein 


wunsam ! 


s.  S.  21. 


s.  S.  144  zu  V.  393,  4. 

408, 16  Darumb  liebu  junkfrau  zart, 
Sccht  an  mein  pet  zu  diser  fart. 
vgl.Sterz.SpXI387;   Fsp  128,  10 

Innsbr.  Mar.  Himf.  1283  u.  ö. 

Wirth    160. 
427,  11  Herr,  das  tuen  ich  gem. 

Ich  will  euch  wol  gewem. 
8.  S.  150  zu  V.  418,  15. 

s.  S.  145  zu  V.  422,  so. 

398, 1:1  Wolt  ir   nit  verzagen, 
So  wolt  ich  gern  mit  euch  wagen. 


Xoch  dne  Uebereinstiinmiuie  Wider  Spiele  besteht  in  da 
Bedeotung.  dir  der  Tanz  in  ihnen^hat.  Wie  die  Baaem  GrXSp 
-k»3,  r.  um  den  Maien  tanzen,  s».'  tanzen  sie  StSz  'J42  (^s.  S.  l'*4f) 
am  da»  Veüchen.  Die  Hofgeselbc-han  tanzt  242  wie  GNSp  413  Ji- 
Die  Baaem  tanzen  «cLliesslicü  25»i.  w.:.bei  «ie  Kränze  tragen,  — 
die  andern  werden  w*M  dem  Beifpirle  ihrer  Anführer  (255,  i-  i) 
gef«>lgt  -ein,  —  wie  häofig  im  GrXSp  [S.  l»iti^,  besonders  im  Lobe- 
tanz, wi*  de  eleichfalls  bekränzt  ijewt^en  sein  werden.  Dazu 
k«>mmt  der  feierb'che  Abzog  and  Aufzog.  Das  Sterzinger  Spiel 
gleicht  also  aoch  darin  dem  GrNSp,  dasi  es  ebenfalls  in  herror- 
ragendem  Masse  ein  Tanzspiel  ist.  fibenso  war  die  Aoff ührongszeit 
sicherlich  die  gleiche  (s.  S.  2*  »2  f ). 


Der  Prolog*. 

Gleich  im  Eingange  des  Spiels  fallt  der  doppelte  Prolog  aof.  — 
Wie  das  Schi oss wort  2ȟ3  no^h  einmal  das  Ihema  im  allgemeinen 
streift,  so  kündigt  der  zweite  Prolog  das  Stück  an  nnd  weist 
korz  aof  den  Inhalt  hin,  oder  wenigtens  wie  im  GrNSp  aof  den 
des  ersten  Teils.  Diesen  Versen  ist  nun  noch  eine  Einleitung 
vorgeschoben  worden,  die  mit  dem  Spiele  nicht  das  Geringste 
zo  thon  hat.  Dabei  ist  auffallig,  dass  der  liier  aoftretende  zweite 
Praecursor  v-^rher  im  Aufzuge  nicht  genannt  war.  Dem  darf 
man  nicht  den  Praecursor  des  zweiten  Teils  258,  5  entgegen  halten. 
Hier  ist  gewiss  kein  neuer  Praecursor  aufgetreten,  sondern  wie  im 
<irNSp  erschien  der  Sprecher  der  Einleitung  wieder.  Im  Anfange 
sind  aber  zwei  Einschreier  unbedingt  notwendig.  Dazu  kommt 
dass  die  Bede  des  ersten  auf  der  des  zweiten  zu  fussen 
scheint.     Vgl. 

Hort  zuIrrFrawenn  vnd  ler  Man.  Mt'rkt.Ii'rManvndaach  Icr  Frawenn, 

. .  .1er  werdirlst-ltzam  Abonlewr  M'hfii.       Woliche    hübsche    Aubont<*wr    well« 

schawenn. 

Der  erste  Pndog  ist  jedenfalls  spatere  Zuthat,  wobei  es  don 
HinzufOger  hauptsächlich  um  die  Bitte  um  Nachsicht  zu  thnn 
gewesen  i>t,  wie  .sie  sich  in  <len  Prolngeii  öfters  findet,  z.B.  Sterx. 
Pass.  aMchler)  S.  IG^Tir.  Pass.  122411':  ,Und  treybt  daraus  nit 
schiinph  noch  s}»ut,  Al<  man  manitreii  emben  menschen  rindt: 
Alspald    er    enpliinrlt.    Das    auwr     in    ainem    reim    misredt,    So 


183 


treybt  er  dar  aussein  gespött  Und  lacht  der  figor  gar.  Des 
man  nicht  tuen  solt  fftrwar,"  oder  Babers  Pass.  70  f  (Wackemell 
S.  437  Lesarten):  „Wellet  schweigen  unnd  stiller  stan  und  der 
spnllent  nit  spotten  noch  verachten.^ 


Das  Veilehenabenteuer. 

Erst  nach  der  Rede  des  zweiten  Einschreiers  betritt  der  Zug 
der  übrigen  Mitspieler  den  Spielplan,  um  die  hergerichteten 
Plätze  einzunehmen,  worauf  die  Veilchenszene  beginnt.  Dem 
GrNSp  gegenüber  ist  das  StSz  in  der  Schilderung  der  Vorgänge 
von  der  Aufforderung  der  Herzogin  zum  Suchen  bis  zur  Klage 
Neidharts  viel  ausführlicher.  So  versucht  das  Szenar,  die  Bitter 
Neidharts  auch  beim  Veilchensuchen  teilnehmen  zu  lassen,  während 
doch  sonst  Neidhart  allein  auszieht,  das  Veilchen' findet  und  allein  der 
Herzogin  die  Botschaft  überbringt.  Hier  geht  Neidhart  nach  der 
Verabschiedung  von  der  Herrin  238,  4  zunächst  zu  seinen  Bittern 
and  zieht  mit  ihnen  gemeinsam  aus,  die  Blume  zu  suchen.  Als 
er  sie  gefunden  hat,  umstehn  sie  sie  alle  zusammen  und  „redent 
miteinannder  daruon^. 

Neidhart  geht  nun  mit  seinen  Leuten  nicht  bald  an  den 
Hof,  um  die  frohe  Kunde  zu  überbringen,  sondern  sie  „geent 
.  .  .  wyder  an  Ir  Ort,  und  sytzent  nyder,"  um  den  Bauern  Zeit 
für  ihren  Unfug  zu  lassen. 

Der  Baub    und  Ersatz  des  Veilchens    ist  im  StSz  mit   ganz 
besonderer  Liebe  ausführlich  dargestellt.     Das  GrNSp  hatte  mitten 
in  dem  sonst  so   lebendigen    Spiele  (S.  71)  diese   Handlung  nur 
als  Pantomime  in  der   Bühnenanweisung  412,  le.     Das  StSz  sucht 
hier  besser  zu  verarbeiten.     Während  Neidhart  mit  den  Bittem  noch 
bei   der   Blume    steht,    halten    die    Bauern    schon   heimlich  Bat. 
Ebergugl  (239, 2)  hat  offenbar  Neidhart  beim    Suchen  beobachtet 
und  macht  den  Vorschlag,  ihm  einen  Possen  zu  spielen.    Ellschn- 
precht  ist  trotz  des  Abratens  seines  Weibes  gleich  bereit  z'^^.  t) 
und    besorgt    sein    Geschäft   zur   besonderen  Fr 
Hier  machen  sich  jetzt  alle  Bauern  mitschuld 
That,  sodass  für  sie   die   Folgen    der  gros« 
verdient  sind,  während  im  GrNSp  zahlref 


184 


wurden,  obwohl  sie  von  Engelmars  That  nichts  wussten  und  erst 
später,  allerdings  voll  Genugthuung  davon  hörten  (418,  2  ff,  ä  ff). 
Nachdem  das  Spiel  seinen  höfischen  Anstrich  verloren  hatte,  war 
die  derbe  Ausführung  im  StSz  ein  dramatischer  Fortschritt.  — 
An  die  Unterhaltung  der  Bauern  im  GrNSp  beim  Berichte  von 
der  That  erinnern  die  Reden  der  Bauern  nach  vollbrachtem  Unfuge 
in  StSz.  Vgl. 


241, 1  Liebn  Nachpem,  Ich  sag   £w 

newe  Mere, 
Der  Neydthardt  ist  aller  frümm- 

keit  lere. 
Er  hat  hewt  etc. 
241, 1  Hab  jmmer  dannck,  mein  lieber 

EUschnprecht, 
Du   tetst   all  dein    Tage   njo   so 

recht, 
Nnn  hab  er  Ime,  etc. 


418,  12  Ir  herren,  ich  sag  euch  das, 
Umb  den  ncid  und  omb  den  has, 
Den  der  Neithart  zu  uns  trait. 


418,  39  Hab  dank,  her  Enzlman! 
Er  hat  uns  leides  vil  getan. 
.    .    .    Darurab     entmochen    mir 

ni(ch)t. 
Wie  vil  im  lasters  peschicht! 


Nach  voUbrachtem  Unfage  setzen  sich  die  Bauern  alle  wieder 
auf  ihre  Plätze,  und  nun  erst  geht  Neidhart  an  den  Hof,  um 
der  Herzogin  seinen  Fund  zu  melden.  Das  Bestreben,  die 
Yeilchengeschichte  einem  derberen  Geschmacke  entsprechend  breit 
umzugestalten,  war  an  sich  zwar  ganz  gut,  aber  völlig  geglückt 
ist  es  nicht.  Als  die  Herzogin  herankommt,  um  das  Veilchen 
zu  brechen,  tanzt  Neidhart  mit  ilir  und  die  Bitter  mit  den 
Jungfrauen  um  die  Blume.  Dies  entspricht  der  alten  Ueberlieferung, 
wonach  erst  ein  fröhlicher  Reigen  um  das  Veilchen  getanzt  wird, 
ehe  man  den  Hut  aufhebt.  Vor  dem  Lüpfen  des  Hutes  lässt 
aber  das  StSz  242  erst  noch  die  Bauern  mit  ihren  Weibern 
tanzen  und  nach  beendigtem  Tanze  wieder  beiseite  gehn,  während 
die  Hofgesellschaft  sich  um  die  Blume  anstellt.  Die  Bauern 
haben  nichts  zu  suchen.  Wenn  Neidhart  mit  seinen  Gesellen  den 
Anger  verlässt  um  die  Herzogin  abzuholen,  und  die  Bauern  ihm 
einen  Schabernak  spielen  wollen,  da  ist  es  an  ihnen,  auch 
ihrerseits  zu  tanzen,  sei  es  um  das  noch  nicht  abgebrochene 
wirkliche,  sei  es  um  das  frischgesetzte  Veilchen.  An  dieser  Stelle 
sagt  aber  das  Szenar  nichts.  Der  Tanz  der  Bauern  ist  ganz 
schlecht  mit  dem  Ritter-  und  Jungfrauentanzc  zusammengeworfen 
und  zwingt  die  Hofgesellschaft  zur  Unterbrechung  ihrer  Feier.  — 
S.  183  ist  gesagt  worden,  dass  der  Dichter  die  Bitter  am  Veilchen- 


185 


suchen  theilnehmen  lässt.  Sie  sind  jedoch  nur  äusserlich  zugegen, 
an  der  Handlung  bleiben  sie  unbeteiligt  und  stumm.  Neidhart 
handelt  allein;  sie  sind  durchaus  überflüssig.  Abgesehen  davon 
ist  die  Verknüpfung  selbst  ganz  ungeschickt.  238, 4  stellt  sich 
Neidhardt  den  Bittem  vor  und  spricht  zu  ihnen  wie  zu  Un- 
bekannten, obwohl  die  Aufforderung  der  Herzogin  238,  i  an  sie 
ebenso  wie  an  ihn  gerichtet  war.  Obendrein  heissen  sie  „seine 
Gselln^.  Aber  auch  den  Zuschauem  sich  vorzustellen  hatte 
Neidhart  keinen  Grund,  da  er  ihnen  schon  von  seinem  Zwiegespräch 
mit  der  Herzogin  238,  i-s    her  bekannt  war. 

S.  242  tanzen  die  Bitter  mit  der  übrigen  Hofgesellschaft 
ums  Veilchen  und  stehn,  während  Neidhart  den  Hut  emporhebt, 
im  Kreise  herum ;  und  wenn  auch  die  Herzogin  mit  ihren  Mädchen 
näher  herangeht,  um  das  Veilchen  ordentlich  zu  beschauen,  so 
müssten  sie  doch  selbst  auch  wahrnehmen,  um  was  es  sich  handelt. 
Mindestens  müssten  sie  bei  den  nur  folgenden  Vorwürfen  der 
Herzogin  und  bei  der  Verweisung  Neidharts  aufmerksam  werden. 
Als  aber  Neidhart,  der  abseits  sein  Unglück  bejammert  hat,  sie 
zur  Bache  entbietet,  fragen  sie  ihn  erst,  um  was  es  sich  handle 
und  warum  er  so  traurig  sei  (245,  i),  und  er  muss  ihnen  die 
ganze  Geschichte  erzählen.  Viel  besser  ist  hierin  das  GrNSp,  wo  die 
Bitter  Zeugen  des  ganzen  Auftritts  sind  und  sich  sofort  unaufge- 
fordert zur  Hilfe  bei  der  Bache  bereit  erklären  (415,  s  ir). 

Eine  bewerkenswerte  Abweichung  vom  GrNSp  besteht  darin, 
dass  nicht  wie  dort  die  Herzogin,  von  Neidhart  aufgefordert,  selbst 
den  Hut  aufhebt,  wodurch  gleichsam  die  besondre  Feierlichkeit  der? 
Handlung  ausgedrü(  kt  werden  soll,  sondern  das  sie  Neidhart  heisst 
den  Hut  aufzuheben  (242, 2).  Statt  der  Aufforderungsworte 
Neidharts,  wie  GrNp  413,  23,  steht  eine  vor  dem  Aufheben  gehaltne 
Preisrede  auf  das  Veilchen  ('-^42, 3). 

Fremd  ist  ferner  dem  StSz  wie  allen  Veilchengeschichten 
ausser  dem  GrNSp  die  Person  des  Herzogs.  Dort  war  er,  wie  wir 
S.  81  f.  sahen,  schlecht  aus  dem  Eittertanze  aufgepfropft.  Unser 
S  zenar  hat  das  Bittenverben  überliaupt  nicht,  darum  brauchte  auch 
der  Herzog  nicht  eingeführt  zu  werden.  Auch  die  Aussöhnung 
bei  Hofe  geschieht  nur  zwischen  Neidhart  und  der  Herzogin. 
Das  StvSz  ist  darin  also  echter  als  das  GrNSp.  Dp~ 
meister  aber,  der  hier  im  Aufzuge    die    Herzogin    fährt 


186 


ihr  auch  Kum  Veilchen  geht,  erinnert  dodi  stark  an  den  Herzog, 
der  im  GrNSp    neben  ihr  steht. 

Wie  die  Bitter  nnd  die  Bauern,  so  wird  auch  das  Gefolge 
der  Herzogin  mehr  an  der  Handlang  brtheiligt  Im  GrNSp  bleiben 
die  Mädchen  stumm  nnd  onthätig.  Im  StSz  erscheinen  sprechend  beim 
Gange  znm  Veilchen  drei  Jungfrauen  und  ausserdem  ein  Hofmeister, 
eine  vierte  spricht  256,  2.  Der  dialogischen  Handlung  im  GrNSp  ent- 
spricht hier  eine  dramatische.  Eine  Jungfitiu  versucht  gute  Worte  fftr 
Neidhart  einzulegen,  als  die  entsetzte  Herzogin  ihn  ausschilt;  die 
andere  widerspricht  ihr  und  beschuldigt  ihn.  Hier  folgt  der 
Dichter  dem  beliebten  Brauche,  durch  Zusanmienstellung  von 
Gegensätzen  Mannigfaltigkeit  zu   bewirken. 

Eigenartig  ist  es,  wenn  die  Herzogin  248, 1  Neidhart  zornig 
Vorwurfe  macht,  und  wenn  nachher  die  dritte  Jungfrau,  ohne  dass 
die  Herzogin  sie  aufgefordert  hätte,  ihn  244, 1  aus  dem  Lande 
weist.  Diese  Worte  gehören  viel  besser  in  den  Mund  der  Herzogin. 
Sie  erinnern  an  die  gröbere  Fassung  der  Veilchenerzählung  im  NF, 
wo  sie  in  der  That  von  der   Herzogin  gesprochen    werden.     Vgl. 


'244,  1   Neidthardt   hebt    Ew    paldans 
dem  Lannde, 
Von  wegn  der  äbergrossn  Schannde. 


NF  343    pfu  dich,  wie    tast  du    mir 
schände ! 
ich  rat  dir  auf  die  trewe  mein,  da 
hebst  dich  aass  dem  lande. 


Wenn  im  '^StSz  beide  Fassungen  nebeneinander  stehn,  die 
zahmere,  wo  die  Herzogin  nur  Vorwürfe  macht,  und  die  gröbere 
mit  der  Landesverweisung,  so  lässt  sich  eine  Vereinigung  nur  so 
denken,  dass  die  Herzogin,  welche  schon  entrüstet  wieder  abziehen 
will  eine  Jungfrau  beauftragt,  den  Ausweisungsbefehl  dem  Neidhart 
zu  überbringen.  .  Das  StSz  sagt  von  einem  solchen  Auftrag  nidit«. 
Wie  es  hier  steht,  Mst  es  befremdend,  wie  die  Jungfrau  dazu  kommt, 
eine  solche  Strafe  auszusprechen.  Vielleicht  ist  die  üeberlieferung 
schuld,  sodass  wir  ein '*  unverderbtes  Original  anzusetzen  haben, 
aus  dem  das  StSz  geflossen  ist. 


187 


Die  Raehe. 

Nach  der  Klage  Neidharts  über  sein  Unglück  meldet  sich  bei 
ihm  sein  Knecht  Schlycknwein,  den  er  sofort  nach  den  Rittern 
schickt,  um  sie  zur  Bache  zu  entbieten  (244, 3  ).  Wie  der  Dichter 
sie  nnn  erst  ungeschickt  nach  dem  Grunde  von  Neidharts  Trauer 
fragen  lässt,  haben  wir  oben  S.  185  gesehen. 

Die  darauf  folgende  Schilderung  des  Kampfes  ist  ganz  ab- 
weichend von  den  bisher  besprochenen  Behandlungen.  Hierin  hat 
das  StSz  in  dem  Bestreben  weiter  auszuführen  arge  Verwirrung 
angerichtet.  Im  GrNSp  tanzen  die  Bauern,  während  die  Bitter  sich 
gleichzeitig  rüsten  und  den  Knecht  auf  Kundschaft  ausschicken. 
Darauf  überfallen  sie  die  immer  noch  Tanzenden.  Im  StSz  kommt 
dagegen  Engelmar  zu  den  über  die  Bache  Bat  pflegenden  Bittern 
(245,  4),  um  sie  wie  es  scheint  durch  kecke  Bede  herauszufordern. 
Beim  KlNSp  werden  wir  193,  zin  eine  Bestätigung  für  diese  Ansicht 
finden.  Es  kommt  schliesslich  zum  Wortgefechte,  wobei  immer 
ein  Bauer  und  ein  Bitter  sich  drohend  gegenübertreten.  Dieses 
paarweise  Vor-  und  Abtreten,  wobei  sich  die  Bauern  und  der 
Fechtmeister  selbst  vorstellen,  ist  höchst  ungeschickt.  Die  im 
GrNSp  getrennt  stehenden  Prahlereien  und  Drohungen  der  Bitter 
und  der  Bauern  sind  hier  zusammengeworfen  und  in  der  Aufzugs- 
form bearbeitet.  Der  Ton  der  Bede  ähnelt  sehr,  und  auch  der 
Knecht  findet  sich  wieder  (S.  188).  Wenn  248,  i  ausdrücklich 
gesagt  wird  „der  Acht  Pawr",  so  braucht  daraus,  dass  der  Bauer 
vom  Brunnen  in  Wirklichkeit  erst  der  sechste  ist,  welcher  auftritt, 
noch  nicht  geschlossen  zu  werden,  dass  vorher  Beden  der  Bauern 
ausgefallen  seien.  Die  Zahl  8  mag  durch  den  folgenden  achten 
Bitter  (248,  2  )  veranlasst  sein.  Aber  auch  nachdem  so  das  gegen- 
seitige Drohen  die  ganze  Beihe  hindurch  gegangen  ist,  schlagen 
sie  nicht  los.  Jetzt  bittet  erst  noch  ein  Ritter  um  Verhaltungs- 
massregeln  (248, 4),  und  Neidliart  hält  es  für  das  beste,  seinen  Knecht 
mit  einem  Absagebriefe  zu  den  Bauern  zu  schicken.  Dieser  Absage- 
brief ist  hier  ganz  unangebracht,  wo  beide  Parteien  sich  gegen- 
seitig schon  umständlich  herausgefordert  haben.  —  Zwei  Motive 
sind  auch  hier  zusammengeworfen,  die  nicht  vereinbar  sind.  Entweder 
musste  die  schriftliche  Aussage  vorausgehn  und  dann  der  Kampf 
nach  einigen  herausfordernden  Droliungeii  ])eginnen,  oder  es  musste 
Engelmar  herausfordernd  zu   den  Eittern    kommen    und    zwischen 


188 


den  beiden  Parteien  sich    die  Erbitterung   durch    das    Hin-    und 
Herreden  steigern,  bis  aus  den  Worten  Thaten  wurden. 

Dass  der  Verfasser  bei  der  Vermengung  beider  Motive  selbst 
nicht  aus  und  ein  wusste,  geht  daraus  hervor,  dass  er  nach  den 
herausfordernden  Beden  alle  noch  einmal  an  ihren  Ort  gehn  lässt 
(249)  und  nun  die  briefliche  Aufsage  wie  eine  ganz  neue  Geschichte 
behandelt,  als  ob  das  Vorhergehende  gar  nicht  vorgefallen  wäre. 
Eben  haben  sich  Bitter  und  Bauern  kampfbereit  gegenüber  gestan- 
den, und  nun  sind  sie  fem  von  einander.  Der  Bote  liest  den 
Absagebrief  vor,  Engelmar  hört  ihn  wie  etwas  ganz  Neues  (250, 2  ), 
und  der  Bote  erzählt  Neidhart  250, 3  von  der  kampflustigen 
Stimmung,  in  der  er  die  Bauern  gefunden  habe,  als  ob  der  gar 
nichts  davon  wüsste. 

Bei  keinem  dieser  beiden  Motive  war  es  natürlich  möglich, 
den  Überfall  heimlich  geschehen  zu  lassen  wie  im  GrNSp.  Beide 
Parteien  rücken  auf  den  Plan,  jede  von  einem  Anführer  befehligt, 
die  Bitter  unter  Neidhart,  die  Bauern  sonderbarerweise  nicht  unter 
Engelmar  oder  Ellschnprecht,  sondern  unter  einem  unbekannten 
Meier  in  der  Peunt  (251,  i ). 

Eigentümlich  ist  die  Figur  des  „Schinnmeisters".  Er  gehört 
jedenfalls  zur  Partei  der  Bitter.  Er  rühmt  sich  seiner  Fechtkunst 
und  „schyrmt  ain  Paraat  aus''.  Er  hatte  also  wohl  ein  kleines 
Fechterkunst-  und  meisterstückchen  vorzuführen.  Berücksichtigt 
man  dabei,  dass  die  Herausforderungen  in  der  Aufzugsform  gearbeitet 
sind,  so  liegt  die  Vermutung  sehr  nahe,  dass  diese  Episode  in 
bewusster  Anlehnung  an  einen  Schwerttanz  gestaltet  sei. 

Besser  dagegen  als  im  GrNSp  ist  Neidharts  Knecht  Zypprian 
im  StSz  mit  der  Handlung  verknüpft.  Dort  schickt  Neidhart  416, 26 
seinen  namenlosen  Diener  auf  Kundschaft  aus,  die  ihm  419,  u  über- 
bracht wird.  Ebenso  ist  es  im  StSz,  wo  aber  Zypprian  mit  den  Bauern 
mehr  in  Berührung  gebracht  ist.  Er  sieht  ihnen  nicht  nur  wortlos 
zu,  sondern  überbringt  ihnen  auch  den  Absagebrief,  den  er  obendrein 
noch,  da  die  des  Lesens  unkundigen  Bauern  nichts  damit  anzufan- 
gen wissen,  selbst  vorlesen  muss.  250,  s  berichtet  er  dann,  was 
er  gesehen  hat,  worauf  wie  im  GrNSp  der  Überfall  erfolgt. 

Der  Kampf  zwischen  Rittern  und  Bauern  endet  damit,  dass 
Ellschnprecht  ein  Bein  verliert  und  eine  Stelze  bekommen  inuss. 
Daneben  werden    noch  etliche  Bauern    verwundet.     Dass  mehrere 


189 


mitgenommen  werden,  erinnert  an  dio  32  Verstümmelten  des  GrNSp 
and  seiner  Quelle  (S.  73  f).  EUschnprecht  erleidet  allein  dieselbe 
Strafe  wie  dort  die  32,  die  zugleich  Engelmars  Sühne  für  den 
Spiegel  war.  Nun  kennt  das  StSz  den  Spiegelraab  nicht.  Nach 
dem  zweiten  Prologe  kommt  gleich  das  Fassabenteaer.  Engelmar 
tritt  dadurch  im  StSz  in  den  Hintergrund.  Trotzdem  ist  er  neben 
Ellschnprecht  Hauptperson  unter  den  Bauern,  obwohl  er  weder 
durch  einen  von  ihm  besonders  ins  Werk  gesetzten  Unfug,  noch 
als  alleiniger  Tanzführer  diese  Rolle  verdient.  Ebenso  tritt  er  auch 
nach  dem  Kampfe  unter  den  Verwundeten  besonders  hervor.  Von 
allen  übrigen  Bauern  ausser  Ellschnprecht  scheint  er  am  meisten 
mitgenommen  zu  sein  und  er  wird  neben  ihm  auch  allein  geheUt 
(253 f).  —  Verschiedenartiges  ist  hier  vereinigt.  Ellschnprecht 
ist  der  Uebelthäter  in  der  Veilchengeschichte,  Engelmar  war  es  in 
der  Spiegelgeschichte.  Die  getrennt  voneinander  stattfindenden 
zu  jenen  beiden  Episoden  gehörigen  Prügeleien  hat  das  StSz 
samt  ihren  Hauptpersonen  zusammengeworfen.  Der  Thäter 
Enzelman  ist  mit  seinem  Stelzbein  im  GrNSp  nur  einer  von 
vielen.  Er  tritt  bei  der  Massenschlägerei  nicht  sehr  vor  den 
andern  hen'or.  Der  im  StSz  mit  seinem  abgeschlagenen  „Schynnkn" 
von  den  übrigen  stark  abstechende  Ellschnprecht  erinnert  mehr 
an  den  allein  zum  Stelzer  gemachten  Engelmar  des  Spiegel- 
abenteuers. Wie  dieser  zum  Arzt  auf  einer  Bahre  getragen  wird, 
so  wird  auch  Ellschnprecht  auf  einer  Misttrage  zum  eben  auf- 
tretenden Quacksalber  geschafft  (232).  —  Engelmar  hat  also 
viel  an  Ellschnprecht  abgegeben,  daneben  aber  doch  noch  eine 
hervorragende  Bolle  behalten,  ohne  dass  dazu  im  StSz  Anlass  war. 


Der  Quacksalber. 

Zum  ersten  Male  begegnet  im  StSz  ein  Arzt  im  Zusammen- 
hange mit  dem  NeidhartstoflFe.  Er  kommt  gerade  zur  rechten  Zeit 
nach  der  Prügelei,  mit  viel  Medizinen  ausgerüstet  und  von  seinem 
Knechte  AUwein  begleitet.  Man  wird  hier  stark  an  die  komisehen 
Zwischenspiele    im    Osterdrama    erinnert  *).      Allerdings    ist    die 


»)  R.  Heinzel,  Abhdlgn.  z.   altd.  Drama,  Wiener   Sitz.-Rer.   134  S.  5511; 
vgl.  Reuling,  Die  komische  Figur,  Stuttgart  1890,  S.   llflf. 


190 


Nx(»iu'  rar  unser  Spiel  zugeschnitten.  Dort  liegt  dem  ganzen  Zu- 
sanunonhunge  entsprechend  die  Hauptaufgabe  des  Arztes  und 
H(»iiu^N  Knechtes  im  Ausschreien  seiner  Künste  und  seiner  Salben, 
hier  handelt  es  sich  hauptsächlich  um  eine  wirkliche  Inansprach- 
nahnio  seiner  Fertigkeit.  —  Sein  Knecht  Allwein  ist  ein  leiblicher 
Bruder  des  Bubin  im  Osterspiel.  Es  ist  nicht  auszumachen,  ob 
242,  2  nach  der  Anrede  an  den  Arzt  nicht  doch  noch  eine  Salben- 
anpreisung im  Stile  des  geistlichen  Dramas  stattgefunden  hat,  worauf 
hin  erst  die  Bauern  EUschnprecht  angetragen  brachten.  Dass  ko- 
mische Szenen  aus  dem  geistlichen  Schauspiel  ins  weltliche  über- 
nommen wurden,  ist  bekannt.  Neben  den  Quacksalberspielen, 
die  vielfache  Beeinflussung  nicht  verleugnen  können,  zeigen  dies 
auch  die  Teufelsspiele  (S.  107  flf.).  Was  das  Arztspiel  angeht, 
so  ist  darin  das  geistliche  Drama  allerdings  nicht  ursprünglich, 
wie  bei  den  Teufelspielen,  sondern  es  hatte  den  ursprünglichen 
Salbenkrämer  der  Osterfeiem,  bei  dem  die  drei  Marien  ihre 
Salben  einkaufen,  in  einen  marktschreierischen  Wunderdoktor 
umgebildet.  Dabei  waren  possenhafte  Spielmannsaufführungen  das 
Muster  gewesen  von  denen  aus  das  komische  Motiv  ohne  weiteres 
übernommen  wurde  ^),  während  es  anderseits  lange  in  den  zahl- 
reichen Quacksalberszenen  unter  den  Fastnachtspielen  fortlebte. 
Das  geistliche  Drama  brauchte  mehr  den  Marktschreier  und  Geheim- 
mittelschwindler, während  in  der  weltlichen  Posse  der  Wunder- 
kurenmacher mindestens  ebenso  beliebt  war.  Es  fragt  sich,  ob 
der  Verfasser  des  Sterzinger  Spiels  die  Arztepisode  unmittelbar 
von  den  Spielmannsspässen  oder  vom  Osterspiel  überkommen  hat. 
Das  Hervortreten  der  Heilung  spricht  mehr  für  das  erste,  doch 
lilsst  sich  nichts  entscheiden,  da  der  Text  keine  Auskunft  geben 
kann.  Dass  es  dem  Dichter  übrigens  nicht  um  eine  ernste  Figur 
zu  thun  gewesen  ist,  sondern  dass  er  hauptsächlich  eine  komische 
Szene  beabsichtigte,  zeigt  ausser  der  Ausrüstung  des  Arztes  das 
eigne  Lob  seiner    Kunst    253, 2  und    die    offenbar    humoristische 

')  Heinzel  Abhdlgn.  z.  altd.  Dr.,Wiener  Sitz.-Ber.  134  S.56ff;  Creizenach 
120;  Wirth  168  flf.  bes.  174.  Vielleicht  war  auch  bei  den  Auflführangen  wie 
auf  don  Bildern  der  Qaaksalber  als  Schacherjude  gedacht,  s.  Mejcr,  Geist- 
lirhoM  Schauspiel  und  kirchliche  Kunst  in  Geigers  Ztschr.  f.  Kult.  u.  Litt, 
dor  Kenaissance  I  1886  S.  416;  Mitteilungen  der  antiquarischen  Gesellschaft 
in  Zürich  LXIH  1899  S.  273  u.  Taf.  VIU  B. 


191 


Tröstung  des  Knechtes  ^  254, 4  (s.  u.).  —  Die  Einfügung  der 
Episode  lag  nahe^).  Im  OrNSp  bindet  Neidhart  selbst  den  ver- 
stümmelten Banem  Stelzfüsse  an,  und  im  zweiten  Teile  wird  Engel- 
mar fortgeschafft,  ohne  dass  man  erfährt,  was  aus  ihm  wird. 
Dieser  Schluss  befriedigte  nicht,  und  jene  Ausführung  war  unge- 
schickt, da  sie  Neidhart  420,  5  an  allen  32  wortlos  vornahm.  An- 
gedeutet war  eine  derartige  Ausführung,  wie  sie  sich  im  StSz  findet, 
auch  im  GrNSp,  wenn  es  459,  5r  heisst:  „Ich  wolt  im  ain  arzat 
gewinnen  Und  wolt  in  wider  hallen  lan*'. 

Zwei  Mal  wird  die  Kunst  des  Arztes  in  Anspruch  genommen, 
durch  EUschnprecht,  dem  mit  einer  Stelze  geholfen  wird,  und  durch 
Engelmar.  Wie  dieser  dazu  kommt,  um  Kopf  und  Hände  verbun- 
den dazuliegen  (253),  wird  nicht  gesagt.  Er  wird  durch  eine 
Salbe  geheilt.  Das  Mittel  wirkt,  denn  er  vergisst  sofort  Schmer- 
zen und  Wunden.  Hierin  liegt,  glaube  ich,  noch  eine  arge  Satire. 
Noch  heute  ist  der  Bauer  zufrieden,  wenn  der  Kurpfuscher 
ihm  ein  Pflaster  oder  eine  Salbe  giebt,  der  er  mehr  vertraut  als 
allen  Batschlägen  des  Arztes.  Zur  Zeit  unseres  Spieles  wird  das 
naturlich  nicht  besser  gewesen  sein.  Der  Bauer  war  damals  wie 
heute  das  beste  Opfer  für  die  Prellereien  solcher  Schwindler.  Dazu 
passen  die  ironischen  Worte  des  Arztknechtes,  der  seine  Schmiere 
und  ihre  Wertlosigkeit  natürlich  genau  kennt:  „Ennglmayr  gehab 
dich  wol.  Dyse  Leme  dier  nit  schadn  sol"  (254, 4 ). 


Die  Versöhnung  Neidharts  mit  der  Herzogin. 

Über  den  auf  die  Heilung  folgenden  Tanz  und  das  dabei 
veranstaltete  Trinkgelage,  sowie  über  die  Ähnlichkeit  dieser  Szenen 
mit  dem  GrNSp  ist  S.  179  u.  182  gesprochen  worden.  Darauf  folgt 
die  Versöhnung  Neidharts  mit  der  durch  EUschnprechts  Unfug  gegen 
ihn  aufgebrachten  Herzogin.  Im  GNSp  lässt  sich  der  erzürnte 
Herzog  auf  den  Bericht  der  Ritter  hin    begütigen,    schickt    nach 


*)  Dass  die  Arztgoschichte  als  ja:eschlossenos,  sflbstständiges  Ganzes 
betrachtet  worde,  das  man  nach  Belieben  einschieben  oder  weglassen  konnte. 
geht  ans  der  Vorschrift  im  Tir.  Pass.  III  636  hervor:  Hie  potes  introducen^ 
medicnm  cnm  servo  suo  si  placet. 


192 


Neidhart  (423,  5  ),  der  ohne  weiteres  Folge  leistet  (423,  i7)  und 
gnädig  wieder  aufgenommen  wird.  Das  StSz,  welches  wie  gesagt 
den  Herzog  gar  nicht  kennt,  führt  hier  weiter  aus.  Die  Herzogin 
lässt  durch  eine  Jungfrau  die  Ritter  an  den  Hof  entbieten,  die 
für  Neidhart  um  Vergebung  bitten  (257,  i ),  worauf  sie  auch  nach 
Neidhart  schickt.  Der  aber  sträubt  sich  zunächst  (257,  4  )  und 
geht  schliesslich  nur  mit  Furcht  und  Widerstreben  mit  (258,  i  ). 
Diese  grössere  Mannigfaltigkeit  und  Lebendigkeit  war  kein  schlechter 
Gedanke.     Vgl.  übrigens 

257,  3  Hör  Noydthardt,  Ich   sag  Ew 
gute  Mere, 
ler  sullet  lassen  von  ewrs  Hertzen 
Swäre. 


423, 12  Ich  hoff,  dein  Ding  verde  gaot 
Ge  dan  und  hab  ain  frischen  maot. 


FussfäDig  bittet  er  die  Herzogin  um  Gnade  und  wird  wieder 
huldvoll   aufgenommen. 


Neidhart  im  Fass. 

Mit  dem  zweiten  Einschreier  beginnt  258  gewissermassen  ein 
neuer  Akt.  Jener  hatte  die  Aufgabe,  den  jungen  Neidhart  bei  den 
Bauern  einzuführen  (258,5),  mit  dem  Engelmar  sogleich  ein  Ge- 
spräch anknüpft.  Ein  Sohn  Neidharts  begegnet  sonst  nirgends. 
Er  hatte  augenscheinlich  die  Aufgabe,  mit  heuchlerischer  Gutmütig- 
keit den  Freund  der  Bauern  zu  spielen  und  sich  mit  ihnen  anzu- 
vettern, denn  er  sagt  259,  2  :  „Ich  wil  Enncker  guter  freunndt  seyn" ; 
und  als  Engelmar  seinem  berechtigten  Misstrauen  gegen  den  alten 
Neidhart  Luft  macht  (259,  3 ),  versichert  ihm  der  Sohn  bei  seinem 
Eide  259,4:  ^Mein  vater  tütEw  warlich  kain  Layd."  Auf  diese 
Weise  sollten  wohl  die  Bauern  in  sorglose  Sicherheit  gewiegt  werden, 
damit  der  alte  Neidhart  nachher  um  so  ungestörter  und  wirkungs- 
voller den  Unfug  mit  dem  Fasse  ausüben  konnte. 

Nach  der  angeführten  beschwichtigenden  Äusserung  des  jungen 
Neidhart  über  seinen  Vater  kommt  ein  Fuhrmann,  auf  einem 
Fasse  sitzend,  zu  den  Bauern  gefahren,  und  schreit  seinen  Wein 
aus.  Wenn  er  die  Döri)er  259,  5  mit:  „ler  Ritter  vnd  Edlleüt  alle" 
anredet,  so  liegt  jedenfalls  darin  eine  ähnliche  feine  Satire  wie  in 
den  tröstlichen  Wortendes  salbenschmierenden  Arztknechts  (s.S.  191). 


193 


Als  tüchtiger  Geschäftsmann  rechnete  er  auf  die  Aufgeblasenheit 
und  Dummheit  seiner  Kunden.  Dass  er  sich  nicht  getäuscht  hat, 
zeigt  der  Zuspruch,  den  er  findet  (260,  i ). 

Dass  in  dem  nun  folgenden  Fassabenteuer  manches  auf  das 
GrNSp  hinweist,  ist  S.  180  gezeigt  worden.  Manches  aber  ist 
doch  neu  und  abweichend  in  der  näheren  Ausführung  dieser 
Geschichte  im  StSz.  Besonders  überrascht  es,  dass  hier  noch  ein 
zweites  Fass  erwähnt  wird.  Der  Grund  dafür  ist  noch  erkennbar. 
Im  Gedichte  und  im  GrNSp  wird  Neidhart  im  Fasse  entdeckt, 
ohne  dass  gesagt  wäre,  wie  er  hineingekommen  sei.  Das  StSz 
sucht  diese  Frage  zu  lösen.  Es  lässt  ihn  zu  den  Bauern  als  ihres- 
gleichen verkleidet  konmien  und  mit  ihnen  ein  Gespräch  anfangen 
(260,  3  ).  Plötzlich  ruft  er  laut  seinen  Namen  und  verbirgt  sich. 
Gedicht  und  GrNSp  lassen  ihn  in  dem  Fasse  liegen,  ohne  zu  sagen, 
ob  es  leer  oder  voll  war.  Da  aber  im  GrNSp  getrunken  wird,  so 
denkt  man  zunächst,  dass  es  sich  um  ein  volles  handle.  Dem 
Verfasser  des  StSz  fiel  es  auf,  dass  Neidhart  nicht  in  einem  Fasse 
verborgen  sein  konnte,  aus  dem  Wein  geschenkt  wurde.  Ebenso 
wenig  kann  es  sich  Milchfridl  im  GrNSp  459,  32f  erklären.  Dieses 
Missverständnis  lassen  die  Berichte  allerdings  zu.  Im  GrNSp  wird 
aber  wohl  für  die  Zuschauer  der  Vorgang  deutlich  erkennbar 
gewesen  sein.  In  einem  zweiten  Fasse,  das  der  Weinwirt  mit  auf 
dem  Wagen  hate,  ist  sicherlich  Neidhart  verborgen  gewesen  und  darin 
bald  mit  dem  ersten  Fasse  zugleich  auf  die  Bühne  gebracht 
worden.  Die  Bauern  mussten  der  Meinung  sein,  dass  der  vor- 
sorgliche Wirt  bald  noch  ein  zweites  volles  Ersatzfass  mitgebracht 
habe.  Während  der  Prügelei  hat  jedenfalls  Neidhart  sich  etwas 
aus  dem  Fasse  hevorgewagt,  um  besser  zusehen  zu  können,  wobei  er 
den  Zuschauem,  wenn  dies  nicht  schon  vorher  der  Fall  gewesen  war, 
sichtbar  wurde.  Deshalb  wurde  er  auch  von  Erkenwolt  entdeckt. 
Es  wird  also  nur  an  den  mangelhaften  Szenenanweisungen  liegen, 
wenn  wir  über  diese  Vorgang  in  GrNSp  im  Ungewissen  sind.  — 
Das  StSz  lässt  kurzweg  zur  Lösung  der  Schwierigkeit  noch  ein 
zweites  Fass  bringen  (261),  in  welches  Neidhart  schlüpft.  Hierin  ist 
der  für  das  GrNSp  vermutete  Vorgang  noch  erkennbar.  Der  Dichter 
hat  aber  den  Zusammenhang  ganz  entstellt.  Dass  er  das  zweite 
Fass  erst  später  auffahren  lässt,  hat  an  und  für  sich  nichts  zu 
bedeuten.  Er  verwendet  aber  ein  doppeltes  Motiv.    Einmal  entdeckt 

Goxinde,  Neidhart  mit  dem  Veilchen.  13 


194 


Neidhart  sich  selbst  durch  seinen  Schrei:  ^Hye  Neydthardt,  zn 
aller  Fart.**  Statt  nun  zu  entlaufen,  schlüpft  er  erst  ins  Fass  und 
die  Bauern  suchen  ihn.  Sauffenwein  hat  augenscheinlich  seinen 
Aufenthalt  entdeckt  und  macht  die  Bauern  darauf  aufmerksam 
wie  Erkenwolt  im  GrNSp.  Dort  war  ebenso  wenig  als  im  Gedichte 
von  einer  Selbstentdeckung  die  Rede.  Neidhart  steckte  im  Fasse, 
ohne  dass  die  Bauern  von  seiner  Nähe  wussten,  um  von  da  aus 
beobachten  zu  können.  Durch  das  Motiv  vom  Selbstentdecken, 
das  sicherlich  Eigentum  des  Dichters  des  StSz  ist,  wird  der 
Zweck  des  Yerbergers  im  Fasse  ganz  unklar  und  die  Handlung 
ungeschickt. 

Fraglich  ist  es,  ob  auch  der  Wirt  der  Meinung  war,  zwei 
volle  Fasser  mitgebracht  zu  haben,  oder  ob  er  um  den  Unfug 
wusste.  Das  GrNSp  sagt  nichts  darüber.  Seine  ironisclie  Be- 
grüssung  der  Bauern  im  StSz  (s.  S.  li)2f)  legt  die  Vermutung 
nahe,  dass  er  mit  Neidhart  unter  einer  Decke  steckte. 

Ganz  unklar  ist,  was  am  Sclilusse  Engelmars  Sohn  sollte, 
nachdem  Saufifenweins  und  wie  es  scheint  auch  Engelmars  Weib 
versucht  haben,  ihren  Männern  die  Verfolgungs-  und  Kampfwut 
auszureden.  Hat  dem  Engelmar  sein  Weib  besonders  eindringlich 
zur  Friedfertigkeit  zugeredet,  und  ist  der  Sohn  selbst  unter  den 
Verfolgungslustigen  und  redet  dem  Vater  zu  mitzukommen,  oder 
hat  umgekehrt  Klara  ihrem  Manne  zugeredet.  Neidhart  zu 
verfolgen,  und  verlangt  jetzt  der  Jmige,  der  Vater  solle  dableiben? 

Ehe  der  Ausschreier  seine  Abschiedsansprache  hält,  wendet 
sich  Engelmar  noch  einmal  an  alle  Bauern,  augenscheinlich  um 
nach  diesem  misslungenen  Versuch  sie  zu  beständiger  Wachsamkeit 
aufzufordern  und  an  die  Rache  zu  gemahnen. 


Komposition,  Stil  und  Verfasser. 

Danach  S.  179  ff  zwischen  StSz  und  GrNSp  ein  enger  Zu- 
sammenhang bestehen  muss,  so  könnte  man  an  und  für  sich  ge- 
neigt sein,  im  StSz  als  dem  kürzeren  Stücke  eine  ältere  Stufe 
der  Behandlung  der  Neidliartgeschichte,  in  dem  ausgedehnten 
GrNSp    dagegen    eine   jüngere    Enveitening    zu    erblicken.     Eine 


195 


genauere  Betrachtung  der  Komposition  des  verlorenen  Sterzinger 
Spiels  an  der  Hand  der  Spielrolle  lehrt  aber  das  Gregenteil.  Das 
StSz  muss  also  dem  GrNSp  gegenüber  gekürzt  haben.  Dieselbe 
Erscheinung  werden  wir  noch  beim  KlNSp  kennen  lernen.  Der 
Dichter  des  StSz  hat  nicht  alle  Spuren  der  von  ihm  unter- 
drückten Abschnitte  beseitigt,  sondern  es  weist  noch  manches 
auf  die  frühere  Gestalt  hin.  So  sehen  wir  in  der  Stellung 
Engelmars  (S.  189)  und  \ielleicht  auch  in  der  Gestalt 
des  Bauemtanzes  nach  dem  Vollzuge  der  Rache  (S.  180) 
noch  Spuren  des  Spiegelraubes.  Auch  das  Vorkommen  des 
Fassschwankes,  welchen  wir  sonst  nur  in  der  Verbindung  mit 
dem  Spiegelabenteuer  kennen,  und  der  Wein  auffahrende  Wirt 
lassen  auf  das  ursprüngliche  Vorhandensein  der  Spiegelgeschichte 
schliessen.  Vor  allem  wichtig  ist  aber  das  Erscheinen  des  Ein- 
schreiers  258,  5,  obwohl  er  da  gar  nicht  mehr  als  solcher  auftritt, 
während  er  im  GrNSp  seinen  Zweck  wohl  erfüllt. 

Dasselbe  lassen  die  breiten  Ausführungen  schliessen.  Das 
StSz  sucht  nämli(;h  Motive,  die  im  GrNSp  nur  angedeutet  waren, 
mehr  mit  der  Handlung  zu  verknüpfen,  und  Personen,  die 
dort  nur  nebenher  vorkamen,  mehr  zu  beteiligen.  Bei  dem 
ausführlichen  GrNSp  fielen  derartige  unausgeführte  Bestand- 
teile besonders  auf.  So  lässt  das  StSz  mit  verschiedenem  Erfolge 
Bitter,  Bauern  und  Hofdame  beim  Suchen,  beim  Raube  und 
beim  Einholen  des  Veilchens  thätig  und  sprechend  Anteil 
nehmen,  beteiligt  den  zu  den  Bauern  mit  dem  Aufsagebrief  gehenden 
Knecht  mehr  an  der  Handlung  und  fülirt  mit  Glück  die  Ver- 
söhnungsszene weiter  aus  (S.  191  f). 

Noch  deutlicher  wird  es,  dass  das  StSz  jünger  ist  als  das 
GrNSp,  wenn  ihm  bei  diesem  Streben  weiter  auszuführen,  arge 
Fehler  mit  unterlaufen,  so  dass  man  von  offenbaren  Ver- 
schlechterungen sprechen  muss.  So  war  es  schon  im  Veilchen- 
abenteuer mehrfach  sehr  ungeschickt,  ebenso  hat  es  im  Fass- 
schwanke durch  die  Hinzufügung  des  Motivs  von  der  Selbstentdeckung 
Neidharts  (S.  198f)  arg  verdorben.  Am  schlimmsten  ist  es  dem 
Dichter  aber  in  dieser  Beziehung  mit  der  Ausführung  des  Kampfs 
gegangen,  wo  er  zwei  Motive  nebeneinander  stellt  und  sich  so 
dabei  verwirrt,  dass  er  sich  schliesslich  selbst  nicht  zurecht  finden 

konnte  (S.  187f). 

13* 


196 


Nach  alledem  können  wir  als  sicher  annehmen,  dass  das 
GrNSp  das  ursprünglichere  Spiel  war,  welches  dem  Sterzinger 
bekannt  war  mid  von  ihm  benutzt  worden  ist. 

Diese  Ausführungen  geben  uns  zugleich  schon  ein  Bild  des 
Dichters  und  seiner  Dichtungsweise.  Er  hat  die  meisten  Schwanke 
weggelassen,  und  in  den  beibehaltenen  Stücken  grössere  Breite 
und  Ausführlichkeit  angestrebt.   Allerdings  meist  mit  wenig  Olück. 

Nicht  Schuld  des  Dichters  allein,  sondern  hauptsächlich  der 
ungewandten  Schauspieldichtung  jener  Zeit  ist  die  Oewohnheit,  Be- 
gebenheiten, die  sich  gleichzeitig  abspielen,  nacheinander  vorzuftlhren. 
—  Als  Neidhart  das  Veilchen  entdeckt  hat  und  zur  Herzogin  gehn 
will,  um  ihr  die  frohe  Nachricht  zu  überbringen,  geht  er  nicht 
geradeswegs,  sondern  er  muss  sich  mit  seiner  Begleitung  erst 
niedersetzen,  um  den  Bauern  Zeit  für  ihren  Unfug  zu  lassen  (239). 
Erst  nach  der  Ausführung  des  Schabemaks,  die  hier  von  nicht 
unbedeutender  Länge  und  Breite  ist,  setzen  Neidhart  und  die 
Bitter  ihren  Weg  zum  Hofe  fort.  In  Wirklichkeit  sind  der  Gang 
zum  Hofe  und  der  Raub  gleichzeitig.  Ebenso  sollte  wie  im 
GrNSp  (s.  S.  1()8)  die  Auskundschaftung  des  Knechtes  eigentlich 
gleichzeitig  mit  der  Handlung  der  Ritter  vni  Bauern  stattfinden, 
wobei  aber  das  StSz  aUes  durcheinander  geworfen  hat  (s.  S.  187f). 

Wie  das  GrNSp  die  einzelnen  Abschnitte  deutlich  zn  trennen 
versucht  (s.S.  163),  so  ist  auch  das  StSz  bestrebt,  die  verschiednen 
Szenen  sich  von  einander  abheben  zu  lassen.  Der  zweite  Teil 
des  Spiels  ist  schon  durch  den  zweiten  Einschreier  als  etwas  gani 
Neues  eingeleitet.  Sonst  lässt  der  Dichter,  um  die  Zuschauer 
darauf  vorzubereiten,  dass  etwas  Neues  beginnt,  vorher  die  Spieler 
alle  auf  ihre  Plätze  zurückgehn^).  Nach  der  Heilung  Engelmars 
heisst  es  (254)  „sitzt  yederman".  Darauf  beginnt  der  Tanz. 
Sobald  er  beendigt  ist,  setzen  sich  alle  bis  auf  Neidhart  wieder 
(256)  und  es  folgt  die  Zurückberufung  der  Ritter  Neidharts  an 
den  Hof  Vor  dem  Auftreten  des  zweiten  Einschreiers  gehn 
alle  auf  ihren  Platz.  Ebenso  ist  es  vor  dem  Erscheinen  des 
Fasses  (259),  und  vor  der  Schlussrede  geht  auch   „Yederman    an 


')  Vor  der  Übersendung  des  Absagebriefes  (249)  war  dieses  Mittel«  wie 
wir  S.  18R  sahen  ganz  schlecht  angebracht. 


197 

sein  ort."    —  Zweifellos  war  der  Dichter  des  GrNSp   in  der  Ab- 
leitung seiner  Szenen  viel  glücklicher  als  der  des  StSz. 

Dem  StSz  ist  es  eigen,  hie  und  da  Personen  Worte  in  den 
Mund  zu  legen,  die  aus  dem  Versgefüge  herausfallen  (244,  249, 
255).  Es  finden  sich  nämlich  in  den  Anweisungen  die  Worte: 
„Wo  bist  Du?"  „Da  bin  ich".  Es  ist  dies  wohl  eine  vom 
Dichter  eingeführte  Begleitrede  zu  dem  sonst  stumm  ausgeführtn 
Aufsuchen  anderer  Personen,  das  gewöhnlich  durch  blosses  Hingehn 
zum  Platze  des  Aufzusuchenden  geschieht.  —  261  „Hye  Neydthardt, 
zu  aller  Fart"  gehört  kaum  hierher.  Es  wird  eher  der  zweite 
Vers  des  letzten  Reimpaares  von  Neidharts  Bede  260,  s  sein. 

Das  Streben,  weiter  auszugestalten,  führt  im  StSz  mehrfach 
zu  Verdoppelung  vorhandener  Personen  und  Sachen.  Die  beiden 
Quacksalber  und  die  beiden  Prologe  im  ersten  und  zweiten 
Teile  bot  schon  die  jeweilige  Quelle,  hier  das  GrNSp,  dort  die 
Quacksalberschwankszenen.  Daneben  hat  aber  das  StSz  zwei 
Prologe  aus  einem  zu  Anfang  des  Stückes  gemacht;  es  führt 
zwei  Fässer  ein,  stellt  dem  alten  Neidhart  den  jungen,  dem 
alten  Engelmar  ebenfalls  den  jungen  zur  Seite  und  macht  aus 
einem  Knechte  Neidharts  zwei.  Eng  verwandt  damit  ist  das  Be- 
streben, für  eine  Handlung  zwei  verschiedene  Motive  oder  zwei 
Fassungen  zu  verwenden.  So  bei  der  Entdeckung  des  falschen 
Veilchens  (S.  18()),  bei  der  Flucht  in  der  Fasssgeschichte  (S.  193f) 
und  bei  der  Prügelei  (S.  l!)7f)*).  Dass  das  inmier  zum  Vorteil 
fürs  Stück  gewesen  sei,  kann  man  nicht  behaupten. 

Wenn  Bühnenanweisungen  254,  255  Gespräche  vorschreiben, 
deren  Text  nicht  überliefert  ist,  so  ist  hier  nicht  an  Ausfall  der 
entsprechenden  Stichverse  zu  denken,  da  der  Inhalt  ausdrücklich 
angeführt  wird.  Man  könnte  Gespräche  des  Spielers  aus  dem 
Stegreife  vermuten,  wie  es  beim  Gesänge  das  GrNSp  412,  i5, 
436,  3;)  zeigt.  Doch  es  handelt  sich  vielmehr  um  stummes  Spiel 
wie  252  zwischen  EUschnprecht  und  Elsamut,  wo  es  ausdrücklich 
heisst  „in  sunnderhait."     Darum  wird  in  diesen   Fällen  auch  der 


*)  Das  Gegenteil  erscheint  beim  Fassschwankc,    wo    der    Wirt  im  StSz 
allein  auftritt  and  seinen  Wein  selbst  ausruft. 


198 


Inhalt  der  stumm  geführten  Unterhandlung  genau  angedeutet,  um 
dem  Spieler  Anweisung  für  sein  Gebärdenspiel  zu  geben.  — 
Hier  wird  also  schon  der  Versuch  gemacht,  ZAvei  Ereignisse 
gleichzeitig  darzustellen,  während  sonst  gewöhnlich  das  Gleichzeitige 
hintereinander  angeordnet  wird  (s.  S.  19()). 

Von  diesen  eben  besprochenen  Eigenarten  des  Dichters  ab- 
gesehen begegnen  vollständig  neue  Abschnitte  im  StSz  so  gut 
wie  gar  nicht.  Es  bringt  Motive,  die  auch  das  GrNSp  hat,  in 
ganz  verändeter  Gestalt,  aber  immer  lag  dazu  der  Keim  schon  in 
der  Vorlage.  Dies  fanden  wir  nicht  nur  bei  der  Veilchen- 
geschichte, der  Prügelei  und  beim  Fassschwanke,  sondern  sogar 
auch  bei  der  Quacksalberszene. 

Schliesslich  bestätigt  auch  der  Stil,  dass  das  StSz  jünger 
ist  als  das  GrNSp.  Derbere  Anschauungen  und  eine  gröbere 
Sprache  tragen  ebenso  wie  die  Führung  der  Handlung  schon 
deutlich  den  Stempel  des  Verfalls  an  sich.  Besonders  ist  die 
Satire  gegen  die  Bauern  viel  ärger  geworden.  Die  Vergröberung 
der  Handlung  durch  Ausführung  von  im  GrNSp  nur  kurz  ange- 
deuteten Motiven  brachte  selbstverständlich  die  gröbere  Sprache 
mit  sich.  —  Bemerkenswert  tür  den  veränderten  Geschmack 
ist  ferner,  dass  der  Natureingang  augenscheinlich  in  der  Rede 
der  Herzogin  238,  i,  mit  der  sie  zum  Suchen  auflfordert,  fehlt. 
Für  seine  freudige  Kunde  belohnt  sie  Neidhart  mit  einem 
Kranze,  gerade  wie    eine  Bauerndirne    ihren  Tänzer  (s.  S.   17  f.). 

Der  ganzen  Behandlung  und  Sprache  nach  gehörte  das 
Sterzinger  Neidhartpiel  zu  den  Spielraannsdramen.  Allerdings  war 
sein  Verfasser  nicht  entfernt  so  gewandt  wie  der  des  GrNSp.  Mit 
dem  immermehr  zunehmenden  Verfall  der  Dichtkunst  überhaupt 
hatte  er  gleichen  Schritt  gehalten. 

Ueber  stilistische  Eigenarten  und  Beziehungen  lässt  sich 
bei  dem  geringen  Reste  von  überlieferten  Versen,  von  denen  oben- 
drein Ein-  und  Ausschreier  möglicherweise  erst  von  Szenarabfasser 
zugefügt  sind,  nicht  viel  sagen.  An  Neidliart  erinnert  so  gut 
wie  nichts.  Einiges  erinnert  an  die  nachneidhartische  Schwank- 
dichtung und  an  die  Fastnachtspiele. 


199 


341, 1  Liebn  Nachpcrn,   Ich   sag   Ew 

nowo  Mere, 
Der  Ncydthardt  ist  aller  früiiiinkait 

lere, 
vgl.  257,  3  ,  358,  3  . 

240,  3  Ich  sag  dir  fürwar  bey  meinem 

leyb. 
243,  1  Schaw,   wie   gclcich   das  aimm 

Vcyel  ist. 

248,  3  So  byn  Ich  gar  ain  frayssamcr 
Pawr, 
EnnckwardtVnser,noch  gar  zesawr. 
247,  4  Auf  den  Xeydthardt  ist  mir  gar 
anndt. 
vgl.Fsp 470,28,471,5  ,503,24,58«,  5; 
Eg  480J),  Tir.  Vorsp.  1154, 
Edelpöck  214,521  u.  ö. 
258,  a  Ritter   Neydthardt,  AVir    sagn 
Ew  das, 
DiePawm  tragent  Ew  grossen  Hass. 


MSH  m  295*  19  Sit  ir  ain    gast  von 
Wien,  so  sagt  uns  niuwer  maor: 

Wes  begint  der  Nithart,  aller  tugent 
laer. 
vgl.  NF  1687,  Sterz.  8p  U  115. 

Fsp  495,  22  Ich  swer  das  anf  meinen 

leib.  vgl.  Vogt  Salm.  CXXXVnif. 

Keller,  Erz.  a.  ad.  Udschr.  165, 19  Wye 

geleych  da  moinm  puelen  pist! 

Fsp  357,  9  Zwar,  da  beschissner  paur. 
Ich  wolt  dir  es  wol  machen  sanr. 

Fsp.  Nchl.  234,  11  Es  thaet  mir  anff 
euch  gar  andt. 
Das  ir  meym  herzen  thaet  soliche 
schandt. 

s.  S.  152  zn  v.  430, 15. 


Auch  ans  geistliche  Drama  finden  sich  einige  Anklänge. 


237,  2  Merkt,  ler  Man  vnd  anch  Icr 
Frawenn, 
Weliche  hübsche  Aubentewr  wellen 
schawenn. 

249. 1  Sy,  Zypprian, mein  lieber  knecht, 
Da  wayst  den  Sachn  wol    ze  tfin 

recht. 

251. 2  Es  müest  Ennck  alle  weem  vmbs 

Lehn. 
253,  3  Ach,    Waffen   hcwt  vnd  yininer 
Waffen, 
Wie  habt  Ess  als   vbl   geschaffen. 


254, 1  Lieber   Meister,    Ich    will    Ew 
sagen, 
ler  sccht.  Ich  byn  harrt  geschlagen, 
vgl.  257,  4. 


Wien.  Pass.  2  Hoeret,  ir  herren  unt  ir 
vrowen, 
di  daz  spil  wellent  schowen. 

Erl  V  237  Medes,  lieber  chnecht, 
dn  ward  mfr  ze  d^nst  recht. 

Wirth   159. 

Tir.  (Pfarrk.)  P\Vackemell  S.  508,  n 
Waffen,  ymer  waffn! 
Wie  hastn  mich  peschaffn. 
Erl  III 329,  Eg  7490,  Wien.  Osp  334,  27, 
Mar.  Himf.   1705;  Wirth  68.  Fsp. 
503,  2ü;  vgl.  S.  21  zu  StPSp  39. 


Wirth   112. 


200 


Eine  Reihe  von  Stellen  beider  Arten  ist  schon  S.  181  ange- 
fahrt worden. 

Eine  im  Volksliede  häufig  vorkommende  Stilfigur  begegnet  auch 
im  StSz,  nämlich  die  Wideraufnahme  desselben  Gedankens  in  der 
Antwort  unter  Wahrung  des  letzten  oder  beider  Reimwörter. 


240, 1  So  pjn  Ich  genannt  der  EUschn- 
precht, 

Ynd  pjn  zu  diserSachganntz  gerecht, 
vgl.  255,  23,  246,  1,  241,  2. 
245,  4  Ennghnayr  byn  ich  genannt. 
Die  Nachpem  habent  mich  her  ge- 
sanndt. 
247,  3  So  bjn  ich  der  Mayr  von  der 
Lynndn, 
Vnd  kan  gar  wol   Garn  wynndn. 

248, 1  Ich  byn  der  Mayr  vom  Prunnen, 
Ich  hab  mich  erst  recht  besannen. 


240, 2  0  wee  mein  lieber  Ellschnprecht, 
Da  tetst  fürwar  daran  nicht  recht 
(vgl.  260,  i). 

245, 5  Pist  da  der  Ennghnayr  genannt, 
So  hab  ich  dich  vor  anch  erkannt. 

247,  8  Pist  da  dann  der  Mayr  von  der 
Lynnden, 
So  müst  da  in  karzer  Zeit  werden 
innen. 
248, 2  Pist  da  dann   der   Pawr   vom 
Prannen, 
So  hast  das  nit  gar  wol  besannen. 


Die  AulTührungr   des    Sterzinger   Neidhartspiels. 

Die  Aufführung  des  Spiels,  dessen  Bolle  im  StSz  vorliegt, 
erforderte  wie  die  des  GrNSp  umständliche  Vorbereitungen.  — 
Mehrfach  ist  von  „Schrannckn"  die  Rede,  es  ist  also  ein  Platz 
für  das  Spiel  abgesteckt  worden,  und  zwar  im  Freien,  denn  der 
Zug  geht  „hynaus  zun  Schrannckn".  Durch  einen  feierlichen 
Aufzug  der  Spieler  mit  Musikbegleitung  wurde  die  Vorstellung 
eröffnet.  Das  Volk  wird  aus  dem  Wege  gewiesen.  Die  Mit- 
wirkenden gehn  dem  Range  nach.  Hinter  den  Pfeifern,  dem 
Wegmacher  und  dem  Praecursor  kommt  die  Herzogin  mit 
dem  Hofmeister;  zwei  Ritter  gehn  ihr  voraus.  Darauf 
kommt  Neidhart  mit  seinen  Rittern  und  den  Jungfrauen. 
Zum  Schluss  folgen  die  Bauern  mit  ihren  Weibern.  Das 
erinnert  an  die  Aufzüge  der  geistlichen  Spiele^).  —  Auf 
dem  Spielplatze  waren  Sitze,   „Stüel  und  Pennck'',  gezimmert 2)  auf 


*)  Heinzel,  Abhandlungen  zum  altdeutschen  Drama  S.  5;   Beschrcibang 
des  geistlichen  Schauspiels,  Hamburg  u.   Leipzig  1898  S.  lG3f,  52. 
")  vgl.  Mone,  Schauöpiele  das  MA  II  IGO. 


201 


denen  die  Spieler  wie  beim  Einzüge  dem  Stande  entsprechend 
Platz  nehmen,  die  Herzogin  und  ihre  Umgebung  zu  oberst,  ganz 
unten  die  Bauern  und  Bäuerinnen  (237).  Hier  setzen  sich  auch 
nach  den  einzelnen  Abschnitten  des  Spiels  die  Personen  wieder  hin, 
wodurch  der  Beginn  einer  neuen  Szene  angedeutet  wird  (s.  S.  lOG). 

Der  abgesteckte  Platz  kann  nicht  von  geringem  umfange 
gewesen  sein,  nicht  nur  wegen  der  Menge  der  zugleich  auf- 
tretenden Personen  wie  bei  den  Tänzen  und  beim  Kampfe,  sondern 
es  waren  auch  gesonderte  Plätze  notwendig,  wenn  z.  B.  Neidharts 
Knecht  wie  im  GrNSp  von  den  Rittern  zu  den  Bauern  geht  und 
den  Aufsagebrief  überbringt,  um  dann  mit  seiner  Kundschaft  zu 
den  Rittern  zurückzukehren.  Auch  die  abtretenden  Spieler  blieben, 
wenn  sie  sich  nicht  setzten,  innerhalb  der  Schranken;  sie  gingen 
einfach  auf  die  Seite  (253,256).  Ausserdem  war  noch  ein  abge- 
sonderter Platz  für  den  Kranzverkäufer  nötig  (255).  Schliesslich 
befanden  sich  auch  die  Sitze  für  etwa  60  Spieler  (s.  u.)  innerhalb 

des  Platzes.  Es  muss  also  eine  ganz  beträchtliche  Fläche  abge- 
steckt gewesen  sein. 

Im  feierlichen  Aufzuge  sind  nicht  alle  Spieler  vertreten. 
Es  fehlen  der  Arzt  und  sein  Knecht  und  der  Weinwirt,  wahr- 
scheinlich wohl,  weil  sie  ihre  Ausrüstungsgegenstände,  die  „vil 
Püxn  vnd  Salbu"  (252)  und  die  beiden  Wagen  mit  den  Fässern, 
nicht  mitführen  konnten.  Sicherlich  soDten  auch  Arzt  und 
Knecht  in  komischer  Ausstattung  überraschend  wirken  (s.  S.  100 
Anm.)  und  durften  deshalb  nicht  schon  vorher  gesehen  Averden. 

Im  Verliältnis  zur  umfangreichen  Ausrüstung  steht  auch 
die  Menge  der  Spieler.  Sprechende  Personen  kommen  40  vor, 
(2  Praecursoren,  Herzogin,  Hofmeister,  4  Jungfrauen,  Neidhart, 
1)  Ritter,  2  Knechte  Neidharts,  der  junge  Neidhart,  der  „Schir- 
maister",  12  Bauern,  2  Bauerwei])er,  jung  Engelmar,  Arzt,  Arzt- 
knecht und  Weinwirt).  Daneben  stehn  noch  stumme  Personen. 
Mindestens  ein  Teil  der  andern  Bauern  ausser  Engelmar  und 
Ellschnprecht  hatte  Weiber  (253).  Im  Aufzuge  werden  sogar 
nicht  bloss  Bauerweiber,  sondern  auch  „Dyern''  genannt  (236  f). 
Femer  ist  ein  Kranzverkäufer  notwendig  (255).  Dazu  kommen 
der  Wegmacher  und  die  Pfeifer.  —  (Jegen  50  bis  (H)  Personen 
haben  also  sicherlich  mitgespielt. 


202 


Die  AuflEÜhnmg  im  Freien,  die  umständliche  Vorbereitung, 
der  feierliche  Tanz  (s.  S.  179f),  das  Fehlen  jeder  Anspielung  spricht 
gegen  die  Auflführung  zur  Fastnacht.  Allerdings  ist  ausserhalb 
Nürnbergs  mitunter  im  Freien  zur  Fastnacht  gespielt  worden*), 
doch  diese  Fälle  werden  verhältnismässig  selten  gewesen  sein. 
Es  zwingt  nichts  dazu,  im  StSz  die  Bolle  eines  Fastnachtspiels 
zu  sehen.  Die  grosse  Ähnlichkeit  in  der  ganzen  Einrichtung 
mit  dem  GrNSp  spricht  eher  dafür,  dass  wir  auch  hier  ein 
Maispiel  vor  uns  haben.  Dass  der  Mai  in  den  Tänzen  und 
beim  Veilchensuchen  nicht  erwähnt  wird,  kann  bei  der  geringen 
Zahl  der  erhaltenen  Verse,  die  immer  nur  der  Anfang  einer  Rede 
sind,  nicht  auffallen. 

über  den  Stand  der  Spieler  darf  man  aus  der  ersten  Vorrede 
nichts  schliessen.  Es  heisst  da  einmal  nur  „Sy  künnent  nit  alle 
lesu,  Ir  sint  Ettliche  nye  zu  Schul  gewesn*'.  Dass  selbst  bei 
einer  Bürgerauffülirung  mit  soviel  Personen  eine  Reihe  des  Lesens 
Unkundiger  mitwirkte,  war  sehr  leicht  möglich.  Dann  aber 
kann  man  diese  Verse  mit  249, 3  in  Verbindung  bringen  und 
eine  humorvolle  Verquickung  von  Spieler  und  dargestellter  Person 
darin  sehen.  Jedenfalls  hat  man  kein  Recht,  an  eine  Aufführung 
durch  herumziehende  verdienstlustige  Handwerksgesellen  zu  denken. 


^)  Creizenach  425. 


Da«  kleine  ^STeidhartspiel. 

Das  kleine  Neidliartspiel  ist  in  derselben  Wolfenbüttler 
Sammelhandschrül  (j  überliefert  wie  das  GrNSp.  Es  steht  dort 
Bl.  124  b — 129  b  im  Anschluss  an  das  Spiel  vom  Herzog  von 
Burgund,  das  am  Schlüsse  (190,  3i)  den  Verweis  hat:  „HERNACH 
VOLGET  DES  NEITHARTS  SPILLES  Nach  ihm  setzt  gleich  noch  auf 
derselben  Seite  das  folgende  Spiel  von  einem  Kaiser  und  einem  Abt 
ein.  Das  KlNSp  ist  von  der  Hand  geschrieben,  die  Michels 
S.  4 f.  mit  3  bezeichnet,  der  jüngsten  in  6,  welche  Fsp  1 — 37 
als  eine  für  sich  selbständige  zusammenhängende  Sammlung  über- 
liefert hat  (Michels  S.  11),  und  die  dem  Ende  des  15.  Jhd- 
angehört. 


Die  Mundart  der  Handsehrift. 

Der  junge    Umlaut    von    a    wird    mit    e    bezeichnet  ;  gesiecht 

191,9,  geprecht  19(i,  i9,  fleschlein   197,24. 
Umlaut  fehlt,  u  :  für  191,  i3,  193,  5  ;  übel   197,  3  ;  wurd  191,  ii; 

rust  194,  12;  sund  198,  is.  BGr.  29.   MGr.  (51. 

ö  :  hört    191,  a,     193,  :u,    li)(>,  :w;    schnöde    193,24;     schon 

195,7;  frolich  19(1,  :^i,  198,  j .  BGr.  54.  MGr.    111. 

UO  :  für  19*2,5;    schlugen    19G,  u;  kun  :  bestun  195,  21.   BGr. 

109.  MGr.   138. 
Der  Laut  uo  wird  meist    durch  u  bezeichnet    (Michels   14). 

Ausser  den    eben    angeführton    Fallen  :  gut    191,  13,    196,  16, 

198,  11;  hut  192,  8  ;  eisenhut  liM],  15,22;  mut   19*2,  j;   Übermut 

196,  2:t;  tut  191,  14,  194,2;  thu  19S,  4;  fluchen  :  suchen  193,9; 

bruder  197,  12;  must  191, 12.     BGr.  62.  [uo  nur    in  suochen 

193,  13.] 
Unechter  Umlaut  e  :  semd  196,  7;  liert  195,  6  .   BGr.  12.  MGr.  21. 
e  für  ae  :  gedret  :  durchneet  194,  22;  genedige  192;,  x  24.     B(ir.  47. 

MGr.  89. 


204 

I  für  ie  :  verdiissen  191,  e  [aber  schliess  191,  7  ].     BGr.  52. 

n  für  m  :  allsant  191,  15.     BGr.  169.  MGr,  216. 

b  für  w  :  kirbei  196,  4  .  BGr.  124.  MGr.  159f.     Schmeller  1 1290. 

DWB  V  828  f. 
ai  für  altes  ei:   maister  197,  20;    haisst  197, 20;    aigen    192,27; 

zaig  192,  26.  [sonst  schreibt  3  meist  ei  für  beide  ei -Laute. 

s.  zu  den  Reimen.] 
Abfall  von  n  vor  folgendem  wir  in  der  1.  plur.    stoss  198,  12; 

sei  191,  20;    fund  193,  i4;  thu  198,  4;  woU  191,  15;  leg  198, 15. 

BGr.  167.  MGr.  215. 
Ausfall  von  b  :  leckuchen  192,  15.  BGr.  126. 
-leich  und -ein  im  Suffix:  stehlein  196,  15;  tugentleich  191,  le, 

192,  4;  clegleich  193,  23.  BGr.  78. 
ider  196,22;  idem  196,6.  MGr.  497. 
3.  pl.  gingen  196,  ao.  BGr.  274.  MGr.  357. 
3  pl.  sein  197,8.  BGr.  296. 
Hauptsächlich  bairische  Wortformen    sind  :  zwifel    195, 17  (  : 

stifel),  s.  Schmeller  11  1174,  Frommann,  Mundarten  lU  102; 

erberg  191,  9 ,  s.  Schmeller  1127  und  1780,  vgl.  Fsp  635,9. 

Über  hart  seid  193,9    s.  S.  211  Anm.  2. 


Mundart  des  Spiels. 

Das  Spiel  zeigt  dieselben  mundartlichen  Eigenarten  wie    die 
Handschrift. 
Unumgelautetes   a   (junger    Undaut   fehlt) :  getrank    197,22. 

BGr.  5.  MGr.  20. 
ue  für  uo-ümlaut :  gruen  :  sehnen    192,  5  .     (Michels  115f.  vgl. 

kue,  pl.   194,  33). 
ie  für  i  :  gier  :  vier  195,  u.     BGr.  90.  MGr.  45. 
ä  :  ö  :  rat  :  tot  196,  29.     HG.  38.  MGr.  88. 
ei  :  ai  :  rein  :  Laurein  197,  19.     MGr.   106. 
nd  :  nn  :  dannen  :  banden  193,  12.     MGr.  216.  BGr.  171. 
Abfall  von  n  :  fechte  ;  knechte  194,  u.     BGr.   167.   MGr.   215. 
Abfall  von  d :  bestun  (conj.  praet)  :  kun  195,22.   BGr.  149,271. 
g  :  §  :  mgr  :  hör  193,  31.  BGr.  48.  MGr.  42. 
e  :  ae  :  Lucifer :  unmaer  197,  7.  BGr.  48,43.  MGr.  42. 
e  :  §  :  quel :  sei   197,  :i.  BGr.  48. 


205 


Verflüchtigung  von  p  :  pauren  schauen  192, 30.  Geschrieben 
wird  pauren,  gesprochen  aber  pau'n  (s.  S.  57). 

Im  schlechten  Keime  all :  gabst  196, 4  ist  jedenfalls  Verderbnis 
anzunehmen.  Mindestens  ist  wohl  das  Reimwort,  vielleicht 
auch  mehr   ausgefallen,  s.  Weinhold,  Anm.  hierzu   S.  1490. 


Versbau. 

Der  Versbau  des  KlNSp  ist  von  jüngerem  Gepräge  als  der 
des  GrNSp.  Die  Verse  sind  im  grossen  und  ganzen  glätter. 
Zweisilbige  Senkung  ist  nicht  gerade   häufig   (z.    B.    191,  4,15,16, 

192,  22,    198,  2f),    ebensowenig    das   Fehlen    der    Senkung   (z.  B. 

191,  19,  192,  17,  195,  9  ,  197,  17.  20),  des  Auftaktes    (z.    B.    192,  19, 

193,  19,  197,  23,25 ,  198,  14)  und  zweisilbiger  Auftakt  (197,  19.  — 
191, 20  ist  wohl  „und"  zu  streichen).   —     Überlange   Verse    sind 

192,  30,  193,  3,25.  Drei-  und  vierhebige  Verse  sind  nicht  mehr 
zusammengereimt;  es  giebt  überhaupt  im  KlNSp  keine  dreisilbi- 
gen (s.  S.  24  u.  64).  Wenn  also  der  Teil  3  von  G  ans  Ende  des 
15.  Jhd.  gehört  (s.  S.  202),  so  stimmt  der  Versbau  zu  dieser  An- 
setzung. 


Inhalt. 

Nach  der  Einleitungsrede  und  dem  Ritter  aus  Mailand,  der 
Ruhe  und  Frieden  gebietet,  fragt  die  Herzogin  den  herbeikommen- 
den Neithart  nach  dem  Veilchen  (191,  23).  Er  setzt  die  bereit  gehaltne 
Blume  heimlich  auf  die  Erde  unter  seinen  Hut  (192, 1 )  und  fordert 
die  Herzogin  auf,  mit  ihm  zum  Anger  zu  gehn  (192,3).  Da 
kommt  Engelmair  und  seine  Frau  Adelheid  herbei  und  tanzen  ums 
Veilchen  (192,  12  ir).  Neidhart  fordert  die  Herzogin  noch  einmal 
auf  mitzugehn,  um  ihr  die  envünschte  Blume  zu  zeigen  (192,  24). 
Am  Platze  angelangt  hebt  er  den  Hut  auf  und  lässt  die  erste 
Jungfrau  drunter  sehn  (192, 29),  die  den  Unfug  sogleich  bemerkt 
und  Neidhart  zur  Rede  stellt.  Die  andern  beiden  Jungfrauen 
weisen  sofort,  um  ihn  zu  entschuldigen,  darauf  hin,  dass  es  die 
Bauern  getlian  haben  werden,  uud  wollen  das  richtige  Veilchen 
unter  dem  falschen  hervorsuchen  (193,  7.12),  um  die  Herzogin,  der 
die  erste  Junglrau  gleich  ihre  Wahrnehmung  mitgeteilt  hatte  (193,  2  ), 


206 


von  Neidharts  Unschuld  zu  überzeugen.  Die  Herzogin  geht  aber 
darauf  nicht  ein,  sondern  verweist  Neidhart  einfach  des  Landes 
(193,19).  Während  der  nun  in  laute  Klage  ausbricht  und  den 
Thätem  Rache  schwört  (193,  22),  kommt  Engelmar  mit  Eltschenprecht 
herausfordernd  herbei,  der  sich  laut  seiner  Unthat  rühmt  (194, 5 ). 
Nach  einer  Afforderung  Neidharts  zur  Rache  (194,  10)  tret^jn  Bauern 
und  Ritter  wechselseitig  einander  mit  ruhmredigen  Scheltereien 
und  Drohungen  entgegen  (194,  15 — 196,  9  ),  bis  Neidhart,  von  seinem 
Knechte  gerüstet  (196,  11),  seine  Ritter,  die  gern  seine  Sache  zur 
ihrigen  machen  (196,  27),  noch  einmal  zum  Kampf  ennuntert(  196,  18). 
Da  rückt  auch  schon  Hebenstreit  herausfordernd  mit  den  Bauern 
an  (496,  34),  und  es  kommt  zur  Prügelei,  in  der  melirere  Bauern 
erschlagen  und  verwundet  werden.  Nun  ersclieint  der  Teufel  um 
die  Grefallenen  zur  Hölle  zu  schleppen  (197,  2  ).  Ein  Bauer  klagt 
darauf  laut  über  seinen  erschlagenen  Bnider  (197,  10)  imd  wird 
für  seine  Person  von  einem  andern  Bauer  auf  den  tüchtigen  Arzt 
Laurein  vertröstet  (197,  17),  welcher  gleich  mit  einem  Heiltrank 
zur  Stelle  ist  (197,  22),  der  auch  wirklich  dem  Hebenstreit  sofort 
hilft  (197,  27).  Ein  Ritter  mahnt  Neidhart,  und  die  übrigen  zur 
Herzogin  zu  gc^hn,  wo  ihrer  ein  guter  Eni])fang  warte  (197,  so). 
Der  Urlaubnehmer  schliesst  darauf  das    S])iel. 


Neues  im  KlNSp. 

Eigentlich  neue  Motive  finden  sich  im  KlNSp  fast  gar  nicht. 
Nur  unter  den  Drohungen  der  Bauern  steht  196,  4  eine  Anspielung, 
die  an  den  Salbenschwank  MSH  HI  238'*  erinnert,  dem  wir  bisher 
in  den  Neidhartdramen  noch  nicht  begegnet  waren.  Doch  ist  die 
Auffassung  hier  nicht  dieselbe  wie  dort.  Neidhart  soll  an  einer 
Kirchweih  den  Bauern  eine  Salbe  gegeben  haben,  die  hauptsäch- 
lich auf  den  Bauch  wirkte,  also  wohl  ein  Blähmittel,  während  im 
Salbenschwanke  die  Bauern  ihn  bitten,  Neidhart  mit  einer  Stink- 
salbe einzuschmieren,  ohne  zu  wissen,  dass  er  es  selbst  ist,  was 
er  auch  verspricht,  um  sie  nachher  an  den  Betrunkenen  selbst 
anzuwenden.  Wir  haben  es  also  hier  mit  einer  stark  abweichen- 
den, sonst  luibekannten  Version  des  auf  Neidhart  übertragenen 
Salbenmotivs  zu  thun.  Hier  scheint  er  geradezu  als  Quacksalber 
gedacht  gewesen  zu  sein.     Der  Haui)twitz,  dass  er  unerkannt  von 


207 


den  Bauern  bestimmt  wird,  sieh  selber  einzusehmieren  ^),  fehlte 
dabei.  Die  Medizin  des  Arztes  ist  nicht  wie  im  StSz  eine  Salbe, 
sondern  ein  Tränklein.  Wenn  im  Fsp.  (yß  Bubin  nach  der 
Prügelei  578,30  zu  den  Bauern  kommt,  um  die  Verwundeten  mit 
seinem  Weine  zu  heilen  (s.  S.  21()  zu  v.  197,22),  so  liegt  es  dort 
ebenso.  —  Auch  im  KlNSp  ist  nur  ein  Quacksalber  vertreten, 
nicht  Arzt  und  Knecht  wie  im  StSz. 


Verwirrungren. 

So  gut  wie  alles,  was  das  KlNSp  bietet,  kann  mit  der  Be- 
zeichnung „Verwirrungen"  belegt  werden. 

Michels  hat  S.  28  Anm.  mitEecht  gegen  Lier  S.  37  Anm.  1, 
der  das  KlNSp  für  älter  hält  als  das  GrNSp,  hervorgehoben,  dass 
hier  schon  der  „Engelmair  auf  der  Stelzen",  als  solcher  zur  typischen 
Figur  geworden,  gleich  so  auftrete.  —  Die  Venvirrung  ist  aber 
noch  grösser.  —  1J)2,  ig  ist  er  noch  nicht  mit  Stelzen  gedacht, 
wenigstens  wird  davon  nichts  envähnt;  erst  193,  ao.  »2  tritt  er  so 
auf,  ohne  dass  gesagt  wäre,  wie  er  dazu  gekommen  sei.  —  Die 
Veilchengeschichte,  der  eigentliche  Kern  aller  Neidhartspiele, 
ist  überhaupt  ganz  entstellt.  Vom  Pflücken  des  Veilchens  ist 
keine  Bede  mehr.  191,  23  fragt  die  Herzogin  nach  ihm 
ebenso  wie  GrNSp  412,19;  Neidhart  Avird  hier  demnach  schon 
zurückkommend  gedacht.  Die  Hauptsache,  um  die  sich  die 
ganze  Fabel  dreht,  die  Aufforderung,  das  Suchen  und  das  Finden 
der  Blume  fehlt  also  ganz.  —  Darum  ist  auch  die  Anweisung 
192,  1  wo  Neidhart,  wie  gesagt,  schon  zurückkommt,  an  falscher  Stelle. 

194,7  f  heisst  es,  dass  Eltschenprecht  den  Ersatz  besorgt  habe. 
In  den  übrigen  Spielen  wie  in  den  Gedichten  geschieht  das, 
während  Neidhart  vom  Anger  zurückkommt,  um  die  Herzogin 
abzuholen.  Mit  dem  Ausfall  der  ganzen  Vorgänge  vor  der  Rück- 
kehr Neidharts  war  auch  der  Veilchenraub  weggefallen.  An  die 
alte  Ausführung  erinnern  aber  noch  versprengte  Spuren.  Im  StSz 
legte  der  an  falscher  Stelle  stehende  Bauerntanz  die  Vermutung  nahe, 


*)  Dass  Neidhart  unerkannt  von  den  Bauern  beauftragt  wird,  an  sich 
selbst  ihre  Rache  zu  vollziehn,  war  aucli  im  (irNSp  im  SäuU-nscliwankc 
begegnet,  s.  S.   68. 


208 


dass  einmal  von  den  Bauern  bei  der  Ausübung  des  Unfugs  um 
das  richtige  oder  um  das  neugepflanzte  Veilchen  ein  Reie 
gesprungen  worden  sei.  Ebenso  war  es  einmal  im  unverderbten 
Originale  des  KlNSp.  Darauf  führt  der  Tanz  um  die  Blume 
192, 12  ff,  zu  dem  Engelmar  192,i7  aufspielen  lässt.  Wahrscheinlich 
waren  nicht  nur  Adelheid  und  ihr  Mann,  sondern  eine  grössere 
Anzahl  Bauern  dabei  beteiligt.  Mit  dem  Wegfall  des  Anfangs 
kam  dieser  Tanz  an  falsche  Stelle,  wo  er  den  feierlichen  Zug 
Neidharts  mit  der  Herzogin  und  dem  Hofgesinde  unterbricht 
und  eine  zweimalige  Aufforderung  und  Versprechung  192,  4  ff,  »ff 
bedingt. 

Auch  vom  höfischen  Tanze  ums  Veilchen  finden  sich  noch 
Spuren.  192,  9  spricht  Neidhart  den  Vorsatz  aus,  um  den  Frühlings- 
boten zu  tanzen.  Es  mag  unsicher  sein,  ob  dieses  Vorhaben 
sogleich  ausgef&hrt  worden  ist,  da  die  Hofgesellschaft  dann  nodi 
einmal  hätte  beiseite  gehn  müssen,  um  den  Bauern  für  ihren 
Tanz  Platz  zu  machen,  der  nach  192  i3ff,  i7ff  feststeht.  Das  wäre 
aber  allerdings  nicht  viel  anstössiger  als  der  doppelte  Tanz  im 
StSz  242  (s.  S.  lH4f).  Auch  die  Aufforderung  zum  Tanz,  die 
1965  31  ganz  unpassend  ist,  ist  ein  versprengter  Best  des  höfischen 
Tanzes. 

Es  leuchtet  also  noch  eine  ältere  bessere  und  ausführlichere 
Form  durch  die  Verderbnisse  des  KlNSp  hindurch. 

Nach  der  Anweisung  1 92,28  geht  die  erste  Jungfrau  mit  Neid- 
hart, wogegen  er  192,  4  die  Herzogin  um  ihre  Hand  bittet.  192,» 
zeigt  er  dieser  Jungfrau  das  Veilchen,  nicht  der  Herzogin,  obwohl 
sie  auch  im  KlNSp  nach  191,23  diejenige  ist,  welche  das  Suchen 
veranlasst  hat. 

Die  drei  Jungfrauen  sind  im  Spiel  an  der  Handlung  beteiligt. 
Das  geschieht  aber  in  einer  unglaublich  rohen  Weise  (s.S.  212)^). 
Das  Bestreben  der  Nachahmer  Neidharts,  allenthalben  ihre  Vor- 
lagen, echte  wie  unechte,  zu  vergröbern    und   möglichst  drastisch 


*)  193, 12  sagt  die  dritte  Jungfrau;  ^Frau,  diesen  dreck  stoss  wir  Ton 
dannen,  Suochen  den  stein  mit  unser  banden''.  Was  hier  „stein"  bedeuten 
soll,  ist  ganz  unverständlich.  Rapp  i.  d.  Allg.  Monatsschrift  für  Wissensch. 
u.  Litt.  Braunschweig  1853  S.  750  vermutet,  der  Dichter  meine  einen  wirk- 
lichen Stein,  vielleicht  einen  Amethysten.  Das  ist  natürlich  unhaltbar.  Man 
wird  wohl  mit  einem  Schreibfehler  für  „feiel"  zu  rechnen  haben. 


209 


zn  machen,  hat  hier  beinahe  den  Höhepunkt  erreicht.  Den 
Jungfrauen  gegenüber  tritt  clie  Herzogin  ganz  zurück.  193,  i9 1 
spricht  sie  die  blosse  Ausweisung  ohne  jeden  Vorwurf  oder  Zom- 
ausbruoh  und  ohne  die  geringste  Klage.  Ausser  der  Frage  nach 
dem  Veilchen  191,23  hat  sie  sonst  im  ganzen  KlNSp  überhaupt 
nichts  mehr  zu  sagen.  Die  nach  Neidhart  wichtigste  Person 
ist  also  beinahe  zur  Nebenfigur  geworden. 

Seltsamerweise  findet  sich  1 93,  26  eine  Erwähnung  des  Herzogs 
der  sonst  im  KlNSp  nicht  vorkommt. 

Neidharts  Knecht  ist  196,  ii  auch  im  KlNSp  vertreten.  Es 
scheint  vorausgesetzt  zu  sein,  dass  er  vorher  die  Bauern  beobachtet 
habe  und  nun  berichte.  Bei  diesem  Kundschaftsgange  mag  er 
zugleich  die  Absage  überbracht  haben,  von  der  194,  12  die  Rede 
ist.  Es  fehlt  davon  jede  nähere  Ausführung.  Ist  die  Vermutung 
richtig,  so  wäre  die  Anordnung  im  KlNSp  an  dieser  Stelle  sogar 
besser  als  im  StSz,  indem  gleich  nach  der  .Selbstentdeckung 
Eltschenprechts  (194,  5)  die  Absage  erfolgt  sein  würde,  woran  sich 
die  Drohreden  knüpften,  die  wie  im  StSz  geartet  sind. 

Nach  oder  während  der  Prügelei  kommt  197,  3  der  Teufel 
und  spricht  von  den  erschlagenen  Bauern,  die  er  in  die  Hölle 
bringen  soll.  Es  ist  aber  weder  von  der  Hölle  noch  von  dem 
gleichfalls  erwähnten  Luzifer  die  Rede  gewesen.  Wir  erfahren 
nicht,  wie  und  warum  er  herkomme,  um  die  Bauemseelen  zu 
holen,  die  er  nach  197,8  allein  haben  will. 

Von  der  Bestrafung  der  Bauern  erfahren  wir  auch  nichts 
Näheres.  Eine  wortlose  Prügelei  hat  sie  dargestellt,  während 
welcher  sich  der  Teufel  herbeischlich.  Nach  197,  4f  sind  mehrere 
Erschlagne  auf  dem  Platze  geblieben,  und  nach  197,  19, 23  sind 
daneben  noch  einige  verwundet  worden.  Aber  Eltschenprecht, 
der  eigentliche  Schuldige,  wird  weder  getötet  noch  verwundet. 
Die  Klage  nach  vollzogner  Rache  stinmit  deshalb  ein  ganz 
fremder  Bauer  an  namens  Knopf  (197,  n),  der  seinen  Bruder  be- 
jammert (197,  12),  nicht  sich  selbst;  und  doch  ist  die  Trostrede 
seines  Genossen  197,  n  so  geartet,  als  ob  sie  auf  eine  Klage  über 
eignes  Unglück  antwortete.  Endweder  ist  die  Rede  des  Knopf 
entstellt,  oder  eine  andre  Klage  ist  ausgefallen.  —  Ebenso  wenig 
wie  bei  der  Bestrafung  spielt  dann  auch  bei  der  Heilung  der  Schuldige 
eine    Rolle.      Möglich,    dass    er    unter    den    Qemassregelten    war, 

Guüiude,  Neidhart  mit  dem  Veilchen.  ^4 


210 


aber    er   tritt  nicht    hervor.     Statt    dessen    erscheint   Hebenstreit 
der  sonst  im  Spiel  eine  untergeordnete  Stellung  einnimmt. 

Am  Schlüsse  des  Spiels  wird  198,  2  noch  einmal  die  Herzogin 
erwähnt  und  198,  5  fassen  die  Ritter  ihre  Hand,  ohne  Zweifel  zu 
einem  Schlusstanze.  Dies  setzt  eine  Rückkehr  der  Ritter 
an  den  Hof  voraus.  Ob  sie  überhaupt  stattfand,  geht  aus  dem 
Text*»  nicht  hervor.  Wenn  es  der  Fall  war,  so  geschah  sie 
während  der  Verse  198,  2-4    wortlos  und  ungeschickt. 

Nach  alledem  haben  wir  es  hier  mit  einer  ganz  schlechten  und 
ungeschickten  Kürzung  eines  umfangreicheren  Stückes  zu  thun. 
Dem  Bearbeiter  kam  es  gar  nicht  mehr  auf  die  Veilchengeschichte 
an.  Ihm  war  es  um  die  lang  ausgesponnenen  renommistischen 
Schimpfereien  und  Drohungen  der  Bauern  und  Ritter  und  ganz 
besonders  um  die  jedenfalls  recht  drastisch  dargestellte  Holzerei 
zu  thun.  Diese  wurde  für  ihn  der  Mittelpunkt  des  Stückes. 
Nachdem  damit  aber  einmal  der  Schwerpunkt  verschoben  war, 
hätte  die  Person  Neidharts  ebensogut  durch  jede  andere  ersetzt 
werden  können;  doch  Neidhart  der  Bauernfeind  war  eine  zu  ver- 
lockende und  beliebte  Figur,  um  nicht  beibehalten  zu  werden. 
In  ähnlicher  Weise  verdankt  er  dieser  Seite  seines  Wesens  sein  Vor- 
kommen in  Witteiiweüers  Ring.  —  Die  in  der  Quelle  vorhandene 
Veilchengeschichte  wurde  nur  nebenbei  mitgenommen,  wohl  nur 
wegen  der  guten  Gelegenheit,  die  sie  für  Unflätereien  bot,  mit  denen 
der  Verfasser  nicht  sparsam  gewesen  ist  (S.  21  If).  Das  Publikum 
kam  dabei  auf  jeden  Fall  auf  seine  Rechnung.  Das  Gröbste 
wurde  als  das  Wirksamste  vom  Verfasser  am  liebsten  aufgenommen. 
So  ist  zu  vermuten,  dass  er  es  sich  kaum  wird  haben  entgehn  lassen, 
den  Ersatz  breit  und  ausführlich,  wenn  auch  stumm  pantomimisch 
zu  schildern,  obwohl  er  zu  dem  weggefallenen  Anfange  gehörte. 
Er  wird  ihn  während  des  Tanzes  192,  12-22  gebracht  haben,  wenn 
auch  die  Anweisungen  darüber  schweigen. 

Auffällig  ist  schliesslich  der  Ritter  aus  Mailand  (191,  is),  der 
als  solcher  gar  nichts  im  Spiel  zu  thun  hat.  Er  stellt  sich  als 
Bote  der  Königin  vor  und  fordert  zur  Ruhe  auf.  Wir  haben  hier 
offenbar  den  Rest  des  alten  ursprünglichen  Prologes,  dem  die 
neue  Einleitungsfonnel  der  Spielerbande  einfach  vorangestellt  wurde. 
Ähnlich  ist  es  Fsp  128  Nchl.  21().  Dort  sind  sogar  drei  Prologe, 
aber  21f),  10  ff.  ist  erst    später  eingeschoben  und    hat    ganz    andre 


211 


örtlichkeiten  als  das  Stück,  das  erst  217,»  wirklich  beginnt 
(s.  Michels  S.  39).  Wenn  der  Ritter  aus  Mailand  hier  von  der 
Herzogin  gesandt  ist,  so  erinnert  das  an  den  Prolog  des  GrNSp, 
dessen  Sprecher  der  Bote  der  schönsten  Frau  ist  (393,  ao).  Jeden- 
falls ging  einmal  auch  dieser  Prolog  vor  seiner  Verstünunelnng 
wie  der  zweite  im  StSz  und  der  im  GrNSp  näher  auf  den  Inhalt 
des  Spieles  ein.     Hier  ist  er  jedoch  ganz  bedeutungslos  geworden. 


Heimat  und  AuflnUmmgr. 

Michels  nimmt  S.  114  f  Anstoss,  das  KlNSp  nach  Nürnberg 
zu  setzen,  ohne  seine  Meinung  einleuchtend  machen  zu  können.  —  Für 
den  Reim  gruen:  sehnen  192,  5  weist  er  S.  115  f  selbst  nümbergische 
Heimat  nach.  Vgl.  239, 1 .  Bei  Hans  Sachs  kommt  diese  Form 
auch  vor.  —  Die  Erwähnung  Dingelfingens  194,  ao,  meint  Michels, 
spreche  für  niederbairische  Herkunft  des  KlNSp.  Dingolfing,  an 
der  Isar  ist  jetzt  und  war  schon  im  Mittelalter  eine  nicht  un- 
bedeutende Stadt  ^).  Ein  in  ihrer  Nähe  entstandenes  Stück  hätte 
gerade  am  allenvenigsten  einen  Bauern  aus  der  Stadt  konmien 
lassen,  sondern  eher  ein  Dorf  im  Umkreise  genannt.  Wenn  hier 
aber  der  Bauer  aus  Dingelfingen  kommt,  so  geht  daraus  hervor, 
dass  der  Verfasser  den  Ort  gar  nicht  näher  kannte,  den  er  nur 
wegen  des  Klanges  seines  Namens  wählte.  —  Nach  Nürnberg 
weist  schliesslich  das  sonst  nur  bei  nürnbergischen  Dichtem  belegte 
Wort  hartseid  193,  9^). 

Der  Stoff  ist  allerdings  nicht  nümbergisch,  um  so  mehr  der 
Stil.  Darin  weicht  das  KlNSp  ganz  bedeutend  von  den  älteren 
Spielen  ab.  Nicht  die  zum  Teil  vom  Stoffe  und  von  den  Quellen 
gegebenen  Derbheiten,  nicht  einmal  zotige  Witze,  sondern  regel- 
rechte Unflätereien  finden  sich  hier,  wie  sie  in  nürnberger  Stücken 


i)  Bavaria  1,2  ,  1120. 

■)  Geschrieben  wird  es  hier  hart  seid.  Es  findet  sich  ferner  als  hart- 
seid bei  Rosenblüt  im  Spruch  von  den  Handwerkern  Fsp  1138.  hartsal  steht 
bei  Ayrer  und  hartsei  bei  Hans  Sachs.  DWBIV,  2,518  f.  Unsere  Stelle  ist  dort 
nicht  verwertet. 


212 


gang  und  gäbe  sind,  in  denen  „Scheissen**  und  ^Dreck"  die  Haupt- 
anziehungsmittel bilden  *).  Mit  Behagen  werden  sie  auch  im  KlNSp 
angewandt.  Am  auffallendsten  ist  die  Sprache  Neidharts  zur 
Herzogin  193,27  und  noch  mehr  der  Ton,  den  die  Jungfrauen 
193,  7  ff.  anschlagen,  und  deren  Bereitwilligkeit,  im  Drecke  buch- 
stäblich    herumzuwühlen,      um      das     Veilchen     hervorzusuchen 

(193,  10, 12). 

Hier  handelt  es  sich  in  der  That  um  ein  Fastnachtspiel, 
wie  die  Schlussrede  198,  is  deutlich  ausspricht.  —  Szenerie  ist 
im  KlNSp  nicht  notwendig;  nur  ein  Veilchen  gehört  dazu,  das  vom 
Spieler  der  Neidhartrolle  selbst  hingelegt  wird  (192, 1).  Ei-  ^SETZT 
DEN  FEIEL  HEIMLICH  NIDER  UND  DECKT  IN  MIT  EIM  HUTLEIN  ZU.- 
Der  Stoff  ist  also  hier  im  Zustande  seiner  gröbsten  Entartung 
bei  derselben  kunstlosen  Einfachheit  der  Ausstattung  wieder  an- 
gelangt, von  der  er  ausgegangen  war  (s.  S.  24  u.  lH9f),  denn  die 
herumziehenden  Gesellen  in  Nürnberg  hatten  ebensowenig  Zeit 
und  Gelegenheit,  irgend  welche  Vorbereitungen  zu  treffen,  als  die 
Fahrenden  in  den  fiallen  der  Adelshöfe.  Zwischen  beiden  liegen 
die  umfangreichen  Spiele  mit  ihrer  umstilndlichen  Ausstattung. 

Dem  GrNSp  und  dem  StSz  gegenüber  ist  die  Spielerzahl  sehr 
zusammengeschrumpft.  Ausser  den  Sprechern  der  zwei  Prologe 
und  des  Schlusses  sind  24  Personen  notwendig,  nämlich  Herzogin, 
3  Jungfrauen,  Neidhart,  sein  Knecht,  (>  Ritter,  Engelmar,  Adelheid, 
Eltschenprecht,  Hebenstreit,  6  Bauern,  Teufel,  Laurin.  Wenn 
19(),  27  und  197,30  die  Bitter  und  197,  10,17  die  Bauern  zu  den 
bei  der  gegenseitigen  Herausforderung  beteiligten  Personen  gehören 
was  leicht  möglich  ist,  so  vermindert  sich  die  Zahl  auf  20.  ür- 
laubnehmer  und  die  beiden  Vorredner  konnten  im  Notfalle  Personen 
des  Stückes  sein.  — 

Die  Spieler  bilden,  was  uns  in  den  Neidhartspielen  hier  zum 
ersten  Male  ])egegnet,  eine  von  Haus  zu  Haus  herumziehende 
Bande,  die  um  Lohn  ihr  Stück  aufführt.  Es  wird  nicht  nur  198,  3 
mit  dem  Beispiel  der  Herzogin,  die  „Essen  und  trinken  und  ein 
frolichs  leben"  „zu  lone"  geben  will,  dem  Zuschauer  ein  deutlicher 
Wink  gegeben,  für  gute  Verpflegung  zu  sorgen,  sondern  es  wird 
sogar   in  der  Vor-  und  Sclilussrede   191,  14,   198,  10  ausdrücklich 


^)  Weinhold,  Goschcs  Jahrb.  1,8. 


218 


die  „schenk^  erwähnt.  Daraus  wird  auch  die  Anspielung  auf  die 
verschlossenen  Taschen  und  Beutel  klar  (191, 7  f).  Überhaupt 
sind  Einleitung  und  Schluss  der  Aufiftthrungsweise  angemessen. 
Sie  sind  ganz  allgemein  gehalten,  nur  191,4  erwähnt  Neidhart 
ganz  obenhin,  im  übrigen  stehn  diese  beiden  Abschnitte  in  gar 
keinem  Zusammenhange  mit  dem  eigentlichen  Spiel.  Solch  all- 
gemeine Einleitungs-  und  Schlussverse  sind  häufig.  Am  auffälligsten 
ist  das  beim  Türkenspiel,  wo  303, 7 ff  die  aus  Fsp  99,  759, 31  ff 
entlehnten  derben  Gesegenverse  des  Herolds  ganz  unpassend  dem 
ernsten  Stücke  angehängt  sind.  Solche  Vor-  und  Nachreden  wurden 
nach  Belieben  und  ohne  Rücksicht  darauf,  ob  sie  zum  Stücke 
passten  oder  nicht,  vor-  und  nachgesetzt.  Sie  waren  teilweise 
geradezu  stehende  Formeln  geworden,  womit  die  Bande  sich  im 
Hause  einführte  und  verabschiedete.  Gerade  hier  sind  die  Über- 
einstimmungen zwischen  den  einzelnen  Spielen  besonders  häufig. 
Vgl. 


191,  6  Ob  (las  ieinant  venlrissen   wil, 
Der  schliess  tauchen    und    pcutcl 
sein. 


198,  12  Ob  euch  die  fasten  wurd  vil 
dest  strenger. 

Dann  euch  die  fasnacht  ist  ge- 
wesen. 

So  man  den  passion  tut  lesen  .  .  . 


Sterz.  Sp  VI  7  Ains  solt  ir    euch    nit 

lassn    verdriesscn : 
seckhl     vnd     teschen    thuet    zu- 

schliessen, 
Das  man  euch  nit  grab  darein, 
vnd  nit  An  gelt  gct  zu  dem  wein. 

Vgl.  VIO. 
Fsp  679,  7  Als  man  zu  vasnacht  ge- 

wönlichen  thut, 
Das  man  allweg  gern  frölicher  ist, 
Denn    in    der     vasten,    so    mann 

passian  list. 
—  773,  2,  329,  18,  Sterz.  SpV859; 

vgl.  Fsp  92,  2  fr,  98,  1, 223,  6. 


stu. 

Verwandtschaft  mit  dem  geistlichen  Drama. 

Die  Anklänge  an  die  komischen  Szenen  des  geistlichen  Dramas 
sind  im  KlNSp  besonders  gross.  Die  Prahlereien  der  Ritter  und 
Bauern  194,  15 — 197,  1  erinnern  deutlich  an  die  ruhmredigen  Grab- 
wächter  im    Osterspiel,    nicht   nur   in    ihrer    ganzen  Art,  in  der 


214 


Kühnheit  ihrer  Vergleiche  (Wirth  152  ff),  sondern  auch  wörtlich. 
Auch  ausserdem  zeigen  sich  Übereinstimmungen. 


195,  21  Ritter,  wie  dankest  du  dich 
also  kun? 
Wie,  ob  ich  dich  allein  bestun? 

194,  22lchhaneinschopenwol  gcdret 
Mit  panzerringen  wol  dnrchneet. 

195,  5  So  pin  ich  gar  ein  werder  helt; 
Wo  man  die  horten  eir  scbelt .  .  . 
. .  .  Und  wo  man  scbarpfe  schwert 

zeucht, 
Pin  ich  der  erste,  der  do  fleuht. 

196,  8  Darumb  wil  ich  dir  widersagen. 
Von  mir  wirst  du  gar  hart  geschlagen . 

197, 10  Wafen  jo  und  imor  wafen! 
Wie  han  ich  heut  so  lang  verschlafen. 


197,  27  Laurein,  du  hast  mir  geholfen 
wol. 

Des  ich  dir  im  er  danken  sol. 
191,  2.')  Ist  dir  der  fciol  worden  kunt. 

So  weise  mir  den  zu  dieser  stunt. 


193,  4  Sag,  Neithart,  wie    ist  dir  ge- 
schehen ? 
Hast  du  ein  dreck  für  ein  feiel  ersehen? 
193, 14  Und  fnnd  wir  den,  so  mocht  wir 
jchen. 
Das  Neithart  hat  den  feiel  gesehen. 


Erl  y  155  So  pin  ich  ein  ritter  chnen, 
ich  torst  wol  sehen  gemuen. 

Wirth  155  [zu  Erl  V  171  vgl.  Schön- 
bach, Gott.  gel.  Anz.  1882 
n  890]. 


Wirth  116. 


Wirth  112.  vgl.  S.  199  zn  254,  i. 

Wirth  107  f;  Tir.  P.  IH  869;  Sterx. 
Lichtm.  Pichler  109;  Erl  IV  72,  HI  907. 
Ring  7,  3, 28 ;  Suchenw.  XXX  i  ;MichcU 
S.  28  Anm.  vgl.  StSz  253,  3. 
Frankf.P.3358  Nicodeme,  der  sin  gefeit 
mir  wol! 

darumb  ich  dirummerdanckensoL 
Künzelsau  271  vinden  wir  das  kintzn 
derselbigen  s  tun  dt 

wir  machen  es  den  lewtten  kundt 

Koppen  64. 

Wirth    Ulf. 


Wirth  112  f. 


Den  geistlichen  Spielen  und  den  Aufzugspielen  entspricht 
die  Selbstvorstellung  (Wirth  153 f.).  Ausser  dem  Bitter  aus 
Mailand  im  zweiten  Prologe  stellen  sich  auch  die  Bauern  und  die 
Ritter  in  den  Herausforderungen  vor.  Hier  liegt  es  sogar  so,  dass 
Engelmar,  der  schon  vorher  da  war,  sich  193,  ai  noch  einmal 
vorstellt.  —  Auch  Laurin  stellt  sich  vor. 


215 


Verwandtsehaft  mit  der  Splelmannsdlehtiuisr. 

Michels  S.  28  Anm.  verweist  auf  den  Laurin  wegen  des  Namens 
des  Arztes  im  KlNSp  und  wegen  195,  28f  „Sie  müssen  lassen 
schwere  pfant,  Den  rechten  fuss,  die  linken  haut*',  wozu  er  Parallen 
giebt.  Der  Name  Laurin  begegnet  auch  Eg  5286,  5322,  5614 
als  Name  eines  Soldaten.  Hier  hat  er  den  ähnlich  klingenden 
Bubin  ersetzt.  Die  Formel  mag  eine  sicherlich  nur  unbewusste 
Erinnerung  an  Laurin  sein,  wo  sie  unmittelbar  aus  BA  705  er- 
klärt werden  kann.  Das  Motiv  vom  Abschlagen  von  Hand  und 
Fuss  hat  dagegen  das  KlNSp  aus  der  Neidhartdichtung  (s.  S.  8f). 
Unser  Spiel  giebt  also  eine  dem  Drucke  sehr  nahe  stehende  Form, 
welche  andre  Spiele  nicht  kennen,  wohl  aber  NF  243,  248,  239. 
Dasselbe  Motiv  findet  sich  auch  sonst  noch  in  der  Neidhartschwank- 
dichtung.  NF  2617:  „si  hewen  ab  hend  und  fiess".  Neidh. 
210,  31 :  „die  haut  die  muoz  er  mir  hie  län  .  .  .  und  dar  zuo 
den  zeswen  fuoz".  Die  Vermittlung  giebt  MSH  HI  278^  4:  „haet 
er  ouch  ein  hant  im  hin  gevalzen**.  —  Ausserdem  finden  sich 
wörtliche  Anklänge. 


1 92, 19  Wir  lind  auch  mein  ackcrtrappcn. 
192,  9  Wir  wollen  daninib  tanzen  ein 
reien 

Mit  euren  juncfrauen  in  dem  mcien. 
192, 17  Pfeif  auf,  mein  lieber  spielmani 

Ich  tanz  des  pesten,  das  ich  kan. 


192, 2ii  So  zaig  ich  euch  den  feiel  fein. 

Der  sol,  frau,  eur  aigen  sein. 
192,  29  Junefrau,  irmust  den  feiel  schau- 
en, 
Mit  einem  hut  verdeckt  ich  in  vor 
disen  pauren.  vgl.  192,  5—8. 

192, 2oLafist  uns  um  diesen  feiel  sappen ! 


193, 19  Neithart,   heb  'dich  aus   dem 
lande ! 
Du  kumst  anders  in  spot  und    in 
schände. 


s.  S.  152  zu  V.  398,4  . 


s.  S.  150  zu  ▼.  403,  7  . 
Fsp  584,  3  Pfeuf  auf,  lieber  spilman ! 
Pfeif  mir  ains,  darnach    ich  kan! 
vgl.  Ring  6,2<l  ,  86.  Sterz.  Sp  V  343, 
XXV  1267  u.  ö. 

NF  316  wolanf !  wer  mit  mir  wöl  den 
ersten  feiel  schauwen 
der  stet  dort  auf  einem  grenen  rein, 
dar  über  han  ich  also  schon 
den  meinen  hut  geseczet.  vgl.  S.6. 

NF  225  und  da  sach  er  die  pauren 
stolcz 
fast  vmb  den  veiel  sappen. 

vgl.  S.  18G. 


216 


193,  25  tmd  ander,  die  mir  das  lastcr 

haben  getan. 
194, 10  Ir  grafen,  ritter  and  knechte, 
Wir  müssen  mit  den  pauren  fechte. 

194, 17  Ich  will  dich  schlagen  umb  den 
köpf, 
Das  dn  umblaufest   als   ein  topf. 


196, 12  es  sei  kein  tant  ( :  hant). 
195,  2  Und  knmcn  sie  auf  diesen  plan, 

Ich  wil  die  paaren  allein  bestan. 
vgl.    196,24. 

195, 7 . . .  und  schöner  frauen  pflegen  sol, 
Do  vertrit  ich  mein  stat  gar  wol. 

195,30  Ich  wil  der  paaren  kein  vermeiden 
Und  wil  in  die  zersvordem   ars  ab- 
schneiden. 


194,  24  (Ich  han)  .  .  .  auch  ein  seh  wert, 
kost  mich  zwei  pfunt, 
Darmit  mach  ich  den  Ncithart  wunt. 


197, 22 Ich  Laurein  hab  eingutsgctrank. 
Welcherpaur  ist  wunt  und  krank 
Und  trinkt  aus  (l<'in  floschloin,  im 
wirt  pas. 


8.  S.72  zu  414,39. 

NF  233  yU  ritter  vnd  auch  knechte, 
die  worden  also  schier  bereit, 
si  rüsten  sich  zefechten. 

NF  3735  zwar  ich  schlach  in  durch 

den  köpf, 
das  er  auf  dcmangervor  mir  schei- 

belt  als  ein  topf. 
MSH  282l>  8,  Sterz.  Sp  IV  372,  XVI 173; 

Eg  1025,  Wien  OSp321,  4; 

ähnlich  Wirth  157. 

NF  2083  es  ist  ein  dant  (  :  hant). 
StSp  XI  663  Ist  indert  ainer  anff  dem 
plan, 
mit  fechtn  muest  er  mich  pstann. 
StSp   XI    729,    IX    341,    ZfdA    11, 
498,  202. 

Fsp  259, 17  Secht,  so  bin  ich  also  ge- 
schickt, 
Wo  mich  ein  schon  frau  anplickt. 
=  338,  8  . 

Erl  II  331  ich  wil  sc  nicht  vermeiden, 
ich  wil  in  di  chel  absneiden,  vgl. 

337,  251. 
Fsp  319,  7  Dom  soltman  das  geschirr 

vonn     ars     abhauen,      vgl. 

310,  u,      327,  22,     187,  5  , 

220,  1 :  Sterz.  Sp  V  264,  XIU 

84,  XI  262. 

MSH  m  188*4;  NF  2348  der  selbig 
paur  der  hat  ein  swert. 
Dos  ist  eins  ganczen  pfundes  wert 
=  Bolte,  Bauer  i.  d.  Liede 
52,  6.  NF  2031.  vgl.  Neidh. 
175,  1.  Sterz.  P.  Pichler  46. 

FvSp  578,  :ioSohaiss  ich  maister  Rubein 
Und  gib  im  zu  trinken  guten  wein. 
I<^h  setz  im  das  fleschlein  an  den 

niunt, 
Zu  hant  so  wirt  der  paur  gesunt. 


217 


196,  31  Und  wollen  frolich  zu  euch  sprin- 

gen. 
Ich  hoff,  uns  soll  gar  wol  gelingen. 

197,  25  Für  ein  warheit  sag  ich  das. 


Fsp  580,  19  Und  wil  den  ersten  reien 
springen. 

Ich  hoff  mir  schol  heut  gelingen. 
Alsf.  928  vgl.  8.  155. 

s.  S.  152  Anm.   1. 


Ganz  besonders  beachtenswert  sind  die  Cbereinstimmungen  mit 
dem  GrNSp  und  dem  StSz. 


195,  i9lchpin  ein  junger  stolzer  paur 
Undpin  ganz  auf  den  Neithart  säur, 
vgl.  196, 2  . 
195,  23 Ich  wil  das  nit  longor  vertragen, 
ich  will  dich  hauen  durch    deinen 
kragen. 
192,  15  Ich  wil  dir  ein  lockuchen  gehen. 


192,  24  Gonedigcedlefraue  zart, 
Nu  get  mit  mir  zu  dieser  fart. 

vgl.   196,  27. 
1 98,28  Eo  ich  in  das  laster  wolt  vertragen. 
Ich  wolt  ir  CO   zchen   erschlagen. 
198,  9  Und  lasö  euch  got  mit  frcuden  le- 
ben. 

193,  2  Zart  allerliebste  fraue  mein, 
Dieser  foiel  dunkt  mich  nit  der  recht 

sein. 

194,  f)  So  bin  ich  doch  der  Kitschen  precht 
Und  bin  ein  unjjcheiter  knecht. 

vf(l.    193,3:5. 
195, 2»i  Ich  bin  ein  ritter  vomhirschhorn. 
Es  tut  mir  auf  den  pauren  zorn. 
s.  o.  zu  V.   195,19. 
19(),;MHort,8oheiss  ich  dcrHcbenstreit. 
193,  2(\  Mein  genediger  heiT  das  auch 
muss  wissen. 


s.  S.  199  zu  247,4. 


s.  S.  148. 

395,  34  Und  will  euch  gehen  guoten 
lebzelten.vgl.402,9.vgl.Sterz. 
Sp  XV  286,  Fsp  1 1 6, 6 ,  480,i5, 
Schnorrs  Archiv  HI  3,  82. 

s.  S.  181  zu  256,  3. 

442,  2  Dasssi  niemantz  nicht  vertragen. 

Da  mit  werden  ir  vil  erschlagen. 
394,  25  Mit  den  sült  irin  freuden  leben. 

St  253,  4  Sy,gee  hyn,  liebe  Clara  mein. 
Es  dunnckt  mich  ganntz  gut  seyn. 

St  246,  1  SoheyssIchderEUschnprecht, 

Vndbyn  geleich  derselbe  knecht. 

vgl.  240,  1. 

St  246,2  So  byn  Ich  ain  Ritter  wolgeborn. 

Und  tut  Mir  auf  dich  gar  zorn. 

398,  u  So  haiss  ich  der  Hebenstreit. 
422,  28  Für  war,  genädiger  herr,  ir  das 
wist. 


Oberelnstimmunsren  Im  Spiel. 

ll)l,2:jHerrNeitliart,lieberdiener  mein,    i    19l\  12  Engelmar,  lieber  man  mein. 
Wenn  print^'ost  du  mir  den  feiel  fein?    ;  Lass  uns  hie  umb  den  tViel  fein 

vgl.   192,20. 


218 


192, 14  Tftnien,da8  dankt  mich  gut  und  |    192, 21  Mach  mir  das  gatnnddarzii  eben! 
eben: 


Ich  wil  dir  ein  lecknchen  geben. 

193,7  Mit  Urlaub,  frau,  ir  sollet  wissen, 

Die  panrcn  han  auf  den  fcicl  geschis- 
sen. 
1 97,1  Neithart,wor  dich,wann  es  ist  zeit. 
194,  32  zn  allen  Zeiten  ( ;  streiten). 


Ich  will  dir  ein  ei  zu  lone  geben.  rgL 
194,26. 
194,  7  Ncithart,  du  solt  hie  von  mir 
wissen, 
Das  ich  den  fciel  han  beschissen,  vgl. 
193,  26. 
197,  3oWolanf,her  Neithart,  es  ist  zeit 
196,  20  zu  dieser  zeit  ( :  streit). 


Ausserdem  sind  einige  Fälle  dieser  Art  schon  bei  den  obigen 
Zusammenstellungen  angemerkt  worden. 


Terhältnis  der  STeidhartspiele 

zu  einander. 

• 

Was  im  KlNSp  noch  vorliegt,  ist,  wie  aus  den  Erörterungen 
S.  207 ff  hervorgeht,  nur  ein  kleines,  bei  einer  überlegungslosen 
Zusammenstreichung  stehen  gebliebenes  Überbleibsel  von  einem 
umfangreicheren  Original.  Darum  geben  gerade  die  Härten  des 
Spiels  einen  guten  Wegweiser  ab,  wenn  es  gilt,  das  KlNSp  weiter 
zurük  zu  verfolgen.  Die  wörtlichen  Übereinstimraungen  ergaben 
eine  Venvandtschaft  des  KlNSp  mit  dem  GrNSp  sowohl,  wie  mit 
dem  StSz.  Der  Inhalt  bestätigt  das,  besonders  nahe  stellt  sich 
danach  das  KlNSp  zum  StSz. 

Wie  dort  finden  sich  zwei  Vorläufer,  von  denen  der  eine  den 
Inhalt  des  Stückes  gar  nicht  berührt.  Der  Veilchenraub  und  der 
Ersatz  war  in  der  Vorlage  des  KlNSp  genauer  ausgeführt,  nicht 
stumm  \vie  im  GrNSp.  Dasselbe  galt  vom  StSz  (s.  S.  18Hflf). 
Der  Thäter  ist  beidemal  wie  NF  14G  EUschenprecht  *),  der  sich 
offen    seiner    That    rühmt    (240,  1,4,  246,  1  :  194, 7).     Nicht    die 


*)  Dass  Kngeliiiar  im  StSz    wie  im  KlNSj)  als  Engelmair  erscheint,  hat 
nicht  viel  zu  sagen,  da  dies  die  zeitig  allgemein  üblich  gewordene  Form  ist. 


219 

Herzogin  selbst  hebt  den  Hut  auf,  sondern  Neidhart  (192,  29  :  242,  3). 
Im  KlNSp  ist  wie  im  StSz  die  Umgebung  der  Herzogin  an  der 
Handlung  beteiligt  (193,2fr:  243, 2  ff),  und  Neidhart  wird  fOr 
seinen  vermeintlichen  Unfug  Landes  verwiesen  (193,i9  :  244,i  ). 
Den  Verbannten  fordert  Engelmar  mit  üppigen  Worten  heraus 
(193,81  :  245, 4).  In  beiden  Spielen  wird  nicht  gleich  geprügelt, 
sondern  Bitter  und  Bauern  treten  sich  erst  drohend  und  prahlend 
entgegen,  wobei  Elise  henprecht  nach  Engelmars  Herausforderung 
den  Reigen  eröffnet  (194,  5  :  246,  1).  194, 12  „Nu  sagt  in  ab" 
Hess  auf  das  einstige  Vorhandensein  einer  jedenfalls  brieflichen 
Aufsage  schliessen,  >vie  sie  im  StSz  249, 1  ff  ausgeführt  ist.  196, 11 
würde  dann  der  Bericht  des  Knechtes  über„  seine  Kundschaftung 
sein  wie  250,3.  —  Beiden  Spielen  gemeinsam  ist  femer  der  nach 
der  Prügelei  erscheinende  heilende  Arzt  (197, is  :  252,2).  Kann 
demnach  das  KlNSp  vom^StSz  nicht  getrennt^werden,^  so  ist  es 
von  vornherein  auch  nach  unsem  Ausführungen  nicht  zweifelhaft, 
welches  von  beiden  Spielen  das  ältere  ist. 

Es  erinnert  aber  auch  manches  ans  GrNSp,  was  dem  StSz 
fremd  ist.  Der  zweite  Prolog  191,  is  spricht  davon,  dass  der 
Ritter  von  der  Herzogin  gesandt  sei.  Dasselbe  sagt  das  GrNSp 
von  seinem  Einschreier,  der  als  Bote  der  schönsten  Frau  auftritt 
(s.  S.  Hl)  und  nach  seiner  Sprache  sich  auch  als  den  Hofkreisen 
nahestehend  erweist.  —  193,26  wird  der  Herzog  erwähnt,  der  nur 
noch  im  GrNSp  vorkommt  (s.  S.  4).  Die  Erwähnung  der  Herzogin, 
die  „Essen  und  trinken  und  ein  frohlichs  leben"  zum  Lohne 
geben  will  (198,2  ff),  wird  allein  aus  dem  GrNSp  .verständlich, 
wo  Neidhart  nach  vollbrachten  Streichen  mit  seinen  Rittern  zum 
Hufe  geht,  worauf  ein  fröhlicher  Trunk  den  Schluss  bildet  (S.  142). 
Am  auffälligsten  ist  aber,  dass  der  Teufel  197,8  eingeführt  ist 
(s.  S.  209).  Er  kann  im  KlNSp  nicht  Eigentum  des  Verfassers 
sein,  denn  dann  wäre  er  besser  oder  doih  ausführlicher  gezeichnet' 
worden.  Er  ist  ganz  farblos,  die  sechs  Verse,  die  er  spricht,  sind 
nichtssagend  und  passen  gar  nicht  mit  ihrer  Erwähnung  ^Luzifers 
in  den  Zusammenhang  des  übrigen  Spiels.  Selbst  der  Verfasser 
eines  so  schlechten  Spiels,  me  es  das  KlNSp  ist,  konnte,  wenn 
er    einmal    auf   eigene  Faust    diese    dankbare  Figur    mit    seinem 


220 


Stücke  verflechten  wollte,  sie  nicht  so  widerspruchsvoll  und  ver- 
schwommen einführen.  Die  Verwendung  des  Teufels  in  dieser 
Gestalt  kann  nur  durch  ungeschickte  Herübemahme  aus  der  Vor- 
lage erklärt  werden.  Wir  werden  also  wieder  auf  das  QrNSp,  das 
einzige  eine  Teufelszene  enthaltende  Neidhartspiel,  geführt.  Die 
Worte  des  Teufels  im  KlNSp  begleiten  nur  die  Ausführung  des 
in  der  Teufel  Versammlung  des  GrNSp  441,85  fr,  444,i3ff  gefassten 
Entschlusses. 

Auch  vom  GrNSp  ist  also  das  KlNSp  nicht  nur  textlich, 
sondern  auch  stofflich  nicht  zu  trennen. 

Wenn  demnach  das  KlNSp  bald  mit  dem  GrNSp,  bald  mit 
dem  StSz  eigentümliche  Züge  gemeinsam  hat,  wo  jene  beiden 
unter  sich  keine  Übereinstimmung  zeigen,  ohne  dass  eine  un- 
mittelbare Benutzung  des  GrNSp  durch  das  KlNSp  erwiesen 
werden  kann,  und  da  anderseits  das  StSz  nach  S.  179  ff  mit  dem 
GrNSp  verwandt  ist,  so  muss  zwischen  dem  GrNSp  und  den 
späteren  Spielen  noch  ein  unbekanntes  verlornes  Neidhartdrama 
X  gestanden  haben,  aus  dem  einmal  das  StSz  geflossen  ist,  ander- 
seits das  KlNSp  gekürzt  hat.  Diese  Fassung  vermittelte  beiden 
Spielen  die  Zuge,  welche  sie  mit  dem  GrNSp  gemeinsam  haben. 

Die  Gestalt  dieses  verlornen  Spiels  lässt  sich  teilweise  noch 
wieder  aufbaun.  Vielleicht  hatte  es  schon  zwei  Einschreier;  Bitter 
und  Bauemtanz  waren  gewahrt,  der  Veilchenraub  war  unverblümt 
und  grob  herausgearbeitet.  Die  Bauern  wussten  um  den  Unfug; 
sie  hatten  gemeinsam  beraten,  was  für  einen  Streich  sie  ihrem 
Feinde  wohl  spielen  könnten.  EUschenprecht  war  der  Thäter. 
Die  Mädchen_  der  Bauernburschen  waren  zu  ihren  Weibern  geworden. 
Den  im  GrNSp  selbständigen  Tanz  der  Bauern  um  den  Maien 
hatte  der  Verfasser  schon  mit  dem  Eaube  zu  verbinden  gesucht, 
indem  er  die  Bauern  um  das  Veilchen  oder  seinen  Ersatz  tanzen 
liess,  wobei  der  Bauernreie  dem  Tanze  des  Hofgesindes  gegenüber- 
trat. Möglicherweise  war  ihm  aber  dieser  Versuch  nicht  geglückt, 
woraus  sich  die  schlechte  Stellung  dieses  Bauerntanzes  im  KlNSp 
und  im  StSz  herleiten  liesse.  Neidhart  hob  den  Hut  selbst  auf, 
nicht  die  Herzogin,  die  Jungfrauen  waren  schon  an  der  Handlung 
beteiligt,  die  Aussöhnung  zwisc  lien  Neidhart  und  Herzogin  bestand 


221 


noch.  Die  Prügelei  war  durch  die  in  Aufzugsform  gehaltnen 
Prahlreden  eingeleitet,  wobei  Engelmar  und  Eilst  henprccht  den 
Anfang  machten.  Vorher  war  wahrscheinlich  ein  Absagebrief  ge- 
schickt worden,  womit  die  Auskundschaftung  der  Bauern  durch 
den  Überbringer  verbunden  war.  Nach  der  Prügelei  kam  ein 
Arzt  herbei,  der  die  Verwundeten  heilte').  —  Möglicherweise  war 
der  zwiefache  grosse  Kampf  des  GrNSp  schon  unter  Aufgabe  der 
Spiegelgeschichte  vereinfacht  worden,  jedenfalls  aber  waren  noch 
Spuren  der  alten  Zweiheit  vorhanden.  —  Die  Vorrede  zum  zweiten 
Teile  und  die  Fassgeschichte  mit  dem  Wirte  war  beibehalten.  — 
Ob  der  Werbetanz  der  Kitter  so  genau  ausgeführt  war  wie  im 
GrNSp,  ist  fraglich,  eine  wenn  auch  nur  schwache  Erinnerung 
an  den  Herzog  war  sicherlich  übrig  geblieben.  Das  Teufelspiel 
bestand  noch,  wenn  auch  vielleicht  gekürzt.  Den  Schluss  bildete 
ein  Empfang  bei  Hofe  oder  wenigstens  ein  gemeinsamer  Trunk 
mit  der  Hofgesellschaft. 

Das  Spiel  X  war  noch  ein  Maispiel.  Aus  ihm  schöpfte  das 
Sterzinger  Maispiel,  dessen  Rolle  wir  nur  kennen.  Es  hat  das 
Teufelspiel  und  den  Schluss  bei  Hofe  weggelassen.  Die  übrigen 
Kürzungen  werden  wohl  auf  Rechnung  von  X  zu  setzen  sein.  — 
Auf  der  andern  Seite  kürzte  unter  Verrückung  des  eigentlichen 
Scliwerpunktes  mit  absichtlicher  Rohheit  das  KlNSp  für  den  Bedarf 
der  herumziehenden  nürnberger  Spielgesellschaften  ^).  Trotzdem 
blieb  auch  in  ihm  dem  Tanze  noch  seine  Bedeutung  gewahrt 
(S.  208),  und  trotz  der  Aufführung  zur  Fastnacht  wird  noch  vom 
Mai  gesprochen  (192,  lo).  Soviel  hat  es  noch  vom  alten  Maitanz- 
spicl  geerbt  (s.  S.  42). 

Hält  man  hierzu  das  über  das  Verhältnis  von  StPSp  und 
(jfNSp  auf  S.  ()f)f  Gesagte,  so  ergiebt  sich  unter  gleichzeitiger 
Berücksichtigung  des  Hans    Sachsischen  Spiels  folgendes  Schema: 


*)  Wenn  X  noch  die  Spiegelgosrhichte  hatte,  so  kann  Fsp  66  von  hier 
aus  beeinflusst  sein,  da  in  ihm  die  Zertrümnieruii';^  eines  Spiegels  mit  der 
Heilung  durch  einen  Arzt  verbunden  ist,  der  keinen  Knecht  bei  sich  hat  (S. 
130  Anm.  u.  207).     Don  würde  dann  erst  das  StSz  hinzugefügt  haben. 

'^)  vgl.  Mone,  Schauspiele  des  MA  II  124. 


222 


StPSp        MSH  m202^gvi      Neidhartschwanke 


Rittertan«     ]         - 

"SfeÄ  /+ Veilchenspiel d.  GrNSp(410,„-415,«)+ 


GrNSp 


X 


NF 


StSz 


KlNSp 


Hans  Sachs 
MG  u.  Fsp 


Hans  fiiaehseiiM  Ei^eidhartupiel. 

Es  ist  von  vorn  herein  nicht  verwunderlich,  dass  ein  Mann 
wie  Hans  Sachs,  der  für  alle  Zweige  der  Litteratur  lebhafte  Teil- 
nahme an  den  Tag  legte,  und  die  Quellen  zu  seinen  Dichtungen 
von  allen  Seiten  hernahm,  auch  der  Neidhartüberlieferung  sich  zu- 
wandte, für  deren  volles  Leben  wir  bis  jetzt  eine  Beihe  beredter 
litterarischer  Zeugnisse  kennen  gelernt  haben. 

Er  hat  sich  mehrfach  mit  diesem  StoflFe  beschäftigt.  Unter  seinen 
eigenhändig  niedergeschrieben  Meistergesängen  befindet  sich  in 
MG  4  Bl  266' :  „Der  Neidhart  mit  seinen  listen.  In  dem  hofton 
Donhewsers.  Ein  ritter  wont  in  Östereich  usw,"  worin  er  die 
Geschichte  von  Neidharts  tauber  Frau  behandelt.  Am  Schlüsse 
steht  das  Datum:  Anno  salutis  1538  am  29  tag  May.  —  Ein 
anderer  Meistergesang  aus  MG  5  Bl.  14:  „Die  peschoren  rot.  In 
dem  vergessen  thon  Frawenlobs.  Ein  dorff  in  östereich  haist 
Zeiselmawer  usw."  behandelt  den  Schwank  von  den  zu  Mönchen 
gemachten  Bauern.  Das  Datum  am  Schlüsse  ist:  anno  salutis 
15o9,  an  18  tag  Januari. —  Nach  langer  Zwischenzeit  kommt  er 
dann  MG  15  Bl.  233'  noch  einmal  auf  den  Neidhartstoff  zurück. 
Diesmal  ist  es  ein  Meistergesang  von  der  Veilchengeschichte.  „In 
dem  Hofton  danhewsers.  Der  Neidhart  mit  dem  feyel.  Weil 
neidhart  war  in  östereich  usw."  Am  Schlüsse  heisst  es:  anno 
salutis  1556  am  31  tag  marci.  —  Ins  folgende  Jahr  fallt  endlich 
das  Fastnachtspiel*):  Ein  fastnacht  spiel  mit  8  person:  Der 
Neidhart  mit  dem  feyhel,  hat  3  actus".  Die  Schlussbemerkung 
lautet:     Anno  salutis  1557,  am  9  tag  Februari  508  vers. 

Die  Meistergesänge  sind  viel  kürzer  als  die  entsprechenden 
Neidhartschwänke  in  MSH  UI  und  NF,  sämtlich  recht  trocken  und 
im  knappen  Chronikenstile  gehalten.  Der  zweite  hat  eine  aus- 
führliche Moral.  Anders  liegt  es  im  Fastnachtspiel,  das  recht 
gewandt  und  eingehend  scliildert.     Es  enthält  nicht  die  Veilchen- 


^)  Die  Abschriften  aus  MG  4  und  5  verdanke  ich  der  Güte  dos  Hrn. 
Priv.  Doz.  Dr.  K.  Drescher  in  Bonn.  MG  15  wurde  auf  meine  Bitte  bereit- 
willig von  der  Zwickauer  Ratsbibl.  an  die  hiesige  Stadtbibl.  gesandt,  wo  ich 
selbst  das  Gedicht  abschreiben  konnte. 

3)  hrgg.  V.  Goetze,  Hallisthe  Neudrucke  63/64  S.  1  IT  und  Bibl.  d.  Stutttr. 
lit.  Ver.  Bd.  181  (Hans  Sachs  17)  S.  198  flf. 


224 


geschichte  allein,  sondern  Sachs  hat  mit  ihr  noch  den  Schwank 
von  Neidharts  tauber  Frau  verbunden.  Für  beide  Episoden  liat 
er  seine  eignen  Meistergesänge  aus  MG  4  und  15  benutzt.  Die 
Quelle  Sach»jens  waren  die  allbekannten  Neidhartschwänke,  die  ihm 
der  Druck  des  Neidhart  Fuchs  in  einer  bequemen  Sammlung  bot. 
In  den  Meistergesängen  wie  im  Fasnachtspiel  zeigen  sich  noch 
Anklänge.  Die  Ausgabe  von  156G  kann  nicht  benutzt  worden 
sein.  Käb  de  bo^)  spricht  nur  von  der  ersten  Ausgabe,  die  noch 
ins  15  Jhd.  fällt.  Es  kommt  aber  auch  noch  die  von  1537 
in  Betracht. 

Von  besonderem  Wert  für  uns  ist  sein  Fastnachtspiel.  Manches 
offenbart  sich  darin  sofort  als  sein  Eigentum,  z.  B.  die  Einteilung 
in  Akte,  die  hier  zum  ersten  Male  in  seinen  Fastnachtspielen 
begegnet*),  die  Reimbrechung  (s.  S.  4G),  oder  der  Dreireim  am 
Schlüsse  eines  Abschnittes^).  —  Bei  der  liebevollen  und  ein- 
gehenden Schilderung  des  Bauernveilchens  ist  der  Dichter  sicherlich 
nicht  bloss  vom  Stoffe  gezwungen  worden,  wie  Käb  de  bo  S.  94 
meint,  sondern  eigne  Neigung  hat  ihn  dazu  geführt,  im  Stile  des 
Spiels  vom  Dreck  (Fsp  23)  weiter  auszumalen,  wo  die  Quelle  nur 
eine  trockne  Erwähnung  hatte.  Allerdings  ist  er  nicht  so  ge- 
schmacklos wie  der  Dichter  des  KlNSp(s.  S.  211f);  bei  ihm  ergehn 
sich  vielmehr  nur  die  Bauern  und  der  Narr  in  groben  Unflätereien, 
nicht  die  Hofgesellschaft.  —  Des  Dichters  Eigentum  sind  femer 
die  Namen  der  beiden  Frauen  und  die  Einführung  des  Narren.  Die 
Namen  der  Bauern  sind  in  der  üblichen  Weise  gebildet  (s.  S.  81). 

Den  verscliiedenen  Sinneseinschnitton  passt  sich  die  Aktein- 
teilung gut  an.  Der  erste  Akt  enthält  das  eigentliche  Veilchensuchen, 
der  zweite  Neidharts  Rache,  der  dritte  die  Geschichte  vom  Herzog 
und  Neidharts  Frau.  —  Auch  hier  tritt  in  der  Veilchenerzählung, 
also  in  den  ersten  beiden  Akten,  die  Herzogin  allein  auf  (s.  S.  4), 
während  der  Herzog  nur  v.  295  erwähnt  wird.    Der  Herzog  hingegen 


*)  Heinrich  Käb  de  bo,  Die  poetische  Littcratur  der  Stadt  Wien  vom 
Beginn  des  16.  bis  zum  Schhiss  des  18.  Jhd.  1.  Abt.  Die  Dichtungen  des 
Hans  Sachs  zur  Geschichte  der  Stadt  Wien,  Wien  1878  S.  97.  —  vgl.  Haupt, 
Neidh.  v.  R.  Vllflf;   Bobertag,  Narrenbuch  143  ff. 

^  Sonst  nur  noch  im  Fsp  85:  Esoplis,  der  fabeldichter.  Goetze,  Hallische 
Neudrucke  63/64  S.  V. 

')  Hemnaun,  Hans  Sachs-Festschrift  hrgg.  v.  A.  L.  Stiefel  S.  434  ff. 


225 


tritt  allein  im  dritten  auf,  wo  die  Herzogin  nur  456  genannt  ist. 
An  die  Quelle  erinnert^): 


HS  22  0  dw  grewlicher,  kalter  winter, 

Der  lencz  hat  dich  gedruckt  hin  hinter. 
27Enthatrciff,  sehne  vnd  kalter  du  eft 
43  Der  trewcr  hoffticner  ichpin. 
122  Gnedige  fraw,ynter  dem  huet 

-9  e 

Da  stet  das  majcn  plumlein  gnet, 
Dasvnsdenstimer  zaiget  on. 

150Noidhart,N  eidhart,  was  hastwthon? 
Die  Schmach  thuet  mir  zv  herzen  gon. 

159Diedatsol  dich  von  herzen  rowen. 
Ich  wil  dem  fuerstn  vber  dich  kla- 
gen; 
Wanmiristpey  all  meinen  tagen 
Kein  grosser  arbeis  nie  geschehen. 

164  Ach,  gnedige  fraw,  pegnadet  mich! 

211Kampt  er  gleich  mit  etlichen  knech- 
ten, 
Wol  wir  mit  im  schirmen  vnd  fechten. 

227  Das  mans  in  ain  korb  zam  mus 
klanbcn. 

293  Ir  ains  dails  auf  die  stelzn  gericht. 
Wie  wol  wird  gfallen  die  geschieht 
Demherzogn  vnd  der  herzogin 
Vnd  auch  dem  andren  hoffgesin. 


NF  llSUrlabhab  du  winter, 

115  vns  kompt  ein  sumer  linder. 

1 14  reif  vnd  auch  der  kalte  sehne ! 

193ewrtrewerdionerwil  ich  sein. 

164  genadige  fraw  knieget  nider 
vnd  hopt    auf  den  hut, 
precht  ab  den  feiol  so  schone, 
der  befilt  yus  den  sumer  gut. 

174herNeithart,  was  hapt  ir  getan? 

176die  schmacheit  sol  mir  zuherczen  gan. 

177  es  mag  euch  wol  gerewen. 
180  dem  fürsten  will  ich  es  sagen. 

1 78  bei  allen  meinen  tagen 

geschach  mir  nie  sollich  schmacheit. 
1 92  Gn  admir  edle  frawe  mein. 
233  vilrittcr  vnd  auch  knechte, 

.  .  .  si  rüsten  sich  zef echten. 
204  das  man  in  zesamen  klauben  muss. 

256wirhabens  auf  die  stelczen  gericht, 
....  des  ward  die  horczogine  fro 
vndvilder  schonen  frawen. 


Aus  NF  149,171  hat  Hans  Sachs  auch  v.  13,90  u.  Anw.  nach 
116  sein  merdrum  übernommen. 


311  Der  Neidhart  hat  das  schonest  weih. 

2 13  Das  w&l  wir  dem  herzogen  sagen. 

342  Pey   meim  aid,  die   schonst  aller 

frawen. 

343  So  wil  ich  sie  auch  kurzlich  schawen. 

350  Morgen  im  alten  forste  jagen. 
402  Herberg  uemeninvnserm  schlos. 


2151   wie  sehen  der  Neithart  hatt  ein 

weib. 
2 148  fürst,  ich  wil  euch  sagen. 
2161  so  das  wir  bald  die  minigclichen 

frawen 
2 163  in  hocheneren  mögen  ane  schawen. 

vgl.  2198. 
2205  das  ir  mich  last  in  ewren  forstjagen. 
2209   in    ewrem    schloss    glust   mich 

trincken  vnd  essen. 


^)  Vgl.  hierzu  und  zum  Folgenden  A.  L.  Stiefel,    Ober  die  QueUen  der 
Hans  Sachsischen  Dramen,  Germania  37,  2 19  ff. 

15 


226 


328  (Der)  Sich  an  den  pawern  hat  gero-  i   263  also  wart  der  feiel  gerochen 

eben,  I         allanden  öden  torpeleiiy.dieinhand 

Die  im  den  fcjel  habn  abprochen.         |         abgeprocben  =  206. 

478  Muinherleinistwilprctynd  fisch        ,    265  Damach  kam  ich  gen  Wien  ans 

fürsten  tische 
Vnd  schreit  auch  so  laut  vber  disch.  mangabmirwilpretvnde  fisch. 

Zu  V.  218  s.  S.  90;  ZU  v.  219—223  s.  S.  148f,  157»). 
Gleich  seiner  Quelle  hat  Sachs  noch  den  Natureingang.  Wie 
jedoch  dort  der  Anfang  des  Gedichts  NF  I13if.  nicht  als  Bede 
der  Herzogin  aufzufassen  ist  (s.  S.  2),  so  hat  auch  der  nürnberger 
Dichter  keine  Aufforderung  der  Herzogin,  sondern  er  legt  ebenfalls 
die  Frühlingsschilderung  dem  Neidhart  in  den  Mund.  Mit  seiner 
Quelle  schaltete  er  frei.  Vieles  hat  er  geändert,  meist  zum  Vorteil 
für  sein  Stück.  —  Bisher  war  nie  gesagt  worden,  warum  Neidhart 
den  Hut  aufs  Veilchen  setzte.  Der  eigentliche  Grund  mag  wohl 
darin  gelegen  haben,  dass  der  Finder  die  Blume  dadurch  leichter 
wiederfinden  wollte,  ausserdem  aber  darin,  dass  er  damit  eine 
Eigentumserklärung  abgab,  um  zu  verhindern,  dass  nicht  andre 
nachträglich,  während  er  die  Herzogin  holte,  das  Veilchen  als 
ihren  Fund  betrachteten  und  ihm  streitig  machten;  denn  der  Tanz 
auf  dem  Anger  war  notwendig,  weshalb  der  Finder  den  Frühlings- 
boten nicht  einfach  abpflücken  und  zum  Hofe  mitnehmen  durfte. 
Sachs  kannte  offenbar  die  symbolische  Bedeutung  der  Blume  nicht 
mehr.  Er  hüft  sich  52  ff.  damit,  dass  er  Neidhart  erklären  lässt, 
er  wolle  das  Veilchen  nicht  abbrechen,  weil  es  bald  verdorren 
würde,  sondern  lieber  die  Herzogin  herbeiliolen. 

Nach  der  Art  der  späten  Neidhartspi(4e  hat  er  62 ff.  die 
Bauernschweinerei  ausgeführt,  während  sie  in  seiner  Quelle  nur 
trocken  erwähnt  ist.  EngelmajT  ist  bei  ihm  der  Thäter.  Er  hat 
den  suchenden  Neidhart  beobachtet  und  will  ihm  nun  die  Blume 
stehlen.  Seinem  Genossen  genügt  das  noch  nicht;  er  rät,  ein 
andres  Veilchen  an  die  'Stelle  des  alten  zu  setzen,  wozu  EngelmajT 
gern  bereit  ist. 

Der  Grund  des  Hasses  gegen  Neidhart  ist  ein  ganz  eigenartiger 
(v.  96 f).     Der  Ritter  steht    hier    wie  der  Grossgrundbesitzer    und 


*)  Der  Baucrnrt'ic  'J4!'  ist  iianz  iihnlicb  ircbaut    wio    dor  Bauernjfosanjir 
Fsp   123  Nchl  4'),  20. 


227 


Jagdherr  dem  kleinen  Bauern  gegenüber.  Seine  eigentliche  Be- 
deutung als  Bauernfeind  ist  dabei  ganz  abhanden  gekommen. 

Während  im  MG  die  Herzogin  sich  über  den  Bauemunfug 
freut  und  „der  schalckheit  lacht,"  vermeidet  das  Fsp  diese  grosse 
Härte,  indem  es  dem  NF  folgend  die  Herzogin  selbst  den  Hut 
aufheben  und  in  bittre  Klagen  ausbrechen  lässt,  während  Neidhart 
sie  fussfällig  um  Vergebung  bittet  und  seine  Unschuld  beteuert. 

Nach  der  Klage  Neidharts  folgt  das  Spiel  den  Gedichten,  die 
nur  der  Druck  hat.  Wie  da  und  im  GrNSp  geschieht  der  Über- 
fall während  des  Tanzens,  doch  Neidhart  ist  allein,  ohne  Ritter, 
nur  vom  Narren  begleitet.  Die  Bauern  sind  auf  drei  zusammen- 
geschmolzen. Beschränktheit  im  Spielermaterial  mag  der  Grund 
sein.  —  Nach  kurzem  Kampfe  fliehn  die  Bauern.  Der  Narr,  der 
ihnen  nachgelaufen  war,  kommt  bald  zurück  und  erzählt,  dass  sie 
alle  drei  beim  Bader  liegen.  Wenn  Engelmayr  v  271  „binden 
ein  schramn  nein**  hat,  so  erinnert  das  noch  an  seinen  abgeschlagnen 
Sclienkel.  —  Diese  Erzählung  des  Narren  ist  wie  die  ganze  Rolle 
Sachsens  volles  Eigentum. 

Neidliart  nimmt  265  flf.  wie  NF  249  flf.  das  Veilchen  von  der 
Stange  mit  der  ausdrücklichen  Erklärung,  es  der  Herzogin  als 
Beweis  seiner  Unschuld  bringen  zu  wollen.  Sachs  nennt  dabei 
den  Zweck  noch  deutlicher  als  NF  252  ff.  Die  Rückkehr  zum 
Hofe  wird  aber  nicht  ausgeführt. 

Frei  erfunden  ist  auch  die  recht  geschickt  angebrachte  Be- 
ratung der  verwundeten  Bauern  über  die  Wiedervergeltung  299  ff. 
Sie  ist  ganz  wie  die  erste  Beratung  vor  dem  Veilchenraube  und 
giebt  einen  guten  Übergang  zum  dritten  Akte. 

Auch  hier  ist  Sachs  besser  als  das  Gedicht.     Dort  fragt  2160 

der  Herzog  den  Bauern,  wie  er  mit  der  Frau  Neidharts  zusammen 

kommen    kann,    worauf   der    ihm    2170    umständlich  Rat    erteilt. 

Diese    unerhörte    Geschmacklosigkeit    hat    Sachs    sich    nicht    zu 

schulden  kommen  lassen.     Engelmayr  kommt  hier  und  erzählt  nicht 

nur  von  der  Schönheit    der  Frau,  sondern    richtet    sogleich    frech 

einen  Gruss  von  ihr  aus  (334  ff),  und  der  Herzog,  der  „ain  groser 

pueler"  ist  (v  388,  vgl.  317),  ist  schnell    entschlossen.     Der  MG 

lässt  dagegen  den  Herzog  überhaupt  nicht  erst  antworten,  sondern 

sicli  sofort  an  Neidhart  wenden.     NF  2179  sieht  Neidhart  Engelmar 

herumstreichen  und  ahnt  darum  bald  nichts  Gutes.     Gleich  drauf 

15* 


228 


wird  er  zum  Herzog  gerufen.  Bei  Sachs  kommt  er  dagegen 
sogleich  wie  von  ungefähr  herzu,  und  der  Fürst  kündet  ihm  alsbald 
seinen  Besuch  an.  Hierbei  ist  die  Zweideutigkeit  v.  350  ebenso 
wie  schon  im  MG,  der  dieselbe  Wendung  hat,  gegenüber  NF  2205  f. 
verloren  gegangen.  NF  2212  erzählt  Neidhart  dem  Herzoge  ohne 
jede  Veranlassung,  da  nur  von  der  Jagd  die  Rede  ist,  von  seiner 
überaus  schönen  Frau.  Hans  Sachs  hat  auch  diese  Härte  beseitigt. 
Im  M6  äussert  der  Herzog  gleichzeitig  mit  dem  Wunsche,  „im 
alten  forste"  zu  jagen  und  auf  Neidharts  Schloss  beherbergt  zu 
werden,  den  zweiten,  seine  Frau,  die  für  die  schönste  gelte,  kennen 
zu  lernen,  worauf  Neidhart  sogleich  seine  listige  Lüge  anbringt. 
Im  Fsp  ist  das  weiter  ausgesponnen.  Der  Herzog  giebt  hier  zu- 
nächst seine  Aufträge  wegen  der  geplanten  Jagd  und  der  gewünschten 
Aufnahme,  worauf  Neidhart  erklärt:  „Gnediger  her,  das  wil  ich 
thon.**  Erst  dann  fragt  er  ihn,  ob  er  wirklich  ein  so  schönes 
Weib  habe,  wie  man  sich  erzählt,  und  macht  ihn  dadurch  miss- 
trauisch. 

Neu  ist  ferner  das  kurze  Selbstgespräch  des  Herzogs  3()8flf, 
der  auf  den  bevorstehenden  Genuss  schon  gespannt  ist,  und  das 
Selbstgespräch  Neidharts  386  flf,  das  hier  gut  angebracht  ist.  Es 
soll  den  Zuschauer  darüber  aufklären,  dass  Neidhart  den  Herzog 
gleich  durchschaut  habe,  und  dass  die  vorher  mit  grossem  Ernste 
behauptete  Taubheit  seiner  Frau  eitel  Schwindel  sei. 

Auch  die  dazwischen  liegende  Episode  mit  den  sich  über 
ihren  Streich  freuenden  und  seinen  Ausgang  sich  schon  ausmalenden 
Bauern  (372  ff.)  ist  ein  Vorteil  fürs  Spiel.  Im  NF  und  im  MG 
hört  man  von  ihnen  nacli  ihrem  sclilechten  Rate  gar  nichts  mehr. 

Auch  der  Besuch  des  Herzogs  ist  besser  ausgearbeitet.  Als 
Neidhart  seiner  Frau  das  Vorhaben  seines  Herrn  mitteilt,  ergeht 
sie  sich  in  grossen  Lobreden  auf  den  Herzog  und  seine  Vorzüge, 
(405  ff),  woraus  Neidhart  ersehen  kann,  dass  sein  Verdacht  und 
seine  Vorsicht  doch  nicht  so  ganz  unbegründet  war.  —  Viel 
schicklicher  ist  es  auch,  dass  der  Herzog  die  Frau  426  umarmt, 
nicht  sie  ihn  wie  NF  2248.  Im  MG  geht  sie  ihm  entgegen, 
verneigt  sich  und  reicht  ihm  die  Hand. 

Das  Gedicht  weiss  nur  zu  erzählen,  dass  bei  der  Einkehr  des 
Herzogs  lautes  Geschrei  entstand,  während  Sachs  sie  sich  426  ff. 
eine  Reihe  von  Höflichkeiten  sagen  lässt.     Im  MG  heisst  es  auch 


229 


nur,  dass  sie  schrien  „Als  ob  sie  weren  hamerschmid'^  (vgl. 
Fsp  451). 

Der  Narr  hat  seinen  Herrn  auch  ])ei  diesem  Besuche  begleitet 
und  ist  verwundert  über  da^^  Schrein  seines  Gebieters.  Er  will  es 
der  Herzogin  berichten;  der  Herzog  zieht  es  aber  vor,  ihn  durch 
das  Versprechen  eines  n(»uen  Kolbens  458  f.  zur  Ruhe  zu  bringen. 
Besonders  lustig  ist  es,  wenn  er  zuletzt  478 flF.  gar  fürchtet,  der 
Herzog  würde  ihm  sein  Amt  und  seine  Würde  streitig  machen. 

Der  Schluss  des  Spiels,  die  ernüchterte  Umkehr  des  geprellten 
Herzogs,  ist  eine  gelungene  Ausführung  von  NF  2269  f. 

Wir  sehn  also  auch  hier  schon  auf  beschränktem  Gebiete, 
z.  T.  bereits  im  MO,  hauptsächlich  jedoch  im  Fsp,  wie  das  gesunde 
poetische  Gefühl  des  wackeren  Meisters  einer  schlechten  Quelle 
allenthalben  reiches  dramatisches  Leben  einzuflössen  vermochte 
und  ihre  Härten  in  Vorzüge  verwandelte. 

Das  dem  Schwanke  von  der  tauben  Frau  Neidharts  zu  Grunde 
liegende  Motiv  war  übrigens  auch  weiter  verbreitet. 

Aus  demselben  Grunde  soll  Gonella  seiner  Frau  und  dem 
Herzoge  vorgeredet  haben,  der  andre  Teil  wäre  taub  ^).  Also  ganz 
so  wie  hier.  —  Anders  heisst  es  von  Taubmann,  dass  er  der 
Kurfürstin  von  Sachsen  vorgeredet  habe,  seine  Frau,  und  dieser, 
die  Kurfürstin  sei  taub.  Deshalb  schrien  die  beiden  dermassen, 
dass  man  am  Dresdner  Hofe  glaubte,  es  wäre  irgendwo  in  der 
Nähe  Feuersnot.  Die  Kurfürstin  fand  so  viel  Gefallen  an  dem 
Unfuge  Taubmanns,    dass  sie  vor  Lachen  zu  Bett  gehn  musste*). 

Hier  also  fehlt  das  Motiv  vom  Buhlen  des  Herzogs  um 
die  schöne  Frau  eines  andern  ganz.  Zwei  Frauen  sind  die 
Opfer  eines  recht  harmlosen  Schabernacks.  —  In  derselben  Form 
wird  es  von  der  Frau  Brusquets,  eines  provencalischen  Hofnarren 
am  französischen  Hofe,  und  der  Königin  erzählt'). 

Es  fragt  sich  nun,  ob  Sachs  ein  andres  Neidhartspiel  gekannt 
und  darnach  seine  Quellen  ergänzt  habe.     Die  Möglichkeit,  dass 


»)  Flögel,  Geschichte  der    Hofnarren     S.  30«i;   MSH  IV  441« 
2)  Taubmanniana  S.  215  ff;  MSH  a.  a.  0. 
»)  Flögel  a.  a.  0.  S.  358;  MJSH  a.  a.  0. 


230 


er  vor  allem  in  Nürnberg  ein  solches  gesehen  haben  kann,  ist  von 
vornherein  zuzugeben.  An  das  GrNSp,  dessen  Kenntnis  Stiefel 
bei  Hans  Sachs  für  möglich  hält,  ist  jedoch  auf  keinen  Fall  zu 
denken.  Stiefels  Anhaltspunkte  ^)  sind  hinfällig.  Gerade  an  dieses 
Spiel  erinnert  das  Sachsische  am  allerwenigsten.  Wenn  er  meint, 
Sachs  hätte  von  diesem  „rohen  und  gemeinen  Machwerk"  nur 
grössere  Grobheit  übernommen,  so  lässt  sich  dem  entgegen  viel- 
mehr behaupten,  Hans  Sachsens  Neidhartspiel  wäre  wahrscheinlich 
zahmer  ausgefallen,  wenn  er  jenes  Muster  vor  Augen  gehabt  hätte. 
Aus  der  Ähnlichkeit  zwischen  dem  GrNSp  und  seinem  Buhlscheid- 
liede,  auf  die  Michels  S.  27  hinweist,  darf  man  auch  nicht 
schliessen,  Sachs  habe  das  GrNSp  gekannt.  Die  Ähnlichkeit 
erklärt  sich  eher  aus  gemeinsamer  Quelle^). 

Für  die  Bekanntschaft  mit  einem  späteren  Neidhart- 
spiele spricht  die  genaue  Ausfiilirung  der  Bauernschweinerei  mit 
der  Schilderung  der  Beratung  der  Bauern,  wie  sie  Neidhart  einen 
Possen  spielen  könnten,  wobei  einer  das  Veilchen  rauben  will, 
aber  vom  andern  noch  mit  dem  Vorschlage,  ein  neues  Veilchen 
zu  setzen,  überboten  wird.  Das  erinnert  besonders  ans  StSz 
(s.  S.  183  f).  —  Die  Schilderung,  welche  die  Bauern  von  ihrer 
Ausrüstung  228  flf,  233  if  geben,  mahnt  an  die  Rede  des  Bauern 
von  Dingelfingen  im  KlNSp  1J)4,  22  er. 

Möglicli  ist  es,  dass  Hans  Sachs  ein  dem  verlornen  Spiel  X 
und  seinen  Nachkommen  verwandtes  Stück  gekannt  habe,  aber 
ausmachen  lässt  sich  darüber  nk'Ms  Gewisses. 


»)  Germ.  87,  222. 

«)  vgl.  Uhland  Schriften  III  -JOS  u.  Anin.  :MA.  s.  S.  ^lyiX. 


Das  Yorkominen  des  Motivs  vom 
NeidhartYeilclien. 

Zeugfnisse  bis  zu  Hans  Saehs. 

Vom  14.  Jhd.  bis  in  die^  zweite  Hälfte  des  16.  konnten  wir 
das  Leben  und  die  Entwickelung  des  Motives  vom  Neidhart  and 
seinem  Veilchen  verfolgen.  Zu  den  bisher  nur  benutzten  litterari- 
schen Zeugnissen  treten  jedoch  noch  andre,  welche  mit  jenen 
zusammen  uns  erst  recht  die  allgemeine  Verbreitung  und  den  zähen 
Bestand  der  Erzählung  vor  Augen  führen. 

Um  die  Wende  des  13/14.  Jhd.  muss  der  Stoff  schon  bekannt 
gewesen  sein,  denn  schon  im  Anfang  des  14.  Jhd.  ist  das  Veüchen- 
abenteuer  zu  Diessenhofen  in  der  Schweiz  in  der  Herrentrinkstube 
des  Hauses  zur  Zinne  gemalt  worden^).  Die  Hofgesellschaft  ist 
mit  Neidhart  auf  dem  Anger,  ein  Bläser  spielt  zum  ßeien  auf, 
und  links,  durch  einen  Strauch  verdeckt,  ist  der  Bauer  bereits 
an  der  Arbeit.  Während  die  Herzogin  vor  Erwartung  oder  Freude 
die  Hände  aufhebt  und  zwei  Ritter,  von  denen  sicherlich  der  eine 
Neidhart  ist,  nach  dem  Orte  hinweisen,  wo  das  Veilchen  stehn 
soll,  hält  sich  die  Hofdame  bereits  die  Nase  zu. 

Um  die  Mitte  des  14.  Jhd.  fällt  bereits  die  erste  uns  bekannte 
dramatische  Bearbeitung,  das  StPSp[^(s.  S.  24). 

Am  Ende  des  Jhd.  treffen  wir  wieder  eine  Malerei  in  der 
Schweiz,  nämlich  das  nicht  mehr  erhaltene  Bild  zu  Winterthur  im 
Hause  zum  Grundstein^).  4  Paare  haben  sich.  Mann  und  Weib 
abwechselnd,  alle  gegenseitig  an  den  Händen  gefasst  und  tanzen 
auf  dem  Anger.  Durch  eine  Längsleiste^  getrennt  steht  links  von 
den  Tänzern    der  Adelnde  Spielmann.    Links   von   ihm  " 

^)  Wogoli  i.  (l.  Mitteilungen  dor  antiqnarischoii   Gesel 
LXIII,    Zwei  schweizcriHche  Bildercyklon  ans  dem  Aiifaii|i 
K.  Dnrror  n.  R.  WogoH  Zürich  1899  8.  273ir,278  (8.   ' 

«;  Eb.'nda  S.  278  (24)  u.  Taf.  VI;  Wackern»« 
1,322. 


232 


Bauer  gerade  den  Hut   über  die   frisch   gesetzte  Blume,  während 
neben  ihm  ein  Bauernpaar  tanzt. 

Ins  14.  Jhd.  gehört  schliesslich  noch  die  Überlieferung  des 
Gedichtes  in  s,  die  noch  ein  früheres  Original  voraussetzt  (s.  S.  3). 
Im  15.  Jhd.  finden  wir  zunächst  zu  Anfang  das  QrNSp  (s. 
S.  Ol).  In  der  Mitte  des  Jhd.  stellt  sich  neben  das  StSz  (s.  S.  175) 
und  die  Handschrift  c  die  in  einer  Liederhandschrift  überlieferte 
Beischrift:    ^als  des  neytharts  veyel."     (MSH  IV  441  Anm.  5). 

1479  erscheint  die  erste  Grabschrift  auf  Neidhart  Fuchs,  die 
auf  seine  Schwanke  eingeht,  unter  denen  an  erster  Stelle  die  Veilchen- 
geschichte genannt  wird  (s.  Meyer  ZfdA  31,  77).  Da  heisst  es  v.  7flF: 

Qualiter  in  cziselmawr  vexaverat  ipse  colonos, 

Quorum  quis  primam  sumpsit  ei  violam 

Ex  prato  que  locum  violae  cum  stecore  texit. 

Tale  nephas  neithard  reddere  curat  eis. 

Vt  monachos,  sie  rasit  eos  vestitque  cucullis*). 

Hos  pupugerunt,  quas  vase  retundit,  apes, 

Ventris  de  fungis  doluerunt,  quos  dedit  illis*), 

Vngento  demum  fecit  eos  fetidos. 

In  sporta  effigies  similes  eis  attulit  ipsis. 

Huc  sua  non  scribi    singula  [facta]  queunt. 

usw.  (Germ.   17,  40). 
Am  Ende  des  Jhd.  findet   sich  das  KlNSp  (s.  S.  208  u.  205) 
und  die  älteste  Auflage  des  Druckes  o.J.  (Haupt  VTH,  Bobertag  143  f). 
Hier    ist   es    wieder    die  Veilchengeschichte,  welche    am  Schlüsse 
NF  3908  flf.  besonders  hervorgehoben  wird. 

Aus  dem  16.  Jhd.  ist  zunächst  das  1515  in  Wien  heraus- 
gegebene Odoeporicon  usw.  des  Riccardus  Bartholinus  zu  nennen. 
Hier  mvA  ein  Besuch  der  Stephanskirche  geschildert  und  der 
Sarkophag  des  sagenhaften  Neidhart  Fuchs  am  Singerthore  er- 
wähnt. Bei  dieser  Gelegenheit  berichtet  der  Verfasser,  was  er 
über  Neidhart  in  Erfahrung  gebracht  liaf.  Er  schildert  eingehend 
die  Erzählung  vom  Veilchenraube  und  erwähnt  darauf  nur  kurz 
die  Geschichte  von  den  zu  Mönchen  gemachten  Bauern  ^)  und  vom 


^)  Auf  diesen  Schwank,  dessen  Bearbeitung  durch  Hans  Sachs  S.  223 
erwähnt  wurde,  wird  auch  von  Hennann  von  Sachsenheim  in  der  Mörin  v.  3717 
ang:espielt. 

2)  Vgl.  S.  2()(;. 


233 


Neidhart  als  Brant  (ZfdA  32,  431).  —  Das  ist  die  «teste  Er- 
wähnung der  Neidhartlegende  im  Zusammenhange  mit  dem  Orabe 
am  Singerthore,  aus  dessen  Fussbildern  eine  lebendige  Phantasie 
die  Darstellung  der  Überbringung  des  Veilchens  herauszusehen 
glaubte  *).  —  Von  nun  an  erscheint  die  Geschichte  öfter  in  Chro- 
niken und  Kosmographien  (Käb  de  bo  S.  93). 

1516  steht  die  Aufführung  eines  Neidhartspiels  zur  Fastnacht 
in  Eger  urkundlich  fest^). 

In  die  Mitte  des  Jhd.  fallen  dann  die  Hans  Sachsischen  Bear- 
beitungen. Nachdem  er  schon  1538  und  39  zwei  andre  Neidhart- 
schwänke  verarbeitet  hatte,  verfasste  er  1556  seinen  Meistergesang, 
1557  das  Fastnachtspiel  vom  Neidhart  mit  dem  Veilchen. 

1537  wurde  die  zweite,  1566  die  dritte  Auflage  des  Druckes 
vom  Neidhart  Fuchs  veranstaltet. 

Erneuerungen  des  Stoffes. 

Bisher  haben  wir  gesehen,  wie  die  Überlieferung  vom  Neidhart 
und  seinem  Veilchen  sich  lebendig  erhielt  und  ununterbrochen 
fortentwickelte. 

In  späterer  Zeit  hat  sie  auch  gelehrte  Erneuerungen  erfahren. 
1795  wurde  der  Stoff  von  Salvatore  Vigano  als  Ballet  verarbeitet 
und  unter  dem  Titel:  „Das  wiedergefundene  Veilchen"  am 
20.  7.  im  Kämtnerthortheater  aufgeführt*). 

Wichtiger  ist  die  Erneuerung  durch 

Anastasitts  Grün. 

Im  Jahre  1850  erschien  der  „Pfaff  vom  Kahlenberg"  von 
Anastasius  Grün  (Anton  Alex.  Graf  v.  Auersperg),  worin  auch  die 


^)  Hüttheilungcn  der  k.  k.  Central-Commission  zur  Erforschung  und 
Erhaltung  der  Baudenkmale  XV  Wien  1870  S.  XVUIb  .  —  Das  that  z.  B. 
Pergcr,  Der  Dom  zu  St.  Stephan  in  Wien,  Triest  1854  S.  32.  vgl.  MSH IV  438l>  f. 

■)  Mittheilungen  des  Vereines  für  (loschicht«'  der  Deutschen  in  Böhmen 
33.  Jhg.  Prag  1895  S.227.  —  Dass  es  jedenfalls  bedeutend  mehr  Neidhartdramen 
gegeben  hat,  als  wir  kennen,  geht  aus  S.  2*20 f  hervor:  wie  verbreitet  die 
dramatische  Darstellung  der  Vcilchentreschichti*  war,  erhellt  daraus,  dass  es 
niemals  heisst:  „ein  Spiel  von  Neidhart"  oder  so  ähnlich,  sondern  immer: 
„Das  Neidhartspiel'',  s.  Fsp  190,31,  192,  2.  393,  2,  Hans  Sachsens  Neidhart- 
spiel 21,  Mitteil.  d.  Vcr.  f.  Gesch.  d.  Deutschen  i.  Böhmen  33,227. 

«)  MSH  IV  441  Anni.  5:  Kab  do  bo  S.  98.  —  Trotz  aller  Bemühungen i-' 
es  mir  nicht    gelungen,    <les    Wiener    Theater-Almanachcs  von    11^ 
zu  werden,  wo  sich  eine  eingehende  Beschreibung  des  Ballettt  1 


234 


Erzählung  vom  Neidhartveilchen  mit  behandelt  ist  (Werke  4,81  ff). 
Grün  hat  in  seinem  Pfaffen  vom  Kahlenberge  verschiedene  Stoffe 
zusammengeschweisst.  Der  Titel  weist  auf  das  alte  Gedicht 
Philipp  Frankfurters  ^),  an  welches  aber  im  übrigen  nicht  \iel  er- 
innert. Das  ganze  Werk  zerfällt  in  drei  Hauptteile :  Nithart,  Otto 
und  Wigand,  entsprechend  den  drei  Hauptpersonen,  nämlich  dem 
Dichter,  dem  Herzog  und  dem  Pfaffen.  Die  Absicht  Grüns  ist  es, 
dem  Ideal  eines  Fürsten  als  Freunde  den  freisinnigen  Pfaffen,  den 
Berater  des  Herrschers  in  des  Wortes  schönster  Bedeutung,  und 
den  frohen,  freien  Sänger  gegenüberzustellen. 

Unter  diesem  Gesichtspunkte  musste  natürlich  vieles  an  der 
Vorlage  verändert  werden.  Dort  herrscht  allein  die  Freude  am 
derben  Schwanke,  hier  sind  selbst  die  Schwanke,  welche  aufgenommen 
worden  sind,  dem  Gesamtzwecke  entsprechend  zugestutzt.  —  Die 
Hauptzierde  der  Dichtung,  in  der  hie  und  da  der  begeisterte 
Freiheitskämpfer,  der  Verfasser  der  „Spaziergänge"  und  des  „Schuttes" 
durchschaut,  sind  die  Naturschilderungen  und  belehrenden  Betrach- 
tungen, welche  hauptsächlich  von  Wigand  an  die  verschiednen  Er- 
eignisse und  Erscheinungen  geknüpft  werden;  auch  die  Streiche 
des  Pfaffen  haben  durch  solche  Deutungen  ein  andres  Gewand 
bekommen.     Sie  sind  zu  Lehren  für  den  Herzog  geworden. 

Für  uns  ist  besonders  der  erste  Abschnitt  von  Wichtigkeit, 
wo  von  dem  Sänger  Nithart  gehandelt  wird,  welcher  der  Freund 
dos  Herzogs,  nicht  sein  Diener  ist.  Von  ihm  sind  einige  Spässe 
aufgenommen,  die  allerdings  unter  der  Hand  des  Dichters  sich 
ganz  erheblich  verbessert  haben.  Nach  einer  Einleitung  ,,Lenzfeier 
aller  Seelen''  folgt  „Das  erste  Veilchen".  Neidhart  ist  vom  Herzog, 
der  sich  selbst  als  Lehnsträger  des  Lenzes  bezeichnet,  beauftragt 
worden,  den  Frühlingsboten  zu  suchen.  Freudig  begrüsst  er  das 
Veilchen  als  den  Vasallen  des  Lenzes,  den  man  feierlich  empfangen 
soll,  um  damit  den  Herren  zu  ehren,  da  man  den  König  Lenz 
selbst  nicht  ehren   kann. 

„Drum  was  wir  dem  Herrn  nicht  bieten  können. 

Das  wollen  wir  seinem  Gesandten  gönnen, 

In  Sammt  und  Purpur  ihn  empfangen. 

Als  käme  der  König  selbst  gegangen". 

Wo  geschieht  dos  i)farnTs  vom  Kalonbcrj^'  in  I^)b(Tt{igs    Narrenbucli 


235 


Während  Neidhart  zum  Hofe  geht,  kommen  die  Bauern  herbei, 
ebenfalls  im  Begriffe,  den  Lenz  zu  feiern.  Engelmar  erseheint 
schon  mit  dem  Stelzbein.  Es  ist  ein  Andenken  an  einen  heissen 
Tag  im  Krug,  „Draus  man  ihn  wund,  doch  siegreich  trug".  Er 
meint,  Neidharts  Veilchensuchen  sei  ein  Eindringen  in  die  Rechte 
der  Bauern, 

„Denn  ungehemmt  will  Fürst  und  Ritter 
Und  Pfaft*  durch  unser  Eigen  schweifen!  .  .  . 
Des  Ritters  ist  der  Waflfensaal, 
Des  Fürsten  der  Pergamentenbund, 
Des  Pfaffen  ist  Brevier  und  Pokal, 
Des  freien  Bauers  der  freie^Grund'* ! 

Und  um  zu  zeigen,  dass  man  die  Übergriffe  der  andern 
Stände  nicht  zu  dulden  gewillt  ist,  Tordert  er  seine  Genossen  auf, 
das  Veilchen  aus  seinem  „Kerkerverliess"  zu  befrein,  auf  eine 
Stange  zu  stecken  und  im  Reigen  zu  umtanzen.  Nur  ein  Bauer 
bleibt  zurück,  während  die  Bauern  mit  dem  Veilchen  abziehn. 

„Er  hob  den  Hut  und  liess  zurücke. 
Was  sich  nicht  singen  und  sagen  lässt". 

Nun  kommt  Neidhart  mit  der  Hofgesellschaft,  der  Herzog 
beginnt  „Den  Spruch,  den  Nithart  ihm  ersann'',  doch  er  kommt 
nicht  über  den  Anfang  hinaus,  da  Nithart  den  Hut  emporhebt. 
Während  der  Herzog  in  gewaltige  Entrüstung  ausbricht,  sieht 
Nithart  in  der  Ferne  die  Bauern  mit  Engelmar,  der  die  Stange 
mit  dem  Veilchen  trägt.  Laut  schwört  er  ihnen  Rache,  stürzt 
sich  auf  die  Tanzenden,  bringt  das  Veilchen  zurück,  um  das  nun 
der  Herzog  und  die  Ritter  ihren  Reigen  tanzen. 

Daran  knüpft  sich  nun  der  „Bauernkrieg",  der  verschiedene 
Sclielmereien  Nitharts  enthält.  In  dem  ersten  Stücke  dieser  Ab- 
teilung „Nithart  ein  Prediger"  führt  der  verkleidet«  Ritter  ver- 
schied(*ne  Gruppen  von  Bauern  an.  Die  einen  werden  auf  seine 
Predigt  zu  Adamiten.  Das  klingt  an  ein  Motiv  aus  dem  Pfarrer 
vom  Kaien  borg  an  (v.  ri8<>ft*).  Andre  macht  er  zu  Geisseibrüdern, 
nachdem  er  sich  den  Rücken  mit  Brombeeren  beschmiert  hat,  um  l)lutijü: 
aus/aiselien.  An  einem  dritten  Haufen  vollführt  er  den  bekannton  Uni'u^^ 
mit  den  Kutten.  Alle  drei  Gruppen  führt  er  dann  an  den  Herz«>gshot*, 
Wo  er   sie  erst  durch  den  Ruf  „Die  Kühe  sind  noch  ungeniolken'' 


336 


wieder  zur  Besinnung  bringt.  —  Der  nächste  Abschnitt  „Ein  länd- 
liches Fest"  schildert  ein  vom  Herzog  veranstaltetes  Kirmessfest 
der  Bauern,  an  dem  auch  Nithart  teilnimmt,  wo  eine  grosse  Holzerei 
das  Ende  vom  Liede  ist.  Darauf  folgt  „List  gegen  List",  eine 
Bearbeitung  der  Geschichte  vom  Herzog  und  Neidharts  Frau. 
„Ein  Pilger"  ist  neue  Zuthat  Grüns.  Nithart  kommt  als  Pilger  zu 
den  Bauern  und  muss  sich  Engelmars  Ausfalle  anhören.  Ergeht 
dann  nicht  gerade  in  der  besten  Absicht  in  Engelmars  Haus. 
Angesichts  des  liäuslichen  Friedens  aber,  der  ihm  dort  entgegen- 
atmet, zerfliesst  sein  Vorhaben.  Er  kehrt  um  und  findet  die 
Bauern  noch  vor  der  Schenke,  gegen  ihn  Bat  pflegend.  „Die  Joppe" 
behandelt  dann  das  aus  MSH  HI  293**  bekannte  Gedicht.  Doch 
ist  es  verständlicher  dargestellt.  Die  mit  Nadeln  gefütterte  Joppe 
soll  Nithart  zum  Geschenk  gemacht  werden.  Zu  einer  Einleitung 
ist  z.  T.  MSH  m  259^  xcv^  und  die  Namenaufzählung  Neidh.  XXXI 
17  ff  frei  benutzt.  „Ein  Lied  das  ihn  nicht  nennt"  ist  nach  MSH 
ni  1S5  gediclitet.  Dem  „Ungenannten"  singt  er  dann  gleich  auf 
ihn  und  seine  Frau  ein  neues  Schelmenlied  unter  den  Namen 
Philemon  und  Baucis.  Der  Schluss  „die  Versöhnung"  ist  ganz 
Grüns  Eigentum.  Nithart  stellt  sich  tot  und  liegt  in  der  Kirche 
aufgebahrt.  Da  kommen  die  Bauern  und  ven^ünschen  ihn. 
Engelmar  dagegen,  der  zuletzt  kommt,  bejammert  seinen  Tod  und 
beklagt  in  gewaltigen  Worten  den  Tod  des  Dichters,  der  ihre  Arbeit 
versüsste  und  ihre  Freuden  würzte.  Da  springt  der  Aufgebahrt« 
auf,  umarmt  den  Widersacher  und  singt  ein  Danklied.  Der  Chor 
der  Bauern  fällt  ein. 

„Und  horch,  vom  hohen  Chore  fallen 
Jetzt  Orgelklänge  melodisch  ein, 
Pfaff  Wigand  tritt  mit  Wohlgefallen 
Den  Balg  und  greift  die  Tasten  rein, 
Dass  feierlich  die  Töne  wallen, 
Erschütternd  durch  die  Kirchenhallen. 
Und  wieder  horch!  Mit  Flöten   und  Geigen 
Lockt's  durch  die  Pforte  hinaus  zum  Beigen, 
Dass  Bauern,  Sänger  und  Orgler  es  packt; 
Herr  Wigand  endet  mitten  im  Takt, 


237 


Abbricht  das  Lied  in  plötzlich  Schweigen. 
Zu  Ende  singt's  \ielleicht  die  Linde 
Dem  Spätroth  und  dem  Abend  winde.** 

Es  bleibt  noch  die  Frage  offen,  woher  Grün  seinen  Stoff  habe. 
Er  selbst  hat  darüber  nichts  geäussert  (s.  Käb  de  bo  S.  93  Anm).  Das 
Motto  S.  242  weist  auf  die  Ausgabe  des  Pf.  v.  K.  von  1550,  die  ihm 
jedenfalls  durch  vdHagens  Narrenbuch  bekannt  geworden  war  (dort 
S.  336,  Bobertag  v.  1732  ff).  Den  Stoff  an  sich  wird  er  rielleicht 
schon  aus  der  wiener  Volkssage  gekannt  haben.  Sicher  wird  die 
Benutzung  des  Hagenschen  Narrenbuches  durch  die  Verwertung 
des  Schwankes  von  den  Totenschädeln  (Grün  4,307  ff),  der  nicht 
in  dem  alten  Gedichte  steht,  sondern  von  vd  Hagen  im  Anhange 
seiner  Ausgabe  S.  51H  Anm.  aus  Fuggers  Ehrenspiegel  mitgeteilt 
wird. 

Im  Narrenbuche  fand  (irün  zugleich  schon  einen  eingehenden 
Bericht  über  den  sagenhaften  Neidhart  Fu<*hs,  den  er  dann,  wie 
das  Motto  S.  96  zeigt  (=  MSH  III  185M  u.  5)  aus  vdHagens 
Ausgabe,  also  aus  MSH  III  kennen  lernte.  Auch  die  Schreibung 
des  Mottos  entspricht  der  in  MSH.  Hie  und  da  klingt 
noch  ein  Reim  oder  eine  Wendung  deutlich  an,  doch  solche  Fälle 
sind  verhältnismässig  selten.  Die  Begabung  des  Dichters  und  der 
Gesichtspunkt  von  dem  er  sich  bei  der  Verarbeitung  seiner  Stoft'e 
leiten  liess,  haben  dem  Ganzen  ein  ganz  andres  Aussehen  gegeben. 
So  ist  vor  allem  durch  den  versöhnenden  Schluss  der  ganze  Teil 
von  Neidhart  zu  einem  einheitlichen  in  sich  geschlossenen  Ganzen 
geworden,  das  den  alten  Erzählungen  ganz  und  gar  unähnlich  ist. 
Der  Zusammenhang  mit  den  übrigen  Teilen  war  offenbar  der  Grund, 
dass  nicht  die  Herzogin  beim  Veilchentanze  auftritt,  sondern  der 
Herzog.  Das  ganze  Werk  trägt  kein  irgendwie  hervortretend 
schwankartiges  Gepräge,  sondern  vielmehr  ein  philosophisch-didak- 
tisches. 


Anhang. 


Das  älteste  Gedieht  von  Neidhart  und  dem  Veilchen. 


[s  Bl.    47'  "I 
c  Bl.  149  J 


1 


Urloub  hab  der  winder, 
rif  unt  ouch  der  kalte  siie; 
uns  kumt  ein  sumer  linder, 
man  siht  anger  nnde  kle 
5  gar  sumerllch  gestellet. 

Ir  ritter  unt  ir  vrouwen, 
ir  sult  üf  des  meien  plan 
den  ersten  viol  schouwen; 
der   ist  wunniclich  getan. 
10  diu  zit  h&t  sieh  gesellet. 

Ir  sult  den  suiner  grüezen 
unt  al  sin  ingesinde; 
er  kan  wol  swaere  püezen 
unt  vert  da  her  so  linde. 


15   der  zit  wil   ich   geruochen: 
so  wil  ich  üf  des  meien  plan 
den  ersten  viol  suochen; 
Gotgeb  ez  müezmirwolergän, 
Sit  si  mir  wol  gefellet. 
2 

Do  gienc  ich  hin  und  here 

unz  daz  ich  vaut  daz  plüemelin ; 

do  vergaz   ich  aller  swaere. 

zu  haut  da  wolt  icli  vrölichsin. 

5  vil  lüt   begund   ich  singen. 

Wann  üf  die  selben  pluomen 
stürzte  ich  [den]  minen  huot, 
daz  ich  mich  törst<i  ruomen; 
wann  ez  dühtemich  soguot, 


I)if  Hdschr.  c  wurde  t*on  der  Kgl.  BihL  für  mich  an  die  hiettige  Stadt- 
bihl,  geliehen^  wo  ich  vdllagens  Text  genau  durchprüfen  konnte.  Über  «  8,  S.2 
Anm.  4  u.  S.  04  Anm.  1,  NF  (i<.  S.  1  Anin.)  führe  ich  nach  Bohertags  Ausgahe 
an.  —  Die  Singweiaen  in  8  umi  c  tdnd  ron  einander  ganz  verschieden.  —  Vyol  «, 
der  vovlicll  c. 

1.  1  du  NF.  —  2  Tif  fehlt  8c:  und  darzu  der«.  —  4  und  c,  uii  den«, 
der  pringt  vns  plunien  vnd  kle  NF.  —  5  bestellet  c,  ew  stellet  NF.  —  7  ist 
sult  auif  de  m.  p.  s.  —  10  ^estoUet  NF.  —  12  alles  «,  als  c  NF.  —  13  de 
kum'  /*,  wol  kumer  NF.  —  14  fert  fehit  s:  er  ist  süss  senft  vnd  linde  xVF.  — 
15  soll  wir  c.  —  IG  des  wil  ich  A7'';  auff  den  niayon  p.  a-.  —  17  schawen  c.  — 
18  das  es  mir  8c  NF;  muss  ergan  c;  ergang  NF.  —  ac  NF  stellen  16,  17^ 
18,  15,  19. 


2.  1  her  s  NF. 


2  hintz  ich  .<».    —    3  mein  nach    aller    durchstrichen 


8',  swar  *';  zergangen  was  mein  sehwer  NF.  —  4  fehlt  NF;  vnd  begund  da 
gar  c.  —  5  am  linken  Rande  nachgetragen  s;  wol  lantt  c;  zehand  ward  ich 
frolich  singen  NF.    —    (j  wann   ist  wohl  <ils  Begründung    zu  c.  4  f.  zu  fangen. 


239 


10  mir  solte  wol  gelingen. 
Daz  sah  ein  vilzgebüre 
hinder  mir  in  einem   tal; 
ez  wart  im   sit   ze  süre, 
daz  er  treib  so  riehen  schal. 
1 5  ich  waen,  der  ungelinke 
zuckte  üf  den  rainen  huot, 
[er]  unt  sin  bruoder  Hinke, 
sor  er  [mir]  dar  under   luot. 
do  begund  mich  sorgen  twin- 
gen. 

3 
Do  gienc  ich  sunder  tougen 
üf  die  pure  unt  reit  also — 
die  red  ist  äne  lougen — : 
Ir  sult  alle  wesen  frö, 
T)  ich  han  den  sumer  funden. 
Die  herzogin  von  Beiern 
die  lüort  ich  an  miner  haut 
mit  pfifern,   fidlem,  fleiern; 
fröude  was  uns  wol  bekant 


10  al  zuo  der  selben  stunden. 
Do  sprachich  zuoderfinen: 

Kniet  nider  und  hebt  üfden 
huot; 

Ir  lät  den  sumer  schinen, 

wan  daz  tunket  uns  so  guot. 
15  Die  minnecliche  reine 

die  pot  dar  ir  wize  haut, 

si  pürt  den  huot  al  eine; 

sor  si  [dö]  dar  under  taut. 

min  fröude  was  vers wunden. 

yj  4 

Dö  sprach  diu  herzoginne: 
herNithart,  waz  habt  ir  getan? 
des  ich  mich  wol  versinne, 
diu  smacheit  muoz  mir  nähet 

gän 
unt  mag  iueh  wol  geriuwen. 

Bi  allen  minen  tagen 
gesehach  mir  nie  solich  leit; 


[ 


8     48 
c  149' 


0 


wann  ftfhit  NF.  — '  7  sturczt  r.  do  f^csturtzt  *,  dasturczt  NF:  iiu'in  c  NF.  — 
8  (l»s  funds  maj?  ich  mich  r.  NF.  —  9  fehlt  NF.  —  10  daz  ich  meint,  mir 
solt  f?.  NF.  —  1 1  viltzpawr  *,  filcze  paur  NF.  —  12  hinder  mein  NF.  — 
13  8ider  e,  fehlt  NF.  —  14  bösen  NF.  —  15  der  Elchenbrocht  NF-,  un- 
jr»dimpfe  Ä.  —  16  zücket«,  zucht  c  NF;  dan  fehlt  «;  denselben  NF.  —  17  vnd 
Enj^elmoirs  knecht  NF.  —  18  sorgen  «,  ein  nierdum  NF;  sor  er  dorumb 
eriaidt  c;  layt  «,  tat   NF.  —  19  des  NF;  sorig  c. 

3.  1  also  tauge  NF.  —  2  pruck  «;  a  so  NF.  —  6  von  Beiern  fehlt 
NF.  —  7  die  fehlt  c;  darauf:  da  crhnb  sich  ein  tanoz  NF.  —  8  pfeyrcn  «, 
flayren  «,  flaym  c;  pfeifen,  fidlen,  florieren  NF.  —  9  vnd  ander  fröd  was  vnss 
bekaut  NF.  —  10  wol  NF;  de"  «,  denc.  Hierauf  in  NF:  wol  mit  der  herczogin 
fürt  ich  den  reien  schon  vmb  den  veiel  hin  vnd  her,  schier  gieng  es  an  ein 
zweien  (s.  S.  8).  —  11  rayuen  «;  Ich  sprach:  genadige  fraw  NF.  —  13 f.  precht  ab 
den  feiel  so  schone,  der  bofilt  vus  deu  sumer  gut  NF.  —  15  die  myniglich 
die  rayne  c,  NF;  die  miüetlich  rainew  s.  —  16  sehne  weise  c.  —  17  sturczt 
c,  zuckt  NF;  wol  vmbo  c. —  18  sorg  sc,  ein  grossen  merdum  NF.  —  19  r 
fr.  die  sc;   da  was  all  ir  frod   verschwunden  NF.  — 


240 


daz  ich  ez  torst  gesagen, 

ze  fröuden  pin  ich  unbereit, 

10  min  leitdazwil  sich  niuwen." 

Söwäfen  über  mich  ummer! 

ich  wolt,  das  ich  waere  tot; 

nü  muoz  ich  liden  kummer! 

ich  kom  nie  in  grözer  not! 
15  die  wol  getanen  munde 

die  muoz  ich  von  schulden 
klagen, 

da  ich  mich  von  in  künde. 

daz  leit  sol  ich  armer  tragen, 

daz  habet  üf  min  triuwen. 

0 

An  emem  lobetanze 
gienc  Irrenber  unt   Irrenfrit 
mit  irem  rösen  kränze. 


Rözwin,  Gözwin  unt  der  smit 
5  Die  >vurden  faste  singen, 
unt  der  junge  Lanze 

unt  sin  bruoder  Uz  enger, 

Frizper  unt  Ranze. 

„gefatterplattfuoz  nutrether, 
10  lät  niuwe  sporn  klingen/' 
Ir  wären  zwen  unt  drizek, 

die  verlurn  ir  tenke  pein; 

einer  der  hiez  Rizek, 

wie  s6r  er  ubern  bühel  grein: 
15  „Verfluochet  sl  der   sumer, 

den  der  Nithart  erste   fant! 

Nu  müez  wir  liden  kumer. 

daz  der  viol  si  geschant! 

nu  müg  wir  nimer  springen.*" 


4.  2  her  fehU  c;  das  «c.  —  3  das  wirt  ewr  vngewin  NF,  —  4  d.  s. 
die  «;  bol  mir  zu  herczon  gan  JVi^.  —  5  es  mag  iV-F;  ew  «.  —  7  so  ic\ 
schmacheit  }iF.  —  8  dorste  sagii  s\  dem  forsten  wil  ich  es  sagen  NF,  — 
9  ich  gelaub,  os  wcrd  soin  genadeii  leid  NF.  —  10  dein  vngelick  soll  NF.  — 
1 1  so  fehlt  NF;  Imm'  «,  tummen  c-,  tumen  NF.  —  12  sprach  Neithart,  d.  i. 
w.  t.  NF.  —  13  nu  fthU  c;  laider  c;  ei,  daz  er  muss  erkmmmen  NF,  — 
14  der  mich  pracht  in  dise  not  NF.  —  15  wolgemuten  c;  das  selczamliche 
wunder  NF.  —  16  die  fthlt  c;  lat  euch  edle  frawe  klagen  NF,  —  17  das 
c;  west  ich,  wer  dises  kunder  NF.  —  18  d.  1.  s.  i.  allein  tr.  c;  het  her  ge- 
tragen NF.  —  19  meine  trewe  c;  ich  wolt  im  pliuen  seinen  kragen  NF, 

5.  In  NF  durch  andre  Gedichte  von  den  vorausgehenden  Strophen  getrennt,  s. 
S,'5  u.U.  —  1  lobntantze  «,  lobentancz  (ikruncz :  lancz)c;  auch  kamen  zndemdancie 
NF.  —  2  Peringer  vnd  J.  NF.  —  3  mit  ires  krautes  krancze  NF,  —  4  rosx- 
wein,  goszwein  s.  —  4—10  fehlt  NF.  —  5  fehlt  c.  —  7  vlzeng'  «,  Tcieng'  e, 

—  8  fritzp  «,  frisper  c;  ranczer  c.  —  9  gener  pläfusz  s;  tritt  c.  —  12  linckes 
c;  d.  V.  hend  vnd  pein  NF;  d.  v.  doch  sc.  —  13  der  fehlt  NF;  reiliig  «, 
wissigk  c,  Spleisig  NF,  —  14  fast  NF;  vber  den  «;  vberm  pr&el  c, 
prigel  NF.  —  15  ie  v.  s.  d.  feiel  NF.  —  16  den  N.  zu  dem  ersten  fand  NF, 

—  17  n.  m.  wider  s;  man  schlecht  vns  wunden  vnde  peilen  NF.  —  18  da  #. 
so  c;   schier  hab  wir  weder  hend  noch  füss  NF.  —  19  nun  k5nd  w.  NF, 


241 


Hans  Saehsens  Helsterffesangr. 


[MG  15  Bl.  233'] 


In  dem  Hofton  danhewsers 
Der  Neidhart  mit  dem  feyel 
[W]eil  neidhart  war  in  östereich 
nach  hoffelichem  sitten 
Diener  dem  herzogn  zv  wien 
Ynd  der  herzogin  sch&ne    V 
5  Ains  tags  kam  er  von  dem  gejaid 

in  dem  morgen  geritten 
Da  sach  er  ainen  feyel  praAn 
Auf  ainer  wissen  grüne    V. 

Neidhart  stieg  ab  ward  wolgemAet 
10         ob  diesem  feyel  wase 

Vnd  stuerczt  darueber  seinen  huet 
Sas  auf  vnd  rait  sein  strase 
Heim  zv  der  schvnen  herzogin 
Saget  ir  zv  den  stunden 
15         gnedige  fraw  frewt  euch  ich  hab  gefundn 
Den  Ersten  feyel  dieses  jer 
Die  fuerstin  mit  dem  ganczen 
[-•"^^l  frawen  zimer  macht  sich  aiif  fart 

Vmb  den  feyel  zv  danczen    V. 

2 
Nun  het  aber  in  mitler  zeit 
in  der  wissen  ain  pawer 
Den  feyel  hinweck  vnterm  huet 
Ynd  an  die  stat  geschissen 
5  Den  huet  wider  darueber  stuerczt 

Vnd  het  zw  Zeisselmawer 
im  dorflF  den  feyel  aufgericht 
Danczten  dariimb  geflissen    V. 
Als  nun  die  herzogin  von  haws 
10        mit  irem  frawen  zimer 

Ynd  dem  adel  käme  hinaAs 


1.  4]  seh  An:  grtin  s.  S.  211.  —  9]  ward  verbeweit  9ß 
7.  vgl.  NF  305.  — 

2.  1]  8.  fsp.  9.  —  4]  vgl.  NF  312.  — 


242 


mit  grosen  frewden  imer 
Stiegen  sie  in  der  wisen  ab 
Vnd  vmb  den  sumer  raayen 
15         betten  zirckel  rund  ain  singendn   rayen 
neidhart  drat  hoflflich  in  den  ring 
Vnd  den  feyel  auf  decket 
Da  lag  vnter  dem  huet  ain  dreck 
Der  leichnam  uebel  schmecket    V. 

3 

Der  fuerstin  er  zv  fuesen  fiel 
Sie  vmb  genaden  pate 
Sag  das  het  im  zv  neid  gethon 
Haimlich  ain   grober  pawer    v. 
5  Die  herzogin  der  schalckheit  lacht 

gnedig  verziegen  hate 
nach  dem  mit  dem  adel  neidhart 
rait  ins  dorff  Zeisselmawer    v. 
Vnd  sach  der  folen  pawren  rot 
10         Dort  \Tnb  sein  feyel  danczen 

im  ZV  schant  schaden  hon  vnd  spot 
[234']  Da  fluecht  er  in  die  franczen 

Sambt  dem  adel  von  leder  zueg 
Vnd  det  die  paum  schlagen 
15         Das  man  ir  Etlich  must  zum  pader  tragn 
Wurt  darnach  sein  lebtag  ir  feint 
thet  vil  ZV  laid  den  thumen 
also  noch  durch  ringe  vrsach 
thuet  grose  feintschaft  kiimn     v. 
anno  salutis    155f> 
am  31  tag»  marci. 


3.  2]  vgl.  fsp  164,  NF  192.  -  12]  s.  DWB  IV  l,i  8.60,  vorjkH.  S.  62  f. 
15]   vgl.  fsp  269. 


H.  FI eii.cn zu aon.  BTenlau.  Ohiauoratr   R 


t; 


Germanistische  AbiiandiongeD 


begründet 
von 

Karl  Weinhold 

herausgegeben 
von 

F'riedlficli  >^ogrt 


XVIIL  Heft 


Studien  über  Heinrich  Kaufringer 


von 


Karl  Ealing 


Breslau 

Verlag  von  M.  &  H.  Marcus 

1900 


Stndien  Ober  Heinrich  Kanfrioger 


von 


Karl  Eoling 


Breslau 

Verlag  von  M.  &  H.  Marcus 

1900 


Herrn  GeheimeD  Regierungsrath  Professor  Dr.  Gideon  Spicker, 


,Dss  poetische  Talent  ist  dem  Bauer  so  gut 
gegeben  alt  dem  Ritter ;  es  kommt  nur  darauf 
an,  ob  Jeder  seinen  Zustand  ergreift  und  ihn 
nach  Würden  behandelt,  und  da  haben  denn 
die  einfachsten  Verhältnisse  die  grössten  Vor- 
thelle«.  Goethe. 


Inhalt. 


Seite 

Vorwort IX 


Einleitung 


1 


I.  Geschichte  und  Stand  der  Forschung     ...'....  3 

II.  Heimat,  Persönlichkeit,  Zeit  des  Dichters 6 

ni.  Poetische  Technik 8 

1.  Verhältnis  zu  Konrad  von  Würzbarg        8 

2.  Verhältnis  zu  Heinrich  Teichner 22 

3.  Gnomisches 32 

4.  Verhältnis  zur  volksmässigen  Epik 32 

5.  Manier       40 

IV.  Quellen      47 

1.  Der  Einsiedler  nnd  der  Engel 48 

2.  Der  bekehrte  Jode 53 

3.  Der  verklagte  Bauer 66 

4.  Der  Bürgermeister  von  Erfurt  nnd  der  KGnig  von  Frankreich  62 

5.  Der  zurückgegebene  Minnelohn 65 

6.  Das  Schädlein 69 

7.  Der  Beichtvater  als  Postillon  d'amour 70 

8.  Das  glückliche  Ehepaar 74 

9.  Cliorherr  und  Schusterin 74 

10.  Die  zurückgelassene  Bruch 77 

11.  Die  drei  betrogenen  Ehemänner 79 

12.  Der  Zehnte  von  der  Minne 84 

13.  Die  Vergeltung 86 

14.  Die  unschuldige  Mörderin 87 

15.  Weiberlist 91 

16.  Von  den  drei  Nachstellungen  des  Teufels 92 

17.  Die  fromme  Müllerin 92 


Vllt 


18.  Das  üble  Weib 93 

19.  Von  der  Welt 94 

20.  Von  den  vorsprechen 94 

21.  Der  kozze 95 

22.  Von  guten  Werken     . 95 

23.  Die  uneinigen  Eaufleute 95 

24.  Von  Schälken  und  leckern 96 

25.  Von  sieben  Krankheiten,  den  sieben  Todsünden  und  den 
sieben  Gaben  des  heiligen  Geistes 97 

26.  Vom  Adel  des  zeitlichen  Leidens 97 

27.  Von  den  vier  Töchtern  Gottes 98 

V.  Charakteristik 98 


Beilage 120 

Nachtrag  l.  zu  Heinrich  Kaufringer 123 

2.  zu  Kunz  Kisteuer 123 

Berichtigungen 124 

Register 125 


-i>— >•  •- 


VoFWOFt. 


Diese  in  der  Hauptsache  schon  vor  einem  Jahrzehnt  ge- 
schriebenen Blätter  bitte  ich  zunächst  als  den  Seite  IX  meiner 
Kaufringer- Ausgabe  versprochenen  Nachtrag  anzusehen  und 
empfehle  sie  der  Nachsicht,  die  man  auf  einem  wenig  angebauten 
Gebiet  anzurufen  allen  Grund  hat.  Die  Bearbeitung  der  von 
Bolte  gefundenen  Gedichte  schien  noch  keine  Eile  zu  erfordern, 
nachdem  ein  amerikanischer  Herausgeber  mir  zuvorgekommen 
ist.  Die  sprachlichen  Probleme  dürften  wohl  nur  auf  Grund 
lokal-mundartlicher  Forschung  wirklich  gefördert  werden ;  brauch- 
bare Vorarbeiten  fQr  Eaufringers  heimatlichen  Dialekt  fehlen 
bis  jetzt  völlig;  ich  habe  deshalb  meine  Bemerkungen  dieser 
Art  vorläufig  zurückgestellt. 

Das  Skizzenhafte  der  folgenden  Aufsätze  deutet  der  Titel 
an,  einige  Ungleichmässigkeiten  in  den  Zitaten  und  etliche 
Wiederholungen  bedaure  ich. 

Vielleicht  dient  die  Beschäftigung  mit  Eaufringers  Werken 
auch  der  Kenntnis  volkstümlicher  Dichtung  überhaupt,  wenn 
man  zwei  Klippen  meidet.  Verurteilen  und  Schönfärben.  Leider 
trifft  Vischers  berühmte  Definition  der  Volksdichtung  als  Kunst 
ohne  Kunst,  deren  Grundzug  die  Unschuld  der  Schönheit  ist, 
die  nicht  sich  selbst  und  ihren  heiligen  Wert  erkennt,  durchaus 
nicht  immer  zu.    Es   ist  kein  übler  Ausweg,  wenn  in  einem 


X 


liebenswürdigen  und  begeisterungsvollen  Buche  über  deutschen 
Volksgesang  an  dem  berüchtigten  Wirtshaus  an  der  Lahn  vor- 
übergefahren wird,  man  schaut  nur  von  aussen  durchs  Fenster. 
Aber  wollte  man  überall  ähnlich  verfahren,  so  bliebe  ein  nicht 
unbeträchtlicher  und  nicht  unwichtiger  Teil  volkstümlicher  Über- 
lieferungen unberücksichtigt,  und  man  würde  vor  allem  über 
die  wichtige  Thatsache  wegtäuschen,  dass  das  Volk  zu  jeder 
Zeit  der  sittlichen  und  ästhetischen  Veredelung  bedurft  hat. 


K«  hd» 


Einleitung. 


Xis  ist  noch  immer  Qblich,  in  dem  geistigen  Gehalt  der  beiden 
letzten  Jahrhunderte  des  ausgehenden  Mittelalters  vorwiegend 
das  Ergebnis  eines  Zersetzungsprozesses  zu  sehen  und  bei  der 
Beurteilung  bewusst  oder  unbewusst  den  Massstab  des  drei- 
zehnten Jahrhunderts  oder  der  Renaissance  anzulegen;  und  doch 
ist  diese  Art  der  Betrachtung  recht  einseitig. 

Nicht  nur  befriedigender,  sondern  auch  richtiger  dürfte 
es  sein ,  das  einzelne  Jahrhundert  vom  Standpunkt  der  Gesamt- 
entwicklung zu  beurteilen  und  anstatt  das  Abdorren  der  aus- 
gelebten alten  Triebe,  die  Keime  neuen  Lebens  zu  verfolgen. 
Übrigens  wird  man  in  dem  Jahrhundert  der  deutschen  Mystik, 
Erwins  von  Steinbach  und  Meister  Wilhelms,  im  Jahrhundert 
der  kräftigsten  Erhebung  des  BQrgertums,  wohl  keinen  Tief- 
punkt, sondern  einen  Höhepunkt  deutschen  Geisteslebens  zu 
sehen  haben.  In  der  That  muss  selbst  der  moderne  Gegner 
mittelalterlicher  Weltauffassung  zugestehen ,  dass  diese  Periode 
des  Mittelalters  eine  einheitliche  Kultur  besessen  hat,  die  in 
ihrer  Art  vollkommen  gewesen  ist.  Harnack,  Dogmengeschichte 
3,  392.  An  Tüchtigkeit  der  Gesinnung,  an  Ernst  und  Tiefe, 
an  lauterem  Streben  nach  der  Wahrheit,  das  allerdings  durch 
starren  Dogmatismus  von  vornherein  unterbunden  war,  steht 
diese  Zeit  hinter  keiner  andern  zurQck.  Freilich  zeigt  sie  die 
, Fehler  ihrer  Tugenden*.  Der  ürsprünglichkeit  und  Frische 
entspricht  der  durchgängige  Mangel  idealer  Schönheit,  der 
mystischen  Tiefe  ein  fühlbarer  Mangel  an  erfolgreicher  Ge- 
staltung. Aber  selbst  der  derbe  Naturalismus  dieser  aristopha- 
nischen Jahrhunderte  bezeichnet  dem  Konventionalismus  der 
ersten  klassischen  Epoche  gegenüber  einen  Fortschritt;  er  deutet 

Eullng,    Heinrich  Kaafringer.  1 


eine  über  die  Mode -Ideale  des  Bittertams  kinansstrebende  bohere 
Entwicklang  an ,  indem  er  die  Schwäcben  der  za  wenig  volks- 
tfimlichen,  fast  ganz  inteiiiationalen  Standeslitteratar  aufdeckt. 
Ein  neues  Schönheitsideal  wird  geahnt,  in  dem  Volkstom  and 
fremde  Bildung  in  höherer  Weise  mit  einander  verschmelzen 
sollten.  Die  mit  der  beginnenden  Heransbildung  der  Individualität 
verbundene  Verinnerlichung  des  Beobachtens  schafft  Typen  und 
Charaktere :  es  sind  die  Anfänge  der  modernen  deutschen  Eultnr. 
Einen  Beitrag  zur  Kunde  dieser  Zeit  zu  liefern  versuchen 
die  folgenden  Studien  über  einen  bayerischen  Dichter  aus  dem 
Ende  des  vierzehnten  Jahrhunderts.  Was  er  hinterlassen  hat, 
ist  besonders  dadurch  für  den  Litterarhistoriker  anziehend,  dass 
es  einmal  einen  lehndchen  Einblick  in  die  weitschichtige,  sonst 
wenig  hervortretende  Litteratur  des  gewöhnlichen  Volkes  ge- 
währt. Es  sei  hier  an  ein  Wort  Scherers  erinnert:  „Zu  allen 
Zeiten",  sagt  er  -(Deutsche  Studien  I  353),  „gibt  es  Schichten 
der  geistigen  Bildung,  und  um  die  unterste  Schicht  kümmert 
man  sich  viel  zu  wenig.  Ich  gestehe,  es  ist  mir  immer  als  ein 
grosser  Mangel  erschienen,  dass  uns  so  ziemlich  jede  authen- 
tische Auskunft  über  die  litterarische  Nahrung  der  unteren 
Stände  fehlt.  In  gesunkenen  Epochen  sind  das  gerade  die 
herrschenden  Mächte  der  gesamten  Litteratur.  Und  die  niedrigen 
Gattungen  breiten  sich  wie  eine  unendliche ,  gleichmässige  Tief- 
ebene aus,  von  der  sich  nur  hier  und  da  vielleicht  einzelne 
Htigelgruppen  abheben".  Haupt  verglich  in  seiner  Recension 
der  Wolfram -Ausgabe  Lachmanns  die  altdeutsche  Poesie  einem 
weiten  Gebirge  voll  verborgener  Thäler,  dessen  Durchforschung 
noch  langer  Mühe  und  Sorgfalt  bedürfen  werde. 


I. 
(jeschichte  und  Stand  der  Forschung, 

Von  dem  Dasein  unsres  Dichters,  den  man,  wie  die  Hand- 
schriften ausweisen,  im  fünfzehnten  Jahrhundert  in  Bayern 
wohl  zu  schätzen  wusste,  gab  zuerst  Docen  im  Jahre  1809 
wieder  Kunde  (Museum  1,  143).  Ebenso  kurz  wie  Docen  er- 
wähnen ihn  dann  von  der  Hagen  in  seinem  Grundriss  S.  368 
und  von  der  H^gen  und  Büsching  im  ersten  Bande  der 
Deutschen  Gedichte  S.  XXVII.  Ohne  sich  mit  dem  Dichter 
beschäftigt  zu  haben,  gab  Holland  in  seiner  Geschichte  der 
altdeutschen  Dichtkunst  in  Bayern,  S.  324  und  559 ff.  bber  ihn 
und  seinesgleichen  in  Bausch  und  Bogen  sein  Verdammungs- 
urteil ab.  Schon  Schmeller,  auf  den  die  in  der  Ausgabe  S.  IV 
(Anmerkung)  erwähnten  Bemerkungen  in  der  Münchener  Hand- 
schrift Cgm.  270  zurückzuführen  sind,  vermutete,  dass  Kauf- 
ringer  mehr  Gedichte  zuzusprechen  seien,  als  die  seinen  Namen 
trugen;  eine  Beobachtung,  die  Bartsch  in  seinen  Artikel  der 
Allgemeinen  deutschen  Biographie,  Band  16,  ohne  seine  Quelle 
zu  nennen ,  aufnahm.  Da  Bartsch  aber  nicht  einmal  diejenigen 
Stücke  wirklich  gelesen  hatte,  die  Kaufringers  Namen  tragen; 
so  wimmelt  jener  Artikel  von  Unrichtigkeiten  und  unbegründeten 
Urteilen. 

Dann  nahm  sich  Goedeke  in  der  Neubearbeitung  seines 
Grundrisses  (I*  301)  des  Dichters  an  und  wünschte  die  Heraus- 
gabe seiner  Gedichte.  Die  Ausgabe  auf  Grund  der  damals  be- 
kanntenlfandschriften  erschien  1888  als  182.  Publikation  des 
Litterarischen  Vereins  in  Stuttgart. 

Der  erste,  der  nunmehr  den  Dichter  in  grösserem  Zusammen- 
hange besprach,  warRiezler,  Geschichte  Bayerns  3,  856^).  In 


^)  Inbctreff  der  zweiten  Bemerkang,  die  ich  Über  Sprache  and  Ver»- 
kunst  Heinrich  Kaufringers,  S.  4,  Aumerkang,  hinsichtlich  seinei 


weitere  Kreise  trug  eine  Besprechung,  die  Bechstein  der  Aus- 
gabe im  Magazin  für  die  Litteratur  des  In-  und  Auslandes  59, 281  f. 
widmete,  den  Namen  des  Dichters.  Reinhold  Köhler,  Bolte, 
Roethe,  Stiefel  u.  A.  erkannten  die  Bedeutung  seiner  Werke 
für  die  Stoffgeschichte;  auch  für  metrische  und  sprachliche 
Untersuchungen  wurden  sie  schon  von  Paul  (in  der  Metrik  seines 
Grundrisses)  und  von  Arons  (in  den  Beiträgen  zur  Geschichte 
der  deutschen  Sprache  und  Litteratur  17,  225ff.),  für  die  Alter- 
tümer von  Heyne  in  seinen  Deutschen  Hausaltertümern,  für 
die  Gnomik  von  Steinmeyer  mit  Nutzen  herangezogen.  Kochen- 
dörffer  und  Martin  versuchten,  wie  mir  scheint  ohne  Glück, 
ein  Gedicht  Kaufringers  für  die  Geschichte  des  altdeutschen 
Badewesens  zu  verwerten.  (Zeitschrift  für  deutsche  Philologie 
24,  493 ff.;  27,  54 f.) 

Was  Kaufringers  Stellung  in  der  Geschichte  der  deutschen 
Litteratur  betrifft,  so  stempelte  man  ihn,  ganz  mit  Unrecht, 
einmal  zum  Schüler  Gottfrieds  von  Strassburg  (Arfert,  Das 
Motiv  von  der  unterschobenen  Braut.  Rostock  1897.  S.  43), 
ein  andermal  zum  Bearbeiter  älterer  Schwanke  (Hans  Sachs- 
Forschungen.  Nürnberg  1894^).  S.  91.)  Musterhaft  verflocht 
Vogt  den  Dichter  in  seinen  Abriss  der  mittelhochdeutschen 
Litteratur,  Pauls  Grundriss  II  1,  360  f.,  und  zuletzt  hob  Golther 
in  seiner  Geschichte  der  Deutschen  Litteratur  bis  zum  Aas- 
gange des  Mittelalters  S.  347  richtig  einige  Hauptvorzüge  in 
Kaufringers  Erzählungen  hervor. 

Eine  wichtige  Ergänzung  erfuhr  unsere  Kunde  des  Dichters 
durch  einen  glücklichen  Fund  Johannes  Boltes.  Im  Mai  1893 
teilte  er  mir  mit,  dass  er  in  der  Berliner  Handschrift  Ms.  germ. 
fol.  564  unter  233  Nummern  Heinrich  Teichners  9  weitere  Ge- 
dichte Kaufringers  entdeckt  habe,  in  denen  dieser  sich  am 
Schluss  selbst  nennt.  Im  Sommer  1894  schrieb  ich  die  neuen 
Stücke  ab,  die  sich  dann  um  ein  von  Bolte  übersehenes  ver- 
mehrten. So  ist  die  Zahl  der  Kaufringerschen  Gedichte  auf 
27  gebracht,  womit  aber  nach  Ausweis  der  Lücken  in  Cgm.  270 


ortes  gegen  Riezler  schrieb ,  macht  dieser  mich  freundlich  darauf  aufmerksam, 
dass  auch  er  nicht  sicher  behauptet  habe,  Kaufering  sei  des  Dichters  Heimat. 
^)  S.  103  wird  er  fälschlich  ,Kanfering'  genannt. 


die  Produktion  des  Dichters  keineswegs  erschöpft  ist.  Ausgabe 
S.  n.  Aber  weitere  Bemühungen  und  öffentliche  Anfragen ') 
inbetreff  noch  unbekannter  Stücke  sind  ohne  Erfolg  geblieben. 
Was  für  \¥ert  einem  inzwischen  erschienenen ,  angeblich  diplo- 
matischen Abdruck  der  neuen  Stücke  von  Schmidt- Wartenberg 
(Germanic  stndies,  edited  by  the  department  of  germanic 
languages  and  literatures  III.  Inedita  des  Heinrich  Kaufringer. 
Chicago  1897)  zukommt,  habe  ich  im  Anzeiger  der  Zeitschrift 
für  deutsches  Altertum  42,  296  ff.  anzudeuten  versucht. 

II. 

Heimat,  Persönlichkeit,  Zeit  des  Dichters- 
Heimat. 

Kaufringer  war  ein  Bayer  aus  dem  Bistum  Augsburg;  die 
Lechlandschaft  ist  seine  Heimat.  Ausgabe  S.  VII.  Über  Sprache 
und  Verskunst  S.  4 ff.  Ins  Lechthal  weist  „kuppelig"  XXIII  101 
(Schmeller,  Bayerisches  Wörterbuch  I*  1272)  und  wahrscheinlich 
das  merkwürdige  „triflach"  XVI  337;  vgl.  „sechsflach«  VI  172 
(„sechsfach"  ist  Druckfehler).  Auch  die  Geschichte  der  Haupt- 
handschrift A  (Cgm.  270)  bestätigt  den  Schluss  auf  die  bayerisch- 
augsburgische  Heimat.  Nach  München  kam  sie  dem  Vermerk 
des  16.  bis  17.  Jahrhunderts  auf  dem  ersten  Blatt  zufolge  aus 
dem  Kloster  Rotten  buch,  das,  wie  Steichele  (Das  Bistum  Augs- 
burg II,  Register)  belegt,  vielfach  im  Bistum  begütert  war. 
Vergleiche  Bavaria  I*  (1860)  911,  Oberbayerisches  Archiv 
49,  293.  555.  564.  Blatt  186  b  der  Handschrift  hat  ein  „Hans 
Lauginger  as  Adelzhouen"  1574  unter  Beifügung  seines  Wappens 
sich  eingetragen.  Adelzhofen  gehörte  früher  zum  Landgerichte 
Landsberg.  Bavaria  I*  833,  836.  Ein  Jeremias  Lauinger  ist 
1589  und  1590  Richter  zu  Landsberg,  von  dem  Verkäufe  von 
Gütern  zu  Kaufering  bekundet  werden.  Oberbayerisches  Archiv 
9,  300.  301.  Auf  der  Innenseite  des  mit  Papier  überklebten 
Deckels  hat  sich  mit  einer  Handschrift  des  15.  bis  16.  Jahr- 
hunderts Joachim  Soyter  genannt.  Ein  Joachim  Soiter  ist  1535 
als   Bürgermeister    von    Landsberg    bezeugt    (Oberbayerisches 


^)  Litterarisches  Centralblatt  1895,  S.  1110,  1151.    Alemannia  23,  192. 


Archiv  9,  287),  der  einen  Hof  zu  Kaufering  erwirbt.  Wenu 
Michels  Q  F.  77,  157  die  Handschrift  ohne  Weiteres  aus  Augs- 
burg stammen  lässt,  unterscheidet  er  Stadt  und  Bistumsgebiet 
nicht.    Bayern  nennt  Kaufringer  XX  2  an  erster  Stelle: 

„Ain  böser  sitt  ist  aufgestanden 

In  Pairen  und  in  andern  landen". 

Persönlichkeit. 

In  Augsburg  einen  Heinrich  Kaufringer  nachzuweisen,  ist 
nicht  gelungen,  trotzdem  ich  mich  der  Unterstützung  Riezlers, 
Buffs  und  Radlkofers  zu  erfreuen  hatte.  Und  zwar  bereitet 
nicht  die  Seltenheit,  sondern  das  ungemein  häufige  Vorkommen 
des  Namens  Verlegenheit.  Vier  und  fünfzig  augsburgische 
Kaufringer  (Kuffringer)  enthalten  nach  Radlkofers  Forschungen 
allein  die  Jahrgänge  1390,  1395,  1399,  1405  und  1410  der 
Augsburger  Steuerbücher:  aber  keinen  Heinrich  Kaufringer. 
Ebensowenig  bieten  die  Litteralia  des  Stadtarchivs,  Aktenstücke 
von  1290  bis  1538,  oder  die  beiden  Bände  des  ürkundenbuches 
der  Stadt  Augsburg  einen  Heinrich  Kaufringer.  Auch  im  Ver- 
lauf des  fünfzehnten  Jahrhunderts  ist  der  Name  Kaufringer 
oder  Kuffringer  noch  recht  häufig.  Die  aus  dem  Schluss  des^ 
XIV.  Gedichtes  bekannte  Namensform  „der  Kaufringer"  kehrt 
Städtechroniken  V  60,  Anm.  1  zur  Bezeichnung  eines  Boten 
wieder,  der  nach  Buffs  Mitteilung  auch  in  den  Baumeister- 
büchern 140,  Bl.  70  erwähnt  wird:  „Item  1  gülden  dem  Kuff- 
ringer^) gen  Ötingen  von  der  von  Worms  wegen".  Doch  von 
einem  Heinrich  Kaufringer  hat  sich,  wie  gesagt,  in  der  Stadt 
Augsburg  um  jene  Zeit  keine  Spur  gefunden. 

Wenn  ein  Heinrich  Kaufringer  dort  um  die  Wende  des 
Jahrhunderts  wirklich  nicht  vorhanden  war,  so  erhält  hierdurch 
der  Schluss,  dass  er  Angehöriger  des  Bistums  gewesen  sein 
müsse,  dessen  betreffenden  Teile  politisch  zu  Bayern  gehörten, 
nur  erwünschte  Bestätigung. 

Hier  sind  die  Kaufringer  ^)  seit  dem  12.  Jahrhundert  zu 
Hause ,  die  älteren  Träger  des  Namens  wahrscheinlich  aus  dem 


']  Gegen  die  Identificieruug  dieses  Boten  mit  unserm  Dichter  spricht 
dessen  enger  geistiger  und  geographischer  Gesichtskreis. 

*)  Die  Ausgabe  S.  VII  vermerkten  Chefringer  gehören  nach  Köfering. 


niederen  Adel,  die  des  späteren  14.  und  des  15.  Jahrhunderts 
meist  bürgerlichen  Standes;  das  schliesse  ich  gegen  Dellinger 
(im  Oberbayrischen  Archiv  9,  265)  aus  dem  Umstände,  dass 
in  den  benachbarten  Städten  Augsburg  und  Landsberg  zahl- 
reiche bürgerliche  Kaufriuger  vorkommen,  die  unmöglich  alle 
auf  die  Herren  von  Kauferingen  zurückzuführen  sind. 

Aus  Urkunden  des  Beichsarchivs  und  des  städtischen 
Archivs  zu  Landsberg  sind  zwei  Heinrich  Kaufringer  nachzu- 
weisen. Der  Name  kehrt  dort  auch  öfter  in  der  Form  Heinrich 
der  Kaufringer  und  einmal  (Oberbayerisches  Archiv  49,  307)  in 
der  Form  Heinrich  Käufringer  wieder.  Es  handelt  sich  um  Vater 
und  Sohn.  Der  ältere  Heinrich  Kaufringer  erscheint  seit  1369  ur- 
kundlich bezeugt.  1404  wird  er  als  verstorben  erwähnt  (Ober- 
bayerisches Archiv  49,  545).  Er  war  Bürger  von  Landsberg, 
Kirchenprobst  und  Pfleger  der  Liebfrauenkirche.  Die  Urkunden 
stehen  in  den  Monumenta  Boica  XXII  373  und  im  Oberbayeri- 
schen Archiv  2,  274.  9,  264.  49,  297.  299.  303.  304.  305.  307. 
308.  Sein  Sohn,  der  jüngere  Heinrich  Kaufringer,  verpflichtet 
sich  am  8.  Dezember  1404  zu  Stiftungen  für  das  Seelenheil  des 
Vaters.  Oberbayerisches  Archiv  49,  545.  Weder  die  eine  noch 
die  andere  von  diesen  Persönlichkeiten  kann  für  den  Dichter 
gelten ;  dem  widerspräche  das  wenig  städtische  Wesen ,  wovon 
seine  Gedichte  zeugen,  und  sein  offener  Hass  gegen  Pfaflfe^^ 
Richter  und  Herren,  wie  ihn  der  gedrückte  kleine  Mann  hegt. 
Weitere  Nachforschungen  in  Landsberg  waren  erfolglos*). 
Immerhin  beweisen  jene  Urkunden  das  Vorhandensein  der  Fs,- 
milie  in  der  Lechlandschaft,  wo  wir  unsern  Dichter  lokalisieren 
mussten.  Demnach  bleiben  wir  für  die  Persönlichkeit  Kauf- 
ringers auf  das  angewiesen,  was  seine  eigenen  Gedichte  über 
ihn  verraten;  und  da  dies  nicht  seine  äusseren  Lebensumstände 
betrifft,  wird  es  uns  zweckmässig  unten  im  Zusammenhange 
mit  seiner  dichterischen  Persönlichkeit  zu  beschäftigen  haben. 
„Das  wahre  Leben  eines  Dichters",  meint  Lessing,  „sind  seine 


>)  Als  Schreiber  einer  Miscellan- Handschrift  des  Klosters  Fiirstenfeld 
vom  Jahre  1446  nennt  sich  ein  f rater  Heinricus  Kaufringer.  Catalogiis  Co- 
dicum  ms.  Monaceusium  III*  Nr.  1052,  S.  140  f.  Daselbst  iu  einer  Hand- 
schrift Nr.  1554  aus  Jndersdorf  (15.  Jb.),  schnhnässigen  Inhalts,  ein  Jobannes 
Kauf  ringe  r. 


8 

Gedichte.    Nur  was  vou  diesen  zu  sageu  ist,  das  allein  kann 
noch  jetzt  einen  wahren  Nutzen  haben*'. 

Zeit. 

Über  die  Zeit  des  Dichters  habe  ich  im  Anzeiger  der  2^t- 
schrift  ffir  deutsches  Altertum  42,  297  ff.  gesprochen.  Es  ergab 
sich,  dass  seine  Gedichte  in  das  letzte  Jahrzehnt  des  vierzehnten 
und  den  Anfang  des  fünfzehnten  Jahrhunderts  zu  setzen  sein 
dürften.  Wenn  Heinrich  Teichner,  wie  Seemüller  in  derselben 
Zeitschrift  41,  230  aus  der  chronologischen  Anlage  der  Suchen- 
wirt- Handschrift  A  schliesst,  zwischen  1372/3  und  1377  ge- 
storben ist,  ändert  das  an  unserer  Datierung  nichts. 

m. 
Poetische  Technik. 

Wie  unser  Dichter  räumlich  einem  Grenzgebiet  zwischen 
Südwest-  und  Südost- Deutschland  angehört,  so  vermittelt  er 
thatsächlich  auch  zwischen  der  Dichtung  und  Kultur  beider 
Gebiete.  Er  ist  ein  Epigone  der  novellistischen  Epik  und  der 
Didaktik ,  mit  ausgeprägt  volksmässigem  Charakter.  Sehen  wir 
von  diesem  zunächst  ab,  so  bezeichnen  zwei  Namen  aufs  kürzeste 
die  beiden  Richtungen,  die  Eaufringers  Dichtung  vereinigt: 
Konrad  von  Würzburg  und  Heinrich  Teichner.  Und  zwar 
schliesst  sich  Kaufringer  im  allgemeinen  in  den  Novellen  mehr 
Konradischer  Kunst,  in  den  Sprüchen  mehr  Teichner  an. 

1. 
Verhältnis  zu  Konrad  von  Würzburg. 

Während  in  Egenolfs  Peter  von  Staufenberg  noch  eine 
wirkliche  Stilcopie  Konrads  vorliegt,  erscheint  schon  Kunz 
Kisteners*)  Verhältnis  zu  Konrad  als  ein  mehr  äusserliches ; 
der  Geist  Konradischer  Kunst  ist  längst  verflogen,  und  >  ein 
anderer,  als  der  höfische,  Lebensgehalt  geht  litterarischer  Ver- 
körperung entgegen.    Geradezu  mechanisch  verwendet  Heinrich 


•)  Geriu.  Abh.  16,  21  fif. 


Kaufringer  die  Mittel  der  fast  ausgelebten  und  verknöcherten 
höfischen  Technik,  hat  aber  damit  der  hereinbrechenden  Form- 
losigkeit gegenüber  noch  immer  einen  Erfolg  zu  verzeichnen  ^). 

Indem  ich  im  allgemeinen  auf  Eunz  Eistener  S.  18  f.  hin- 
weise, stelle  ich  hier  zunächst  diejenigen  stilistischen  Eigen- 
schaften E  auf  ringerscher  Epik  zusammen ,  die  Einfluss  Eonrads 
von  Würzburg  verraten.  Direkte  Einwirkungen  der  Epen  des 
mittelhochdeutschen  Quintilian  ist  meist  weniger  anzunehmen; 
die  Vermittelung  Eonradischer  Eunst  übernahmen  in  der  Regel 
Fortsetzer,  wie  der  des  Trojanerkrieges,  Schüler  und  Nach- 
ahmer. Diese  vergröberten  und  modifizierten  schon,  wie  sich 
bei  Eunz  Eistener  bemerken  lässt,  Eonrads  saubere  Manier, 
so  dass  sie  dem  Verständnis  und  der  Leistungsfähigkeit 
geringerer  Dichter  angenähert  wurde.  Aus  den  echten 
Werken  Eonrads  war  in  vielen  Dingen  keine  massgebende 
Norm  mehr  zu  gewinnen ,  weil  man  sie  schon  im  14.  Jahr- 
hundert in  derselben  bunten  sprachlichen  Form  las,  die  den 
eigenen  Dichtungen  der  beginnenden  Neuzeit  ihr  äusseres  Ge- 
präge gibt.  Wenn  schliesslich  manches  Formelhafte  mit  er- 
wähnt wird,  so  hat  das  allerdings  für  sich  allein  gar  keine 
Beweiskraft;  kommen  solche  Formeln  doch  sowohl  in  der  vor- 
konradischen  Litteratur,  (ja  zum  Teil  schon  in  altgermanischer 
Epik),  als  auch  nachher,  z.  B.  wieder  bei  Heinrich  Teichner 
vor.  Aber  im  Rahmen  der  Eonradischen  Eunst  dürfen  auch 
diese  Züge  als  keineswegs  unwesentlich,  nicht  fehlen,  weil  sie  , 
zur  Abrundung  des  Bildes  dienen ,  das  wir  uns  von  seiner  Eunst 
zu  machen  haben;  überdies  lässt  sich  das  mehr  oder  weniger 
Formelhafte  nicht  immer  gut  von  Individuellem  scheiden.  Es 
handelt  sich  eigentlich  auch  nur  darum,  den  Eunstcharakter 
der  Eaufringerschen  Dichtung  festzustellen ;  direkte  Benutzung 
nachzuweisen ,  dazu  reichen  unsere  Mittel  nicht  aus. 

Hinter  Eonrads  Sprachieichtum  steht  Eaufringer  verhältnis- 
mässig wenig  zurück,  zunächst  in  Betreff  der  Fülle  an  synonymen 
Bezeichnungen  und  Wendungen.  Eistener  S.  23.  Die  Wieder- 
kehr einzelner  Stellen  vermerkt  später  eine  besondere  Eonkordanz. 
I  30  „Der  ist  vil  und  oune  zaP.   40  „oune  pein  —  oune  rew". 


»)  Schüubach  iu  Seuflferts  Vierteyahrschrift  2,  344. 


10 


82  „der  liechte  morgen  Was  komen  und  aufgegangen"  (vergl. 
Troj.  11880.  Wolffzur  Birne  398).  90  „schön  und  wolgetaun**. 
127  „Aus  dem  haus  und  von  der  statt^.  134  „In  ain  stat  weit 
und  langen."  160  „Ich  haun  genomen  —  gestohi".  182  „Er 
wolt  weder  hin  noch  wider  Mit  dem  cngel  nit  mer  gaun. 
Der  engel  wolt  in  nie  verlaun,  Er  wolt  ie  bei  im  beleiben**. 
197  „bös  und  ring".  211  „puoben  und  leberschüll."  213  „lagen 
und  sassen".  246  „ain  bös  gefert  —  des  tiefeis  diener".  256  „alt 
und  greis".  264  „an  frümkait  las  Und  mit  dem  tiefel  be- 
strickt". 276  „ist  und  haist."  292  „Eilen  und  laffen"  (vergl. 
Troj.  26195).  294  „peitten  und  still  stan".  343  „wird  und  er" 
(Troj.  9399  formelhaft).  346  „kumer  und  pein".  381  „frum 
und  auch  guot".  383  „mit  recht  Ann  arge  list  —  schlecht". 
392  „guot  und  rain".  403  „Verdampnet  und  verlorn".  405 
„Nun  sag  mir  —  Das  beweis  mich."  423  „wol  und  eben"; 
vergl.  V  482,  617  „recht  und  eben".  XI  159  „schon  und  wol"; 
V  529.  XI  448.  XIII  91.  XIV  443.  (Troj.  597.  7359.  29523. 
38982  formelhaft.  XI  57  „ser  und  vast"  (Troj.  36140.49552). 
443  „vil  und  ser".  VI  205  „vil  ser  und  auch  vast".(Troj.  11419 
„vil  sere  und  euch  vil  tiure").  Aus  der  Unmenge  von  Belegen,  die 
Gedicht  II  bis  XXVII  bieten ,  seien  hervorgehoben :  II 88  „ze  laide 
und  ze  pein".  276  „ze  allen  zeiten  stätticlich".  278  f.  „gelaichen 
noch  betriegen".  III  23  „oft  und  dick"  (Troj.  13567  formel- 
haft, auch  z.  B.  bei  Teichner).  95  „nider  zetal".  128  „fro 
und  wolgemuot".  188  „bös  und  swach".  336 „  ungelimpfs  und  auch 
unfuog".  398  „frölich  oun  alles  lait".  534  „swär  und  pein". 
646  „ain  narr  und  tor".  IV  146  „sicherlich  für  war.  „306 
„weder  pärd  noch  weis".  352  „nur  allain".  V  37  „armuot  und  not- 
tikait".  100  „ferr  und  weit".  111  „sa  zehant"  (Troj.  13699, 
13845.  Wolff  zur  Birne  300,  formelhaft).  593  „mächtig  und 
auch  gros".  612  „ser  und  gar".  Vi  87  „gar  lieplich  und 
vil  schone".  90  „ietzo  zuo  diser  stunt".  287  „schand  und 
laster".  (Wolff  zur  Birne  116).  VII  12  „mit  gscheidkait  und 
mit  cluogem  list".  120  „wuochs  und  ward  vil  mer".  148  ^iiit 
frum  noch  guot".   222  „nächtig,  da  es  gar  was  worden  nacht 


')  Die  eintönige  Wiederholung  desselben  Etymons  b 
heit  der  Fortsetzung  von  Konrads  Trojanerkrieg  Klitschl 
zu  Konrads  von  Würzburg  Trojanerkrieg  und  ihr  Verbältnii 


11 


245  „lutt  und  gros".  285  „von  wort  ze  wort  er  im  vorlas  und 
sagt  im  genzlich  alles  das".  326  „erkent  und  sieht"  (vergl. 
Troj.  11597,  11635).  VIII  184  „tobt  und  wuot"  (Troj.  8410 
u.  0.  formelhaft.  Wackernell  zu  Montfort  3,  81).  243  „zuckt 
und  beraubt".  279  „mächtig  und  auch  reich".  293  „mit  ganzen 
trewen  oun  gevar.  „314  „sinundmuot"  (formelhaft).  358  „trew 
und  on  gefär".  421  „gar  haimlich  und  gar  leise".  459  „genzlich 
gar"  (Wolff  zur  Birne  501 ).  IX  68  „das  im  vergieng  des 
Hechtes  schein,  das  er  ain  weil  nit  ensach".  112  „sorg  und 
unruo".  X  24  „behend  und  nit  las".  64  „dem  mag  des  nicht 
werden  ratt  und  wirt  im  auch  nicht  anders  buos".  XI  4  „mit 
listen  und  mit  gscheider  Icr".  45  „das  zehalten  und  bestaun 
darbei".  133  „ungefüg  und  gros".  242  „mass  und  auch  weis". 
300  weines  vol  und  gar  trunken".  405  „gar  taugenlich  und 
verholn".     495  „schrai  und  luot".     508  „erfaren  und  spehen". 

XII  156  „getrew  und  gewär".  255  „michel  unde  gros".  (Troj. 
13665.  13921.  37611.  1772,  formelhaft).  258  „streit  und  kämpf". 

XIII  89  „frisch  und  stark".  126  „gefüg  und  ciain".  268  „kunst 
und  sin".     300   „in  jamers   pein   und   darzuo  in   ungemach". 

XIV  12  „kumers  vil  und  aribait".  358  „cluog  und  weise". 
398  „weis  noch  sin".  449  „kumer  und  auch  schmerzen". 
515  „getreulich  oun  argen  list".  562  „si  was  uachett  worden 
tumb  und  von  iren  sinnen  komen".  706  „unverschult  und  oun 
gevär".  715  „das  valsch  was  und  auch  erlogen".  743  „one 
zweifei  und  fiirwar".  753  „pein  und  swär".  XVI  22  „pein  und 
ser".  24  „hälich  und  mit  stillem  sitten".  212  „laug  und  pauch". 
221  „grein  und  wain".  246  „bös  und  fraissam".  265  „tuget 
und  frumkait"  (formelhaft).  352  „entran  er  und  engieng". 
664  „laug  und  huot".  725  „schmal  und  ciain".  XVII  121  „lieb 
und  auch  min".  148  „ring  und  ciain".  XVIII  29  „pös  und 
faig".  31  cluog  und  auch  gerad".  XIX  42  „wun  und  fröud" 
(Parton.  8514.  Joseph  S.  51  f.  formelhaft).  150  „slisslich  und 
auch  schon".    XX  30  „valsch  und  tumb".     34  „gevärlich  und 

Ißh*.  XXI  50  „in  der  truobsal  und  in  ungemach*'.   79  „rauch 

XXII  3  „den  fürsatz  und   den   wan".     11   „nutz 

»i2   „bestett  und  vest".     XXIII  32    „fraidig  und 


»n  krieg  und  one  widerstreben".     101  „kup- 
l  „zwaiung  und  stoss".  161  „des  graven 


12 

gnade  und  sein  Imlt^  (formelhaft).  XXIV  1  ^die  schälk  und 
auch  die  läcker^.  2  „unmär  und  widerzäm^.  87  „läufSg  und 
gescheidt^  XXV  10  „zeit  und  frist".  98  „dar  und  fein«. 
209  „erkent  und  sieht«.  238  „käuschikeit  und  raines  leben«. 
240  „lust  und  süssigkeit«.  XXVI  7  „strass  und  steg«  (Jäckel 
S.  13).  14  „milt  und  lind«.  XXVII  3  „grundlos  (zu  Kistener 
340)  und  oun  endes  zil«  (QF.  54,  36).  4  „nicht  maint  noch 
wil«.  26  „die  da  lebent  wider  got  und  nicht  behaltent  sein 
gepot".  47  „mit  tugent  und  mit  lautterkait«.  62  „reich  und 
mächtig«.  109  „rat  und  1er«  (formelhaft,  Burdach,  Reinmar 
und  Walther  28  f.).  112  „lieb  und  zart«  (zu  Kistener  259). 
Manche  von  diesen  Stellen  liefern  schon  zugleich  Bei- 
spiele des  bei  Eonrad  ausserordentlich  beliebten  gepaarten 
Ausdrucks. 

Kaufringer  schwelgt  wie  Konrad  (QF.  54,  28  f.)  in  Aus- 
di-ttcken  des  Affektes.  Z.  B.  XIV  274  f.  hat  die  Königin  „laid, 
zorn,  grossen  unmuot";  281  „swär";  285  „grosse  not« ;  368 
„angst,  not«;  372  „kain  ruo«;  444  „jamers  dol«;  446  „grosse 
clag«;  449  „kumer  und  auch  schmerzen«  ;  452  „jamers  pflicht«; 
558  „pein";  559  „ungemach«;  582  „betrübten  sin" ;  583  „herzen 
lait« ;  560  „grosser  laid  ir  nie  geschach ;  si  gieng  in  der  kamer 
umb,  si  was  nachett  worden  tumb  und  von  iren  sinnen  konien«. 

Konradischer  Sprachreichtum  zeigt  sich  auch  in  mannig- 
faltig wechselnder  Bezeichnung  der  Personen.  Kistener  S.  23  f. 
So  heisst  dieselbe  Persönlichkeit  IV  77  „der  edel  kOnk« ;  84  „der 
edel  künik  reich«  ;  90  „der  edle  herre** ;  92  „jlingling« ;  115  „der 
jung  küng«;  144,  395  „fttrste«;  148,  431,  462  „der  künig«  ; 
184  „der  junge  künig  wolgetan" ;  199  „der  junge  man«;  220, 
243,  248,  262,  273,  276  „der  herre«;  238  „der  Student«;  282, 
289  „der  gast« ;  295  „der  werde  gast« ;  314  „der  gast  wolge- 
tan«;  333  „lieber  gast";  356  „der  gast  lobesam" ;  397  „der 
fürste  hochgeporen« ;  400  „der  edel  künig  guot«.  Ebenso 
mannigfache  Bezeichnung  trägt  der  junge  Ritter  V  13.  33. 
83.  97.  151.  188.  234.  270.  271.  335.  353.  364.  371. 
377.  386.  418.  493.  515.  531.  565.  576.  602.  646.  753 
(fast  dieselbe  Liste  gibt  Jäckel  S.  9  für  den  Ritter  von  Staufen- 
berg.  Wolff  S.  XXXIHf.);  die  Rittersfrau  VI  28.  29.  32.  62. 
58.   84.  97.   116.   137.   150.    202.    208.    217.    282  (auch  Mer 


13 


isl  ilas  Vorfall leii  Egeiiulfs,  Jäckel  S.  9f.  zu  vergleiclieii) ;  die 
Mülleiiii  XVII  1,  8.  13.  16  (75).  85.  69.  {93).  122.  151.  174. 
183.  216,  und  im  letzten  Gedicht  lehit  ein  Vergleich  mit  der 
Quelle,  dem  S.  IX ff.  der  Ausgabe  abgedruckten  Traktat,  dass 
der  Dichter,  die  beiden  eingeklammerten  Stellen  ausgenommen, 
thatsächlich  dieses  Kuustmittel  selbständig  zur  Belebung  und 
Veranschaulichung  von  dem  Seinigen  hinzugefllgt  hat. 

Schon  oben  zeigten  sich  die  synonymen  Wendungen  oft  als 
gepaarte  Ausdrücke ,  deren  ausserordentliche  Häufigkeit  und 
Regelmässigkeit  für  Konrad  cliaiakter istisch  sind.  Kistener 
S.  24.  Hunderte  von  Belegen  dieser  Art  lassen  Kaufringer  be- 
sonders in  der  Zeit  seiner  ausgebildeten  Technik  als  Anhänger 
desselben  Stilpriuci|)s  erkennen.  Es  genügt  flir  einpaarigen 
Ausdruck  aus  dem  ersten  Gedichte  anzufüliren :  I  7  „der  mensch- 
lich sin  mag  greiffen  nicht  —  und  mag  sein  niemand  zende 
komen".  47  „frum  und  reich,"  99  ,,zierlich  und  auch  dar". 
137  ,tugeothaft  und  reich".  242  „die  hohen  steg  ^  und  die 
herten  tritt".  269  ,,mit  bosshait  —  und  mit  hcrzenlait".  336 
„die  wunder  und  den  ungemach".  365  „den  meinen  zom  Über 
das  selbig  kiud  verhengt  und  mit  dem  scharpfen  tod  gesprengt". 
443  „sich  huob  zuo  got  und  verschwand".  Der  Versanfang  mit 
,,sich  Iiuop"  ist  bei  Konrad  sehr  beliebt.  Jäcket  S,  91.  Doppel- 
paarige Ausdrücke  sind;  111503  ,,haimlich  und  auch  offenbar, 
mit  Worten  und  mit  werken  gar"  {vergl.  „stille  und  offenbar". 
Jäckel  S.  14,  formelhaft).  IV  305  „si  begerten  weder  trank 
noch  speis,  si  heten  weder  pärd  noch  weis".  VII  21  „frü  und 
spatt,  oft  und  dick"  (formelhaft).  XIV  19  „keusch  und  frum, 
vein  und  zart".  (Jäckel  S,  14 ;  Klitscher  S.  52).  Vier  Paare 
XIX  120f.  und  XXIII  I90f. 

Ganze  Ketten  von  Ausdrücken  verdanken  dieser  Vorliebe 
für  Parallelismus   ihre  Entstehung:  V  5  ,,die    in  mit  ganzen 
trewen  maint  und  sich  zuo  im  so  veraint,  das  alles  se 
guot  besorget  ist  und  wol    behnot".     27  ,,ain  alt 
und  milt,  der  hett  oft  sper  unde  Schild  zerpro' 
ritten".     Vin   18  „der  hett  gros  wird  an 
und  hochgemuot  uud  was  von  geslächt  ga 
und  tugentlich  und  darzuo  gar  erentric 
schön  und  züchtig  wat«,  ainfältig  und  ta% 


14 

list  hol,  darzuo  trew  oun  all  gevär.  all  bosshait  waren  Ir 
unmär.  si  was  kluog  und  minnecleich  und  darzuo  des  guotes 
reich."  Dreigliedriges  Asyndeton,  das  nach  Konrads  Art 
(Jäckel  S.  15;  Klitscher  S.  52 f.)  den  Vers  fUllt,  begegnet: 
I  64  „der  wirt,  die  fraw,  das  ingesind".  V  404  „harpfen, 
geigen,  singen".    Ein  Asyndeton   von  6  Wörtern  bietet  XIII 

138,  ein  achtgliedriges  Troj.  47  267  f.  Natürlich  fehlen  auch 
bei  Kaufringer  die  formelhaften  gepaarten  Ausdrücke  nicht, 
wie  „nacht  unde  tag" ,  168  (Jäckel  S.  13);  „beide  an  leib  und 
an  guot",  I  79  (Jäckel  S.  12;  Klitscher  S.  40 f.);  „ritter  und 
knecht",  III  33  (Jäckel  S.  12);  „arm  und  reich*',  IV  46 
(Jäckel  S.  12);  „frainden  unde  magen",  IV  298  (Jäckel  S.  11); 
„an  eren  und  an  guot"  (Jäckel  S.  13)  u.  s.  w.  —  dass  bei  Kauf- 
ringer die  Formeln  noch  mehr  entwickelt  sind  als  bei  Kourad, 
wird  sich  nachher  zeigen  — ;  ich  verzeichne  nur  die  wichtigsten 
AUitterationen  dieser  Art:  I  420  „beicht  und  buos",  IV  347  ,,der 
zinss  und  auch  der  zol",  II  246,  V  589  u.  o.  „leib  und  leben" 
(Jäckel  S.  12),  VI  100  u.  o.  „mit  wortten  noch  mit  werken", 
XI  58  „weder  ruo  noch  rast",  XII  218  u.  o.  „lieb  und  laid", 
XVI  184  „zeit  und  züg"  („zug  und  tag",  Bayerisches  Wörter- 
buch II*  1C98),  440  „guot  und  gelt",  XXIII  4  „schad  und 
schand",  44  „gälf  und  gibling".  Bei  diesem  Wortspiel  (ver- 
gleiche Buch  der  Rügen  229ff.  Suchenwirt  9,  192.  14,  90. 
Minne  Falkner  106,  7  und  Hätzlerin,  S.  202,  Vers  35)  wäre 
aber  im  Bayerischen  Wörterbuch  I«  868  auf  „kebln"  1216. 
1270  zu  verweisen  gewesen.    XXIII  64  „mort  und  main". 

Konradische  Breite  der  Darstellung  zeigt  sich  weniger  in 
Schilderung  und  Reden,  welche  der  Dichter  dem  mehr  volks- 
massigen  Charakter  seiner  Kunst  entsprechend  hinter  die  Hand- 
lung zurücktreten  lässt,  als  in  massenhaften  Wiederholungen, 
selbst  innerhalb  desselben  Gedichts.  Die  eigentlichen  Formeln 
und  die  in  verschiedenen  Stücken  wiederkehrenden  Verse  und 
Wendungen  sind  der  Konkordanz  überwiesen.  Vergleiche  I  9 
mit  19,  31;  166  mit  286;  182  f.  mit  307  f.;  II  262  mit  270; 
m  66  mit  99;  224  mit  243;  263  mit  293,  333,  421,  429,  440; 
284  f.  mit  379  f.,  413f.,  525  f.  IV  25  mit  54;  61  mit  99,  123, 

139,  365,  383;  97  mit  138;  292  mit  301  f.;  119  mit  326;  204 f. 
mit  339;    154  ff.  mit  369  ff;  V  2  mit  3  (Klitscher  S.   42flf.); 


15 


42  mit  146,  198,  231;  165  mit  171,  451,  457;  344  mit  346 
(Kutscher  S.  42  ff.);  397  f.  mit  401;  183  mit  465;  205  mit  241, 
467,  619;  219 f.  mit  472 f.;  VI  211  f.  mit  Wiederholung  des- 
selben Wortes  „da"s  vergl.  XX  81.  82,  XII  364  f.,  IH  700  f., 
IV  42  f.,  XIV  45  ff.,  203  ff.  0. 

Der  Technik  Eonrads,  insbesondere  aber  seiner  Nachahmer, 
entspricht  ferner  das  Hervortreten  subjektiver  Elemente  in  be- 
häbigen Phrasen,  Beteuerungen  und  Flickversen.  Das  meiste 
derart  ist  formelhaft.  QF.  54,  31  f.  Klitscher  S.  60  ff. 
Wolff  zur  Birne  S.  XXXVIII.  Jäckel  S.  22  f.  Kistener  S.  24. 
Bei  Kaufringer  artet  dies  Verfahren  nach  Ausweis  der  Kon- 
kordanz zur  Manier  aus :  I  10  „als  ich  —  han  vernomen  (Aus- 
gabe S.  Vf.  Klitscher  S.  61.  Wolff  zur  Birne  340.  Jäckel 
S.  22),  15  „von  dem  die  red  ist  angefangen**  (Jäckel  S.  76), 
88  „für  war  will  ich  das  sagen"  (Jäckel  S.  23,  79;  Buch  der 
Rügen  928),  151  „als  ich  ew  nun  will  sagen"  (Wolff  zur  Birne 
S.  98),  287  „als  ir  das  vor  habt  vernomen"  (Klitscher  S.  60. 
Wolff  zur  Birne  S.  158),  III  54  „für  war  ich  das  sprechen 
wil"  (vergl.  402,  Troj.  4824.  10050.  Seifried  Helbling  1,  643. 
2,  1328),  120  „seit  ich  die  warhait  sagen  sol"  (z.  B.  Heinrichs 
von  Freiberg  Tristan  4074;  vergl.  Seifr.  Helbling  6,  176.  1,  14. 
130.  4,  408.  15,  220.  336.  8,  214.  626.  7,  90;  Renner  6201. 
GA.  5,  328.  Sibotes  Frauenzucht  9,  öfter  bei  Suchenwirt. 
Neithart  Fuchs  1161),  470  „als  ir  nun  schier  wert  gewar" 
(vergl.  XIII  252.  246),  685  „das  gefeilt  mir  wol",  722  „das 
ratt  ich  auf  die  trewe  mein"  (Troj.  18290;  Helmbrecht  504; 
Jäckel  S.  26;  Buch  der  Rügen  312.  1046;  Seifried  Helbling 
8,  466),  V  379  „was  („Uns"  ist  Druckfehler)  sol  ich  nun  sagen 
mer"  (Ausgabe  S.  IV;  Jäckel  S.  23;  Klitscher  S.  61  f.,  GA. 
18,   1657;  Seifr.  Helbling  7,  578.  1206),  V  766  „hie  mit  die 


')  Schon  der  Stricker  hat,  nach  nnserm  Stilgefühl  lästige  Wiederholangen. 
Bartsch  zu  Karl  11521.    Lambel  za  Amis  288.    Jensen,  Über  den  Strlek 
S.  92  ff.    Ebenso  der  Fortsetzer  des  Trojanerkriegs  (Rutscher  S.  14),  Bg« 
(Jäckel  S.  17  ff.),  Kistener  (S.24),  GA.  18,  330,  334;  hier  Formeln:  978, 
1000,   1016,   vieles  wie  bei  Kaufringer;    Heinrich  Teichner,  ^^ 
Vers  80  ff.    Am  schlimmsten  der  Bttheler,  Diocletian  209B  f 
Kaufringer  vergl.  noch  VI  If.  259  f.  XIV  544,  663,  787  i 
49.  XVII  122,  133,  181.  XXin  75,  87.    XXV  108,  118. 


16 

rede  endet  sich"  (Ausgabe  S.  IV;  Jäckel  S.  73),  XIII  516 
„damit  die  red  ain  ende  hatt**  (Staufenb.  1165,  Teufelsacht 
324,  Seifr.  Helbling  7,  692),  VI  22  „als  man  davon  list",  XVII 
2  „von  der  vind  ich  geschriben  das"  (Wolff  zur  Birne  2; 
Kh'tscher  S.  61;  Jäckel  S.  22),  VII  18  „die  (red)  will  ich 
nu  vahen  an",  372  „das  ist  war  und  nit  ain  mär"  (buchstäblich : 
IX  262  =  X  90  =  Troj.  41284  =  45212;  vergl.  7642;  auch 
Teichner  in  der  Berliner  Hs.  564,  Blatt  130  b),  VIII  57  ,,man 
sagt  von  ir  auch  für  war",  XI  150  „nun  mugt  ir  geren  hören 
das"  (Wolflf  zur  Birne  84),  281  „damit  lass  wir  es  guot  sein", 
398  „wir  sullen  in  da  lassen  staun  (XIV  418);  wir  stillen  lenger 
nicht  gedagen"  (zu  Kistener  60,  QF.  77,  160;  Konrad  schliesst 
sich  ein:  Klitscher  S.  62),  XIII  119  „nun  merkent,  wie  es 
darnach  gieng"  (XV  20,  Wolflf  zur  Birne  84),  246  „und  von  dem 
ritter  lobesan  wil  ich  nun  sagen  ftirebas"  (Kutscher  S.  62), 
XIV  8  „wisst  für  war"  (XVI  35;  Wolflf  zur  Birne  84),  XVI 
216  „als  ich  ew  sag",  278  „als  ich  ew  bettit",  288  „als  man 
list",  289  „als  ich  ew  ktind",  292  „als  ich  sag",  345  „als  ich 
haun  gesprochen  vor",  491  „als  ir  hapt  vernomen"  (Klit45cher 
S.  60  flf.;  Jäckel  S.  23),  XVIII  22  „ich  sprich  von  rechter 
warhait",  195  „davon  sprich  ich  das  fürwar",  55  „ich  han  das 
gehört  fürwar",  XXIII  54  „wir  hören  oft  sagen  und  lesen'* 
(Klitscher  S.  61),  XXIV  10  „nun  sullent  ir  des  nemen  war", 
84  „von  den  kan  ich  nicht  anders  schreiben",  XXV  38  „davon 
ich  als  lis  und  schreib",  XXVI  52  „als  ich  beschaid"  (zu  Kis- 
tener 108;  Renner  825),  82  „als  man  schreibt",  157  „das  ist 
war"  (Troj.  41822),  XXVII  12  „als  ich  nu  meld",  65  „nun 
sult  ir  merken  eben  und  schier".  Prolog  und  Epilog  der  No- 
vellen sind  fast  immer  persönlich  gehalten;  dass  die  morali- 
sierenden Sprüche  eine  andere  Technik  bedingen,  ist  selbst- 
verständlich.    . 

In  der  häufigen  Verwendung  und  Art  der  oft  stehenden 
Epitheta  schliesst  sich  Kaufringer  zunächst  wieder  Konrad  von 
Würzburg  an.  Zu  verzeichnen  sind  hier  diejenigen  Epitheta, 
die  beide  Dichter  gemein  haben:  alt,  arm,  auserkoren,  pitter, 
böse,  edel,  faig,  fein,  fräudenreich ,  frei,  frisch,  fro,  fram, 
fruot,  ganz,  geheur,  gemait,  getrew,  glänz,  grimm,  grob,  gross, 
guot,  hailig,  hart,  hoch,  hochgeborn,  hochgemuot,  hold,  hQpsch, 


17 


jämerlich,  junc,  kalt,  klain,  klar,  kluog,  köstlich,  lang,  lieb, 
Hecht,  lind,  lobesam,  manicfalt,  michel,  milt,  minneclich,  öde, 
rain,  recht,  reich,  ritterlich,  rot,  sälig,  sauer,  scharpf,  schön, 
streng,  senend,  stark,  stät,  stolz,  sttess,  tief,  traut,  tugenthaf t,  tumb, 
ungefüg,  ungeheur,  ungemuot,  weise,  weiss,  weit,  wert,  wol- 
behuot,  wolgestalt,  wolgetan,  wuniclich,  zart.  Der  Dichter 
verfügt  über  mehr  als  anderthalb  Hundert  Epitheta,  die  er 
zum  Teil  seinen  Quellen,  sowie  der  didaktischen  und  volks- 
mässigen  Poesie ,  zum  grösseren  Teil  der  Kunsttradition  der  er- 
zählenden Epik  verdankt.  Und  zwar  sind  auch  bei  Eaufringer 
die  Lieblingsausdrttcke  Konrads:  wert,  lobesam,  schön,  zart, 
fein,  siiesse,  stolz,  rot,  rein,  lieb,  hochgemuot,  guot,  ganz, 
gemeit,  frum,  edel,  klar,  am  häufigsten.  Für  das  kleine  Werk 
Egenolfs  hat  Jäckel  S.  93  fr.  das  ähnliche  Verhältnis  aus- 
führlich nachgewiesen.  Hier  wird  bei  der  Fülle  und  Belang- 
losigkeit des  Materials  auf  vollständigen  Abdruck  der  gesam- 
melten Stellen  verzichtet  und  nur  angegeben,  wo  sich  die  ge- 
nannten Epitheta  bei  Konrad  oder  seinen  Schülern  auch  in  der- 
selben Verbindung  verwendet  finden.  „Mit  ritterlicher  wer" 
XIV  387  =Troj.  25  256.  35  258.  —  „allerschönste  weib"  VI 
29  =  Stauf.  295 ;  Jäckel  S.  35.  —  „frawe  dar"  XIV  623.  Jäckel 
S.  37".  —  „edel  frawe  fein"  V  214  ebenda.—  „ritter  edel"  V  184 
ebenda.  —  „sorgen  frei"  IV  154.  Jäckel  S.  40.  —  „ward  (was) 
der  rede  (kunft)  fro"  1 168.  Vm  479.  -Jäckel  S.  41.  —  „ritter 
frum"  V  322.  493  u.  sehr  oft.  Jäckel  S.  42.  —  „ganze  trew** 
XVI  1  u.  0.  «ganz"  bei  Abstrakten  Jäckel  S.  42.  —  „gehiur" 
als  schmückendes  Beiwort  im  Reim  VIH  310.  Wolff  zur  Birne  48. 
—  „gemait"  immer  im  ;Reim  (Wolflf  zur  Birne  69)  von  Frauen 
(zur  Birne  88)  V  106.  570.  VI  137.  X  103.  XIII  434.  XIV  168. 
254.  454.  —  „guot  und  glänz"  VI  146.  Troj.  275  „lüter  unde 
glänz".  1614  „edele  unde  glänz".  Nicht  nur  Heinrich  von  Frei- 
bei'g  verwendet  „glänz''  als  Lieblingswort  (Bechstein  zum  Trist. 
Heinrichs  2523),  sondern  auch  Konrad  hat  es  nicht  selten. 
Troj.  1634.  1887.  8193.  9343.  9529.  10056.  —  ,v 
132.  305.  433.  Jäckel  S.  45.  —  „ritter  gac 
530.  Jäckel  S.  45  f.  —  „ritter  her*  V  dSß 
„ritter  hochgemuot"  V  13.  XUI  182.  ^ 
Birne  470.  —  „holdes  herze  tru 

Eullng,  Heinrich  KaoMiiffer. 


18 

IX  7.    X  4.  Troj.  21590.    (48575.    49341.)  —  Junge   man" 

V  50.  83.  Jäckel  S.  48.  —  ,frawe  cluog'  VU  9.  VHI  225. 
Xm  90.  XV  3.  Jäckel  S.  49.  —  Jieb"  ist  in  der  Anrede  formel- 
haft wie  bei  Konrad:  Jäckel  S.  50.  Z.  B.  I  229.  334.  II  230. 
III  187.  357.  V  45.  145.  167.  189.  247.  318.  453.  615.  621. 
669.  725.  733.  u.  s.  w.  —  „mein  lieber  man"  Vm  221.  XV  79. 
Jäckel  S.  50.  —  ,liechte  morgen«  I  82.  XIV  100.  Troj.  11880. 
„Hechte  sann"  V  259.  Engelhard  2604.  —  „lind  und  süss"  XXIV  51. 
Parton.  18982.  —  „ritter  lobesam"  V84.  234.  XIII 246. 462.  Jäckel 
S.  51.  —  „michel  unde  gros"  s.  oben.  —  „frawe  mineclich"  II 247. 
Jäckel  S.  53.  —  „ritter  milt"  V.  27.  Jäckel  S.  52.  —  „ain 
rechter  lantfarer"  VI  46.  Engelhard  2830.  Stanf  608.  —  „raine 
frawe"  VI  58.  97.  VII  156.  VIU  478.  XIV  617.  „raine  weib" 
V 196.  VI  43.  XII 310.  XVH 13.  89.  Jäckel  S.  54.  —  „roter  mund" 
(„mundlin")  VI  40.  XIII  377.  XV  99.  Jäckel  S.  55.  Jänicke 
zu  Stauf.  376  (4);  wird  bei  Teichner  und  Suchenwirt  formel- 
haft; ADB  37,  779  „ein  lyrisches  Motiv"  genannt.  —  „sälig" 
von  Personen  (Wolff  zur  Birne  498)  111.  156.  n  265.  VIII 29.  — 
„frawe  schön"  V  148.  VIII  180  u.  o.  „schönes  weib"  IV  183. 
u.  ö.  Jäckel  S.  56.  —  „stolze  ritter"  V  462.  VI  45.  „stolzer 
leip"  XI  238.  XIV  177.  208.  333.  XVIII  82.  Jäckel  S  57.  — 
„süssen  rainne"  IV  35.   223.  Jäckel  S.  57.  —  ■  „ritter  auserwelt" 

V  353.  Troj.  296.  Wolff  zur  Bime  44.  ~  „das  faige  weib" 
XI  449.  Haupt  zu  Engelhard  3238.  —  „frawe  fein"  V  214. 
242.  577.  636.  VII  192.  IX  33.  38.  XII  121.  XV  28.  Jäckel 
S.  59.  —  „ritter  wert",  „werde  ritter"  V  188.  255.  342.  493. 
XIII  462.  „werde  gast"  IV  295.  V  641.  VII  373.  VIII 
123.  XV  82.  Jäckel  S.  60  f  —  „als  ain  weiser  man"  IV  268. 
Troj.  18220  „alsam  der  wise  man".  Jäckel  S.  62.  —  „wol- 
getan"  immer  unflektiert  dem  Substantiv  nachgestellt,  wie  bei 
Konrad  (Wolfif  zur  Birne  102)  am  häufigsten:  I  22.  90.  322. 
II  160.  III  442.  560.  698.  IV  92.  184.  314.  V  310.  640.  758. 
VI  28.  84.  116.  153.  VII  158.  300.  VIII  87.  111.  130.  476. 
IX  21.  42.  XI  16.  XIII  488.  —  „frawe  zart"  V  106.  436. 
647.  IX  17.  XIV  261.  Jäckel  S.  64. 

Die  Breite  Konradischer  Umschreibungen  des  Begriffi" 
sich  bei  Kaufringer  teilweise  in  einer  Ausdehnung,  iaaf 
völligen  Manier  geworden  ist,  wie  die  unten    folget 


19 

merkungen  Über  frist,  pflicbt,  graus,  zil,  zeit,  stund,  schall,  und 
die  mit  oune  gebildeten  Ausdrücke  zeigen.  Ausser  diesen  mögen 
hier  folgende  Umschreibungen  verzeichnet  werden:  „von  art  ain 
künig«  IV  31.  Jäckel  S.  24.  -  mit  „sitten"   XI  326.    XHI  16. 
192.  497.  XIV  491.  (Wolff  zur  Birne  96.  Klitscher  S.  65.)  —  mit 
„schein"  VI19.  XIV  194.  XXIV  64.  XXV  80.  Joseph  S.  34. — 
mit  „weise"  I  92.  VIH  405.  XIH  31.  XVI  77.  (Troj.  42776. 
43482.)  —  „Wassers  fluot"   I  289.  408.  —  „wassers  (zistern) 
grund"  I  300.   XIV  362.  Joseph  S.  33.  —  „herzen  grund"  II 
236.   XI  184.   XVII  9  (Joseph  S.  35.  Troj.  4435).  —  „herzen 
gir"  IV  238.  V  174.  —  „herzen  ger"  XIII  382.  Jäckel  S.  24. 
Joseph    S.  37.  —  „minne    spil"   V  254.    VHI  414.    XI  268. 
XIII  226.   448.  Joseph  S.  34.  Jäckel  S.  24.  —  „fräudenspil" 
VIII  203.    (Troj.  37704.    44820.   49155.)   Sogar    „vastenspil" 
XVI  738,  wird  hiernach  gebildet  (vgl.  Troj.  26920.).  —  „von 
der  süssen  minne  strick"  IV  35.  Joseph  S.  35.  36.  Troj.  12 188. 
14664.  20149.  20336.  20687.  21320.  —  Jamers  pein"  I  404. 
II  60.  V  150.   VI  180.  240.   VII  34.  XHI  300.  (Troj.  38196. 
24514.    38754    „todes    pin".)  —    „jamers    sucht"     XII   288. 
(Troj.  48311    „tödes  sucht".)  —  Jamers    clag"   VIII  208.  — 
„jamers    not"    V    178.  —  „des   wassers  not"   I  301.  —  „des 
pittern  hungers  not"  XVII  68.  Joseph  S.  34.  —  „in  des  haiigen 
crüzes  pogen"    II  66.  —  „der  eren  krön"  V  524.  Zeitschrift 
für    deutsches   Altertum    34,    11.  —   „der   milte  krön"   VIU 
493.    Jäckel  S.  28.  —  „des  opfers  sold"  IX  387.    „reichtums 
und  gelückes  sold"  XXII  43.  „minne  sold"  XV  32.  Wolff  zur 
Birne  36.  —  „der  minne  zol"  XIII  148.  Jäckel  28f.  —  „mit 
des  starken  feures  räch"  XIV  732.  —  „mit  des  unrechten  ge- 
lauben  list"  XVI  603.  —  „umb  geltes  hört"  XX  170.  Joseph 
S.  34.  —  „mit  Weines  kraft"  XII 198.  Zeitschrift  fUr  deutsche 
Philologie  5,  91  ff.     „jamers   craft"    Troj.   37004.    Klitscher 
S.  65.   —  „der  sucht   mail"  XXV  21.  —  „der   Sünden   mail" 

xxvn  101. 

ümschreibangen  von  Personen  sind:   „alle  roten  münde*' 

1413.  40305.  —  mit  „herz"  III 132.  186. 
•»  '•     '  db"  XI  288.   XIX  83. 

.  —  Verba  werden 
?4.   195.   VII  708. 

2* 


20 

XVI  140.  XXII  9.  Jäckel  S.  27.  —  „ze  wissen  taon"  II  149. 
240.  V  238.  vergl.  III  180.  IV  229.  —  „bekant  (kunt)  tuon 
(werden)"  II  231.  IV  249.  V  44.  VII  301.  Klitscher  S.  65.  — 
„ze  (in)  buosse  stan"  II  232.  II  658.  498.  XVI  261.  „bei 
fräuden  stan*'  XIV  221.  „in  truren  (trurig)  stan"  XIV  221. 
XIV  330.  —  „ze  herberg  was"  VII  24. 

Während  sich  der  metaphorische  Ausdruck  noch  durchweg 
an  Konrads  Kunst  anlehnt,  sind  Konradische  Vergleiche  bei 
unserm  Dichter  nicht  häufig.  Der  Grund  dafür  liegt  in  der 
Volksmässigkeit  der  Kaufringei*schen  Kunst,  die  in  andren 
Kreisen  ihr  Publikum  fand,  als  die  geglättete  Zierlichkeit  des 
älteren  Modedichters.  Nur  Folgendes  lässt  sich  als  Konradisch 
ansprechen:  „enztindet  von  der  minne  gluot  ward  ir  sendes 
herze  gar.  —  das  er  von  ir  ward  sere  wunt  mit  der  süssen 
minne  stral".  IV  218ff.  „enzündet  ward  das  herze  sein,  der 
minne  straul  ward  auch  darein  geschossen  ze  derselben  stunt, 
das  er  ward  vil  sere  wunt".   VI  107  ff. 

Antithesen,  die  etwas  kunstvoll  versteckt,  feinsinnige  Auf- 
merksamkeit des  Hörers  oder  Lesers  fordern,  sind  selten;  z.  B. 
IX  64.  „von  sorgen  ward  er  fräuden  lär".  Q.F.  54,  43.  19. 
III  346  f.  398.  Vm  45  f.  Kaufringer  hilft  der  Fassungskraft 
seines  Publikums  sonst  kräftig  nach:  III  622  „mein  ros  was 
weis  und  nicht  ain  tor".  VII  372  ff.  VIII  27.  X  24.  XII  280. 
XIII  423.  Martin  zur  Moerin  4029.  Bechstein  zu  Heinrichs 
von  Freiberg  Tristan  1878.  Antithesen  mit  „hin-her,  her-hin" 
sind  wie  bei  Konrad  (zu  Kistener  597)  beliebt.  I  182.  308. 
n  36.  V  273.  380.  VII  88.  VIII  44.  272.  328.  390.  X  26. 
XI 492.  528.  XIV  39.  170.  183.  581.  630.  XV  39.  XXI 102. 
XXIII  19.  „auf-ab**  VII  20.  XII  259.  „auf-nider"  IV  58. 
VII  60.  176.  „ein -aus"  II  42.  „baide  in  freuntschaft  und  in 
zorn"  XVIII 153;  zuI395  „krumb  oder  siecht" :  Meyer  zur  Jolande 
680.  „ernst  -  schimpf "  III  124.  „die  weit  noch  got"  III  58. 
„got  und  die  weit"  III  152.  „wol  oder  übel"  VI  232.  „guot 
oder  pein"  VIII  7. 

In  der  zu  formelhafter  Manier  ausgebildeten  Antiphasis 
konnte  der  Dichter  wieder  zunächst  von  Konrad  ausgehen. 
Jäckel  S.  29.  Klitscher  S.  66.  Sie  verwendet  „lassen"  III 248. 
644.    V  502.  Vn  116.   346.   VIII  222.  IX  56.   132.   Xn  243. 


21 


XIII  284.  297.  474.  XIV  352.  513.  XXVI  63.  „erlan" 
VI  262.  „beiten"  III  396.  XIII  130.  XIV  138.  XVI  104. 
XXIII  156.  „lassen  und  beiten**  IV  258 ff.  „beiten  und 
sparn'*  XVI  94 ff.  „sparn*'  III  357.  IV  82.  204.  V  420.  486. 
648.  XI  12.  522.  XIII  230.  „verdriessen"  VHI  92.  „säumen" 
1 84.  IX  139.  „enthalten"  XIV  642.  „entbern"  XIV  344.  „über- 
heben" III  617.    „nit  rast  haben"  XI  306. 

Voranstehende  Satzteile  werden,  wie  bei  Konrad  (Jäckel 
S.  33),  gern  durch  das  Pronomen  wieder  aufgenommen.  I  236. 
239.  II  32.  III  71.  147.  XII  66.  XIV  481.  XVI  75.  Roethe, 
Reinmar  von  Zweter  294.  Wenn  Kaufringer  so  häufig  (I  245. 
II  62.  116.  ni  416.  680.  IV  370.  427.  454.  V  147.  580. 
623.  709.  VI  260.  VH  172.  236.  258.  310.  VIII  231.  XI  90. 
XIII  110,  XIV  737.  XV  27.  XVI  73)  mitten  im  Verse  den 
Satz  schliesst,  hatte  ihm  schon  der  Fortsetzer  des  Trojanerkriegs 
das  Vorbild  gegeben.  Klitscher  S.  59.  Mit  diesem  teilt  er  den 
Mangel  an  Detailmalerei  (S.  56)  und  an  Feingefühl  bei  Wieder- 
kehr desselben  Reimwortes  (IV  15  ff.  Klitscher  S.  50.  I  79. 
II  285.  IV  8.  424.  XI  492.  XII  220.  XIV  131.  XVI  68. 
82.  XVIII  153.  XXII  34.  XXIV  66.  XXVII  90.  132.),  mit 
Egenolf  den  Verzug  kürzerer  Reden  (Jäckel  S.  16.).  ;,baide 
und"  wird  nicht  nur  gern,  sondern  auch  wie  beim  Fortsetzer 
des  Trojanerkriegs  bei  mehr  als  zwei  Worten  (Hitscher  S.  41) 
gebraucht:  „baide  jung,  alt,  gros  und  dein"  XI  504.  Das  Ge- 
fühl für  syntaktischen  Parallelismus  ist  bei  Kaufringer,  wie 
schon  bei  dem  Fortsetzer  des  Trojanerkriegs,  im  Schwinden 
begriffen.  Ich  verzeichne  nur  als  Verstösse  dagegen:  ÜI  461. 
472.  534.  IV  307.  359.  381.  415.  V  7.  37.  66.  91.  140. 
689.  732.  744.  VI  143.  204.  VIII  18.  119.  (422.)  XII  258. 
Die  moralisierenden  Sprüche  stehen  noch  unter  dem  Einfluss 
Heinrich  Teichners  und  kommen  eigentlich  für  Konrads  Technik 
nicht  in  Betracht.  Im  allgemeinen  aber  ist  der  Parallelismus 
auch  noch  bei  unserm  Dichter  in  seinen  reiferen  Dichtungen 
Stilprincip.  Vergl.  Kistener  S.  25,  und  im  allgemeinen  Meyer, 
Die  altgermanische  Poesie  S.  249  ff. 

Schliesslich  stelle  ich  folgende  Parallelen  zusammen.  Buch- 
stäbliche Entsprechungen  mit  unsern  gereinigten  Texten  der 
Werke   Konrads  und  seiner  Nachahmer  sind  natürlich  kai 


22 


mehr  möglich,  weil  man  am  Ende  des  XIV.  Jahrhunderts  fast 
nur  vielfach  entstellte  und  modificierte  Texte  besass  und  die 
Sprachentwicklung  die  Wortkörper  geändert  hatte.  Wörtlich 
sind  Kaufringer  IX  262=Troj.  41284.  45212,  aber  formelhaft; 
m  722=Troj.  18290,  formelhaft;  mit  Füllung  des  Verses  durch 
„der  was"  Kaufringer  VI  46=Engelhard  2830=Stauf  608,  und 
V  31=Stauf.  165;  vergl.  Troj.  46681. 

Es  entsprechen  sich  die  —  aber  vielfach  formelhaften  — 
Verse:  I  31  Welt  Lohn  258.  —  I  82f.  Troj.  11880f.  — 
I  173  Troj.  22830.  —  I  200Troj.  25542.  —  1 249 f.  IV  2f.  Troj. 
49327f.— 1  277.  III  167.  V  723.  XIII  483  Troj.  41389.  44813. 
3471.  GA.  1,  381.  —  I  351  Engelhard  568;  zu  Kistener  154.  — 
I  447  Troj.  28508.  —  II  169  Troj.  10487.  —  IH  28  Troj.  302, 
—  m  333 f.  421  f.  Troj.  5082.  —  IV  82  Troj.  41752.  43976. 
44620.  —  IV  75  Troj.  7005.  13361.  31891.  u.  ö.  —  IV  97  Troj. 
24322  IV  422  Troj.  16317.  —  V  354  Troj.  4582.  —  V  549  Troj. 
46164.  46598.  46790.  —  V  737  Troj.  24276.  —  VI  23  Troj. 
19293.  — VII  239f.  Troj.42776.  — VIII 479 Troj.  18244.  20384. 
29633.  —  XI  253ff.  Troj.  17889 f.  —  XII 108  Troj.  21795.  — 
XII  290  Troj.  44345.  Vgl.  LS.  208,  36.  Buch  der  Rügen 
1522.  Rosenplüt, König  im  Bade  123.—  XIII 21  f.  Troj.  28115.  — 
Xin  516  Stauf.  1165.  —  XIV  135  Troj.  13883.  20786.  22528. 
43814.  46945.  —  XIV  205 f.  Troj.  7885.  —  XIV  218  Troj. 
31476.  -  XVII  133  Troj.  49225.  —  XXI  71  Troj.  3401. 

Wie  Konrad  Troj.  17  738  ff.  stellt  Kaufringer  VI  Iff.  „schad" 
und  „schädlin"  einander  gegenüber.  Zu  Grunde  liegt  ein  altes 
Sprichwort;  Formen  desselben  begegnen  bei  Schmeller,  Die 
Mundarten  Bayerns  (München  1821)  S.  509.  BWb.  II*  870. 
Zingerle,  Die  deutschen  Sprichwörter  S.  128.  Bezzenberger, 
Freidank  S.  241.  Dem  Gedanken  nach  sind  zu  vergleichen 
XIV  Iff.  und  Herzm.  327 f.  Stauf.  8 ff.  410ff.  GA  68,  690 ff.; 
IV  452  ff.  und  Troj.  17  738  ff. 

2. 
Verhältnis  zu  Heinrich  Teichner. 

Wie  Kaufringer  in  den  novellistischen  Erzählungen  von 
Konrads    Kunst  abhängt,   so  erkennt  man  in  den   geistlichen 


23 


und  den  moralisch-didaktischen  Dichtungen  den  entschiedenen 
Einfluss  Heinrich  Teichners. 

Es  liegt  in  der  Natur  der  Sache,  dass  auch  für  die  morali- 
sierenden Gedichte  Konradischer  Einfluss  nicht  ganz  ausge- 
schlossen ist  —  Spuren  finden  sich  freilich  kaum,  Kaufringer 
scheint  erst  später  sich  an  Konrads  Kunst  gebildet  zu  haben  — , 
und  dass  andrerseits  auch  die  Novellen  den  Einfluss  Heinrich 
Teichners  nicht  verläugnen.  Selbst  dieser  hat  sich  Einwirkungen 
Konradischer  Technik  ebenso  wenig  entzogen,  als  sein  Be- 
wunderer Suchenwirt;  z.  B.  kehrt  der  Konradische  Vers 
„gräfen,  frien,  dienestraan**  (Jäckel  S.  92)  mit  seinem  chai-akte- 
ristischen  dreigliedrigen  Asyndeton  bei  Teichner  (Karajan 
A.  286)  wieder.  Ausdrücke,  wie  „holdez  herze  tragen",  „schein 
tuon",  „rote  münde*',  „gewaltes  craft",  Antithesen  mit  „hin-her", 
„auf- ab"  u.  a.  begegnen  auch  bei  Teichner.  Aber  die  Mög- 
lichkeit, dass  Kaufringer  allein  durch  Vermittelung  Teichners 
zur  Kenntnis  Konradischer  Kunst  gelangt  sei,  wird  durch  die 
grossere  Ähnlichkeit  der  Kaufringerschen  Technik  mit  der 
Konrads  ausgeschlossen. 

Es  ist  bezeichnend,  dass  die  Kaufringerschen  Sprüche  der 
Berliner  Teichner-Handschrift  ganz  unbefangen  mitten  unter 
des  Meisters  Werke  gemischt  sind.  Wahrscheinlich  getäuscht 
durch  den  Teichnerschen  Eingang:  „Ainer  fraget  mich  der 
mär"  (Kaufringer  XVIII  1.  XXII  1.  Karajan  S.  52  u.  72) 
und  die  gleiche  Haltung  der  Kaufringerschen  Gedichte,  schrieb 
man  sie  mit  denen  des  älteren  Meisters  zusammen.  Übrigens 
zeichnet  sich  die  Handschrift  durch  Mangel  an  kritischer 
Sichtung  des  Inhalts  aus  und  gibt  selbst,  wie  sich  unten 
zeigen  wird,  dem  Mutwillen  eines  parodierenden  Schreibers 
Raum. 

Konrad  Müller  von  Öttingen  oder  schon  seine  Vorlage  will 
den  Gesamtinhalt  der  Handschrift  C  als  Teichners  Eigentum 
erscheinen  lassen,  wenn  er  dem  Bande  den  Titel  vorsetzt: 
„Hie  hebet  Sich  an  das  Register  dises  puochs,  das  saget  uon 
Sprüchen  gaistlich  vnd  weltlich,  die  gemachet  hatt  der  hofflich 
tichter  der  teychner".  Blatt  la.  Ein  Bild  des  Teichners  folgt 
Bl.  7  b.  Schon  in  Müllers  Vorlage  müssen  die  Dichtungen 
Kaufringers  unter  Teichners  Flagge  gesegelt  haben.     In    der 


24 

That  verdankt  Kaufringer  seinem  Muster  so  gut  wie  alles,  Idee 
und  Form  dieser  didaktischen  Sprüche. 

Der  König  vom  Odenwald  scheint  die  Gattung  der  ge- 
reimten lehrhaften  Rede  litteraturfähig  gemacht  zu  haben. 
Heinrich  Teichner  bildet  nicht  nur  die  Gattung  nach,  sondern 
hängt  auch  direkt  von  ihm  ab,  wenn  er  in  dem  Spruch  „Von 
den  Übeln  weyben"  (Berliner  Handschrift  564.  Nr.  80:  „Ach 
gott,  mau  leuttet  eim  Übeln  weib,  wenn  ir  sele  schaidt  von  dem 
leib"^)  genau  wie  der  König  vom  Odenwald  im  Spruch  „Von 
der  küewe"  (Germania  23,  292  ff.)  auffordert,  man  solle  eher 
einer  guten  Kuh  läuten,  diese  sei  besser  als  ein  solches  Weib. 
Ebenso  verfährt  Teichner  auch  dem  sogenannten  Seifried  Helb- 
ling  gegenüber.  Karajan  S.  26.  Seeraüller  zu  VIII  529.  722. 
Dass  der  König  vom  Odenwald  auch  sonst  nicht  ohne  Nachfolge 
geblieben  ist,  lehrt  der  Spruch  „Von  einem  zornigen  Weib"  im 
Spruchbuch  der  Hätzlerin  S.  219;  Vers  37  bis  68  entsprechen 
meist  wörtlich  dem  altern  Spruch  „Vom  Übeln  weibe"  (Ger- 
mania 23,  305.  Zeitschrift  für  Volkskunde  6,  296  und  8,  24) 
Vers  20  bis  48.  Unmittelbar  an  Heinrich  Teichner  knüpft  unser 
bayerischer  Dichter  in  seinen  5  Sprüchen  dieser  Gattung  (XIX, 
XXII,  XXIV,  XXV,  XXVII)  an.  Spruch  XVHI,  XX,  XXI 
und  XXIII  sind  Beispiele,  wofür  schon  der  Stricker  das  Vorbild 
gegeben  hatte  und  die  dann  auch  Heinrich  Teichner  (Karajan 
S.  67.  72)  seinen  didaktischen  Zwecken  dienstbar  macht. 
Spruch  XVI  ist  eine  Predigt  Bertholds  von  Regensburg,  XVII 
und  XXVI  versifizierte  mystische  Traktate.  Zu  allen  genannten 
Sprüchen  XVIII,  XX,  XXII— XXVII  sind  stofflich  Parallelen 
Heinrich  Teichners  zu  erbringen ;  in  keinem  entfernt  sich  Kauf- 
ringer aus  dem  Kreise  Teichnerscher  Anschauungen,  die  aber 
bei  Teichner  so  wenig  wie  bei  Kaufringer  subjektiv  zu  nennen 
sein  dürften  (Karajan  S.  40.),  sondern  meist  (was  Karajan  aller- 
dings ganz  übersehen  hat)  Gemeingut  der  damaligen  praktischen 
Mystik  und  Volksbildung  waren.  Kaufringer  handelt  im  XVIII. 
Sprach  von  bösen  Weibern,  Teichner  unterlässt  nirgends,  gegen 
sie  zu  Felde  zu  ziehen  (Karajan  S.  58  f),  vier  Sprüche  der 
Berliner  Handschrift  sind  allein  diesem  Lieblingsthema  gewidmet. 


')  Ich  setze  voraus,  dass  er  Teichner  gehört. 


25 

Vgl.  Nr.  78.  79  des  Cgm.  574,  wo  es  Blatt  83  b  heisst:  „wann  ez 
ist  aller  marter  vor,  wer  mit  Übeln  wiben  umbe  gat"  und 
Blatt  84a  „etlich  eltiu  wib  ich  kenn,  wann  man  si  rösten  soll 
und  brennen,  darzuo  trug  ich  gern  zuo".  Bächtold,  Deutsche 
Handschriften  75.  77.  Flucht  vor  der  Welt  (Kaufringer  XIX) 
empfiehlt  der  Teichner  in  Nr.  28  des  Cgm.  574  und  bei  Karajan 
S.  91.  70  f.  30.  LS.  Nr.  64.  208.  210.  Mit  dem  Verfall  des 
Gerichtswesens  (Kaufringer  XX)  hat  sich  der  Teichner  viel 
beschäftigt  (Karajan  S.  90  f.)  und  die  Fürsprecher,  wie  Kauf- 
ringer, besonders  behandelt.  Karajan  S.  82.  25.  Hatte  Teichner 
Cgm.  574  Nr.  4  vor  Aufschub  der  Busse,  Beharren  im  Bösen 
und  Unterlassung  der  guten  Werke  gewarnt,  so  untersucht 
Kaufringer  (XXII),  was  die  guten  Werke  nützen,  wenn  der 
Mensch  gesündigt  habe.  Vergl.  Karajan  S.  39.  Uneinigkeit 
der  Stände  beklagt  Kaufringer  (XXIII)  wie  Teichner  (Karajan 
S.  69).  Die  Hofleute  und  Streber  werden  von  beiden  gehasst. 
Kaufringer  XXIV,  Teichner  bei  Karajan  S.  69.  81.  82.  Die 
Todsünden,  welche  Kaufringer  Stoff  zum  XXV.  Gedichte  boten, 
werden  von  Teichner  öfter  behandelt.  Cgm.  574,  Nr.  50.  51. 
64.  Karajan  an  vielen  Stellen.  Seemüller  zu  Seifried  Helbling 
VII  144flF.  Das  Leiden  steht  im  Vordergrund  der  praktisch- 
mystischen Frömmigkeit  bei  Kauf ringer  (XXVI),  wie  bei  Teichner 
(Cgm.  574,  Nr.  70.  Karajan  S.  37.  73).  Auch  der  letzte  Spruch 
Kaufringers  von  den  vier  Töchtern  Gottes  hat  sein  Seitenstück 
unter  Teichners  Gedichten  Cgb.  564.  Nr.  8:  „Wie  gottes  suon  die 
menschheit  an  sich  nam:  Sich  huob  vor  gottes  troun  ain  gespräch 
vil  schoun".  Vergl.  „Von  des  tiuvels  drin  tochtem**,  Karajan 
S.  69,  und  Cgm.  270,  214.  In  der  zuerst  genannten  Allegorie 
wird  ausgeführt:  Ein  König  hat  einen  Sohn,  die  Weisheit 
(x\dam),  und  4  Töchter:  Barmherzigkeit,  Wahrheit,  Gerechtig- 
keit, Friede;  die  4  Schwestern  bitten  für  den  Bruder.  Die 
Durchführung  der  Allegorie  ist  also  bei  beiden  Dichtern  ver- 
schieden. Seemüller  zu  Seifried  Helbling  Vn  186.  Im  übrigen 
ist  auf  die  unten  folgende  Erörterung  der  Stoffe  zu  verweisen. 
Im  XVI.  Gedicht,  dem  Bertholds  Predigt  von  den  dre' 
Stellungen  des  Teufels  zu  Grunde  liegt,  schiebt  7 
statt  eines  wahrscheinlich  nicht  recht  verstaP' 
in  seiner  Vorlage  „von  tftsent  liben  iu9 


26 

Teicliner  geläufigen  Gedanken  ein:  619  „ob  dann  aus  jener 
weit  hernider  eur  vater  und  muoter  kam  lierwider  und  wölten 
eu  vom  glauben  keren,  ir  sült  nit  volgen  iren  leren**.  Teichner 
bei  Karajan  S.  45.  A.  114.  „ich  wolt  minen  vater  läzen,  wold 
er  mich  unsinnec  machen  und  mich  bringen  ze  tumben  Sachen". 
Ähnlich  LS.  Nr.  229.  79ff:  Karajan  S.  52.  39.  Auch  die  Be- 
kanntschaft mit  der  Aristoteles-Novelle  konnte  Kaufringer 
(X  102 ff.),  wenn  er  nicht  GA.  2  oder  eine  sonstige  Überlieferung 
(QF.  77,  44.  Hertz,  Spielmannsbuch  2.  Aufl.  S.  420.)  kannte, 
aus  Teichner  schöpfen.     Karajan  S.  27. 

Die  im  XVII.  Gedichte  vorgetragenen  Ansichten  über  die 
Bethätigung  des  äusseren  Kirchentums  teilt  Teichner.  Karajan 
S.  39.  Beide  machen  für  die  Verschlechterung  der  Welt  haupt- 
sächlich die  grossen  Herren  verantwortlich.  Karajan  A.  266  ff. 
Kaufringer  III  700ff.  Beide  eifern  mit  Berthold  gegen  die 
Kleiderpracht  (Teichner  im  Cgm.  574,  Nr.  23.  Kaufringer  XVI 
402  ff.)  und  gegen  den  alevanz  (Teichner  im  Cgm.  574,  Blatt  65  b; 
Kaufringer  III  699.  XII  60.)  Dieselben  Klagen,  die  Kaufringer 
(III.  XII.  XIII)  über  böse  Pfaffen  und  Herren  erhebt,  finden 
sich  bei  dem  klerikalen  Teichner,  A.  251.  Der  Bauer  kann 
da  zum  Pfarrherrn  sagen:  ,Lieber  her,  so  weiz  ich  wol,  sit  ich 
allez  rüegen  sol,  ich  muoz  von  erste  iuwer  schult  sagen  und 
iuwer  ungedult.  Ir  sit  der  best  mit  spil,  mit  wiben.  Sol  man 
den  wuocherer  vertriben  uz  der  kirchen  mit  dem  ban,  so  müe- 
zent  ir  von  erste  dan  üz  der  kirche  haben  ker*.  Vergleiche 
Kaufringer  III  llff  mit  LS.  231,  118ff  Beide  lieben  Sprich- 
wörter.  Karajan  S.  25.  Ausgabe  S.  VIII. 

Ergab  sich  schon  hier,  dass  Kaufringer  besonders  in  den 
Sprüchen  XVIII— XX,  XXII— XXVII  sich  in  dem  Gedankeu- 
kreis  des  älteren  Dichters  bewegt,  so  entspricht  andrerseits 
auch  der  Aufbau  dieser  Gedichte  dem  der  Teichnerschen.  Die  alte 
bei  dem  sog.  Seifried  Helbling  noch  mit  künstlerischer  Feinheit 
gehandhabte  Gesprächsform  des  Lucidarius  ist  auf  eine  dürre 
Formel  zusammengeschrumpft,  wie  sie  im  mystischen  Dialog  er- 
scheint und  wie  auch  Suchenwirt  sie  in  seiner  zweiten  Periode  dem 
Teichner  nachschreibt  (Zeitschrift  für  deutsches  Altertum  41,  229). 
Etwa  ein  Viertel  aller  von  Karajan  gelesenen  Gedichte  des 
Teichners  benutzt  die  Einkleidung  des  Dialogs  mit  der  stereo- 


27 


typen  Einleitung:  „Einer  vräget  mich  der  maer''.  Karajan  S.  72. 
Das  hat  ihm,  wie  schon  oben  erwähnt,  Kaufringer  zweimal 
nachgemacht.  Vergleiche  später  noch  Hans  Sachs  17,  290, 
2.  u.  ö. 

Wie  Teichner  und  nach  ihm  Suchenwirt  (Zs.  41,  231)  nennt 
sich  Kaufringer  im  gleichmässig  wiederkehrenden  Schlussvers 
der  Gedichte  XVI — XXVII,  und  zwar  entweder  mit  dem  Vor-  und 
Zunamen,  oder  noch  mit  dem  Artikel  und  Zunamen.  Die 
typischen  Schlussreime  mit  „swär,  gewär,  mär,  lär,  —  bär** 
waren  ohne  Weiteres  dem  Teichner  abzuborgen.  Von  Kompo- 
sition kann  bei  gereimten  Prosen  wie  XVI,  XVII  und  wahr- 
scheinlich XXII,  XXV,  XXVI^)  kaum  die  Rede  sein;  da  folgt 
der  Versifikator  einfach  der  überkommenen  Disposition  der 
Quelle.  Der  Vergleich  mit  der  nachgewiesenen  Quelle  im  XVI., 
XVII.  und  XXVI.  Gedicht  lässt  des  Dichters  Arbeitsweise  aufs 
deutlichste  erkennen.  Den  Mangel  an  Komposition,  die  Weit- 
schweifigkeit und  die  Wiederholungen,  wie  im  XXIV.  Gedichte, 
hat  Kaufringer  wieder  mit  dem  älteren  Meister  gemein.  Ka- 
rajan S.  68. 

In  den  Anfängen  seiner  dichterischen  Thätigkeit  vermag 
sich  Kaufringer  auch  der  Einwirkung  des  Teichnerschen  Stils 
nicht  zu  entziehen.  An  wenigen  Stellen  erhebt  sich  der  öster- 
reichische Moralist,  dessen  Werke  für  die  psychologische  Ana- 
lyse des  Menschen  der  beginnenden  Neuzeit  ebenso  wichtig 
sind,  wie  für  Volkskunde  und  Altertümer  im  weitesten  Sinne 
des  Wortes,  über  die  Prosarede.  Teichner  stellt  sich  (LS.  2,  551. 
7ff.  Nr.  151;  vergl.  Nr.  211;  Karajan  S.  63)  durch  starke  Be- 
tonung des  Individuellen  in  ausgesprochenen  Gegensatz  zu  der 
älteren  Litteratur,  soweit  sie  wesentlich  Übersetzungslitteratur 
ist.  Eigne  Erfindung  und  selbständige  Gedanken  fordert  er 
vom  Dichter.  Dieser  Gegensatz  prägt  sich  bei  ihm  nicht  nur 
in  der  Stofi'wahl,  sondern  auch  in  der  stilistischen  Form  seiner 
Sprüche  aus.    Das  Künstlerische  des  Stiles  ist  ansserord^ 


*)  Im  XXVI.  Gedicht  weicht  die  Anordnung  Ton  i 
ab;  es  ist  aber  fragUeb,  ob  es  nicht  anch  andre  Faasp 
Denifle  veröfifentlichte. 


28 

unentwickelt ;  der  trockne  Predigerton  waltet  vor.  So  entbehrt 
seine  Ausdrucks  weise  fast  aller  Reize,  die  Eonrads  blühenden 
Stil  auszeichnen;  zunächst  des  kunstvollen  Parallelismus,  an 
dessen  Stelle  das  dürre  Asyndeton  der  extemporierenden  ßede  *) 
tritt.  Als  Beispiel  führe  ich  an  aus  Karajan  A.  186 :  .,Diu  selp  liep 
hat  ein  gallen,  ist  gar  tötlich  und  unst8et'^  Anmerkung  10: 
„al  die  von  grözem  guot  kaemen,  vieln  in  armuot,  die  solten  üf 
daz  scheff  gän**.  Anmerkung  15:  „wir  mttezen  uf  dem  velde 
dinsen  mit  schilt,  mit  sper,  wir  edel  Hute".  Anm.  16:  „die 
wein  nu  stechen,  wäpen  hän**.  Ebenso  Karajan  A.  12.  44.  57. 
60.  64.  65.  69.  79.  102.  109.  115.  127.  130.  133.  144.  149. 
155.  177.  180.  182.  u.  s.  w.  Dieser  eintönigen,  bequemen  Manier 
gegenüber  sind  die  ebenfalls  zahlreichen  und  dem  Konradischen 
Stil  schon  nicht  mehr  entsprechenden  Asyndeta  beim  Fortsetzer 
des  Trojanerkriegs  (Klitscher  S.  50 ff.)  noch  immerhin  eine  Art 
Kunstmittel.  Teichner  fehlt  es  an  Formsinn.  Kaufringer  ver- 
fällt in  seinen  Anfängerarbeiten  nachahmend  derselben  Stil- 
losigkeit.  XVI  789.  XXV  91.  XXVI  3.  Später  hat  er  sich 
davon  losgemacht.    Suchen wirt  ist  nicht  frei  davon. 

Der  passiv-beschauliche,  nach  Innen  gerichtete  Sinn  Teich- 
ners prägt  sich  auch  in  dem  Mangel  an  lebhaftem  Vortrag 
aus.  Während  Konrad  in  der  Apostrophe  neben  allerlei  andern 
Wendungen  das  „seht,  d6**  liebt  (Roth  zum  Schwanritter  2), 
gebraucht  Teichner  gern  das  temperamentvolle  „nü  seht  ir  wol'* 
meist  mit  abhängigem  Satz.  Karajan  Anm.  236.  286  zweimal. 
LS.  Nr.  85,  112;  260,  147;  230,  18;  231,  216.  In  der 
Münchener  Handschrift,  die  übrigens,  soweit  Teichners  Text  in 
Betracht  kommt,  schon  wegen  der  Bl.  86  a  f.  von  gleicher  Hand 
abgeschriebenen  Urkunde  vom  16.  Dec.  1368  (Städtechroniken  4, 
135ff.)  nicht,  wie  der  Katalog  angiebt  (V  1,  93),  1360 
entstanden  sein  kann,  habe  ich  die  Wendung  mit  geringer  Va- 
riation 9mal  gelesen:  Bl.  53b,  54a,  62a  zweimal,  73a,  75a, 
81a  zweimal,  83a.  „so  seht  ir  wol*'  LS.  149,  38.  „nu  secht 
ir*'  LS.  82,  22.  „nu  seht  ir,  wie"  Karajan  A.  74.  „seht  ir  wol*' 
154.  279.  LS.  77,  80.  „wist  ir  wol*'  Karajan  160.  (LS.  78, 
111.)  „daz  wist  ir  wol"  161.   „nu  wist  ir  wol"  272.   „nu  weist 


*)  Boethe,  Reiniuar  von  Zweter  323. 


29 

tu  wol"  LS.  89,  45.  Kaufringer  entlehnt  diese  behäbige  Wendung 
„nu  secht  ir  wol"  IV  17.  XVI  645. 

Bevorzugte  Konrad  parallele  Ausdrucksweise  wie  ser  und 
vast  (s.  oben),  so  genttgt  dem  Teichner  das  blosse  Zusammen- 
rücken der  Wörter;  z.  B.  „unmäzen  ser".  Karajan  Anm.  1. 
304.  (Cgm.  574,  Bl.  33b.)  140  „unmäzen  wol";  (aber  Konrad 
Troj.  24966  riliche  und  uzer  mäzen  wol**.  vergl.  30924;  aller- 
dings auch  einmal  „daz  edel  gast  sin  ere  so  gar  unmäzen  sere 
zerbraeche  an  sime  wirte":  Troj.  34343.)  185  „unmäzen  we". 
192  „unmäzen  swaer**.  212  „unmäzen  wunderlich".  311  „un- 
mäzen kranc".  —  Dieses  prosaische „unmassen"  hat  auch  Kauf- 
ringer. XIII  468.  XVIII 34  „Unmassen  wee*'.  XXVII  38  „u.  ser*\ 
XI  305.   XVIII  29.  118. 

Ebenso  prosaisch  ist  die  Teichnersche  Verwendung  von 
„da  neben:  leben,  geben,  eben**  (z.  B.  Teichner  Karajan  Anm. 
54.  211.  217.  229.  286.  LS.  Nr.  85,  217.  88,  91.  140,  22. 
50.  150,  118.  147.  152,  39.  231,  186.  252,  50.),  die  Kauf- 
ringer XX  42.  XXI  21.  83.  XXII  7.  71.  77.  XXIII  116. 
138.  XXV  168.  212.  238.  XXVII  19,  selten  in  den  späteren 
Gedichten  (XIV  532.  548),  nachahmt. 

Zu  den  Stileigenheiten  Teichners,  die  man  aus  dem  pro- 
saischen Charakter  seiner  Verse  ableiten  kann,  gehört  auch  der 
Gebrauch  von  „umb  daz,  daz**.  Konrad  vermeidet  Otte  44  das 
Zusammenstossen  der  beiden  „daz**.  Frtther  ist  es  nicht  so  selten. 
Teichner  bei  Karajan  Anm.  147.  214.  Cgm.  574,  Blatt  38  a 
„vmbe  daz,  daz  si  sint  in  siner  mausz**.  (60a  „daz  er  sich  be- 
sorgt umb  daz,  wie  er  got  vol  danken  könn**.)  LS.  1,  451  ff. 
Nr.  61,  91.  Nr.  236,  191.  „umb  daz**  Karajan  Anm.  114. 
Ähnlich  Kaufringer  XVI  18.  „daz,  daz**  283.  XVI  167  f. 
XVII  2  f. 

Auch  in  andern  pedantischen  Wendungen  dient  Teichner 
als  Vorbild:  „ain  ieglich  mensch  erkenn  dabei'*  II  271.  vergl. 
XVI 123.  XXI 114.  XXV  84.  Freidank  25,  17.  Teichner,  Karajan 
Anm.  66  „däsulen  wir  erkennen  bi**.  9:  „da  bi  ist  ze  merken  wol**. 
LS.    78,    41.    Karajan    A.    HO.    171.    283.    294.    Cgm.    574, 

Bl.  69a    „daby  sult  ir  merken  eben**.    LS.  Nr.  231,  24.    „da 
by  man  erkennen  sol**.  Nr.  88,  14.  85,  210.  65,  9.  69,  27. 
„weder  diz  noch  daz**  u.  ä.  Teichner,  Karajan  Amp 


•  30 

Kaiifr.  XVI  13.  —  ,,man  vint  manegen"  Teichner  Earajan 
Anm.  267.  Kaufr.  IX  248.  XX  11.  Vergleiche  LS.  209,  83. 
Freidank  80,  6. 

Stilistisches  Vorbild  konnte  Teichner  bieten:  Cgm.  574, 
Blatt  70  a  „ez  mag  sin  sinn  begriffen  nicht"  zu  Kaufr.  I  7 
„der  menschlich  sin  mag  greiffen  nicht*';  vergl.  Suchenwirt  41, 
101  „daz  menschen  sin  begreiffet  nicht*^  —  Karajan  An- 
merkung 227  „da  ich  triwen  mich  versan  und  mich  lieplich 
lachet  an,  vor  dem  muoz  ich  mich  besorgen",  (LS.  223,  8ff.)  zu 
Kaufr.  1266  ff.  XXIV  67.  —  Cgm.  574,  46a„dierainen  hab";„daz 
vnser  herr  geben  tuet,  daz  ist  allez  rain  vnd  guot"  zu  Kaufr.  1 392. 
III 102.  —LS.  189, 59.  Karajan  GO  zu  Kaufr.  I  438  (Meier  zu  Jo- 
lande  1277.  Troj.  2385.  26751).  —Karajan  Anm.  264  „ist  daz 
nicht  ein  groziu  gab"  zu  XXIII  186.  —  Cgm.  574,  28  b  „die  sint 
mit  gesehenden  äugen  plint"  zu  Kaufr.  III 298  (formelhaft).  — 
Karajan  Anmerkung  206  „die  sint  rehtes  gelouben  Iser"  zu 
III  328  —  Cgm.  574,  85b    „davon  ist  min  sundrer  raut",    zu 

III  715.  —  Cgm.  574,   61b  „daz  get  alz  in  sinen  schrin"   zu 

IV  74.  —  Cgm.  574,  34a  „wer  kriegen  wil,  der  bedarf  wol  pfennig 
vil"  zu  VII  1,  2.*)  —  Cgm.  574,  80a  „ist  dann  ain  fraw  also 
veraint",  LS.  233,  12  zu  VIII  75,  69.  —  Karajan  Anmerkung 
274  „sie  sulen  nü  die  besten  sin  (im  Hintergrunde  etwa  Walther 
57,  1)  zu  VIII  384.  —  Cgm.  574,  84  b  „also  gehört  daz  weib 
geschaut  anders  nit  dann  vff  den  rost"  (Cgb.  564,  107  b)  zu 
XIII  493.  —  Cgm.  574,  27  b.  „daz  klagt  ein  ieglich  weiser 
sin"  zu  XVI  317.  —  Karajan  Anmerkung  179  „doch  allermeist 
von  frowen"  zu  XVI  400.  —  Cgm.  574,  71b  „ez  sprach  vnser 

traechtin"  LS.  214,  54,  zu  XVII  244.  —  Cgm.  574,  79b  „üppig 
vnd  bedort"  zu  XIV  66.  —  Cgm.   574,  64b.  „vnd  bringt   die 

in  groziu  swser"  zu  XVIII  203.  —  Cgm.  574,  71a  „wa  got 
ist,  da  ist  sin  rieh,  da  ist  auch  frid  und  allez  guot"  zu  XIX  30.  — 
Cgb.    564,  46  a    „wa   ich   jnn    all    winkel   sich"   zu    XXIII  2. 

XIX  10.  XII  12.  —  Cgm.  574,  67  b.  „ich  haun  besunnen  übel 
und  guot"  zu  XXV  12.  =  LS.  142,  15  zu  III  696  —  LS.  142,  74 ff. 
zu  XIX  8f.  (formelhaft). 


»)  LS.  193,  50.    Vergl.  Freidank  50,  6. 


31 

Entlelmungen,  wenn  nicht  konventionelle  Formeln,  sind: 
Kaufringer  IX  7  =  Cgb.  564,  85  a  „den  sie  holdes  hertze  truog**. 
—  IV119  =  Cgm.  574,  71b  „daz  ist  ain  wunderlich  geschieht''.  — 
XXIV  21,  XX VII 80= Cgb.  564,  74b  „auf  aller  diser  wellt  kraiss'S 
Cgm.  574,  82a  „hie  uff  diser  weite  krais''.  —  I  51  f.  =  Cgb.  564, 
120  a  j.sie  gaben  mir  sänfftlich  ruo  biss  an  den  andern  morgen 
fruo'\  —  III  98f.  =  LS.  189,  30f.  —  XIII  2f.  =  LS.  214, 
79f.  —  XIX  51  wörtlich  =  LS.  66,  3;  vergleiche  67,  12. 

Mit  Teichner  teilt  er  die  Enthaltung  von  „geblümter'' 
Rede  (Ehrismann,  Beiträge  22,  329;  Meyer,  Die  gereimten 
Liebesbriefe  37 f.),  ein  Merkmal,  das  seine  Kunst  von  der  der 
Lyriker,  Hadamars  von  Laber,  Suchen wirts  und  Rosenpltits^) 
unterscheidet.  Ahnlich  wirkte  Teichner  teilweise  auf  Suchen- 
wirt (Zeitschrift  41,  232).  Wortschatz  und  Wendungen  Kauf- 
ringers  und  Teichners  decken  sich  zum  grossen  Teil;  beide 
brauchen  gern:  „behaft,  überladen,  umgeben,  genist",  ein 
Lieblingswort  Teichners,  „slinden  mail,  lab,  punt,  slag,  sucht, 
jamers  dol"  u.  a. 

Trotz  aller  Ähnlichkeit  mit  Heinrich  Teichner  unterscheidet 
sich  Kauf ringer  auch  in  seinen  moralisch- didaktischen  Sprüchen 
ziemlich  deutlich  von  seinem  Vorbilde.  Der  wirkliche  Ernst 
der  Österreicher  Teichner  und  Suchenwirt  geht  ihm  ab;  sein 
Publikum  ist  ein  anderes ;  er  ist  als  Didaktiker  fast  in  jeder 
Beziehung  unbedeutender.  Teichner  ist  tiefer,  Kaufringer  flach. 
Teichner  verfügt,  wenn  auch  nicht  über  plastische  Anschaulich- 
keit, so  doch  über  einen  reichen  Schatz  von  Ausdrücken  und 
Vorstellungen,  während  Kauf  ringers  Kunst  fast  ganz  in  Formeln 
aufgeht. 

Peter  Suchenwirt  scheint  ihm  nahe  zu  stehen;  folgende 
Stellen  wären  in  Erwägung  zu  ziehen:  Kaufr.  I  243.  Suchen- 
wirt 41,  316.  I  393f.  40,  183.  IV  5.  41,  331.  IV  77.  wört- 
lich =  18,  96.  IX  82.  40,  206  (zu  Grunde  liegt  etwa  Renner 
20418).  XIX  50.  40,  193.  XIX  125.  45,  105.  XIII  516 -41, 
1540  (aber  vergl.  oben).  ~  Zu  Kaufr.  XIX  155  ff.  vergleiche 
Teichner  LS.  210,  98.   Suchen wirt  32,  35. 


*)  Bekanntlich  versuchte  er  erst  in  seinen  späteren  Qedichten  .a«^ 
Weiher  der  Rhetorik  zu  fischen''. 


32 

Wie  auch  Suchenwirt  von  Konrad  von  Würzburg  und 
Teichner  abhängt,  wäre  einer  besondern  Untersuchung  wert; 
Kratochwil,  Der  österreichische  Didaktiker  Peter  Suchenwirt, 
sein  Leben  und  seine  Werke  S.  52. 

3. 
Gnomisches. 

Freidank-  und  Rennerverse  sind  Kaufringer  geläufig. 
I  115f.  =  Freidank  1147 f.  (Paul);  IV  269f.  =  463f.,  wo  Grimm, 
Bezzenberger  und  Sandvoss  die  Quelle,  Prov.  12,  16,  übersehen 
haben;  IV  455-  283f.,  VI  lf.  =  Berliner  Freidank  [i]  S.  243a. 
(Bezzenberger  S.  241).  I  If.  Renner  4139f.  6615 f.  14060f. 
15312f.  20087 f.  21285f.  21931f;  1397.  14181;  1398.  6681; 
IV  15ff.  562ff.;  VIII  75 f.  291  f.  12926 f.;  VIII  462.  16010. 
24484.;  IX  82.  20418;  XVI  687f.  4819ff.;  XXVI  134.  3601; 
XXVII  100.  1439.  Unsichrer  ist  die  Benutzung  des  Cato; 
Vers  IV  1  entspricht  dem  Cato  einer  Stuttgarter  Handschrift 
G  (Zarncke  S.  97)  355,  IV  125  dem  sog.  Seifried  Helbling 
9,  114,  XIII  335  dem  Buch  der  Rügen  430.  (Vergl.  XI  212 
und  1325).    Aber  die  beiden  letzten  Verse  sind  nur  formelhaft. 

4. 
Verhältnis  zur  volksmässigen  Epik. 

Was  den  Dichtungen  Heinrich  Kaufringers  ihr  eigentliches 
Gepräge  verleiht,  ist  die  Volksmässigkeit  seiner  Poesie,  die  auf 
ein  andres  Publikum  weist,  als  die  Erzeugnisse  seines  öster- 
reichischen Kunstgenossen  Peter  Suchenwirt,  als  die  Lese- 
novellen des  Hans  von  Bühel  oder  selbst  die  Sprüche  des  ihm 
so  nahe  stehenden  Heinrich  Teichner. 

Während  sich  anderwärts  schon  die  Renaissance  vorbereitet, 
Wissenschaft  und  Verkehr  die  Anschauungen  zu  erweitern  streben, 
bewegt  sich  diese  lokale  Kunst,  einfach  und  dürftig,  aber 
selbstsicher  und  unbeirrt  noch  in  altüberkommenen,  engbegrenzten 
Kreisen,  treu  dem  Konservativismus,  den  Bayern  seit  alter 
Zeit  in  der  Litteraturgeschichte  bethätigt  hat.  Wenn  der  alt- 
bayerische Dichter  auch  bei  dem  höfischen  Epos  der  Epigonen- 
zeit  und  dem  halbgelehrten  Heinrich  Teichner  manche  Anleihe 
gemacht  hat,  die  eigentliche  Grundlage   seiner  Kunst  ist  das 


33 

Erbe  des  Spielmanns.  Die  epische  Tradition  dieser  bescheidenen 
Eunst&bang  war  in  Bayern  nicht  erloschen,  nachdem  sie  andert- 
halb Jahrhundert  vorher  einen  so  deutlichen  Beweis  ihrer 
Existenz,  wie  den  Wigamur,  geliefert  hatte.  Die  höfische 
Dichtung  erscheint  bei  Eaufringer  yolksmässig  vergröbert  und 
der  Poesie  der  Fahrenden  angenähert. 

Zunächst  mag  auf  die  stereotypen  Wiederholungen  hin« 
gewiesen  werden.  Auch  das  Eunstepos  hat  Wiederholungen, 
Eonrad  von  Würzburg  bildet  sie  als  Stilmittel  aus;  aber  diese 
Wiederholungen  des  Eunstdichters  haben  es  eigentlich  auf 
virtuose  Variation  abgesehen,  während  die  Wiederholungen  des 
Volksepos  meist  wörtlich  und  stereotyp  sind.  Wiederholungen 
in  diesem  Sinne  meidet  der  Eunstdichter.  Miklosich,  die  Dar- 
stellung im  slavischen  Volksepos  6.  von  Biedermann,  Goethe- 
Forschungen  3,  244  flf.  ühland,  Schriften  1  390ff.  Vogt,  Sal- 
man  CXXXIVflF.  QF.  35,  14 f. 

Bei  unserm  Dichter  herrscht  die  epische  Formel  in  solchem 
Masse,  dass  die  formelhaften  Verse  etwa  den  10.  Teil  der  Ge- 
samtzahl ausmachen.  Fast  alle  Handlungen  und  Zustände 
finden  ihren  bestimmten,  gleichmässigen  Ausdruck.  Stereotyp 
wird  die  Rede  mit  „der  .  .  .  zuo  dem  .  .  .  sprach",  die  Antwort 
mit  gleicher  Wendung  oder  der  alten  Formel  „des  antwurt  im 
der  .  .  .  .*'  eingeleitet.  Z.  B.  die  Rede  I  48.  160.  174.  223. 
229.  242.  263.  293.  309.  II  85.  V  267.  u.  s.  w.,  die  Antwort 
I  70.  255.  317;  oder  I  344.  379.  U  89.  IV  148.  V  270. 
620.  VI  94.  XIV  217  u.  s.  w.  Stereotyp  ist  die  Antwort  mit 
„lieber",  „liebe"  nach  dem  Schema:  „er  sprach:  Lieber  herre 
mein**;  z.  B.  I  435.  III  519.  533.  IV  187.  V  145.  615.  VI 
71.  VII  92.  XI  119.  XIV  318.  Übergeleitet  wird  durch 
den  in  5  Gedichten  sechsmal  wiederkehrenden  Vers:  „da  die 
red  also  gcschach"  1 277.  Nach  diesem  Schema  sind  mit  Wechsel 
des  Substantivs  Parallelverse  gebildet.  Siehe  Konkordanz.  Die 
günstige  Wirkung  der  Rede  wird  in  den  formelhaften  Ausdruck 
„der  .  .  .  ward  der  rede  fro"^)  oder  „die  rede  gefiel  .  .  . 
wol"  gefasst;  z.  B.  I  53.  H  110.  137.  169.  IH  78.  V  57. 
746.    756.    VI  103.    208.   XIV   115.    und   VII   29.    VIII   185. 


')  wie  noch  Rosenplüt  QF.  77,  149. 
Euling,  Heinrich  KaoAringer. 


34 

XXI  68;  das  Gegenteil  mit  Negation  desselben  Aasdracks  z.  B.: 
m  119.  Vin  226.  Erschrickt  jemand  bei  dem  Gehörten,  so 
heisst  es  „des  erscbrack  .  .  .  do  vil  ser"  z.  B.  IV 170.  V  679. 

VI  175.   VIII  216.    XI  527.   XII  67;    oder  „do   er 

vernam,  vil  ser  er  davon  erkam"  VIII  445.  XII  291.  XIII  185. 
Ebenso  feststehenden  Ausdruck  haben  besonders  folgende  Be- 
griffe: Bitte  z.  B.  I  334.  V  733.  Dank  z.  B.  IV  421.  V  83. 
Xm  304.  Empfang  z.  B.  I  46.  IV  275.  V  290.  IX  144. 
Xn  120.  Xin  303.  XIV  443.  Bemerken  z.  B.  II  29.  194. 
256.  m  121.  406.  IV  186.  266.  V  448.  490.  611.  VII  66. 
132.  IX  128.  XI  172.  (159.  180.)  XII  44.  246.  Xni  308. 
388.  XIV  135.  370.  XVIH  72.  Mitteilen  z.  B.  U  149.  240. 
m  64.  180.  474.  476.  VI  68.  94.  VII  213.  VIH  171.  299.  355. 
379.  XI  73.  289.  Überlegen  H  56.  222.  HI  56.  187.  204.  620. 
IV  213.  236.  Vm  50.  XIV  586.  630.  XV  39.  XXI  102.  Ratlos 
sein  n  36.  XI  492.  528.  XIV  170.  Betrübt  werden  HI  186.  IV 
48.  V  663.  Vni  442.  XII  155.  Gegensatz  III  200.  VIII  123. 
s.  oben.  Eilen  I  419.  II  202.  226.  III  582.  VII  146.  X  12. 
XXVII 141.  Gewöhnt  sein  I  121.  III  44.  Verschmähen  VII  190. 
Xni  44.  Heilig  leben  I  250.  447.  Selig  werden  I  448.  II  262. 
270.  m  656.  XXI  6.  XVII  210;  das  Gegenteil  XIX  98.  IH 
670.  Gewogen  sein  II  26.  IV  239.  IX  7.  VH  379.  X  4.  Lohnen 
n  142.  177.  IX  154.  Xm  284.  XIV  302.  603.  Kummer,  Ein- 
busse,  Strafe  erleiden  III  6.  602.  662.  IV  321.  VI  692.  Friede 
xm  364.  XIV  546.  XV  50.  XVI  106.  537.  658.  XVm  144. 
XXm  96.  Kleinigkeit  HI  12.  XXIV  45.  Gastereien  IH  62. 
Xin  429.  Herrenspeise  I  144.  IV  316.  V  650.  XII  220.  XIV 
458,  noch  heute  übliche  Ausdrücke.  Stieler,  Kulturbilder  121. 
Speise  und  Trank  III  451.  461.  670.  IV  300.  V  573.  644. 
Bad  IV  260  ff.  IX  14  ff.  Minnespiel  IV  206.  VII  178.  VIH 
414.  Xin  226.  Sterben  XI  68.  I  302.  XI  152.  XIII  338.  367. 
Frühzeitiger  Tod  XI  85.  XIII  58.  XVHI  18. 

Überaus  häufig  sind  die  üblichen  Beteuerungen,  die  der 
Dichter  selbst  ausspricht  oder  den  Redenden  in  den  Mund  legt ; 
z.  B.  1 233.  m  596.  115.  IV  310.  V  685.  578.  666.  741.  VH  95. 
135.  306.  VIII 162.  217.  426.  1X57.  236.  XI  276.  462.  XH  144. 
XXIII  107.    Siehe  Ausgabe  S.  Vf.  und  die  Konkordanz. 

Der  Spielmannsdichtung  gehören:  „vraislich"  XI 518,  „vrais- 


36 

sam"  Vm  366,  XVI  246,  „vraissamUch*'  II  69,  „weigand'* 
VI  237  an.  Als  för  liöfiscbe  Dichtung  veraltet  gilt  ,tagalt* 
V  417.  Schilling,  De  usu  dicendi  Ulrici  de  Zatzikhoven  S.  90. 
In  Eaafringers  Heimat  kommt  das  Wort  auch  als  Eigenname 
vor.    Oberbayrisches  Archiv  49,  300. 

Im  Stil  des  Volksepos,  das  die  stehenden  Epitheta  festhält, 
heisst  das  Gold  rot,  Hand  und  Fuss  schneeweiss,  der  Wein 
klar,  der  Morgen  licht.  Uhland,  Schriften  I,  391  ff.  Meyer,  Die 
altgermanische  Poesie  492  ff.  Miklosich  26  ff.  Es  begegnen  alte 
Formeln^),  wie  „leib  unde  guot",  „man  und  weib",  „arm  und 
reich*'  u.  s.  w.  (vergl.  oben  S.  14;  zum  Teil  von  Konrad  von 
Würzburg  nicht  verschmäht)  und  als  formelhafte  Zeitbestimmung 
I  193  „wann  in  des  tages  da  zeran",  wie  im  Wigamur  Vers  3841: 
„wan  daz  ins  tages  zeran".  QF.  35,  14.  Kadke,  Die  epische 
Formel  im  Nibelungenliede  41.  Spielmannsart  verraten  die 
überaus  häufigen  Anreden  an  die  Zuhörer,  Berufungen  auf  die 
Quelle  und  die  Vorausdeutungen.  Oben  wurden  diese  Formeln 
im  Zusammenhange  mit  Eonrads  Kunst  erwähnt,  ihre  Wieder- 
kehr vermerkt  unten  die  Konkordanz.  Schütze,  Das  volks- 
tümliche Element  im  Stil  Ulrich  von  Zatzikhovens  3  ff.  Beiträge 
zur  Poetik  Otfrieds  36  ff. 

Um  die  Aufmerksamkeit  seiner  Zuhörer  zu  fesseln  (Vogt, 
Salman  S.  CXXXIXf.),  gebraucht  Kaufringer  folgende  Wen- 
dungen: ,Nu  merkent,  wie  es  darnach  gieng!'  XIII 119.  IV  274. 
,Nu  merkent  das!  Als  ir  des  werdent  schier  gewar^  XIII 220.  ,Als 
ich  ew  nun  sagen  wil'  XIV  11.  ,Nu  merkent,  wie  es  sich  ergie!* 
XV  20.  ,Nun  mügt  ir  geren  hören  das*  XI 150.  Die  üblichsten 
Formeln  dieser  Art  aus  den  Spielmannsgedichten  hat  Vogt, 
Salman  S.  GXL  f.  zusammengestellt  und  darauf  hingewiesen, 
dass  auch  das  höfische  Epos  noch  die  alte  Formel  durchblicken 
lässt;  vgl.  Schütze,  Das  volkstümliche  Element  im  Stil  Ulrich 
von  Zatzikhovens  S.  8.  Jensen,  Über  den  Stricker  als  Bei- 
spieldichter S.  48.  Lichtenstein  zu  Eilhart  CLXXVIII. 

Ruhe  und  Aufmerksamkeit  der  Zuhörer,  um  die  man  früher 
mit  dem  Eingange:  ,welt  ir  ein  lutzil  gedagen*^  bat,   schien 


*)  Meyer,  Die  altgermanische  Poesie  251  f. 

'^)  J.  Qrimm  briugt  RA.  53  die  Eingangsformeln  der  Weistümer  hiermit 

3* 


36 

kaom  mehr  erforderlich  zu  sein.  Hermann  Fressant  von  Augs- 
burg äussert  sich  sehr  resigniert  GA.  3ö,  12  ff.  Keiler  Erz.  310, 2  ff. 
Folz  Priamel  ö9,  3  meiner  Sammlung.  Deshalb  macht  man  jetzt 
wenig  Umstände  und  sagt:  ,Wir  sällen  länger  nicht  gedagen^ 
Kaufr.  XI  399.  ,Ich  mag  länger  nit  gedagen*  XV  1.  (vgl. 
oben  S.  16). 

Seiner  Glaubhaftigkeit  versichert  er  die  Hörer  und  Leser 
sehr  häufig;  die  meisten  Stellen  habe  ich  in  meiner  Ausgabe 
S.  V  f.  zusammengestellt.  Einzel  zum  Alexander  118  S.  399. 
Vogt,  Salman  S.  CXXXVIIff.  Schütze  S.  4  ff.  Mit  allerhand 
behaglichen  Wendungen,  wodurch  er  die  Erzählung  unterbricht, 
sucht  er  seinen  Zuhörern  Anteil  einzuflössen  IV  17.  XIV  331. 
229.  XI  318.  Xin  245  ff.  XI  543.  XI  397  f.  281  ff.  VII  173. 
V  233.  vergl.  Schütze  S.  6  f.  Er  sucht  auch  wohl  durch  R6- 
summ6  die  Situation  zu  vertiefen  und  hält  mit  seinen  eigenen 
Gefühlen  besonders  am  Schlüsse  nicht  zurück,  wie  III  676 ff., 
XIV  408—18.  (Vgl.  Vogt  zu  Salman  und  Morolf  399,  3—5  und 
521,  4.  5.)  XI  532  ff  XIV  702  ff  VII  393  ff  VI  274  ff  IH 
683  ff. 

Er  schliesst  mit  einem  Rat  an  die  Zuhörer  VIII  495  ff. 
EI  715  ff.  II  271  ff.,  oder  fordert  sie  auf,  ein  Ave  Maria  zu 
beten.  (XVI  776.)  Gern  identifiziert  er  sich  mit  dem  Hörer 
X  86  ff.  Vogt  CXXXVII.  Die  vorausgesetzte  Ungeduld  der 
Zuhörer  weiss  er  zu  zügeln  XIII  220.  III  470.  Die  zu  er- 
zählende Begebenheit  kündigt  er  an  1 151.  VI  25  f.  V  9  f.  Vogt 
GXL.  Rückweis  auf  Erzähltes  findet  I  287  statt.  Die  Zuhörer 
selbst  ruft  er  als  Schiedsrichter  in  dem  Novellenstreit  (XI)  an, 
indem  er  denjenigen  für  weise  erklärt,  der  entschiede,  welche 
Frau  den  ungraden  Heller  verdient  hätte  (551  ff.).  Dieser 
Schluss  kann  der  Überlieferung  angehören.  Montaiglon,  R6cueil 
I,  Nr.  15  schliesst  ähnlich;  dann  aber  nimmt  der  französische 
Dichter  doch  das  Urteil  vorweg. 

Volksmässige  Übertreibungen  laufen  mit  unter.  Die  Strass- 
burger  Rittersfrau  ist  das  allerschönste  Weib,  „die  ie  kom  zuo 
mannes  leib"  VI  30.  Vgl.  Bosenplüt,  Maler  zu  Würzburg  Fsp.  1180. 


in  Verbindang.  Mit  Wackernagel,  Litteratargeschichte  I  §  51,  1  dabei  Nach- 
ahmang  des  französischen  „Seignenr,  or  faiteä  pais^  anznnebmen,  ist  an- 
nbtig.  Vergl.  §  54,  6. 


87 


Ein  Becher,  der  mit  Gold  and  Silber  beschlagen  ist,  kostet  bei  ihm 
12  Mk.  (1 141)  =  768  Galden,  wenn  64  Golden  auf  die  Mark  ge- 
rechnet werden,  eine  offenbare  Übertreibung.  Der  teuerste 
Becher,  den  die  Stadt  Augsburg  1460  auf  dem  Preisschiessen  als 
Kleinod  aussetzte,  kostete,  wie  Burkard  Zink  anmerkt,  12  alte 
Gulden.  Städtechron.  5, 102, 24.  Den  Ring  der  Bittersfrau  (V  217) 
schätzt  der  Dichter  auf  8  Gulden,  während  der  bei  derselben 
Gelegenheit  ausgesetzte  kostbare  Ring  2  Gulden  kostete.  Schutze, 
Ulrich  von  Zatzikhoven  11.  Poetik  Otfrieds  20  ff.  Yolksmässig 
ist  auch  die  Heranziehung  des  Teufels^):  1246.  253.  265.  117. 
276.  XIII  516.  XVni  ist  ganz  der  Teufelskomik  gewidmet. 
Vogt  zu  Salman  333,  3.  „Zu  des  tiefeis  kind",  l  117,  vergl. 
besonders  Salman  und  Morolf  514,  2  und  Wolfd.  A.  40.  4. 
Rother  3235  „nu  siet  zö  deme  välande  man'',  vgl.  3374.  3113. 
890.  1160.  4273.  4323.  Im  XVI.  Gedichte  werden,  abweichend 
von  Berthold,  die  Teufel  ähnlich  wie  bei  Rosenplüt  bald  die 
höllischen  Knechte  284,  bald  die  ungetreuen  Höllenhunde  325,  bald 
die  Höllenknaben  513.  660,  bald  die  höllischen  Mohren  559,  bald 
das  Höllengesinde  610  genannt  und  so  dem  Zuhörer  lebhaft  ver- 
gegenwärtigt. 

Volksmässig  im  guten  Sinne  sind  Stoff  und  Haltung  der 
XIV  Novelle :  „Die  unschuldige  Mörderin",  schon  derb  zu  nennen 
dagegen  die  Novellen  Xn  und  XIII,  „Der  Zehnte  von  der 
Minne"  und  „Die  bestrafte  Ehebrecherin",  und  geradezu  von 
grotesker  Rohheit  der  Novellenkreis  (XI)  „Der  betrogene  Ehe- 
mann". Die  Schilderungen  sind  hier  sehr  realistisch:  XI  259  ff., 
wo  statt  „minnelich":  „minneclich^,  statt  „setzt^  »lait^,  statt 
„neben"  „under",  statt  „bei**  (267)  „ob"  zu  lesen  ist;  die  in 
meiner  Abschrift  enthaltenen  Wörter  gehören,  wie  mich  Ver- 
gleichung  der  Handschrift  lehrte,  dem  Verstttmmler  ^).  XITT  496 


*)  Der  Teufel  in  Verwünschungen:  Weinhold,  Altdeutsche  Verwünschungs- 
formein  674. 

^)  VI  28  lis:  am;  32,  122,  238  hett;  38  erhal;  41  gemain;  40  rain; 
47  seinen;  51  ain;  61  Des;  62  wart;  66  leiden;  68  Jrem;  90  Jetzo;  93  mü: 
tu;  94  ze;  99  essens;  101  hint;  109  Geschossen;  264  tratt;  VII  41  götlich; 
54  warhait;  61  ttppikait;  62  werlich;  66,  101,  174,  254  des;  119  betruoht; 
120  wuochs;  193  genzlich;  198  snochen;  200  suoch;  349  zanns;  VIII  6,  10 
was;  145  sind;  206  aigenlichen;  212  So;  375  sältsan;  442  allain;  XI  49  nun 


38 

sagt  sogar  ein  Ritter  das  bekannte  volksmässige  Wort  fQr 
„betrogen".  Die  Bilder^)  sind  durchweg  aus  dem  Leben  ge- 
griffen, wie  sie  dem  Gesichtskreis  des  gewöhnlichen  Mannes 
nahe  liegen:  um  ein  Haar  11  193.  HI  85.  V  389.  Vn  117; 
nicht  ein  Ei  HI  156;  zu  Wind  werden  HI  682;  wand  ohne 
Schwertstreich  IV  172;  schachmatt  IV  304;  ungenetzt  geschoren 
IX  101;  der  Minne  Zoll  und  Sold  XIII  148.  XV  32;  es  geht 
aus  unserm  Beutel  VI  111;  über  das  Seil  werfen  X  114; 
den  Halm  vorziehen  XV  15.  GA.  49,  1190;  falsch  erklärt  von 
Bechstein  zu  Heinrichs  von  Freiberg  Tristan  6644,  richtig 
GA.  55,  1257.  Renner  12117. 

Ganz  in  die  niedrige  Sphäre  des  bäuerlichen  Lebenskreises 
deuten  die  metaphorischen  Ausdrucke  und  Vergleiche:  er  lief 
hin  und  her  wie  ein  wütender  Hund  XI  493  (sog.  Seifried 
Helbling  15,  844.  GA.  24,  409.  Bühelers  Diocl.  5730);  er 
brüllte  wie  eine  Kuh  XI  495;  alles,  was  er  gegessen,  machte 
durch  ihn  eine  Landstrasse  XII  262;  ich  wünsch  ihm  alles 
Unglück  zum  Leibgeding  VI  293;  er  konnte  das  Ende  der  Messe 
nicht  erwarten  VI  111,  An  wirkliche  Messe  ist  hier  virohl 
nicht  zu  denken,  sondern  das  Messehören  ist  das  stehende  volks- 
mässige Bild  für  Langeweile  und  Ungeduld,  die  der  gewöhnliche 
des  Lateins  unkundige  Mann  besonders  bei  der  Messe  empfindet. 
Eosenplüt  Calender  261,  Salman  und  Morolf  201:  Mörolf  wider 
üf  das  gestule  saz,  er  fluchte  dem  heidenschen  pfaffen,  daz  die 
r  messe  s6  lang  was;  er  sprach  „verteilter  Sarrazin,  was  macht 
du  hüte  gesingen?  daz  tüsent  tüfel  mit  dir  sin!" 

Anschaulich  sind  die  Bilder:  der  Spiess  brennt  XXIV  60, 
nicht  bei  Schmeller  belegt,  aber  sehr  natürlich,  wenn  hölzerne 
Spiesse  benutet  werden  (vgl.  Wander,  Sprichwörterlexikon  4, 
714,  46 f.);  den  Angel  dauen  XXIV  74.  Schmeller  I«,  445;  die 
Welt  geht  den  Krebsgang  XXIV  94 ;  mit  wirrem  Haar,  als  ob 


komen;  186  stond;  294  hett  das;  339  grebnuss;  341  triuget;  475  schnait; 
545  stud?;  XII 157  von;  300  selbers;  XIII  235  für;  270  vleiss;  404  Si  sprach 
zuo  im;  498  aus?;  XVI  221  wain;  XVII  274  trait. 

^)  Was  zweifellos  oder  wahrscheinlich  den  Quellen  gehört,  ist  in  Abzng 
gebracht;  z.  B.  II  204.  XXVII  125;  XXV  126  scheint  „pettris"  angeschickte 
Übersetzung  für  paralysis  (paralyticus).  In  den  gereimten  Traktaten  gehört 
dem  Dichter  wohl  so  gut  wie  nichts. 


39 


ein  „windspraus"  hineingefahren  VIII  370.  Schmeller  IE  2,  950  f. 
Mit  einer  Reibe  von  nabeliegenden  Beispielen  erläatei*t  Kauf- 
ringer VI  8  ff.  XIX  49  ff.  das  Sprichwort :  Besser  ein  Scbädlein 
als  ein  Schade.  Einen  glücklich  darchgefOhrten  hnmoristischen 
Vergleich  macht  IX  90  ff.  der  Chorherr.  Die  Angst  vor  dem 
Schuster  wird  mit  der  Wirkung  des  Schweissbades  verglichen, 
wie  XVIII 158  der  Schüler  Angst  schwitzt.  Aber  von  einem 
wirklichen  Schweissbade  ^)  erzählt  das  Oedicht  nicht,  so  dass 
unsre  Stelle  fUr  die  Geschichte  des  Badewesens  kaum  Gewinn 
abwirft.  Reiber  wie  Barbier,  beides  ist  der  rächende  Ehemann. 
Kochendörffer  meint  (Zeitschrift  f.  d.  Phil.  24,  494),  indem  er 
anerkennt,  dass  Reiben  und  Rasieren  nicht  stattgefunden,  beide 
Handlungen  mttssten  in  einem  solchen  Bade  möglich  gewesen 
sein,  da  sie  gedacht  würden.  Aber  der  witzige  Chorherr  konnte 
diesen  Vergleich  auch  machen,  wenn  er  in  jedem  beliebigen 
andern  Verstecke  sich  verborgen  hätte.  Eine  notwendige,  also 
wissenschaftlich  brauchbare  Verbindung  dieses  Vergleichs  mit 
einer  bestimmten  Art  des  Badens  liegt  also  nicht  vor.  Übrigens 
steht  der  Zuber  nicht  in  der  Kammer,  sondern  davor  IX  31. 
Im  Anschluss  an  metaphorische  Ausdrucks  weise  mögen  auch 
die  Wortspiele  Eaufringers  erwähnt  werden,  die  ein  volkstüm- 
liches Behagen  am  einfachsten  Witz  verraten.  Schon  oben 
sahen  wir,  dass  Ohibellinen  und  Guelfen  zu  dem  Wortspiel  ,gelf 
und  gibling'  herhalten  mussten.  IX  116  sagt  der  Dichter  für: 
er  übte  Vergeltung:  er  nahm  das  Widergeltlingen  laid.  Aus- 
gabe S.  VII.  Ähnlich  spielt  er  X  97  mit  dem  Worte  „gelt", 
VI  If.  mit  „schade",  VI  288  mit  „wartman",  XI  502  mit 
„hallär",  XII  248  mit  „cläffner",  wo  aber  (Ausgabe  S.  222) 
an  CIävener  (Haupt  zu  Engelhard  3894)  anzuknüpfen  war. 
Noch  die  heutige  Mundart  liebt  solche  Spielereien.  Schmeller, 
Die  Mundarten  Bayerns  516.  Über  Wortspiele  in  der  Spruch- 
dichtung Roethe,  Reinmar  von  Zweter  228.  334  f. 

Ganz  im  Stil  des  alten  Volksepos  wird  die  Schönheit  des 
Kindes  mit  dem  Leuchten  des  Mondes  verglichen.  Schütze, 
Das  volkstümliche  Element  im  Stil  Ulrich  von  Zatzikhovens 
S.  15  f.  Rother  71  f.,  aber  auch  Neidhart  58,  23.     Nachlässig- 


')  Zeitschrift  f.  d.  Phü.  27,  54  f. 


40 

keiten  des  Stils  zeugen  für  wenig  anspruchsvolle  Zuhörer.  Be- 
quemes Anakoluth  erscheint  IV  38  ff.  YII  40  ff.,  Konstruktion  and 
xoivov  XIV  211.  XIII  263.  XV  4  f.  Eine  Art  djib  xotvov  entsteht 
durch  Auslassung  des  neuen  Subjekts.  III  386  (im  Vers  vorher 
ist  „es**  zu  lesen),  III  72;  ein  varegov  tiqotsqov  XIV  145. 
Eaufringer  baut  seine  Sätze,  wie  der  Dichter  des  Wigamur, 
gern  parataktisch;  z.  B.  XIV  45  ff.  274  ff.  Verwickelte  Kon- 
struktionen fehlen  ganz.  Die  Anrede  ist  bald  Ihr,  bald  Da  in 
den  Worten  des  Bischofs  an  den  Bauren  III  407  ff.  412  ff. 

Unhöflsch  sind  Bitterspiele  und  Feste  geschildert;  so  das 
Turnier  V  365  ff.  Der  Vergleich  des  leidenden  Menschen  mit 
einem  tumierenden  [Ritter  im  XXVI.  Gedichte  gehört  Seuse. 
Die  Feier  der  Feste  wird  mit  Essen,  Trinken,  Musik  und  Tanz 
bestritten.  Besser  als  höfisches  Wesen  kennt  er  altbayerische 
Feldwege  (III)  und  schlechte  Herbergen  (I).  Eine  psycholo- 
gische Charakterisierung  der  Personen  wird  kaum  versucht;  trotz- 
dem gelingt  es  dem  Dichter  im  XIV.  Gedichte,  den  Hörer  in 
die  Stimmung  und  Lage  der  Königin  zu  versetzen. 

Völlig  unritterliche  Gesinnung  und  Mangel  an  tieferer  Auf- 
fassung lässt  die  Beurteilung  sittlicher  Probleme  erkennen. 
Davon  zeugen  das  IV.  und  VI.  Gedicht.  Meist  lässt  er  die 
brutalen  Thatsachen  reden,  wie  im  XIV.,  V.,  VIII.,  XL,  XIII. 
Gedichte. 

Mehr  als  innere  Konflikte  liebt  er  den  volkstümlichen 
Humor,  den  wir  schon  beim  Wortspiel  und  Vergleich  wirksam 
sahen.  Dahin  gehören  Stellen  wie  I  173.  228.  III  677.  VI  237  flF. 
XI  390.  529.  543  ff.  XIII  306.  XX  136.  Bittrer  Humor  spricht 
aus  Äusserungen  wie  III  15  ff.  Mehrere  Novellen  sind  schwank- 
haft  gehalten:  IX,  X,  XI,  XV,  XVIII. 

5. 
Manier. 

Aus  der  Hinterlassenschaft  Teichnerscher  Gedanken  und 
Betrachtungsweise,  aus  Traditionen  der  höfischen  Epigouendichter, 
aus  dem  Erbe  der  volksmässigen  Spielmannskunst:  aus  allen 
diesen  Elementen  fügte  der  bayerische  Dichter  die  Formeln 
seiner  epischen  Technik  zusammen  und  verwendete  alsdann  die 
stereotyp  ausgeprägten  Wendungen   in  einer  Ausdehnung,  wie 


^1 

sie  vielleicht  in  der  ganzen  Litteratur  dieser  Art  einzig  dasteht. 
Hier  grenzt  die  Kunst  einerseits  an  das  Kansthandwerk,  andrer- 
seits erinnert  sie  an  das  Verfahren  der  echten  Volksdichtung. 
Miklosich,  Die  Darstellung  im  slavischen  Volksepos  26.  Uhland, 
Schriften  1,  390  f. 

Um  von  den  Wiederholungen  eine  Vorstellung  zu  geben, 
stelle  ich  eine  Konkordanz  der  >vichtigsten  Entsprechungen  zu- 
sammen, wobei  ich  wörtliche  und  stilistische  Wiederholungen 
unterscheide.  Bei  den  Wiederholungen  der  ersten  Art  ist  auf 
geringe  Abweichungen  wie  ,er  sprach"  und  „sie  sprach"  u.  ä. 
keine  Bttcksicht  genommen;  die  Wiederholungen  der  zweiten 
Art  grenzen  oft  an  die  ersten,  ohne  dass  ein  ganz  durch- 
greifender Unterschied  gemacht  werden  kann,  entfernen  sich 
aber  im  allgemeinen  weiter  von  einander. 

A. 

I  57  =  m  461.    —    I  62  =  IV  182;    vergl.   XI  112. 

—  I  88  =  140;  vergl.  168  und  oben  Beteuerungen.  —  I 
180  =  VIII  268.  —  I  216  =  II  212;   vergleiche  Tagwerden. 

—  I  277  =  III  167  =  571  =  IV  331  =  V  475  =  XIII 
483;  =  XIV  687  =  V  723  =  X  57.  —  I  300  =  XIV  362.  — 
I  448  =  II  270;  vgl.  Seeligwerden.  —  11  26  =  IV  239.  —  III 
54  =  XXni  37.  —  m  76=X  78.  —  III  220=160.  vgl.  I 
380.  XI  511.  —  III  365  =  XUI  335  =  XIV  11.  —  m  389  =  XI 
93.  —  III  402  =  IV  32  =  VHI  122  =  V  136  =  492  =  VII  102. 

—  m  462  =  XIV  462.  —  IH  514  =  IV  76.  —  HI  564  =  XXI 
3.  —  IV  11  =  Vn  339.  —  IV  26  =  XIH  454  =  XXQI  68.  — 
IV  54  =  XI  44.  —  IV  55  =  XXIII  118.  —  IV  56  =  XI  34.  — 
IV  75  =  XXIII  113.  —  IV  187  =  V  247  =  XIV  197  =  XX 
124.  —  IV  239  =  VII  379  =  IX  7  =  X  4.  —  IV  262  =  IX  16. 

—  IV  275  =  IX  144  =  Xni  303.  —  IV  298  =  VI  143;  vergl. 
Vin  404.  —  IV  340  =  V  18  (252)  =  VI  34  =  VIH  122  = 
XIV  260;  vgl.  III 540.  578.  VHI  186.  —  V  174  =  XIV  336  =  528. 

—  V  302  =  XI 86;  vergl.  XIH  247.  —  V  336  =  412  =  VI  106 
=  274.  —  V  379  =  VI  201  =  VU  385  =  XI  318  =  XIV  229  = 
331.  —  V  530  =  vn  30  =  55  =  IX  258  =  X  78  =  96  =  XI 
44  =  284  =  XVI  58  =  XXI  62 ;  vergl.  XI  352.  —  V  752 
=  XIV  176.  —  VI  24  =  XIII  251;  vergl.  VI  275.  —  VI 
71  =  IX  200.  —  vn  25  =  Xm  144  =  XII  214;  vgl.  III  80. 


42 

—  Vn  100  =  137.  —  VII 372  =  IX  262;  vergl.  Schlussformeln. 

—  Vm  4  =  282.  —  Vm  446  =  XII  292  =  XIII  186.  —  IX 
68  =  XI  168.  —  IX  262  =  X  90.  —  XI  525  =  XIH  339.  — 
XIII  207  =  XVm  47.  —  XIV  169  =  433.  —  XIV  318  =  640- 
XVI  141  =495.  —  XVI  792  =  XVH  314  =  XVHI  204  = 
XIX  170  =  XX 186  =  XXI 122  =  XXII 80  =  XXHI 196  =  XXIV 
104  =  XXV  258  =  XXVI  178  =  XXVII  152.  —  XVHI  1  = 

XXII 1.  —  XX  30  =  xxm  30.  —  xxrv  21  =  xxvn  so. 

vgl.  XXVI  172.  —  Insgesamt  über  180  Verse,  der  mittleren 
Länge  eines  ganzen  seiner  ersten  Gedichte  entsprechend. 

An  Halbversen  sind  III  685  =  XIV  746  =  737;  vergl.  XX 
4.  —  IV  277  =  Xn  239. 

B. 

Eine  noch  grössere  Fülle  von  minder  genauen,  meist 
stilistischen  Entsprechungen  ist  an  zweiter  Stelle  zu  ver- 
zeichnen. 

I  9  -  19  .  31  -  IV  25  .  54  -  191  -  VIII  79  -  XIV  650  . 
XVn  12.  —  I  22  .  324.  —  I  39  »  V  333;  XIV  176  -  XXIH 
112.  —  I  51  .  V  512.  —  I  72  .  III  97.  —  I  76  .  440  .  n  16. 
I  82  '  XIV  100.  —  I  172  .  III  132.  —  I  157  •  XVH  77.  — 
I  166  .  IV  292  -  XIV  239.  —  1 190  .  V  376  .  641.  —  I  216  .  V 
258.  —  I  233  .  ni  115  .  596;  vgl.  Beteuerungen.  —  I  237  -  IV 
119.  —  l  250  »  447.  —  I  353  .  V  42  .  146  -  XXII  29.  — 

I  438  .-  III  493.  —  II  9  f.  .  XVII  1  f.  —  II  67  •  VII 353.  — 

II  117  f.  .  VI  25  f.  —  II  193  s  III  85  —  II  228  -  XIV  474. 

—  II  254  f.  «  XIX  50  f.  —  II  272  -  XI  88.  —  IH  5  . 
VII  2.  —  ni  13  .  xn  82.  —  III  28  «  VIII 158.  —  IH  80  -  VH 
25  .  XII  42.  —  III  99  .  xxm  51.  —  IH  128  •  VIU  342.  — 

III  153  f. .  IV  107  f.  —  III  236  »  XIII  86  •  115.  —  III  298  .  XI 
437  .  546  -  XV  8.  (Schmeller,  Bayer.  Wb.  II*  428).  —  IH 
389  »  IV  119  .  326.  HI  440  -  IV  302  .  VII  76  «  111  . 
XI  369.  —  III  564  f.  .  XXI  2  f .  —  IH  640  .  XIII  445  .  XIV 
38.  —  III  715  -  VIII  449  .  495.  —  III  722  -  XIX  1.  —  IV 
4  *  VIII  94  «  170.  —  IV  34  .  VII  382  •  VIII  24.  —  IV  36  .  VI 
53  .  VII  22  .  Xn  223  »  XXI  33.    —   IV  55  .  XXIII 118.  — 

IV  89  s  V  566  =  "V^I  355  .  IX  135  »  XIII  116  .  122.  —  tV 
98  .  VIII  380.  —  IV  135  -  V  20.  —  IV  151  .  VHI  427.  — 
IV  179  f. .  XII  37  f.  -  Xm  141f.  —  IV  197  f.  -  V  533  f.  -  VH 


43 


81  f. .  Vm  373  f.  r  XVin  123  f.  —  IV  237 .  IX  11.  —  IV  338  .  V 
82.  —  IV  288  .  IX  64  -  XI  134.  —  IV  292  .  V  663  •  XIV 
240.  —  IV  294  -  XIV  610.  -  IV  295  =  V  550  f.  —  IV  306  .  XIV 
398.  —  IV  324  .  VI  266.  —  V  13  .  XIH  182.  —  V  51  -  VI  158  . 
VII  28  -  XI  110.  —  V64  .  VII  56.  —  V  146  .  XI  126.  —  V 
175  .  XI  105.  —  V  176  .  VII  378.  —  V  180 .  VIII  246  •  XIV 
236.  —  V  189  .  725.  —  V  231  .  198  •  146  .  XIII  378  .  384. 

—  V  240  .  VII  286  '  II  56.  -  V  255  -  XIV  64.  —  V  334  .  XI 
255  .  XIV  175  .  XXIII 111.  -  V  354  .  XIV  25.  —  V  724  .  VI 
250.  —  V  751  .  XII  325.  —  V  766  -  VII  406.  —  VI  25  f.  . 
98  f.  .  IX  1  f.  .  XVI 145  f.  -  VI  62  .  VII  64.  —  VI  87  t  - 
XIV  105  f.  —  VI  192  .  XIV  188.  —  VI  220  .  XIV  272.  — 
VI  224  .  VII  193.  —  VI  226  •  XVI  536  .  XVHI 144  .  XXIH 
96.  —  VI  244  .  Xn  290  .  Vn  274.  —  VII  20  .  60  .  88  .  168  - 
176.  —  VII 166  .  VIII  119.  —  VII  246  •  XVHI  174.  —  VII 
251  .  XIV  757.  —  Vn  374  .  VIII  228.  —  VII  381  -  XIV 
237  -  241.  —  vm  9  -  69  .  75  .  325.  —  VIH  44  -  328  .  XXHI 
19.  —  VIII  80  -  329  .  461.  —  VHI  384  .  XHI  83.  — 
Vni  468  .  Xm  287.  —  Vni  506  -  X  116.  —  XI  85  -  XIII 
58.  —  XI  96  .  XVI  670  .  XXVH  43.  —  XI  234  .  XHI  215  . 
XVm  135.  —  XI  258  .  XX  47.  —  XI  281  -  549.  —  XI 
399  .  XV  1.  —  XII  12  f.  .  XIX  10  •  XXIH  2.  —  XII  19  • 
XVII  2.  —  Xn  87  -  XIV  302.  —  XII  102  »  130  *  XIH  13  f.  — 
XII  133  .  XVI  109.  —  XIII  34  -  XIV  498  .  GA.  14,  872.  — 
Xni  252  .  220.  —  XIII  385  f . .  XIV  34  f.  —  XDI  484  .  XIV 
40.  —  xm  493  .  XIV  251.  —  Xm  502  -  XIV  324.  —  XIV 
2  .  XXVI 22.  —  XIV  29  f.  •  XVHI  49  f.  —  XIV  135  -  370  •  376. 

—  XIV  378  .  XXm  75.  —  385  .  XV  23.  —  XIV  395  f.  -  XVII 
133  -  181.  —  XIV  620  -  738.  -  XVI  42  -  XXVI  2.  —  XVI 
781  =  XXI  39.  —  XVII  2  .  XXII  31.  —  XIX  50  .  XXV  57  • 
81.  -  XX  28  f.  .  XXm  28  f.  —  XX  89  f.  -  XXI  115  f.  — 
XXV  114  .  211  .  XXVn  20  .  32  -  87  .  99. 

Die  oben  in  ihren  Hauptzügen  charakterisierte  Technik 
läuft  bei  Eaufringers  eng  begrenztem  Gesichtskreis  in  Manier 
ans.  Wie  er  in  den  Umschreibungen  des  Begriffs  an  Konrad 
von  Würzburg  anknüpfen  konnte,  ist  S.  18  bemerkt.  Hier  gilt 
es  zu  zeigen,  in  welch  ungeheuerlichem  Masse  sich  diese  Um- 
schreibungen zur  Manier  entwickelten.    In  erster  Linie  fallen 


44 


die  Verbindungen  mit  „one"  zur  Umschreibung  des  Adverbiums 
auf.  Er  verwendet  on  alle  dro  III  420.  IX  190.  XV  74.  (GA.  15, 
79.)  —  on  alle  sucht  IV  104.  —  one  has  IV  160.  XH  184. 
XIII  352.  XVI  409.  XIX  78.  —  one  neit  XIII  156.  —  one 
pein  I  40.  III  486.  IV  252.  —  on  (all)  gevär  (gevar)  IV  241.  330. 
V  96.  626.  VII  103.  405.  VIII  293.  358.  IX  29.  X  47.  67. 
XII  23.  99.  XIV  706.  759.  XVII  5.  27.  76.  174.  313.  XVHI  2. 

—  mit  gevär  VI  151.  XIV  46.  658.  XVI  107.  XX  59.  67. 
142.  XXUI  101.  XXIV  77.  —  on  underlass  III  447.  IV  350. 
Vm  257.  Xn  161.  XIII  247.  373.  XIV  510.  565.  626. 
XVII  20.  201.  XIX  58.  —  on  widerpart  IV  105.  —  one  (alle) 
swär  IV  263.  VIII  408.  XI  41.  501.  557.  XV  85.  97.  XXVH 
151.  —  on  endes  zil  III  552.  IV  166.  V  398.  VIH  32.  65. 
84.  Xm  344.  XIV  506.  XVI  344.  XXI  28.  XXVH  3.  —  one 
rew  I  41.  —  on  argen  list  V  4.  VI  85.  221.  VII  46.  VIH  142. 
IX  239.  XII  78.  314.  XIV  245.  515.  750.  XVII  92.  XX  164. 
XXVII  69.  —  (mit  argem  list  VII  185.  XVI  159.  332.).  — 
one  zal  I  30.  V  382.  XIV  467.  —  on  geprechte  V  166.  452. 
VII  224.  354.  —  on  schrick  VI  54.  —  on  alle  wal  VIU  241. 
XII  106.  ~  on  alle  wer  IX  212.  —  on  (alle)  missewend  IX  206. 

XI  77.  Xra  258.  XIV  212.  XVI  632.  693.  765.  —  on  under- 
schaid  XIH  278.  XVII  8.  XIX  111.  —  on  widerker  XIII  464. 
XVII  15.  280.  305.  XXII  70.  XXIII  70.  —  on  lougen  XV  7.  — 
on  argen  wan  XV  88.  (mit  a.  w.  XVI  454).  —  on  allen  spot 
XVI  316.  459.  XVII  44.  159.  180.  XIX  29.  sunder  spot  XXVI 
103.  —  on  underpind  XVII  22.  203.  XXIH  60.  XXVI  108. 
XXVII  85.  —  on  scherzen  XVII  129.  —  on  allen  wank  XVII 
131.    XXVI  88.  —  on  all   gepär   XI  182.  —  on   all   untrew 

XII  112.  —  on  alle  sorgen  XIU  214.  —  on  mass  XXVH  126. 

—  on  alle  peit  V  92  VI  114.  IX  115.  XI  202.  XU  206. 
Xin  108.  XIV  427.  —  one  (allen)  grauss  I  136.  IV  160. 
IX  40.  194.  XI  263.  XII  211.  253.  XIH  78.  240.  350.  XVI 
90.  112. 

Der  Umschreibung  des  Adverbialbegriffs  dienen  auch  die 
zum  Teil  schon  miterwähnten  entgegengesetzten  Ausdrücke: 
,mit  gevär,  mit  argem  list'  u.  s.  w.  Sie  sind  nicht  so  zahlreich 
wie  die  negativen,  immerhin  aber  maniriert  häufig.  So  erscheint 
mit  (reichem)  schaU  II  96.  176.  198.  XUI  326.  404.  XVIH  182. 


46 

mit  eile  Y  376.  (Rosenpiflt,  Vom  Pfarrer  111,  16  Fsp.  1115, 
71.)  Ein  adjektivischer  Begriff  wird  gern  dnrch  „voll"  und  das 
entgegengesetzte  „hol,  los,  lär"  umschrieben;  z.  B.  „voll":  III 
282.  V  275.  VIII  388.  XH  21.  XIV  620.  738.  228.  XVIÜ 
97.  XIX  16.  137.  XXin  114.  XXV  102.  XXVII  97.  (Rosen- 
plUt,  Maler  1181,  17.  u.  ö.)  „lär,  hol,  plos,  los":  UI  328  (an 
Teichner  anknüpfend).  376.  XH  10.  IX  64.  XI  134.  XH  22. 
237.  XVI  666.  XIX  138.  XXHI  13.  XXV  101.  232.  267. 

Zu  Eaufringers  Manier  gehört  die  Umschreibung  der  Zeit- 
angaben durch:  ze  (an)  der  frist  I  113.  II  207.  222.  279.  291. 
III  21.  46.  100.  113.  429.  618.  673.  IV  113.  V  12.  70.  671. 
VII  86.  222.  268.  VH  7.  45.  85.  187.  271  u.  o.  zuo  der  (ze 
diser)  stund  III  148.  387.  667.  IV  164.  170.  193.  343.  433. 
V  43.  161.  270.  VI  69.  VIII  104.  XI  66.  98.  343.  Xn  195. 
XIII  348.  380.  XIV  307.  u.  o.  mit  der  vert  in  260.  672.  XI 
24.  Xra  273.  XIV  262.  XVUI  106.  XX  94.  auf  (an)  der  stett 
Xn  136.  320.  Zuschlag  bei  Zahlenangaben,  wie  ihn  das  Volks- 
epos ^)  liebt  (Schütze,  Ulrich  von  Zatzikhoven  36),  ist  Eauf- 
ringer  zur  Manier  geworden.  Ein  Znsatz  wie  „oder  mer"  fehlt 
fast  nie.  Vgl.  II  105.  IV  169.  342.  V  87.  107.  XIII 505.  XVI 
114.  XXII  73.  XXin  69.  Unnötig  häufig  ist  das  breite  „der 
selbe  (selbig)"  (Roethe,  Reinmar  von  Zweter  293).  I  60.  345. 
n  74.  135.  III  81.  168.  356.  575.  IV  41.  V  99.  136.  303  f. 
VII  108.  Vm  100  IX  10.  24.  118.  X  63.  XU  7.  43.  Xm  125. 
446.  XIV  18.  31.  XVI  695.  XVIII  8.  XXVII  104.  Die  Vor- 
liebe für  das  Wort  „pflicht"  in  mannigfachen  Verbindungen 
streift  an  Manier.  Vergl.  U  43.  III  418.  V  204.  250.  315. 
599.  VI  64.  vm  439.  456.  IX  27.  74.  X  115.  XII  31.  306. 
Xin  398.  XIV  2.  452.  XVI  378.  741.  XVII  79.  XVIII  190. 
XIX  88.  141.  XXI  90.  XXIII  126.  XXVI  22.  Endlich  möge 
auf  zahlreiche,  oft  recht  unmotivierte  Flickwörter  hingewiesen 
werden,  die  als  ständiges  Füllsel  oder  bequeme  Reimwörter 
wiederkehren,  gar  I  70.  II  56.  68.  208.  lU  319.  629.  IV  65. 
242.  406.  443.  V  548.  VI  182.  229.  234  und  sehr  oft.  genz- 
lich  II  56.  m  307.  VI  182.  620.  V  240.  296.  VII  285.  VIII 
459.  n.  0.  gar  und  ganz  m  704.  XII  71.  XV  96.  schon  II  132. 


>)  Auch  bei  Teichner  LS.  84,  86. 


46 

n  262.  V  497.  523.  529.  722.  VEI  494.  IX  145.  153.  196. 
X  73.  XI  203.  487.  XII  153.  277.  Xni  91.  263.  283.  XIV 
105.  309.  350.  503.  613.  723.  u.  ö.  (Rosenplttt  KeUer,  Era.  187, 
12.  u.  0.)  eben,  vil  eben,  wol  und  eben,  schon  and  eben:  I  295. 
II  245.  288.  IV  178.  220.  412.  465.  V  212.  704.  VH  258. 
335.  348.  IX  45.  145.  156.  163.  u.  o.  U  123.  VII  286.  329. 
Vm  487.  IX  192  u.  ö.  I  423.  VII  286.  329.  VHI  487.  IX 
192  u.  ö.  VII  151  (Rosenplttt  QF.  77,  149  f.  Zu  Kistener  302), 
vil,  vil  ser:  II  57.  109.  V  288.  VI  164.  173.  177.  VH  260. 
365.  XI  296.  XI  313.  zehant  II  147.  IV  207.  250.  V  209. 
455.  503.  515.  553.  628.  668.  VII  143.  212.  228.  278.  295. 
332.  366  u.  sehr  oft.  zwar  II  13.  60.  80.  207.  Hl  219. 
227.  IV  145.  329.  V  169.  390.  395.  482.  699.  und  sehr  oft. 
fürwar  II  50.  VI  230.  VII  99.  172.  VIU  57.  65.  316.  417.  u.  5. 
offenbar  I  100.  n  13.  30.  HI  109.  164.  329.  490.  576.  u.  o. 
behend  III  654.  IV  439.  XI  208.  XIV  306.  drat  XVIH  122. 
XX  17.  152.  XXI  73.  u.  ö.   gemain  III  224.  243.  IV  78.  83. 

VI  38.  Xin  416.  XVI  61.  81.  XVII  193.  XXIV  65.  ge- 
mainclich  XXIH  169.  all  geleich  III  251.  286.  X  108.  XVI  487. 
leise  :  weise  IV  428.  V  263.  310.  449.  VI  117.  VII  39.  239. 
368.  XI  241.  327.  XÜ  43.  Xni  231.  XIV  153.  355.  521.  589. 
XVI  77.  501.  XVII  23.  XVIII  63.  XXIII  99.  do  :  also  I  411. 
II  89.  103.  IV  147.  317.  V  141.  227.   607.  673.  695.  VI  279. 

VII  73.  253.  337.  343.  387.  VHI  308.  IX  57.  185.  323.  XU 
295.  XIV  35.  217.  691.  XV  73.  XVII  25.  71.  XVm  51.  XX 
85.  XXI  67.  XXIII  103. 

Den  älteren  Parallelismus  zerstört  „und  auch":  U  113.  IV 
276.  V  117.  VI  250.  VII  44.  XI  242.  XH  205.  XIII  203. 
u.  0.  und  darzuo:  V  39.  51.  117.  VII  67.  VIH  22.  u.  o. 

Formelwesen  und  Manier  bestätigen  die  Schlüsse,  die  aus 
der  Verskunst  auf  die  Chronologie  der  Eaufringerschen  Sprttche 
zu  ziehen  sind;  in  den  geistlichen  und  moralisierenden  Sprüchen 
sind  Manier  und  Formel  noch  wenig  und  unvollkommen  ent- 
wickelt, in  den  Novellen  auf  der  Höhe  ihrer  Ausbildung.  In 
der  Verskunst  lässt  sich  dementsprechend  eine  Entwickelung 
verfolgen,  die  von  ziemlich  unbeholfenen  Anfängen  zu  einer  für 
seine  Zeit  immerhin  achtnngswerten  Kunstfertigkeit  führt.  Am 
tiefsten  steht  Nummer  XXVI ;  der  Dichter  ringt  mit  der  Sprache 


47 

und  dem  Rhythmus.  Es  herrschen  überladene  Fttsse  und  un- 
geschickt versetzte  Betonung,  z.  B.  39,  43,  45,  46,  67  f.,  69  ff.  und 
so  fort.  Pauls  Grundriss  IT  1,  945.  Es  reimen  noch  gelust: 
durst  XXVI  25,  während  Kanfringer  später  derartige  grobe 
Fälle  mundartlicher  Freiheit  streng  verpönt.  Über  diese  Stufe 
erheben  sich  etwas  das  XXV.,  XVII.  und  XVI.  Gedicht.  Im 
XXV.  gibt  es  noch  Verse  wie :  206  Die  gab  der  gotlichen  ver- 
stantnuss.  211  Das  er  mit  trunkenheit  ist  umbgeben.  215  Vinum 
et  ebrietates  aufferunt  cor.  Über  Sprache  und  Verskunst  S.  1 1  f. 
Diese  Gedichte,  denen  sich  Nr.  XXVII,  XIX,  XXII  auschliessen, 
sind  auch  inhaltlich  wohl  am  unselbständigsten.  Dann  folgen 
seine  moralisierenden  Sprüche  und  Legenden.  Am  gewandtesten 
sind  die  Novellen. 

IV. 

Quellen. 

Die  folgenden  Untersuchungen  über  die  Quellen  des  Dichters 
haben  es  nicht  mit  der  Stoffgeschichte  als  solcher  zu  thun, 
sondern  mit  der  Frage  nach  Eaufringers  dichterischer  Indivi- 
dualität. Seine  individuelle  Leistung  war  an  der  Überlieferung 
und  an  den  Quellen  zu  messen.  Dabei  kommt  es  schon  im  all- 
gemeinen nicht  auf  massenhafte  Parallelen  an;  spätere  Über- 
lieferung brauchte  eigentlich  gar  nicht  herangezogen  zu  werden, 
wenn  die  frühere  reichlich  vorhanden  war.  Fehlte  diese  aber, 
so  musste  sie  aus  jener  erschlossen  werden.  Wie  ich  zu  ver- 
fahren versuche,  habe  ich  im  Anzeiger  der  Zeitschrift  für 
deutsches  Altertum  41,  56.  267.  269  f.  angedeutet.  Von  dog- 
matischen Verallgemeinerungen  ist  grundsätzlich  abgesehen. 
Dazu  gehört  auch  die  Ansicht  von  Wilamowitz,  der  in  dem 
Novellenschatz  des  Orients  und  des  Mittelalters  das  Erbe  des 
Hellenismus  sieht.  Rohde  hatte  sich  vorsichtiger  darüber  aus- 
gesprochen. Das  Forschen  nach  einer  einzigen  Quelle,  nach 
einer  Urheimat  dieser  oft  grundverschiedenen,  vielgestaltigen 
Überlieferungen  beruht  auf  einer  Verkennung  ihrer  Be- 
schaffenheit. 

Dankbar  gedenke  ich  der  Förderung,  die  diesem  Kapitel 
durch  den  unvergesslichen  Reinhold  Köhler  und  Johannes  Bolte 


48 

zu  Teil  geworden  ist.  Übrigens  gilt  ganz  besonders  für  dieses 
Gebiet  litterarischer  Forschung  Bacos  Wort:  Multi  pertransibunt 
et  augebitur  scientia. 

1. 
Der  Einsiedler  und  der  Engel. 

Heinrich  Eaufringer  hat  sich  hier  mit  Glück  in  der  Dar- 
stellung eines  Legendenstoffes  versucht,  der  noch  heute  fortlebt 
und  sich  bis  in  die  ersten  Jahrhunderte  unsrer  Zeitrechnung 
zurückverfolgen  lässt,  wie  es  mit  ebensoviel  Geschmack  als 
Gelehrsamkeit  Gaston  Paris  in  der  Sitzung  der  Pariser  Aka- 
demie vom  12.  November  1880  (Comptes  rendus  des  s6ances 
de  l'annee  1880,  IV«  s6rie,  tome  VUI,  Paris  1881,  S.  427—453) 
gethan  hat. 

Der  Stoff  ist  dem  Äbendlande  aus  dem  Osten  zugekommen. 
Die  älteste  Gestalt  desselben  ist  von  Gaston  Paris  in  einer 
jüdischen  Erzählung  nachgewiesen ;  der  darin  auftretende  Josua 
ben  Levi  lebte  im  dritten  Jahrhundert  nach  Christus.  Ihr  In- 
halt ist  folgender: 

Elias,  der  mit  dem  Rabbi  Josua  wandert,  tötet  die  Kuh 
eines  Armen,  der  die  Pilger  bewirtet  hatte,  baut  einem  un- 
gastlichen Reichen  über  Nacht  einen  Palast,  und  einer  Stadt, 
in  der  sie  ungastliche  Aufnahme  fanden,  verleiht  er  die  Gnade, 
dass  alle  ihre  Kinder  zu  Oberhäuptern  werden,  während  er  in 
einer  gastlichen  Stadt  nur  ein  einziges  Kind  zum  Oberhaupt 
bestimmt.  Endlich  erhält  der  Rabbi  Aufklärung  über  Gottes 
geheimnisvolle  Ratschlüsse. 

Mit  dieser  Erzählung  hat  das  leider  verstümmelte  hundertste 
Stück  der  Isländischen  Legenden,  Novellen  und  Märchen  aus 
dem  14.  Jahrhundert,  die  Hugo  Gering  herausgegeben  hat,  den 
bemerkenswerten  Zug  gemein,  dass  die  Kuh  gastlicher  Leute 
getötet  wird. 

Jüdischen  Ursprunges  sind  wohl  auch  die  orientalischen 
Versionen  und  die  18.  Sure  des  Korans  (ÜUmann^  S.  246),  in 
welcher  John  Dunlop  den  Keim  unserer  Legende  sah.  Dunlop- 
Wilson  2,  269.  Dunlop-Liebrecht  S.  312.  Wie  in  der  jüdischen 
Version  Elias  einem  ungastlichen  Reichen  einen  Palast  baut, 
so  richtet  in  der  arabischen  Erzählung  der  Prophet  AI  Chidr, 


_49 

der  Begleiter  des  Moses,  eine  den  Einsturz  drohende  Mauer 
auf;   sonst  gehen  beide  Überlieferungen  vielfach  auseinander. 

Reich  entwickelt  ist  dieser  Stoff,  abgesehen  von  der  schon 
erwähnten  nordischen  Fassung,  in  den  Bearbeitungen  des  späteren 
Mittelalters.  Reinhold  Köhler  und  Hugo  Gering  zu  den  Is- 
lendzk  iEventyri,  Band  2,  Halle  1884,  S.  249.  Bächtold,  Deutsche 
Handschriften  78.  Reinhold  Köhler,  Kleinere  Schriften,  heraus- 
gegeben von  Johannes  Holte.  I  148.  678.  581.  Fränkel,  Engl. 
Stud.  20,  110—116.  21,  186—188.  Anzeiger  f.  d.  A.  41,  54  ff., 
Zeitschrift  f.  d.  Phil.  31,  349  ff. 

Während  sich  keine  mir  bekannte  Version  genau  mit 
Kaufringers  Überlieferung  deckt,  steht  diese  doch  dem  220. 
(Dick,  nach  Österleys  Ausgabe  80.)  Kapitel  der  Gesta  am 
nächsten. 

Dass  Erzählungen  der  Gesta  zu  des  Dichters  Zeit  und  in 
des  Dichters  Gegend  verbreitet  waren,  lässt  sich  nachweisen. 
Dem  14.  Jahrhundert  gehören,  ausser  mehreren  Innsbrucker 
Handschriften,  auf  österreichischem  Gebiete  Handschriften  aus 
Kremsmtinster  und  Klosterneuburg  an.  Österley,  Gesta  Ro- 
manorum, Berlin  1872,  Nachtrag  S.  751.  Von  den  vier  Mün- 
clieuer  Handschriften,  die  Wilhelm  Dick  verglichen  hat, 
stammen  zwei,  allerdings  im  15.  Jahrhundert  entstandene,  aus 
Tndersdorf  in  Oberbayern,  eine  vom  Jahre  1419  aus  Tegern- 
see  und  die  vierte,  vom  Jahre  1457  datierte,  aus  Gmünd  am 
Tegernsee. 

Auch  deutsche  Bearbeitungen  gab  es  bekanntlich  schon  im 
14.  Jahrhundert;  ja  Wilhelm  Wackernagel  war  geneigt,  solche 
schon  dem  13.  Jahrhundert  zuzusprechen,  Hess  sich  aber  freilich 
wohl  von  der  Voraussetzung  täuschen,  dass  die  Gesta  Roma- 
norum deutschen  Ursprungs  seien.  Gesta  -  ähnliche  deutsche 
Erzählungen,  die  dann,  wie  die  lateinischen  (Österley  a.  a.  o. 
S.  254  f.),  meist  ungenau  zitiert  wurden,  gab  es  jedenfalls  schon 
im  13.  Jahrhundert.  Lanzelet  V.  8000  heisst  es:  „nach  Roraaere 
buochc  sage**.  Hugo  von  Trimberg  verweist  im  Renner  22750 
auf  <lie  Bücher  ,der  Romaere  tat'.  Heinrich  Teichner  beruft 
sich  bei  Karajan,  Über  Heinrich  den  Teichner  S.  25  des  Sonder- 
druckes Anmerkung  27  für  die  Sage  von  Crescentia  auf  eine 
Quelle,  die  er  „der  Romaere  buoch"   nennt,   wahrscheinlich   die 

Euling,  Heinrich  Kaofrlnger.  4 


60 

Kaiserchronik.  Eine  deutsche  mttndliche  oder  schriftliche  ^)  Oesta- 
Erzählung  mag  Eaafringer  benutzt  haben  ^. 

Wenn  wir  nun  das  Verhältnis  Eaufringers  zu  der  ihm  am 
nächsten  stehenden  Fassung  dieser  Erzählung  im  Eap.  220  (Dick) 
der  Gesta  Romanorum  untersuchen,  so  ist  von  vornherein  her- 
vorzuheben, dass  besonders  der  mündlichen  Überlieferung  der 
weitgehendste  Einfluss  auf  die  Gestaltung  der  Stoffe  eingeräumt 
und  mit  der  Möglichkeit  verlorener  Mittelglieder  in  der  Über- 
lieferung gerechnet  werden  muss.  Auch  im  XIV.  Gedicht  weist 
die  Stoffüberlieferung  auf  eine  verlorene  oder  unbekannte  Gesten- 
Sammlung  hin,  die  mit  der  englischen  Version  (The  early 
English  versions  of  the  Gesta  Eomanorum.  hg.  von  Herrtage. 
London  1879)  Verwandtschaft  hat.  Man  wird  also  nie  ohne 
Weiteres  annehmen  können,  dass  jede  Abweichung  der  beiden 
verglichenen  Fassungen  nur  von  dem  betreffenden  Autor  her- 
rühre. Vergl.  Euphorion  6,  464.  In  der  Einleitung  der  la- 
teinischen Fassung  wird  eine  ziemlich  unwahrscheinliche  und 
gesuchte  Motivierung  für  den  Wunsch  des  Einsiedlers,  die  Welt 
zu  durchwandeni,  gegeben.  Einem  schlafenden  Schäfer  sind 
seine  Schafe  gestohlen,  der  erzürnte  Herr  tötet  den  Unschuldigen. 
Kaufringer  dagegen  lässt  den  Trieb  nach  Erkenntnis,  welcher 
den  Einsiedler  bestimmt,  seine  Klause  zu  verlassen,  nicht  erst 
zufällig  durch  ein  äusserliches  Ereignis  erwachen.  Es  heisst 
I  16 ff.:  „Den  selben  pruoder  ward  belangen 

Nach  den  wundern,  die  got  tuot. 

Er  nam  im  für  in  seinem  muot, 

Er  wölt  ir  komen  an  ain  end, 

Und  huob  sich  auf  gar  behend 

Und  weit  all  die  weit  durch  gan". 
In  diesem  Punkte  schliesst  sich  Kaufringer  an  die  beiden  von 
Rohde  S.  32  und  34  abgedruckten  lateinischen  Fassungen  bei 
Wright  und  im  Codex  Sachse  an. 

Bei  der  nun  beginnenden  Wanderung  gibt  sich  in  den  la- 
teinischen Fassungen  der  Engel  sofort  zu  erkennen,  wodurch 


^)  Nach  den  Worten  Kaufringers  1, 10  „Als  ich  von  ainem  haun  yer- 
nomen''  lässt  sich  das  nicht  entscheiden.  Vergl.  IV  26. 

^)  Sehr  beachtenswert  ist,  was  Hertz,  Spielmannsbnch  ^  S.  48f.  Über  das 
ursprüngliche  Verhältnis  von  Prosa-Erzählung  und  Versnovelle  sagt. 


51 

das  Moment  der  Spannung,  mit  dem  wir  in  der  deutschen  Er- 
zählung dem  Schlüsse  entgegensehen,  vollständig  in  Wegfall 
kommt.  Diesen  Vorzug  hat  Kaufringer  mit  den  vorzüglichsten 
Bearbeitungen  dieses  Gegenstandes,  mit  dem  bekannten  alt- 
französischen conte  devote,  mit  Parnell,  Voltaire  und  vielen 
Andern  gemein.  Rohde  S.  28.  49.  Die  Reihenfolge  der  Er- 
eignisse ist  in  der  Gesta  diese:  Erwttrgung  des  Kindes,  Ent- 
wendung des  Bechers,  Ertränken  des  Führers  und  Verschenken 
des  Bechers.  Offenbar  entspricht  die  Anordnung  der  deutschen 
Legende  mehr  den  Forderungen  einer  angemessenen  Steigerung 
und  eines  wirkungsvolleren  Abschlusses,  wenn  sie  das  Ver- 
schenken des  Bechers  an  dritte  Stelle  rttckt  und  das  Ertränken 
des  Fremden  bis  zum  Schluss  aufspart. 

Vergleichen  wir  jetzt  die  einzelneu  Ereignisse.  In  den  Gesta 
erscheint  ein  ritter  (miles),  bei  Kaufringer,  dem  bürgerlichen 
Charakter  seiner  Dichtung  entsprechend,  ein  reicher,  frommer 
Bürger.  Bei  dem  deutschen  Dichter  geschieht  der  Mord  morgens 
beim  Abschied,  und  der  Einsiedler  tadelt  die  That  sofort. 
Verrät  sich  hier  natürliches  Empfinden,  so  vermissen  wir  dieses 
in  der  lateinischen  Erzählung,  die  den  Mord  um  Mitternacht 
geschehen  und  den  Einsiedler  dabei  nur  im  stillen  zu  sich  sagen 
lässt:  „Iste  angelus  non  est,  sed  est  dyabolus  in  specie  hominis 
et  opus  dyabolicum  perpetravit".  —  „Tamen  non  fuit  ausus  de 
hoc  sibi  loqui  — "  setzt  der  Erzähler  hinzu.  Die  Reise  wird 
fortgesetzt,  man  kommt  mit  Kaufringer  wieder  zu  einem  ein- 
fachen Biedermanne,  in  der  lateinischen  Erzählung  zu  einem 
alius  miles.  Hier  erfährt  man:  angelus  .  .  .  circa  mediam 
noctem  (wie  oben)  surrexit  et  furtive  cyphum  abstulit  et  secum 
portavit;  der  Gefährte  hat  zwar  wieder  seine  eigenen  Gedanken, 
wagt  aber  auch  jetzt  nichts  zu  sagen.  Im  deutschen  Gedichte 
bricht  hier  ernster  Zwist  zwischen  den  Pilgern  aus. 

Wenn  nun  in  den  Gesta  ein  Armer,  der  ihnen  begegnet 
und  dann  den  Weg  zeigt,  in  den  Fluss  gestürzt  wird,  der  Ein- 
siedler aber  wiederum  kein  Wort  des  Tadels  findet,  so  ist  das 
unnatürlich.  Die  Pilger  werden  dann  von  einem  reichen  Manne, 
bei  dem  sie  Obdach  suchen,  in  einen  Schweinestall  gewiesen, 
wofür  er  den  Becher  erhält.  Nun  kann  der  Einsiedler  nicht 
mehr  an  sich  halten  und  sagt  zu  dem  Engel:   ,Ad  deum  t^ 

4* 


52 

recommendo ,  amplius  tecum  expectare  volo'.  Eine  lauge  Rede 
des  Engels  mit  den  nötigen  Erklärungen  beschliesst  das  latei- 
nische Stück. 

Anders  der  deutsche  Erzähler.  Der  Becher  wird  an  einen 
Kneipwirt  verschenkt,  der  Schweinestall  uns  erlassen,  wie  im 
codex  Sachsse  und  in  Wrights  Legende.  Das  Zerwürfnis 
zwischen  den  Wanderern  verschärft  sich.  Endlich,  als  der 
Fremde  auf  der  Brücke  ertränkt  wird,  bricht  der  Konflikt  mit 
aller  Gewalt  los. 

I  303:    „Der  pruoder  schrai  lutt:  Waffen! 

Wie  ist  got  so  entschlauflfen. 

Das  er  an  dir  nit  rechen  wil 

Die  bosshait,  der  du  tuost  so  vil! 

Zwar  ich  will  mit  dir  nicht  raer 

Fürbas  gaun  weder  hin  noch  her". 
Nach  kurzem    angemessenen  Dialog  gibt   sich  der  Engel 
zu  erkennen.    Die  Erklärungen  besagen  in  der  lateinischen  Le- 
gende:  der  Hirt  sei  getötet  zur  Busse  für  seine  Sünde;    das 
Kind  erwürgt,  weil  der  Vater  nach  der  Geburt  des  Kindes  die 
guten  Werke  unterlassen  (,maximus  elemosynarius  erat');    der 
Führer  sei  ertränkt,  weil  er  im  Stande  der  Gnade  gewesen, 
aber  bald  gesündigt  haben  würde  ^);  der  Becher  gestohlen,  weil 
der  miles   aus  dem  Becher  sich  stets  betrunken  hätte.     Wenn 
dagegen  Kaufringer  motiviert,  Vater  und  Mutter  hätten  ob  ihres 
Kindes  Gott  vergessen   und  seien  ganz  in  den  Sorgen   für    die 
Zukunft  des  Sohnes  aufgegangen,  der  Becher  aber  sei  ungerecht 
erworbenes  Gut  gewesen  und  der  Kneipwirt  habe  für  das  wenige 
Gute,   das   er   gethan,    doch    auch  belohnt  werden   sollen,    so 
ist    es    nicht    zweifelhaft,    welche    Motivierung    den    Vorzug 
verdient. 

Fassen  wir  die  angedeuteten  Momente  zusammen,   so  er- 
scheint die  farblose  Skizze  der  Gesta  bei  dem  deutschen  Dichter  ' 
nicht  übel   koloriert,   vertieft  und  belebt.     Die   Vorgänge   sind 
treffend  lokalisiert;  vergleiche  I  194 ff.;  die  Charakteristik  des 
Einsiedlers  sowie  der  andern  Personen  ist  wohl  gelungen ;  viele 


*)  Rascher  Tod  nach  der  Busse  gilt  als  Glück.    Gering,  Tslandzk  JSven- 
tyri  Nr.  X:  der  Räuber  Yilchin,  und  die  Nachweisuugen  dazu.  2,  21fr; 


53 

individuelle  Züge*),  psychologische  Erwägungen,  Sprichwörter 
heben  die  Stimmung  der  Personen  hervor;  es  fehlt  nicht  an 
Einheitlichkeit,  die  bei  so  vielen  Bearbeitungen  dieses  Stoffes 
durch  Anhäufung  der  Abenteuer  und  mangelhafte  Anordnung 
gestört  ist.  Man  kann  nicht  umhin,  alle  Änderungen  den  Gesta 
gegenüber  als  Verbesserungen  zu  bezeichnen.  Die  Betonung 
der  Treue  bei  Kaufringer  (I  37  flf.  312  flf.  vergl.  Kunz  Kistener, 
Jakobsbrüder  33  ff.)  scheint  ein  eigentümlich  deutscher  Zug  zu 
sein,  welcher  den  fremden  Bearbeitungen  fehlt. 

2. 

Der  bekehrte  Jude. 

Ein  Jude,  welcher  zur  Zeit  einer  allgemeinen  Judenbe- 
kehrung seinem  Glauben  hartnäckig  treu  geblieben  ist,  über- 
nachtet einst,  in  allen  Häusern  und  Herbergen  abgewiesen,  in 
einer  verfallenen  Synagoge.  Da  sieht  er  gegen  Mitternacht  zu 
seinem  Entsetzen,  wie  die  Teufel  unter  Lucifers  Vorsitz  sich 
daselbst  versammeln,  um  von  ihrer  Thätigkeit  Rechenschaft  zu 
geben.  Nachdem  der  eine  gemeldet,  er  habe  grossen  Mord  an- 
gestiftet, ein  anderer,  ein  Eremit  sei  durch  ihn  verführt,  sagt 
ein  dritter,  es  sei  ihm  schon  zum  Teil  gelungen,  den  Papist  zum 
Umgang  mit  einer  Frau  zu  verleiten;  in  einem  halben  Jahre 
werde  er  ihn  vollständig  in  seiner  Gewalt  haben.  Diesem  Teufel 
verspricht  Lucifer,  nach  Belohnung  der  übrigen,  seine  eigene 
Krone  und  Gewalt.  Die  furchtbaren  Teufelserscheinungen  aber 
jagen  dem  versteckten  Juden  eine  solche  Angst  ein,  dass  er 
sich  bekreuzigt.  Nun  fliehen  die  höllischen  Geister  davon.  Am 
Morgen  zieht  der  bekehrte  Jude  zum  Papste,  der  ihn  tauft,  ihn 
an  seinem  Hofe  behält  und  sich  selbst  bessert. 

Diese  Legende  beruht  auf  der  Verbindung  einer  Erzählung 
des  h.  Gregor  von  der  Bekehrung  eines  Juden  mit  dem  Bericht 
von  einer  Teufelversammlung  aus  den  Vitae  Patrum.  Vergl. 
Gaston  Paris  in  der  Histoire  literaire  de  la  France  28,  200  ff. 


')  z.  B.  der  ärgerliche  Humor  I  171: 

,Sol  ich  bei  dir  nun  sein  unlange, 

So  mög  wir  werden  baid  erhangen. 

Damach  ich  nie  gerungen  han'. 
Vergl.  228. 


54 

und  Legenda  aurea  S.  609  ff.    Oraesse.     Die  Eenutnis    beider 
Stellen  verdanke  ich  einem  Nachweise  Reinhold  Köhlers. 

Im  137.  Kapitel  des  Jacobus  a  Voragine  wird  nämlich  von 
Andreas,  dem  Bischof  von  Fundi,  berichtet,  er  habe  eine  geist- 
liche Frau  bei  sich  wohnen  lassen,  und  unerlaubte   Wflnsche 
seien  in  ihm  aufgestiegen.    Nun  sei  ein  Jude  nach  Rom   ge- 
kommen und  habe  im  Tempel  des  Apollo  dasselbe  erlebt,    was 
die  Inhaltsangabe  oben  andeutete.     Bis  hierher  folgt  Jacobos 
a  Voragine  dem  Gregorius  (Dialogi  37).  *  Jetzt  schiebt  er  einen 
Bericht  über  die  Teuf elsversammlung  ^  nach  den  Vitae  patrum 
(S.  580.  576.  566.)  beispielsweise  ein,  um   seinen  Lesern    ein 
Bild  solcher  Verhandlungen  zu  geben.     Die  Ausführungen  in 
der  deutschen  Novelle  weichen  insofern  ab,  als  statt  des   hier 
auftretenden  ei*sten  Teufels  bei  Jacobus,  deren  zwei  erscheinen, 
welche  mit  ganz  ähnlichen  Thaten  wie  bei  Kanfringer,    nach 
der   Ansicht   Lucifers   zu  lange   Zeit  hingebracht  haben    und 
deshalb  bestraft  werden.    Der  Teufel  aber,  welcher  den  Ein- 
siedler verführt  hat,  wird  belohnt,  trotzdem  er  vierzig  Jahre 
darauf  verwandt   hat.     Nunmehr  kehrt  Jacobus   zu   Gregors 
Berichte   zurück.     Es   folgt  die  Geschichte  des  Andreas,   die 
Entdeckung  des  Juden,  welche  mit  den  Worten:    „vere  vas*) 
vacuum,   sed  signatum"  begleitet  wird,  die  Flucht  der  Teufel, 
die  Warnung  des  Bischofs  und  Taufe  des  Juden.    Auf  der  Le- 
genda aurea  beruht  die  von  Reifferscheid  in  der  Zeitschrift  für 
deutsche    Philologie    6,    433  mitgeteilte    Erzählung    aus    dem 
Seelen  tröste.    Dieselbe  Fassung  weist  G.  Paris  in  Nr.  21  des 
Libro  de  los  exeniplos  nach.    Die  eine  Legende,  in  welcher  nur 
die  Macht  des  Kreuzeszeichens  bewiesen  werden  soll,  habe  ich 
in  der  Ausgabe  S.  239  auch  aus  Brun   von  Schonebeck  ange- 
merkt und  abdrucken  lassen,  da  ich  damals  noch  nicht  wusste, 
dass  Fischer  in   seiner  Monographie   über   Bruns   Hohes  Lied 
S.  121  die  Stelle  schon  ausgehoben  hatte.    Jetzt  s.  Brun  von 
Schonebeck   hg.   von  Fischer  9783  flf.     Aus  dem  Gedichte   De 
triumphis  ecclesiae  des  Jean  de  Gallande  ist  dieselbe  Legende 
von    Gaston    Paris  a.  a.  0.  nachgewiesen.     Vergleiche    noch 


»)  Vergl.  Germ.  Abb.  17,  109  ff. 

»)  Kaufringer  II  204.  XVIK  139.  155.  Renner  9690. 


66 

Zeitschrift  für  deutsche  Philologie  6,  441 :  ,Vaii  ßnen  jode* 
aus  dem  Spieghel  der  leien.  Mit  dem  Kreuzeszeichen  kämpft 
Parzifal  gegen  den  Teufel  im  Rappoltsteiner  Parz.  726,  16  ff. 
741,  24 ff.  745,  27  ff.  jedesmal  mit  überraschendem  Erfolg;  ebenso 
Boors  804,  45  ff.  Die  Versammlungen  des  Teufel  und  ihre 
Verhandlungen  wurden  gern  gehört  und  gelesen.  In  Kellers 
Erzählungen  erscheint  solchen  Inhalts  ein  Teufelsbuch  S.  19  ff. 
Ich  erinnere  ferner  nur  an  die  Faustsage  und  Macbeth.  Der 
andere  Zug  der  Legende,  die  Errettung  eines  frommen  Mannes 
aus  grosser  Gefahr  für  sein  Seelenheil,  ist  auch  in  der  Legenda 
aurea  Kapitel  2,  9  und  in  der  Erzählung  vom  Bruder  Rausch 
V  202  ff.  verwandt.  Dort  ist  der  heilige  Andreas  der  Retter, 
hier  ein  Bauer,  welcher  in  einem  hohlen  Baume  übernachtend, 
dem  Teufelrate  beiwohnt  und  dann  den  Abt  des  Klosters  rettet. 
Vollständig  in  einander  verarbeitet,  wie  bei  Kaufringer,  sind 
beide  Motive  in  der  französischen  Erzählung  Wilhalms  bei  G. 
Paris  a.  a.  0.  S.  201.  Von  der  deutschen  Fassung  abweichende 
Züge  sind  folgende:  Der  Jude  übernachtet  in  einem  Apollo- 
tempel;  der  erste  Teufel  stiftet  Unfriede  bei  einer  Hochzeit, 
wobei  die  Eheleute  erschlagen  werden.  Der  zweite  hat  in 
7  Jahren  mehr  als  1000  Schiffe  zu  Grunde  gehen  lassen.  Beide 
werden  bestraft,  da  sie  nicht  genug  gethan.  Der  dritte  aber 
hat  einen  Bischof  verführt.  Von  unmittelbarer  Abhängigkeit 
Kanfringers  der  französischen  Legende  gegenüber  kann  keine 
Rede  sein.  Es  ist  vielmehr  auch  hier  anzunehmen,  dass  deutsche 
Prosabearbeitungen  oder  mündliche  Überlieferung  die  Ver- 
mittlung zwischen  den  Quellen  und  Kaufringers  Fassung  über- 
nommen haben. 

Inbetreff  der  Rauschsage,  (Euphorion  4,  756  ff.)  die  schon 
von  Gering  in  den  Bemerkungen  zu  den  ^vent^ri  XXVI  als 
eine  Sage  mönchischen,  nicht  mythischen  Gepräges  nachge- 
wiesen ist,  möchte  ich,  um  den  Glauben  an  die  deutsche  Heimat 
und  den  germanisch-mythischen  Ursprung  der  Sage  noch  mehr 
zu  erschüttern,  hinzufügen,  dass  sie  auch  im  Indischen  vor- 
handen ist.  Ein  Drache  Hess  sich  nach  dieser  Sage  in  einem 
buddhistischen  Kloster  als  Mönch  aufnehmen  und  verursachte 
den  Mönchen  allerlei  Ungemach.  Landau,  Quellen  des  Deca- 
merone  242.   Die  Heimat  der  deutschen  Sage  war  für  Schade,  der 


56 


im  Weimarischen  Jahrbuche  5,  380  darüber  gehandelt  hat,  un- 
zweifelhaft das  frühere  Kloster  Esrom  auf  Seeland  in  der 
Diöcese  Roschild,  obgleich  weder  die  älteste  Bearbeitung,  das 
niederdeutsche  Gedicht,  noch  die  dänische  Sage  oder  das  eng- 
lische Volksbuch  den  Namen  kennen.  Nur  die  hochdeutschen 
Bearbeitungen  nennen  alle  Esrom.  Die  andern  von  Schade 
S.  380  f.  angeführten  Zeugnisse  stammen  erst  aus  dem  17.  und 
18.  Jahrhundert;  und  wenn  in  dem  von  Schade  zitierten  Werke 
Marmora  Danica.  Hafniae  1739.  1.  198  f.  gerügt  wird,  dass  das 
gereimte  dänische  Volksbuch  die  Sage  nach  Sachsenland  ver- 
setze, so  klingt  das  sehr  verdächtigt).  Auch  Hödeken,  der 
Hildesheimische  Kobold,  verübt  ganz  ähnliche  Streiche  wie 
Bruder  Rausch.  Seifart,  Sagen,  Märchen,  Schwanke  und  Ge- 
bräuche aus  Stadt  und  Stift  Hildesheim.  Hildesl^eim  1889. 
S.  61  If.  erste  Ausgabe  S.  182.  vergl.  Heinrich  Teichner  in  der 
von  Karajan  S.  106  angegebenen  Stelle. 

Auf  die  Fassung  der  Legende  scheint  die  Zeit  der  Juden- 
verfolgungen und  Judenbekehrungen  nicht  ohne  Einfluss  gewesen 
zu  sein.  Gerade  im  14.  Jahrhundert  erreichten  diese  Unruhen 
ihren  Höhepunkt.  Riezler,  Geschichte  Bayerns  2,  522  ff.  3,  22. 
Aus  etwas  späterer  Zeit  Städtechroniken  5,  162,  24  ff. 

3. 
Der  verklagte  Bauer. 

Der  Pfaffe  und  der  Richter^)  eines  Dorfes  verabreden  unter 
sich,  einen  rechtschaffenen  reichen,  aber  kargen  Bauern,  welcher 
um  die  Gunst  beider  sich  gar  nicht  kümmert,  gefügig  zu  machen. 
Folgender  Umstand  kommt  ihnen  zu  statten.  Ein  fürchterliches 
Unwetter  hat  die  Felder  verheert  und  viele  Menschen  unglücklich 
gemacht.     Der  Bauer  aber  behauptet  öffentlich,    dass    es    ein 

*)  Heinrich  Anz,  Euphorion  a.  a.  0.  bleibt  bei  deutschem  bezw.  dänischem 
Ursprünge.  Man  wird  auch  hier  den  Inhalt  nicht  als  Ganzes  zu  betrachten, 
sondern  in  seine  Grundzüge  zu  zerlegen  haben.  Vergl.  jetzt  Anz  im  Nieder- 
deutschen Jahrbuch  24,  76  ff. 

'^)  Die  Rechtsprechung  weist  auf  oberbajerisches  Landrecht,  Riezler, 
Geschichte  Bayerns  3,  687.  Über  die  bischöflichen  Hofgerichte  Scholz,  (be- 
schichte der  d.  Schriftsprache  in  Augsburg  S.  22  f.  Die  Bauern  lebten  in 
nicht  ungünstigen  Verhältnissen.    Riezler  S.  802. 


57 

I 

gutes  Unwetter  gewesen  sei.  Der  PfaflF  hält  ihn  nun  für  einen 
Ketzer,  und  als  der  Bauer  am  nächsten  Sonntag  auf  dem  Kirchhof 
während  des  Gottesdienstes  mäht,  erklärt  der  im  Gottesdienste 
gestörte  Pfaffe  vom  Altar  her,  dass  ein  gottloser,  ketzerischer 
Bauer  sich  in  der  Pfarre  befinde,  den  er  noch  zu  strafen  ge- 
denke. Die  Menge  eilt  hinaus  und  erkennt  den  reichen  Bauern 
als  den  bezeichneten  Übelthäter,  der  aber  lässt  sich  gar  nicht 
stören  und  handelt,  als  habe  der  Pfaffe  einen  andern  gemeint. 
Einige  Wochen  darauf,  an  einem  Sonntage,  kann  der  erzUrnte 
Pfarrer  nicht  länger  an  sich  halten;  er  bringt  einen  grossen 
Stein  mit  auf  die  Kanzel  und  verkttndet  am  Ende  der  Predigt, 
dass  er  den  Bösewicht  vor  aller  Welt  kenntlich  machen  wolle, 
indem  er  ihn  werfe.  Sofort  duckt  sich  der  Bauer  und  erkennt 
damit  gewissermassen  seine  Schuld  an.  Jetzt  wird  er  vom  Richter 
als  Ketzer  verhaftet.  Der  Pfarrer  redet  ihm  zu  mit  Hinweis 
auf  die  ewige  Seligkeit;  doch  der  Bauer  nimmt  nichts  von 
dem  zurück,  was  er  gesagt  hat,  und  fügt  hinzu,  er  habe  Himmel 
und  Hölle  in  seinem  Hause.  Auf  weitere  Vorstellungen  ant- 
wortet er,  der  Pfaff  möge  seine  Weisheit  nicht  verschwenden; 
er  habe  ein  Ross.  das  klüger  sei  als  der  Pfarrer. 

Wegen  dieser  drei  Äusserungen  wird  er  vom  Pfaffen  beim 
Bischöfe  als  Ketzer  verklagt.  Dieser  beraumt  einen  Tag  an 
auf  dem  Gute  des  Bauern,  der  ein  Meyer  des  Domkapitels,  ein 
tüchtiger  Wirt  und  prompter  Zahler  ist.  Die  erste  Äusserung 
über  das  Wetter  verteidigt  er  damit,  das  Gott  nur  zulasse,  was 
für  den  Menschen  gut  sei,  mit  dem  Unwetter  habe  er  heilsam 
züchtigen  wollen.  Himmel  und  Hölle  habe  er  in  seinem  Hause, 
insofern  er  an  seiner  alten,  seit  32  Jahren  bettlägerigen  Mutter 
Sohnespflicht  übe  oder  nicht.  Das  {loss  endlich  sei  klüger  als 
der  Pfarrer,  weil  es  einen  Graben,  in  dem  es  einmal  zu  Fall 
gekommen,  nicht  wieder  habe  überschreiten  wollen,  während 
der  Pfaff  trotz  der  Prügel,  die  er  schon  oft  dabei  erhalten, 
doch  immer  wieder  zu  des  Richters  Weibe  gehe. 

Der  Bauer  wird  freigesprochen,  der  Pfaff  muss  100  Pfund 
Schadenersatz  an  den  Bauer  leisten,  während  der  Ricliter  die 
Zeche  des  Domkapitals  zu  bezahlen  hat. 

Diese,  vom  Dichter  durchaus  nicht  schwankhaft,  sondern 
mit  Ernst  und  Nachdruck  vorgetragene  Erzählung,  ein  Protest 


58 

gegen  die  Missstände  im  Klerus  und  im  Gerichtswesen,  ver- 
arbeitet zwei  Motive,  die  ich  vor  Kaufringer  nicht  nachweisen 
kann,  die  aber  im  16.  Jahrh.  und  später  recht  häufig  schwank- 
artig  verwandt  sind:  Der  Schuldige  verrät  sich  in  der  Kirche 
selbst,  und  eine  Begründung   von   rätselhaften   Behauptungen. 

Bei  dem  ersten  Motive  handelt  es  sich  um  einen  streitbaren 
Priester,  welcher  von  der  Kanzel  aus  den  Schuldigen  zu  werfen 
droht,  um  ihn  so  vor  aller  Welt  kenntlich  zu  machen.  Der 
oder  die  Übelthäter  bücken  sich  dann,  wenn  der  Priester  zu 
werfen  scheint.  Vergl.  Jörg  Wickram  in  der  Vorrede  zum 
Rollwagenbüchlein,  hg.  von  Kurz,  Leipzig  1865,  S.6  „Zum  gütigen 
Leser:  —  Bitt  hiemit  ewer  gunst  und  lieb,  wan  sich  zutrug, 
dass  etwan  einer  oder  eine  getroffen,  wSUen  ewer  färb  im 
angsicht  nit  verstellen,  sunst  werden  jr  von  mengklichen  in 
argwon  verdacht  vnd  wurd  man  sagen:  „wenn  man  vnder  die 
hund  wirffl,  schreit  keiner,  dann  welcher  getroffen  wirt".  In 
den  späteren  Erzählungen  ist  schon  die  Wendung  eingetreten, 
dass  sich  stets  mehrere,  oder  gar  alle  Anwesenden  schuldig 
geben.  In  der  Geschichte,  welche  Luther  (Tischreden,  Leipzig 
1577  fol.  S.  674*  )  erwähnt,  droht  der  Prediger  mit  einem  Stein 
nach  dem  Ehebrecher  zu  werfen.  Es  ducken  sich  ihrer  zwanzig 
unter  die  Kanzel.  An  die  Stelle  des  Steines  tritt  ein  Knüttel 
in  der  gleichen  Erzählung  des  Burkhard  Waldis  (Esopus  4,  98)^) 
und  in  den  Bearbeitungen  des  Hans  Sachs  Bd.  17.  S.  156.  A. 
Stiefel,  Hans  Sachs-Forschungen  S.  88  ff.  Hans  Vogels  Bear- 
beitung in  einer  Dresdener  Handschrift  wird  sich  wohl  auch 
dieser  Überlieferung  anschliessen.  Verfeinert  taucht  die  Ge- 
schichte von  Zeit  zu  Zeit  in  Zeitungen  und  Kalendern  auf. 
Im  Jahre  1889  ging  folgende  Fassung,  natürlich  als  kürzlich 
vorgefallene  Begebenheit,  durch  die  Zeitungen: 

Die  Vergnügungssucht  des  schönen  Geschlechts. 

Über  vorstehendes  Thema  predigte  kürzlich  ein  in  seiner 
Gemeinde  sehr  angesehener  Geistlicher.  Er  eiferte  stark,  sprach 
aber  nur  im  allgemeinen  und  belobte  die  Tugendhaftigkeit  der 
zu  seiner  andächtigen  Gemeinde  gehörigen  jungen  Frauen  und 
Mädchen.     „Nur    eine^  —  so   sagte  er  weiter  — ,   „nur  eine 


^)  Kurz  nimmt  also  S.  184  irrig  nur  mündliche  Überlieferung  als  Quelle  an. 


59 


kann  ich  nicht  mit  Stillschweigen  Übergehen,  sie  ist  unter  uns, 
ich  will  sie  gerade  nicht  nennen,  aber  ich  will  mit  der  Mütze 
nach  ihr  werfen" .  Er  nahm  dabei  sein  schwarzsamtenes  Eäppchen 
ab,  wickelte  es  fest  zusammen  und  holte  aus,  als  ob  er  es 
zwischen  die  unter  ihm  sitzenden  Schönen  werfen  wollte.  Schnell 
bückte  sich  Alles,  was  jung  war.  Der  Pater  aber  setzte  sein 
Mützchen  wieder  auf  und  fuhr  folgendermassen  fort:  „Ei,  ei! 
meine  Geliebten  in  dem  Herrn,  was  muss  ich  sehen!  Ich  habe 
geglaubt,  es  sei  nur  Eine,  aber  siehe  da,  es  sind  Alle",  und 
nun  fuhr  er  fort,  den  geängstigten  Schönen  insgesamt  tüchtig 
die  Leviten  zu  lesen.  —  Hier  ist  also  aus  dem  Stein  und  dem 
Knüttel  der  alten  Überlieferung  ein  Sametkäppchen  geworden. 
Die  Gerichtsverhandlung,  bei  welcher  die  drei  verfänglichen 
Äusserungen  des  Bauern  gerechtfertigt  werden,  stellt  nur  eine 
andere  Form  jener  Rätselfragen  dar,  durch  deren  Lösung  sich 
ein  in  Gefahr  schwebender  zu  helfen  weiss.  Vergl.  Lambel, 
Erzählungen  und  Schwanke  S.  10  flf.  Liebrecht  in  Pfeiffers  Ger- 
mania 7,  506.  GA.  63.  v.  d.  Hagen  S.  LXI  bis  LXXI.  Dunlop- 
Liebrecht49l.  Nicolas  de  TroyesNouv.  XL  beiMabilleS.  177.  Intro- 
duction  S.  X.  Singer  in  Weinholds  Zeitschrift  für  Volkskunde  2, 
296.  Für  das  Volkslied:  Uhland,  Schriften  3,  381  ff.  und  Schröer  in 
Weinholds  Zeitschrift  für  Volkskunde  3,  67  f.  Wander,  Deutsches 
Sprich  Wörterlexikon  6,  1165.  Holte  zu  Freys  Gartengesell- 
schaft 35.  Hier  hat  Bolte  S.  229  schon  auf  eine  alte  lateinische 
und  eine  jüngere  orientalische  Tradition  der  Behauptung  hin- 
gewiesen, ein  Tier  sei  klüger  als  der  Mensch.  Auf  älteren  Apo- 
logen  beruhen  die  Sprüche  Freidanks  140,  19 ff.  und  Hugos: 
Renner  6049  ff.,  vom  Esel.  Eine  spitzfindige  Anekdote,  die  wie 
Kaufringer  3,  493  f.  und  die  späteren  Schwanke  mit  logischen 
Schlüssen  spielt,  übersetzte  Petrus  Alphonsi  (Patrologia  157 
p.  702  B  ff.)  aus  dem  Arabischen.  Die  Mittelglieder  der  Über- 
lieferung sind  noch  nicht  gefunden.  Dass  unser  Dichter  in 
diesem  Gedichte  wie  „in  seinen  sämtlichen  Schwänken  älteren 
Dichtungen  nachahmt"  wie  Stiefel  S.  91  meint,  dafür  haben 
sich  Anhaltspunkte  nicht  ergeben;  im  Gegenteil  deutet  die  Ar- 
beitsweise des  Dichters,  wo  sie  zu  verfolgen  ist,  auf  prosaische 
schriftliche  oder  mündliche  Quellen  hin.  Wie  Kaufringer  seiner 
etwa  anzunehmenden  Quelle  gegenüber  verfuhr,  lässt  sich  bei 


60 

diesem  Gedichte  nicht  angeben,  da  ältere  Zeugnisse  über  den 
Stoff,  abgesehen  von  Spuren,  die  Bolte  ermittelt  hat,  fehlen. 
Übrigens  gehört  aber  diese  Erzählung  auch  zu  denjenigen,  die 
er  mit  besonderer  Vorliebe  und  eingehender  Ausführlichkeit 
behandelt  hat.  Er  befindet  sich  hier  eben  in  seinem  Element 
Der  alte  starknackige  oberbayerische  Bauer,  welcher  geist- 
licher und  weltlicher  Gewalt  trotzt,  hat  den  unbeugsamen  Sinn 
Meier  Helmbrechts  geerbt,  der  den  Pfaffen  nur  ihr  „barez  reht* 
(781)  gibt.     Obwohl  er  den  Rat  befolgt: 

„Läze  wir  die  pfaffen  varn, 

swaz  in  schadet,  swaz  in  frumt; 

swer  von  in  ze  rede  kumt, 

herre,  daz  ist  unwende, 

ez  nimt  so  liht  niht  ende^ 
(sog.  Seifried  Helbling  8,  108),  so  kennt  er  doch  kein  schwäch- 
liches Zurückweichen  vor  ihnen: 

„An  dem  gericht  hab  starken  mut. 

So  man  dir  unrecht  tut" 
(Liedersaal  192,  279.  Cato  285.)  ist  sein  Wahlspruch.  Sogar 
an  den  Wettersegen  seines  Pfarrers,  die  Hagelversicherung  des 
bayerischen  Bauern  beim  Himmel  (Preussische  Jahrbücher  Band  42. 
S.  193  ff.  FA.  Hoeynck,  Geschichte  der  kirchlichen  Liturgie  des 
Bistums  Augsburg,  A.  1889  S.  171  ff.  Wuttke,  Der  deutsche  Volks- 
aberglaube, Berlin  1869^  S.  140)  glaubt  er  nicht.  Er  hat  aber 
doch  zu  viel  Bauernstolz,  um  seinen  Gesinnungen  gegen  den 
geistlichen  Herrn  so  Luft  zu  machen,  wie  andere  seiner  ober- 
bayerischen  Landsleute,  die  nicht  eher  ruhten,  als  bis  sie  ihren 
Pfarrer  aus  der  Stelle  gestossen  hatten,  weil  er  mehrere  Hagel- 
schläge nicht  abgewendet  habe;  „denn",  sagten  sie,  „er  kann 
nicht  kräftig  beten".  Preussische  Jahrbücher  42,  195.  Das 
Bild  dieses  Bauern,  eines  Prachtexemplars  jener  Gattung,  die 
Riehl  geistreich  als  die  Pommern  Süddeutschlands  bezeichnet, 
ist  Zug  um  Zug  lebenswahr;  man  lese  nur  die  Schilderungen 
eines  ihrer  besten  Kenner,  Joh.  Schlicht.  Vergl.  Preussische 
Jahrbücher  42,  200  ff.  Für  solche  Darstellungen  brauchte 
Heinrich  Kaufringer  natürlich  keine  andere  Quelle  als  das  ihn 
umgebende  tägliche  Leben. 

Auch  die  Lokalschilderung  beruht  auf  eigener  Anschauung. 


61 

Die  „graben"  und  „bösen  steig"  (III  589)  sind  wohl  jene  wilden 
Schlucliten  des  Lechrains,  die  man  da  Teufelsküclien  nennt. 
Karl  Freih.  v.  Leoprechting,  Aus  dem  Lechrain.  München  1865. 
S.  112.  Die  Feldwege  waren  damals  bös  genug.  BurkardZink  sagt 
(Städtechroniken  V)  10,  8 :  „Die  weg  wurden  allenthalben  so  tief 
und  so  bös,  dass  wol  in  fünf  wuchen  niemand  zu  den  andern 
möcht  komen".  Als  Albrecht  IV.  eine  Strasse  über  den  Kesselberg 
baute,  nahm  Herzog  Ludwig  von  Landshut  Anstoss  daran 
(Riezler  3,  775  f.),  ein  Umstand,  „bezeichnend  für  die  Schwierig- 
keiten, mit  denen  im  Mittelalter  Verkehrserleichterungen  zu 
kämpfen  hatten".  Und  wie  genau  kennt  Kaufringer  das 
Pfründlstübl,  das  sich  selten  in  gutem  Zustande  befindet!  (III 
546.  Leoprechting  S.  227);  heisst  es  doch:  „Die  Stüblleut  schickt 
einem  der  Teufel  zu,  und  ein  halbes  Haus  eine  ganze  HöU". 
Vergl.  Kaufringers  XXI.  Gedicht.  Nicht  weniger  sind  die  sitt- 
lichen Zustände  im  Klerus  und  die  üble  Verfassung  des  Gerichts- 
wesens historisch.  Bestimmungen  einer  Salzburger  Diöcesan- 
synode  tadeln  z.  B.,  dass  manche  Priester  zum  Lesen  der 
Messe  ihre  Jagdhunde  und  Falken  mitbrachten.  Einige  Inhaber 
der  kirchlichen  Jurisdiktion  erröteten  nicht,  Konkubinatsver- 
hältnisse  zu  besteuern.  Riezler,  Geschichte  Bayerns  3,  822. 
Die  Klagen  über  das  Gerichtswesen  waren  allgemein.  Riezler, 
Geschichte  Bayerns  3,  661;  vergl.  Kaufringers  XX.  Gedicht. 
Die  Landrichter  waren  vielfach  von  niedriger  Herkunft,  un- 
fähige, gewissenlose,  habgierige  Leute.  Riezler  ebenda  S.  684. 
Das  Futtersammeln  der  Gerichtsbehörden  (der  auf  die  Bauern 
geübte  Zwang,  die  Beamten  in  den  Wirtshäusern  frei  zu  halten), 
wurde  im  Landfrieden  von  1352  verboten.  Riezler  S.  699. 
Weil  Kaufringers  Bauer  den  Richter  nicht  „ert"  (III  40),  zieht 
er  sich  dessen  Hass  zu.  Beispiele  solcher  vorgeschriebenen 
Ehrungen  gibt  Riezler  3,  759. 

Selbst  wenn  der  Dichter  bei  diesem  Gedicht  eine  jener 
wandernden  Anekdoten,  die  oben  erwähnt  wurden,  in  irgend 
einer  Form  benutzt  haben  sollte,  darf  ihm  doch  hier  eine  nicht 
zu  unterschätzende  Selbständigkeit  zugesprochen  werden,  denn 
seine  Novelle  ist  nichts  weniger  als  eine  leichte  Anekdote,  viel- 
mehr eine  lebensvolle  Dorfgeschichte,  die  in  manchen  Zügi 
Michael  Kohlhaas  erinnert.    Z.  B.  III  28: 


BS 


,NaD  hann  ich  mir  des  gedacht. 
Wer  nit  anrecht  hett  getao. 
Der  9ölt  sich  nit  erschrecken  Un; 
Er  sölt  ee  verderben  palt 
Vor  seinem  obersten  gewalt. 
Vor  ritter  and  Tor  knecht, 
Oder  Tor  in  werden  gerecht*. 

Vergl.  die  bitteren  Bemerkungen  über  das  Prozessieren  15 


4. 

Der    Bürgermeister    von    Erfurt    und   der    Eonig    von 

Frankreich. 

Zu  Erfurt  hält  sich  inkognito  der  Sohn  des  Königs  von 
Frankreich  Studierens  halber  auf  und  erregt  durch  sein  flottes 
Leben  allgemeine  Aufmerksamkeit.  Nun  machen  gerade  zu 
derselben  Zeit  geheimnisvolle  Diebstähle,  die  mit  besonderer 
Raffiniertheit  ausgeführt  werden,  soviel  von  sich  reden,  dass 
sich  der  Stadtrat  der  Sache  annimmt  und  überlegt,  wie  man 
den  Thätern  auf  die  Spur  kommen  könne.  Eliner  der  Senatoren 
lenkt  den  Verdacht  auf  den  flotten  Studenten,  der  das  Ver- 
mögen eines  Fürsten  verbrauche,  ohne  dass  man  wisse,  woher 
seine  Mittel  flössen;  wahrscheinlich  sei  er  das  Haupt  jener 
Diebsgesellscbaft.  Man  beschliesst,  dass  der  Bürgermeister  sich 
in  aller  Höflichkeit  bei  dem  Studenten  nach  seiner  Herknnft 
erkundigen  soll.  Bei  der  Messe  führt  er  seinen  Auftrag  ans; 
der  Prinz  aber  wahrt  sein  Inkognito  und  antwortet  auf  die 
Frage,  woher  sein  Aufwand  bestritten  werde,  mit  einer  mut- 
willigen Aufschneiderei.  Er  beziehe,  bindet  er  dem  verblüfften 
Bürgermeister  auf,  für  eine  selbstverständliche  Gegenleistung 
alle  Woche  aus  jedem  Hause  von  der  Frau  ein  halbes  Pfund 
Pfennige  und  von  jedem  Hausmädchen  die  Hälfte.  Das  bringe 
ihm  wöchentlich  mehr  als  100  Pfund  ein.  Diese  Nachricht 
versetzt  die  Väter  der  Stadt  in  grosse  Bestürzung;  sie  ver- 
wünschen die  ganze  Angelegenheit. 

Kurz  darauf  sitzt  der  Bürgermeister  mit  seiner  schönen 
Frau  am  Fenster,  als  der  Prinz  über  den  Marktplatz  geht. 
Der  Bürgermeister  lächelt;  seine  Gattin  fragt  nach  dem  Grande 


63 

and  rnht  nicht,  bis  er  ihr  die  Skandalgescbtchte  erzählt  hat. 
Jetzt  drückt  sie  freilich  kräftig  ihren  Abscheu  aus  und  ver- 
sichert, ans  ihrem  Hanse  solle  er  keinen  roten  Pfennig  be- 
kommen,  aber  im  stillen  wundert  sie  sich,  warum  der  Vielbe- 
gehrte ihr  Hans  vergessen  habe.  Sie  gewinnt  Interesse  an  ihm, 
sie  verliebt  sich  in  ihn  bis  über  die  Ohren.  Zu  spät  merkt  der 
Gatte,  dass  er  zuviel  gesagt  hat,  und  beschliesst  resigniert,  der 
Sache  ihren  Lauf  zu  lassen.  Unter  dem  Vorwande,  eine  drei- 
tägige Reise  anzutreten,  reitet  er  davon.  Sofort  lässt  die  Frau 
den  Prinzen  durch  ihr  Hausmädchen  zu  sich  laden.  Als  die 
Liebenden  gerade  im  Bade  sitzen,  kommt  der  Gatte  zurück 
und  tritt  in  die  Kammer.  Sie  erschrecken  tödlich ;  er  aber  be- 
grfisst  den  Prinzen  und  sichert  ihm  sein  Leben  zu.  Um  sich 
vor  ihm  nach  Möglichkeit  zu  schlitzen,  verschliesst  er  heider 
Kleidungsstücke.  Bald  verlässt  er  die  Kammer,  nicht  ohne 
den  Riegel  fest  davorzustossen ;  die  Liebenden  erwarten  nnn, 
der  erzürnte  Gatte  werde  Zeugen  rufen  und  Rache  nehmen. 
Doch  er  kehrt  zurück  mit  Speisen  und  Getränk,  heisst  sie 
zitternd  sich  ankleiden  nnd  zu  Tische  sitzen.  Seine  Frau  fordert 
er  auf,  es  am  Nötigen  nicht  fehlen  zu  lassen.  Nnn  sagt  der 
überraschte  Prinz:  „Wenn  Ihr  mich  hier  antreflTt,  so  braucht 
Ilir  nicht  schlecht  von  Eurer  Gattin  zu  denken ;  Eure  Ehre  ist 
unverletzt".  Der  Bürgermeister  antwortet  mit  der  Bitte,  die 
Besuche  in  seinem  Hause  einzustellen;  Zahlung  solle  doch  er- 
folgen. Damit  erlegt  er  anderthalb  Pfund  von  Frau  und  Magd. 
Der  beschämte  Prinz  gibt  sich  nun  zu  erkennen,  nimmt  seine 
Aufschneiderei  zurück  und  gibt  dem  Bürgermeister,  der  nach 
Frankreich  Handel  betreibt,  zum  Danke  wertvolle,  später  vom 
König  bestätigte  Freibriefe. 

In  meiner  Au^ahe  S.  233  vei^nochte  ich  nur  einen  alten 
Sagenzusammenhang  des  Königs  von  Frankreich  mit  Erfurt 
nachzuweisen;  ich  füge  hier  über  das  Treiben  der  Studenten 
in  Erfurt  eine  Stelle  des  Nikolans  von  Bibera  III  1566  (Ge- 
schichtsqaellen  der  Provinz  Sachsen  1.  Halle  187Ö.  Ü.  Abt.) 
hinzu,  in  der  auch  von  Dieben  die  1 

Bestat  adhuc  nova  res:  ibi  i 

Ex  hiiE  sunt  aliqui  1 

Teueru  ludentes,  in  i 


64 

Disceie  nolentes,  sed  tantom  nomen  liabentes. 

Tales  seducuut  alios  et  ad  improba  dacunt 

Et  fiant  plures  decurso  tempore  fures. 
Handel  mit  Frankreich    erwähnt  auch  Hermann  Fressant   von 
Augsburg  einige  Jahrzehnte  vor  unserm  Dichter   in   seiner  No- 
velle: Von  den  ledigen  wiben  (JA.  35,  297: 

„hin  reit  der  gehinre 
gen  Frankrich  dem  lande, 
da  er  die  wirt  wol  erkande, 
und  ouch  in  Flandern  überaP. 
Zudem    studierte   mancher  Bayer   und  Keichsstädter    zu  Paris, 
und  seitdem  Herzog  Stephan  von  München  seine  Tochter  1385 
dem  König  von  Frankreich  zur  Frau  gegeben  (Städte- Chroniken  5, 
31,  24;  Riezier  3,  128),   mochte  es  recht  zeitgemäss  sein,    mit 
solchen   Stoffen,    wie   sie  Kaufriugers   Novelle  bietet,    aufzu- 
treten. 

Aber  trotzdem   die  ausgezeichnete  Lokalisierung    den  An- 
schein erweckt,   man   habe    es  hier    mit  einer   wirklichen  Be- 
gebenheit zu  thun,  liegt  doch  wohl  nicht  eine  solche,   sondern 
eine  wandernde   Erzählung  zu  Grunde.     Ich  finde  sie    in    dem 
Fableau  Du  foteor.  Moutaiglon    1,  304,    Nr.  28.     Legrand   3^, 
284.   Ein  vagabondierender  mittelalterlicher  Hochstapler  kommt 
mittellos  nach  Soissons,  —  „un  jor  vint  ä  une  cite;   ge  en  ai 
le  num  oublie,   or  soit  ainsinc  com  ä  Soissons**,  —  lässt  sich 
speisen    und    beherbergen    und    gewinnt   am   andern  Tage    die 
Kosten    auf   folgende    Weise.     Er  erregt  die  Aufmerksamkeit 
der  schönsten  Dame  von  Soissons,  deren  Gemahl  seit  8  Tagen 
verreist  ist,   wird  von    ihr  ins  Haus  geholt,   gibt   sich  als  be- 
rufsmässigen  foteor   oder,   wie   Legrand  übersetzt,  als  Tröster 
der  Witwen  aus,  und  verlangt  für  den  Tag  20  Sous,  falls   die 
Witwe  schön  ist,  von  der  Hässlichen  hundert.  Magd  und  Dame 
werden  seine  Kunden,  diese  für  20,  jene  für  100  Sous.     Doch 
im  Bade  überrascht  sie   der  Ehemann.     Der    famose   Künstler 
verleugnet  seine  Kunst  gar  nicht,  stellt  sich  aber,  als  sei  noch 
nichts  vorgefallen,  und  verlangt  seinen  Verdienst,  der  ihm  jedoch 
schon  vorher  eingehändigt  ist.     Der  Ehemann  zahlt,   um    den 
„Tröster"  los  zu  werden. 

Während  das  leicht  geschürzte  kurze  Fableau  fast  nur  an 


65 

den  pikanten  Thatsachen^)  Gefallen  findet,  treten  diese  in  dem 
deutschen  Gedichte  sehr  zurück,  indem  das  Anstössige  ge- 
mildert, die  Handlung  gut  motiviert  und  mit  epischer  Breite 
geschildert  ist. 

5. 
Der  zurückgegebene  Minnelohn. 

Ein  junger  Ritter  von  ausgezeichneten  Eigenschaften  wird 
durch  seine  Armut  gezwungen,  sich  unthätig  zu  verliegen,  bis 
ein  Standesgenosse  seiner  Nachbarschaft,  ein  alter  Ritter,  der 
selbst  nicht  mehr  auf  Abenteuer  auszieht,  sich  erbietet,  ihn  zu 
einer  Fahrt  zu  unterstützen^).  Wohl  ausgerüstet  reitet  er 
einem  Hofe  zu,  wo  ein  Turnier  ausgeschrieben  ist.  Eines  Abends 
überrascht  ihn  im  Walde  die  Nacht.  Während  sein  treuer 
Knappe  beim  Rosse  zurückbleibt,  geht  er  selbst  auf  Abenteuer 
in  den  Wald  hinein.  Plötzlich  sieht  er  eine  Burg  vor  sich. 
Oben  aus  einem  Turme  schimmert  ein  Licht,  von  einem  alten 
Ritter  getragen;  unten  im  Burggarten  wandelt  eine  Dame  auf 
und  ab  und  klagt  über  Zahnschmerzen.  In  der  That  erwartet 
sie  den  Geliebten.  Durch  die  offene  Thür  gelangt  unser  junger 
Ritter  in  den  Garten,  wird  von  der  Dame  bewillkommnet  und 
erlangt  die  Gunst,  welche  dem  Liebhaber  zugedacht  war.  Zu 
spät  wird  sie  des  Irrtums  gewahr,  ist  anfangs  ganz  untröstlich  und 
fordert  schliesslich  ein  Andenken:  Der  Ritter  aber  hat  nichts 
als  60  Gulden,  seine  Barschaft,  bei  sich.  Diese  nimmt  die  Dame 
an,  gibt  dem  Ritter  ihren  Ring  und  kehrt  in  die  Burg  zurück, 
indem  sie  ihren  Gemahl  auf  dem  Turme  mitteilt,  die  Schmerzen 
hätten  nachgelassen.  Nun  ist  unser  Ritter  wieder  arm,  wie 
zuvor,  und  es  bedarf  sehr  des  ermunternden  Zuspruches  des 
Knappen,  um   sich   bewegen  zu  lassen,    auch   ohne  Mittel   die 


*)  Sehr  richtig  bemerkt  B6dier,  Les  FabUaux  Paris  1895 »  S.  347  vom 
Dichter  der  französischen  Fableaox  im  Allgemeinen:  „Le  po^te  est  trop  press6 
pour  se  soncier  da  pittoresqne  et  son  colorit  reste  pftle.  Ses  narrations  sont 
trop  nues,  ses  descriptions  ^conrt^es'^. 

^)  Den  Mangel  an  Bargeld,  der  noch  immer  hemdv 
Sachen,  wie  dass  Albrecht  II.,  als  er  nach  Heidelberg  ^m 
von  zwei  Regensburger  BQrgem  700  fl.  aufiiebmeil 
Das  ganze  Land  hatte  viele,  nahezu  1000  land 
Biezler  3,  666. 

Euling,  Heinrich  Kanfrlnger. 


66 

Reise  fortzusetzen.  Wieder  findet  sich,  und  zwar  schon  in  der 
nächsten  Herberge,  ein  wohlthätiger  ältlicher  Ritter,  der  ihn 
unterstützt.  Sie  schliessen  Freundschaft  mit  einander  und  ziehn 
zum  Turniere.  Hier  gewinnt  der  junge  Ritter  den  Ehrenpreis, 
und  gern  sonnt  sich  der  alte  Gefährte  im  Ruhme  des  jungen 
Freundes.  Des  Abends  in  der  Herberge  erzählt  man  sich  gegen- 
seitig seine  Abenteuer,  wobei  unser  Held  sein  erstes  und  ein- 
ziges Abenteuer  zum  Besten  gibt  unter  Vorzeigung  des  Ringes. 
Sein  alter  Wohlthäter  aber,  dem  diese  Erzählung  viel  Herze- 
leid zufügte,  ist  —  der  Ritter  mit  dem  Lichte.  Auf  der  Heim- 
fahrt kehren  beide  in  der  Burg  des  Alten  ein,  nicht  ohne  dass 
der  junge  Abenteurer  das  Ärgste  befürchtet.  Auch  die  Dame 
gerät  beim  Anblick  des  Ringes  in  die  höchste  Bestürzung.  Der 
Gemahl  aber  heisst  sie,  als  sie  gerade  beim  Brettspiel  sitzt,  die 
60  Gulden  bringen,  teilt  sie  in  3  Teile,  gibt  nach  der  Spiel- 
regel einen  dem  Gast  als  Entgelt  für  die  Darleihung  der 
Würfel,  einen  der  Frau  für  die  Stellung  des  Spielbretts  und 
einen  behält  er  selbst  für  das  Leuchten  beim  Spiel.  Auf 
dringende  Bitten  des  Freundes  verzeiht  er  endlich  Seiner 
Gemahlin  und  ihm. 

Zunächst  sind  aus  dieser  Erzählung  einige  mehr  oder 
weniger  entbehrliche  Züge  auszusondern,  welche  zu  dem  über- 
kommenen Novellen-Apparat  gehören. 

So  die  Wendung,  dass  sich  ein  Weib  unter  Vorgabe  von 
ünpässlichkeit  Nachts  entfernt,  um  mit  dem  Liebhaber  zu- 
sanunenzukommen.  Weit  verbreitet  sind  die  Erzählungen  von 
der  Nachtigall,  deren  Gesang  angeblich  die  gesuchte  Beruhigung 
verschafft,  hervorgegangen  aus  einem  Gedichte  der  Marie  de 
France,  welche  wieder  ein  bretonisches  Original  benutzte. 
R.  Köhler  zu  Warnkes  Ausgabe  der  Lais  der  Marie  de  France, 
Bibliotheca  Normanica  3,  S.  XC  ff.  Schon  in  Aristophanes'  Thes- 
mophoriazusen  477  ff.  erzählt  Mnesilochus  ungefähr  dasselbe.  Die 
gleiche  Wendung  erscheint  in  G A.  57 ;  dazu  v.  d.  Hagens  Einleitung. 

Ferner  ist  das  Motiv  vom  vermeintlichen  Liebhaber,  dem 
die  Frau  zu  teil  wird,  viel  benutzt  worden.  Vergl.  Landau, 
Quellen  des  Dekamerone  70 ff.,  74 ff.;  Strauch,  Jansen,  Enikels 
Weltchronik  S.  491.  Aus  dem  Indischen  führe  ich  die  Ge- 
schichte von  dem  Knecht  des  Zimmermanns  an,  die  ich  aus  dem 


67 

Buch  der  Beispiele  (67,  7  ff.)  kenne ;  ins  Pantschatantra  ist  sie 
nicht  aufgenommen.  Die  italienische  Novellistik  liefert  häufige 
Beispiele,  wie  in  Ercole  Torelli  von  Ascanio  de  Mori.  Das 
Gegenstück  dazu  bildet  jene  Erz&hlungsform,  in  welcher  der 
Mann  als  der  Betrogene  erscheint.     Vergl.  Kaufringer  XTV. 

Endlich  finden  wir  den  Zug,  dass  der  glückliche  Liebhaber 
durch  eine  sonderbare  Verkettung  von  Umständen  veranlasst 
wird,  dem  zunächst  beteiligten  Ehemanne  die  Geschichte  seiner 
Liebschaft  zu  erzählen,  im  Orient  und  Occident,  ohne  dass  man 
aber  gleich,  wie  Dunlop-Liebrecht  260,  261,  morgenländischen 
Ursprung  anzunehmen  braucht. 

Dem  ganzen  Verlaufe  nach  ist  unsere  Novelle  zu  dem- 
jenigen Kreise  von  Erzählungen  zu  stellen,  welchem  als  be- 
rühmte typische  Beispiele  das  Fableau  Du  bouchier  d'Abevile 
(Montaiglon  3,  227),  Boccaccios  erste  Novelle  des  achten  Tages 
und  die  Erzählung  des  Schiffers  in  Chaucers  Canterbury-Tales 
angehören.  Verwandt  sind  die  Erzählungen  vom  Kranich,  vom 
Häslein  und  vom  Sperber.  Dunlop-Wilson  S.  124  f.,  129  f.,  Bolte, 
Zur  Gartengesellschaft  Nr.  76.  Das  gemeinsame  Motiv  dieses 
Kreises  ist  ein  wohlfeiler,  das  heisst  nichts  kostender  Liebes- 
genuss.  Die  Frau  ist  hier  stets  die  Betrogene,  und  der  Lieb- 
haber bekommt  den  gegebenen  Lohn  zurück  oder  hat  thatsäch- 
lich  nichts  gegeben. 

Die  erste  Form  liegt  unter  anderen  bei  Kaufringer,  Claus 
Spann  (Kellers  Erz.  334),  Masuccio  di  Salerno  Novelle  45, 
Lindener,  Rastbüchlein  4,  Nicolas  de  Trojes  nouv.  55^)  bei 
Mabille  vor,  die  letztere  in  den  genannten  Stücken  des  Eustace 
d'Amiens,  Boccaccio  und  Chaucer.  Bei  dem  französischen 
Dichter  ist  die  Erfindung  am  meisten  verwickelt.  Mile  stiehlt 
dem  geizigen  Gautiers  einen  Hammel,  mit  dem  er  sich  bei 
diesem  Herberge  erkauft.  Das  Fell  verspricht  er  erst  der 
Dienerin,  dann  dem  Kebsweibe  des  Pfaffen  für  die  bekannte 
Gegenleistung  und  lässt  sich  endlich  dasselbe  Fell  von  dem 
Pfaffen  mit  klingender  Münze  bezahlen.  Hier  ist  das  Motiv 
des  billigen  Kaufes  fast  zu  Tode  gehetzt.  Bei  Boccaccio  und 
Chaucer  wie  in  allen  anderen  Versionen  ist  die  Erfindung  ein- 
facher, der  Preis  eine  Geldsumme. 


^)  Mitteiinng  von  Reinhold  Köhler. 

5* 


68 

Die  Frage ,  ob  das  französische  Fableau  Boccaccios  Quelle 
gewesen  sei,  was  Grässe  und  Montaiglon  3,  420  annehmen, 
Bartoli  bestreitet,  kann  unseres  Erachtens  wenig  bedeuten,  da 
man  an  eine  anmittelbare  Abhängigkeit  dieser  Erzeugnisse  der 
Novellistik  von  vornherein  nie  glauben  darf,  wenn  nicht  schwer- 
wiegende Gründe  oder  Zeugnisse  sich  beibringen  lassen.  Und 
wenn  Hertzberg  S.  643  seiner  Chaucer-Übersetzung  meint,  die 
Quelle  der  Erzählung  des  Schiffers  sei  ohne  allen  Zweifel, 
wie  ihr  Schauplatz  mit  allen  seinen  Einzelheiten,  in  Frankreich 
zu  suchen,  so  wird  die  Berufung  auf  Lokalisierung  und  Xost&m 
einer  wandernden  Geschichte  demjenigen  als  ganz  hinfällig  er- 
scheinen, der  weiss,  dass  gerade  Lokal isieiung,  Einkleidung  und 
Kostüm  das  Veränderliche  einer  Novelle  sind.  Wer  vermöchte 
aus  dem  Kostüm  der  deutschen  Novelle  von  Heinrich  Kaufringer 
auf  einen  fremden  Ursprung  zu  schliessen?  Ihr  auszeichnendes 
Verdienst  besteht  eben  darin,  dass  der  Dichter  sich  den  Stoff 
völlig  zu  eigen  gemacht  hat. 

Der  Schluss  der  verglichenen  Novellen  weist  bemerkens- 
werte Verschiedenheiten  auf.  Tragisch  enden  die  italienische 
und  die  spätere  französische  Erzählung,  welche  der  Herausgeber 
Mabille  (p.  VII  der  Vorrede)  ohne  Prüfung  des  Sachverhaltes 
für  walir  oder  volkstümlich  hält.  In  Masuccios  Novelle  wird 
die  Schuldige  durch  Gift  getötet,  bei  Nicolas  Verstössen.  Ähnlich 
will  Gautiers  die  beiden  Frauen  aus  dem  Hause  jagen.  Eine 
komische  Wendung  tritt  bei  Boccaccio  und  Chaucer  ein;  die 
Frauen  werden  um  ihren  Lohn  geprellt,  ohne  dass  ihre  Schuld 
bekannt  wird.  Gemütlich,  wenn  auch  heftige  Auftritte  nicht 
vermieden  werden,  verläuft  die  Begebenheit  bei  den  deutschen 
Erzählern  Kaufringer,  Spaun  und  Lindener.  Bei  Nicolas  er- 
hält die  Frau  von  ihrem  Gemahl  nur  eine  kleine  Goldmünze, 
un  petit  blant,  bei  Lindener  nur  einen  Kreuzer  zugesprochen, 
bei  Claus  Spaun  aber  lässt  der  Ehemann  den  Studenten  der 
Magd  ein  paar  Schuhe,  der  Frau  nach  der  Sitte  der  Stadt 
dreimal  2  Pfennige  und  sich  selbst  8  Pfennig  für  den  Reihen 
bezahlen,  den  er  geschlagen  hatte.  Vermutlich  ist  das  letztere 
eine  Erinnerung  an  jene  seltsame  Sitte,  dass  man  in  Bom  den 
Ehebrecherinnen  zur  Schande  Musik  machte,  worüber  Liebrecht, 
Zur   Volkskunde  S.  84  f.   merkwürdige   Zeugnisse   beigebracht 


69 

hat.  Dieselbe  Masikbegleitang  findet  bei  Lindener  statt  und 
entspricht  dem  Leuchten  des  alten  Rittei's.  Dieses  kehrt  in 
einem  später  noch  za  erwähnenden  Gedichte  des  Liedersaales 
(3,  1  ff.)  sowie  im  Französischen  wieder.  Legrand  berichtet  (4  ^ 
194)  ttber  eine  abweichende  Fassung  der  dritten  Geschichte 
bei  Haisiau  des  trois  dames  qui  trouv^rent  Tanel  (Mon- 
taiglon  1,  168  Nr.  15.  B6dier,  Les  Fabliaux«  270.  Archiv 
fttr  neuere  Sprachen  93,  212  ff.)  Die  Frau  gibt  vor,  sie  sei 
eine  Zauberin;  die  Zauberkönigin  werde  sie  abends  besuchen. 
Der  Ehemann  müsse  sie  würdig  empfangen,  mit  verbundenen 
Augen,  knieend,  ein  Licht  in  der  Hand.  Der  Pinsel  führt 
alles  genau  aus,  während  der  Galan  die  Stelle  der  Zauber- 
königin vertritt.  Für  die  Gewohnheit,  demjenigen  eine  Gebühr 
vom  Spiele  zu  zahlen,  der  die  Beleuchtung  liefert,  ist  folgende 
Stelle  aus  dem  „Jüngling"  von  Xonrad  von  Haslau  363  ff.  be- 
lehrend: „ein  itslich  rehter  spilaere 

hat  vierhande  guotswendaere, 

der  Würfel  liht  und  der  da  zeit 

und  der  ze  dem  pfände  ist  erweit; 

der  vierd  von  tische  und  in  daz  lieht 

(deist  der  wirt)". 

Die  Bedeutung  des  Brettspiels  erhellt  aus  Nr.  37  der  Kol- 

marer  Handschrift  (Bartsch).    Durch  den  Reichtum  des  Stoffes, 

der  auch   mit  voller  Beherrschung  verarbeitet  ist,   sowie  die 

epische    Ausführlichkeit    bei    der    Motivierung    nimmt    Eauf- 

ringers  Novelle  unter  den  herangezogenen  wohl  eine  der  ersten 

Stellen  ein. 

6. 

Das  Schädlein. 

Die  Frau  eines  Strassburger  Bürgers  steht  weit  und  breit 
im  Bufe,  das  allerschönste  Weib  zu  sein.  Ein  fahrender  Bitter 
hört  von  ihr  und  beschliesst  um  ihre  Gunst  zu  werben.  Sie 
weist  ihn  strenge  ab  und  klagt  ihrem  Manne,  wie  sehr  sie 
durch  die  Anträge  des  Ritters  belästigt  würde.  Der  Gemahl 
fordert  nun  die  Klagende  auf  in  scheinbarem  Nachgeben  gegen 
die  Bitten  des  Liebhabers  diesen  in  ihre  Kammer  zu  bestellen, 
er  wolle  sich  dort  bewaffnet  verstecken  und  ihn  für  immer  un- 
schädlich machen.    (Vergl.  Luthers  Tischreden  S.  427*^.)  Alles 


70 

geschieht  nach  dieser  Verabredung.  Der  Ritter  aber,  welcher 
sich  eingestellt  hat,  zeigt  eine  solche  ünerscbrockenheit  and 
fuhrt  eine  so  gute  Klinge  bei  sich,  dass  der  elende  Feigling 
nicht  aus  dem  Verstecke  hervorkommen  mag,  sondern  Zenge 
seiner  Schande  ist.  Hinterher  äussert  er  noch  dazu,  was  sie 
erlitten  habe,  sei  doch  nur  ein  „schädlein^,  dessen  sie  wohl  ge- 
nesen würde. 

Vermutlich  gehört  diese  Novelle  zu  dem  Kreise,  den  Benfey, 
Pantschatantra  1,  331  herstellt;  vergl.  Landau,  Q.  d.  D.  86,  303. 
Benfey  bespricht  hier  folgende  im  Hitopadesa  eingeschobene 
Geschichte:  Prinz  Tungabala  weiss  sich  listig  die  Liebe  einer 
Frau  in  Gegenwart  ihres  Mannes,  eines  habsüchtigen  Kauf- 
mannes, und  gewissermassen  mit  dessen  Bewilligung  zu  ver- 
schaffen. Als  Quelle  für  die  Fassung  dieser  Geschichte  im 
Sindabadkreise  und  im  Hitopadesa  nimmt  Benfey  den  Siddha- 
pata,  das  vermutete  sanskritische  Original  des  Sindabad,  an. 
Als  die  verbreitetste  Bearbeitung  dieses  Stoffes  mag  „der 
König  und  des  Seneschals  Frau",  als  die  beste  Boccaccio  3,  5 
gelten.  Benfey  spricht  den  Grundgedanken  aller  dieser  Er- 
zählungen ungefähr  so  aus:  Ein  Geizhals  liefert  seine  Frau 
selbst  ihrem  Liebhaber  aus,  jedoch  in  der  Überzeugung,  dass 
sie  aus  irgend  welchem  Grunde  —  der  sich  nach  dem  Ge- 
schmack und  Bildungsgrad  von  Volk,  Zeit  und  Erzähler  ändert, 
nicht  genossen  werden  könne  oder  werde".  Mittelglieder  zwischen 
unserer  Novelle  und  anderen  Bearbeitungen  dieses  Stoffes  stehen 
mir  nicht  zu  Gebote.  Kaufringers  Schluss  hat  eine  sprich- 
wörtliche Pointe;  mit  einem  Witze  setzt  sich  der  Ritter  über 
die  Schande  seiner  Frau  hinweg,  und  dieser  Witz  ist  nicht 
feiner  als  Beinkes  Antwort  auf  die  bekannte  Klage  Giremots. 
Über  das  Sprichwort  ist  oben  schon  die  Rede  gewesen. 

7. 
Der  Beichtvater  als  Postillon  d'amour. 

Eine  schöne  Bürgerfrau  zu  Augsburg  verliebt  sich  in  einen 
Jüngling,  der  alle  Tage  vor  ihren  Augen  seiner  Geliebten  den 
Hof  macht.  Um  ihn  an  sich  zu  ziehen,  klagt  sie  ihrem  Beicht- 
vater, einem  würdigen,  fast  80jährigen  Mönche,  sie  werde  von 
dem  Junglinge  verfolgt;  er  möge  ihm  das  wehren.    Der  Mönch 


71 

verwartft  den  jungen  Mann,  und  dieser  straft  die  unglückliche 
Frau,  welche  sich  vom  Fenster  aus  bemerklich  machen  will, 
mit  Nichtachtung.  Eine  erneute  Klage  bei  dem  Mönche  ver- 
anlasst den  Jüngling,  der  nach  ihm  Schmachtenden  seine  Ver- 
achtung zu  zeigen.  Jetzt  übergibt  die  Liebende  dem  Beicht- 
vater einen  Ring  mit  der  Inschrift :  „Merk,  wie  du  verstandest 
das!"  und  erzählt  dabei  voll  geheuchelter  Entrüstung  unter 
genauer  Angabe  vieler  erdichteter  Einzelheiten,  der  Jüngling 
habe  sich  hinten  ins  Haus  geschlichen  und  sie  zu  überraschen 
gesucht,  schlieslich  nach  vergeblichem  Bitten  ihr  den  Ring  zu- 
rückgelassen. Der  Mönch  eilt  mit  dem  Ringe  zu  unserm  Helden, 
stellt  ihn  über  alle  jene  Einzelheiten,  welche  besonders  den 
passendsten  Weg  in  das  Haus  betreffen,  zur  Rede  und  überhäuft 
ihn  mit  Vorwürfen.  Jetzt  erst  merkt  der  Jüngling  die  Absicht 
der  klugen  Frau,  benützt  ihren  Wink  und  stellt  sie  selbst 
sowie  den  alten  Mönch  vollständig  zufrieden. 

Die  ursprüngliche  Quelle  dieser  Erzählung  mag  ein  ver- 
lorenes altfranzösisches  Fableau  sein,  welches  wahrscheinlich 
wieder  einen  alten  orientalischen  Sagenstoff  benutzte.  In  der 
ersten  Erzählung  des  Baitäl  Pachisi  dient  eine  Person,  welche 
die  Zeichensprache  eines  verliebten  Mädchens  nicht  versteht, 
als  postillon  d'  amour,  wie  im  Occident  der  Beichtvater.  Landau, 
Q.  d.  D.  101  ^).  Dieser  erscheint,  soviel  ich  weiss,  zuerst  in  der 
tragischen  Erzählung  vom  Schüler  zu  Paris  (GA.  14.),  die  wohl 
dem  14.  Jahrhundert  angehört.  Hier  bildet  der  in  der  späteren 
Novelle  absichtlich  in  den  Vordergrund  geschobene  Dienst  des 
Beichtvaters  keineswegs  den  Hauptinhalt;  auch  ist  aus  diesem 
Motiv  noch  keine  selbständige  Erzählung  herausgesponnen. 
Der  Barfüsser  übergibt  dem  Schüler  ein  Kleinod  mit  dem  Auf- 
trag der  Liebenden  und  bringt  als  Gegengabe  eine  Spange, 
mit  entsprechenden  bildlichen  Darstellungen  geziert.  No- 
vellistische Spannung  wird  erst  durch  das  anfängliche  Miss- 
lingen  und  durch  successiveu  Erfolg  des  Anschlages  in  den 
Stoff  hineingetragen.    In  hoher  Vollendung  erscheint  die  No- 


^)  In  der  ähnlichen  ersten  Erzählung  Somadevas  (v.  d.  Leyeu  S.  19) 
wird  auch  der  Weg  durch  den  Garten  gewiesen  und  Mauer  und  Baum  be- 
nutzt wie  bei  Kaufr.  V,  357  ff. 


72 

velle  bei  Boccaccio  3,  3,  wozu  zahlreiche  Fassungen  durch  von 
der  Hagen  I  S.  CXXVIIlf.,  Dunlop-Liebrecht  227  f.,  Liebrecht 
im  Anschluss  an  Kellers  Erzählungen  232  und  242  in  Pfeiffers 
Germania  1,  260,  Bolte   zu  Montanus  Schwankbüchern   S.  626, 
Nr.  99,  Hans  Sachs-Forschungen   S.  102  f.   nachgewiesen    sind. 
Kaufringers  Erzählung  besitzt   wieder  grosse  Selbständigkeit. 
Während  bei  dem  Italiener   der  Mann  sofort  die  Absicht   der 
Frau  errät,  kommt  dem  bisher  ahnungslosen  deutschen  Jünglinge 
erst  bei  der  dritten  Botschaft  der  rechte  Gedanke  in  den  Sinn. 
Statt  Börse,    Gürtel   und   Brief,    die   in   andern  Darstellungen 
eine  Rolle  spielen  müssen,  erwähnt  Kaufringer  nur  einen  King. 
übrigens  stimmt  sogar  die  Benutzung  des  Baumes  bei  Boccaccio 
und  Kaufringer  überein.    Die  starke  Abhängigkeit  Hans  Schne- 
pergers  (Keller  242)  von  Boccaccio  hat  bereits  Liebrecht  Ger- 
mania 1,  260  hervorgehoben. 

Dieser  litterarische  Zusammenhang  Deutschlands  mit  Italien, 
der  für  Kaufringer  in  allen  Fällen  in  Frage  kommt,  wo  er  ro- 
manische, auf  deutschem  Gebiet  nicht  nachgewiesene  Über- 
lieferungen zu  kennen  scheint,  ist  bisher  von  der  deutschen 
Litteraturgeschichte  fast  gar  nicht  beachtet,  und  wenn  es  ge- 
schah, seine  Bedeutung  in  der  Regel  unterschätzt.  Vor  kurzem 
hat  erst  Schönbach  in  seiner  Studie  über  die  Anfänge  des 
deutschen  Minnesanges  (Graz  1898)  S.  26  ff.  gezeigt,  eine  wie 
bedeutende  Vermittlerrolle  die  deutsche  Adelsgesellschaft  des 
Patriarchats  und  Friauls  schon  in  älterer  Zeit  spielte.  In  den 
novellistischen  Erzeugnissen  beider  Länder  finden  sich  frühe 
auffällige  Übereinstimmungen.  Einiges  hat  Landau  hervorge- 
hoben (Die  Quellen  des  Decamerone  S.  125  f.  153.  160  ff.); 
Pio  Rajna  machte  (Romania  3,  13)  auf  die  nahe  Verwandtschaft 
einer  altitalienischen  Novelle  der  Setti  Savi  mit  dem  Entlaufenen 
Hasenbraten  des  Vriolsheimers  (GA.  30)  aufmerksam. 

Für  Bayern  ist  italienische  Kultur  besonders  wichtig  geworden. 
Unser  Dichter  lebte  im  Mittelpunkt  der  späteren  Schwank- 
dichtung, an  der  alten  Verkehrsstrasse  mit  Italien,  welche  be- 
sonders gegen  Ende  des  Mittelalters,  aber  doch  schon  lange 
vor  dem  Eindringen  des  Humanismus,  das  südliche  Deutschland 
mit  dem  blühenden  Norden  Italiens  verband.  Besonders  aus 
Kaufringers  engerer  Heimat  führen  zahllose  Fäden  nach  Italien. 


73 


Begensburg  and  Augsburg  sind  neben  Nürnberg  und  Ulm  die 
Träger  der  lebendigsten  Handelsverbindungen  mit  ober- 
italienischen  Städten,  unter  denen  Venedig  die  erste  Stelle  ein- 
nimmt. Hier  haben  die  deutschen  Eaufleute  das  später  von 
berfihmten  italienischen  Malern  wie  Tizian  ausgeschmückte 
Fondaco  dei  Tedeschi,  ihr  eigenes  Absteigequartier  und  Waren- 
haus. Hierher  senden  deutsche  Eaufleute  ihre  Söhne,  um  sie 
die  italienische  Sprache  und  die  Kaufmannschaft  erlernen  zu 
lassen.  Zudem  besuchen  tausende  von  deutschen  Studenten 
die  italienischen  Universitäten,  von  denen  Bologna  im  15.  Jahrb. 
eine  „bayerische  Nation"  aufweist  (Riezler,  Geschichte  Bayerns  3, 
848;  vergl.  auch  2,  170);  und  wiederholt  knüpfen  auch  die 
Witteisbacher  mit  italienischen  Häusern  Familienverbindungen 
an.  Eiezler,  Geschichte  Bayerns  2,  200  IT.,  3,  771  ff.,  160,  192  f. 
Germanistische  Abhandlungen  XVI  7.  Eugen  Nübling,  Ulms 
Handel  im  Mittelalter,  Ulm  1899.  S.  179  ff.  Burkard  Zink 
erzählt  in  seiner  Selbstbiographie,  dass  er  im  Jahre  1431  in  die 
Dienste  Peter  Egens  getreten  sei;  der  habe  ihm  erlaubt,  nach 
Venedig  zu  reiten,  wann  er  wollte.  „Also  rait  ich",  fährt  er 
fort,  „alle  jar  auf  das  minst  ainest  oder  zwirend  gen  Venedig". 
An  der  Fronwage,  bei  welcher  Burkard  7  Jahre  beschäftigt 
war,  mochte  er  nicht  bleiben.  „Dann  sicher",  sagt  er,  „ich 
mocht  nit  also  müessig  sein,  ich  wolt  aber  lieber  arbaiten 
und  reiten,  als  ich  vormals  auch  getan  hab".  Städte-Chro- 
niken 5,  133,  7  ff.  Unter  dem  Jahre  1458  erzählt  er  dann, 
wie  Hans  Kistler,  Bürger  von  Augsburg,  nach  Conegliano  zog, 
um  reich  zu  werden.  „Nun  belib  er  da  bei  2  jaren  und  ver- 
darb und  wolt  im  nit  mer  schmecken,  als  er  dann  vermaint 
hett,  die  leut  wolten  sich  nit  laichen  lassen,  als  er  dann  geren 
getan  hett ;  dann  sicher  in  rechter  warhait,  er  was  ain  rechter 
schalk,  nun  wolten  die  kaufleut  nit  in  sein  herberg  reiten,  dann 
sie  kanten  in  wol.  und  als  er  nun  verdorben  was,  da  sprach 
er,  die  kaufleut  von  Augsburg  hetten  in  verderpt,  dann  sie 
betten  ims  geratten,  er  solt  gen  Kuniglon  ziehen,  si  wolten 
all  zu  im  einreiten  etc."  ebenda  215,  13  ff.  In  diesem  Zu- 
sammenhange sind  dann  auch  die  alten  13  deutschen  Gemeinen 
in  den  veronesischen  und  die  sieben  in  den  viceutinischen  Alpen 
zu  erwähnen,  welche  schon  seit  dem  11.  Jahrh.  angelegt  durch 


74 

die  von  Deutschen  bewohnten  Thäler  von  Folgaria,  Terrag^nolo 
und  Valarsa  ohne  grosse  Unterbrechung  mit  den  übrigen 
Deutschen  der  Tiroler  Südalpen  zusammenhingen.  Im  Jahre  1398 
ist  in  der  Mark  Ancona  ein  deutscher  Schulmeister  nachzuweisen. 
(Luigi  Colini  —  Baldeschi  in  Seeligers  Viertel  Jahrsschrift  2 
(alte  Folge  10),  618  If.)  Bayerische  Klosterbibliotheken  unterhalten 
mit  Südtirol  und  Oberitalien  enge  Verbindung,  die  mannigfach 
bayerischer  Kunst  zu  gute  kamen.  (Berthold  ßiehl,  Studien 
zur  Geschichte  der  bayerischen  Malerei  des  15.  Jahrhunderts 
S.  17  ff.,  60  ff.)  Italienische  Handschriften  sind  in  bayerischen 
Klosterbibliotheken  besonders  zahlreich,  die  französischen  Hand- 
schriften scheinen  spärlicher  und  jünger  zu  sein  (Biehl  S.  22  ff.), 
Tirol  war  Durchgangsstrasse  und  Vermittelungsland  für  den 
Hauptverkehr  zwischen  Deutschland,  Österreich  und  Italien; 
davon  zeugt  seine  Kunst  und  Litteratur.  Semper  weist  (Ober- 
bayerisches  Archiv  49,  433  ff.)  auf  den  Zusammenhang  der 
Kunst  dieser  Länder  hin.  Vintler  wie  Oswald  von  Wolkenstein, 
der  Petrarca  und  Dante  kennt  (Burdach,  Vom  Mittelalter  zur 
Reformation  S.  VIII),  zeugen  für  den  litterarischen  Zusammen- 
hang ^).  Dass  bei  alledem  auch  die  beweglichsten  aller  Erzeug- 
nisse der  Volkslitteratur,  die  wandernden  Erzählungen  ihren 
Weg  nach  Bayern  gefunden  haben  müssen,  ist  mit  Sicherheit 

zu  schliessen. 

8. 

Das  glückliche  Ehepaar. 
Über  dieses  Gedicht  ist  im  Euphorion  6,  462  ff.  gehandelt. 

9. 
Chorherr  und  Schusterin. 

In  Augsburg  lebte  eine  hübsche  Schustersfrau,  die  sich  für 
die  Einfalt  ihres  Mannes  an  einem  Chorherrn  schadlos  hielt. 
An  einem  Maientage  ^)  sitzt  sie  mit  ihrem  Buhlen  in  der  ver- 
deckten Badewanne,  als  der  Pinsel  aus  der  Werkstatt  vorüber- 
geht, um  neues  Leder  zu  holen.  Sie  ruft  ihn  an,  er  möge 
kommen  und  sich  überzeugen,  dass  ein  stattlicher  Chorherr  mit 


»)  Vergl.  Zeitschrift  für  deutsches  Altertum  35,  227  ff.  Herrigs  Archiv 
93,  224. 

^).Zum  Maieubad  Bolte  zu  Schnmami  S.  411. 


76 


ihr  bade.  Als  der  gutmütige  Mann  keine  Lust  dazu  bezeigt, 
bringt  sie  ihn,  zum  Entsetzen  des  geistlichen  Herrn,  durch  die 
höchsten  Beteuerungen  dahin,  dass  er  sich  der  Wanne  nähert. 
Plötzlich  spritzt  die  kluge  Frau  dem  Tölpel  derart  Wasser  ins 
Gesicht,  dass  er  nicht  sehen  kann  und  gutmütig  lachend  sich 
entfernt,  froh,  dass  sie  ihm  nicht  die  Kleider  durchnässt  hat. 
Der  halb  zu  Tode  geäugstigto  Chorherr  macht,  als  die  Gefahr 
Yorfiber,  gute  Miene  zum  Spiele,  beschliesst  aber,  sich  zu 
rächen.  Morgens  früh  begab  sich  die  Frau  regelmässig  zu 
ihrem  Liebhaber;  wie  sie  dem  Manne  sagt,  zur  Messe.  Als 
beide  im  Bette  liegen,  muss  der  Schuster,  den  der  Chorherr 
hat  rufen  lassen,  der  eigenen  Frau  ein  Paar  Schuhe  anmessen. 
Der  Mann  bemerkt  mit  Verwunderung  den  kleinen  Fuss,  wie 
ihn  nur  seine  Frau  habe,  und  sagt,  er  würde  die  Füsse  für 
seiner  Frau  gehörig  halten,  wenn  er  sie  nicht  daheim  wüssto 
und  sie  einer  Untreue  nicht  für  fähig  hielte.  Ein  junger 
Kleriker  muss  endlich  den  Schuster  erst  in  den  Weinkeller 
führen,  während  die  Frau  rechtzeitig  nach  Hause  kommt.  Bei 
den  Auseinandersetzungen  über  das  Vorkommnis  zieht  der  Schuster 
wieder  natürlich  den  kürzeren. 

Unser  Dichter  sucht  diese  Geschichte  seinen  Hörern  dadurch 
noch  anziehender  zu  machen,  dass  er  gleich  in  der  Einleitung 
angibt,  sie  habe  sich  erst  kürzlich  in  der  „werden"  Stadt 
Augsburg  zugetragen.  Bartsch  und  B6dier  (Les  Fabliaux^  284) 
haben  das  geglaubt,  wir  halten  den  Stoff  für  international. 

Im  12.  Kapitel  des  „Meeres  der  Erzählungsströme"  von 
Somadeva,  der  im  12.  Jahrhundert  am  Hofe  von  Kaschmir  lebte, 
finden  sich  schon  die  Grundlinien  zu  unserer  Novelle.  Es  wird 
dort  die  Rache  des  Brahmanen  Lohajanga  erzählt,  welcher 
von  der  bösen  Makarandanshtra,  der  Mutter  seiner  Geliebten, 
durchgeprügelt  und  fortgejagt  wird,  und  dafür  die  überlistete 
Schwiegermutter  in  komischem  Aufzuge  auf  der  höchsten  Spitze 
eines  Tempels  dem  allgemeinen  Gelächter  preisgibt.  Landau, 
Quellen  104.  Im  Jahrhundert  der  Novelle,  zu  Chaucers,  Boc- 
caccios, Kaufringers  Zeit,  ist  dieser  Stoff  mit  den  mannig- 
faltigsten Veränderungen  in  der  Ausführung  weit  verbreitet 
Ungefähr  gleichzeitig  mit  Kaufringer  bearbeitete  ihn  Giovaü 
Fiorentino  in  der  zweiten  Novelle  des  2.  Tages,  die  in  P* 


76 

Straparola  und   dem  Verfasser  der  Cent  nouvelles   Nouvelles, 
Nicolas  de  Troyes  (Mabille  p.  XIX)  u.  a.  Nachahmer  gefunden 
hat.    Dunlop-Liebrecht  261.    Wie  Shakespeare  diesen  Stoff  in 
den  lustigen  Weibern  benutzt  hat,  zeigt  Simrock,  Quellen  1  ^ 
322.    Die  Quelle  sah  Dunlop.  ohne  ein  orientalisches  SeiteustQck 
zu  kennen,  in  dem  altfranzösischen  Fableau  Des  II  Changeors, 
Montaiglon  1,  245,  und  in  der  That,   wer  die   Erzählung   von 
Ludwig    von    Orleans    und    Mariette  d'Enghien,    der    Gattin 
Auberts  de  Cani,    in  Betracht  zieht,  die  Legrand  4*,  208  als 
verbürgt  mitteilt,  muss  zugeben,  dass  jenes  Land,  in  welchem 
solche  Dichtungen  zur  Wirklichkeit  werden,  an  der  Ausprägung 
des  Stoffes  hervorragenden  Anteil  gehabt  hat^).    Dennoch  ist 
jene  Behauptung  Dunlops  einzuschränken.    Eine  unmittelbare 
Abhängigkeit  ist  schon  deshalb  fraglich,  weil  in  dem  Fableau 
sich  die  Frau  rächt,  bei  den  Italienern  und  Eaufringer  der 
Mann.    Ahnliche  Umkehrungen,  welche  allerdings  die  Identität 
des  Stoffes  nicht  in  Frage  stellen,  wohl  aber  für  die  Filiation 
der  Bearbeitungen  wichtig  sind,  liegen  in  Bocc.  2,  5  und  dem 
Fableau  De  Boivin  de  Provins,  Montaiglon  5,  52  Nr.  116,  femer 
bei  den  Fableaux  Montaiglon  5,  24  Nr.  111  und  3,  81  Nr.  65  vor. 
Eaufringer  schöpfte  wol  aus  mündlicher  Erzählung   oder 
einer  darauf  beruhenden  Prosa.    Auch  der  Dichter  des  Fableaus 
erzählt  den  Vorgang  als  wirklich  geschehen : 

Qui  que  face  rime  ne  fable. 

Je  vous  dirai,  en  lieu  de  fable, 

Une  aventure  qui  avint; 

De  qui  fu  f^te  et  ä  qui  vint 

Vous  en  dirai  bien  v6rit6. 

II  avint  en  une  cit6 

Que  II  chang6ors  .... 
Die  Lokalfarbe  ist  bei  Kaufringer  auch  in  unbedeutenden 
Zügen  (116.  117.)  gewahrt,  die  Darstellung  glücklich :  der  Chor- 
herr hat  trotz  der  ausgestandenen  Angst  noch  Humor  genug, 
den  Vergleich  seiner  Situation  mit  einem  Schwitzbade  auszu- 
führen 92—101,  und  zu  scherzen: 


*)  Auch  bei  Nicolas  de  Troyes  kehrt  die  Geschichte  wieder.  (MabiUe 
S.  XIX  Nr.  XXI.)  Johannes  Bolte  verweist  mich  auf  seine  Anmerkangen  zjx 
Wetzel  S.  221. 


77 


„Wie  mScht  ich  werden  sein  ergetzt 
Von  dir,  liebe  frawe  mein? 
Mich  dankt  das  ain  warhait  sein, 
Deins  pads  bett  icb  nicht  vil  genossen. 
Da  best  mir  nachet  ze  baiss  angössen. 
Das  icb  wolt  verscbmolzen  sein*^. 
Vergl.  oben  S.  39. 

Besonders  die  Motivierang  ist  in  der  deutseben  Novelle 
besser;  als  in  der  französischen.  Hier  lädt  nämlicb  die  Frau, 
um  Bacbe  zu  nehmen,  den  Galan  zu  einem  Bade  ein;  der  aber 
will  aus  Furcht  vor  dem  Ehemanne  der  Auffordei*ung  nicht 
folgeleisten,  und  nur  mit  Mühe  gelingt  es  der  Frau,  ihn  zum 
Kommen  zu  bewegen.  Das  Nachspiel  der  Handlung,  die  Unter- 
redung des  Schusters  mit  der  Gestraften,  findet  sich  auch  in 
der  ersten  der  Cent  nouvelles  Nouvelles.  Legrand  4^,  208, 
Dunlop-Liebrecbt  296. 

10. 
Die  zurückgelassene  Bruch. 

Ein  Galan  wird  bei  seiner  Geliebten  durch  den  Ehemann 
gestört,  entkommt  mit  genauer  Not,  muss  aber  seine  Bruch 
liegen  lassen.  Der  Gatte  schöpft  daraus  sofort  Verdacht;  die 
kluge  Frau  aber  bearbeitet  den  Ärmsten  plötzlich  mit  der  Bruch 
so,  dass  ihm  Hören  und  Sehen  vergeht,  bis  er  sich  bequemt, 
zweimal  das  Wort  „bruoch'  auszusprechen.  Nachdem  er  das 
gethan  hat,  wirft  die  Frau  mit  den  Worten :  „Wie  diese  Bruch 
verschwinde,  so  möge  auch  die  Krankheit,  die  dich  so  häufig 
plagt,  für  immer  verschwinden!^  das  Kleidungsstück  dem  vor 
dem  Hause  wartenden  Liebhaber  zu.  Dem  Manne  erkläi*t  sie 
dann,  sie  habe,  um  ihn  von  der  Krankheit  zu  heilen,  ihn  plötzlich 
erschrecken  und  eine  geliehene  Bruch  müssen  verschwinden 
lassen. 

Den  Kern  der  weitverbreiteten  Novelle  bildet  der  zurück- 
gelassene Gegenstand,  dessen  Vorhandensein  in  der  ver- 
schiedensten Weise  erklärt  wird^).  Der  Gegenstand  selbst  ist 
bald  ein  Stab,  wie  im  Sandabar,  bald  ein  Ring,  wie  im  Syntipas 
und  in  den  sieben  Vezieren,  bald,  wie  im  libro  de  los  engaüos 


»)  Bolte  zu  Frey  87. 


78 

und    in    der  ergötzlichen  Episode  in  HoflFinanns  Kater   Muit, 
Pantoffeln,  bald  ein  Handschah,  wie  in  einem  sicilischen  Volks- 
märchen, in  einer  Erzählung  von  Kaiser  Friedrich  II.  und  in  einer 
Anekdote  Brantomes.    Landau,  Quellen  S.  42  ff.,  Z.  f.  d.  Ph.  4, 
308  ff.    Bei  Apulejus,  dessen  Anekdote  aus  den  Metamorphosen 
XI  p.  624—635,    Oudendorp,   von    Legrand  P,  351,    Dunlop- 
Liebrecht  259   und   Montaiglon  3,  434,   als  Quelle  dieser  Er- 
Zählung  betrachtet  ist,  und  in  der  Gomedia  Milonis  von  Matthäus 
von  Vendome  hat  der  Liebhaber  seine  Sandalen  zurückgelassen. 
Um  den  Verdacht  des  Ehemannes  zu  reizen,  verbirgt  die  schlaae 
Auberee,  wie  ein  altfranzösisches  Gedicht  La  vielle  maquerelle 
bei   Montaiglon  5,  1  Nr.  110,    Legrand  4^  68,  erzählt,    einen 
Mantel  im  Bette.   Vergl.  Dunlop-Liebrecht  258.    Einen  Schar- 
lachmantel lässt  der  Liebhaber  im  Fableau  vom  Chevalier  a  la 
robe  vermeille  Legrand  2,  228  ^)  auf  einem  Koffer  zurück.     In 
den  bekanntesten  Fassungen  dieser  Geschichte,  Des  brais   au 
cordelier  (Montaiglon  3,  275)  und  dessen  Nachahmungen,  welche 
man  bei  Legrand  P,  349  ff.,  Dunlop-Liebrecht  258.  297,   Mon- 
taiglon 3,  434  und  B6dier,  Les  Fabliaux  p.  451  N.  verzeichnet 
findet,  werden  die  zurückgelassenen  Hosen  des  Liebhabers  vor- 
gefunden,  wie   auch  bei  Heinrich  Kaufringer  angegeben  wird. 
Bei  Heinrich  von  Pforzheim  heisst  die  bruch  „dez  pfaffen  banner" 
274.   LS.  202. 

Sehr  charakteristisch  ist  nun  die  Art  und  Weise,  wie  sich 
die  durch  Auffindung  jenes  Gegenstandes  Kompromittierten  aus 
der  Verlegenheit  helfen.  In  den  erwähnten  orientalischen  Ver- 
sionen spitzt  sich  die  Verwicklung  nicht  besonders  zu;  anders 
aber  in  den  wälschen  Bearbeitungen  und  bei  Apulejus.  Hier 
beschuldigt  der  Liebhaber  den  Sklaven  des  Ehemannes,  die  be- 
treffenden Sandalen  ihm  in  einem  öffentlichen  Bade  gestohlen 
zu  haben;  dort  werden  die  Hosen  geweiht  zur  Beförderung 
der  Fruchtbarkeit,  oder  als  Reliquien  ausgegeben,  welche  z.  B. 
in  der  Bearbeitung  des  Massuccio,  Novellino  1,  3  von  Mönchen 
in  feierlicher  Prozession  zurückgeholt  werden.  Diese  Frivolität 
fand  in  Deutschland  keinen  Boden;  der  Ausgang  musste  anders 
lauten.    Bei  Folz  in  Kellers  Erzählungen  228  müssen,  um  den 


^)  Gröber  im  Qrundriss  für  romanische  Phii.  II  *  613. 


79 

erzQrnten  Ehemann  zu  begfitigen,  auch  die  Amme  und  die  Magd 
eine  Bruch  anlegen ;  sodann  erklärt  die  Amme,  sie  alle  3  hätten 
ausgemacht,  diese  Kleidungsstücke  8  Tage  lang  zum  Scherz  an- 
zulegen, mit  dem  Beding,  dass,  wer  ohne  Bruch  betroflfen  würde, 
ein  Viertelmass  Wein  zahlen  sollte.  Bei  der  Untersuchung, 
die  daraufhin  durch  den  Ehemann  stattfindet,  hat  die  Frau 
keine  Bruch  und  gibt  an,  die  im  Bette  liegengebliebene  sei  die 
ihrige.  Eine  Weiterbildung  weist  Liebrecht,  Germania  1,  270 
nach.  Vergl.  noch  Cloetta  im  Archiv  f.  n.  Sprachen  93,  223  f. 
Bei  Kaufringer  nun  eine  andre  Wendung.  Die  Frau  gibt 
nachher  an,  sie  habe  den  Ritt  des  Mannes  beschwören  wollen, 
wozu  sie  den  Bruch  nötig  gehabt.  Zunächst  habe  sie  ihn  er- 
schrecken müssen;  der  Kranke  darf  nach  dem  Volksglauben  nicht 
wissen,  um  was  es  sich  handelt.  Wuttke^  482.  483.  498.  499. 
508.  DM.*  966  Nr.  370.  A.  53.  182.  Dass  der  Hahnrei,  welcher 
sich  von  seiner  Schande  überzeugt,  für  krank,  unsinnig  und 
dergl.  ausgegeben  wird,  ist  ein  alter  Zug.  Schon  im  Pantscha- 
tantra  3,  11  gibt  das  Weib  des  Zimmermanns  an,  der  Gemahl 
würde  dem  Tode  geweiht  sein,  wenn  er  sie  jetzt  berühre.  Oft 
ist  er  blind  oder  leidet  an  optischen  Täuschungen,  wie  in  den 
Novellen,  die  man  unter  dem  Stichworte  „Proben  der  Männer- 
geduld^  zusammenfasst.  Landau,  Quellen  79  ff.  Dunlop-Liebrecht 
243.  Romania  III  192.  Liebrecht,  Zur  Volkskunde  135.  In  der 
Novelle  Irregang  und  Girregar  GA.  55,  647  wird  eine  um- 
ständlichere Beschwörung  des  Rittes  vorgenommen.  Im  176. 
Spruche  des  Liedersaales  V.  155  wird  der  Mann  gemessen. 
Renner  12183 ff.  DM.*  974.  Wuttke  506.  An  den  milesischen 
Ursprung  dieses  Stoffes  zu  glauben,  hindern  mich  die  orien- 
talischen Parallelen.  Ausserdem  möchte  ich  in  Kaufringers  X. 
und  XV.  Novelle  nur  verschiedene  Ausgestaltungen  einer  Grund- 
form sehen.    Vergl.  Benfey,  Pantschatantra  1,  163  ff. 

11. 
Die  drei  betrogenen  Ehemänner. 

Drei  Bäuerinnen,  Jütt,  Hiltgart  und  Mächilt,  haben  ihre  Eier 
für  7  Häller  verkauft  und  teilen  den  Erlös.  Jede  erhält  zu- 
nächst 2  Häller;  wer  aber  den  übrigbleibenden?    Nach  langem 


80 

Streite  schlägt  Frau  Hiltgart  vor,  diejenige  solle  ihn  haben, 
welche  ihrem  Manne  den  schlimmsten  Streich  spiele. 

Hiltgart  lässt  unter  Vorgabe  übelriechenden  Atems  ihrem 
Mann  2  Zähne  ausziehen,  ihn  beichten,  fiberredet  ihn,  er  sei 
gestorben,  und  empfiehlt  sich  dem  Knechte  Heinz. 

Frau  Jütt  schiert  ihrem  trunkenen  Ehemanne  Heinrich  eine 
Platte  und  bringt  ihn  durch  Aufbietung  aller  Überredungskunst 
dahin,  als  PfaflFe  das  Opfer  für  den  „gestorbenen*  Nachbar 
Perchtold  darzubringen.  Frau  Mächilt  nimmt  ihrem  Manne 
die  Kleider  von  dem  Bette  fort,  heisst  ihn  in  die  Kirche  eilen, 
um  beim  Opfer  für  Meier  Perchtold  zugegen  zu  sein.  Sein 
Gewand  habe  er  ja  längst  angelegt.  Nackt  geht  er  zur  Kirche, 
will  dort  mit  zum  Opfer  gehn,  kann  aber  seinen  Beutel  nicht 
öfi'nen.  Mächilt  will  ihm  behülflich  sein  und  schneidet  ihm  die 
Partie  honteuse  aus.  Auf  den  Schmerzensschrei  stürzt  der 
falsche  Pfarrer  vom  Altare,  wo  er  in  Sorgen  gestanden  hatte, 
eilt  mit  dem  Verwundeten  aus  der  Kirche,  alles  Volk  ihm  nach. 
Nur  Meier  Perchtold  bleibt  auf  der  Bahre  in  der  Kirche  liegen. 
Jetzt  ruft  er:  „Was  lieg  ich  hier?  Ich  bin  schändlich  betrogen 
von  meinem  Weibe!  Der  Teufel  hole  sie!**  Wütend  eilt  er 
hinaus,  um  seine  frommen  Wünsche  an  Frau  Hiltgard  zu  ver- 
wirklichen ;  doch  alles  flieht  vor  dem  Toten.  Die  hochkomische 
Scene  schliesst  damit,  dass  die  3  Betrogenen  in  den  Wald 
laufen.  Der  Dichter  lässt  dabei  in  überlegen  übermütiger  Weise 
seinen  Humor  spielen: 

Nun  lassen  wir  die  trappen  gen 

Ze  holz,  bis  das  si  sich  versten. 

Das  si  all  gar  trunken  sind 

Und  mit  schönen  äugen  plind. 

Und  sie  das  erkennen  zwar, 

So  lauflFens  wider  haim  für  war 

Und  laussent  es  dann  guot  sein, 

Was  si  geliten  haben t  pein. 
Den  sehr  beliebten  Novellenkreis  von  den  drei  Frauen  hat 
besonders  Liebrecht,  Zur  Volkskunde  S.  124  flf.  behandelt;  vergl. 
Pio  Rajna  in  der  Romania  X  18  ff.,  H.  v.  Wlislocki,  Germania  32, 
442  ff.,  Liebrecht  selbst  ebenda  35,  206,  Lambel,  Erzählungen 
und  Schwanke,  S.  XIII.,  B6dier  S.  265.  270.  458,  Cloetta  S.  213, 


81 

Gröbers  Griiiidriss  IV  615,  Stiefel,  Hans  Sachs-Forsclmngeü 
S.  105,  Bolte  zu  Wetzel  S.  219.  Kaufringers  Bearbeitung  hat 
wieder  mehrere  selbständige  Züge  und  den  vorzüglichsten  Plan 
vor  allen  anderen  voraus.  Schon  die  auf  einem  geschickt  aus- 
gesonnenen Vorgang  beruhende  Einleitung  verdient  vor  dem 
monotonen  Motiv  des  gefundenen  Gegenstandes  (Liebrecht  I, 
III,  IV,  Vni,  IX,  X,  XI,  XII,  XIII  La  gara  delle  tre  mogli) 
oder  des  ganz  unmotivierten  Streitens  (Liebrecht  11,  VI,  VII) 
gewiss  den  Vorzug.  Nur  eine  dänische  Version  bei  Liebrecht  V 
hat  eine  ähnliche  Einleitung,  in  der  4  Schilling  auf  3  Nach- 
barinnen verteilt  werden  sollen.  Das  Streiten  um  das  ungerade 
ist  sprichwörtlich.  Fsp.  574,  23:  „Und  gib  euch  paiden  siben 
air,  Icklichen  dreu  zu  seinem  tail.  Und  das  ungerad  traget  fall". 
Vergl.  Bolte  zu  Montanus  S.  595.  Nr.  14. 

Die  Überlieferung  Kaufringers,  welcher  später  auch  Folz 
(Haupts  Zeitschrift  8,  524)  Hans  Sachs,  der  ihn  geplündert, 
und  der  ungenannte  Dichter  in  Kellers  Erzählungen  210  folgen, 
ist  in  der  Anordnung  und  Motivierung  selbständig,  während  die 
vierte  deutsche  Bearbeitung  dieses  Novellenstreites  im  Lieder- 
saal Nr.  176  mehr  dem  französischen  Fableau  Des  III  Dames 
qui  trouverent  Tanel  (Montaiglon  1,  168,  B6dier  S.  481.  438) 
sich  anschliesst.  Die  erste  Novelle  des  deutschen  Dichters  deckt 
sich  mit  der  zweiten  des  französischen,  die  dritte  haben  beide 
gemein.  Die  im  XL  Gedichte  Kaufringers  vereinigten  Novellen 
betrachten  wir  zunächst  einzeln. 

Zwei  beliebte  Züge  liegen  dem  ersten  Schwanke  zu  Grunde, 
der  vom  übelriechenden  Atem  und  der  vom  „toten"  Ehemanne. 
Der  erste  ist  teils  zu  selbständigen  Novellen  ausgesponnen,  wie 
in  zwei  italienischen  von  Liebrecht  unter  Nr.  20  und  1  ange- 
zogenen Stücken,  teils,  wie  im  XL  und  XIII.  Gedichte  Kaufringers, 
episodisch  verwandt.  Landau  weist  ihn  in  der  Erzählung  des 
Walter  Mapes  von  Parius  und  Lausus  nach.  Nugae  curial. 
dist.  III  cap.  3.  Q.  d.  D.  81.  Bolte  zu  Frey  S.  277.  Dunlop-Lieb- 
recht  244.  Das  Zitat  Liebrechts,  Zur  Volkskunde  S.  133: 
Boccaccio,  Decam.  IX,  4  meint  die  neunte  Novelle  des  siebenten 
Tages. 

Nachdem  so  die  Bäuerin  ihrem  Manne  zwei  Backenzähne  hat 
ausziehen  lassen,  tiberredet  sie  den  vom  Blutverlust  geschwächten, 

Eullng,  Heinrich  Kanfiringer.  6 


82 

er  sei  tot,  und  empfiehlt  sich  ihrem  Knecht  Heinz.  Wahrscheinlicli 
ist  diese  Erzählung  orientalischen  Ursprungs.   Somadeva  erzählt 
Cap.'39,  wie  man  einem  Dummkopfe  glauben  machen  kann,  er 
sei  gestorben.     Landau,  Q.  d.  D.  156.     Cloett^  214.     Bedier^ 
475.    Viele  occidentalische  Versionen  hat  Liebrecht  in  seinem 
Aufsatze  von  den  drei  Frauen   analysiert.     Dunlop  führte    die 
ihm  bekannten  Novellen  dieser  Art  auf  ein  Fableau  oder  Poggios 
Mortuus  Loquens  zurück  (Dunlop-Liebrecht  282,  493);  im  Fa- 
bleau Du  villain  de  Bailleul  (Montaiglon  4,  212,  Oloetta,  Archiv 
91,  51),  in  welchem  ein  Priester  die  Stelle  des  Knechtes  über- 
nimmt, ist  allerdings  die  für  des  Bauern  Dummheit  am  meisten 
charakteristische  Stelle  (Vers  117  ff.)  der  deutschen  bei  Kauf- 
ringer 269  ff.  und  Folz  41  ff.  Kellers  Erz.  216.  22  ff.  auffallend 
ähnlich.     Sie  lautet: 

„Certes,  se  je  ne  fusse  mors, 

Mar  vous  i  fussiez  embatuz, 

Ainz  hom  ne  fu  si  bien  batuz 

Com  vous  seriez  ja,  sire  prestre''. 
In  ähnlicher  Weise  verbindet  ein  Stichwort  drei  nordische 
Versionen,  bei  Liebrecht  Nr.  15,  17  und  19. 

Auch  der  zweite  Schwank  von  dem  falschen  Pfaffen,  wofür 
Liebrecht  das  Stichwort  „der  Mönch"  gebraucht,  hat  eine  lange 
Geschichte  hinter  sich.  Benutzt  ist  das  sehr  ausgiebige,  uralte 
komische  Motiv  der  Verwechselung.  Vergl.  Benfey,  Pantsch.  I, 
129.  Die  älteste  mir  erreichbare  Gestalt  dieser  Novellenform 
liegt  in  einer  tibetischen  von  Liebrecht,  Zur  Volkskunde  8.  125 
beigebrachten  Erzählung  vor.  Die  Frau  eines  Brahmanen  schirt 
den  überlisteten  Ehemann  kahl,  um  ihrer  Freundin  Qavari  zu 
beweisen,  wie  sehr  sie  ihren  Mann  in  der  Gewalt  habe.  Im 
Kahlscheeren,  woraus  später  das  Plattenscheeren  geworden  ist, 
feiert  besondeis  in  der  volksmässigen  Komik  die  Uberlistung 
ihren  Triumph.  Morolf  spielt  seinen  Feinden  zweimal  diesen 
Streich;  Salman  und  Morolf,  Str.  290  und  328.  Neithart  macht 
24  Bauern  zu  Pfaffen.  Neith.  Fuchs  1246  ff.,  Gusinde,  Germ. 
Abhandl.  17,  103  fgg.  Im  Fastnachtsspiele  und  in  dem  Priamel 
erscheint  das  Plattenscheeren  als  Strafe  der  Thoren.  Keller, 
Alte  gute  Schwanke,  Nr.  33.  8,  Fsp.  143,  15.  Ebenso  im  afr. 
Streitgedicht  Des  deux  bordeors  ribaux  (Montaiglon,  R6cueil  I, 


83 

54):  „Pour  ce  si  te  devroit  on  tondre  Tantot  autresi  come  un 
sof*.  DWB.  VII  377.  Die  meisten  Beispiele  vom  unfreiwilligen 
Mönchtum  des  düpierten  Ehemannes  liefert  die  Novellistik  der 
Romanen  (Liebrecht,  Z.  V.  124  Nr.  1);  doch  scheint  mir  bemerkens- 
wert, dass  in  ihren  Erzeugnissen  nie  der  organische  Zusammen- 
hang mit  den  übrigen  Novellen  dieses  Kreises  hergestellt  ist, 
was  einen  Vorzug  der  deutschen  und  nordischen  Versionen 
(Liebrecht  Nr.  V.  VI.  VII)  ausmacht.  Die  Fassung  des 
Liedersaales  steht  auch  hier  für  sich  und  folgt  den  romanischen 
Formen. 

Die  letzte  Geschichte  Kaufringers  ist  im  wesentlichen  die 
von  dem  unsichtbaren  Gewände,  deren  orientalischen  Ursprung 
Ferd.  Wolf  in  den  Wiener  Jahrbüchern  1857,  193  nachgewiesen 
hat.  Von  den  Avadäuas,  die  Stanislas  Julien  aus  dem  Chi- 
nesischen übersetzt  hat,  gehört  Nr.  39  „Le  fou  et  le  fils  de 
coton"  hierher.     Vergl.  Liebrecht,  ZV.  S.  113  und  129. 

Wenn  wir  nun  das  Verhältnis  von  Kaufringers  Novelle  zu  der 
Folzischen  und  der  bei  Keller  gedruckten  betrachten,  mit  denen 
sie  nach  unserer  Bemerkung  am  nächsten  verwandt  ist,  so  zeigt 
sich  recht  deutlich,  wie  hoch  Kaufringer  über  der  Novellistik 
des  15.  Jahrhunderts  steht.  In  der  Kellerschen  Erzählung  ist 
zunäclist  die  Reihenfolge  der  Stücke  insofern  geändert,  als  die 
Geschichte  von  dem  falschen  Abte  der  vom  toten  Bauern  voran- 
geht. Sodann  finden  sich  im  einzelnen  viele  Unschicklichkeiten, 
die  den  Stümper  in  der  Erfindung  und  Darstellung  verraten. 
So  lässt  sich  Hildegunts  Mann  auf  Zureden  willig  eine  Platte 
scheeren;  so  wird  dem  Bauer  Sweichmuet  ohne  Veranlassung 
eingeredet,  er  sei  tot ;  so  zieht  der  Bauer  Ocker  die  alten  Kleider 
ab,  und  Radigund  legt  ihm  die  unsichtbaren  Gewänder  an. 
Die  3  Personen  führt  der  Dichter  gar  nicht  mehr  zusammen, 
nachdem  der  Streich  gelungen  ist,  sondern  er  verlässt  sie  mit 
ungenügenden  Bemerkungen.  Knawr  meint  nur,  er  sei  der 
zwölfte  Abt  geworden,  Herbrant,  er  sei  wirklich  tot;  und 
Ocker  ging  lesterlich  zur  Kirche,  man  hielt  ihn  für  ver- 
rückt. Noch  roher  und  kunstloser  verfährt  Folz,  dessen  No- 
velle übrigens  dieselbe  Reihenfolge  der  Stücke,  wie  bei  Kauf- 
ringer, bewahrt.  Die  kurze,  fast  aller  Motivierung  entbeh- 
rende Erzählung  nimmt  nur  141  Verse  ein,   während  sie* 

6 


84 

lange  geistliche  Auslegung  daranschliesst.  Die  '3  Frauen 
sind  das  Fleisch,  der  Teufel  und  die  Welt;  die  Männer  aber 
bedeuten  die  3  Stände:  Fürsten,  Geistliche,  Bürger.  Den  Preis 
spricht  Folz  der  ersten  Frau  zu.  Sehr  matt  ist  der  Schluss, 
indem  der  falsche  Pfarrer  den  Toten  aufstehen  lässt  und  wie 
im  Fastnachtspiel  mit  den  Gesellen  zum  Weine  geht.  Hans 
Sachs  hat  Folzens  Schwank  in  62  Versen  wiedergegeben. 

Die  Vorzüge  der  Kaufringerschen  Erzählung  sind  nicht  nur 
in  der  sorgfältigen  Motivierung  der  Einzelheiten,  sondern  vor 
allem  in  der  Kunst  begründet,  mit  welcher  der  Dichter  die 
3  Betrogenen  in  der  Kirche  zusammenführt,  der  Höhepunkt  der 
Novelle.  Freilich  ist  die  Szene  von  ungeschlachter  Rohlieit, 
besonders  in  einem  Gotteshause;  aber  sie  ist  nicht  roher  als 
ihre  Zeit  (vergl.  Chron.  5,  301,  8flf.),  davon  abgesehen,  äusserst 
wirksam  und  von  dramatischer  Lebendigkeit. 

12. 
Der  Zehnte  von  der  Minne. 

Eine  einfältige  Bauersfrau  lässt  sich  Fastnacht  von  ihrem 
Pfarrer  bereden,  auch  von  der  Minne  den  Zehnten  zu  bezahlen. 
Der  Ehemann  soll  von  der  ersten  Abrechnung  nichts  merken, 
sieht  aber  den  Pfarrer  aus  dem  Hause  gehen  und  erfährt  bald 
alles.  Schrecklich  bedroht  er  nun  das  Weib,  in  Zukunft  diese 
Abgabe  nicht  mehr  zu  leisten  und  fordert  ihre  Mithülfe  zur 
Rache.  Bei  einem  zu  diesem  Zwecke  veranstalteten  Mahle 
wird  dem  Pfaffen  eine  nicht  näher  zu  bezeichnende  Flüssigkeit 
als  Wein  vorgesetzt.  Der  Ärmste  trinkt,  und  die  Folgen  äussern 
sich.  Der  Bauer  aber  spottet  zunächst:  Der  Wein  sei  von 
demselben  Stamme,  wovon  er  kürzlich  den  Zehnten  einge- 
nommen; dann  aber  droht  er  demjenigen  das  Schlimmste,  der 
einen  solchen  Zehnten  fordere.  Begütigend  erklärt  der  Pfarrer, 
das  Weib  sei  unschuldig,  und  versöhnt  den  Bauer. 

Die  Forderung  des  Pfaffen,  welche  dieser  Novelle  zu  Grunde 
liegt,  gehört  nach  Gierkes  Ansicht  (der  Humor  im  d.  Recht  §  10) 
wie  die  des  jus  primae  noctis,  ins  Reich  der  humoristischen 
Rechtsübertreibungen,  was  aber  von  Liebrecht,  Zur  Volkskunde 
S.  416  ff.,  94  entschieden  bestritten  wird,  und  ist  wahrscheinlich 
schon  vor  Poggios  Decimae  (Bolte  zu  Frey  22,  91,  123  und  zu 


85 


Montanas  S.  627  Nr.  103)  ein  pikanter  Novellenstoff  gewesen. 
Abgesehen  von  unkultivierten  Ländern,  wo  derartige  Gebräuche 
nicht  selten  sind,  hat  Liebrecht,  das  jus  primae  noctis  für 
Frankreich,  Spanien  und  Italien,  Schottland,  Nordengland 
nachgewiesen.  Ausserdem  wird  es  nur  noch  im  Westgoten- 
recht, in  einem  Züricher  Weistume  und  aus  Holland  er- 
wähnt. In  bayerischen  Weistümern  wird  es  angedeutet,  Eiezler 
3,  788.  Es  ist  auch  zu  erwägen,  dass  sich  Erzählungen 
aus  gängigen  Redensarten,  wie  hier  ,der  minne  sold,  zoll,  zins\ 
heraus  krystallisieren  können.  Ein  gutes  Beispiel  für  solche 
sagenbildende  Thätigkeit  der  Volksfantasie  liefert  Müller-Frau- 
reuth,  Die  deutschen  Lügendichtungen  S.  29.  Bei  Valentin 
Schumann  ist  die  hier  in  Betracht  kommende  Bedeutung  des 
,zins*  recht  häufig;  s.  Boltes  Register  S.  439. 

Der  Stoff  erscheint  somit  schon  als  ein  vorzugsweise  ro- 
manischer, wenig  deutscher.  Die  Vergleichung  der  Frau  mit 
einem  Acker  liegt  vielen  griechischen  und  lateinischen  Ausdrücken 
zu  Grunde.  Liebrecht,  ZV.  217:  aus  einem  neugriechischen  Volks- 
liede:  Nr.  278.  Die  Witwe  sagt  zum  Knechte:  „Ich  habe  dir  den 
Acker  zum  Besäen  und  Ernten  gegeben ;  du  hattest  aber  einen 
schlechten  Pflug  und  eine  stumpfe  Pflugschar".  Der  Koran 
schreibt  in  der  2.  Sure  (Ullmann^  S.  25)  vor:  „Die  Weiber 
sind  euer  Acker;  kommet  in  euren  Acker,  auf  welche  Weise 
ihr  wollt,  weihet  aber  zuvor  eure  Seele".  Landau,  Q.  d.  D.  43. 
Für  die  Volksmässigkeit  dieser  Vorstellung  im  Deutschen  liefert 
ein  Schweizerischer  Reimspruch  den  Beleg: 

Wenn  i  emol  es  Fraueli  ha, 

So  weiss  i  was  i  mache: 

I  legge-n-em  e  Kummet  a 

Und  fare  mit  em  z'  Acher  ^). 
Das  Bild  eines  Weinberges  ist  in  der  Comoedia  Milonis  und  in 
einer  arabischen  Erzählung  gebraucht,  in  welcher  von  einer 
Quelle  mit  süssem  Wasser  die  Rede  ist,  die  der  Löwe  (König) 
besuche.  Landau  a.  a.  0.  Andere  spätere  Bearbeitungen  dieses 
Stoffes  geben  Dunlop-Liebrecht  296  zur  Nr.  32  der  cent  nou- 


')  Tobler,  Schweizerische  Volkslieder  1,  208.  Weinholds  Zeitschrift  ftr 
Volkskunde  4,  159. 


^6 

velles  Nouvelles^)  und  Bolte  a.  a.  0.  an.  Von  dieser  ist  dann 
wahrscheinlich  die  ungedruckte  50.  Erzählung  im  Grand  Parangon 
des  nouvelles  Nouvelles  von  Nicolas  de  Troyes  abhängig,  wie  die 
Inhaltsangabe  bei  Mabille  S.  XXV  andeutet:  „Des  cordeliers  d'un 
convent  qui  faisoint  payer  la  dime  aux  femmes  de  la  ville  de  cela 
que  leurs  marys  leur  faisoint  de  nuit,  et  corament  il  fut  sceu 
par  Tune  des  femmes,  dont  ils  füren t  griefement  pugnit,  car 
ils  avoint  bien  merite". 

13. 
Die  Vergeltung. 

Ein  Pfaffe  weiss  von  der  ßittersfrau,  zu  welcher  er  ein 
buhlerisches  Verhältnis  unterhält,  es  zu  erlangen,  dass  sie  ihm 
zwei  Stockzähne  des  Ehemanns  verschafft.  Die  List,  mit  der 
sie  den  zweiten  Zahn  bekommt,  ist  dieselbe  wie  jene  in  der 
XI.  Novelle. 

Aus  diesen  Zähnen  lässt  nun  der  übermütige  Pfaffe  zwei 
Würfel  in  köstlichster  Arbeit  herstellen,  und  in  trunkener  Laune 
vertraut  er  einst  beim  Spiel  dem  Ritter,  das  Elfenbein  der 
Würfel  habe  noch  jüngst  im  Munde  eines  Ritters  gestanden. 
Eine  Turnierfahrt  vorschützend  entfernt  dieser  sich,  kehrt  aber 
Abends  heim,  versteckt  sich  in  der  Kammer  und  verstümmelt 
den  Ehebrecher  in  schrecklicher  Weise,  ohne  sich  in  der  Dunkel- 
heit zu  erkennen  zu  geben.  Die  abgeschnittenen  Hoden  lässt  er 
dann  als  Knöpfe  an  einem  kostbaren  Beutel  verarbeiten,  den 
er  dem  kranken  Pfaffen  schenkt  mit  der  Erklärung,  woher  die 
Knöpfe  stammten.  Nur  unter  der  Bedingung  aber  lässt  er  den 
Elenden  leben,  dass  dieser  der  Ehebrecherin  die  Zunge  ausbeisst. 
Auch  das  geschieht,  und  der  Ritter  verstösst  die  ungetreue 
Gemahlin  in  Gegenwart  ihrer  Verwandten. 

Über  den  ersten  Teil  der  Novelle,  in  dem  der  Zahn  eine 
Rolle  spielt,  ist  schon  oben  bei  der  XI.  Novelle  gesprochen. 
Die  im  zweiten  Teile  vollzogene  Strafe  findet  sich  besonders 
häufig  in  wälschen  Erzählungen.  Vergl.  Nicolas  de  Troyes 
Nr.  42,  Mabille  S.  184,  Nr.  20,  Mabille  S.  87,  ferner  S.  XXX 
Nr.  85,  XL.  IV  Nr.  165.  Liebrecht,  Zur  Volkskunde  S.  94  ff. 
weist  diese  Entmannung  aus  Sicilien,  Wales   und   vielen  bar- 


^)  Mitteilung  von  R.  Köhler. 


87 


barischen  Ländern  nach.  Bolte  zu  Schumanns  Nachtb.  S.  386 
und  Nachträge  (LV.  209)  S.  277.  Zu  Montanus  S.  620  Nr.  106. 
Zeitschrift  für  vergl.  Litteraturgeschichte  (Neue  Folge)  7,  465. 
Eine  französische  bezw.  italienische  Überlieferung  mag  die 
Quelle  für  Kaufringer  gewesen  sein.  Wie  ich  mir  seine  Ar- 
beitsweise denke,  habe  ich  schon  früher  ausgeführt. 

14. 
Die  unschuldige  Mörderin. 

Eine  schöne  Jungfrau  aus  gräflichem  Geschlechte  wird  von 
einem  Könige  aus  der  Nachbarschaft  zur  Gemahlin  begehrt. 
Jenem  Könige  dient  ein  Ritter,  welcher  von  einem  bösen  Knecht 
veranlasst  wird,  die  Gunst  der  Braut  seines  Herrn  noch  vor 
dem  morgenden  Hochzeitstage  sich  zu  erwerben.  Der  Anschlag 
gelingt.  Unter  der  Angabe,  er  sei  der  König  und  habe  Wich- 
tiges mit  seiner  Braut  zu  verhandeln,  wird  der  Ritter  nachts 
in  die  Burg  der  Gräfin  eingelassen,  während  der  König,  ihr 
Bruder  und  alle  Reisigen  zum  Hofe  des  Königs  aufgebrochen 
sind.  Unerkannt  von  der  Braut  gewinnt  der  Verräter  deren 
Gunst.  Doch  eine  unvorsichtige  Äusserung  macht  die  Gräfin 
stutzig,  und  als  der  vermeintliche  Gatte  fest  entschlafen,  stiehlt 
sie  sich  von  ihm,  zündet  eine  Kerze  an  und  entdeckt  den  un- 
erhörten Betrug.  Schnell  entschlossen  sucht  sie  ein  Messer  und 
schneidet  dem  Räuber  ihrer  Ehre  das  Haupt  ab.  Wo  aber  soll 
sie  den  Leichnam  nun  verbergen?  In  ihrer  Not  macht  sie  den 
Pförtner  der  Burg  zum  Mitwisser  ihres  Geheimnisses  und  erfleht 
seine  Hilfe.  Doch  dieser  stellt  nun  dafür  eine  Zumutung,  gegen 
welclie  das  unglückliche  Weib  sich  sträubt,  die  sie  aber  doch 
endlich  erfüllen  muss.  Jetzt  schleppt  er  die  Leiche  in  eine 
Zisterne;  die  Gräfin  folgt  ihm  mit  dem  Haupte  des  Getöteten, 
und  als  der  Pförtner  sich  niederbeugt,  um  den  Körper  lautlos 
fallen  zu  lassen,  stösst  sie  den  Elenden  mit  rascher  Geistes- 
gegenwart in  die  Tiefe.  Indessen  wird  der  im  Walde  wartende 
Knecht  des  getöteten  Ritters,  weil  er  mit  dem  leeren  Rosse 
betroffen  ist,  aufgegrifi'en  und  als  Pferdedieb  gehängt.  So  zeigt 
sich  der  Dichter  vertraut  mit  der  Kunst  der  Episode.  Des 
Morgens  wird  die  Braut  von  ihrem  Bruder  zum  Hofe  des  Kör' 
geführt,  wo  man  die  Hochzeit  feiert.    In  der  1 


88 

wegt  die  Gräfin  eine  ihrer  Jungfrauen,  heimlicli  ihren  Platz  beim 
Könige  einzunehmen.  Doch  nachdem  der  König  eingeschlafen, 
weigert  sich  die  Jungfrau,  der  Königin  den  Platz  wieder  zu 
überlassen,  und  diese  nimmt  zu  einem  verzweifelten  Mittel  ihre 
Zuflucht.  Sie  zündet  das  Bett  an,  rettet  den  König  und  lässt 
die  Ungetreue  verbrennen.  32  Jahre  leben  nun  König  und  Königin 
in  ungetrübten  Glück,  bis  eines  Tages  die  Königin,  im  Gedanken 
bei  jenen  fürchterlichen  Ereignissen  verweilend,  Thränen  ver- 
giesst,  die  des  schlafenden  Königs  Antlitz  netzen.  Er  erwacht, 
fragt  nach  der  Ursache  und  erfährt  die  Wahrheit,  nachdem  er 
ihr  wegen  des  zu  Erzählenden  seine  Gunst  nicht  zu  entziehen 
versprochen  hat.  Gerührt  von  den  Leiden  und  der  Stand- 
haftigkeit  des  Weibes,  schliesst  er  sie  in  seine  Arme  und  spricht: 
„Du  hast  mich  um  einen  teuren  Preis  erworben;  ich  will  dii-s 
vergelten". 

Die  französischen,  eine  englische,  eine  irische  und  eine 
persische  Bearbeitung  dieses  von  unserm  Dichter  mit  sichtlicher 
Vorliebe  behandelten  Novellenstoifes  hat  Reinhold  Köhler,  wie 
er  mir  seiner  Zeit  mitteilte,  in  zwei  Aufsätzen  der  Romania  XI. 
581  flf.  und  XV,  610  if.,  besprochen.  An  der  Ausbildung  des 
Stoffes  hat  wohl  wieder  der  Orient  hervorragenden  Anteil,  wie 
die  von  Köhler  Komania  XI,  583  f.  ausgehobene  Erzählung  aus 
dem  persischen  Bahar-Danush  beweist.  Abweichend  ist  nur 
der  Anfang  der  orientalischen  Novelle.  Eine  Königstochter 
führt  ihren  Geliebten  heimlich  mit  in  den  Palast  ein,  wird  von 
dem  Vater  überrascht  und  verbirgt  den  Geliebten  in  einem  Ver- 
stecke, wo  er  erstickt.  Um  die  Leiche  fortzuschaffen^)  wird 
sie  das  Opfer  eines  Negers,  den  sie  später  von  den  Zinnen  des 
Palastes  stürzt.  Bald  darauf  vermählt  sie  der  König  mit  einem 
Fürsten.  Die  irische  Version  aus  dem  12.  Jahrh.  folgt  zu  An- 
fang der  persischen.  Der  Körper  aber  wird  von  einem  „vigoureux 
rustre"  fortgebracht,  welchen  die  Prinzessin  dann  von  einem 
Felsen  stösst.  Die  in  der  orientalischen  Fassung  erzählten 
Vorgänge  der  Hochzeitsnacht  entsprechen  genau  den  in  der 
deutschen  Novelle,  während  nach  dem  irischen  Livre  de  Leinstre 
die  stellvertretende  Jungfrau  dadurch  aus  dem  Wege  geräumt 


')  Vergl.  Bedier,  Les  fabliaux  S.  240.  A.  1. 


89 

wird,  dass  die  Prinzessin  sie  ertränkt.  Der  langausgesponnene 
Schluss  ist  erbaulichen  Inhalts:  Der  Gemahl  stirbt,  die  Witwe 
weist  Anträge  ihres  Beichtigers  zurück  und  stirbt  selig.  Die 
Erzählung  wurde  auch  den  Gesta  Romanorum  einverleibt  und 
hat  sich  in  einer  englischen  Version  derselben  erhalten.  The 
early  English  Versions  of  the  Gesta  R.  hg.  v.  Herrtage.  S.  394. 
Köhler,  Romania  XI,  582.  Hier  ist  schon  statt  des  Geliebten 
der  treulose  Ritter  eingeschoben,  den  wir  auch  bei  Kaufringer 
treffen.  Ferner  ist  nach  der  Gesten-Überlieferung  zwischen 
dem  Könige  und  seiner  Braut  eine  nächtliche  Zusammenkunft 
verabredet,  der  Ritter  aber  rät  ihm  ab.  In  der  deutschen  Er- 
zählung musste  dafür,  dass  jenes  geplante  Zusammentreffen 
wegfiel,  eine  Person  mehr,  der  Knecht,  eingeschoben  werden. 
Dem  Neger  im  Bahar-Danush  und  dem  vigoureux  rustre  im 
Livre  de  Leinstre  entspricht  in  den  englischen  Gesta  „a  stränge 
ribalde",  der  im  Dienst  ihres  Vaters  ist.  Der  Brunnen  tritt 
an  die  Stelle  der  Zinnen  des  Palastes  oder  des  Felsens.  Sonst 
herrscht  Übereinstimmung  bis  auf  den  Schluss;  die  englische 
Erzählung  nämlich  endigt,  wie  die  französischen,  mit  einem 
albernen  legendenhaften  Wunder,  wodurch  der  bei  der  Ent- 
deckung ausbrechende  Zorn  des  Gatten  beschwichtigt  wird. 
Die  deutsche  Version  schliesst  sich  am  nächsten  der  orientalisch- 
irisch-englisclien  an,  während  die  französischen  eine  Gruppe  für 
sich  ausmachen.  Man  darf  sich  Bayern  keineswegs  als  von 
der  Welt  abgeschnitten  vorstellen;  am  Hofe  Albrechts  11.  zu 
Straubing  erscheint,  wie  Helttampts  Rechnungen  ausweisen, 
sogar  ein  Sprecher  des  Herzogs  von  Lancaster.  Vergleiche 
die  Beilage.  Dass  auch  deutsche  Gestensammlungen  diese  Ge- 
schichte enthielten,  ist  recht  wahrscheinlich,  und  dass  Kauf- 
ringer Erzählungen  der  Gesta  Romanorum  kannte,  habe  ich 
schon  beim  ersten  Gedichte  wahrscheinlich  zu  machen  gesucht. 
In  der  deutschen  Gestalt  weist  die  Erzählung  bemerkenswerte 
Verbesserungen  auf.  Aus  dem  Neger  oder  dem  stränge  ribalde, 
wie  ihn  die  englischen  Gesta  nennen,  ist  der  Pförtner  der  Burg 
geworden.  Gerade  so  wurde  aus  einem  Neger  der  orientalischen 
Märchen  in  der  8.  Novelle  Kaufringers  ein  Bauer.  Euphorien  6, 
465.  Der  Schluss,  welcher  in  der  persischen  Fassung  noch  zu 
fehlen  scheint,   in  den  andern  Überlieferungen  aber  entw 


90 

abstossend  oder  albern  ist,  hat  sich  zu  einem  menschlichen  und 
poetischen  Zuge  ausgestaltet:  der  König  verzeiht  nicht  nur  der 
Schwergeprüften,  sondern  lernt  sie  mehr  schätzen  und  lieben. 
Warme  Anteilnahme  an  dem  Geschick  der  Heldin  geht  durch 
das  ganze  Gedicht,  das  beste  Kaufringers,  welches  auch  am 
Ende  seinen  Namen  trägt. 

In  der  französischen  Litteratur  ist  aus  unserm  Stoflfe,  wie 
in  der  irrischen  Überlieferung,   eine  Legende,  le  conte    „de   la 
roine  que  Nostre  Dame  delivra  que  ele  ne  fust  arse  por  romicide 
qu'  ele  avoit  fet",  oder  „de  la  royne  qui  ocist  son  seneschaP, 
und  ein  Mirakelspiel  geworden   mit  dem  Titel:    „Cy  comraence 
un  miracle  de  Nostre  Dame,  comment  la  femme  du  roy  de  Por- 
tigal  tua  le  seneschal  du  roy  et  sa  propre  cousine,   dont   eile 
fu  condampnee  a  ardoir,  et  Nostre  Dame  Ten  garanti".     Köhler 
a.  a.  0.,  Legrand  V  ^,  147.   Das  conte  devot  verlegt  die  Handlung 
nach  Ägypten,  die  irische  Erzählung  nach  Griechenland.   Allen 
französischen  Bearbeitungen  ist  die  Figur  des  Seneschals,   das 
Fehlen  der  dem  Neger  entsprechenden  Person  eigen;  dafür  tritt 
als  Helferin    beim   Fortschaffen    der   Leiche    eine  Nichte    der 
Königin   auf,    welche   später   auch    die   Stellvertretung  in   der 
Hochzeitsnacht   übernimmt.     Zu    den   von   Köhler   behandelten 
französischen  Fassungen  ist  jetzt   noch   die  zweite  Erzählung 
der  Kaiserin  im  Roman  de   Marques   de   Rome    S.  114  f.  der 
Ausgabe  von  Alton  nachzutragen.     Hier   handelt  es  sich  nur 
um  den  Betrug  und  die   Strafe   des   treulosen   Seneschals;  die 
Kapitelüberschrift  aus  Hs.  G.  lautet:  Comment  Tempereriz  compta 
a  l'empereur  et  aux  barons,    quMl   fu  I  empereur   a  Romme, 
qui  moult  se  fioit  eu   son    seneschal,   le  quel    seneschal   degut 
l'empereur  et   la   femme,    qu'il    avoit  fiance.     Alton    S.  XIX. 
Die  Strafe  des  Verbrechers  ist  von  ausgesuchter  Grausamkeit. 
Der  Kaiser  lässt  ein  spitziges  Eisen  (une  estrenchant)  bringen, 
auf  dem  der  Seneschal,  mit  Steinen  an  beiden  Füssen  beschwert, 
reiten  muss,  bis  nach  zwei  Tagen  die  Spitze  ihm  bis  zum  Nabel 
in  den  Leib  gedrungen  ist  und  er  stirbt.   Über  die  Umgestaltung 
des  Stoffes  in  dieser  Erzählung  spricht  der  Herausgeber  S.  XL 
Nach  der  Überschau  über  den  Stoff  und  seine  Bearbeitungen, 
wie  sie  eben  angestellt  ist,  bleibt  es  nicht  zweifelhaft,  dass  die 
Erzählung  bei  Kaufringer  in  ihrer  vollendetsten  Gestalt  erscheint. 


91 

Das  Gegeiistl'ick  zu  iinsrer  Erzählung  bildet  „Das  grösste 
Opfer"  der  Vetalapaucavincatika,  v.  d.  Leyen  Nr.  8.  Siegt  hier 
weiblicher  Heroismus  über  die  Macht  zweier  Verführer,  so 
unterliegt  er  dort  dem  Betrug  und  der  Gewalt. 

In  seiner  Dissertation  über  das  „Motiv  von  der  unter- 
schobenen Braut"  hat  P.  Arfert  (Rostock-Schwerin  1897)  S.  42 
auf  Boltes  Anregung  auch  unserer  Erzählung  gedacht.  Er  be* 
handelt  sie  unter  den  Brangäne-Erzählungen.  Aber  das  Motiv 
der  Substitution  ist  bei  Kaufringer  ein  nur  nebensächlicher  Zug; 
von  ihm  allein  aus  kann  man  unserer  Novelle  nicht  gerecht 
werden.    Was   Arfert   als  Thema   der   Brangäne-Erzählungen 

5.  39  vorträgt,  trifft  Kaufringers  Novelle  gar  nicht,  weil  von 
Busse  keine  Rede  ist.  Der  Zusammenhang  mit  Gottfrieds 
Tristan,  den  Arfert  S.  43  herstellt,  ist  nicht  vorhanden:  „die 
fast  wörtlichen  Übereinstimmungen"  beschränken  sich  auf  einige 
sachliche  Züge  (wie  Tristan  12589,  Kaufr.  14,  484;  12598, 
14,  519),  die  weder  Entlehnung  noch  Nachwirkung  der  Tristan- 
sage begründen  können.  Mit  Recht  aber  hebt  er  S.  42  Kauf- 
ringers Selbständigkeit  hervor.  Zur  Motivkunde  vergl.  Singer 
im  Anzeiger  für  deutsches  Altertum  24,  290 ff. 

15. 
Weiberlist. 

Eine  kluge  Frau  rettet  ihren  Buhlen,  der  bei  ihr  ruht, 
dadurch  vor  dem  in  die  Kammer  tretenden  Ehemanne,  dass  sie 
diesem  mit  ihrem  Schlafpelze  das  Haupt  verdockt,  ihn  lebhaft 
umarmt  und  an  sich  drückt,  bis  der  Buhle  entwischt  ist. 

Diese   Novelle    kommt    zuerst   im   Hitopadesa    vor.      Die 

6.  Fabel  desselben  erzählt,  wie  die  junge  Frau  den  alten 
Hahnrei,  der  sie  mit  ihrem  Buhlen  überrascht  hatte,  mit  Lieb- 
kosungen überhäuft  und  seinen  Kopf  so  lange  zwischen  den 
Händen  hält,  bis  der  Buhle  sich  in  Sicherheit  befindet.  Ohne 
erkennbaren  Zusammenhang  mit  der  indischen  Novelle  erwähnt 
sie  Aristophanes  in  den  Thesmophoriazusen  499  ff.  In  die  übrigen 
europäischen  Litteraturen  aber  gelangte  die  altindische  Novelle 
auf  dem  gewöhnlichen  Wege  über  Spanien.  Zwei  Fassungen 
gibt  Petrus  Alphonsi;  X  6— 8,  wohl  bezeichnet  als  Frau  des 
Einäugigen,  und  XI  1—4,  wo  eine  Decke  oder  ein  Laken  die 


92 

Stelle   des   deutschen  Schlafpelzes  vertritt.     Beide    Versionen 
sind  als  Kapitel  122  und  123  in  die  Gesta  übergegangen.    Wie 
gross    die   Verbreitung  dieses   Stoffes  ist,    lehren   die    reichen 
Nachweise  bei  Legrand  IV  ^  188,  Dunlop-Liebrecht  198,  Osterley 
zu  den   Gesta   122,  v.  d.   Hagen   GA.  II,  S.  XXVII,    B6dier, 
Les  Fabliaux^   119,  466  f.    Trotzdem   ist    auch   hier    die   un- 
mittelbare Quelle  Kaufringers,  soviel  ich  sehe,   nicht    nachzu- 
weisen.   Recht  nahe  steht  schon  die  nicht  lange  vorher   ent- 
standene alemannische  Novelle :  Von  dem  Ritter  mit  den  Nüssen 
GA.  39;  auch  der  Übermut  der  Frau,  die  ihrem  Mann  die  An- 
wesenheit des  Liebhabers  geradezu  verrät,  findet  sich,   aller- 
dings   noch    ausgelassener,    hier.     Nur    ist    die    Haltung    des 
Ganzen  den  ritterlichen  Verhältnissen  entsprechend,  während  bei 
Kaufringer   durchweg    bürgerliche    Verhältnisse  an   die  Stelle 
treten. 

16. 
Von  den  drei  Nachstellungen  des  Teufels. 

Über  diese  Versifizierung  der  Bertholdschen  Predigt  Von 
den  drien  lägen  glaube  ich,  was  den  Stoff  betrifft,  mit  hin- 
reichender Vollständigkeit  S.  XII— XVI,  224—232  der  Ausgabe 
gehandelt  zu  haben.  Die  Verbreitung  der  Bertholdschen 
Predigten  im  südöstlichen  Deutschland  bezeugt  für  seine  Zeit 
auch  Heinrich  Teichner,  der  ihn  kennt  und  zitiert.  Vergl. 
Karajan  S.  108.    A.  36. 

17. 
Die  fromme  Müllerin. 

Der  mystische  Traktat,  den  Kaufringer  im  17.  Gedichte 
in  Verse  gebracht  hat,  ist  noch  weiter  verbreitet  gewesen,  als 
die  bisherigen  Nachweisungen  (Ausgabe  S.  IX  und  Über  Sprache 
und  Verskunst  S.  12)  erkennen  Hessen.  Auch  in  einer  Wiener 
Handschrift  (Nr.  259.  Hoffmann  S.  352)  und  in  zwei  von 
Schmeller  BWb.  I^,  908  erwähnten  Münchener  Handschriften 
(Cgm.  466,  84;  411,  93;  nicht  401)  findet  sich  das  Stück.  In 
einer  andern  Münchener  Handschrift,  aus  welcher  Bartsch  in 
der  Germania  18,  195  Sprüche  und  Verse  deutscher  Mystiker 
mitteilte,  wird  zunächst  (Bartsch  S.  196  f.)  eine  ganz  ähnliche 


63 

gereimte  Erzählung  von  einer  seligen  Dorfmagd  wiedergegeben 
und  dann  Fragmente  des  Traktates  von  der  Müllerin,  und  zwar 
in  mitteldeutscher  Fassung. 

Während  es  sich  in  allen  diesen  Fällen  um  einen  mystischen 
Traktat  handelt,  gehören  Erzählungen,  wie  „Von  den  eschen- 
grüdel  vnd  mucio"  (Pauli  690,  R.  Köhler,  Jahrb.  f.  rom.  Litt.  14, 
28  ff.),  worauf  Johannes  Bolte  aufmerksam  macht,  der  rein  er- 
zählenden ünterhaltuDgslitteratur  an. 

18. 
Das  üble  Weib. 

Ein  junger  Mann,  den  sein  altes  Weib  fast  zu  Tode  ge- 
quält, soll  von  dem  Teufel  gerochen  werden.  Dieser  versucht 
es  nun  ohne  Erfolg,  mit  ihr  zu  leben.  Er  muss  fliehen  und 
verbindet  sich  mit  einem  fahrenden  Schüler,  damit  dieser  als 
Teufelsbanner  sein  Glück  macht,  wenn  der  Genosse  in  einen 
Menschen  gefahren  ist.  Das  Opfer  ist  eine  Königstochter. 
Aber  der  Teufel,  der  sich  in  der  Jungfrau  vor  seinem  bösen 
Weibe  am  meisten  sicher  glaubt,  will  auf  die  Beschwörungen 
des  Schülers  nicht  weichen,  bis  der  Fahrende  die  List  gebraucht, 
ihm  vorzuspiegeln,  sein  Weib  käme  heran,  um  wieder  Besitz 
von  ihm  zu  nehmen. 

Das  Thema  ist  alt.  Von  Biblischem  mag  abgesehen  werden. 
Als  „Vagantenpoesie"  hat  Hoffmann  von  Fallersleben,  Ger- 
mania 12,  61  Rätsel  veröffentlicht,  deren  eins  lautet:  Quid  est 
molestius  demoue?  Mala  mulier  ^).  Die  novellistische  und  dra- 
matische Poesie  des  Mittelalters  hat  den  Stoff  früh  aufgegriffen*). 
Eine  ältere  entsprechende  Quelle  Kaufringers  ist  nicht  bekannt. 
Nahe  steht  ihr  eine  kui'ze  anekdotenhafte  lateinische  Fassung 
bei  Stiefel  S.  130,  der  ohne  Beweis  orientalischen  Ursprung  an- 
nimmt. Erzählungen  über  betrogene  Teufel  spielen,  wie  die 
KQvnTadia  lehren,  noch  heute  in  der  Volksüberlieferung  eine 
wichtige  Rolle. 


*)  Eoegel  behandelt  diese  Rätselfragen  in  seiner  Litteratnrgeschichtel*  l^ 
2)  Weinhold,  Die  deutschen  Frauen  II  *  5.   Schmidt-Wartenbf 

Stiefel,  Hans  Sachs  Forschungen  S.  128  ff.  Bolte  zu  Freys  Garl«^ 

Nr.  45  S.  232. 


&6 

(Zeitschrift  für   deutsches   Altertum   42,  298),    erzählt    Kauf- 
ringer  ein  Beispiel. 

Mehr  als  30  Kaufleute  werden  von  6  Räubern  tiberfallen 
und  lassen  sich  dazu  bewegen,  einzelne  von  sich  auszuliefern, 
worauf  sie  alle  überwältigt  werden.  Hätten  sie  gemeinsam 
Widerstand  geleistet,  so  wären  sie  stärker  gewesen  als  die  Feinde. 

Strickers  Beispiel  von  dem  Türsen  und  12  Männern  (Wacker- 
nagels Lb.  I  559)  konnte  als  Vorbild  dienen.  Dass,  wie  Schmidt- 
Wartenberg  S.  XIV  will,  ein  von  Wehrmann  Nd.  Jb.  6,  5  ge- 
nanntes Fastnachtspiel  einen  ähnlichen  Gegenstand  behandelt 
haben  soll,  ist  reine  Willkür.  Der  Titel  des  Stückes  von  1514 
lautet:  „wor  frede,  leve  unde  eendracht  is,  dar  so  is  ene  Stadt 
wol  vorwareth".  1492  war  auch  ein  Stück  „von  der  eendrachf 
aufgeführt.    Der  Inhalt  ist  vollkommen  unsicher. 

24. 

Von  Schälken  und  leckern. 

Ein  kurzer  Spruch  klagt  über  die  schälke  und  lecker,  die 
jetzt  in  der  Welt  besonders  bei  vornehmen  Herren  zu  Ehren 
gekommen  sind  und  habgierig,  rachsüchtig  und  untreu,  guten 
Leuten  schaden.  Der  Schluss  erhebt  sich  zu  einem  Ausblick 
auf  die  trostlose  Lage  der  Welt.  Zeitschrift  für  deutsches 
Altertum  42,  298.  Satire^)  kann  man  diese  allgemeinen  Rüge- 
sprüche wohl  kaum  nennen.  In  dieser  Form  sind  sie  schon  im 
13.  Jh.  beim  Stricker  üblich.  Vergl.  die  Klage  bei  Hahn  Nr.  12, 
129ff.,  ADB.  36,  582,  Roethe,  Reinmar  von  Zweter  22,  219  ff. 
Gegen  die  schälke  am  Hofe  wendet  sich  der  Unverzagte  HMS.  3, 
44b,  ADB.  39,  323.  Hugo  von  Trimberg  (17212  ff.),  Teichner 
und  Suchenwirt  hassen  die  falschen  Hofleute. 

Über  Teichner  ist  schon  oben  die  Rede  gewesen;  Suchen- 
wirt sagt  12,  59:    er  tet  nicht  als  di  losen, 

di  smaichleich  chunnen  chosen 
und  sneiden  mit  ir  zungen  grat. 
21,  53:  die  losen  unde  smaichen, 
veder  lesen,  straichen 
chuennen  paide  spatt  und  vrae. 


*)  Scherer,  Deutsche  Studien  1,  313. 


_^7 

21,61:  artzechen  und  hoffgallen, 
vipprig  snabelgallen, 
sie  verwerren  manigen  man. 
38,  137:  huet  dich  vor  den  hofegallen. 

25. 

Von  sieben  Krankheiten,  den  sieben   Todsünden   und 

den  sieben  Gaben  des  heiligen  Geistes. 

Sieben  Krankheiten  werden  zu  den  sieben  Todsünden  in 
Beziehung  gesetzt  und  für  jede  als  Heilmittel  eine  Gabe  des 
heiligen  Geistes  bezeichnet.  Die  direkte  Quelle  ist  unbekannt. 
Die  mystische  Litteratur  ist  reich  an  Traktaten  über  dieses 
Thema.  Cgm.  2  handelt  von  den  sieben  Haupttugenden  und  den 
ihnen  entgegengesetzten  Lastern. 

Die  Todsünden  behandelt  ein  Gedicht  des  12.  Jahrh.,  Mones 
Anzeiger  1839,  58,  Altdeutsche  Blätter  1,  362 ff.,  Ps.-Marner 
(HMS.  2,  257,  42.)  Strauch  S.  77,  der  sogenannte  Seifried 
Helbling  (Seemüller  zu  VII  144  ff.),  Hugo  von  Trimberg  5215  ff., 
nach  ihm  das  Gedicht  vom  Meister  Reuaus  (Wagners  Archiv  I 
15  ff.).  Teichner  (s.  oben),  Suchenwirt  im  40.  Gedicht.  Vergl. 
Lassbergs  LS.  I  S.  367.  Schmeller  BWb.  II  ^  703.  Z.  44,  189  ff. 
Die  allegorische  Einkleidung  ist  die  gewöhnliche.  Im  Meister 
Reuaus  sind  die  sieben  Todsünden  sieben  verschiedene  Salben. 
Sünde  und  Krankheit  werden  von  jeher  verglichen. 

26. 
Vom  Adel  des  zeitlichen  Leidens. 

Kaufringer  hat  hier  ein  Kapitel  aus  Seuses  Buch  der 
Weisheit  versifiziert  (II  14.  Seuse,  hg.  von  Denifle  S.  311  ff.). 
Da  er  sich  in  der  Reihenfolge  nicht  genau  an  Seuses  Text,  wie 
er  bei  Denifle  vorliegt,  gehalten  hat  und  auch  aus  andern 
Partien  des  Seuseschen  Buches  Stellen  einflicht,  so  könnte  er 
eine  Überarbeitung  vor  sich  gehabt  haben.  Im  einzelnen  vergl. 
Kaufringer  7  f.  mit  Seuse  51  f.;  32 ff.  mit  311  ff.;  47 ff  mit 
310;  67 ff  mit  311,  314,  312;  80  mit  313;  89f.  mit  314,  313: 
102  mit  314;  107  mit  315;  114  ff  mit  184;  129  mit  316. 
142  ff  mit  315. 

Eullng,  Ueinrich  Kaufringer. 


98  _ 

Die  Selbständigkeit  am  Anfang  und  am  Schluss  ist   sehr 
gering. 

27. 

Von  den  vier  Töchtern  Gottes. 

Allegorisch  werden  vier  Tugenden  als  vier  Töchter  Gottes 
bezeichnet,  die  Gott  vier  Arten  von  Menschen  in  die  Ehe  gibt. 
Die  sogenannten  vier  Töchter  Gottes  sind  nach  Teuber  (Paul 
und  Braunes  Beiträge  24,  334  f.)  durch  den  Verfasser  des 
84.  Psalms  in  die  Litteratur  eingeführt;  es  sind  vier  Tugenden: 
Misericordia,  Veritas,  Justitia,  Pax.  Aber  erst  der  im  Jahre  1126 
verstorbene  Wernerus,  Abt  von  St.  Blasien,  hat  in  seinen 
Deflorationes  ss.  patrum  (Migne  157,  1039)  diese  vier  Tugenden 
zu  Töchtern  Gottes  gemacht.  Hugo  von  St.  Victor  und  der 
h.  Bernard  eignen  sich  diese  Auffassung  an.  Die  mystische 
Litteratur  kennt  vier  oder  mehr  Töchter  Gottes  (Bartsch,  Alt- 
deutsche Handschriften  zu  Heidelberg  S.  89.  Bartsch,  Erlösung 
S.  IX;  vergl.  Bollstätters  Fortsetzung  in  der  Berliner  Hand- 
schrift 6),  sieben  Töchter  „der  eytlen  glory"  (Wiener  Hand- 
schrift Nr.  269,  S.  308  bei  Hoffmann).  Die  sieben  Gaben  des 
heiligen  Geistes  werden  in  einem  Gedicht  des  Liedersaales  I 
S.  367  mit  sieben  Weibern  verglichen. 

Fassen  wir  zusammen.  Kaufriugers  Quellen  sind  die  Predigt, 
die  reich  entwickelte  mystische  Litteratur,  das  ihn  umgebende 
Leben,  Zeitgeschichte  und  gleichzeitige  Kulturzustände,  und  vor 
allem  wandernde  Novellen-  und  Legenden-Stoffe,  die  teils  durch 
Gesta-Sammlungen,  teils  durch  mündliche  Überlieferung  wahr- 
scheinlich meist  aus  dem  romanischen  Süden  nach  Bayern  ge- 
kommen waren. 

V. 

Charakteristik. 

Und  wenn  wir  unterschieden  haben, 
Dann  müssen  wir  lebendige  Gaben 
Dem  Abgesonderten  wieder  verleihen 
Und  uns  eines  Folge-Lebens  erfreuen. 

Goethe. 

„Sicherlich  lebt  bei  vielen  die  Meinung,  dass  unser  bay- 
risches Hochland,  welches  bis  in  die  letzten  Generationen   so 


89 

abgeschieden  war,  in  den  früheren  Jahrhunderten  vollends  eine 
wilde  Einsamkeit  gewesen  sei,  wo  eigentlich  nur  der  rauschende 
Wind  über  die  Thäler  dahinzog  und  wo  die  Sonne  herabsah 
auf  ein  Volkstum  voll  rauhester,  elementarer  Kraft.  Gleich- 
wohl ist  diese  Vorstellung  vollkommen  irrig,  denn  gerade  unser 
bayerisches  Hochland  zeigt  uns  schon  im  frühen  Mittelalter  eine 
Ära  kulturgeschichtlicher  Blüte,  lebendigen  geistigen  Verkehrs, 
die  geradezu  mitbestimmend  wird  für  die  Physiognomie  der 
älteren  bayerischen  Geschichte**.  Die  Ansicht,  wogegen  Karl 
Stieler  in  diesen  Worten  seines  trefflichen  Vortrags  „Alter  und 
neuer  Verkehr  im  bayerischen  Hochland**  ^)  polemisiert,  hat  auch 
derjenige  längst  aufgegeben,  der  jene  beliebten  und  meist  sehr 
durchsichtigen  Übertreibungen  von  der  Kulturblüte  des  aus- 
gehenden Mittelalters  nicht  teilt.  In  der  That  wird  der  Einfluss 
der  im  14.  Jahrhundert  noch  ziemlich  hoch  entwickelten  ma- 
teriellen Kultur  Oberbayerns  auf  Litteratur  und  Bildung  wohl 
eher  unter-  als  überschätzt. 

Lebhafte  Verkehrsstrassen  ^)  nach  Norden  und  Osten  sowie 
die  stete  Verbindung  mit  Augsburg  und  München  bewahrten 
selbst  das  Oberland  und  Vorland  der  bayerischen  Berge  vor  der 
Isolierung,  in  die  sie  später  fast  künstlich  hineingedrängt 
wurden.  Trotzdem  die  Herzöge  durch  die  Landes teilungen  zu 
politischer  Ohnmacht  herabgesunken  waren,  förderten  sie  doch 
kräftig  Handel  und  öffentliche  Sicherheit^). 

Für  den  Wohlstand  der  Städte  haben  wir  das  Zeugnis 
Veit  Arnpecks  und  Enea  Silvios,  der  Märkte  das  Beispiel  von 
Mitten walde;  die  Lage  der  Bauern  war  hier  und  in  Österreich 
günstiger,  als  fast  überall  sonst  *).    Die  Kultur  der  Märkte  und 


^)  Kulturbilder  aus  Bayern.    Mit  einem  Vorwort  von  Theodor  Heigel. 
Stuttgart  1885.   S  187. 

'^)  Verkehrswege  im  Lechrain  bei  Steichele,  Das  Bistum  Augsburg,  n 
414  u.  ö.  Bavaria  I ''  879.  QF.  77,  3. 

^)  Manfred  Mayer,  Bayerns  Handel  im  Mittelalter  und  in  der  Neazeit. 
München  1892.  S.  18  f.  Riezler  III  836. 

*)  Hagel  Stange,  Süddeutsches  Banemleben  im  Mittelalter.  LeiiNii«^ 
S.  38.  49,  zu  berichtigen  durch  Kiezler,    Qeschichte  Bayernt  "^"^ 
Zu  erinnern  ist  auch  an  W.  H.  Riehls  Schildeningen:  LtOM^ 
der  5.  Auflage. 


100 

Landstädte  erhob  sich   allerdings    wenig  über  die  bäuerliche; 
es  herrschten  in  mancher  Beziehung  auch  in  grösseren  Städten 
ländliche   Zustände^).   Hof    und  Bürgertum   traten  sich    nahe. 
Die  Gemahlin  Wilhelms  III.  spielt  auf  dem  Münchener  Rathaus 
mit  geladenen  Bürgerfrauen  Karten,  und  Herzog  Ernst   macht 
ein  Fest  im  Rathaus  zu  Landsberg  mit  ^).    Am  Mittwoch  nach 
Conversionis  Pauli  1389  werden  die  Bürgerinnen  «von  Straubing 
zu  einem  Tanz  zu  Hof  geladen  und  bewirtet  „dacz  dem  Jacob". 
Helttampts  Rechnungsbuch  B1.31  b.  Aventins  klassische  Schilde- 
rung des  gemeinen  Mannes  in  Altbayern  hat  man  sogar  auf  noch 
ältere    Zeit   anzuwenden    versucht,    sicher   passt   sie   auf  das 
Volk  des  beginnenden  15.  Jahrhunderts,  wenn  er  Werke  4,  1, 
42  sagt: 

„Das  baierisch  volk  (gemainlich  davon  zu  reden)  ist  geist- 
lich schlecht  und  gerecht,  get,  läuft  gern  kirchferten,  hat  auch 
vil  kirchfart;  legt  sich  mer  auf  den  ackerpau  und  das  viech 
dan  auf  die  krig,  denen  es  nit  vast  nachläuft;  bleibt  gern 
dahaim,  raist  nit  vast  auss  in  frembde  land;  trinkt  ser,  macht 
vil  kinder,  ist  etwas  unfreuntlicher  und  aiumüetiger  als  die 
nit  vil  auss  kommen,  gern  anhaims  eralten,  wenig  hantierung 
treiben,  fremde  lender  und  gegent  haimsuechen.  —  Der  gemain 
man,  so  auf  dem  gä  und  land  sitzt,  gibt  sich  auf  den  ackerpau 
und  das  viech,  ligt  demselbigen  allain  ob,  darf  sich  nichts  on 
geschaft  der  öbrikait  understen,  wird  auch  in  kainen  rat  ge- 
nomen  oder  landschaft  ervodert;  doch  ist  er  sunst  frei,  mag 
auch  frei  ledig  aigen  guet  haben,  dient  seinem  herren,  der  sunst 
kain  gewalt  über  in  hat,  jerliche  güld,  zins  und  scharwerk, 
tuet  sunst  was  er  wil,  sitzt  tag  und  nacht  bei  dem  wein, 
schreit  singt  tanzt  kart  spilt;  mag  wer  tragen,  schweinspiess 
und  lange  messer.  Grosse  und  überflüssige  hochzeit,  totenmal 
und  kirchtag  haben  ist  erlich  und  unsträflich,  raicht  kainem  zu 
nachtail,  kumpt  kainem  zu  übel". 

Was  nun  die  geistige  Nahrung^)  dieser  Bevölkerung  in 
ihren  höheren  Schichten  betrifft,  so  nehmen  ja  auch  sie,  wenn 


^)  Riezler,  Geschichte  Bayerns  III  758. 
2)  Riezler  III  761.    Bavaria  V  880. 

^)  Ich   kann   mich    auch   hier  im  aUgemeinen  am  besten  anf  Band  3, 
Kapitel  4,  iu  Biezlers  Geschichte  beziehen. 


JOl  _ 

schon  in  bescheidenem  Masse,  an  der  Förderung  des  geistigen 
Lebens  teil,  die  durch  Universitäten  und  die  sich  vorbereitende 
Renaissance  herbeigeführt  wird;  aber  für  den  Konservativis- 
mus Bayerns^)  ist  es  doch  wieder  bezeichnend,  dass  hier  jenen 
Strömungen  bahl  eine  auf  Wiederbelebung  des  vaterländischen 
Altertums  gerichtete  Bewegung  parallel  läuft.  Von  unverlier- 
baren religiösen  Bedürfnissen  des  Volkes  zeugen  sowohl  die 
Opfer  der  Ketzergerichte  als  zahlreiche  Handschriften  praktisch- 
religiösen Inhalts,  von  geschichtlichem  Interesse  viele  zum  Teil 
wertvolle  Denkmäler  der  Historiographie.  Die  Dichtung  bewegt 
sich  wesentlich  in  alten  Bahnen;  die  Arbeit  der  Aneignung 
überkommenen  Erwerbs  nahm  die  bürgerlichen  Träger  der 
Litteratur  noch  vollauf  in  Anspruch.  Die  Litteratur  dringt  tief 
in  die  untersten  Schichten  des  Volkes  ein.  Über  die  Dichtung, 
welcher  die  Teilnahme  höherer  Stände  gewidmet  war,  sind  wir 
hier,  wie  fast  überall,  auch  in  diesem  Zeitraum  leidlich  unter- 
richtet, wenn  wir  aus  etwas  späteren  Erzeugnissen  auf  den  Ge- 
schmack der  vorangehenden  Jahrzehnte  schliessen  dürfen.  Man 
liest  nach  Ausweis  der  um  die  Wende  des  14.  Jahrh.  entstandenen 
Handschriften  am  häufigsten  den  Teichner,  Suchenwirt,  Suchen- 
sinn und  ältere  Epen;  im  15.  Jalirh.  wenden  sich  an  diese 
Kreise  Johann  Holland  aus  Eggenfelden,  Pütrich,  Wilhelm 
Sunneberg,  Ulrich  v.  Füetrer.  Diese  Namen  bedeuten  ja  nicht 
viel  für  die  Geschichte  unserer  Litteratur  in  ihrem  Gesamt- 
verlauf; aber  ihre  Erzeugnisse  lassen  erkennen,  wie  die  social 
höher  gestellten  in  Altbayern  ihre  littorarischen  Bedüi'fnisse 
befriedigten,  was  man  hörte  oder  las. 

Von  der  Litteratur  der  untersten  Stände  wissen  wir  fast 
nichts.  Und  doch,  wer  wird  den  unleugbaren  künstlerischen 
Instinkt,  die  volkskünstlerische  Bildung*),  welche  den  sttd- 
bayerischen  Bauern  und  Marktbürger  unsres  Jahrhunderts  so 
hoch  über  seine  norddeutschen  Landsleute  stellt,  früheren 
Generationen  dieser  Bevölkerung  absprechen  können?  Lebte 
sie  doch  bis  vor  nicht  langer  Zeit  noch  in  ähnlichen  Verhält- 
nissen wie  früher.     Aber  nur  selten  treten  in   der   Geschichte 


')  Koegel,  Geschichte  der  deutschen  Litteratur  P  122.  192. 

')  W.  H.  Biehl,  Land  und  Leute,  Kapitel  6.  Stieler,  Kultnrbilder  8.  2U 


102 

des  geistigen  Lebens  Spuren  der  breiten  litterarischen  ünter- 
strömungen  zu  Tage,  die  man  in  der  Regel  als  nicht  vorhanden 
bei  Erwägung  der  bestimmenden  Faktoren  der  Entwicklung 
auszuschalten  pflegt.  Tauchen  sie  einmal  auf,  dem  Litterar- 
historiker  bemerkbar,  so  verdienen  sie  um  so  mehr  Beachtung. 
Ein  Beispiel  dieser  wenig  bekannten  Litteraturgattung  in  Bayern 
bietet  für  das  XIII.  Jahrhundert  der  Wigamur^),  für  das  XIV. 
und  XV.  Jahrhundert  die  Dichtung  Heinrich  Kaufringers. 

Es  ist  die  Zeit,  da  der  fahrende  Sprecher  in  Bayern  sein 
Publikum  fand.  Einen  Einblick  in  das  Leben  und  Treiben 
dieser  Leute  gestatten  uns  erhaltene  Rechnungen  vom  Hofe 
Albrechts  II.  von  Niederbayern  -  Straubing,  der  Liber  Rationis 
Walfardi  Helttampt,  protonotarii  illustris  principis  Alberti  juni- 
oris  inferioris  Bavariae^),  eine  schätzbare  kulturgeschichtliche^) 
Quelle,  die  längst  eine  vollständige  Herausgabe  verdient  hätte. 
Für  die  Fahrenden  Leute  ist  immer  eine  besondere  Nach- 
weisung angelegt,  meist  unter  der  Überschrift:  „Varend  laut* 
(Bl.  36b),  „Item  varenden  läuten"  (50a),  „Varenden  läuten** 
(68b),  „Nota.  Varenden  läuten"  (98b)*),  aber  auch  unter  den 
sonstigen  Einträgen  finden  sich  Posten  für  Fahrende  aller  Art. 
Neben  Landfahrern,  Gauklern,  Bachanten,  Vaganten,  Fiedlern, 
Pfeifern,  Lautenschlägern,  fahrenden  Schülern  und  Fräulein, 
Herolden,  Knechten,  Spielleuten  begegnen  uns  auch  vornehme 
Singer.    Wenn  die  Höhe  des  Honorars  einen  Massstab  für  die 


^)  Sarrazin  QF.  35.    Zeitschrift  für  deutsches  Altertum  24,  89  flf. 

^)  K.  B.  allgemeines  Reichsarchiv.  Fürstensachen.  Bayer.  Nachtrag. 
Nr.  1.  M.  Freiherr  von  Freyberg  hat  in  seiner  Sammlung  historischer  Schriften 
und  Urkunden  II  81  ff.  die  auf  das  Jahr  1392  bezüglichen  Stellen  nicht  ohne 
Versehen  abdrucken  lassen.  Die  Rechnungen  laufen  vom  Herbst  1389  bis 
zum  Jahre  1303,  aber  der  letzte  Teil  der  Handschrift  ist  durch  Wasser  g^nz 
verdorben,  der  Text  verlöscht. 

*)  Zum  Beispiel  bezeugen  die  Rechnungen  schon  für  ihre  Zeit  (1391) 
das  Laufen  mit  Schemhaupten  um  Weihnachten.  Blatt  90a:  ,Itero  in  die 
nativitatis  Christi  den  schulem,  die  mit  den  schemhauppten  laufent,  zu 
trinkchgelt  12  Pf.'  Schmeller,  BWb.  II «  418.  QF.  77,  98  ff.  Reicke,  Ge- 
schichte der  Reichsstadt  Nürnberg  254  ff.  Hampe,  Mitteilungen  des  Vereins  für 
Geschichte  der  Stadt  Nürnberg  1?,  96  ff. 

*)  von  Freyberg  146.  Roethe  hätte,  nicht  (ADB.  37,  103):  „Nota  Va- 
render  läuten"  schreiben  sollen. 


103 

Wertschätzung  der  Leistungen  gibt,  so  steht  obenan  Liendlein, 
der  Singer  des  Römischen  Königs,  dem  der  Herzog  einmal  ein 
Pferd  für  32  Gulden  (8  Pfund)  schenkt  (Bl.  73b;  1390)^).  Dieser 
Mann  erweckt  auch  dadurch  Interesse,  dass  er  die  Zeugnisse 
des  Mittelalters  für  die  Beteiligung  von  Juden*)  an  der  Kunst 
vermehrt.  Liendlein,  der  Jude,  (Bl.  28  a),  des  Romischen  kunig 
Singer,  erscheint  1389—93  als  verhältnismässig  häufig  wieder- 
kehrender Gast  und  erhält  bald  ein  Pferd  (Bl.  28  a,  73b),  bald 
einen  Narrenkittel  (32a),  bald  ein  Geldgeschenk  (144b,  Frey- 
berg 147),  bald  allein,  bald  mit  Gesellen.  Auch  der  bekannte 
Suchensinn  ist  nicht  nur  einmal  bei  Hofe  gewesen;  sondern 
schon  1390  hat  der  in  Albrechts  Dienst  stehende  Pfeifer  Liebel 
24  Pfennig  mit  ihm  verbadet  ^).  Im  Jahre  1392  logierte  Suchen- 
sinn (Freyberg  148)  in  derselben  Herberge*)  „bei  dem  Huner- 
mair",  wie  1390  der  Weihbischof,  der  allerdings  höher,  mit 
2  Pfund,  ausgelöst  wird  (Bl.  65  b). 

Die  zahlreichen  Sprecher,  die  am  Hofe  ihr  Glück  versuchen, 
erhalten  in  der  Regel  nur  ein  Pfund,  noch  immer  ein  an- 
ständiges Honorar,  wenn  man  für  4  Pfund  ein  mittelwertiges 
Reitpferd  kaufte^).  Es  sind  nicht  nur  bayerische  und  öster- 
reichische Sprecher,  die  hier  erscheinen,  sondern  auch  Sprecher 
aus  Holland,  Polen,  Böhmen  und  England*).  Genannt  werden 
ausser  den   schon  bekannten  Sprechern  Sorgnicht,   Irrgankch, 


*)  Suchensinn  hatte  1392  4  Pfund  für  sich  und  seine  Qesellen  erhalten. 
Voreilig  sagt  Roethe  (ADB.  37,  103):  „Die  ungewöhnliche  Höhe  der  Gabe, 
die  in  Helttampts  Bechnungsbuche  unter  der  langen  Rubrik  N.  V.  1.  ihres 
Gleichen  nicht  hat  (?),  deutet  wohl  darauf  hin,  dass  S.  das  geschätzte  Haupt 
eines  ganzen  Kreises  von  Fahrenden  war". 

')  Zs.  f.  d.  A.  38,  201  fif.  Es  ist  also  aus  allgemeinen  Gründen  die  An- 
nahme Arnolds  gar  nicht  so  weit  abzuweisen,  dass  der  Besitzer  des  berühmten 
Lochheimer  Liederbuchs  auch  ein  Jude  gewesen  sei.  Chrysanders  und  Beller- 
manns Bedenken  (Jahrbücher  für  musikalische  Wissenschaft  2,  231)  schlagen 
nicht  durch. 

*)  Schraeller,  BWb.  I  *  207.    Die  Texte  sind  in  der  Beilage  abgedruckt. 

*)  Zappert  brachte  (Wiener  Sitzungsberichte  13,  151)  solche  Eintragungen 
ohne  Grund  mit  lockerem  Herbergslebeu  und  dessen  entsittlichendem  Einfluss 
in  Zusammenhang. 

*)  Freyberg  146.  154. 

•)  Siehe  die  Beilage. 


104 

Wunnsam,  Lobdenfrumen  ^)  besonders  und,  zum  Teil  als  mehr- 
mals bedacht,  ein  Sprecher  Uli  Unrw,  vom  Herzog  von  Tek 
gesandt  (36b),  Utz  und  Kunz  Irrganck^)  (68b),  Hannsy  von 
Tottenaw  (68  b,  98  b),  Albrecht  Vestt  (68  b),  der  Stachler  (98  b). 
Die  meisten  sind  namenlos  oder  mit  Angabe  ihres  Herrn  auf- 
geführt. Einmal  kommt  ein  Sprecher  mit  einem  Kinde  zu 
Hof  (68  b). 

Den  Besuch  der  Höfe  musste  ein  Mann  von  so  bescheidener, 
volksmässiger  Kunst,  wie  Heinrich  Kaufringer,  den  Meistern 
der  geblümten  Rede  überlassen.  Sein  Wirkungskreis  reichte 
kaum  bis  in  die  gesellschaftliche  Sphäre  des  halb  gebildeten 
Bürgersmannes. 

Kleinbürgerliche  Leute,  Markt-  und  Landbewohner  seiner 
engeren  Heimat  bilden  sein  Publikum^).  Ihrem  Gesichtskreis  ver- 
steht er  sich  anzupassen;  darüber  geht  er  nirgends  hinaus.  Seine 
ganze  Geographie  besteht  aus  dem  Lechgebiet  und  Oberbayern, 
die  er  gründlich  kennt.  Von  Frankreich,  Erfurt,  Strassburg 
weiss  er  nur  durch  Hörensagen  oder  seine  Quellen.  Das  alt- 
testamentliche  Gaba  hat  er  durch  Berthold  kennen  gelernt. 
Böhmen  und  Apulien  kennt  er  als  Vaterland  der  Diebe  und 
Räuber,  Rom  als  Sitz  des  Papstes.  Sein  Weltinteresse  ist  das 
des  kleinen  Mannes  ^).  Nur  gedämpft  und  bis  zur  Unkenntlich- 
keit entstellt  dringt  in  diese  Kreise  die  Kunde  politischer  Zu- 
stände und  geschichtlicher  Ereignisse  %  des  Städtekrieges  oder 
des  Hoflebens;  undeutlich  verallgemeinert  und  mit  um  so 
deutlicherer  praktisch -moralischer  Lehre  mundgerecht  gemacht, 
entspricht  derartiger  aktueller  Stoff  dem  Geschmack  und  der 
Fassungsfähigkeit  dieser   Volkskreise  ^).     Und  wenn  der  Vor- 


»)  Für  Tirol  vgl.  Zs.  f.  d.  Altertum  31,  177  ff. 

*)  Wahrscheinlich  identisch  mit  dem  bei  1392  bei  Freyberg  erwähnten 
Irrgankch. 

')  XII  13.  Ausgabe  S.  VII  f.  Über  den  bäuerlichen  Charakter  der  Be- 
völkerung in  den  Märkten  Riezler  III  667. 

*)  Riehl,  Land  und  Leute  S.  256:  „Im  allgemeinen  ist  auf  der  bayerischen 
Lechseite  noch  viel  grössere  Abge-schlossenheit  des  Volkslebens,  ältere  Sitte, 
minder  bewegliche  Entwicklung  wahrzunehmen   als  auf  der  schwäbischen*. 

^)  Über  den  Mangel  an  historischem  Sinn  in  der  Volksdichtung:  Böckel, 
Volkslieder  aus  Oberhessen  Vf. 

•)  XXIII.  XXIV. 


lOB 


tragende  in  seine  Legende  oder  einen  frommen  Spruch  einen 
lateinischen  Satz  einflicht  ^),  so  that  das  ja  auch,  wie  noch  heut, 
der  Dorf- Pfarrer  in  seiner  Predigt,  und  ausser  Lesen  und 
Schreiben,  das  man  schon  auf  dem  Dorfe  lernen  konnte,  lernte 
man  günstigen  Falles  auch  vom  Pfarrer  und  in  Klosterschulen 
etwas  Latein  ^).  Obwohl  er  sich  kaum  einer  Existenz  erfreute, 
die  wert  schien,  in  Urkunden  oder  Aufzeichnungen  andecer  Art 
Spuren  zu  hinterlassen,  war  der  Kaufringer  doch  in  seiner 
Umgebung  ein  Beispiel  verhältnismässig  ausgezeichneter  volks- 
tümlicher Bildung.  Aus  Bertholds  von  Regensburg  Predigten 
wählt  er  eine  wirksame  „von  den  drien  huoten"  sich  zur  Grund- 
lage eines  Spruches  (XVI)  aus.  Ein  Kapitel  aus  Heinrich 
Seuses  Buch  der  Weisheit  verarbeitet  er  zu  einem  andern  Ge- 
dicht (XXVI),  und  einen  namenlosen  weitverbreiteten  mystischen 
Traktat  von  einer  frommen  Müllerin  versifiziert  er  im  XVII. 
Spruch.  In  dem  Vorstellungskreise  praktisch-erbaulicher  Fröm- 
migkeit bewegt  er  sich  mit  leidlicher  Sicherheit  (XIX,  XXII, 
XXV,  XXVII).  Die  religiöse  Dichtung  weckt  seine  ersten  Ver- 
suche, stark  beeinflusst  durch  den  beliebten  Heinrich  Teichner, 
eine  Gattung,  die  noch  in  des  Teufels  Netz  8011  ff.  eine  be- 
sondere Empfehlung  erhält.  Während  sonst  die  Sprecher  schon 
bald  mit  den  Gauklern  zusammen  genannt  werden  '*),  die  immer 
voll,  nie  nüchtern,  alle  in  den  Schlund  der  Hölle  fahren  (Netz 
11981.  11973.  Seifried  Helbling  II  1447),  vergleicht  der  Ver- 
fasser jener  Satire  die  frommen  Spruchsprecher  sogar  mit  den 
Aposteln : 

„Aber  die  guoti  ding  tuond  sprechen, 

An  den  tuon  ich  mich  nit  rechen, 

Sam  gaistlich  ding  singen  und  sagen 

Und  sich  damit  betragen  .  .  . 

Also  mocht  ain  man  noch  sprechen  und  leren, 

Ob  sich  ieman  daran  wolt  keren 

Und  von  siner  uppkait  lan, 


')  I  4.  XXV  216.     Renner  20143  ff. 

^)  Riezier  III  847  f.  Ein  Chunrat  Schulmeister  zu  Landsberg:  Oberbayer. 
Archiv  49,  ö48.  Allerdings  ist  die  mittelalterliche  „Volksschule"^  eine  moderne 
Legende. 

»)  Netz  1 1 978.  Voce,  bei  SchmeUer  U «  699.   Wackemagel-Martin  §  44, 17. 


106 


Der  waer  wol  ain  saelig  man. 

Der  taet  ettwas  den  zwelflFbotten  glich, 

Die  bekarten  baide  arm  und  rieh. 

Wer  den  gaeb,  daz  waer  wol  angelait, 

Es  waer  pfenning  oder  klait. 

Die  tuon  ich  zuon  buben  nit  zellen". 

So  verkündet  denn  Heinrich  Kaufringer  seinen  Zuhörern 
Eitelkeit  und  Elend  dieser  Welt  (XIX),  die  verderbt  und  un- 
rein ist,  das  Land  des  Todes.  Nur  Flucht  vor  der  Welt  rettet 
die  Seele.  In  überkommenen  barocken,  aber  nicht  unwirksamen 
Bildern  variiert  er  sein  Thema.  Wie  der  Wein,  soll  er  nicht 
verderben,  in  ein  anderes  Fass  abgezogen  werden  muss,  so  soll 
der  Mensch  sich  ein  anderes  Gefäss  suchen,  worin  die  unreine 
Hefe  der  Welt  nicht  liege.  Mit  Judaskuss  verrät  sie  den 
Menschen  an  die  Teufel;  sie  küsst  mit  Wohlergehn  und  Ehre. 
Wie  die  Figuren  nach  geendetem  Schachspiel  durcheinander 
geworfen  werden,  die  schweren  Bauern  oben,  die  Könige  unten 
liegen,  so  macht*s  der  Tod  mit  uns;  ein  böser  König  kommt 
ganz  zu  Unterst  in  den  tiefen  Sack  der  Erde.  Was  für  einen 
Lohn  hat  die  Geige,  die  den  ganzen  Tag  süss  gesungen?  Das 
Geld  nimmt  Abends  der  Musikant,  sie  wird  in  einen  alten  Sack 
gesteckt,  wie  der  Tote  in  sein  Sterbehemd,  nur  die  guten 
Werke  folgen  ihm  nach.  Selbst,  wenn  man  gesündigt  hat,  soll 
man  die  guten  Werke  nicht  unterlassen  (XXII);  ihr  Verdienst 
lindert  die  Höllenpein,  gibt  ein  Anrecht  auf  Glück  in  dieser 
Welt  und  befördert  die  Rückkehr  zu  Gott.  Nichts  ist  aber 
dem  Menschen  heilsamer  als  Leiden  und  Verachtung  vor  der 
Welt  (XXVI).  Mit  Leiden  fängt  Gott  seine  Freunde.  Sieht 
er,  dass  es  ihnen  wohlergeht  im  Weltleben,  so  bestreut  er  ihre 
Strasse  mit  Leiden,  sperrt  ihnen  den  Weg  durch  Dornen  und 
schliesst  alle  Lücken  mit  Widerwärtigkeit.  In  holperigen  Versen 
singt  der  Dichter  dem  mystischen  Minnesänger  das  Hohelied 
vom  Leiden  nach^);  „höre  das  süsse  Saiteuspiel  der  zerdehnten 
Saiten  eines  gottleidendeu  Menschen,  wie  herrlich  es  tönet,  wie 


^)  Das  Lob  der  Armut  ist  ein  Thema  der  Poesie  der  Bettelorden,  das 
Lob  der  Arbeit  feiert  in  ähnlicher  Überschwänglichkeit  Rosenplüt  im  Müssig- 
gener,  ein  Priamei  das  Leiden  (Göttinger  Beiträge  2,  Nr.  83). 


107 

sfissiglich  es  erkliuget"  (Dcnifle  S.  386).  Leiden  ist  ein  Hort, 
den  niemand  kaufen,  dessen  niemand  wttrdig  werden  kann. 
Leiden  tibertriflft  an  Wert  das  rote  Gold;  Leiden  ist  eine 
Labung  der  Seele,  Leiden  ist  eine  Hüterin  der  Reinheit,  eine 
Bringerin  der  Seligkeit,  Leiden  eine  Erlöscherin  göttlichen 
Zornes,  eine  Erwerberin  seiner  Huld;  Leiden  ist  ein  gesunder 
Trank,  ein  heilsames  Kraut  ob  allen  Kräutern  des  Paradieses; 
von  Leiden  ergrünt  die  Seele  wie  die  schöne  Rose  im  Maien- 
tau. Die  lang  ausgesponnenen  anaphorischen  Reihen  enden  in 
zwei  naiv  ausgemalten  Vergleichen:  der  gednldig  Leidende 
gleicht  einem  turnicrenden  Ritter  ^) ;  wie  das  Publikum  gespannt 
ihm  zuschaut,  so  gaflft  das  gesamte  himmlische  Heer  vergnügt 
zu  diesem  „aufdringenden  Wunder"  hernieder;  denn  die  Himmels- 
knaben sind  ja  Sachverständige  des  geistlichen  Turniers,  weil 
sie  selbst  das  Leiden  früher  versucht  haben  ^).  Im  Himmel 
wird  er  herrlich  empfangen  und  singt  dort  in  süssem  Ton  einen 
neuen  Reihen  vor,  den  alle  guten  Engel  doch  nicht  singen 
können,  weil  sie  nie  Leid  empfunden  haben.  Die  verworfenen 
armen  Mitbrüder  sind  die  seligen  Himmelskinder.  Im  XXV. 
Gedicht  werden  trocken  und  ungewandt  die  7  Hauptkrankheiten, 
7  Todsünden  und  7  Gaben  des  heiligen  Geistes  abgehandelt. 
Blähungen  und  Geschwulst  sind  die  Hoffart,  der  heilige  Geist 
gibt  als  Mittel  dagegen  das  Pflaster  göttlicher  Furcht.  Dem 
Aussatz  entsprechen  Neid  und  Hass;  Gegenmittel  Güte  und 
Milde.  Die  dritte  Krankheit  heisst  Frenesis ;  das  ist  der  Zorn ; 
zu  heilen  durch  göttliche  Kunst.  Paralisis  gleicht  der  Trägheit, 
wogegen  die  Stärke  des  heiligen  Geistes  hilft.  Ydropisis  be- 
deutet Geiz,  Gegenmittel  ist  die  Gabe  des  Geistes.  Der  fressende 
Wolf  wird  der  Unmässigkeit  und  dem  Trunk  gleichgestellt; 
dagegen  hilft  die  Einsicht.  Schüttler  und  Ritt  bedeuten  die 
Unkeuschheit  und  sind  durch  die  Gabe  der  Weisheit  zu  ver- 
treiben. Im  XXVII.  Spruch  erscheint  die  beliebte  Allegorie 
von  Töchtern  Gottes,  die  an  vier  Geschlechter  der  Menschen 
verheiratet  sind.     Den  Reichen  gibt  Gott  die  Barmherzigkeit, 


»)  Vergl.  Seuse  S.  218  ff. 

^)  So  kleidet  das  Mittelalter  den  Gedanken  Seuecas:  Ein  tapferer  Geist 
im  Kampf  mit  der  Widerwärtigkeit  ist  ein  anziehendes  Schauspiel  selbst  für 
die  Götter. 


108 

den  Armen  die  Geduld,  den  Sündern  die  Reue,  den  Guten  die 
Gottesfurcht  zur  Frau. 

Alle  diese  kurzen,  ungeschickten  Sprüche  verraten  den 
Anfänger^);  aber  die  Beschäftigung  mit  solchen  Fragen  ent- 
spricht doch  auch  der  „tief  beschaulichen  Natur"  des  heutigen 
gemeinen  Mannes  in  Oberbayern,  der  es  liebt,  in  seiner  Art  zu 
philosophieren  ^). 

Den  Übergang  zu  weltlichen  Stoffen  bezeichnen  zwei  Ge- 
dichte, in  denen  Rügen  allgemeiner  Zustände  in  Teichnerscher 
Manier  zum  Ausdruck  gelangen :  ein  Spruch  gegen  die  Schälke 
und  Lecker  (XXIV)  ohne  Anschaulichkeit,  und  eine  Rüge  der 
Uneinigkeit  mit  einem  Beispiel  nach  Strickers  Art  (XXIII). 
Mit  diesem  noch  mangelhaften  Versuch  einer  Erzählung  betritt 
er  das  Gebiet,  auf  dem  er  eigentlich  zu  Hause  ist.  Erweitert 
wird  die  Erzählung  schon  in  dem  Gedicht  von  den  Vorsprechen 
(XX),  die  bis  ins  16.  Jh.  beliebte  Geschichte  von  der  tergiver- 
satio  eines  Advokaten  behandelnd.  Während  dieser  und  der 
XXI.  Spruch,  die  alte  Erzählung  von  dem  Kozzen,  noch  ganz 
ernst  gehalten  sind,  ist  der  XVIII.  ohne  Zweifel  Kaufringers 
erster  Schwank:  Vom  bösen  Weibe,  vor  dem  sogar  der  Teufel 
die  Flucht  ergreift.  Aber  wie  abhängig  er  auch  hier  äusser- 
lich  noch  von  dem  Teichner  ist,  zeigt  die  steife  von  diesem 
entlehnte  Dialogform  des  Eingangs. 

Schon  bedeutend  gewandter  sind  seine  beiden  Legenden, 
von  dem  Einsiedler  und  dem  Engel  (I)  und  vom  bekehrten 
Juden  (II);  sie  zeigen  schon  Einfluss  besserer  Muster  der 
Erzählungskunst  und  bemerkenswerte  Ansätze  zu  abgerundeter 
Gestaltung.  Freilich  stehen  sie  hinter  der  gediegenen  Leistung 
Kunz  Kisteners  doch  erheblich  zurück,  übertreffen  aber  die 
Legendenversuche  Teichners  ganz  bedeutend.  Dem  Teichner 
fehlt  es  an  dem  rechten  epischen  Talent;  die  Legende  von  der 
bekehrten  feilen  Frau  (LS.  Nr.  143)  besteht  zur  Hälfte  aus 
Moralisation. 

Voll    entwickelt    sich    Kaufringers    Individualität    in    der 


^)  Zar  Beurteilung  der  Didaktik  des  Mittelalters  vergl.  Boethe,  Eeinmar 
von  Zweter  260. 

^)  Stieler,  Kulturbilder  28  f. 


109 

Novelle  (III— XV).  Derselbe  Mann,  der  erbauliche  Sprüche 
und  Legenden  schreibt,  in  völliger  Entsagung  und  willigem 
Leiden  (XIX,  XXV)  das  einzige  Heil  findet,  der  im  XVII. 
Spruch  die  höchsten  Fragen  mystischer  Spekulation  erörtert, 
der  am  Schluss  des  XVI.  Gedichtes  (774  ff.)  wie  ein  Kirchhofs- 
prediger seine  fromme  Zuhörerschaft  auffordert,  ein  Ave  Maria 
zu  beten:  derselbe  Mann  erschöpft  in  13  Novellen  fast  alle 
poetischen  Formen  des  Ehebnichs^),  des  tragischen  wie  des 
komischen,  in  Darstellungen,  die  z.  T.  allerdings  von  einem 
gewissen  sittlichen  Ernst  getragen  sind  (VI,  VIII,  XIII,  XIV), 
aber  häufiger  doch  das  Pikant-Mutwillige  mit  Behagen  bis  zu 
grotesker  Roheit  steigern  (XI).  Welcher  Widerspruch!  Und 
doch  dürfte  dieser  Widerspruch  mehr  für  den  modernen  Be- 
urteiler bestehen,  als  er  für  die  Zeitgenossen  d6s  Dichters  vor- 
handen gewesen  sein  wird.  Mit  dem  in  der  Geisteskultur  des 
Mittelalters  einmal  gegebenen  Dualismus  des  Göttlichen  und 
Weltlichen^)  ist  eben  immer  zu  rechnen.  Das  Heiligste  und 
das  Uuheiligste  lag  in  der  naiven  Anschauung  des  niederen 
Volkes  im  ausgehenden  Mittelalter  dicht  beieinander;  wer  nur 
wenige  Handschriften  dichterischer  Erzeugnisse  dieser  Zeit  in 
die  Hand  nimmt,  findet  dort  oft  das  Gemeinste  wie  das  Edelste 
in  harmlosem  Gemisch  durcheinander,  ohne  dass  der  Geschmack . 
des  Schreibers,  des  Lesers  oder  Käufers  daran  Anstoss  ge- 
nommen hätte.  Der  Geschmack  verlangte  Abwechslung.  Die 
Pfafien  wollen  sich  auf  die  Kosten  der  Bauern,  diese  auf  Kosten 
der  Pfaff'en  unterhalten'^)  lassen,  wie  in  des  Teufels  Netz  80370". 
bitter  beklagt  wird: 

Und  wenn  si  komend  zuo  den  pfaffen. 

So  tuons  die  buren  hinderclafi'en 

Und  redend  von  in  so  schamlich, 

Dem  nit  kau  werden  gelich. 

Und  wenn  si  denn  komend  zu  den  buren, 

So  land  si  sich  des  nit  beduren, 


^)  Rosenkranz,  Studien  I  56  ff. 

*)  von  Eicken,  Geschichte  und  System  der  mittelalterlichen  Weltan- 
schauung S.  346  u.  0. 

*)  Noch  Kriegk,  Deutsches  Bürgertum,  N.  F.  1871,  193  leugnet  eine 
Uuterhaltungslitteratur  im  Mittelalter. 


HO 

Sie  redend  von  priestern  so  swache, 
Das  sie  allsamen  werdent  lachen^). 

Die  Frage,  ob  die  laxe  Moral,  welche  aus  einigen  Novellen 
Kaufringers  gefolgert  wird  ^,  individuell  ist,  fällt  zunächst  fast 
ganz  mit  der  Frage  nach  seineu  Quellen  zusammen*).  Er  hat 
wohl  nichts  erfunden,  sondern  in  jedem  Fall  bestimmte  Quellen 
benutzt.  Es  ist  wiederholt  bemerkt,  dass  die  ungemein  freie 
Darstellung  des  Weiblichen  mit  den  Stoffen  eigentlich  aus  ganz 
anderen  Kulturverhältnissen  auf  die  deutschen  übertragen  zu 
sein  scheint;  eine  Nachwirkung  jener  Verhältnisse,  in  denen 
das  Weib  eine  ganz  andere  Stellung  als  in  Deutschland  ein- 
nahm, ist  schwerlich  zu  leugnen.  Man  braucht  nicht  soweit 
zu  gehen,  mit  Holland  von  faul  gewordenem  Leben  zu  reden; 
dagegen  spräche  schon  die  gesunde  Entwicklung  der  alten  Kunst 
und  ihre  zum  Teil  glänzenden  Denkmäler. 

In  der  IV.  Novelle  milderte  Kaufringer  das  Anstössige  des 
Fableau  du  Fot6or,  indem  er  (323  flf.)  die  Ehre  des  Bürger- 
meisters als  unverletzt  bezeichnet*)  und  seine,  anfangs  zwei- 
deutige, Höflichkeit  als  weise  Mässigung  billigt.  Wenn  durch 
das  Alter  oder  die  Tölpelhaftigkeit  des  Mannes  und  die  Jugend 
oder  die  Überlegenheit  der  Frau  echte  Sittlichkeit  der  Ehe  von 
vornherein  aufgehoben  ist,  so  setzt  sich  die  poetische  Behand- 
lung einer  Verfehlung  und  Strafe  der  Frau,  wie  im  V.  und  IX. 
(X.,  XI.  und  XV.)  Gedicht,  nicht  ohne  weiteres  dem  Vorwurf 
der  ünsittlichkeit  aus^).  Erfunden  hat  Kaufringer  auch  die 
V.  Novelle  nicht.  Was  an  derartigen  Vorkommnissen  das  Leben 
bot,  zeigt  das  Beispiel  Kaiser  Ludwigs  (Riezler  III,  225)  und 
für  später  so  manches  Blatt  der  Zimmerischen  Chronik  ®).  Wo 
Mangel  an  persönlichem  Mut  etwas  Unmoralisches  verschuldet 


*)  Teichner  bei  Karajan  Anm.  247. 

«)  Vogt  in  Pauls  Grundriss  II  *  360. 

*)  Vergl.  Lachmann,  Kl.  Schriften  I  407:  „Dem  Dichter,  dem  Verfasser 
einer  einzelnen  poetischen  Erzählung,  gehört  von  der  Fabel  und  ihren  Personen 
und  Begebenheiten  nichts  Wesentliches  eigentümlich  zu,  ebensowenig  als  der 
Glaube  oder  die  sittlichen  Ansichten,  auf  die  er  fusst" ;  aber  auch  QF.  77, 164; 
vor  allem  Rohde,  Der  griechische  Roman  S.  299. 

*)  was  allerdings  zu  252  ff.  wenig  stimmt. 

*)  Rosenkranz  S.  84  ff. 

®)  Vergl.  Germania  36,  45  ff. 


111 

(VI),  spricht  sich  Kaufringer  im  Epilog  mit  grosser  Schärfe 
gegen  die  Moral  des  ohne  Zweifel  anders  ^)  überlieferten  Stoffes 
aus,  ohne  den  sich  nun  ergebenden  Gegensatz  zu  dem  Prolog 
zu  bedenken.  Der  Vorwurf  laxer  Moral  triflft  mit  Recht  ausser 
der  vierten  die  VIL,  IX.,  X.,  XI.,  XV.  Novelle  Kaufringers, 
aber  ebenso  seine  Zeit  als  ihn  persönlich^),  und  mehr  noch 
seine  Quellen.  In  allen  andern  Stücken  (III.,  VIII.,  XII.,  XIII., 
XIV.)  stellt  Kaufringer  das 'Unmoralische  mit  entschieden  sitt- 
licher Tendenz  dar.  Man  übei-sehe  den  Abstand  nicht,  der 
Kaufringers  Darstellungen  von  der  in  den  Städten  des  15.  Jhs. 
beliebten  Pornographie  trennt. 

Trotzdem  in  allen  seinen  Novellen  immer  der  Ehebruch 
eine  (mehr  oder  weniger  wichtige)  Rolle  spielt,  zeichnen  sie 
sich  doch  durch  eine  überraschende  Mannigfaltigkeit  des  Stoffes 
aus,  die  gar  nicht  zu  verstehen  wäre,  wenn  man  nicht  bedenkt, 
dass  seine  Heimat  ein  wichtiges  Durchgangsgebiet  mittelalter- 
licher Kultur  war. 

Er  bezeichnet  seine  Novellen  ohne  Unterschied  als  spruch, 
rede,  abentiur  und  märe.  Zunächst  bereichert  er  die  Gattung 
der  altbayerischen  Dorfgeschichte  um  drei  sehr  beachtenswerte 
Stücke  (III,  XI,  XII).  Die  älteste  deutsche  Dorfgeschichte, 
Nummer  17  und  18  des  Ruodlieb,  führt  in  das  Vorland  der 
bayerischen  Berge;  nicht  minder  der  klassische  Meier  Helm- 
brecht. Unsere  Zeit  mit  dem  Verfall  der  traditionellen  Sitt- 
lichkeit ist  dem  Genrehaften  günstig^),  und  „von  grozen  herren 
tihten"  hat  Kaufringer  nie  gekonnt^).  Das  erste  Gedicht  der 
Art  (III)  stellt  einen  Inquisitionsprozess  gegen  einen  Bauern 
dar,  der  als  Meier  auf  einem  Domkapitelshof  sich  durch  seine 
karge  Rechtlichkeit  mit  dem  Pfarrer  und  dem  Dorf richter  *) 
verfeindet.  Dieser  ein  habgieriger  Hahnrei,  jener  ein  aufge- 
blasener ^)  Galan  im  Priesterrock,  bilden  einen  wirksamen  Gegen- 


0  Rosenkranz  8.  87/88. 

^)  „Die  Menschen  sind  als  Organe  ihres  Jahrhunderts  anzusehen,  die  sicli 
meist  uubewusst  bewegen".    Goethe  bei  Loeper,  Werke  19  S  14. 
8)  üosches  Archiv  für  Lg.  1,  171. 
*)  Teichner  bei  Karajan  Anm.  201. 
*)  Vergl.  Stieler  S.  196. 
•)  III  528. 


112^ 

satz  zu  dem  charaktervollen  Mann,  den  sie  verderben  wollen. 
Altbayerische  Rechts-  und  Sittenzustände,  bisweilen  mit  satiri- 
scher Bitterkeit  geschildert  (III 15  flf.,  vgl.  677),  kommen  lebens- 
voll zur  Geltung. 

Von  dramatischer  Lebendigkeit  ist  der  bekannte  Novellen- 
kreis von  3  klugen  Bauerweibern  (XI).  Für  den  baju warischen 
Realismus  der  Darstellung  und  die  Roheit  des  Stoffes,  die  aber 
von  der  Gemeinheit^)  eines  Hermann  von  Sachsenheim  wohl  zu 
unterscheiden  ist  ^)  und  durch  satirisch  angehauchte  Schilderung 
gemildert  wird,  entschädigt  ein  bedeutendes  Geschick  in  der 
Komposition. 

Von  der  bigotten  Einfalt  einer  braven,  hübschen  Bäuerin 
zeugt  die  dritte  Geschichte  dieser  Art:  der  Dorfpfarrer  zieht 
den  Zehnten  von  der  Minne  ein  und  erleidet  eine  ekelhafte 
Strafe.  Hier  wird  die  Fastnachtsfeier  auf  dem  Lande  erwähnt 
(37  flf.  Hagelstange,  Süddeutsches  Bauernleben  S.  235).  Merk- 
würdig ist  die  Erzählung  der  gewaltthätigen  Entführung  eines 
Bauern  (VIII).  Freilich  entbehren  diese  Darstellungen  bäuer- 
lichen Lebens  der  durchdachten  Feinheit  Wernhers  des  Gärtners, 
der  beweglichen  Beobachtungsgabe  des  Strickers  und  der  Geni- 
alität Heinrich  Witten weilers;  aber  unter  den  Dorfgeschichten 
I  nehmen  sie,  abgesehen  von  ihrem  Gehalt,  insofern  eine  besondere 
!  Stellung  ein,  als  sie  von  einem  in  bäuerlichen  Kreisen  stehenden 
Verfasser  für  eben  diese  Kreise  gedichtet  sind,  während  sonst 
fast  immer,  in  der  höfischen  Dorfpoesie,  im  komischen  Epos 
wie  im  Fastnachtspiel  die  bessere  oder  sich  besser  dünkende 
Gesellschaft  an  der  Karikatur  bäuerlichen  Wesens  sich  erfreut^). 
Dass  der  „Helmbrecht"  wirklich  auf  ein  bäuerliches  Publikum 
berechnet  war,  lässt  die  mehr  höfische  Haltung  des  Ganzen 


*)  Bei  der  Beurteilung  der  Novellenlitteratur  ist  so  häufig  übersehen, 
dass,  wie  Schüler  an  Goethe  schreibt,  das  Gemeine  nur  in  der  Behandlung, 
nicht  in  der  Wahl  des  Stoffes  liegt.  ^Die  litterarische  Komik  konnte  in  ihren 
Anfängen  nicht  schon  sittlicher  Humor  oder  ästhetischer  Witz  sein".  Gröber, 
Grundriss  IP  611. 

^)  Kaum  anders  dürften  die  Leistungen  des  tou  Bächtold  (Germ.  33, 
257)  herausgegebenen  Schweizer  Dichters  zu  beurteilen  sein ;  z.  B.  Nr.  3  =  Frej's 
Gartengcsellschaft  83. 

^)  „Sehr  selten  wird  die  natürliche  Tüchtigkeit  des  Bauern  anerkannt*^. 
Gosche  I  223. 


113 

doch  als  sehr  zweifelhaft  erscheinen  ^).  Kaufringer  verteilt  Licht 
und  Schatten  so,  dass  seine  Sympathien  offenbar  auf  Seite  der 
Bauern  stehen.  Er  reiht  sich  den  Dichtern  an,  die  den  Bauern- 
stand in  seiner  Kraft  und  Bedeutung  mitempfindend  würdigen  *). 

In  die  leise  Satire,  welche  schon  der  XI.  Spruch  heraus- 
fühlen lässt,  mischt  sich  glücklicher  Humor,  wenn  es  gilt, 
schwankhafte  Stoffe  zu  gestalten.  In  der  Erzählung  vom  Beicht- 
vater als  Postillon  d'amour  (VII)  geschieht  es  auf  Kosten  eines 
Mönches,  in  drei  anderen  (IX,  X,  XV)  auf  Kosten  einfältiger 
Ehemänner.  Der  beinahe  vom  Schuster  im  Bad  überraschte 
Chorherr  führt  einen  sehr  gelungenen  humoristischen  Vorgleich 
seiner  Lage  mit  dem  Schwitzbad  durch  (IX  89 — 107).  Ein- 
kleidung und  Haltung  dieser  leichtgeschürzten  Stücke  sind  ge- 
schickt und  launig  (IX  263,  X  79  ff.).  Er  ist  auch  sonst  ein 
Freund  humoristischer  und  satirischer  Bemerkungen  (III  448, 
VI  237,  XI  532  ff,  XIII  306,  XI  238  parodiert  die  Formel  des 
Volksepos,  XII  253  ff.  vielleicht  den  Weinschwelg). 

Am  besten  gelingt  ihm  die  volksmässigc  Erzählung  einer 
ernsthaften  merkwürdigen  Begebenheit  oder  was  man  wenigstens 
dafür  nahm.  Welchen  Wert  er  auf  die  beste  Novelle  dieser 
Art  (XIV)  legte,  bezeugt  die  sonst  in  keiner  einzigen  späteren 
Novelle  erfolgte  Nennung  seines  Namens.  Dem  Geschmack 
seines  niederen  Publikums  entspricht  die  stark  hervortretende 
Vorliebe  für  das  Ungewöhnliche  des  Stoffes  und  die  kräftig- 
grelle Sinnlichkeit  der  Darstellung.  Das  wunderliche  Gemisch 
von  natürlicher  Roheit  und  naivvolkskünstlerischer  Bildung, 
das  noch  heute  den  südbayerischen  Bauer  zu  einer  höchst  an- 
ziehenden Charakterfigur  macht  ^),  zeigt  sich  auch  hier.  Eine 
seltsam  büssende  Frau,  eine  unschuldige  Mörderin,  vier  Leichen 
in  764  Versen,  gräuliche  Verstümmelungen,  wunderbare  Ver- 
wickelungen und  Peripetieen,  grosse  Bösewichter,  gefährliche 
Intriganten,  ein  geheimnisvoller  Gefangener,  unerkannte  Fürsten 
neben  den  herkömmlichen  leichtsinnigen  Weibern  und  lüsternen 
Pfaffen:  solche  Gegenstände,  an  die  der  späteren  Volksbücher^) 


^)  So  auch  Schönbach  in  der  Deutschen  Litteraturzeituug  1891,  1455. 

»)  Gosche  I  225. 

«)  Riehl,  Land  und  Leute  S.  277. 

*)  Kohde,  Der  griechische  Roman  S.  414  f. 

Euling,  Heinrieb  Kauflringer. 


114 


erinnernd,  übten  ohne  Zweifel  anf  derartige  Zuhörer  grossen 
Reiz  aus.  Wer  solche  Erzeugnisse  vom  Standpunkt  einer  fort- 
geschrittenen Kultur  zu  verurteilen  geneigt  ist,  lese  erst  noch 
einmal  Riehls  Erlebnis  im  Markte  Weiden:  Land  und  Leute  270. 

Der  Fassungskraft  seines  altbayerischen  Publikums  kommt 
der  Dichter  durch  eindringliche  Wiederholungen  und  ausge- 
dehnten Gebrauch  der  fast  „ festgefrorenen "  epischen  Formel 
entgegen.  Wenn  er  häufiger  am  Schluss  seiner  Novellen  einen 
allgemeinen  Gedanken  oder  die  Nutzanwendung  gibt,  so  ent- 
spricht auch  das  dem  Charakter  volkstümlicher  Poesie.  Goethe 
sagt  in  seiner  Recension  der  Allemannischen  Gedichte  Hebels: 
„Wenn  der  höher  Gebildete  von  dem  ganzen  Kunstwerke  die 
Einwirkung  auf  sein  Inneres  erfahren  und  so  in  einem  höheren 
Sinne  erbaut  sein  will,  so  verlangen  Menschen  auf  einer  niederu 
Stufe  der  Kultur  die  Nutzanwendung  von  jedem  Einzelnen,  um 
es  auch  sogleich  zum  Hausgebrauch  benutzen  zu  können^. 
Ausserdem  war  die  Moralisatio  bereits  in  der  vorbildlichen 
episch-didaktischen  Diclitung  stark  entwickelt.  Von  breiten 
moralisierenden  Sprüchen  voll  mystischer  Speculation  geht  Kauf- 
ringer zu  Beginn  seiner  dichterischen  Thätigkeit  aus;  das  auf- 
dringliche Moralisieren  schwindet  immer  mehr,  im  XV.  Gedicht 
fehlt  es  völlig.  Die  meisten  sind  dreiteilig  gebaut.  Ein  kurzer 
Prolog  eröffnet  das  Stück  meist  mit  einem  allgemeinen  Ge- 
danken, von  dem  er  ungezwungen  zum  Thema  übergeht,  oder 
mit  einer  Formel  des  fahrenden  Sprechers,  und  ein  Epilog 
schliesst  mit  Nutzanwendung,  persönlicher  Meinungsäusserung 
oder  Formel. 

In  seinen  besten  Gedichten  herrscht  Einheit  des  Stoffes 
und  der  Idee,  wie  im  XIV.  Spruche,  der  seine  Kunst  und  Vor- 
tragsweise am  anschaulichsten  zeigt.^ 

So  volksmässig  diese  Kunst  des  fahrenden  Sprechei's  auch 
ist,  sie  arbeitet  dennoch  mit  den  Errungenschaften  der  höfischen 
Epigonendichtung.  Kaufringer  lernte  diese  Muster  erst  später 
kennen.  Die  frommen  Reimereien  sind  von  den  Novellen  durch 
einen  grossen  Abstand  der  Technik  getrennt.  Während  er 
früher  sklavisch  nach  den  Vorlagen  arbeitete,  wird  er  sich 
später  davon  freigemacht  haben.  Leider  scheint  der  unmittel- 
bar benutzte  Bericht  für  keine  der  Novellen  erhalten  zu  sein. 


115 


Mündliche  Überlieferung  hat  ihm  zweifellos  öfter  als  Quelle 
gedient. 

In  der  Litteratur  wie  in  der  Sprache  vermittelt  Heinrich 
Kaufringer,  wie  wir  sahen,  zwischen  Osten  und  Westen,  baye- 
risch-österreichischem und  alemannischen  Wesen.  Diesem 
verdankt  er  die  Form  seiner  Erzählungskunst,  jenem  die  fromm- 
didaktische Richtung  seiner  religiösen  Sprüche.  Von  Heinrich 
Teichner  scheidet  ihn  der  Mangel  an  eigenen  Gedanken  und 
der  Vorzug  grösseren  Kompositionstalentes,  von  Konrads  von 
Würzburg  Schule  die  Volksmässigkeit  seiner  Kunst.  Steht  er 
so  in  feinerer  Auffassung  und  Durchbildung  des  Lebens  hinter 
seinem  städtischen  Landsmann  Hermann  Fressant  zurück,  so 
übertrifft  er  ihn  an  wahrer  Natürlichkeit,  Kraft  und  Lebens- 
fülle, ohne  dabei  der  Gemeinheit  Heinrichs  von  Landshut  zu 
verfallen.  Die  wandernden  Motive  verarbeitet  Kaufringer  noch 
mit  wirklicher  epischer  Kunst;  die  spätere  Zeit  bringt  Reime- 
reien, in  denen  das  roheste  Stoffinteresse  alle  Zuthat  verschmäht. 
Für  die  Stoffgeschichte  sind  Kaufringers  Gedichte  eine  wichtige 
Quelle,  für  einige  Fälle  die  älteste  deutsche  Bearbeitung.  In 
Bayern  bezeugt  er  ein  lebhaftes  künstlerisch-litterarisches  Be- 
dürfnis in  Kreisen,  über  deren  Teilnahme  an  der  Litteratur 
sonst  die  Quellen  zu  schweigen  pflegen;  und  wenn  auch  die 
Stoffe  seiner  Novellen  sämtlich  den  wandernden  zugehören,  so 
ist  doch  so  viel  kulturgeschichtlich  Merkwürdiges  darin  ver- 
arbeitet, dass  ihr  Wert  auch  in  dieser  Beziehung  bestehen  bleibt. 
Voltaire  will  jede  Poesie  gelten  lassen,  nur  die  langweilige  nicht; 
es  gibt  nicht  viel  Gedichte,  die  es  weniger  sind,  als  die  Er- 
zeugnisse dieser  Erzählungskunst  Heinrich  Kaufringers. 

Er  fand  auch  Nachfolge.  Ein  schwäbischer  Landsmann, 
der  die  deutschen  Gesta  Romanorum  bearbeitete,  nahm  sich  den 
Kaufringer  zum  Muster.  Die  lehrreichen  Fragmente  dieses 
Dichters,  früher  zum  Deckelschutz  eines  „Evangelibuch,  Augs- 
burg 1500**  verwendet,  hat  Friedrich  Keinz  in  den  Altdeutschen 
Kleinigkeiten  I  (Zeitschrift  für  deutsches  Altertum  38,  445  ff.) 
veröffentlicht;  er  hat  der  beinahe  vollständig  erhaltenen  Er- 
zählung den  Titel:  „Der  Harnisch  des  toten  Ritters"  ßr«- 
geben.  Die  Abhängigkeit  ergibt  sich  aus  folgender  Zur 
Stellung : 


116 


77:    „in  meinem  sin  so  dunckt 

mich, 
under  zwaien  Übeltat 
ist  das  alwegen  mein  rat, 
ob  man  aintweders  muos  be- 
staun, 
man  sol  das  merer  übel  laun, 
davon  sol  man  alzeit  fliehen 
und  sich  zuo  (Hs.  von)  dem  min- 
dern ziehen". 
118:    „wan  der  ain  hauss 

brinen  sech, 
der  es  zuo  stund  derniderbrech 
und  Hess  das  fuir  nit  für  bass 

gaun, 
der  hette  daran  wol  gitaun, 
das  wer  dann  vil  bosser  zwar 
wan  daz  die  ganz  stat  schaden 

empfieng, 
do  das  fuir  den  über  gieng". 

5:  „do  si  also  in  trübsal  warn, 
do  kam  ain  ritter  ain  gefarn". 


Kaufringer  VI  2: 

„under  zwaien  übeltatt 

ist  das  allweg  wol  mein  ratt, 

ob  man  aintweders  müste  lian, 

das  merer  übel  sol  man  lau 
und  sol  das  minder  übel 

haben"  ^). 

XIX  43:  „wer  sein  hauss  vast 

prinnen  säch**, 
VI  12:    „und  das  er  nider 

werffen  solt 
sein  haus  und  das  erzerren  gar, 
das  das  feuer  nicht  fürbas  far, 
e  das  die  statt  würd  gar  ver- 

prant". 


V  631:    „da  si  in  den  kumer 


waren, 
da  komen  die  jager  gevaren*. 

Stil,  Technik  und  Wortmaterial  decken  sich  in  manchen 
Punkten;  man  vergleiche  die  Epitheta  „vil  guot,  gemaid,  ausser- 
welt,  hochgeborn,  kune  (wigant),  werd,  wolgetan,  reich" ;  „nuo 
secht  ir  wol,  ir  secht  hie  wol";  die  Formeln  „ich  wil  das  für 
war  sagen,  das  ist  war";  die  Wörter  „gewär,  vol,  diser  weit 
schein"  (Kaufriuger  XVIII  3). 

Das  umgekehrte  Verhältnis,  eine  Abhängigkeit  Kaufringers 
von  dem  schwäbischen  Dichter,  ist  nicht  anzunehmen,  da  dieser 
mit  seiner  mangelhaften  Metrik  und  Ausdrucksweise  kein  Vor- 
bild für  Kaufringer  abgeben  konnte. 

Dagegen  ist  Heinrich  Kaufringer  mit  Unrecht  im  Zusamnien- 
hang  mit  einem  bis  dahin  nicht  veröffentlichten  Spruch  genannt, 


*)  Karl  Stieler,  Kulturbilder,  S.  29:   „Denn  von  zwoa  Übel  muass   ma' 
do'  AU  weil  dös  kloaner'  nehma*. 


117 

mit  dem  es  eine  eigne  Bewandtnis  hat;  ich  meine  „Conrad 
Volstatter's  (!)  Gedicht  von  des  TeufePs  (!!)  Töchtern"  im  Journal 
of  germanic  philology,  edited  by  G.  E.  Karsten.  Volume  I.  Bloo- 
mington,  Ind.  ü.  S.  A.  1897,  S.  249  ff.  Obgleich,  wie  sich  zeigen 
wird,  Conrad  Volstatter  zu  den  litterarischen  Gespenstern  ge- 
hört^), erhalten  wir  in  der  amerikanischen  Zeitschrift  Beiträge 
zu  seiner  Biographie  und  Beurteilung.  „Die  schülermässige 
Behandlung  des  Stoffes,  der  Mangel  an  Verstechnik  und  poeti- 
scher Gestaltungskraft  erlauben  uns  den  Schluss,  dass  sein 
Ruf  die  engsten  lokalen  Kreise  nicht  überschritten  hat.  Es 
scheint  das  Beweis  genug,  Volstatter  Baiern  als  Heimatland 
zuzuweisen,  dem  Lande,  dem  auch  der  Teichner  (!)  und  Heinrich 
Kaufringer  sowie  der  Copist  angehörten". 

„Der  Dichter  spricht  ganz  in  dem  Tone  des  Kaufringer 
und  wird  wie  dieser  wohl  dem  bäuerlichen  Stande  angehört 
haben". 

Ich  möchte  Bayern  vor  der  Ehre  in  Schutz  nehmen,  ein 
solches  Ungeheuer  eines  „Dichters"  hervorgebracht  zu  haben, 
der  in  24  Knittel- Versen  „gehabt"  auf  „gewallt",  „wuocher" 
auf  „ser"  reimt.  Wenn  der  Vater  dieses  Poeten  für  dessen 
bayerische  Abstammung  keine  besseren  Zeugnisse  hat,  als  er  für 
die  Behauptung  ins  Feld  zu  führen  haben  dürfte,  Heinrich 
Teichner  sei  auch  ein  Bayer  gewesen,  so  könnte  man  diesen 
Versuch,  Bayerns  Litteraturgeschichte  zu  bereichern,  wohl  auf 
sich  beruhen  lassen.  Aber  die  Sache  hängt  auch  noch  etwas 
anders  zusammen.  Die  fragliche  Reimerei  ist  nichts  als  mut- 
willige Schreiberversifikation,  die  an  das  voraufgehende  Teich- 
nersche  Gedicht  von  den  3  Töchtern  des  Teufels  angeklebt  ist. 
Blatt  53  a  der  Berliner  Handschrift  endet  das  Gedicht  Heinrich 
Teichners  so: 

„Geyttikait,  sein  dritte  maydt, 

Hiess  er  notturft,  speyss  und  claidt. 

Die  bestatt  er  auch  zuo  handt. 

Nun  ist  wenig  yemant  im  landt, 

Er  welle  der  töchter  aine  han 

Durch  iren  namen  wolgetaun. 


^)  Yergl.  Roethe,  Reinmar  167  und  Keinz,  Z.  f.  d*  A. 


118 


Da  ist  ettleicher  bey, 

Der  sie  lieb  hatt  all  drey. 

Wie  gar  recht  böss  der  werden  mag, 

Bey  dem  die  dritt  tochter  lag, 

Die  geyttikait  genennet  ist, 

Der  wünscht  dannocht  zuo  aller  frist, 

Das  er  newr  sein  notturft  hiett. 

Ob  er  all  die  wellt  erstritt, 

Dennoch  wer  er  notturft  lär: 

Also  sprach  der  Teychnär". 

An  die  Erwähnung  der  geyttikeit  knüpft  der  geistreiche 
Besserwisser  an: 

„So  hatt  der  teufel  die  geyttikait 
Zuo  der  ee  genomen  in  der  cristenhait. 
Bei  der  hatt  er  acht  töchter  gehabt". 

Und  aus  dem  Teichner  parodierenden  Schluss  klingt  der 
Mutwille:  „das  ist  auch  war  on  alles  gevär.  also  sprach 
Conrad  Bollstätter".  So  nämlich,  nicht  Vollstatter,  heisst  der 
Mann,  dessen  Leistung  Bayerns  Litteraturgeschichte  im  Mittel- 
alter auszuschmücken  bestimmt  war. 

Bollstädt  ist  das  bekannte  Pfarrdorf  im  Landkapitel  Donau- 
wörth auf  dem  Bergzuge  zwischen  Hohenaltheim  und  dem  oberen 
Kesselthal,  wo  nach  unverbürgter  Tradition  Albertus  Magnus 
geboren  sein  soll.  Steichele,  Das  Bistum  Augsburg,  in,  605  f., 
fühlt  eine  ganze  Reihe  Träger  des  Namens  Bollstätter  an. 

Bis  nach  Nürnberg  scheinen  die  Spuren  Kaufringerscher 
Erzählungskunst  zu  leiten.  Es  ist  möglich,  dass  sie  Hans 
ßosenplüt,  der  später  so  ganz  andre,  eigne  Wege  ging,  gekannt 
hat.  In  Betracht  kommen  hier  einige  Schwanke,  in  denen  der 
Mangel  frappant  Rosenplütscher  Züge,  d.  h.  seiner  späteren 
Kunst,  bemerkt  worden  ist^). 

Die  allgemeine  Verwandtschaft  in  formelhaften  Reimen 
(QF.  77,  151  f.),  in  Eingangsformeln  (160),  Schlüssen  und 
andern  Punkten  der  poetischen  Technik  und  Stilistik  drängte 
sich   bereits  gelegentlich   bei  Kaufringers  poetischer  Technik 


>)  ADB.  29,  230.  QF.  77,  148. 


119 

auf.  Mehr  als  eine  ganz  allgemeine  Verwandtschaft  dürften 
folgende  Stellen  bezeugen: 

Keller,  Erz.  112,  17  f.  :  Kaufr.  V,  422;  113,  15  f.  : 
I,  250  f.;  117,  11  :  II,  55;  118,  18  flf.  :  XI,  384 ff.  (118,  21 
:  XI,  387);  366,  13  und  König  im  Bade  D  2  b  :  VI,  227; 
Fsp.  1182,  126  b,  Zeile  20  f.  :  I,  123  f.;  1187,  277,  5  f.  : 
XII,  128  f. 

Wenn  die  angefahrten  Entsprechungen  hinreichen  sollten, 
die  Verwandtschaft  Rosenplütscher  Kunst  mit  der  Kaufringers 
wahrscheinlich  zu  machen,  so  hätten  wir  die  interessante 
litterarhistorische  Thatsache  festzustellen ,  dass  Augsburger 
Dichtung  nach  Nürnberg  wanderte  und  Nürnberger  Dichtung 
nach  ein  oder  zwei  Menschenaltern  wieder  auf  Augsburger 
Produktion  zurückwirkt.  QF.  77,  143  f.,  160.  Die  novellistische 
Epik  Bayerns  und  Schwabens  arbeitet  noch  über  ein  Jahr- 
hundert mit  der  Technik  Heinrich  Kaufringers.  Die  Stufen 
dieser  Entwicklung  zu  verfolgen,  ist  hier  nicht  möglich;  es 
gentige  der  Hinweis,  dass  ein  wirkliebes  historisches  Verständ- 
nis der  Kunst  des  Hans  Sachs  noch  auf  die  Technik  wird 
zurückkommen  müssen,  die  Heinrich  Kaufringer  geschaffen  hat. 


■>■♦< 


Beilage. 


Aus  dem  Reclmungsbuch  Helttampts,  das  schon  oben  S.  102  fif. 
benutzt  wurde,  kommen  folgende  Belege  für  den  Verkehr  der 
Fahrenden,  der  Dichter,  Sprecher  und  Singer  am  Hofe  Herzog 
Albrechts  II.  in  Betracht.  Bei  der  offiziellen  Bezeichnung  des 
Aktenstückes:  „Königlich  Bayerisches  Allgemeines  Reichs-Archiv, 
Fürstensachen ,  Bayerischer  Nachtrag  Nr.  1 :  Herzog  Alberts 
in  Niederbayern  Rechnung  von  1390  bis  1392"  ist  übersehen, 
dass  die  ersten  Einträge  schon  aus  dem  Jahre  1389,  die  letzten 
vom  Jahre  1393  stammen. 

Herbst  anno  1389: 

(Blatt  28  a):  *Item  an  montag  nach  Reminiscere  Liendl 
dem  Juden,  des  Romischen  kunig  singer,  geben  zu  zerung  umbe 
einen  maiden  und  sust  zerung,  darumb  man  in  von  dem  Jacobe 
lost,  schuf  mein  herre  und  sein  viztumb  3  Pfd.  10  /^\ 

(Blatt  28  b)  auf  einer  Reise  nach  Böhmen  zum  Römischen 
König,  seiner  Juden  zu  Regensburg  wegen :  'Item  einem  Sprecher, 
des  von  Rosenberg  knecht,  geben  1  schockch  groschen;  macht 
3  ß  /9i  . 

(29  a) :  'Item  des  Romischen  kunig  singern,  dem  Chunezen, 
Liendl  und  iren  gesellen  3  schockch  groschen;   facit  18  ß  /^\ 

(32  a):  'Item  an  demselben  tag'  (d.  h.  Freitag  nach 
Scolastice)  'dem  Liendl,  des  Romischen  konnigs  singer,  umb 
einen  narrenkchitl  27  /^\ 

(36  b):   'Varendläut  von  dem  herbst  anno  1389. 

Item  an  montag  nach  Michaelis  einem  Sprecher  schaf  mdii 
herre  60  a;   facit  36  /^. 


121 

Item  eodem  die  des  von  Osterrich  spreclier  geben  sclmf 
mein  herre  1  Pfd.  amb. ;   facit  72  ^. 

Item  in  die  omtiium  sauctorum  einem  Sprecher  des  vorf 
Meissaw  von  Osterrich  schuf  mein  herre  16  amb.;   faeit  36  .^. 

Item  an  siintag  vor  Lucie  knmen  4  Sprecher  für  meinen 
herren;  den  wart  geschaft  S  ß  ^. 

Item  in  der  ersten  vastwochen  zn  Lanndaw  ward  meinem 
herren  ein  Sprecher  gesant,  genant  VII  Vnrw,  vom  herzöge  von 
Deckche;   dem  ward  geschaft  6  ß  amb.;   macht  3  ß  18  'S/. 

(37  a) :  Item  zu  weinahten  einem  Polaniscben  Sprecher 
geben  schuf  mein  herre  60  .^. 

Item  an  erclitag  in  den  weinabtveiertagen  dem  Maienplüd 
and  dem  EQne  paukker,  lierzogen  Friderich  knechten,  1  Pfd.  .^'. 

1390. 

(44  b  ZQ  Landshut) :  'Item  der  cappelen  und  Liendl  singer 
von  7  pferden  stalmiet  zum  WurfTl  3  /3amb. ;    facit  14  ^\ 

(50a  zu  Wien):   'Item  varenden  läuten  25  Pfd.  ^. 

(68  b):  Varenden  läuten  anno  domini  1390. 

Item  an  mittwochen  nach  Letare  dem  MayenplUd  and 
herzog  Friderich  paukker  geben  2  Pfd.  ^. 

Item  annunciacionis  beate  virginis  Marie  herzogen  Friderich 
dem  Utzen  selbander  und  Chnnczen  Irrgankch  geben  2  Pfd.  ^. 

Item  eodem  die  (d.  h.  in  die  Pasce)  einem  Sprecher  geben 
60  amb.;   facit  36  ^. 

Item  eodem  die  aucli  einem  Sprecher  mit  einem  kind  geben 
60  amb.;  facit  36  ^. 

Item,  do  mein  herre  zu  Dingelfingen  was,  nach  der  pfingst- 
wochen,  einem  Sprecher  geben  36  ^. 

Item  Haimsy  von  Tottenaw  Sprecher  geben  60  amb.; 
facit  36  -Sj. 

(69a):  Item  an  sinitag  vor  Margarete  zwahi  fidlern  von 
Tekkeiidorf  und  Hannsy,  des  Stadelüicr  Sprecher,  ^eben  1  Pfd. . 

Item   lioselben   (d.  \i.   in   die   ftgWiBMWtoBig   beate 
Marie)  einem  Sprecher  gebuu  80  J^a 

Item  zu  Lanndaw  an  sunt^Jl^^Q^^^^^iyUA  Sprecher 


122 


Item  in  die  11000  virginum  Albrechten  Vestt,  des  von 
Osterrich  Sprecher,  geben  1  Pfd.  ^. 

(69  b):  Item  an  samptztag  vor  circumcisionis  domini  einem 
Sprecher  geben  60  /^. 

Item  eodem  die  Liebl  dem  pfeiflfer  geben,  di  er  mit  dem 
Suchensin  verpadt  het,  24  /^.'  (Dieser  Liebl  gehört  zum  Ge- 
sinde des  Herzogs;  von  Freyberg  94.  146,  152.  S.  besonders 
unten  Bl.  148  b.) 

'Item  eodem  die  (d.  h.  Montag  nach  circumcisionis)  des 
herzogen  von  Langchastl  zu  Engellannde  Sprecher  geben  60  /?  /^. 

Item  in  die  Anthoni  dem  Waidenlich  lauttner  und  singer 
schuf  mein  herre  her  herzog  1  Pfd.  ^, 

Item  in  die  Vincencii  dem  Maienplüd  geben  1  Pfd.  /^. 

Item  doselben  (d.  h.  in  die  conversionis  Pauli)  einem  Sprecher 
geben  36  /^. 

(73  b):  Item  Liendlein,  des  Romischen  kunig  singer,  kauft 
einen  maiden  umb  32  gülden;  macht  8  Pfd.  /^.' 

1391: 

(98  b):   'Nota.     Varenden  läuten. 

Item  dem  Waidenlich  geben,  di  mein  herre  mit  mir  schuf 
zu  Nurmberg,  do  er  ein  gein  Hollande  reiten  wolt,  60  ^, 

Item  grafen  Conradis  von  Freiburg  Sprecher  schuf  mein 
herre  in  die  omnium  sanctorum,  genant  Hanns  von  Tottenaw, 
1  gülden;  facit  60  /^. 

Item   (an    erchtag  nach   Nicolai)   dem   Stachler   Sprecher 

geben  60  ^, 

Item  am  erchtag  darnach  des  von  Osterrich  geben  4  gülden ; 

macht  1  Pfd.  ^\ 

1393. 

(144  b  zu  Heidelberg) :  'Item  Liendel,  des  Romischen  kungs 
singer,  2  gülden. 

(148  b):  Item  eodem  die  (d.  h.  pfincztagesnacht)  Liebel 
dem  pfeiffer  geben  zu  Haidlberg,  davon  er  von  meins  herren 
wegen  ausrichten  solt  all  spilläut  zu  dem  hof,  7  gulden\ 


Nachtrag. 


1.  Zu  Heinrich  Kaufringer. 

Vergleiche  ra  S.  1:  Stod.  z.  deutsch  Knnatgescb.  21,  2ff.  190;  zu  S,  37: 
21,  221  ff.;  zaS.6ü  ADnierknng2:  BQcher,  Arbeit  und  Rhythmus,  zweite  Anfliige, 
S.  296.  Zu  Nr.  XVIII:  Modertl  Lang,  Notes  13,  487.  —  Die  [Anz.  42,  297) 
EU  Eaafringer  XXV  37  vorgetragene  Vermutung  wird  dnrch  Schmellers 
BWb.  I'  660  widerlegt.  —  Zu  XIV  234  (Ausgabe  S  339.  Über  Sprache 
und  Versknoat  S.  9):  .Da'  steht  in  der  HanddchrifL  —  Zu  XIV  672.761 
siud  die  Anmerkiuigen  der  Ausgabe  S.  223  scn  streichen.  —  VI  213  ist 
,DaB'  gegen  die  S.  232  der  Ausgabe  aasgesprochene  Vennntiing  beizu- 
behalten: .sein  will"  steht  in  der  Hb.  ~  Zu  Ausgabe  S.  III;  Dass  der 
Schreiber  das  QeschSft  des  Verzieren»  der  Handschrift  selbst  besorgte, 
war  nicht  üblich.  Burdach,  Vom  Hittelalter  zar  ßefonnation  S.  130  f.  — 
S.  rV,  Zeile  11  lis  statt  „aleniHnuiscb'  :  .bajeriach-ostschwäbisch'.  —  S.  VIII: 
III  448  ist  kein  Sprichwort.  ~  3.  IX,  Zeile  2:  Zur  blossen  Lektüre  scheinen 
die  SprUche  ursprünglich  nicht  beslimmt  zu  sein.  —  Über  Sprache  nnd  Vers- 
kanst  S.  12,  Zeile  3  lis  XVI  statt  111  —  S.  16,  Zeile  8  von  unten  lis:  Vorarl- 
bergers. —  3.  8,  Zeile  8  von  nnten:  siehe  DWb.  IV  1,  3108  „gelflben"  und 
Kanfr.  XVIII  106,  XXVII  102,  133.  —  3.  16:  Die  Reime  ei :  ei  und  ai :  ai 
sind  in  Cgm.  270  korrekt  auseinandergehalten.  —  Im  Texte  ist  V  227  eq 
lesen:  „manne',  254  Variante  , liebe",  377  .Zanmpt",  VI  287  .rauos".  VII 
66  .fnogklich',  77  .gefölgig*,  137  „half,  141  „muoss",  217.273  .fllgen', 
338  „handlen",  359  .kriechpanm',  VIII  251  „Darauss*,  331  „trunken",  XIII 
46  Anm.  .fluichstu". 

2.  Zu  Kunz  Kistener  (Germ.  Abb.  XVI). 

Wilhelm  Wackemagel  hat  in  seinen  von  Toischer  ans  dem  Nachlasse 
herausgegebenen  Vorlesungen  über  den  Armen  Heinricii  S.  1H8  lii'^i^iulre 
BeciehungeQ  des  h.  Jncubus  zu  Siechonlmusem  aiigeuumneu  und  redet  ä.  2U1 
von  , Bezögen  des  Pilgerweseits  und  des  b,  .Tacubus  auf  den  J 
der  Schweiz",  sagt  er,  , hatten  öfter  mit  Rücksicht  auf  die  I 
Compostella  pilgerten  (Kisteners  Jakobs brUder),  die  Blechen 
zum  Schutzpatron,  der  selbst  als  Pilger  dargestellt  wanle>.j| 

Es  ist  aber  wegen  der  Ansteckungsgefahr  an  n 
wahrscheinlich,  dass  Pügerberbergcn  mit  Leprui 


124 


wären,  und  ans  den  von  Wackernagel  zitierten  Belegen  geht  das  auch  nicht 
hervor.  Er  verwies  nämlich  (S.  188)  anf  eine  Abhandlung  von  D.  A.  Fechner, 
Basels  Anstalten  zur  Unterstützung  der  Armen  und  Kranken  während  des 
Mittelalters,  im  4.  Bande  der  Beiträge  zur  vaterländischen  Geschichte,  heraus- 
gegeben von  der  historischen  Gesellschaft  zu  Basel  18öO,  S.  388.  Hier  wird 
nur  ausgeführt,  dass  ein  Leprosarium  von  St.  Leonhard  nicht  lange  vor  1265 
ausserhalb  der  Stadt  nach  St.  Jakob  an  der  Birs  verlegt  wurde. 

Die  Verbindung  ist  hier  blos  äusserlich,  St.  Jakob  tritt  an  die  Stelle 
des  ursprünglichen  Patrons  St.  Leonhard.  Im  übrigen  ist  beachtenswert,  was 
Fechner  S.  395  sagt:  „Hatten  ursprünglich  die  Spitäler  die  Bestimmung, 
hülflose  Fremde,  namentlich  fromme  Pilger  aufzunehmen,  so  gestaltete  sich 
im  Laufe  der  Zeit  ihr  Zweck  allmählich  insofern  anders,  dass  sie  vorzüglich 
arme  Kranke  der  Gemeinde  aufnahmen''.  So  ist  auch  St.  Jakob  in  Basel 
scheinbar  Patron  der  Aussätzigen  geworden,  und  ähnlich  mag  es  in  St.  Jakob 
an  der  Siehl  bei  Zürich  und  sonst  der  Fall  gewesen  sein.  Arch.  f.  Schweiz. 
Gesch.  15,  186. 

Dass  diese  sehr  fraglichen  Beziehungen  des  h.  Jacobus  zu  den  Aus- 
sätzigen etwa  die  in  den  Jakobsbrüdem  vollzogene  Verbindung  der  Freund- 
schaftssage mit  der  Jakobussage  vermittelt  haben  sollten,  ist  daher  recht 
unwahrscheinlich. 

Auch  in  Bayern  ist  der  h.  Jakob  nicht  Patron  der  Aussätzigen.  Höfler, 
Die  Kalenderheiligen  als  Krankheitspatrone  beim  bayerischen  Volk.  Weinholds 
Zeitschrift  für  Volkskunde  1,  300. 

Zur  Bechergeschichte  vergleiche  die  reichen  Nachweisnngen  Böckeis, 
Deutsche  Volkslieder  aus  Oberhessen  S.  Vlllff.;  zum  Jakobsliede  S.  LXVn 
und  CXXXVIII,  Daux,  Le  pelerinage  k  Compostelle  310 ff.;  zu  den  Wall- 
fahrten Renner  10239  ff.  Martin  und  Lienhart,  Wörterbuch  der  Elsässischen 
Mundarten  1,  405.  Anz.  26,  159  f.  Heute  sucht  man  die  Wallfahrten 
wieder  zu  beleben.  Anton  Mayr,  Eine  Fahrt  durch  Frankreich  nach 
Spanien  und  Portugal.  Mit  einem  Vorwort  von  H.  Geiger.  Badolfzell, 
1878.  Im  Texte  der  Jakobsbrüder  ist  hinter  Vers  965  der  Punkt  zu 
tilgen,  hinter  971  Komma  zu  setzen;  in  der  Anmerkung  zu  Vers  379  hinzu- 
zufügen: Kellers  Erzählungen  374,  15.  Luther  bei  Reinhold  Köhler  in  der 
Germania  6,  369.    Braut  NS.  104,  59. 

Ein  Komhändler  Heinze  Kisteuer  kommt  im  StUB.  6,  726, 18  (1398)  vor. 


Berichtigungen. 

S.  9,  Zeile  7  lis:  , Einwirkung '^ ;  S.51,  Zeile  1  „mit  der  wir';  Zeile  7:  ,iu 
den  Gesta";  S.  52,  Zeile  1:  „nolo";  S.  57,  Zeile  14  von  unten:  „dass''. 


-•—.♦•»«• 


Register. 


AdelzhoTen  Seite  5. 

Albrecbt  IL,  Herzog  v.  Niederbayern- 

Straubing  102  ffl,  120  ff. 
Augsburg  6  ff. 

Badeweseu  4,  39. 
Der  verklagte  Bauer  56 ff.,  Ulf. 
Beichtvater  als  postillon  d'amour  70  ff. 
Bertbold  von  Regensburg  25,  37,  92, 

105. 
Bollstätter,  Conrad  98,  116  ff. 
Brettspiel  69. 

Bruch  zurückgelassen  77  ff. 
Der  Bürgermeister  von  Erfurt  und  der 

König  von  Frankreich  62  ff.,  HO. 

Chorherr  und  Schusterin  74  ff. 

Herzog  von  Deckche  121. 
Dingelfingen  121. 
Dorfgeschichte  111  ff. 

Ehemänner  betrogen  79  ff. 
Das  glückliche  Ehepaar  74. 
Einsiedler  und  Engel  48  ff.,  108. 
Englischer  Sprecher  122. 

Fahrende  102  ff.,  120  ff. 

Gerichtswesen  56,  61. 

Handschriften  A  5  f.,  0  23  f. 
Hans  V.  Tot tenaw,  Sprecher  104,  121. 
Hannsy,  des  Stadekker  Sprecher  121. 
Heidelberg,  Hof  zu  H.  65,  122. 
Walfard   Helttampts  Rechuuugsbuch 
89,  102  ff.,  120  ff. 


Helmbrecht  112  f. 
Humor  40,  53,  80,  113. 

Irrgankch,  Chuncze  103  f.,  121. 

Italien  und  Bayern  72  ff. 

Jude  als  Singer  103,  120  ff. 

als  Besitzer  des  Lochheimer  Lieder- 
buches 103  Anm.  2. 

Der  bekehrte  Jude  53  ff. 

Die  uneinigen  Kaufleute  95  f. 
Kaufering  4,  7. 

Kaufringer,  Heinrich  der  ältere  (Käuf- 
ringer) 7. 

der  jüngere  7. 
Frater  Heinricus  Kaufringer  7. 
Kaufringer,  der,  Heinrich,  der  Dichter 

Heimat  5  f. 

Persönlichkeit  6  ff. 

Zeit  8. 

Verskunst  46  f. 

Poetische  Technik  8  ff. 

Quellen  47  ff. 

Verhältnis  zu  Gottfrieds  Tristan  4, 
91. 

Beurteilung  3  ff.,  110  ff. 

Nachahmer  115  ff. 
Cheffringer  6. 
Kistener,  Kunz  8,  123. 
König  vom  Odenwald  24. 
Konrad  von  Freiburg,  Graf  122. 
Konrad  von  Würzburg  8  ff. 
Der  kozze  21. 

Kuffringer,  der,  ein  Bote  0. 
Chuncze,  :Singer  120. 


136 


ICö. 
LküdAw  121 

Liiidsh'it  121. 

Vom  Adrl  de-  Leidens  97  ff. 

LifcUI,  Pfeifer  103,  122. 

Liendl.  tin^er  de*  RozLis'jiieii  konig« 

l'>3,  120  ff. 
LitU;ratar^e»c Lichte  des  14.  Jabrhim-  ■ 

den  1.  lOtJff .  123. 

Der  Maiei;plQl  121.  122. 

De«  Toii  Jlei-isaw  Sprecher  121. 

Minne  lohn  zurüik;;e};ebeD  ^35  ff. 

MoraliUt  l<i9ff 

Die  unschuldige  HOrderin  Si  ff..  Il3f. 

31iiller.  Conrad  von  «»tiiutfen  23.  '; 

Die  fromnie  Müllerin  92  ff. 

Mvstik  24,  92,  94.  97. 


y.n  icUkikcB  vBd  lecken  96  f. 
SdMBkiqtfftafai  106. 
HeiAiicji  SettK  97,  106. 

Skben  iLnakiieiie&,  siebea  T*>l5findeii, 
sieben  *>alKB  des  heiligen  Geistes 

aneer  120. 

Singer  nnd  Uattaer  122. 

^lirecber  lQ2ff.,  120  2. 

Sortier,  Joachim  5. 

Der  Suchler,  Sprecher  122.    . 

Scchensinn  103,  122. 

Snchenwin  31,  96.  101. 

Teichncr.  Heinrich,  8,  22  «F..  101,  H3a 

115. 

seine  Stoffe  24  ff. 

sein  Stil  27  ff. 
Töchter  Gottes  nnd  des  Tenfcls  98  f.. 

107  f. 

Unrw,  Uli.  Sprecher  121. 
Der  üu  121. 


Drei  Nachstellungen  des  Teufels  92.  ^.^  Vergeltung  86  ff. 

1  Vestt,  Albrecht,    Sprecher    des    Ton 
,         Osterrich  122. 

Quellen  47  ff.  ^^"  ^^^  vorsprechen  94  ff. 


Polanij»'.her  Sprecher  121. 


liruder  Rau-ich  55  1. 
De«  von  Rosenberg  Sprecher  120. 
Rosenplüt  37,  118  f. 
Rottenbuch,  Kloster  5. 

Haus  Sachs  27,  119. 
Satire  113. 


Das  üble  Weib  93  ff. 

Weiberlist  91  ff. 

Weideulicb,  lauttner  und  singer  122. 

Von  der  Welt  94. 

Von  guten  Werken  95. 

Der  Zehnte  von  der  Minne  84  ff. 


lluch<li-ucki;rct  MarcUk«  4  Martin,  Trebuits  in  Sdilea. 


('                       1 

Stanford  UniTersity  Libraries 
Stanford,  California 

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DATE  DUE 

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